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Full text of "Zeitschrift für Volkskunde"

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ZEITSCHRIFT 



des 



Vereins für Volkskunde, 



Begründet von Karl Weinhold. 



Im Auftrage des Vereins 

herausgegeben 
von 

Joliannes Bolte. 



19. Jahrgang. 




19i 



Mit zweiundvierzig Abbildungen im Text j, 7 y^ 

BERLIN. ' / 



BEHREND & C". 
1909. 



1 



V 



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Cl^ 



Jo.ß 



Inhalt. III 



Inhalt. 



Abhandlungen und grössere Mitteilungen. 



Seite 



Die Entwicklung des bergischen Hauses, ein Überblick von Otto Schell. Mit 

vier Abbildungen 1— 12 

Die Volksepik der bosLischen Mohammedaner. "Von Matthias Murko . . . . 13—30 

Die Entstehung des ^Werwolfglaubens. Von Caroline T. Stewart 30— 51 

Bilderbogen des IG. und 17. Jahrhunderts. Von Johannes Bolte (7. Der Freier- 
korb. — y. Die Buhler auf dem Narrenseil. — 9. Bigome und Chicheface 
in Holland und Deutschland. — 10. Der Hahnrei). Mit sechs Abbildungen 51— 82 
Das Vaterunser als politisches Kampfmittel. Von Gebhard Mehring .... 129—142 

Das Vogelnest im Aberglauben. Von Theodor Zachariae 142—149 

Die iranische Heldensage bei den Armeniern, Nachtrag. Von Bagrat Chala- 

tianz (13. Rustam-Zal. — 14. Gahramrm Gathl. — 15. Der König Chosrov) 149—157 
Ein Holzkalender aus Pfranten. Von Karl Brunner. Mit sieben Abbildungen 249—261 
Trauertrachten und Trauerbräuche auf der Insel Föhr. Von Karl Häberlin. 

Mit 17 Abbildungen 2G1-281 

Die königliche Sammlung für deutsche Volkskunde auf der internationalen Aus- 
stellung für Volkskunst, Berlin 1909. Von Karl Brunner. Mit einer Ab- 
bildung 281-28(; 

Armenische Heiligenlegenden. Von Bagrat Ohalatianz (1. Elexanos. — 

2. Alexan. — 3. Kaguan Aslan) 3G1— 3(39 

Mexikanische Küche. Von Cäcilie Seier. Mit drei Abbildungen 3G9— 381 

Zeugnisse zur Geschichte unserer Kinderspiele. Von Johannes Bolte (Nr. 1—58). 

Mit einer Abbildung 381—414 



Kleine Mitteilungen. 

Zu den Erzählungen von der Muttermilch und der schwimmenden Lade. Von 

Johannes Hertel 83-92. 128 

Ungarische Märchen. Von Elisabet Rona-Sklarek (5. Wie lange hält das 

Witwengelöbnis ? — G. Die auf dem Schulweg gefundene Geldtasche). . . 92 — 95 

Volksgericht im Montavon. Von Paul Beck 95 

Tracht und Speise in oberösterreichischen Volksliedern. Von Alfred Webinger 
(1. Spottlied auf die putzsüchtigen Mädchen. — 2. Tracht der Burschen, 
Mädchen und Stadtfräulein. — 3. Kost der Bauern und der Herren. — 

4. Abzählreim) 9G-101 

Westfälische Hausinschriften. Von Hans Heuft (1-50) 101—107 

Bedeutungsvolle Zahlen im litauischen Volksliede. Von Eduard Hermann . . 107—110 

Volkskundliches aus dem Danziger Werder. Von Emil Schnippel 158—170 

Die letzten Isländer in Grönland, eine isländische Sage. Von Margarete 

Lehmann-Filhes 170 173 



IV Inhalt. 

Seite 

Angebliche Urahnen unsrer Festgebäcke. Von Max Höfler 173—174 

Übertragung von Krankheiten auf Bäume. Von Eduard Hahn 174—175 

Predigtparodien und andere Scherzreden aus der Oberlausitz. Von Gurt Müller 
(1. Die Traurede. — 2. Spottpredigt beim Lichtengang. — 3. Die 
Schusterpredigt. — 4. Kauf auf der Insel vom guten Nichts. — 5. Die 

Riesenbassgeige) 175— ISl 

Weitere Predigtparodien. Von J. Bolte (1—6) 182-185 

Zwei Satiren in Gebetsform auf Tököly und Ludwig XIV. Von Paul Beck . . 186—187 
Zwei .deutsch-französische Flugblätter aus dem spanischen Erbfolgekriege. Von 
Paul Beck (1. Die Schlacht bei Chiari, 1701. — 2. Die Schlacht bei 

Ramillies, 1706) 188-190 

Ein Reimgespräch zwischen Prinz Eugen und Villeroi (1702). Von J. Bolte . 190—194 
Die siebenbürgischen Melodien zur Ballade von der Nonne. Von Gottlieb 

Brandsch 194-197 

Tiroler Volksmeinungen über Erdbeben. Von Marie Rehsener 198—199 

Wachs votive aus Kiedrich im Rheingau. Von Karl Wehr hau 199—201 

Unterhaltung mit Toten. Von Max Hof 1er (mit Abbildung) 202 

Den Tod betrügen. Von Richard Andree 203—204 

Das polnische Herodesspiel in Westpreussen. Von Herrmann Maukowski. . 204—206 

Zum Lobspruch auf die deutschen Städte. Von Joliaunes Bolte 206—207 

Isländische Bezeichnungen für die Himmelsgegenden. Von Margarete L ehm anu- 

Filhes 207 

Der Traum vom Schatz auf der Coblenzer Brücke. Von Karl Lohmeyer . . 286—289 

Zur Sage vom Traum vom Schatz auf der Brücke. Von Johannes Bolte . . . 289—298 

Zum Märchen von der Tiersprache. Von Antti Aarne 298—303 

Fragstücke beim Ruggericht in Rappenau vor 300 Jahren. Von Karl Noll . . 304—308 

Maltesische Legenden und Schwanke (1— S). Von Bertha II g 308—312 

Der Nussbaum zu Benevent. Von J. Bolte 312—314 

Zum Märchen von den Töchtern des Petrus. Von J. Bolte 3)14 

Das polnische Original des Volksliedes 'An Jer Weichsel gegen Osten'. Von 

Richard Bartolomäus 314— )U6 

Zum Spiel von der goldenen Brücke. Von Otto Heilig 414—416 

Kinderspiele aus der Eifel (1. Das Bockspiel. 2. Das Nutzspiel). Von Joseph 

Mayer 416-417 

Eine vollständige Fassung des Kinderliedes von den Nornen. Von Friedrich 

Schön 417-418 

Die Herkunft einer deutschen Volksweise. Von Gottlieb Brandsch und 

J. Bolte 418-421 

Nochmals das polnische Original des Volksliedes 'An der Weichsel gegen 

Osten". Von Alicja Simon 421—423 

Vier Liebesbriefe einer Brauuschweigerin vom Jahre 1642 und 164:'». Von 

Otto Schütte 423-426 

Zur Fabel von den Hasen und den Fröschen. Von Johannes Hertel 426-429 

Der Donnerbesen in Natur, Kunst und Volksglauben. Von Otto Schell . . . 429—432 

Weiteres über 'Den Tod betrügen'. Von Albert Hartmann 432—433 

Vielseitige Verwendung der Schaf knochen iu Island. Von Margarete Lehmann- 

Filhes. Mit zwei Abbildungen 433—435 

Eine Volkskunstausstellung in Dermbach (Feldabahn). Von Luise Ger hing . 436—438 
Eine untergegangene Frauentracht des Ermlaudes. Von Herrmann Man- 

kowski 438-439 

Allerlei aus Rollsdorf bei Höhnstedt, Mansfelder Seekreis (1. Feiertage. 2. Häus- 
liches. 3. Von Pflanzen und Tieren). Von Else Roediger 439—440 



Inhalt. 



Berichte und Bücheranzeigen. 

Seite 

Neuere Arbeiten über das deutsche Volkslied. Von J. Bolte -219 -234 

Neuere Märchenliteratur. Von J. Bolte • • 458—46-2 

Neuere Arbeiten zur slawischen Volkskunde, 1. Polnisch und Böhmisch. Von 

Alexander Brückner • 208-219 

2. Südslawisch. ?.. Eussisch. Von Georo: Polivka 317—328. 441— 4.')7 

Abt, A. Die Apologie des Apuleius von Madaura und die antike Zauberei 

(R. Petsch) . .^ 336-339 

Aigremont. Volkserotik und Pflanzenwelt (P. Bartels) 341 

Biarnay, S. Etüde sur le dialecte herbere de Ouargla (II. Stumme) 347—350 

Blümm'l, E. K. Beiträire zur deutschen Volksdichtung (J. Bolte) 238-239 

Boulifa, S. Textes herberes en dialecte de l'Atlas Marocain (H. Stumme) . . 350—351 
Beer, R. C. Untersuchungen über den Ursprung und die Entwicklung der 

Nibelungensage 1-3 (H. Lohre) 114 -IIG. 333-335 

Bonus, A. Isländerbuch 3 (A. Heusler) ll'_' 

Fischer, H. Grundzüge der deutschen Alterturaskunde (W. Scheel) 117 

Friedel, E., und R. Mielke, Landeskunde der Provinz Brandenburg, Bd. 1 

(K. Beucke) 462-463 

Friedländer, P. Herakles (H. Lucas) ■'^'•:*^~^"^ 

van Genncp, A. Les rites de passage (R. M. Meyer) 463—464 

Gerbet, E. Grammatik der Mundart dos Vogtlandes, Lautlehre (E. Mackel) . 345-347 

Höfler, M. Volksmedizinische Botanik der Germanen (P. Bartels) 340-341 

V. Hovorka, 0., und A. Kronfeld, Vergleichende Volksmedizin (P. Bartels) 330-340 
Jäschke, E. Lateinisch-romanisches Fremdwörterbuch der schlesischen Mund- 
art (E. Mackel) 341-343 

John, A. Egerländer Heimatsbuch (R. :\Iielke) 119 

Krauss, F. S. Slawische Volkforschungen (R. Petsch) 234-236 

Kück, E., und H. Sohnrey, Feste und Spiele des deutschen Landvolks (J. Bolte) 238 

Meyer, Ed. Geschichte des Altertums « 1, 2 (R. M. Meyer] 328-330 

Olrik A Nordisches Geistesleben in heidnischer und frühchristlicher Zeit 

335-336 



330-332 



(A. Heusler) 

Rhamm, K. Ethnographische Beiträge zur germanisch -slawischen Altertums- 
kunde 1 (0. Schrader) 

Riegler, R. Das Tier im Spiegel der Sprache (R. M. Meyer) 117 — 118 

Schiepek, J. Der Satzbau der Egerländer Mundart 1—2 (H. Michel) .... 239-240 

Schwantes, G. Aus Deutschlands Urgeschichte (K. Brunner) 118 

Uhl, W. Winiliod (J. Bolte) 236-237 

v. Unwerth, W. Die schlesische Mundart in ihren Lautverhältnissen (E. Mackel) 343—345 

Usener, H. Vorträge und Aufsätze (E. Samter) ^l^~^l^ 

Wesselski, A. Mönchslatein (A. Thimme) 351-352 

Notizen (Brandenburgia, 0. J. Brummer, A. de Cock & I. Teirlinck, A. de Cock, 
M. Förster, L. Freytag, A. van Gennep, R. Heidrich, T. C. Hodson, M. Hüfler, 
E. John, B. Kahle, E. Kaiuzniacki, Kinderspelen uit Vlaamsch Belgie, 
K. Krohn, E. Kück, F. A. Schwartz, Walliser Sagen. — R. Basset, H. Dele- 
haye, H. Diels, V. Dingelstedt, F. Falk, H. Gaidoz, R. Galle, A. van Gennep, 
H. Gloede, K. Heldmann, A. Hellwig, M. Hirschfeld, R. Hofmann, K. Loh- 
meyer, G. Mader, R. Neumaun, A. Olrik, J. Prätorius, E, Reichhardt, 
A. J. Reinach, K. Reuschel, G. Salzberger, E. Schmidt, E. Söffe, L. Spence, 
E. Stack, Mehmed Tevfiq, E. Tiedt, H. Vollmer. — G. Amalfi, J. Berendes, 
R. Brandstetter, M. A. Buchanan, R. Corso, E. Goldraann, B. Haendcke, 
G. Heeger u. W. Wüst, M. Hoernes, G. Holz, B. Hg u. H. Stumme, 
C. Kassner, V. G. Kirchner, K. Knortz, R. v. Kralik, F. Perot, P. Pohle, 



VI Inhalt. 

Seite 

C. Eahn, P. Schullerus. — J. K, Brechenmacher, J. Endt, P. Hahn, 
M. R. Hewelcke, E. Hoffmann-Krayer, M. Höfler, L. v. Hörmann, K. Künstle, 
Laographia 1, Maal og minne 1, V. J. Mansikka, E. Mogk, K. Nyrop, 
W. Ohnesorge, W. Portius, H. Ploss und M. Bartels, Societe Ramond, 
H. Sohnrey, L. Strackerjan, K, Stuhl, P. Toldo, M. B. Weinstein, L. de Wolf, 
R. Wossidlo) 121-123. 240-244. 354-357. 465-471 

Die zweite Tagung des Verbandes deutscher Vereine für Volkskunde 128 

Die dritte Tagung des Verbandes deutscher Vereine für Volkskunde 472 

Entgegnung. Von R. Riegler. — Antwort. Von R. M. Meyer 353 

Über die Freimaurerei im Volksglauben 472 

Aus den Sitzungsprotokollen des Vereins für Volkskunde. Von K. Brunner 

124-128. 245-248. 357—360 

Berichtigung zu S. 126. Von E, Lemke 248 

Register 473-480 



Die Entwicklung des belgischen Hauses'). 

Ein Überblick von Otto Schell. 



Neuerdings neigt man mehr und mehr der Ansicht zu, dass die Haus- 
form nicht national beschränkt sei, dass es mithin kein besondres deutsches 
Haus gebe. Die Folgerung aus dieser Anschauung, nach welcher es auch 
kein friesisches, sächsisches Haus usw. geben würde, scheint trotzdem 
verfrüht. Vorläufig wird man sich noch an diese alten, eingewurzelten 
Begriffe halten müssen, bis die allerorts schwebenden Untersuchungen 
(namentlich die Bauernhausforschungen) feste Grundlagen abgeben, auf 
denen man neue Theorien aufbauen kann. 

Das bergische Haus^), auf das wir uns im nachfolgenden be- 
schränken, ist aus dem niederdeutschen Hause ^) hervorgegangen, einer 
Hausform, die ein Herdfeuer aufweist, im Gegensatz zum oberdeutschen 
Zweifeuerhaus mit Herd und Ofen, das darum mit Kecht als Küchen- 
stubenhaus bezeichnet werden kann. Das niederdeutsche Haus ist ur- 
sprünglich aber ein Bauernhaus, dessen bester Typus das altbekannte 
niedersächsische (altsächsische, westfälische usw.^ Bauernhaus ist, eine 
'hochalte Hausform, namentlich in den weltabgeschiedenen Heideland- 
schaften Niedersachsens'*). Viele Anzeichen sprechen dafür, dass aus 
dieser Hausform das bergische Haus durch eine organische Umbildung, 
beeinflusst durch verschiedene Faktoren, erwachsen ist. 

Vor dem Jahre 1500 liegt kaum zu lichtendes Dunkel über unserm 
Hause, wie über dem sächsischen überhaupt^). Doch hat sich in der Nähe 
der grossen Wupperstädte Elberfeld und Barmen ein altsächsisches Haus 



1) Die Literatur hat Vv^. Pessler (Das altsächsische Bauernhaus in seiner geographischen 
Verbreitung, 1906 S. 92 ff.) mit Fleiss zusammengestellt. Ergänzend sei nur noch auf 
Rud. Hinderer, Bergische Schieferhäuser, entstanden um die Wende des 18. Jahrhunderts 
(2 Hefte), verwiesen; ferner auf des Verfassers Altbergische Häuser in Bild und Wort 
(Barmen, Wilh. Fülle 1907) und eine grössere Arbeit von Dr. Bredt in den Mitteilungen 
des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Heimatschutz, Heft 2 (1908). 

2) Über seine geographische Verbreitung vgl. Kölnische Zeitung 1906, Nr. 7o. 

3) Vgl. Andree, Braunschweiger Volkskunde- S. 149 ff. 

4) E. H. Meyer, Deutsche Volkskunde 1898 S. 5:'.. 

5) Ebenda. 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1909. 



2 Schell: 

wenigstens zum Teil erhalten, welches bisher die gebührende Würdigung 
nicht gefunden hat^); es ist ein altes Bauernhaus auf Gross-Siepen bei 
Herzkamp (Fig. 1). Es darf als ziemlich sicher angenommen werden, 
dass der älteste Teil dieses Hauses aus dem 14. Jahrhundert stammt. 
Leider ist nur der vordere Teil mit den Stallungen erhalten geblieben, 
während der hintere Teil mit den Wohnräumen vor etwa 200 Jahren 
erneuert wurde ^). Aber der erhaltene alte Bauteil ist doch in seiner 
gan?:en Architektur und Anlage sehr bedeutsam, vor allen Dingen durch 
die sehr stark vorgesetzten Obergeschosse, die mächtigen Ständer im 




Fig. 1. Bauernhaus auf Gross-Siepen bei Herzkamp. 



Innern und die starke Verwendung des sogenannten Andreaskreuzes im 
Gebälk des Giebels und der Längswand. Wenn 0. Grüner (Wuttke, 
Sächsische Volkskunde^ S. 458) bemerkt, dass gewisse Anzeichen dafür 
sprächen, dass ursprünglich die Langwände der Gebäudeunifassungen in 
ihrer ganzen Höhe von solchen schrägen Kreuzen gebildet wurden, so 
haben wir in unserm Bauernhaus auf Gross-Siepen nicht nur hierfür den 
Beweis, sondern vor allen Dingen auch dafür, dass diese Kreuze mit ganz 
imposanter Wirkung am Giebel auftreten. Für Gruners Annahme möchten 



1) Vgl. Schell in der Denkmalpfleae 7, 49. Architekt G. A. Fischer iu der Monats- 
schrift des Berg. Geschichtsvereins 2, 17 ff. Dütschke, Beiträge zur Heimatkuude des 
Kreises Schwelm, Heft 5. 



Z) im allgemeine 



vgl. darüber Fr. Jostes, Westfälisches Trachtenbuch (1904). 



Die Entwicklung des bergischen Hauses. 3 

wir noch gleich auf ein im Jahre 1588 erbautes, in den Grundzügen alt- 
sächsisch geartetes Haus (erst vor einigen Jahrzehnten umgebaut^ in 
Hilden bei Düsseldorf verweisen (Fig. 2), wo eine durchlaufende Reihe 
von Andreaskreuzen die Längsseite schmückt. Das Haus wird 'auf der 
Beeeh' genannt. Grade Hilden bietet, trotzdem es unweit des Rheins 
(also auf ehemals fränkischem Gebiet, wie auch seine Geschichte deutlich 
ausweist) liegt, eine Reihe alter Hausformen, die dem Hause 'auf der 
Beech' nahe verwandt sind und für die Technik des Fachwerkbaues 
sowohl als für die Grundrissdisposition volle Beachtung verdienen'). 




Fiff. 2. Haus auf 



Bcoch iu Hilden. 



Der Fachwerkbau war schon deshalb im Bergischen am Platz, weil 
die vielen Wälder des Landes^), deren Nutzung durch Weistümer und 
Gemarkenordnungen sorgfältig geregelt war, das benötigte Holz lieferten. 
Andererseits ist es aber für unsere Gegend ein ziemlich sicheres Merkmal 
der Zugehörigkeit zum Gebiet des sächsischen Volksstammes, der von den 
ältesten Zeiten her bis zur Gegenwart herab sein Wohnhaus in Fachwerk 
erbaute. Damit soll jedoch keineswegs behauptet werden, dass der Wohn- 
haustypus ein untrügliches Merkmal für die ehemalige Stammesgrenzen 
abgebe. Wir sind keineswegs befugt, mit den Grenzen der alten Haustypen. 



1) Vgl. Schell, Die alten Wohnhäuser iu Hilden (Rheinisches Volksblatt 4G, 
Nr. 226-227). 

2) Schell, Die Wälder bei Elberfeld (Rheinische Geschichtsblätter 4, 299 ff.). 

1* 



4 Schell: 

wie sich letztere heute noch vorfinden, die alten Stammesgrenzen zu 
identifizieren. Mit den Grenzen der einzelnen deutschen Yolksstcämme 
fallen allerdings die wichtigeren Haustypen oft zusammen*). Durchweg 
weisen die alten bergischen Fachwerkhäuser einen Holzreichtum (Eichen- 
holz an Gebälk und Brettern) auf, der bei Gross -Siepen geradezu in 
Erstaunen setzt, halten die Ständer im Innern doch 60 cm im Geviert. 
Fast immer ist das Dach dieser Häuser das hohe Steildach, bald als 
Sattel-, Halb- oder ganzes Walmdach. Das hohe, steile Dach ist das 
allgemeinste Merkmal der Gotik, insofern sie an unserm Wohnhaus in die 
Erscheinung tritt. Ein weiteres Merkmal dieser Stilart am altbergischen 
Hause ist die Yorkragung, welche bei dem Hause auf Gross-Siepen eine 
besonders malerische Wirkung hervorruft. 

Ähnlichen Haustypen, wie denen in Hilden, begegnen wir vereinzelt 
im ganzen Bergischen, namentlich im Oberbergischen ^), dem unmittelbar 
an Westfalen angrenzenden Landstrich. Hier tritt zu den schon er- 
wähnten dekorativen Motiven (Andreaskreuz, Yorkragung) noch ein 
weiteres mit der Einfügung von Yoll-, Halb- und Yiertelsonnen, allerdings 
nicht geschnitzt, sondern durch einfaches Gebälk gebildet. Dass wir diese 
schlichten und doch eindrucksvollen Zieraten im oben angedeuteten Sinne 
auffassen müssen, beweisen verschiedene Bauten in Soest, wo beide Aus- 
führungen (geschnitzt und einfach) im Wechsel an denselben Häusern 
auftreten^). Der Kreis Olpe*), hart an unsern Landstrich anstossend, 
empfängt durch dieses Gebälk in seiner Bauart eine charakteristische 
Beeinflussung. Im Oberbergischen sei nur an Gross -Berrenberg und 
Liefenroth bei Gummersbach erinnert. Hier muss auch das noch überall 
vereinzelt vorkommende sogenannte Hörnersymbol*) genannt werden, im 
Bergischen durchweg im Fachwerk ausgebildet. Die zuletzt aufgeführten 
bautechnischen Details verdienen vielleicht vom volkskundlichen Stand- 
punkt aus mehr Beachtung als vom architektonisclien. Leider fehlt hier 
der Raum zu weiteren Ausführungen. 

Eine durchgreifende organische Umbildung erfuhr das altbergische 
Haus durch die Verlegung der Haupteingangstür vom Giebel an eine 
Längsseite. Yielleicht hängt damit die Beseitigung der von W. Pessler 
für das altsächsische Haus so nachdrücklich betonten Ständer zusammen. 
Diese Umformung ist zugleich ein kulturhistorisch bedeutsames Moment, 
da sich dieser Wechsel in der Zeit vollzog, als die Bevölkerung von der 
bis dahin fast ausschliesslich betriebenen Landwirtschaft mehr und mehr 



1) E. H. Meyer, Deutsche Volkskunde S. 51 ff. 

2) W. Pessler, Das altsächsische Bauernhaus S. 147 ff. 

3) Vgl. E. H. Meyer, Deutsche Volkskunde S. 71 und Schell, Abwehrzauber am 
bergischen Hause (Globus 91, Nr. 21). 

4) Fr. Jostes, Westläl. Trachtenbuch S. 18. 

5) 0. Grüner, Sachs. Volkskunde^ S. 417. 4.-)4; Schell, im Globus Ol, Nr. 21. 



Die Entwicklung des bergischen Hauses. 5 

zur Industrie überging. Auch die grosse sächsische Toreinfahrt erfuhr nun 
eine gänzliche Umbildung; das Portal wurde zu einer Tür^). Für das 
Wuppertal ist dieser Zeitpunkt in gewisser Weise durch die Erteilung des 
sogenannten Garnnahrungsprivilegiums im Jahre 1527 durch Herzog 
Johann III. festgelegt. Die Grundrissdispositiou wurde in den wesentlichen 
Zügen beibehalten, und zwar bis auf unsere Zeit herab: in der Mitte des 
Hauses Flur oder Yorhalle (Deele) und Küche, rechts und links je zwei 
Zimmer^). Der Herd blieb nach wie vor des Hauses Mittelpunkt, die 
einzige Feuerstelle desselben. Hier wurden manche häuslichen und ge- 
werblichen Arbeiten verrichtet'), zu welchen man einer grösseren Licht- 
zuführung bedurfte. Diese wurde bewirkt durch das Oberlicht und die 
für das bergische Haus charakteristischen schmalen Seitenfenster neben 
der Tür. Schon dadurch wurde die Yorhalle ein anheimelnder Raum, 
der durch den mehr oder weniger reich ausgebildeten Herd (ßausen in 
Langenberg genannt, wozu man vergleichen möge, was Fr. Woeste in 
seinem Westfälischen Wörterbuch über 'bausem' bemerkt = Rauchmantel; 
eingelegte Delfter Fliesen, Grätensteinsetzung am Boden), durch die meist 
malerisch wirkende Treppe, durch die vielen von hier aus sich öffnenden 
Türen, durch typische Möbelstücke usw. weiter zu einer wohnlichen Vor- 
halle ausgestaltet wurde, die erst weit später der Wohnstube wich, um 
auch heute, wenn auch unter ganz anderen Bedingungen, noch an ihre 
ursprüngliche Bedeutung zu mahnen. 

Äusserlich schon markierte sich der Grundriss des Hauses und die 
grosse Bedeutung der 'Deele' durch den Mittelrisalit, welchen diese Häuser 
oft aufweisen und vielfach beibehalten bis tief ins 18. Jahrhundert hinein*) 
(Fig. 3). 

Zum Schmuck und gleichzeitig auch zum Schutz (eine Art Abwehr- 
zauber, wie sich ziemlich klar nachv/eisen lässt) dienten dem Hause fromme 
oder mitunter launige Sprüche, welche selten in Trivialitäten ausarteten. 
Diese wurden in erster Linie in einen breiten Balken über der Türe ein- 
geschnitten, laufen aber oft auf dem Querriegel zwischen dem Erdgeschoss 
und dem Oberstock ganz durch. 

A^erschiedene Abarten lassen sich am altbergischen Hause nachweisen. 
Vorab rauss hier des Wuppertaler Bleicherhauses gedacht werden, eines 
Hauses mit einer eingebauten Steinkammer (welche sich übrigens bis ins 
12. Jahrhundert für andere Teile Deutschlands nachweisen lässt ^), dem 
sogenannten Garnkasten (oder Fürstattsstov), welcher des Bleichers bestes 

1) Vgl. Schell, Bemerkungen über die Portalbildung am bergischen Hause (Deutsche 
Bauhütte 9, 38 ff.). 

2) Landsberg, Ein bergisches Patrizierhaus (Denkmalpflege 1905, S. 96). 

3) Vgl. M. Heyne, l'as deutsche Wohnungswesen 1899, S. "213. 

4) Giemen, Kunstdenkmäler der Rheinprovinz 3 \ 15. Danach unsere Fig. 3. 

5) M. Heyne, Das deutsche Wohnungswesen S. 212. 



6 Schell: 

Gut, das Garn, aufnahm. Ferner weisen einige Häuser dieser Periode, 
so nüchtern und ernst ihr Grundcharakter im allgemeinen ist, wirkungs- 
volle Choranbauten auf, von denen zwei Beispiele in Elberfeld erhalten 
geblieben sind^). Eins dieser Chörchen ist mit Holzwerk getäfelt, welches 
in seiner Ornamentierung ziemlich sicher von der flandrischen Kunst be- 
einflusst wurde, zu welchem Lande das Bergische, dank seiner Industrie, 
im 16. und 17. Jahrhundert rege Handelsbeziehungen unterhielt. Die 
Niederlande übten auch nach anderer Richtung ihren Einfluss auf das 
altbergische Haus aus, allerdings fast ausschliesslich in der Einrichtung 
des Innern, so dass wir eine bezügliche Untersuchung hier ausscheiden 
müssen. 

Malerisch wirkt das altbergische Haus, das in "Winkelform aufgeführt 
wurde. Vorzugsweise haben sich derartige Häuser in Langenberg, am 
äussersten Nordrande der bergischen Hauszone, erhalten. Bezüglich der 
T- Häuser sei auf eine kürzlich erschienene Abhandlung von Pessler'^) ver- 
wiesen. Zuletzt muss das Laubenhaus angeführt werden, wozu Giemen^) 
eine Abbildung gibt. 

Die in den bergischen Wald- und Plusstälern zerstreuten, namentlich 
bei Solingen und Remscheid häufig vorkommenden Hammerwerke und 
Schleif katten sind hier völlig auszuscheiden, da sie grösstenteils rein 
industrielle Anlagen sind, aber auch in den wenigen Fällen, da sie als 
Wohnhäuser auftreten, ganz ausser Zusammenhang mit der organischen 
Entwicklung des sogenannten bergischen Hauses stehen. 

Es muss aber noch hervorgehoben werden, dass das altbergische Haus 
selbst den Burgenbau des Landes lokal gefärbt hat. Zum Beweise dessen 
seien nur einige Beispiele angeführt: Schloss Badinghagen bei Meinerz- 
hagen*), Schloss Casparsbroich bei Solingen^), Haus Buir in Erkrath. 

Das sind die wesentlichsten Grundzüge und Typen des altbergischen 
Hauses, das als angemessener Ausdruck der Landschaft, die es entwickelte, 
gelten darf, ganz im Geiste seiner ernsten, freiheitsliebenden Bevölkerung 
gehalten, schlicht und einfach, doch nicht ohne Wirkung. Zu seinem 
Bau lieferte die Landschaft alle Rohmaterialien; es ist darum boden- 
ständig. Seine Volkstümlichkeit liegt im wesentlichen in seinem Ursprung 
(altsächsisches Haus) eingeschlossen. Der ausschliesslich ethnographische 
Standpunkt kann bei einer Beurteilung desselben nicht behauptet werden; 
daran hindert schon die durch das bergische Land gehende, vielfach im 
Laufe der Zeit schwankende Grenzscheide zwischen dem ehemaligen 
Franken- und Sachsenstamm, aber auch die sclion früh einsetzende 



1) Die Rheinlande 3, 127 ff. 

2) Zeitschrift f. rhein. u. westfäl. Volkskunde 3, 272 ff. 

3) Giemen, Kunstdenkmäler der Rheinprovinz d% 110. 

4) Wandern und Reisen, Jahrg 1 S. 6 2. 

5) Monatsschrift des Bergischen Geschichtsvereins 19(K), :\Iärz und April. 



Die Entwicklung des bergischen Hauses, 7 

Beeinflussung durch fremde Motive, welche sich allerdings lange nur in 
untergeordneten Einzelheiten der Inneneinrichtungen bekundete. Von 
grösster Bedeutung für die Entwicklung des bergischeu Hauses, auch des 
altbergischen, waren, wie fast überall, der Bildungsgrad und die Bedürfnisse 
der Bewohner des Landes. Es war bis ungefähr zur Mitte des 18. Jahr- 
hunderts das etwas umgebildete Heim des Bauern, der allerdings schon 




Fig. ."). ürundriss und Ansicht eines Barraer Hauses von 1701. 



lange zu einer gewissen Gewerbtätigkeit übergegangen war, " diese aber 
nach althergebrachter Sitte in mehr patriarchalischer Weise betrieb, ein- 
geengt durch die drakonischen Zunftvorschriften, namentlich der Bleicher 
(Garnordnung) im Wuppertal. So entstanden selbst hier, wo der Wohl- 
stand schon früh verhältnismässig bedeutend war, zum mindesten be- 
deutender als in allen übrigen Teilen des Landes, keine sonderlich ab- 
weiche?iden Bautypen, nur lokale Schattierungen. Das altbergische Haus 
zeio-t darum eine grosse Übereiustimmuno; bis in die entlegensten Winkel 



8 Schell: 

des Landes, eine Gesetzmässigkeit, die sich selbst bei manchen Adels- 
sitzen nachweisen lässt. 

Da trat um die Mitte des 18. Jahrhunderts ein grosser Wechsel ein, 
nicht bewirkt durch die Landesherren, denn die vom Kurfürsten Johann 
Wilhelm (1690—1716) versuchte Einführung des Massivbaues blieb von 
ganz untergeordneter Bedeutung. Auch Karl Theodor (1742 — 1799) hat 
auf die bergische Bauweise keinen nachhaltigen Einfiuss auszuüben ver- 
mocht. Der Umschwung in der Bauweise ging vielmehr von der Be- 
völkerung selbst aus; dieser Wechsel setzt in der Mitte des 18. Jahrhunderts 
ein, wurde aber von einschneidendster Bedeutung, da er das altbergische 
Haus fast ganz verdrängte und das neue bergische Haus, das sogenannte 
Schieferhaus, zur vollsn Herrschaft brachte. Schon die jetzt allgemein 
übliche Bezeichnung 'Schieferhaus' lässt erkennen, dass der Schiefer 
diesen grossen Umschwung in erster Linie bewirkte. Ganz vereinzelt 
mag der Schiefer auch schon vor dieser Zeit als Baumaterial Ver- 
wendung gefunden haben, vorzugsweise an Türmen und Dächern. Aber 
als Schutzmittel kam er nun^) allgemein zur Geltung. Einer der ersten 
Schieferbauten scheint Haus Harkorten (Fig. 4) (übrigens kein Adelssitz, 
wie die Bezeichnung 'Haus' vermuten lassen könnte) bei Hagen in West- 
falen zu sein, welches 1756 erbaut wurde, auch heute noch ein gutes 
Muster dieser Kulturschöpfungen, gediegen und doch prächtig, im Innern 
und Äussern bei aller Einfachheit die echte Vornehmheit repräsentierend, 
welche dem bessern bergischen Schieferhaus überhaupt eignet. 

Suchen wir nach den Gründen für diesen ziemlich plötzlichen Wechsel 
der Bauweise im Bergischen, so müssen wir vor allen Dingen die damals 
kräftig aufblühende vielseitige Industrie des Landes in Betracht ziehen. 
Sie gewährte die Mittel, die Heimstätte behaglicher und kunstreicher 
auszugestalten. Das rauhe Bergland mit seinen vielen Niederschlägen 
nötigte geradezu zur ^Verbesserung der Bauweise. Der Schiefer aber, vom 
Mittelrhein und von der Mosel auf dem Wasserwege bis an das vom 
Rhein bespülte langgestreckte bergische Ufer gebracht, war ein Schutz- 
mittel, das auch heute noch kaum übertroffen wird. Mit Schiefer überzog 
man die Wände des Hauses oder wenigstens die Schlagseiten desselben. 
Dieser scheinbar geringfügige Umstand rief aber eine Umbildung des alt- 
bergischen Hauses von grosser Tragweite hervor. Die bis dahin 
charakteristischen Vorkragungen verschwanden; ebenso erging es den ver- 
schiedenen Gebälkverzieruugen bis zum frommen und mehr oder weniger 
launigen Hausspruch herab. Ebenso kam der Mittelrisalit in Wegfall. 
Die ehemalige Earbenwirkung (schwarzes Gebälk, weissgetünchte Fach- 
werkfelder) wurde ebenfalls gänzlich umgekehrt: Der schwärzliche Schiefer 
überzog nun mit seiner Schuppenhaut die Wände, und nur die Fenster- 



1) Vgl. Mouatsschrift des Bergischen Geschichtsvereins 1, 154. 1G9. 



Die Entwicklung des bergischen Hauses. 9 

Umrahmungen, die Türgewände, das Gesims mit dem schneeigen Weiss 
heben sich fortab leuchtend hervor. Vielfach wurde der Schiefer in 
dekorativer Weise verwandt, die durchweg von guter Wirkung ist. aber 
mitunter ins Gekünstelte verfällt. Die tiefernste Stimmung des Hauses 
(schwarz-weiss) wurde in trefflichster Weise durch den sattgrünen Anstrich 
paralisiert, und damit wurde eine Farbenwirkuug von köstlicher Frische 
erzielt, welche fast beispiellos dasteht bei den mehr volkstümlichen Bau- 
weisen. Ohne diesen Farbenzauber kann das bergische Schieferhaus 
niemals voll und ganz gewürdigt werden. 

Machte sich in der angedeuteten Weise mehr das volkstümliche 




Fig. 4. Haus Harkorten bei Hageu i. W. 

Empfinden der Bewohner des Bergischen in einer eigenen Art und Weise 
geltend, so kann dies von den Schnitzereien an Türen, Fenstern, Gesimsen, 
Giebeln^) usw., von der Ornamentierung der Wetterfahnen, Dach- 
aufsätze usw., den Steinmetzarbeiten an den Treppenwangen, Tor- 
pfeilern usw. keineswegs behauptet werden. Hier kam der Geschmack 
des herrschenden Rokoko zur Geltung. Eine Kulturbrücke in dieser 
Hinsicht war Schloss Benrath am Rhein, die reizende Schöpfung des 
französischen Hofarchitekten des Kurfürsten Karl Theodor, Nicolas de 
Pigage. Insofern kann allerdings von einer Einwirkung dieses Fürsten 
auf unsere heimische Bauweise die Rede sein. Aber auch die direkten 
Beziehungen der bergischen Kaufleute zu Frankreich haben diese Bau- 



1) Vgl. Schell, Monatsschrift des Bergischen Geschichtsvereins 13, 1G8. 



10 Schell: 

periodo wcsentlicli beeiiiflusst. Ohne uns in Einzelheiten zu verlieren, 
lässt sich wohl behaupten, dass das bergische Schieferhaus der Rokoko- 
periode, dessen Glanzzeit in den Zeitraum von 1770—1780 fällt, das aber 
einzelne prächtige Schöpfungen vor- und nachher aufzuweisen hat, an 
Reichtum der Formen, an allseitiger Durchbildung der grossen Bau- 
glieder wie auch der geringfügigsten Einzelheiten unerreicht in der ganzen 
Entwicklungsreihe des bergischen Hausbaues dasteht. Und doch blieb der 
Kern des Hauses (Grundrissdisposition, Aufriss usw.) von diesem Schmuck 
unberührt. So repräsentiert sich dieses Haus als eine Art Bastard, aber 
ein allerliebster, reizender Bastard, der mit seiner Koketterie das Herz 
unwillkürlich gefangen nimmt. 

Die Nachahmung französischer Art blieb nicht beim Hausbau stehen; 
sie erstreckte sich vielmehr auch auf seine Umgebung, die Baumgruppen, 
den Garten, die Pflauzenstaffage überhaupt, deren das bergische Haus 
nicht entbehren kann, wenn es voll und ganz zur Geltung kommen soll. 
Durch Obst-, Zier- und Waldbäume wird das bergische Haus in seiner 
Schönheitswirkung ungemein gehoben. An fast allen Patrizierhäusern, 
selbst in den Grossstädten des Wuppertales, sieht man noch heute die- 
selben häufig nebeneinander, ganz charakteristisch in ihrer Gesamtwirkung. 

Vielfach kommt die Linde am bergischen Hause vor, des Bauern und 
Dorfeingesessenen Lieblingsbaum in allen deutschen Gauen, die als 
'Brunnen-, Dorf-, Gerichts-, Friedhofs- und Friedenslinde' usw. geachtet 
wird. Die breitgewölbte, mächtige Krone der Linde ragt wie schützend 
über das bergische Heim empor, mit diesem zu einem Ganzen voll stillen 
Zaubers verschmolzen. Leider hat sich gerade die Linde in früherer Zeit 
auch im Bergischen eine Yerkümmerung ihrer natürlichen Gestaltung ge- 
fallen lassen müssen, die als Unnatur schlimmster Art gekennzeichnet 
werden darf. In Kronenberg und Umgegend namentlich, besteht nämlich 
vielfach die Sitte, eine Reihe von Linden vor die Häuser zu pflanzen und 
diese wie grosse Schirme zu ziehen, welche die lebenspendende Sonne 
von den Häusern abhalten. Sehr verbreitet ist diese Sitte glücklicher- 
weise nicht. Sie dürfte nur an holländischen und manchen norddeutschen 
Häusern und Höfen anzutreffen sein. Unverkennbar spricht sich hier der 
Geschmack französischer Gartenkünstelei aus, der zur Zeit, als das Rokoko 
herrschte, besonders ausgebildet wurde. Gute Beispiele solcher Garten- 
anlagen im grossen Stil sind in Deutschland mittlerweile selten geworden; 
es sei nur an Herrenhausen bei Hannover und Schwetzingen bei Heidel- 
berg erinnert. In jener Zeit dürfte die Mode, die Linde zu Wandschirmen 
zu ziehen, im Bergischen Eingang gefunden haben. 

Bei dieser Gelegenheit sei gleich noch eines weiteren Restes der ver- 
schnörkelten Rokokozeit gedacht, welcher sich auf verschiedenen Glehöften 
bei Mettmann erhalten hat und der gerade am bergischen Hause ebenfalls 
als eine Vergewaltigung der Natur bezeichnet werden kann: die kunst- 



Die Entwicklung des bergischen Hauses. 11 

volle Zustutzung des Taxus, der Eibe; geradezu berühmt siud die Eiben 
vom Burwinkel bei Mettmann ^). Etwas weniger ernst als die schwer- 
mütigen Eiben sind die Fichtenreihen oder einzelne Bäume dieser Baum- 
art, die namentlich in einigen Gegenden des Oberbergischen vorkommen 
und in erster Linie als Schutzhecken angepflanzt' worden sein dürften, 
aber auch dem Hause ein gewisses Gepräge verleihen^). 

Auch das Gartenhaus, das im Bergischen vor allen Dingen im Zeit- 
alter des Rokoko allgemein wurde, dürfte von Frankreich herüber- 
genommen worden sein, wo die berüchtigten petites maisons') jener Zeit 
ja von hervorragender kulturgeschichtlicher Bedeutung wurden. In den 
bergischen Gartenhäusern der Rokoko- und Folgezeit haben wir hoch- 
bedeutsame architektonische Gebilde vor uns, teils Miniaturen der Wohn- 
häuser, von grossartiger Schönheit*). 

Die Periode Ludwigs XVL ging bald am Bergischen vorüber, doch 
nicht, ohne Schöpfungen von bedeutendem Werte, vorab im Wuppertale, 
zu hinterlassen. Und dann kam das Empire zur Geltung, bei dem sich 
das frühere Empire scharf vom späteren Empire unterscheidet. Das 
Empire bewirkte eine weitere organische Umbildung des bergischen Hauses. 
Das hohe Steildach der Gotik hatte das Rokoko, ganz seinen Grund- 
prinzipien getreu, gänzlich umgewandelt, mit Vorder- und Hintergiebel, 
Walm und Brecliung usw. versehen, aber die steile Steigung im wesent- 
lichen beibehalten. 'Apart empfundene Giebellösung' ^) wird diesem Hause 
von berufener Seite nachgerühmt. Das Empire legte das Dach wesentlich 
flacher, begnügte sich mit einer viel nüchterneren Form desselben und 
verschönerte es höchstens durch einen gedrückten, geradlinig eingefassten 
Vordergiebel. 

Die Querteilung der Tür, bis in die altgermanische Zeit^) nach- 
weisbar, kam nun gänzlich in Wegfall. Die gesamte Ausschmückung des 
Hauses bewegte sich in einfacheren Grenzen. Das Portal wurde mit den 
Seitenfenstern vielfach in eine klassisch ausgebildete Vorhalle verlegt. 
Durch seine Eigenart in der späteren Zeit, welche an der Alleestrasse in 
Barmen gut zur Geltung kommt, leitete das Empire zur Biedermeierzeit 
über, welche von dem einstigen reichen Schmuck nur unbedeutende Einzel- 
heiten beibehielt, bis die Folgezeit das bergische Haus ganz handwerks- 
mässig und schlicht aufführte, dessen Merkmale eben der Schiefer und 
das schwarz-weiss-grüne Gewand blieben. 



1) Vgl. E. Lemke, oben 12, 25. 187. 

2) Giemen, Kunstdenkmäler 3 ^, 121. 

3) Eugeu Dühren, T^eue Forschungen über den Marquis de Sade und seine Zeit 1904 
S. 73-87. 

4) Schell, Das deutsche Landhaus 1906, Mai. 

5) Clemen, a. a. 0. 

(!) M. Heyne, Das deutsche Wohnungswesen S. 31. 1G8. 



12 Schell: Die Entwicklung des bergischen Hauses. 

Mit Rücksicht auf seine reiche architektonische Ausgestaltung und 
die stark hervortretenden dekorativen Elemente, die sich auf den ver- 
schiedensten Gebieten geltend machten, gehört das bergische Haus der 
späteren Zeit, wie es sich von der Mitte des 18. Jahrhunderts an ent- 
wickelte, zu den wirktingsvollsten volkstümlichen Bautypen Deutschlands. 
Es ist eine seltsame Verquickung der althergebrachten volkstümlichen 
Bauweise mit fremden Elementen und Motiven, den allgemeinen Stil- 
richtungen entlehnt, wodurch eben der Haustypus, welcher heute unter der 
Bezeichnung „bergisches Haus" bekannt ist, entstand. Bei seinem Um- 
wandlungsprozess haben sich die Industrie und die dadurch geweckten 
höheren Lebensbedingungen zu allen Zeiten entscheidend geltend gemacht, 
zuletzt unter Heranziehung der allgemeinen Stilformen. So entstand diese 
originelle Bauweise, die sich durch ihre Architektur und Farbe gleich 
vorteilhaft auszeichnet, und deren beste Leistungen in unseren Tagen von 
massgebendster Seite als prachtvolle Schöpfungen alter Kultur reklamiert 
wurden. Das bergische Haus kann aber, das zeigt sein Entwicklungs- 
gang, als Heimstätte selbstbewussten Bürgersinns gelten, der der eigenen 
Kraft und der eigenen Intelligenz verdankt, was er erreicht hat; ihm auf 
den Leib zugeschnitten, trotz aller Wandlungen im Laufe der Zeit doch 
der Ausdruck der bergischen Volksseele, diese ausklingen lassend in den 
scheinbar starren Formen des Hauses. Im Laufe der Zeit hat sich aller- 
dings die bergische Bauweise immer mehr losgelöst von den bodenständigen 
Grundbedingungen. Aber die fremden Kultureinflüsse haben doch den 
ursprünglichen, bodenständigen Kern nicht zu vernichten vermocht. So 
ist das bergische Haus ein Stück bergischer Heimkultur geblieben und 
doch nicht ganz; es ist Bodenständigkeit, aber nicht ausschliesslich. 

Seine Kulturaufgabe hat das bergische Haus einst erfüllt, als es tief 
ins Westfalenland vordrang, und andererseits, als es die Grundlagen für 
den sogenannten amerikanischen Kolonialstil^) abgab. Heute scheint ihm 
ein neues, kräftiges Aufblühen in Stadt und Land beschieden zu sein'^), dank 
der tiefgehenden Anregung, welche von der Regierung, von Vereinen und 
Privaten erfolgt ist. 

Elberfeld. 



1) Verschiedene Arbeiten in den letzten Jahrgängen der Deutschen Bauhütte. 

2) H. Aug. Waldner, Wie lässt sich die bergische Bauweise unserer Zeit anpassen 
(Rheinlande 3, 186 ff.) 



Murko: Die Volksepik der bosnischen Mohammedaner. lg 



Die Volksepik der bosnischen Mohammedaner'). 

Von Matthias Murko. 



Für das vergleichende Studium der Gedichte Homers und der volks- 
tümlichen Epen, wie wir sie an der Spitze der Literaturgeschichte der 
romanischen und germanischen Völker finden, gibt es interessante Parallelen 
in der noch lebendigen Volksepik einiger slawischer Stämme. Während 
die Romanisten für das französische Rolaudslied und das spanische Poema 
del Cid nur auf je eine Handschrift (vor 1080 und aus dem Jahre 1307) 
angewiesen sind, wurden im hohen Norden Russlands, bei den der 
Kultur entlegenen Bewohnern am Onegasee, im Jahre ]8()1 zum grössten 
Erstaunen der russischen Gelehrten selbst, aus dem Volksmunde epische 
Lieder aufgezeichnet, welche die Tafelrunde des Kiewer Fürsten Wladimir 
besingen, jenes Wladimir, der das russische Volk taufen liess, also Lieder, 
deren Grundlagen bis in das 10. Jahrhundert zurückgehen. Diese Funde 
wurden im Laufe der Zeit stark bereichert, und noch in der jüngsten Zeit 
erhielten wir ganze Bände von Bylinen (bylina entspricht inhaltlich und 
etymologisch dem französischen chauson de geste) aus den Gebieten des 
Weissen Meeres. Alfred Rambauds Werk 'La Russie epique' (Paris 1876), 
das ohnehin nicht genügend beachtet wurde, ist heute durch die neuen 
Funde und durch bedeutende Untersuchungen solcher Russen wie 
A. Wesselofsky, Zdanov, Vsevolod Miller u. a. überholt. 

Näher liegen uns jedoch die epischen Gesänge der Mohammedaner 
von Bosnien und Herzegowina, namentlich aus der nordwestlichen Ecke 
zwischen Kroatien und Dalmatien, die erst in den letzten Jahrzehnten 
veröffentlicht wurden; ihrem Ursprung nach sind sie meist nur 200 bis 
300 Jahre alt, ihrer Form nach gehören sie der Gegenwart an, versetzen 
uns aber trotzdem in das Mittelalter zurück. Da diese Lieder jedoch nur 
einen Ausschnitt aus der Volksepik der Südslawen bilden, müssen einige 
Worte über sie vorausgeschickt werden^). 

Die Volksepik setzt grosse historische Ereignisse voraus, die sich tief 
in das Gedächtnis des Volkes einprägen. Es gibt nun gewiss keinen 
grösseren Gegensatz als zwischen Christentum und Islam. Sowie im 
romanischen Südwesten die Kämpfe mit den Arabern ein nationales Epos 



1) Vortrag gehalten in der 4. Sektion des Internationalen Kongresses für historische 
Wissenschaften in Berlin im Augubt 1908; hier erweitert. 

2) Vgl. die Ausführungen in meiner Geschichte der älteren südslawischen Literaturen 
(Leipzig 1908) S. 200 ff. und im Archiv f. slaw. Phil. 28, 351 ff. 



14 Murko: 

zur Folge hatten, so bilden im Südosten das epische Zeitalter aller Süd- 
slawen die Kämjjfe mit den Türken, die ja bis auf den heutigen Tag 
nicht abgeschlossen sind. Mit den ersten Zusammenstössen in Makedonien 
im 14. Jahrhundert beginnt die mündlich erhaltene Heldensage der Serben 
und Bulgaren, ihre Stoffe und Lieder wandern mit der Verlegung der 
Kampfplätze nach dem Norden und Westen bis zu den Slowenen, die ihre 
schönsten Balladen ebenfalls den Türkenkriegen ^) zu verdanken haben. 
In den westlichen Gebieten der Kroaten und Serben erhielt die Volks- 
epik (und die Lyrik) ihre hohe künstlerische Ausbildung durch eine enge 
Verbindung mit den romanischen Kulturelemeuteu und wanderte in dieser 
Form nach dem Osten zurück. 

Von den Christen beider Konfessionen eigneten sich die Volksepik 
auch die Mohammedaner namentlich in den bosnisch-kroatisch- dalma- 
tinischen Grenzgebieten an. Schon 1574 rühmt der Conte von Sebenico 
nicht bloss den Heldenmut seiner Untertauen im Vergleich zur Feigheit 
der italienischen Söldner, sondern berichtet noch an den Senat von Venedig, 
dass auch die 'Türken' von deren Tapferkeit in ihrem Lande singen^). 
Natürlich feierten die Türken vor allem ihre eigenen Helden und haben 
darüber viele und umfangreiche Lieder bis auf den heutigen Tag bewahrt. 
Selbstverständlich ist hier nur von slawischen 'Türken' die Rede, die 
heute auf dem ganzen Balkan, am stärksten in Bosnien und Herzegowina 
(ungefähr 668 000, 35 pCt. der Bevölkerung) vertreten sind. Früher gab 
es aber serbokroatisch sprechende Mohammedaner auch noch weiter im 
Norden und Westen; denn nach der Schlacht von Mohäcs (1526) und nach 
der endgültigen Eroberung von Ofen (1541) bis zum Karlowitzer Frieden 
(1699) gehörten zur Türkei noch das südliche Ungarn, ganz Slawonien, 
Kroatien bis zum Kapela- Gebirge, und der grösste Teil des dalmatinischen 
Festlandes. 

Für die Herkunft der slawischen Mohammedaner sind besonders 
charakteristisch die Verhältnisse in Bosnien und Herzegowina. Ganz 
Bosnien^) (d. h. mit Eiuschluss der Herzegowina) bildete vor der türkischen 
Eroberung einen Pufferstaat zwischen Orient und Okzident, in dem 
eigentlich die der römischen und griechischen Kirche feindliche Sekte der 
Bogomilen herrschte. Diese Sekte kam im 10. Jahrhundert in Bulgarien 
auf und breitete sich weiter nach dem Westen aus; denn Patarener, Albi- 
genser, Katharer (davon das deutsche 'Ketzer') usw. stammen von ihr ab. 
Angesichts der Türkengefahr wurden allerdings die letzten bosnischen 



1) Schon um die Mitte des IG. Jahrhunderts sangen nach dem Berichte des Friauler 
Historikers Nicoletti die Slowenen von Tolm.'in im Görzischen „di Mattia re d'Ungheria 
e di altri celebri personaggi di quella nazione." Vgl. K. Strekelj (nach S. Eutar). 
Slovenske narodne pesmi 1, 34. 

2) I.juiiic im Rad der südslav. Akademie 40, 144. 

3} Vgl. meine Geschichte der älteren südslawischen Literaturen S. 1G9 ff. 



Die Volksepik der bosnischen Mohammedaner. 15 

Könige gute Katholiken, um sich, die Hilfe der Päpste und der katholischen 
Mäciite zu sichern, aber gerade die wegen ihrer Religion verfolgten zahl- 
reichen Bogomilen ebneten den Türken den Weg nach Bosnien, das 14ü3 
eine türkische Provinz wurde (Herzegowina nach kurzer Selbständigkeit 
1482). Der zahlreiche und mächtige Adel, der von der abendländischen 
Kultur durch Vermittlung von Ragusa, Dalmatien und Kroatien stark 
beeinflusst war, trat, um seinen Besitz und seine Privilegien zu retten, 
zum Islam über So blühte in Bosnien ein ganz mittelalterlicher Feudalismus 
weiter und erhielt sich zum Teil bis in unsere Zeit. Natürlich wurde 
dieser mächtige Adel, der häufig den aus Konstantinopel gesandten 
Paschas und selbst dem Sultan trotzte, durch verdienstvolle Krieger und 
Staatsmänner vermehrt, die sich aber den ursprünglichen Feudalen voll- 
ständig assimilierten, auch in der Sprache, soweit sie Osmanen waren, die 
nur in die Städte und wichtigeren Burgen kamen. Die bosnischen 
Mohammedaner waren grosse religiöse Fanatiker, zugleich aber auch stolze 
Lokalpatrioten, behielten ihre Sitten und Gebräuche bei, soweit dieselben 
nicht durch die neue Religion geändert wurden, und blieben auch auf 
einer alten Kulturstufe wie ihre gleichsprachigen Rajah. Es ist daher 
auch kein Wunder, wenn sich bei ihnen eine sehr konservative Yolks- 
epik erhalten hat, die uns an ältere Zeiten erinnert. 

Der Zufall wollte es nun, dass das erste südslawische Volkslied, das 
durch Goethes geniale Nachbildung zu einem Bestandteil der Weltliteratur 
geworden ist, der Klagegesang von den edlen Frauen des Asan-Aga 
(gedruckt zuerst 1778 im 1. Bande von Herders Volkliedern), entschieden 
mohammedanischer Herkunft war, was die zahlreichen Erklärer der mor- 
lakischen (d. i. serbokroatischen des dalmatinischen Festlandes) Ballade 
gewöhnlich viel zu wenig beachtet haben. Die Heimat des Gedichtes, das 
der italienische Abbate Fortis auf seiner dalmatinischen Reise in einer 
Aufzeichnung der Einheimischen erhalten und dank der damaligen Be- 
geisterung für Naturvölker mitgeteilt (Viaggio in Dalmazia 1774) hatte, 
bestimmt ungefähr die Angabe, dass Asan-Agas Gemahlin bald nach ihrer 
Verstossung vom Kadi (d. i. Richter) von Imoski gefreit wurde. Dieser 
an der herzegowinischen Grenze gelegene dalmatinische Ort, ungefähr 
zwischen Spalato und Makarska, der heute Sitz eines österreichischen 
Bezirksgerichtes ist, wurde erst 1717 den Türken von den Venezianern 
entrissen Auch in der Zeit der romantischen Begeisterung für das Volks- 
lied, als der Wiener Slawist B. Kopitar 1813 den berühmten Sammler der 
serbischen Volkslieder, Vuk Stef. Karadzic, entdeckte, wurden von diesem 
gleich in dem 1. Bändchen seines Volksliederbuches (1814) und in der 
Leipziger Ausgabe der Volkslieder (1823 — 1824), die den Ruhm des 
serbischen Volksliedes begründete, einzelne mohammedanische Lieder ver- 
öffentlicht, so dass auch der alte Goethe davon Kenntnis erhielt und 
Fräulein Talvj im 1. Bande ihrer 'Volkslieder der Serben' (Halle 1825) 



16 Murko: 

zwei epische Gesänge, im 2. (1826) aber nicht weniger als 13 Lieder 'von 
mohammedanischen Sängern' (S. 109 — 124) mitteilen konnte. 

Im ganzen blieben jedoch die mohammedanischen Volkslieder in 
serbokroatischer und bulgarischer [der 'Pomaken' im Khodopegebirge^)] 
Sprache unbeachtet. Die intimen lyrischen Lieder waren den christlichen 
Sammlern doch nicht besonders zugänglich, den bevorzugten epischen 
konnten sie aber nicht ihre Liebe und Sorgfalt zuwenden, weil darin die 
Heldentaten der verhassten Türken verherrlicht wurden. 

Genauere Vorstellungen von der Volkspoesie des grössteu und be- 
deutendsten Teils der mohammedanischen Südslawen brachte uns erst die 
Okkupation von Bosnien und Herzegowina. Den Löwenanteil trug auch 
jetzt die Volksepik davon; doch erwähne ich der Vollständigkeit halber, 
.dass man sich heute selbst über die Melodien der gesamten, also auch 
mohammedanischen Volkslyrik in Bosnien und Herzegowina eine Vor- 
stellung machen kann aus den Sammlungen von L. Kuba in den drei 
letzten Jahrgängen (18 — 20) des 'Glasnik zemaljskog muzeja za Bosnu i 
Hercegovinu'. Schon frülier hat der Agramer Musikhistoriker Fr. S. Kuhac, 
dem wir vier umfangreiche Bände 'Südslawischer Volksmelodien' (Juznoslo- 
vjenske narodne popievke, Agram 1878 — 1881) verdanken, das 'türkische 
Element in der volkstümlichen Musik der Kroaten, Serben und Bulgaren'^) 
zum Gegenstand einer Untersuchung gemacht und erklärt, dass der 
arabische rituelle Gesang, der auf einer primitiven Stufe blieb, doch einen 
starken Einfluss auf die weltlichen Lieder der bosnischen Mohammedaner 
ausgeübt hat, namentlich in der Melodisierung; allerdings die Frauen- und 
Kinderlieder blieben von dem Einfluss arabisch -türkischer Melodien ganz 
frei. Richtig ist jedenfalls seine Bemerkung, dass sich die epischen 
Volkslieder der bosnischen Mohammedaner von den christlichen in der 
Form gar nicht unterscheiden und nicht so phantastisch sind wie die 
arabischen und türkischen, sondern ganz realistisch; ein hervorstechendes 
Merkmal bieten nur die besonders zahlreichen türkischen oder arabischen 
und persischen Fremdwörter. 

Das erste grössere epische Gediclit (von 2160 Versen) der bosnischen 
Mohammedaner veröffentlichte der durch seine nicht einwandfreien volks- 
kundlichen und ethnologischen Schriften über die Südslawen bekannte 
Friedrich S. Krauss im Jahre 1886 selbständig (Smailagic Meho, Ragusa), 
sodann einzelne in Zeitschriften und endlich in den 'Slawischen Volk- 



1) Die VerniichlässiguTig ihrer Volkspoesie rächte sich; denn nur so war es möglich, 
dass Stefan Verkovic bei ihnen Lieder gefunden haben wollte, die nicht bloss von 
Orpheus, sondern auch von der Herkunft der Slawen aus Indien Kunde geben sollten. 
Bezeichnend ist schon der Titel seiner Sammlung 'Veda der Slawen' (Veda Slovena 1—2. 
1874—1881). Über das Glück und Ende dieser Mystifikation s. J. Sismanov, Archiv f. 
slav. Phil. 25, 580. 

2) Glasnik zemaljskog muzeja za Bosnu i Hercegovinu 10 (1898), 175. 



Die Volksepik der bosnischen Mohammedaner. 17 

forschuugen" (Leipzig 1908) im Original imd iu deutscher Übersetzung. 
Namentlich die letzte Publikation^) zeigt, dass der Wissenschaft kein be- 
sonderer Schaden erwachsen ist, wenn Krauss sein übriges Material, das 
angeblich sieben Bände füllen könnte, bisher der Welt voreutlialten hat. 
Die erste Sammlung epischer Volkslieder der bosnischen Mohammedaner 
gab zu Sarajevo in zwei grossen Bcäuden (1888 — 1889) Kosta Hörmann 
heraus, ein aus Kroatien eingewanderter bosnischer Beamter, heute 
Sektionschef der Zivilverwaltung, der sich auch sonst, namentlich durch 
die Schaffung eines reichhaltigen Museums und die Herausgabe einer 
Zeitschrift desselben, grosse Yerdienste um die wissenschaftliche Erforschung 
des Landes erworben hat. Als Beamter der Landesregierung konnte er 
leichter verschiedene Personen, wie Lehrer und Beamte, in Bewegung 
setzen, die für ihn Lieder sammelten. Dass eine solche Art zu sammeln 
etwas Bedenkliches hat, kann nicht verschwiegen werden, doch sind in 
dieser Hinsicht besondere Mängel dem Herausgeber nicht nachgewiesen 
worden. Zu bedauern ist dagegen, dass er das dialektische Kolorit seiner 
Volkslieder unterdrückt hat. Das vermindert jedoch nicht im geringsten 
den hohen kulturhistorischen Wert seiner Sammlung, den er selbst richtig 
erkannte und mit folgenden Worten (1, S. VH— IX) charakterisierte: 
..Unwillkürlich wird man sich wundern, welche Älmlichkeit die bosnischen 
Helden mit den Rittern in den übrigen Ländern Europas jener [?] Zeit 
[richtiger des Mittelalters] haben. Man vergleiche nur die Beschreibungen 
der Zweikämpfe, die Heldenspiele und anderen Unterhaltungen, auch das 
häusliche Leben, wo jedenfalls einen charakteristischen Zug auch die 
ritterliche Verehrung der Frauen bildet; und damit die Ähnlichkeit voll- 
ständig sei, fehlt sie auch nicht im Trinken." — Schon vor dem Er- 
scheinen der Sammlung Hörmanns begann die Matica hrvatska in Agram 
neues Material aus dem nordwestlichen Bosnien herbeizuschaffen und ver- 
öffentlichte in den Jahren 1898 und 1899 als 3. und 4. Band ihrer 
■Hrvatske uarodne pjesme' 'Die mohammedanischen Heldenlieder' (Junacke 
pjesme muhamedovske) unter der Redaktion von Dr. Luka Marjanovic, 
der in seiner ausführlichen Einleitung (3, S; VH— LYI und 4, S. VH bis 
VHI) das Beste bietet, was seit Vuk Stef. Karadzic (in den Jahren 1823. 
1833) über die Volkspoesie der Serben und Kroaten geschrieben worden 
ist. Auch <ler Text entspricht kritischen Anforderungen. Marjanovic, aus 
der oberen Militärgrenze gebürtig, hatte schon 1864 Volkslieder seiner 
Heimat und der anliegenden türkischen Gebiete veröffentlicht; er kannte 
die Gegenden genau, ging nun nach Bosnien, um gute Säuger ausfindig 
zu machen, brachte sie nach Agram und suchte sie dann an der kroatisch- 
bosnischen Grenze auch selbst auf. Auf diese Weise wurden seit Ende 
des Jahres 1886 bis Ende 1888 durch ihn und durch tüchtige Mitarbeiter 



1) Vgl. meine Rezension in den Hessischen Blättern für Volkskunde 7, Heft 4. 
Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1909. 2 



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18 Murko: 

aus dem Munde von 9 Sängern unmittelbar "iT'J Ijieder mit "ilTCOO Yeri?en 
aufgezeichnet; 48 Lieder von 4 Sängern, schickten Vertrauensmänner ein. 
Man sammelte so 320 mohammedanische Lieder und zwar "290 Helden- 
(epische) und 30 Frauen- (lyrische) Lieder mit 255 000 A'ersen. Auf jedes 
epische Lied kommen durchschnittlich 873 Verse: 

weniger als 100 Verse enthalten 30 Lieder 
>''0() ^ 2G „ 

'!II0 „ 72 

1000 „ 103 „ 

1500 „ G2 „ 

2000 „ 12 ^ 

3000 „ 11 „ 

4000 und darüber enthalten 4 Lieder. 
Aus diesem reiclien .Materiale traf jedoch Marjanovir eine Auswahl und 
veröffentlichte in jedem der beiden Bände nur je 25 epische Lieder, also 
ungefähr \^ des Materiales. von verschiedenen Sängern und von un- 
gleichem Wert, und zwar solche, die etwas Neues in der Haupthandlung 
oder wenigstens in den Xebenhandlungen bringen. Für ihn waren also 
nicht ästhetische Gründe wie für den klassischen Sammler der serbischen 
Volkspoesie Vuk Karadzic, sondern der Inhalt massgebend. Ob er dabei 
immer die ursprünglichste und beste Fassung ausgewählt habe, ist zwar 
fraglich, doch entschädigen uns dafür die im Anhange gebrachten Aus- 
züge aus den Varianten, die Forschern znm weiteren Gebrauche in Agram 
zur Verfügung stehen. Absolute Treue in der Wiedergabe aller Lieder 
ist sein oberster Grundsatz. Ausser den Varianten bringt er im Anhange 
auch historische und sachliche Erklärungen, sowie ein ausführliches Ver- 
zeichnis der zahlreichen türkischen Fremdwörter. 

Diese beiden verdienstvollen Sammlungen haben jedoch nicht die 
Beachtung gefunden, die sie verdienten, namentlich die letztere. Schuld 
trug daran die Eifersucht zwischen Sarajevo. Agram und Belgrad und 
andere Gründe nichtwissenschaftlicher Xatur; namentlich der müssige 
Streit, ob die Lieder kroatisch oder serbisch^) seien, lenkte die Auf- 
merksamkeit von dem Inhalte ;ib. 

Die nachfolgende Schilderung der Sänger^) und ihrer Lieder beruht 
meist auf den Mitteilungen Marjanovics. Der Sänger heisst Pivac oder 
hypokoristisch piva, was genau dem deutschen 'Sänger' entspricht, in der 
Schriftsprache pjevar, hat also nichts mit piti oder pivati (trinken) zu 
tun. Die besungenen Helden haben zwar dem Koran zum Trotz meist 
einen sehr grossen Durst und viele Lieder beginnen mit einem Trink- 
gelage, doch die Sänger selbst sind äusserst massig; selbst in Agram, wo 



1) Vgl. meiue Geschichte der alt. südsl. Lit. S. Iff. 

2) Vgl. die Abbildungen von vier Sängern bei Marjanovic, Hrv. nar. pje.^me 3, S. XIIL 
XXI. XXY. XXIX. 



Die Volksepik der bosnischen Mohammedaner. IJ) 

sie sehr gut bewirtet wurden, blieben einige nur bei Kaifee und Wasser. 
Ton einem einzigen Säuger wird berichtet, dass er trinken konnte wie 
seine Helden: V- I^itei" Wein brachte er in einem AtemzAige hinunter, 
ohne dabei seinen Schnurrbart zu benetzen. 

Gesungen wird zur Tambura, tamburica. die nur zwei Metall- 
saiten hat zum Unterschiede von der viel mehr bekannten viersaitigen, 
welche als Musikinstrument oder zur Begleitnng lyrischer Lieder dient. 
Das ist ein grosser Unterschied im Vergleiche zu der bisher bekannten 
A'ortragsweise zu den Gusle, d. h. einer primitiven Geige mit einer Saite 
aus Rossschweif haaren. Dass diese Vortragsweise immer üblich war, kann 
ich allerdings nicht behaupten; in einem Liede^) singt allerdings ein 
Mohammedaner zur Ahorn-Geige (gusle javorove), doch die Stelle 
beweist nicht viel, weil Tale als christlicher blinder Sänger von einem 
Christen in christlichen Wirtshäusern in den venezianischen Kotari bei 
Zara herumgeführt wird. 

Zuerst singen die Sänger langsam und gedehnt; die zwei letzten 
Silben oder die letzte des meist zehn-, häufig auch elfsilbigen Verses mit 
überwiegend trochäischem Rhythmus deuten sie bloss an. Beim hundertsten 
Vers ungefähr beginnt aber der Sänger so schnell zu singen, eigentlich 
zu rezitieren, dass ihm auch ein Stenograph nicht folgen könnte. Da 
schlägt er auch die Tambura nicht, oder aber sehr schnell. W^enn er das 
ganze Lied wie die ersten 100 Yerse sänge, so könnte er kein längeres 
zu Ende singen^). Übrigens werden längere Liedei- in Absätzen gesungen.; 
während der Pause trinkt der Sänger Kaffee oder raucht, die Hörer aber 
kritisieren, loben und tadeln, oder fragen dies und jenes, worauf der 
Sänger antworten muss. Beim Vortrage wird der Sänger ganz matt, und 
der Schweiss fliesst ihm in Strömen herunter. Mühevoll war natürlich 
mich die Aufzeichnung der Lieder. Marjanovir und seine geübten Gehilfen, 
die mit ihm den Dienst wechselten, konnten an einem Tage nur 1(500 bis 
2200 Yerse niederschreiben, wenn sie durchschnittlich zehn Stunden 
arbeiteten. Nun sind aber Lieder, die mehr als 2000 Yerse enthalten 
und in der genannten Art vorgetragen werden, keine Seltenheit. Einen 
Souffleur oder Aufzeichnungen hat natürlich keiner der Sänger; mit 
letzteren wäre ihnen auch nicht geholfen, denn der Kunst des Lesens und 
Schreibens sind sie unkundig. 

Die Sänger sind Männer verschiedenen Standes. Es gibt solche, 
die sich der Herkunft aus hervorragenden Geschlechtern rühmen; die 
meisten sind aber Grundbesitzer, die ursprünglich Herden hüteten und 
das Feld bearbeiteten, dann aber sehr viel erlebten, indem sie als Soldaten 



1) Hivatske nar. pjesme 3, ü"). lüO. 

2) Jedenfalls ein Beitrag zum Thema 'singen und sagen". |J. Schwietering. Göttinger 
Diss. I;H)S.] 



20 Murko: 

oder Zaptiehs weit herumkamen; auch Gewerbetreibende (z.B. ein Sattler, 
ein Steinmetz für Grabdenkmäler), ein Arbeiter und selbst ein türkischer 
Zigeuner befinden sich unter ihnen. Ein kleiner (irundbesitzer ist 
besonders interessant: er hatte keinen Ochsen, keine Kuh, sondern nur 
jedno paripce, eine Schindmähre, wie mancher mittelalterliche Ritter. 
Einzelne sind Berufssänger, die meisten werden aber zu fahrenden Sängern 
nur, wenn es nichts zu tun gibt, oder wenn es ihnen schlecht geht, oder 
erst in alten Tagen, wenn schon ihre Söhne arbeiten können. Schon 
daraus sieht man, dass die meisten Sänger um Lohn singen: sie wandern 
zu den Höfen der Begs und Agas, werden häufig von diesen geradezu 
gerufen und namentlich von den Frauen und Mädchen willkommen ge- 
heissen. Von Mehnied Kolak-Kolakovic Hess sich ein Beg in sechs Wochen 
104 Lieder singen. Häufig üben sie ihre Kunst in den Kaffeehäusern 
aus, in denen der bosnische Türke viele Stunden des Tages verbringt^ 
oder in festlichen A^ersammlungen, auch in christlichen. Sogar öster- 
reichische Greuzkommandanten Hessen sich vor 187S solclie Sänger kommen, 
wenn sie türkische Gäste liatten. 

Der Lohn ist verschiedenartig. Der bereits erwähnte Beg gab seinem 
Sänger für sechs Wochen 5 Dukaten, zwei Ochsen und zwei Lasten 
Weizen. Als dann derselbe Mehmed nach Agram geladen wurde, stellte 
man ihm auch in Aussicht, dass er sich wenigstens zwei Ochsen ersingen 
werde, also ein Geschenk, wie es Jahrtausende v. Chr. im Rigveda vor- 
kommt. Bei anderen Begs bekam er nur Kaffee und Zigaretten, besonders 
beschenkten ihn aber die Frauen, und zwar in Geld. Ein anderer Sänger, 
Becir Islamovie, der nach Beendigung der Feldarbeiten im Herbste auf 
zwei bis drei Monate einen Pass nahm und alle Gegenden von Bihac 
längst der Save bis Bjelina bereiste, berechnet seinen Yer<lienst bereits 
in Geld: 2 bis 3 Gulden in Kaffeehäusern, bei Gutsbesitzern, zu denen 
er gerufen wurde, für eine Nacht 5 Gulden. Wenn er längere Zeit sang, 
bekam er aber auch noch mittelalterliche Geschenke in Kleidern: Westen 
ohne Ärmel, natürlich schön gestickte, Hosen, die mehr Stoff erfordern 
als die unsrigen usw. Der ältere Bruder dieses Sängers hatte es bis zimi 
Pascha in Tunis gebracht. 

Alle Sänger können angeben, von wem sie ihre Lieder gelernt 
haben, und nennen ihre Lehrer sogar mit Stolz. Häufig sind es der 
Yater, Oheim, Onkel, Schwager, der ältere Bruder oder andere Verwandte, 
sonst aber bekannte Sänger, »loch gewöhnlich nur zwei bis drei Lelu-er 
im ganzen. Oft finden wir auch Angabeii, von wem wieder die Lehrer 
ihre Lieder hatten. Alte Sänger erfreuen sich eines besonderen Ansehens i 
ein 100 Jahre alter wird genannt, der einem anderen Lieder korrigierte. 
Bezeichnend ist es auch, dass junge Sänger ihrem Vater oder Onkel durch 
öffentliches, namentlich auf Lohn berechnetes Auftreten keine Konkurrenz 
machen wollen; alte Sänger reissen sich aber um die Ehre, vor jungen 



Die Volksepik dei bosnischen Mohammedaner. 21 

sing-eu zu können, damit diese möglichst viele Lieder von ihnen erlernen. 
Der Stolz auf gute Schüler ist also auch hier bekannt. 

Die viele hundert oder sogar einige tausend Verse enthaltenden Lieder 
lernen die Sänger überraschend leicht; mancher braucht ein Lied nur 
einmal zu hören, wenn es zur Tamburica gesungen wird, zwei- bis dreimal, 
wenn es bloss rezitiert wird. Nun gibt es aber Sänger, denen nach- 
gerühmt wird, dass sie für jeden Tag des Jahres ein anderes Lied zur 
Verfügung haben. So will Becir Islamovic vom 'Kapetan* (Hauptmann) 
Murat Besirevic 860 Lieder gelernt haben, die ihm dieser aus einem Buche 
vorlas. Wie ist ein so gutes Gedächtnis möglich, auch wenn man ein 
gewisses Talent voraussetzt, was unbedingt notwendig ist? Vor allem muss 
bemerkt werden, dass der Sänger nie den AA^ortlaut des von ihm gehörten 
Ijiedes wiedergibt und dass er selbst nie ein Lied genau wiederholt, 
sondern immer etwas verschieden singt. Dafür gibt es ganz merkwürdige 
Beispiele. Marjanovic hörte ein von ihm mitgeteiltes Lied (Nr. 38) von 
Becir Islamovic nach zehn Jahren (1898) wieder. Der Unterschied war 
ausserordentlich: andere Namen, eine andere Disposition und eine 
schlechtere Diktion. Man würde aber fehlgehen, wenn man glaubte, dass 
etwa die mit dem Alter zunehmende Geschwätzigkeit die Lieder ausdehne. 
In der Strafanstalt in Lepoglava in Kroatien fand man 1888 einen Sänger 
Ahmed Causevic aus der Umgebung von Bihar, der schon 1881 mit 
18 Jahren dahin geliracht worden war. Er hatte also seine Lieder in 
früher Jugend gelernt, und zwar von seinem Schwager und seinem älteren 
Bruder, und merkte sich ein jedes nach einmaligem Erzählen oder Singen. 
In der Freiheit sang er sie dann bis hundertmal und vergass nichts im 
Kerker. Dieser -iöjährige Mann dehnte aber seine Lieder ausserordentlich; 
so zählte z. B. eines seiner Lieder 2500 Verse, das seines Lehrers aber 
nur etwas über 120(), ein anderes 4400 Verse, das des Lehrers aber nur 
1500^). Ein lehrreiches Beispiel für die Frage, wie verschiedenartige 
Rezensionen eines epischen Liedes entstehen! Bei einem Sänger be- 
merkte man in Agram, dass er seine Lieder wohl aus Berechnung so aus- 
dehnte, um länger auf Kosten der Matica hrvatska dort bleiben zu können. 
Der Sänger braucht sich nur seinen Stoff und den Gang der Handlung 
gut zu merken, den er dann mit dem ihm besonders geläufigen poetischen 
Apparate ausschmückt. Rhythmus, Tropen, Figuren, poetische Redens- 
arten sind aber bei einem Volke, das noch im epischen Zeitalter steht, 
stark verbreitet, geradezu Gemeingut. Ich möchte nur ein charakteristisches 
Beispiel anführen. Die südslawische Akademie der W^issenschaften in 
Agram bringt in ihrem 'Zboruik für das A'olksleben und die Gebräuche 



1) Ein Lied, das in der Ausgabe von Marjanovic (Hrv. nar. pjesme 3, oäO— 38-2) 
1-JS4 Verse zählt, besitzt die Matica Hrvatska in einer bloss 300 Verse umfassenden 
Variante eines anderen Sängers (ebd. 3, 605). 



'22 Murko: 

tler SüdslawiMi" Moiiogr}i|)hien über einzelne Orte. Ein (Jeistliclier, tlcr 
uns Otok in Slawonien in mnstergültiger Weise schildert, hatte den glück- 
lichen Einfall, die Briefe eines Korporals aus Warasdin und Petervvardein 
an seine Frau (Heiraten vor dem ■Militärdienste sind in Slawonien ge- 
wöhnlich) und ihre Antworten mitzuteilen, die mehr sind als rhythmische 
Prosa ^). 

Bis zu einem gewissen Grade ist daher jeder Sänger auch ein mehr 
oder weniger schöpferischer Nachdichter. Natürlich hält jeder sich selbst 
für den besten Sänger und nennt die anderen bloss pivacici (Sängerlein). 
Interessant ist es. dass es unter ihnen auch Spezialisten gibt. So wurde 
der oben genannte Grundbesitzer, der nur eine Schindmähre sein eigen 
nannte, ein fahrender Sänger mit einem Repertoire von ungefähr .')0 Liedern, 
von einem Beg deshall) nach Agram em})fohlen, „weil er von allen ihm 
bekannten Sängern am schönsten das Mädchen (divojku, kann auch Braut 
bedeuten) zu kleiden und das Pferd zu satteln verstand." Ferner berichtet 
Marjanovie, dass den dankbaren und geduldigen Zuhörern die längsten 
Lieder nicht zu lange sind, wenn nur der Sänger das Boss und seinen 
Helden, den .Iflngling und das Mädchen schön auszuschmücken versteht^). 
Solche Szenen kommen in jedem Liede vor, auch in demselben Avieder- 
holen sie sich sogar fünfmal. Da ist wohl eine Parallele am Platze. 
Lachmann warf aus dem Nibelungenliede die sogenannten Schneider- 
strophen hinaus, und Literaturhistoriker tadeln den mittelhochdeutschen 
Klassiker Hartmann von Aue wegen seiner beschreibenden Manier im 
Erek; die berüchtigte Schilderung von Enitens Pferd umfasst gegen 
500 Verse. Der Geschmack jener mittelalterlichen Zuhörer wird wohl 
nicht anders gewesen sein, als der <ler bosnischen Mohammodaner unserer 
Zeit. 

Man muss jedoch hervorheben, dass die Sänger die treue Wiedergabe 
ihrer Lieder betonen, namentlicli wenn ilie Hörei- mit einer Stelle un- 

1) Der Allfang des 'Liobesgrusses' des Mannes aus Waiasdin vom 4. Februar 181)7 
lautet: Evo meni ne da srce mira, pa sc vatain pera i ])apira, pa ti evo pisem, sade slusaj, 
zlato moje, jade, kako mi je, zlato moje, sto ne Ijubim lice tvoje. In -wörtlicher Über- 
setzung: „Sieb, mir gibt das Herz keine Ruhe, und ich ergreife Feder und Papier und 
schreibe dir da. .Jetzt höre, mein Gold, die Leiden, wie es mir ist, mein Gold, weil ich 
dein Antlitz nicht küsse I" — Aus dem Antwortschreiben der Frau vom 8. Februar 1897: 
Faljen Isus, diko mojal Sail ti pise Ijuba tvoja. Perom pisem i uzdisem. Oj medena 

diko moja, poljubim ti usta tvoja Stvor me, Boze, ticu lastavicu, da uletim Markii 

u sobicu! Da sam, Boze, vijojlica plava, ja bi znala, da bi se procvala: na stapicu mladoiii 
kaplaricu. . . . Wörtlich: „Gelobt sei Jesus, o meine Zierde (sc. der Mann) I Jetzt schreibt 
dir deine Geliebte. Mit der Feder schreibe ich und seufze. meine lionigsüsse Zierde, 
ich küsse dir deinen Mund. . . . Verwandle mich, o Gott, in ein Vöglein Schwalbe, auf 
dass ich Marko ins Zimmerchen fliege! Wäre ich, o Gott, ein blaues Veilchen, ich wüsste 
aufzublühen auf dem Stöckchen dem jungen Korporälchen." In der letzten Periode sind 
alle Bilder dem Volksliedc entnommen: wo sind aber die Zeiten, als der Korjjoral noch 
einen Stock trugl (Zbornik za narodni zivot i obicaje juznih Slavena 2, .■!.')•_' f. J. 

2) Vgl. solche Beschreibungen in Hrv. nar. pje.sme 4. 24«— 25-J. 



Die Volksepik der bosnischen ]\rohaminedaner. 23 

ziitViodou siiitl oder in den Ruhepausen Aufklärungen verlangen. So be- 
richtet Mehnied Kolak, der als begovski pivac (Sänger der Begs) berühmt 
war, dass ihm hei einer Stelle, an der ein nicht heldenmütiges Benehmen 
der Begs erwähnt wurde, ein IJeg zurief: „Hör auf, Sänger! Dein Lied 
taugt nichts, das ist ein Lied für Ochsenhirten; wir sind aber keine 
Ochsenhirton, sondern alte Begs. Wie kannst du die Tochter eines Begs 
an einen Ochsenhirten, an einen Proletarier verheiraten?" Darauf er- 
widerte Mehmed: „Ärgei-e dich nicht, Beg-Effendi! Ich singe, wie ich 
gehört und gelernt habe; wer ein Held war, dessen gedenkt das Lied als 
eines Helden; wer aber kein Held war, daran bin ich nicht schuld/' Der 
Beg verstieg sich zu Beschimpfungen, auf die der Sänger die Antwort 
nicht schuldig blieb, so dass der Beg zuletzt erzürnt die Cfcsellschaft 
verliess und die Türe zuschlug. Ein anderes Mal will im Lied <lie Tochter 
eines solchen Aristokraten einen Mann ihresgleichen nicht heiraten, weil 
die Begs Zinsenschinder seien. Die Begs waren wütend lilier den Sängei' 
und hätten ihn mit ihren Tschibuks durchgeprügelt, wenn ihn nicht andere 
.verteitligt hätten; Mehmed war bereit, seine teure Tambura am Kopfe des 
ersten Begs, der ihn angriffe, zu zerschlagen. Lr durfte jedoch den Begs 
alles sagen, weil er mit seinem Scharfsinn allen ebenbürtig, vielen sogar 
überlegen war. Sänger eischeiueii sogar als erfalii'(me Vertrauensmänner 
der Begs. Auf l''ragen muss aber jeder Sänger antworten können; wehe 
ihm, wenn er das nicht vermag, oder etwas falsch sagt. 

Woher haben die Sänger ihre T^ieder? Dass man an iUni romantischen 
Anschauungen von einem mystischen Ursprünge der Vülks{)oesie nicht 
mein- festhalten kann, hdiieii auch diese Lieder. Wir sehen auch hier, 
dass durchaus nicht das ganze N'ulk singt, sondern nur einzelne besonders 
talentierte Individuen die Lieder fortpflanzen; diese Lieder entstanmien 
natürlich auch individuellen Verfassern, welche sie nach ihren eigenen 
Erlebnissen, nach Erzählungen anderer oder nach der Tradition, manchmal 
s(vgar luudi einer Chronik, die ihnen jemand vorlas, dichteten. Direkte 
Andeutungen jedoch geben vier Sänger nur über (Mucni Autor, aber dieser 
eine bekannte Autor war kein Mann. In Udbina in der Lika (Kroatien) 
lebte eine blidolika Ajka (bleichwangige Ajka), weichte alle Scharmützel, 
Kriege und Raubzüge besang; zu ihr nmsste jedermann kommen und die 
Wahrheit sagen; ihre Lieder drangen dann nach Bosnien, wie überhaupt 
die Lika als die Heimat der besten (iesänge gilt. Männermordende 
Gemetzel beschrieb also ein Mädchen, das mit manchem Dichter die Blässe 
der Wangen gemeinsam hatte. Wie würde sich jener Engländer darüber 
freuen, der behauptete, die ganze Odyssee habe eine Dichterin geschrieben! 
Einige Sänger erwähnen ganz dunkel auch Liederbücher; doch vergeblich 
suchte .Marjanovir eint^m solchen auf die Spur zu kommen, wenngleich er 
bei seinen Nachforschungen neue Beweise für die Existenz von Lieder- 
handschriften erhielt. 



24 Murko; 

Über das Alter der Lieder oder wenigstens ihrer Grundlageu gibt 
uns der Inhalt Aufsehluss. Grosse kriegerische Ereignisse werden nicht 
besungen-, die Eroberung vou Bihac (an der Una, in der bosnischen 
'Krajina' d. i. Grenze) oder die Belagerung von Esseg bilden das Höchste 
in dieser Hinsicht. Ein Lied erzählt auch, wie die Herzegowina unter 
die Herrschaft der Türken gekommen ist. Sonst haben war es aber mit 
jenen grösseren und kleineren Grenzkämpfen zu tun, die in den durch 
150 Jahre unter türkischer Herrschaft stehenden ungarischen, kroatischen 
und dalmatinischen Gebieten auf der Tagesordnung standen. Im Mittel- 
punkt steht die Lika in Kroatien, zu der im weiteren Sinne auch das 
Grenzgebiet um Bihac im heutigen Bosnien und das an der Cetina in 
Dalmatien gezählt wird. Der Sandzak Lika besass grosse strategische 
Wichtigkeit gegen Österreicli (Generalat Karlstadt) und Venedig (sein 
Repräsentant ist im Liede der 'Banns tou Zara'). Nicht weniger als 
150 Lieder der 'Matica Hrvatska' werden dahin verlegt (licke pjesme). 
ungefähr 40 nacli Ungarn (ungjurske), zu dem die Sänger auch Slawonien 
rechnen. Die übrigen, die diesen ähnlieh sind, beziehen sich auf Bosnien 
und Herzegowina oder auf Sultane (carske) und Veziere (vezirske), deren 
Verrat in den eroberten christlichen Ländern geschildert wird. Die meisten 
Lieder fallen daher in das 17. Jahrhundert, und Marjanovie möchte im 
Einvernehmen mit einigen Sängern am Ende des 19. Jahrhunderts nur 
wenigen ein höheres Alter als von 'iOO Jahren zuschreiben. 

Jedes Lied hat gewiss eine historische Grundlage, doch aus den 
allgemeinen und unklaren Schilderungen kann man sich keine Vorstellung 
von bestimmten historischen Ereignissen machen. Nur allgemein werden 
einander Gar (Kaiser von Konstantinopel) und Cesar^) (Kaiser aou Wien) 
gegenübergestellt, ebenso fehlen die Namen der Heerführer auf beiden 
Seiten. In jedem Liede stehen einzelne Helden oder Personen im Vorder- 
grunde, deren Handlungen die Feindschaft gegen Angehörige eines anderen 
Glaubens und eines anderen Staates leitet. In den meisten Liedern 
spielen die Frauen eine grosse Rolle. Häutig sind Zweikämpfe, bei 
welchen die Wahlstatt mit 60 und 24 Lanzen im Geviert abgemessen 
wird; nach dem jeweiligen Ausgang kann ihnen ein Gefecht der beider- 
seitigen Scharen folgen^). Den Anlass zu solchen Zweikämpfen gibt 
häufig eine Frau oder die Ehre. Mädchen- und Frauenraub, Hochzeiten, 
Hochzeitszüge und deren Störung, Loskauf gefangener Helden, häufig um 
den Preis einer Frau, Beschenkung der Helden, hauptsächlich mit Bräuten, 



1) Beide Ausdrücke stammen aus cesar\ das aus Caesar hervorgegangen ist. In 
ähnliche Weise stellt der Kleinrusse (Ruthene) dem car' (von Rusyland) den cisar' entgegen. 

2) Vgl. die Schilderung eines doi)pelten Zv?eikanipfes und eines folgenden Kampfes 
(Hrv. nar. pj. 3, •245"ff.). Der gewöhnliche Vorgang ist: zuerst Lanzenstechen zu Pferde. 
dann Schiessen, Kamjif mit dem Säbel, häufig schon zu Fuss. Auch ein österreichischer 
General Hajser (Heister?) besteht zwei Zweikämpfe mit ungarischen Türken (ebd. \, (558\ 



Die Volksepik der bosnischen Moliammedaner. 25 

Vergeltung für angetane Gewalt, das sind die gewöhnlichen Liederstoffe. 
Treue und unbedingte Einhaltung des gegebenen Wortes zieren die Helden. 
Manchmal bedient man sich, wenn der Heldenmut nicht hilft, dem Feinde 
gegenüber auch der List, hauptsächlich mit Hilfe der Frauen, doch wird 
dies vom Sänger auch übel vermerkt oder mit der Not entschuldigt. Viele 
Lieder beginnen mit einem Trinkgelage oder einer unschuldigen Unter- 
haltung und enden mit blutigem Kampf. Die christlichen Helden haben 
Sehnsucht nach Türkenmädchen und -Frauen, die türkischen noch mehr 
nach christlichen. Die türkischen Lieder bevorzugen natürlich auch in 
dieser Hinsicht die türkischen Helden, denen die Christenmädchen, unter 
denen man sogar österreichische Generalstöchter') findet, nur in die Arme 
fliegen. Doch wird auch christlichen Mädchen, die den Glauben nicht 
ändern wollen, das Lob nachgesagt, dass sie 'Mädchen von echtem Herren- 
geblüt' [prave gospodske divojke^)] seien. Eine christliche Wirtin ist 
gewöhnlich Bundesgenossin der türkischen Helden, denen sie für Liebe 
und Dukaten ihre christlichen Brüder und Schwestern. Burgen und 
Schlösser ausliefert A^erkleidete Mädchen und Frauen beschämen manchmal 
die Helden im Reiten und durch Heldentaten^). Ein Zeugnis für die so 
auffällige Frauenverehrung bietet auch die Tatsache, dass wiederholt 
betont und ausbedungen wird, Mädclien dürfe keine Gewalt angetan und 
sie sollen gegen ihren Willen nicht zu Türkinnen gemacht werden; ge- 
fangenen Mädchen und Frauen wird die Rückkehr auch ohne Lösegeld 
freigestellt. Sogar der Lieblingsheld dieser Lieder muss sich einmal den 
Vorwurf gefallen lassen*): „Du machst gewaltsam Mädchen zu Türkinnen, 
Mustaj-Beg; das ist nicht heldenmässig." Auch die gefangenen Türkinnen 
rühmen es, dass sie den Ramazan feiern und ihre religiösen Gebräuche 
frei beobachten konnten. Am Schlüsse vieler Lieder wird betont, dass 
der Held seiner Frau, die er im blutigen Kampf erworben hatte, daraus 
nie einen Vorwurf machte. 

Die Lieder zeichnen sich nicht bloss durch epische Breite, sondern 
auch durch Übertreibungen aus, die den Heldentaten der Türken zu- 
gute kommen und oft grosse. Naivität in bezug auf die Übermacht des 
Halbmondes verraten. Die christlichen Helden kommen in den Liedern 
schlecht weg, was die Christen in ihren Liedern bekanntlich den 
Mohammedanern vergelten. Von ünwaln'scheinlichkeiten und märchen- 



1) So Mara, Tocliter des Kavnar-geneval, und .lela, Tochter des Piiip (Philippl-general, 
vom 'breiten Felde Pucenik' an der Donau, unterhalb Koraom, die beide Omerbeg ron 
Pecuj (Fiinfkirchen) zufallen, da sein Wahlbruder Osman bei der Entführung umgekommen 
ist (Hrv. nar. pj. 4, 453-477 nr. 45\ 

•J) Hrv. nar. pjesme :'>, 187. 

3) Vgl. den Zweikampf der Ajka Hrnjica (Hrv. nar. pjesme 4, Nr. .".7, V. 810-877, 
dazu S. 580). 

4' Hrv. nar. pj. •">, -^1)7. 



26 Murko : 

liafteii Zügen seien nur einige erwähnt: Ein Heldenross läuft in einigen 
Stunden von Glasinac in Bosnien nach Siebenbürgen und von da nach 
Konstantinopel; acht- bis zehnjährige Kinder vollbringen Heldentaten: ein 
Beg entführt dem Wiener Kaiser seine Schwester. Solche ünwahr- 
scheinlichkeiten flechten aber die Sänger absichtlich ein; denn die tür- 
kischen Frauen und Mädchen, die grossen Haremskinder, hören die 
^liirchen gern. 

Dem türkischen Reich und der nioliammedanischen Welt stehen gegen- 
über cesarovina (Kaiserreich) und rimluk (römische AVeit). Der Wiener 
Kaiser (cesar becki, Becanin cesar, kruna [Krone] Becaniu, auch kralj 
[König] Becanin) herrscht über sieben Königreiche und ebenso viele 
Könige, unter denen sich auch die Könige von Polen (kralj lehovski) 
und Moskau (moskovski) befinden, die aber gegen das türkische Reich 
auch selbständig Krieg führen. Dem Wiener Kaiser untersteht auch der 
Doge von Venedig (duzd, princip mletacki), dem pokrajina principovina, 
d. i. das venezianische Dalmatien, gehört, dessen Statthalter (ban) in Zara 
residiert. Dem türkischen Kaiser sind sechs Schahs (sahovi) Untertan'); 
damit er dem Wiener Kaiser gleichgestellt sei, geben ihm die Sänger als 
siebentes Land das 'edle Bosnien' (Bosna plemenita). — Der Sultan-car 
sitzt auf dem Thron hinter einem Vorhang; er sieht alles um sich herum, 
ihn aber niemand. Er spricht hinter dem Vorhang, nur manchmal zieht 
er ihn weg. Ihm zunächst steht der sehislam (seh-ul-islam), der Kanzler 
des car, der die von ihm geöffneten Briefe auch verstecken oder falsch 
beantworten kann; häufig ist es ein geheimer Christ; einen solchen Ver- 
räter entdeckt gewöhnlich ein Vezier oder Pascha, der in Bosnien ge- 
dient hat. 

Bosnien und seine Bewohner dienen dem Kaiser am treuesteu. Wenn 
die übrigen Schahs und ihre Heere nichts ausrichten können, so komn)t 
immer Bosnien zu Hilfe. W^enn im ganzen Reich kein Held zu finden 
ist, der für den Kaiser einen gefährlichen Zweikampf bestehen niöclite, 
so stellt ihn Bosnien, und wenn ihn dieses nicht hat, so findet er sich in 
der lika und Krbava. 

Die Untertanen des Wiener Kaisers heissen ohne Unterschied des 
Landes, des iTlaubens und der Nationalität kauri (Uiaurs), vlasi (W^alachen, 
worunter Orthodoxe und Katholiken verstanden werden), kranjci, kranjad, 
kranjadija (Krainer), was der wichtigen Rolle des im 17. Jahrhundert viel 
grösseren Krain in den Türkenkriegeu entspricht, auch lacmani (aus 
Landsmann), spanjuri (Spanier), nimci (Deutsche). Nimac (Deutscher) ist ein 
grösseres Obel als die Pest. — Den nioliammedanischen Primaten [ajani^)]. 



1) Vgl. deren Aufzählung (Hrv. nar. pjesnie •'!, 8;'), 5S1.\ 

2) Charakteristisch lür ihre Verhältnisse ist die Angabe eines Liedes, dass ein Aga, 
der einen citluk, einen agaluk besass und drei edle Rosse au der Krippe hielt, 'der erste 
ajan in Udbina' war (Hrv. nar. pj. :'>, .'359) 



Die Volksepik der bosnischen ^lohammedauer. 27 

den begovi, age, spahije, steht die Raja gegenüber. Das Verhältnis 
zwischen beiden wird als ein ganz patriarchalisches geschildert, was be- 
greiflich ist, denn die Türken brauchten eine arbeitende Bevölkerung, nni 
als Aristokraten und ihrem Kriegshandwerk leben zu können. Übrigens 
besorgt die Raja im Kriege nicht bloss die Verpflegung ihrer Herren, 
sondern steht ihnen in den Grenzgebieten auch mutig zur Seite. Diese 
.Türken verloren nach ihrer eigenen Anschauung die Lika, als die Liebe 
Hier Spahis zu ihrer Raja aufgehört hatte. 

Die Helden und ihre Pferde tragen ein ganzes Arsenal von Waffen. 
Das Ross ist mit einem Brustpanzer geschützt und trägt häufig auch eine 
mit Stahlfedern ausgefütterte Decke. Der Held selbst steckt auch im 
Panzer und häufig in einem Panzerhemde. Der Held und sein kriegs- 
tüchtiges Ross sind unzertrennlich: Zärtlichkeitsansdrücke, wie 'mein 
Bruder und Freund, mein rechter Flügel" für das Ross. sind keine Seltenheit; 
einige nach Farbenmerkmalen (sarac, putalj, golub, gjogat) benannte 
Rosse haben es zu besonderer Berühmtheit gebracht. 

Aus den Liedern geht hervor, dass den Türken und ihren christ- 
lichen Naclibarn ein längerer Friede unerträglich war: liäufig wurde er 
durch Plünderungszüge unterbrochen, in denen man sich Waren und 
Vieh, vor allem aber Sklaven, für die ein Lösegeld oder ein Kaufpreis 
zu erwarten war, holte. Immerhin l)estanden auch zwischen Christen 
und Türken Wechselbeziehungen, die sogar (Uircli Wahlbruderschaft') 
(pobratimstvo) und Gevatterschaft (k^mstvo) geheiligt waren. Der 
Glaube, die religiösen Bräuche und die Gotteshäuser wurden gegenseitig 
geachtet. 

Lied und Reigentanz (Kolo) spielen eine grosse Rolle, nanieutlich 
bei feierlichen Anlässen, wie bei Hochzeiten und Beschneidungen auf 
türkischer Seite, bei Taufen, Hochzeiten, Namenstagen, Kirchweihfesten 
auf christlicher. Jede Unterhaltung beginnt mit einem 'zaubervollen 
(divno) Kolo\ das gewöhnlich 30, seltener 60 Mädchen, unter der Au- 
führuug der Tochter des Hauses oder eines angesehenen Mädchens mit 
Gesangbegleitung tanzen (daher heisst es von der Anführerin: Kolo vodi 
i pjesme izvodi). Jünglinge tanzen mit oder schauen von der Seite zu. 
Ausserhalb des häuslichen Hofes wird das Kolo selten getanzt, abgesehen 
von der Kirchhofumfriedung. Bei solchen Reigentänzen kommt es häufig 
zu gewaltsamen oder geheimen Entführungen der Mädclien und zum Raub 
eines männlichen Kindes mit Unterstützung des Mädchens, worauf Streit, 
Verfolgung, Gefecht und Zweikampf folgen. Ohne Kolo und Mädchen 
gäbe es nicht soviel Romantik und würde nicht soviel Blut vergossen 
werden. 



1) Vgl. die Scbilderiuig dieses Verlüiltuisses zwischen Hrujica Mujo und Senjat 
Ivan in den Hrv, nar. pjesme 4, •228—241, namentlich den Schluss des Liedes. 



28 Murko: 

Die Mäimer können sich aber auch allein unterhalten. Turniere mit 
stumpfen oder hölzernen Lanzen, die nicht l)loss mit dem Sturz aus dem 
Sattel, sondern auch blutig endigen können, Ringkämpfe, Steinwerfen, 
Springen, Wettlaufen, Schiessen uach einem Ziel sind alltägliche Unter- 
haltungen. Den Höhepunkt bilden aber Pferdewettrennen (obdulja), die 
nur reiche Primaten veranstalten können. Wer bei einem Türken das 
Rennen gewinnt, erhält als Preis eine Sklavin oder Christin, ein gesatteltes 
Pferd, eine grössere Summe Dukaten oder Tuch. Betrug und Streit sind 
dabei nicht selten. Wenn ein Christ ein Türkenmädchen als Preis aus- 
schreibt, so kommen auch Türken, meist verkleidet, herbei, gewinnen das 
Rennen oder befreien das Mädchen nach einem blutigen Kampf. So ver- 
anstalten der Bau von Zara und Siget Wettrennen, zu denen auf ihre 
Einladung Mustaj-beg von Lika mit den besten Heidon und Rennpferden 
erscheint. Die Sänger verwenden viele Yerse auf Schilderungen von 
Wettrennen, die aber immer gleich bleiben. 

Der Lieblingsheld der bosnischen Mohammedaner ist Mujstaj-beg 
von der Lika (licki), Befehlshaber der Lika und Krbava, dessen Popu- 
larität der des Kraljevic Marko auf christlicher Seite gleichkommt. Die 
Erlebnisse und Leiden aller Helden hat er selbst auch durchgemacht. 
Aus einem kleinen (Teschlecht rang er sich zu seiner angesehenen Stellung 
empor. Einer Frau wegen war er in die Lika geflohen, um hier sein 
Olück zu machen, einer Frau wegen verlor er nach langer Zeit auch das 
Leben. Er wird am häufigsten i^i Lied gefeiert, als ob er während der 
ganzen hundertfünfzigjährigen Türkenzeit in der Lika geherrscht hätte, 
auf ihn sind viele Taten seiner Vorgänger und Zeitgenossen übertragen. 
Willig gestehen ihm seine Kampfgenossen die Führerschaft in allem zu, 
in ähnlicher Weise teilt er mit ihnen Freud und Leid. — Für die 
Slawisierung und Entstellung von Namen gibt es in diesen uns der Zeit 
nach so nahe stehenden Liedern interessante Beispiele. Ich greife nur 
einige heraus: Aus Morosini wird Moruzinovic, aus Auersperg Osprgan. 
aus Gal-Kapetan (Hauptmann Gall) von Otocac Gavran-Kapetan. weil der 
Sänger an gal, galast im Sinne von vran, gavran, d. i. rabenschwarz, dachte. 

Obgleich uns diese Lieder hauptsächlich vom volkskundlichen Stand- 
punkte interessieren, ist doch die Frage erlaubt: wie steht es mit ihrer 
poetischen Schönheit? Man kann darauf kurz antworten: Wie überall 
gibt es auch hier gute und schlechte Dichter und Sänger. Ebenso kann 
man versichern, dass es ganze Lieder oder wenigstens Liederbestandteile 
gibt, die zum Schönsten gehören, was die künstlerisch so hoch entwickelte 
serbokroatische Yolkspoesie aufzuweisen hat. Man vergleiche z. B. die 
imgemein realistische und doch so poetische und ergreifende Schilderung 
der zwölfjährigen Gefangenschaft des Merdanagir Mujo und seiner Ge- 
nossen beim Kapetan von Brinje (Hrv. uar. pjesme o, l()5ff.), Be- 
schreibungen der Mädchenschönheit (ebd. 21(), •220 u. ö.), einen Mädchen- 



Die Volksepik der bosnischen Mohammedaner 29 

fluch (254), die Klagen eiues Jüuglings, dann des Mädchens, das einen 
nicht geliebten Mann heiraten soll, vor der Rose, bei der sie sich die 
Liebe geschworen haben, und die Wiederholung ihrer Schwüre (305 f.), 
die schöne Schilderung der Folgen eines langjährigen Friedens bei den 
Christen (355) oder einer Ernte türkischer Mädchen, denen ihre Liebhaber 
zuschauen, bis der Kommandant von Karlstadt heranrückt und aus der 
Ernteidylle ein blutiges Gefecht wird, bei dem die Garben als Schanzen 
aufgeworfen werden, hinter denen die Mädchen Gewehre laden (4, 228 ff.), 
oder das kurze schöne Lied, das ein Beg anstimmt (447). Auch an Humor 
fehlt es nicht; so hat bei einem sehr ergiebigen Beutezug Tale, der die 
Rolle des Xarren unter den Helden spielt, ein altes Weib, eine sechzig- 
jährige Popenfrau, erobert, die aber doch nicht zu verachten ist, weil sie, 
worauf sie selbst aufmerksam macht, in ihrem Busen 100 Dukaten ver- 
borgen hält (3, 378). Ungemein ansprechend sind zahlreiche Vergleiche: 
so fliegen Worte (rici . . letilice) von Mund zu Mund wie der Vogel von 
einem Zweig zum andern (3, 76); bei einem Trinkgelage geht der Becher 
herum wie ein Vogel von Zweig zu Zweig, wenn er im Frühjahr sein 
Xest flicht (3, 211); ein Mädchen wird als 'ungebrochener Zweig' an- 
gesprochen (3, 217 u. ö.); einem beschämten Helden erheben sich die 
Haare wie bei einem Wolf im Dezember (3, 220; der Wolf im Dezember 
ist überhaupt ein beliebtes Bild). Häufig sind Wortspiele, Antithesen, 
Assonanzen und Reime innerhalb des Verses, wodurch auch diese Lieder 
mit der dalmatinischen Kuustdiclitung und ihren italienischen Mustern im 
Zusammenhang stehen. Die Abhängigkeit von der dalmatinisch-italienischen 
Kultur ist auch im Kimstgew^erbe sichtbar, denn ein Sänger beschreibt 
(3, 5*J7) die Stickereien auf der Kappe eines Mädchens von Zara, die an 
ähnliche Schilderungen dalmatinisch-ragusanischer Dichter der Renaissance 
erinnern (z. B. Hanibal Lucic-, Stari pisci hrvatski 6, 287 V. 115 ff.); ebenso 
sticken sich Mädchen Abbildungen (penga, Verbum pengati aus lat. pingere) 
von berühmten Helden und ihren Rossen (4, 457. V. 473 — 47.'); S. 711 sub 
penga). 

Die Sammlung Hörmanns beweist, dass viele Lieder aus der Lika 
und dem nordwestlichen Bosnien sich über ganz Bosnien und Herzegowina 
ausgebreitet haben. Diese Varianten hat Marjanovic im Anhang seiner 
Sammlung auch angemerkt, andere können nun in Fr. S. Krauss' 
'Slawischen Volkforschungen' nachgewiesen werden. Marjanovic behauptet, 
dass die Lieder immer schlechter werden, je weiter sie sich von ihrem 
Ursprungsort entfernen; namentlich ihre geographischen Angaben geraten 
ins Wanken; und auch Krauss bemerkt (S. 220), dass das Lied eines 
Bosniers treuer die dortigen Verhältnisse wiederspiegle als das eines 
Herzegowiuers. Das kann ganz richtig sein, aber daraus folgt noch nicht, 
dass das Lied absolut schlechter werden müsse; denn wir können uns 
recht gut den Fall denken, dass es an poetischer Schönheit und Wahrheit 



:]() Stewart: 

auch gewinnt, was namentlich in der Herzegowina möglich wäre. AVenn 
man weiter bei Kraiiss liest, dass die (hislaren vermöge ihrer Kunst def 
Kezitation sozial keinerlei ausgezeichnete Stellung einnehmen (180), 
Landstreicher (ebd.) und keine Arbeiter seien (189) und ihre GeAvährs- 
niänner nicht zu nennen wissen (iS6), dass die Sänger vollbrachter Helden- 
taten gewöhnlich dem Leibgefolge des Anführers angehören (225; vgl. 
oben das Mädchen!), wenn Krauss bewundert, „mit welcher Treue das 
(jedächtnis des Volkes ohne schriftliche Behelfe den Gang der Ereignisse 
jener Zeiten im grossen und ganzen zutreffend festgehalten habe" (252) 
und endlich versichert, dass er „nach den Liedern keine bevorzugte 
Stellung der Frau zugeben" könne (o84), so sind diese Behauptungen 
mindestens zum Teil oder ganz unrichtig; unhaltbar ist nach den Angaben 
von Marjanovir sogar der Name 'Guslarenlieder', da sie Avenigstens im 
nordwestliehen Bosnien nur zur Tämbura gesungen werden, deren 
aber Krauss gar nicht gedenkt. Es gibt also noch genug ungelöster 
Fragen, die vor allem mit der Wanderung und Verbreitung der Lieder 
zusammenhängen und neue Aufklärung über die Existenzbedingungen der 
Volksepik versprechen. Auf jeden Fall verdienen die epischen Lieder der 
bosnischen Mohammedaner mehr Aufmerksamkeit von selten der Slawisten 
und anderer Forscher. 

Graz. 



Die Entstellung des Werwolfgiaubens. 

^'on Caroline T. Stewart. 



Es ist ein fast allgemeiner Aberglaube, dass der Mensch die Gestalt 
eines Wolfs, bisweilen auch eines anderen Tieres annehmen kann. Solcli 
ein verwandelter Mensch heisst im Germanischen Werwolf oder Mann- 
wolf, d. h. ein Wolf, der eigentlich ein Mensch ist. Der Werwolf war 
also ein Mann in der Gestalt oder in dem Kleide eines Wolfes^), der 
meist nachts erschien (vgl. S. H6) und, wie man gewöhnlich glaubte, den 
andern Menschen Schaden brachte^). Der Ursprung dieses Werwolf- 
aberglaubens ist bisher nicht befriedigend erklärt worden. Adolf Erman 
(Reise um die Erde durch Nordasien 183o L 232) deutet die Anspielung 
Herodots^) auf die Verwandlung der Neurer (die in dem heutigen Wol- 
hynien in Westrussland lebten) in Wölfe, indem er sie auf iiire winter- 
liche Pelztracht zurückführt. Diese Erklärung aber würde auf ähnlichen 
Aberglauben in warmen Klimaten nicht passen. Die Encyclopaedia 
llritannica 15, 438 schreibt den Ursprung der l^ykanthropie dem Ursprung- 



Die Entstehung des Werwolfglaubens. 31 

liehen 'Totemismus' zu, nach welchem jeder A'olksstamm ein Tier als 
Totem verehrte, das dessen Feinden abhohl war. Noch eine andere Er- 
klärung von einem Führer der toten Seelen als dem ursprünglichen 
Werwolf") führt unsere Anm. .')! an. Die Erklärung des Ursprunges des 
Werwolfglaubens muss eine solche sein, die sich über die ganze Welt hin 
anwenden lässt, da der Werwolfglaube beinahe überall begegnet (siehe 
Anm. 4 und Mogk in Pauls Grundriss 3, 272). ganz besonders aber heute*) 
in Nordwestdeutschlaud und slawischen Ländern, nämlich in den Ländern, 
wo der Wolf am allgemeinsten ist^)^); nach Mogk herrscht der Aber- 
glaube heute besonders im Norden und Osten Deutschlands^). 

Der Werwolfaberglaube ist uralt und gehört den primitiven Menschen 
an*). Seiu Merkmal ist die Verwandlung eines lebenden Menschen in ein 
Tier, und zwar in einen Wolf in Gegenden, wo der Wolf häufig vorkam 
(Wolhynien, auch sonst in Europa, Nordasien®); in einen Löwen, eine 
Hyäne oder einen Leoparden in Afrika, wo diese Tiere häufig sind; in 
einen Tiger oder eine Schlange in Indien^); in anderen Gegenden in 
andere Tiere, die diesen Gegenden eigentümlich sind (Anm. 4, Enc. Brit). 
Bei den Lappen und Finnen kommen Verwandlungen in Bären, Wölfe, 
Renntiere, Fische und Vögel vor; bei den nordasiatischen Völkern sowie 
einigen amerikanischen Indianerstämmon in Bären: unter den letzteren 
auch in einen Fuchs, Wolf, Truthahn oder eine Eule; in Südamerika in einen 
Tiger oder Jaguar, doch auch in einen Fisch und eine Schlange. Am 
allgemeinsten aber, scheint es, war die Verwandlung in Wölfe oder 
Hunde"). Da der Aberglaube so weitverbreitet ist (Deutschland, Ost- 
europa, Afrika, Asien, Amerika), so muss er entweder in sehr früher Zeit 
entstanden sein, als all diese Völker miteinander in Verbindung standen 
(nach Mogk z. B. unter den westindogermanischen Völkern, als sie noch 
ein Ganzes bildeten und als Schäfer den W^olf den Räuber ihrer Herden 
besonders fürchteten)") oder unabhängig in verschiedenen Ländern, weil 
die Entwicklung des Menschengeschlechts unter ähnlichen Zuständen ähn- 
liche Erscheinungen zeitigte. 

Der Ursprung des Aberglaubens wird die Sitte des urs])rünglichen 
Menschen gewesen sein, das Fell oder Kleid eines Wolfes oder anderen 
Tieres^-') anzuziehend^). So sagt Leubuscher S. 46: „Es ist der Mythen- 
kreis eines jeden Volkes aus einfachen wahren Begebenheiten hervor- 
gewachsen" (Anm. 11. 12. 1.")). Wahrscheinlich entstand auch die Vor- 
stellung von der Sprache der Tiere aus solcher Tierkleidung der Menschen. 
Warum nun der primitive Mensch ein solches Fell oder Kleid anzog, 
wollen wir sofort untersuchen. 

Der ursprüngliche Mensch lebte unmittelbar neben den feindlichen 
Tieren imd musste diese entweder besiegen oder selbst vernichtet werden. 
In Europa entstand der Werwolfglaube vermutlich noch, während die 
Griechen, Römer, Kelten und germanischen Völker miteinander vereint 



32 Stewart: 

waren; denn sie liaben alle diesen Aberglauben. Wahrscheinlieli war 
damals der ludoeuropäer, der noch keine metalleneu Waffen besass, der 
unerbittlichen Natur gegenüber beinahe hilflos. Seine Nahrung be- 
schränkte sich auf Wurzeln, Beeren und Tiere, und das wichtigste waren 
die Tiere (Anm. 15, Schluss). Da es ihm ohne wirksame Waffen schwer 
fiel, ein grosses Tier zu töten, musste er darauf sinnen, diesen Feind auf 
andere Art zu überwältigen. Er verbarg sich nicht mehr vor ihm, sondern 
tegann ihn zu beobachten, seine Gewohnheiten zu studieren und zu er- 
fahren, was gewisse Tiere unter gewissen Umständen taten, und was sie 
verscheuchte oder anlockte. So boten dem primitiven Menschen die 
grösseren Tiere beständig Anlass zur Furcht, und doch bedurfte er ihr 
Fleisch zur Nahrung und ihre Felle zur Kleidung^®). 

Man erdachte sinnreiche Erfindungen, die Tiere zu fangen. Ohne 
Zweifel ist der Gebrauch von Ködern, durch die man die Tiere in eine 
Falle lockt, uralt. Einige Tiere zog man durch Lockspeisen herbei, 
andere durch Exemplare ihrer Gattung. Dazu brauchte man zuweilen 
Tiermasken ^^) oder auch das ausgestopfte Fell eines gleichen Tieres, 
z. B. den ausgestopften Balg einer Wildente^'). Natürlich geriet der Jäger 
l)ald auf den Gedanken, wo ein grösseres Tier in Betracht kam, selber 
das Fell anzulegen; so konnte ein mit einem Wolfsfell bekleideter Mann 
sich einem einzelnen Wolf genügend nähern, um ihn mit seiner Keule, 
einem Stein oder einer anderen Waffe anzugreifen, ohne vorher dessen 
Verdacht zu erregen^®). Wenn der primitive Mensch also die völlige 
oder teilweise Tierverkleidung zunächst auf der Jagd verwandte, um sich 
Nahrung und Kleidung zu verschaffen, so machte er ferner von ihr 
Gebrauch beim Tanz und Gesang. Diese beiden Fertigkeiten mögen aus 
der Nacliahmung der Bewegungen und der Rufe der Tiere entstanden 
sein (Anm. 19. 21). Ursprünglich wollte man die letzteren dadurch an- 
locken; mit der zunehmenden Kultur aber entstand der Glaube an die 
übernatürliche AA'irkung des Tanzes und Gesanges, durch den man sich 
Zaubermittel gegen Leibesübel (Anm. 21) und endlich auch Unterhaltung 
verschaffen wollte (Anm. 20). Wurden Tanz und Gesang zu einem ernsten 
Zweck gebraucht, so stellten sich die Künstler vor, die Tiere zu sein, die 
sie nachahmten (Anm. 13. 20. 22), und beim Tanz trugen sie die Felle 
der Tiere, die sie darstellten (Anm. 20. 22). 

Solange die völlige oder teilweise Tiergestalt bloss zum Ködern und 
zum Spiel (dem ursprünglichen Tanz), also zu friedlichen Zwecken an- 
genommen ward, galten wahrscheinlich solche Leute, die ganze oder teil- 
weise Tiergestalt hatten, nicht als schädlich für den Menschen'''), ebenso 
wie die weisen Frauen erst für Hexen gehalten wurden, als sie durch 
ihre Kunst Böses taten (Anm. 45). Ähnlich verhält sich die Sache bei 
den Masken (Anm. 32 a). Es dauerte lange, bis der Mensch sich mit 
den lebensgefährlichen Tieren, die ihm Nahrung und Kleidung lieferten, 



Die Entstehung des Werwolfglanbens. 33 

messen konnte, obwohl er gerade diese zuerst studierte (Anm. 15. 23); 
und wir dürfen nicht annehmen, dass er sich verkleidete, um sie dar- 
zustellen, ehe er ihnen gewachsen war, da der ursprüngliche Zweck der 
Verkleidung darin bestand, Nahrung und Kleidung zu bekommen. 

Neben dieser Bestimmung der Tierverkleidung, die wilden Tiere des 
Waldes anzulocken und zu überlisten, die auch beim Zaubertanze durch- 
schimmert, konnte noch eine andere Absicht massgebend sein: der primitive 
Mensch legte das Fell oder Kleid eines Tieres an, wenn er auf Beute 
oder Kundschaft auszog, um eine Entdeckung durch den Feind zu ver- 
meiden. Die Pawnee-Indianer z. B. (G. B. Grinnell, Pawnee Hero Stories 
and Folk Tales 1893 S. 245 f.) wurden von den benachbarten Stämmen 
Wölfe genannt, wie Grinnell sagt, wahrscheinlich nicht aus Verachtung 
(Anm. 25), da es zweifelhaft ist, ob ein Indianer den Wolf mehr ver- 
achtet als den Fuchs, das Kaninchen oder Elentier, sondern wegen ihrer 
Gewandtheit als Späher, Krieger und Räuber der Pferde oder, wie die 
Pawnees selbst meinen, wegen ihrer langen Ausdauer, ihrer Gewandtheit 
beim Nachahmen der Wölfe, durch die sie bei Tag oder Nacht Ent- 
deckung durch den Feind vermeiden können oder, nach Aussage anderer 
Stämme, weil sie wie die Wölfe herumstreichen ^°), die Ausdauer der 
Wölfe haben, den ganzen Tag unterwegs sein und die ganze Nacht tanzen 
und lange Reisen machen können, indem sie die Leichen, die sie unter- 
wegs finden, essen oder hungern. Ferner waren nach Grinnel die Pawnees, 
wenn sie in den Krieg zogen, immer bereit, die Wölfe nachzuahmen. . . . 
Wölfe auf der Prärie waren zu gewöhnliche^), um Beachtung zu erregen; 
nachts kamen sie ganz nahe ans Lager der Indianer. . . . Der Pawnee, 
der auf die Kriegsfahrt zog, führte gewöhnlich ein aus Wolfsfellen gemachtes 
Kleid mit sich, in späterer Zeit auch eine weisse Decke oder ein weisses 
Betttuch; darein wickelte er sich nachts und ging, indem er sich auf 
Hände und Kniee niederliess, oder trabte wie ein Wolf hierhin und 
dorthin, da er sich auf diese Weise in einen häufig vorkommenden Gegen- 
stand der Landschaft verwandelt hatte. Diese Verkleidung wurde auch 
am Tage zum Kundschaften gebraucht. . . . Während die übrige Bande 
in irgend einer Schlucht oder Höhlung versteckt blieb, zog ein Indianer 
seinen Mantel an und galoppierte auf allen Vieren bis zum Gipfel des 
Hügels, wo er sich niederhockte und das ganze Land überblickte, und 
wer ihn aus der Ferne sah, hielt ihn für einen W^olf. Allgemein wurde 
anerkannt, dass die Pawnees die Wölfe am besten nachahmen konnten. 
Ebd. S. '245: Ein Indianer, der in Feindesland geht, heisst oft ein Wolf, 
und das Zeichen für Späher ist aus den Zeichen Wolf und sieh zu- 
sammengestellt"'^). Sollte irgend ein Späher Gefahr entdecken, wenn er 
z. B. des Nachts nahe einem Lager auf Posten steht, so muss er den 
Ruf des Präriewolfs ausstossen (Ethn. Report 1881^82, S. 323, Anm. 28). 

Zeitselir. d. Vereius f. Volkskunde. 1909. ^ 



34 Stewart: 

Die Vorstellung- vou der Gefährlichkeit eines Mannes in Tier- 
gestalt oder Tierkleid für andere Menschen bildete sich allgemeiner erst, 
als solche Menschen die Tierverkappung nicht nur zur Überlistung grosser 
Tiere benutzten, sondern sich auch als Späher, Räuber ^^) und später bei 
dem Umsichgreifen des Zauberglaubeus (Aum, 32b) als Besitzer über- 
natürlicher Macht betätigten; damals begann man z. B. unter der Wolfs- 
gestalt einen lauernden Feind zu vermuten^''). 

' Alle unzivilisierten Stämme der Welt sind beständig im Zustande der 
Verteidigung, wie unser amerikanischer Indianer; bei Gelegenheit haben 
sie alle ohne Zweifel Späher ausgesandt, die, wie unsere amerikanischen 
Indianer, um Entdeckung zu vermeiden, sich die Verkleidung desjenigen 
Tieres wählte, das in der betreffenden Gegend am häufigsten vorkam, 
genau wie sie sich heutzutage bekanntermassen zum Raub und zur Rache 
(Anm. 30. 31) mit Hilfe von Tierfellen verkleiden. Während die Art des 
Tieres wechselt, bleibt die zugrunde liegende Idee dieselbe, nämlich die 
Verwandlung eines lebenden Menschen in ein Tier. Der Ursprung des 
Glaubens an eine, solche Verwandlung war, wie oben gesagt (S. 31), 
einfach das tatsächliche Anlegen eines Tierfells durch den primitiven 
Menschen. Der Zweck dieses Anlegens von Tierfellen war: 

1. Nahrung zu bekommen. Zu diesem Zweck ahmte man die Be- 
wegungen und Rufe der Tiere nach (Ursprung von Tanz und Gesang, 
vgl. Nr. 3), verwandte künstliche Köder (wie heut die Lockenten) und 
endlich selbst Tiermasken (Anm. 2. 32). — 2. In kaltem Klima Kleidung 
zli erlangen, indem man die Tiere in eine Falle lockte oder köderte (wie 
in Nr. 1). — 3. Die Nachahmung der Bewegungen von Tieren beim An- 
locken führte zum Tanze. Bei den Tänzen und verschiedenen Feierlich- 
keiten wurden die Gesichter und Körper der Teilnehmer so gefärbt wie 
Vögel und andere Tiere, die Bewegungen der Tiere wurden nachgeahmt 
und Tierverkleidung gebraucht (Anm. 19. 20. 21 und S. 32). — 4. Späher 
verkleideten sich als Tiere, wenn sie zum Fouragieren oder zum Krieg 
auszogen (S. 33 und Anm. 33), also zur Erlangung von Beute und zur 
Selbstverteidigung. Entweder trugen sie das ganze Fell, oder später 
wahrscheinlich bloss einen Teil davon als Fetisch (wie den linken Hinter- 
fuss des Kaninchens, der vou vielen unserer Neger als Zaubermittel ge- 
tragen wird. Anm. 35). — 5. Für sich oder andere Rache zu nehmen 
(Anm. 30. 34), oder bei der Erlangung von Vorteilen oder Gewinn, allen 
in den Weg tretenden Wesen Schrecken einzuflösseu. — 6. Indem man 
hierbei die Vorstellung übernatürlicher Kräfte hervorzurufen suchte ^^), 
entstand erstens der Glaube an übernatürliche Fähigkeiten^'') und dann 
— 7. der Glaube an Hexerei^''). Es ist leicht erklärlich, dass gewöhnlicli 
die sogenannten Medizinmänner (richtiger Schamauen) vorgaben, solche 
Verwandlungskraft zu besitzen, weil sie von ihren Patienten Belohnung 
erhalten wollten ^^). — 8. Endlich gaben Träume (Anm. 38, Schluss) 



Die Entstehung des Werwolfglaubens. g5 

imd übertriebene Berichte zu fabelhaften Erzählungen (Anm. 38. 39) 
Ä.nlass. 

Die Punkte 1, 2 und 3 sind bereits erörtert worden; als Beispiel von 
Xr. 4 haben wir die Gebräuche der amerikanischen Indianer angeführt 
(S. 33). Ungefähr in dieser Entwicklungsstufe, die in Nr. 4 beschrieben 
ist, wird sich der eigentliche Werwolfglaube, die Vorstellung von einem 
wütenden Mann -Wolf, entwickelt haben. Der Mann im Wolfsfell galt 
bereits als ein lauernder Räuber oder Feind, als ein Zerstörer des 
Menschenlebens. Um von dieser Vorstellung zum Werwolfwahnsinn zu 
gelangen, muss der primitive 31ensch einen Fall eines solchen Wahnsinns 
gesehen uud irgend einen Grund gehabt haben, diesen Wahnsinn besonders 
mit dem Wolf in Verbindung zu bringen. Er hat wahnsinnige Menschen 
gesehen und wahnsinnige oder tolle Wölfe (oder Hunde, Anm. 10. 41), 
deren Biss die Menschen in der Regel gleichfalls toll machte (Anm. 40). 
Der darauffolgende Wahnsinn, der überall Bestürzung verursachte, erschien 
bald einzelnen Menschen als ein gutes Mittel, um andere einzuschüchtern. 
Von diesen Tollen litten einige ohne Zweifel wirklich an der Krankheit; 
andere glaubten ehrlich, dass sie an derselben litten, und arbeiteten sich 
demgemäss in eine Art Tobsucht hinein; noch andere regten sich ab- 
sichtlich bis zum AVahnsinn auf, um die Uneingeweihten zu betrügen 
(Anm. 41). Als man später im Mittelalter die Art der Krankheit besser 
zu verstehen anfing, war der Werwolfaberglaube schon zu tief eingewurzelt, 
um leicht ausgerottet werden zu können. 

Die Punkte 5 bis 8 sind in den Anmerkungen 34 bis 39 er- 
örtert. Als ein weiteres " Beispiel der Entwicklung zu fabelhaften Er- 
zählungen (Nr. 8) können wir eine von den Geschichten anführen, wonach 
der wilde Werwolf (oder Tier- Mensch) das Land durchstreift, heult, raubt 
und Menschen und Tiere zerreist, bis er seine Menschengestalt wieder 
aimimmt. Ebenso hat wohl der primitive Späher in Tierkleidung von 
der Nahrung leben müssen, die er am Wege fand; der spätere fabelhafte 
Bericht mochte dies so schildern, als ob er in seiner Verkleidung die Eigen- 
schaften des Tieres, das er darstellte, besässe und Menschen und Tiere 
zerrisse. Man lese bei Andree, Parallelen 1, 71 das, was die Augen- 
zeugen von den wilden Leichenschmäusen der Hyänen -3Ienschen Afrikas 
berichten. Natürlich musste der uneingeweihte Augenzeuge eines solchen 
eklen Mahles war, darüber einen Bericht verbreiten, der das Entsetzen 
vor den Hyänen -Menschen weit und breit steigerte. Einige Wilde in 
Afrika (Andree 1, G9) betrachteten schliesslich ein wildes Tier, das 
ihre Kinder, Ziegen oder anderes Vieh raubte, als eine Hexe in Tier- 
gestalt (Anm. 42), ebenso wie die amerikanischen Indianer Tod, Krankheit 
und auderes Unglück den bösen Geistern zuschreiben. 

Wir können verstehen, wie der Mensch in Tiergestalt oder einem 
Tierkleide zuerst ruhig seiner Beschäftigung nachging gleich dem Pawnee- 



36 Stewart: 

Späher; wie er aber, sobald das Element des Hexeugiaubens auftrat, 
versuchte, die Täuschung aufrecht zu erhalten. Auf dieser Stufe der Ent- 
wicklung, als das ursprüngliche Yerteidigungsmittel eng mit abergläubischen 
Vorstellungen verknüpft war, mochten die Menschen in der Nacht 
lierumstreifen, indem sie heulten und ihre abscheulichen Gelage hielten 
(Anm. 43). Andree 1,71 erzählt, wie ein Soldat in Nordostafrika eine 
Hyäne anschoss, den Blutspuren folgte und zu der Strohhütte eines Mannes 
gelangte, der als Zauberer weitberühmt war. Keine Hyäne war zu sehen, 
nur der Mann selbst mit frischer Wunde. Bald starb er, aber auch der 
Soldat überlebte ihn nicht lange. Ohne Zweifel war ein Augehöriger des 
Zaubererstandes für den Tod des Soldaten verantwortlich, ebenso wie wir 
heutzutage den Menschen töten, der unsere Gesetze so verletzt, dass er 
unserer Gesellschaft zur Gefahr wird; oder wie frühere Herrscher die- 
jenigen umbrachten, die ihnen im Wege standen; oder wie die Katholiken 
die Protestanten hinrichteten, weil diese von ihrem Glauben abwichen. 
Diese Zauberer, von denen man glaubt, dass sie Tiergestalt annehmen 
können, bilden ja in der Tat oft eine Kaste, werden von den anderen 
Eingeborenen sehr gefürchtet, wohnen oft mit ihren Anhängern zusammen 
in Höhlen und kommen des Nachts hervor, um zu plündern und zu töten 
(Beispiele bei Andree 1, 70. 72. 75 usw. Anm. 44). Es liegt in ihrem 
Interesse, sich gut zu verstellen; denn wenn man ihre Schädlichkeit arg- 
wöhnte, würde man sie als Verbrecher verfolgen (Anm. 45, und für Ver- 
brecher Anm. 57). Ihre Raserei beruht, wie gesagt, in einigen Fällen auf 
Selbsttäuschung, in anderen bietet sie, wie man sich leicht denken kann, 
ausgezeichnete Gelegenheit zu persönlichem Gewinn und persönlicher 
Rache (Anm. 46). 

Nur dadurch, dass sie ihren Stammesgenossen festen Glauben an die 
Lykanthropie einfiössten und den Trug- aufrecht erhielten, konnten die 
Anstifter der Schändlichkeiten hoffen, der Bestrafung für ihre Räubereien 
zu entrinnen und weiterhin zu plündern (Anm. 47. 48). So strichen sie 
gewöhnlich unter dem Mantel der Nacht oder in der Dunkelheit des 
Waldes herum (S. 33; Anm. 35. 36. 37. 39. 45. 51. 55), heulten und be- 
nahmen sich wie die Tiere, die sie darstellten, und verbargen am Tage 
das Tierfell oder die Felldecke, falls sie eine gebrauchten (Anm. 13. 51, 
Schluss); dagegen ward das Tierfell, das man zur Verteidigung trug, sowohl 
am Tage wie in der Nacht angezogen (S. 33). Eine Geschichte erzählt 
vom Verschlucken einer ganzen Ziege, wobei der Mensch furchtbar wie 
ein Tiger brüllte (Anm. 48). Einige der verwandelten Menschen be- 
haupteten, sie könnten nur durch eine gewisse Arznei oder durch Reiben 
Menschengestalt wieder gewinnen. Die Betrüger gehörten zur Verbrecher- 
klasse der Gesellschaft, wie wir sie heute noch, wenn auch nicht mehr in 
Wolfsgestalt, haben (Anm. 49). Diesen Betrügereien nicht unähnlich sind 
diejenigen des amerikanischen Negers, der in der Kirche, beim 'Shouting', 



Die Entstehung (Ips Werwolfglaubens. 37 

d. h. wenn er durch religiösen Eifer aufgeregt ist, seinem zufällig in der 
Kirche anwesenden Feinde Schläge versetzt und natürlich straflos bleibt; 
denn er soll unter einem ausser ihm liegenden Zwange stehen, und nachdem 
der Zauber vorüber ist, behauptet er, gleich einigen der in Anmerkung 32 
und 38 erwähnten Selbstbetrüger, nicht zu wissen, was er (oder gewöhnlich 
sie) getan habe. Ähnlich sind auch die 'Voudov'- Feierlichkeiten der 
Neger, die der Feuerfresser u. a. 

Die Wolfsverkleidung oder Verwandlung in einen Werwolf war die- 
jenige, die am häufigsten, z. B. in germanischen Ländern angenommen 
wurde (Anm. 4. 10). Wolf nannte man auch den Räuber imd den 
Geächteten (Anm. 57), erstens, weil der Wolf häufig vorkam, und zweitens, 
weil mit dem Vorrücken der Kultur allmählich eine Zeit kam, wo der 
Wolf ziemlich das einzige der grösseren wilden Tiere blieb (Anm. .5. 50a). 
Dies können wir bei uns in den Vereinigten Staaten, z. B. im östlichen 
Kansas bemerken, wo man des Nachts Präriewölfe und sogar wirkliche 
Wölfe, zuweilen auf der Prairie nahe dem Walde oder auf den an die 
Farmen angrenzenden Weiden heulen hört und wo sie häufig kleinere 
Tiere töten und verscharrte Tierleichen ausgraben (Anm. 50b). Auch 
in Preussen kommt heutzutage der Wolf noch vor. Die amerikanischen 
Indianer aber (und andere Wilde) beschränken die Verwandlungen nicht 
auf den Wolf (Anm. 5), weil bei ihnen andere wilde Tiere noch immer 
reichlicli vorhanden sind oder bis vor kurzem waren. Indem die Kultur 
vorschreitet, verschwinden allmählich die Tiersagen mit den Tiereu, die 
dazu Anlass gaben (vgl. die Sage der Dakotas vom Mastodon, Anm. 11), 
und Geschichten von Haustieren, wie vom Schwein, vom weissen Bullen, 
vom Hund, treten an deren Stelle (Anm. 54). Als diese Entwicklungs- 
stufe erreicht und die Mittel zu einer erfolgreichen Bekämpfung der Tiere 
vervollkomnniet wurden, verloren diese viel von ihrer Furchtbarkeit, und 
endlich entstanden solche Tiergeschichten wie die äsopischen Fabeln 
(Anm. 14). Im Vergleich mit dem Werwolfglauben der früheren Periode 
war dies ein grosser Fortschritt. 

Blicken wir nochmals zurück auf die Entwicklung, die der W^erwolf- 
aberglaube durchmachte! Der Anlass zum Anlegen des Wolfskleides 
(oder Tierfelles) war zuerst nur ein friedlicher; man wollte sich gegen 
die Kälte schützen, und indem man Tiere anlockte, Lebensmittel ge- 
winnen; dann brauchten nahrungsucliende Räuber oder Kundschafter die 
Verkleidung zu persönlichem Vorteil oder Gewinn; andere zur Ausübung 
der Rache (Anm. 51, Schluss) oder um Macht über andere zu erlangen; 
endlich ersannen berufsmässige Zauberer und Abergläubische fabelhafte 
Geschichten, die, je nach dem geistigen Niveau des Erzählers und des 
Zuhörers (Anm. 51), als Überlieferung oder Sage fortgepflanzt wurden. 
Der Ursprung der Vorstellung vom schädlichen Werwolf liegt darin, dass 
sich einzelne Wilde als irgend ein gewöhnliches Tier verkleideten, wenn 



38 Stewart: 

sie auf Beute oder auf Kundschaft auszogen, um so eine Entdeckung durcli 
die Feinde zu vermeiden. Spätere fabelhafte Berichte schrieben diesen 
Verkleideten die Eigenschaften des Tieres zu, das sie darstellten (Anm. 32), 
und behaupteten endlich, dass sie sogar für kürzere oder längere Zeit 
ganz oder teilweise (Anm. 36, Schluss) Tiergestalt annahmen. Einige 
Yerwandlungsgeschichten der nordamerikanischeu Indianer schildern 
Menschen, die nur den Kopf, die Yorder- und Hinterfüsse eines Wolfes 
besitzen (Grinnell; siehe auch Ethn. Report 1888—89, S. 737). In 
germanischen Ländern wird die Verwandlung in einen AVerwolf bloss 
durch ein Hemd oder einen aus Wolfsfell gemachten Gürtel bewerk- 
stelligt (Anm. 52). Dies Hemd (oder Gürtel) des germanischen Werwolfs 
ist ein Überbleibsel des Kleides, das ursprünglich den ganzen Körper 
bedeckte. Von hier ist nur ein Schritt zu der Behauptung, dass jener Mensch 
sich durch Anlegen einer Tarnkappe (Anm. 53) unsichtbar machte. In 
Europa liefen häufiger Geschichten vom Werwolf um als vom Werbären 
oder einem anderen Tier, weil hier der Wolf das gewöhnlichste der 
grösseren wilden Tiere war (Anm. 54:). Und aus diesen Geschichten gingen 
die Erzählungen von ähnlichen Verwandlungen hervor (Anm. 55. 58). 
Columbia. Missouri. 



Anmerkungen. 

1) Nach Mofik in Pauls Grundriss :'>, 272, bedeutet wer Mann, im Altsäcbsisclien, 
Angelsächsischen, Ahd. erhalten, und Werwolf bedeutet einen Mann in Wolfsgestalt. 
Kögel vergleicht wer mit dem gotischen wasjan, kleiden. Darum bedeutet Werwolf 
eigentlich Wolfsgewand, ülfshamr; ähnlich bedeutet vielleiclit berserkr Bärengewaud. 
[Schrader, Eeallcxikon der idg. Altertumskunde 1901 S. 06G.] 

2) Encvclopaedia Britannica 15, 90 (1883): 'In der eigentlichen Mytliologie wird die 
Tiergestalt weit öfter zu bösen als zu guten Zwecken angenommen.'' Vgl. Anm. 30. 

3) Herodot 4, 105 sagt von den Neurern, dass sie bei den Skjthen und Griechen 
für Zauberer galten, weil einmal jedes Jahr jeder Neuier auf ein paar Tage zum Wolf 
werde und dann wieder Menschengestalt annehme. Vgl. Hirt, l)ie Indogermanen 1, 120. 

4) Rud. Leubuscher (Über die Wehrwölfe und Thierverwaudlungen im Mittelalter, 
Berlin 1850) erwähnt Fälle in Alt-Arkadien, in Arabien, Abessinien (Hjänen), und die 
fast epidemische Krankheit im Mittelalter. W. Hertz (Der Werwolf, Stuttgart 1862) 
schreibt den Aberglauben Armenien, Ägypten, Abessinien (Hyänen), Griechenland 
(S. 20—28), aber nicht Indien zu (entgegen der Encycl. Brit.). S. 133 sagt er: „Tier- 
verwandlungen sind allgemein menschlicb, finden wir überall. Die eigentümliche Ent- 
wicklung der Werwolfsagen aber linden wir vorzugsweise bei einer bestimmten Völker- 
gruppe, den arischen Stämmen der Griechen, Römer, Kelten, Germanen und Slawen: bei 
den südwärts gezogenen Stämmen der Inder und Iranier sind uns gleiche Sagen nicht 
begegnet [aber siehe unten]. Am massenhaftesteu treten die Werwölfe bei den Slawen 
auf, und ihnen gehört die älteste historische Erwähnung der Sage; viel älter aber ist der 
Lykaon-Mythus und arkadische Werwölfe." Nach Andree (Ethnographische Parallelen 
und Vergleiche 1, <')2-80. 1878) findet man den Aberglauben in jedem europäischen Land, 
bei den Angelsachsen, Engländern, Franzosen, Bretonen, Polen, Tschechen, Litauern, 
Weissrussen in Polen, den Einwohnern der Insel Oesel, den Russen, Italienern, Portu- 
giesen, ProvenQalen, Griechen, Kelten, in Asien, Afrika, Amerika: aber nicht in Indien und 



Die Entstehung des Werwolfglaubens. 39 

Persien (entgegen der Enc. BritO, hauptsächlich aLer in Nordwestdeutschland und in 
slawischen Ländern. — Über die amerikanischen Indianer vgl. Ethnological Report 
1880—81, S. 83: „Wegen ihrer engen Beziehungen mit wilden Tieren ^sind die Geschichten 
der Indianer über "Verwandlungen in Tiere, und von Tieren in Menschen, zahlreich und 
interessant. . . . Zur Zeit des Friedens, während der laugen Winterabende, erzählte irgend 
ein berühmter Erzähler von den vergangenen Tagen, wo Menschen und Tiere sich nach 
Belieben verwandeln und sich miteinander unterhalten konnten." — Jakob Grimm, Teutonic 
Mythology 1882 2, G68 sagt, keine Verwandlung komme im germanischen Altertum häufiger 
vor als die von Menschen in Werwölfe. So erscheint Fenrisülfr, ein Sohn des Loki, unter 
den Göttern in Wolfsgestalt. — Encycl. Brit. 15, 89 unter Lycanthropy: „Ein fest ein- 
gewurzelter Glaube bei allen Wilden ist der, dass unter gewissen Umständen die Menschen 
auf einige Zeit oder dauernd in Wölfe oder andere kleineren Tiere verwandelt werden. 
In Europa ist die Verwandlung in einen Wolf weitaus am hervorragendsten und häufigsten 
(bei den Griechen, Russen, Engländern, Deutschen, Franzosen, Skandinaviern). Der Glaube 
an die Verwandlung in das Tier, das in irgend einer Gegend am häufigsten vorkommt, 
erhält selbst eine besondere Wichtigkeit. So herrscht der Werwolf in Europa, auch in 
England, Wales, Irland: und in Südfrankreich, den Niederlanden, Deutschland, Litauen, 
Bulgarien, Serbien, Böhmen, Polen, Russland, darf man ihn sogar jetzt kaum als aus- 
gestorben betrachten (Anm. (1). In Dänemark, Schweden, Norwegen und Island streitet 
der Bär mit dem Wolf um den Vorrang. In Persien ist der Bär am häufigsten; in Japan 
der Fuchs; in Indien wetteifert die Schlange mit dem Tiger (dagegen Mogk in Pauls 
Grundriss 3, 272: „Nur Griechen, Römer, Kelten, Germanen, Slawen unter den indo- 
germanischen Völkern kennen den Werwolf, den Indern und Iraniern ist er unbekannt." 
Vgl. Anm. o und 4; Hertz S. 13.3): in Abessinien und Borneo die Hyäne mit dem Löwen; 
in Ostafrika der Löwe mit dem Alligator; in Westafrika ist wohl der Leopard das Tier, 
dessen Gestalt der Mensch am häufigsten annimmt; bei den Abipones der Tiger, bei den 
Arawaks der Jaguar usw. — Brockhaus' Konversations -Lexikon schreibt fürs Mittelalter 
den Werwolfglauben allen slawischen, keltischen, germanischen und romanischen Völkern 
zu; heute wird er besonders in Wolhynien und Weissrussland gefunden. — Pauls Grund- 
riss 3, 272: „Bei den Angelsachsen lässt sich der Werwolf im 11. Jahrhundert nach- 
weisen: Knut befahl den Priestern, ihre Herden vor dem werewulf zu schirmen. . . . Das 
älteste Zeugnis auf deutschem Gebiete vom Werwolf ist von Burchard v. Worms (11. Jahr- 
hundert)." 

5) Enc. Brit. 15, 8;»: Nirgends kann ein lebendiger Glaube an gleichzeitige Ver- 
wandlungen in irgend ein Tier vorkommen, das in der betreffenden Gegend ausgestorben 
ist. Der Glaube an die Verwandlung in dasjenige Tier, welches in irgend einer Gegend 
am häufigsten vorkommt, erhält selbst eine besondere Wichtigkeit (Anm. ü). . . . In keinen 
von diesen Fällen aber ist die Vcrwandlungskraft ausschliesslich auf das hervorragendste 
und herrschende Tier beschränkt. 

G) Enc. Brit. 24, 629 unter Wolf: Der Wolf kommt in fast ganz Europa und Asien, 
Nordamerika von Grönland bis Mexico, auf der indischen Halbinsel, aber nicht in Ceylon, 
Burmah oder Slam vor; auch nicht in Südamerika oder Afrika, anstatt dessen in den 
beiden letzten Ländern der Schakal. — Meyers Konversations-Lexikon: „Der Wolf ist 
häufig in Ost- und Nordeuropa, Mittel- und Nordasien, Nordamerika, seltener in Frankreich 
und Belgien, den Herden gefährlich, besonders in Russland." — Enc. Brit. 24, unter 
Wolf: In den nördlichen Ländern ist der Wolf gewöhnlich grösser und kräftiger als im 
südlichen Teil seiner Heimat. Seine Gewohnheiten sind überall ähnlich. Von alters her 
ist er den Menschen in allen Ländern, die er bewohnt, als der Vernichter ihrer Schaf- 
herden bekannt. Er besitzt Schnelligkeit und wunderbare Ausdauer. Die Wölfe ver- 
sammeln sich meist in Haufen und Rudeln, ausser im Sommer, und durch ihre vereinten 
und beharrlichen Anstrengungen vermögen sie sogar so grosse Tiere wie den amerikanischen 
Bison zu überwältigen und zu töten. Kinder und selbst Erwachsene werden oft von ihnen 
augegriffen, wenn der Hunger sie antreibt. Die Grausamkeit der Wölfe im wilden 
Zustand ist sprichwörtlich. Sogar wenn sie gezähmt sind, können Fremde ihnen selten 
vertrauen. 



40 Stewart : 

7) Gustav Freytag, Bilder, Aus neuer Zeit, Leipzig 1904, S. 275 sagt bei der Be- 
sprechung der polnischen Grenzländer: „Noch lebte das Landvolk in ohnmächtigem 
Kampf mit den Herden der Wölfe, wenig Dörfer, welchen nicht in jedem Winter Menschen 
und Tiere dezimiert wurden." Ebd. ö. 275: „Als 1815 die gegenwärtige Provinz Posen 
an Prenssen zurückfiel, waren auch dort die Wölfe eine Landplage. Nach Angaben der 
Poseuer Provinzialblätter wurden im Regierungsbezirk Posen vom 1. September 1815 bis 
Eude Februar 181G, 41 Wölfe erlegt, noch im Jahre 1819 im Kreise Wongrowitz 16 Kinder 
und 3 Erwachsene von Wölfen gefressen." 

8) So wurde in Anm. 3 die Behauptung Herodots über die Neurer erwähnt. Nach 
Hel-tz ist die älteste Werwolfsage die von Lykaon, dem Sohn des Pelasgos, des ersten 
Königs von Altarkadien; diese Arkadier lebten als Jäger und Schäfer. Nach J. Oppert 
(Andree S. 65; und Anm. 3, 4) bestand der Werwolfaberglaube bei den Assyriern; nach 
Andree kommt die älteste hellenische Werwolfsage bei Pausanias vor. In der Edda finden 
wir Odins Wölfe, auch SköU, Hati und Fenrir. In der V^lsungasaga werden Sigmund 
und Siufjt^tli Wölfe. Für andere Widerhalle der Furcht, die man vor den Wölfen hegte, 
vgl. den Wiener Huudesegen gegen Wölfe und Wölfinnen aus dem 10. Jahrhundert 
(Braunes Ahd. Lesebuch ^ 1907 S. 85). Jakob Grimm, Geschichte der deutseben Sprache 
S. 233, schreibt: „Unsere Tierfabel stellt vortrefflich das gebannte Raubtier des Waldes 
dar und lehrt die Nähe des Wolfs und Fuchses." — C. Lemcke, Ästhetik'^ 2, 562 
schreibt: „In die älteste Zeit hinauf reicht auch bei Jägervölkern die Tiersage, in ihrer 
Weise zum Teil die Eigentümlichkeiten der Tiere erklärend, ihr Gebaren erzählend. Die 
furchtbaren und die listigen Tiere boten sich am besten dar .... Wo die Menschen 
städtisch beisammen wohnen, bleibt Tier Tier: wo sie einsamer mit Tieren leben, be- 
kommen diese eine höhere Bedeutung. So wird dem Wäldler Bär und Wolf zum eben- 
bürtigen Räuber und Kämpfer, menschlicher aufgefasst zum Gegner voll Mut, List, Rach- 
sucht, der Gedanken hat wie der Mensch selbst." 

9) Nach Andree war der Wolf früher ebenso häufig in ganz Europa wie heute in 
Russland. Hirt, Die Indogermanen 1, 187 sagt: „Der Wolf ist überall in Europa ver- 
breitet gewesen, der Bär ist aber ganz sicher ein Waldtier." 

10) Leubuscher S. 1 : „Weil die Verwandlung vorzugsweise in Hunde und Wölfe ge- 
schehen sollte, so erhielt die Krankheit den Namen Lykanthropie." 

11) Leubuscher S. 55: „Die meisten Lvkanthropen waren Hirten, die im Freien 
lebten, mit Tieren viel verkehrten, und der Wolf schwebte ihrer Einbildungskraft am 
öftesten vor, weil sie am meisten damit zu kämpfen hatten. Wenn das Gespenst des 
Werwolfes sich in einzelnen als Krankheit erhob, war die Gegend wahrscheinlich von 
Wölfen besonders beunruhigt worden, und wahrscheinlich manche Mordtat nur von 
Wölfen begangen." — Ethnol. Report 1888-89, S. 282: Die Dakotas (Indianer) glauben 
schon lange an die von Zeit zu Zeit eintreffende Erscheinung eines ungeheuren Tieres, 
das die Menschen verschlingt. Dieser Aberglaube kam ihnen vielleicht in den Sinn durch 
die oft in ihrer Gegend gefundenen Knochen des Mastodons. 

12) Ethn. Report 1893—94, 8.267: Es ist möglich, dass das Fuchsfell, welches so 
allgemein bei Feierlichkeiten von den Tierdarstelleru getragen wird, ein Überbleibsel 
ist, das mit dem Tierfell, womit früher der ganze Körper bekleidet war, verglichen 
werden kann. 

13) Hertz S. 17 gibt den Ursprung folgendermassen an: „In der ältesten Natur- 
religion ist die Gottheit des Todes und der wiatcrlicheu Erde als Wolf gedacht. Ihre 
Priester trugen wohl in der Vorzeit Wolfsfelle und hatten nach dem Volksglauben die 
Gabe, sich in das Tier der Gottheit zu verwandeln. Der Wolf als das schnelle, kampf- 
gewandte Tier, war zum raschen Zurücklegen weiter AVege und zur Erlegung von Feinden 
besonders geeignet. Darum nahmen die Götter und die zauberbegabten Menschen zu 
solchen Zwecken Wolfsgestalt an. Der Wolf ist von Natur gefährlich und wurde darum als 
diabolisch gedacht, und beim Werwolfe aucli ist Drang nach Mord und Zerstörung die 
Hauptsache. Die Ursprünge des Werwolfglaubens waren also: 1. religiöse Vorstellungen, 

2. Rechtsvorstelhing (der friedlose Mörder ist ein Wolf bei Griechen und Germanen): 

3. die Geisteskrankheit der Lykanthropie." S. 51: „Die Verwandlung in Wölfe geschieht 



Die Entstehung des Werwolfglaubcns. 41 

vorzugsweise durch Wolfshemden." S. 57: „Dass die von allem menschlichen erkehr 
abgeschnittenen Waldflüchtigen sich in Tierfelle kleideten, ist naheliegend." 

li) Ähnlich Dilthey, Erlebnis und Dichtung 1906 S. 153 f.: „Ist so die Einbildungs- 
kraft in Mythos und Götterglauben zunächst gebunden an das Bedürfnis des Lebens, so 
sondert sie sich doch allmählich im Verlauf der Kultur von den religiösen Zweck- 
beziehungen und erhebt jene zweite Welt zu einer unabhängigen Bedeutsamkeit", wie 
Homer, Dante usw. Ygl. Anm. 11, Schluss, und Enc. Brit., unter Lycanthropy: Tolle 
Selbsttäuschungen müssen die Gebräuche und den Glauben der zeitgenössischen Gesell- 
schaft spiegeln. 

lö) Grinuell, Story of the Indian, S. 54, sagt: Spuren der Furcht, die man vor den 
Büffeln hatte, sind noch immer in den überlieferten Geschichten gewisser Stämme zu 
entdecken, die kund tun, wie in jenen Tagen (d. h. in der Steinzeit), che die Menschen 
mit Waffen versehen waren, der Büffel sie verfolgte, tötete und frass. Solche Geschichten 
beweisen ganz deutlich, wie sehr die Büffel vor Zeiten gefürchtet waren; und solche 
Furcht wäre kaum entstanden, ausser als Folge tatsächlicher Erfahrung ihrer Macht, 
Verletzung und Tod herbeizuführen. Flinius beschreibt uns, wie die Römer den Wolf 
von ihren Feldern fernliielten (J. Grimm, Teutonic Mythology 3, 1241). Mochten die 
Indianer die Steppen, den Wald, die Küste oder das Gebirge bewohnen, stets waren die 
Tiere ihr ganzes Studium. Sie zogen mit den Tieren aus und verfolgten sie, um Nahrung 
zu erlangen. 

n\) Ethnol. Report' 1881-8-2, S. 122, Anm.: Wie es scheint, wurden Masken zuweilen 
als Lockmittel gebraucht. Xach der Meinung der Kadiak-Mänuer ist die Gattung des 
Seehundes, die von den Russen ncrpa genannt werden, die wertvollste nächst dem Otter. 
Die einfachste Art, diese Seehunde zu fangen ist, sie nach dem Ufer zu locken. Indem 
er den Unterkörper hinter den Felsen verbirgt, setzt der Jäger eine hölzerne Mütze oder 
besser Helm auf, welcher dem Kopf des Seehundes ähnelt, und stösst das Geschrei des 
Tieres aus. Der arglose Seehund, welcher einen Angehörigen seiner eigenen Gattung zu 
treffen glaubt, eilt nach der Stelle und wird sofort getötet. Vgl. Anm 32. 

17) Ethn. Report lS!)(;-;»7, 1, S. 132: Die Eskimos der Bering- Strasse stopfen die 
Haut des Vogels, der Ptarmigan heisst, kunstlos aus und heben sie auf einem Stock hoch, 
so dass der Kopf ausgestreckt ist; dann ahmen sie seinen Ruf nach und fangen den 
dadurch angelockten Vogel in dem am Köder befestigten Netz. Andere Köder werden 
gemacht, indem die Eskimos weichen Schnee zu einer Vogelgestalt formen und ihr braunes 
Moos als Gefieder des Ptarmigan um den Hals hängen. Dann locken sie durch Rufe die 
anderen Vögel herbei. 

18) So sagt G. B. Grinnell, The Story of the Indian S. Gl, in seiner Beschreibung 
der ^Methode der primitiven Indianer, den Büffel zu fangen: Einige Männer gingen nackt 
fort, andere trugen ein Kleid aus der ganzen Haut eines Büffels, indem der Kopf und die 
Hörner wie am Kopf des Büffels angebracht war und das übrige Fell den Rücken des 
Trägers hinunterhing. Dieser -Rufer' ging einer Herde Büffel nahe, reizte sie, ihn zu 
verfolgen, und führte sie dann in die Falle oder an einen Abhang, von welchem oft die 
ganze Herde hinunterstürzte und getötet wurde. Wiederum heisst es im Ethn. Report 
1884-85, S. 484 über die Jagd des Seehundes beim Zentral-Eskimo: Wenn der Jäger 
einem Tiere nahe ist, so ahmt er dessen Bewegungen nach. Einige geben Laute von sich, 
die denen eines pfeifenden Seehundes ähnlich sind. Die Kleidung aus Seehundspelz 
bewirkt, dass Mensch und Seehund einander so ähneln, dass es schwer fällt, den einen 
vom andern aus einiger Entfernung zu unterscheiden. Und auf S. 5ü8, über die Hirsch- 
jagd: In einer Ebene tragen die Zentral-Eskimos Gewehre auf den Schultern, und zwei 
Männer gehen miteinander, so dass ihre Gewehre dem Geweih des Hirsches ähneln. Die 
Männer ahmen ihr Grunzen nach. Wenn sie in einiger Entfernung auf der Erde liegen. 
so ähneln sie sehr den Tieren selbst. Nach Ross ahmen die Einwohner von Boothia die 
Gestalt des Hirsches nach, indem der vordere von zwei Männern, die eine Herde be- 
schleichen, einen Hirschkopf auf dem eigenen Kopfe trägt. Ethn. Report 1888-89, 
S. 534 über die alte Weise, die Antilope und den Hirsch zu jagen: Der Jäger verkleidete 
sich, indem er das Haupt mit dem Kopf und dem Fell einer Antilope bedeckte, und so 



42 Stewart: 

konnte er sich dem Wild genug nähern, um Bogen und Pfeil zu gebrauchen. Auf ähn- 
liche Weise verimimmten sich die Hidatsa mit einem Wolfsfolie, um sich dem Büffel nähern 
zu können. Ethn. Report. 1901-1902, S. 4B9: Zwei von der Jagdgesellschaft (Zufii), die 
auf der Hirschjagd ist, tragen Hemden aus Baumwolle mit Ärmeln, die bis zum Ellbogen 
reichen. Das vordere und hintere Teil des Hemdes bemalt mau auf solche Weise, dass 
es möglichst genau dem Körper des Hirsches ähnelt; Hände und Arme bis zum Ellbogen 
sowie auch die Ärmel werden gefärbt, so dass sie die Vorderbeine des Hirsches dar- 
stellen. Jeder trägt das Fell vom Kopfe eines Hirsches über dem Kopf. In dieser 
KJeidung ahmen die beiden Jäger möglichst genau, sogar bis auf das Grasen, das Wild, 
das sie fangen wollen, nach. 

19) Ethn. Report 1897—98, 1, S. 352: Nach der rberlieferuug leiteten die Irokesen, 
welche sich auf dem Kriegszug gegen die Cherokees befanden, die Musik und Bewegung 
des Büffeltanzes, vom Brüllen und den Bewegimgen einer ßüfi'elherde her, die sie zum 
ersten Male ihre Lieblingslieder singen, d. h. brüllen und schnauben, hörten. 

20) Ethn. Report 1881—82, S. 323, über den Präriewolftanz der Omaha, der von den 
Kriegern getanzt wurde, so oft man es für nötig hielt, sich aufzuheitern. Dabei hatte 
jeder seinen Fellrock umgetan und ahmte die Bewegungen des Präriewolfs nach, indem 
er trottete, um sich spähte usw. S. 348 beschreibt den Büffeltanz der Omaha, wobei 
je vier Männer sich eine Büffelhaut über den Kopf zogen. Die Hörner standen aufrecht, 
und die Haare des Büffelkopfes hingen bis unter die Brust de^ Trägers herunter. Die 
verschiedenen Bewegungen des Büffels wurden von den Tänzern nachgeahmt. 8. 348 f., 
über den Wolfstanz der Omaha seitens der Gesellschaft derjenigen, die übernatürlichen 
Umgang mit den Wölfen haben. Die Tänzer tragen Wolfsfelle und tanzen in Nach- 
ahmung der Bewegungen von Wölfen. Auf ähnliche Weise führten sie den Graubärtanz, 
den Pferdetanz usw. aus. 

21) Ethn. Report 1897—98, 1, S. 2G6, gibt einen Gesang zum Verhüten von Frost- 
beschädigung. Von den Pfoten des Wolfes, Hirsches, Fuchses und der Beutelratte glaubt 
man, dass sie nie vom Frost beschädigt werden. Nach jedem Vers des Gesangs ahmt 
der Sänger den Ruf und die Bewegungen des Tieres nach. Die gebrauchten Worte sind 
der Form nach altertümlich und sind zu übersetzen: „Ich werde ein echter Wolf-* usw. 
Das Lied lautet: 

1. Tsüfi' wa '3-a-ya' (viermal wiederholt), wa + al (verlängertes Geheul). Der 
Sänger ahmt einen W^olf nach, wie er die Erde mit den Pfoten scharrt. — 2. Tsüu -ka' 
wi-ye' (viermal), sauh! sauh! sau hl sauhl (indem man den Ruf und das Springen 
des Hirsches nachahmt). — 3. TsüiY-tsu' 'la-ya (viermal), gaih! gaih! gaih! gaih! 
(indem man das Bellen und Kratzen des Fuchses nachahmt). — 4. Tsüfi'-sl'-kwa-y a' 
(viermal), kT+ (indem man den Ruf einer in die Enge getriebenen Beutelratte nachahmt 
und den Kopf zurückwirft, wie jenes Tier es tut, wenn es sich tot stellt). 

22) Ähnlich beim Gebrauch der Masken (vgl. Anm. 32). Siehe Wundt, Völker- 
psychologie 2, 1, 412 ff. und dazu Zs. f. deutsche Phil. 38, 558—568: „Der maskierte 
Mensch ist der ekstatische Mensch. Mit dem Anlegen der Maske versetzt er sich in 
Ekstase, fühlt er sich in fremde Lebensvorgänge ein, eignet er sich das Wesen an, mit 
dem er sich durch die Maske identifiziert. Für den naiven Menschen, wie für das Kind 
ist die Maske durchaus nicht blosser Schein, sondern wirkender Charakter. Der Augcublicks- 
tanz wurde zum Zaubertanz. Die Naturvölker verwenden ihre Masken nur bei den 
feierlich-ernsten Zaubertänzeu, nicht zu ihrer burlesken Mimik; die Tänzer sind in Tier- 
masken" usw. 

23) Beim primitiven Menschen v/ar die Haupterwägung, ob gewisse Gegenstände ihm 
schädlich oder nützlich seien. Vgl. Behaghel, Der deutsche Sprachbau, S. 98: „Die 
grossen Tiere und die mächtigen Bäume, die Tiere und Bilanzen, die für die Ernährung 
und Bekleidung des Menschen von Bedeutung sind, die Tiere, die sein Leben be- 
drohen, sie haben viel früher sprachliche Bezeichnung gefunden, als der unscheinbare 
Käfer im Sande, als die kleine Blume des Waldes. So kommt es, dass die Namen der 
grösseren Tiere, der grossen Waldbäume, der wichtigsten Getreidearten allen germanischen 
Stämmen gemeinsam sind, einzelne sogar, wie Wolf, Kuh, Ochse, Birke, Buche, 



Die Entstehung des Werwolfglaubeus. 43 

Erle, Grcrsto mit den Benennungen anderer indogermanischen Völker übereinstimmen." 
Ohne Zweifel beschäftigten die Tiere ihre Aufmerksamkeit früher als die Pflanzen; vgl. 
Wundt, Völkerpsychologie 2, 1, 412f. über den Maskentanz: „Überhaupt haben die Tier- 
motive weit früher Berücksichtigung erfahren als die Pflanzenmotive." Vgl. Anm. 50. 

24) Bei den amerikanischen Indianern z. B. wird der in einen Bären verwandelte 
Mensch oder umgekehrt als wohlwollend betrachtet (Ethn. Report 1880 — 81, S. 83). Nach 
J. Grimm, Teutouic Mythology .">, 1097 linden wir auch in norwegischen Berichten die 
Umwandlung in einen Bären, denn der Bär wurde als ein vernünftiges Wesen angesehen 
und geachtet. 

25) J. Grimm, Geschichte der deutscheu Sprache, S. 23:): .,Ein sabinischer Stamm 
hiess Hirpi (lat. hirpus = Wolf in sabinisch-oskischer Mundart), weil den Einwandernden 
ein Wolf Führer geworden war, oder nach anderer Sage sie Wölfe gejagt hatten und 
gleich W^ölfen raubten, d. h. im Sinn des deutschen Ausdrucks friedlos waren." 

2G) Die Werwolfsage konnte nur dort aufkommen, wo das Tier, Wolf, Tiger oder 
Löwe usw. heimisch war; und ebenso verschwanden die Werwolfsagen nach und nach 
dort, wo das Tier selten wurde oder ausstarb. Vgl. Anm. .'). 

27) Die Watusi in Ost-Afrika bezeichnen ausdrücklich alle wilden Tiere, mit Aus- 
nahme ihrer eigenen Totem-Tiero, als feindliche Späher (Enc. Brit. unter Lycanthropy). 

28) Üriunell, Story of the Indian S. 208: Vom AVolf glaubte man, dass er in der 
Tierversammlung dem Indianer die Macht geben könnte, mitten in das Lager des Feindes 
zu schleichen, oline gesellen zu werden. 

29j Also war ursprünglich der germanische Gott Logi kein böser Gott. Logi be- 
deutete die natürliche Kraft des Feuers; Loki bedeutete dasselbe, aber aus dem plumpen 
Riesen ist ein listiger, verführerischer Bösewicht geworden (siehe Grimm, Teutonic 
Mythology 1, 241). Ein Sohn Lokis, Fenrisülfr, erscheint in Wolfsgestalt unter den 
Göttern. Vielleicht ist die Verbindung mit dem Wolf teilweise verantwortlich für die 
Umwandlung Logis (Lokis) von einem guten in einen bösen Gott. 

30) Enc. Brit. unter Lycanthropy: Im heutigen wilden Leben linden wir Tiergestalt 
der Häuptlinge oder Geister, der ^[cdizinniänner; einige jagen in Tiergestalt für die 
Gemeinde, andere sollen Tiergestalt anncbmcu, um sich rechtmässig an Feinden zu 
rächen; andere um des Blutvergiessens und Kannibalismus willen. 

31) Ohne Zweifel erwarben manche dieser als Wolf verkleideten Menschen bedeutenden 
Ruhm durch ilire Geschicklichkeit und Kühnheit, wie wir es wohl von solchen Eigen- 
namen schliessen sollten wie Rudolf, das eigentlich Ruhmwolf bedeutet, Ruhm dem 
gotischen hrn[)eigs (siegreich) verwandt, im Sanskrit kir (rühmen); oder Adolf von 
Adalolf, d.h. Edelwolf, ursprünglich Edolrä üb er also, da Wolf ursprünglich beinahe 
dasselbe wie Räuber bedeutete (Kluge). So war Räuber oder Wolf ursprünglich 
eine hochgeachtete Benennung, zu einer Zeit, wo die Menschen vom Raub und von der 
Jagd lebten, entweder als Seeräuber oder als Bergräuber usw. (über diesen frühen Beruf 
vgl. Hirt, Die Indogermanen l'JOö S. 268 ö'.), und dieser Beruf wurde nicht als entehrend 
angesehen (siehe die Benennung 'Wölfe' auf die Pawnees angewandt, S 33). Späterhin 
linden wir auch Namen wie Wulfila (kleiner Wolf). Viele Indianernamen sind Tier- 
namen, z. B. Guter Fuchs, Guter Bär, Gehender Bär, Überwindender Bär, Stürmender 
Bär, Stolpernder Bär, Kühner Bär, Bärenrippe, Rauchender Bär. Beissender Bär, Rückwärts- 
schauender Bär, Wolken-Bär, Toller Bär, Toller Wolf, Einsamer Wolf, Sclilanker Wolf, 
Wolfsohr, Wolfskleid usw. Siehe Ethn. Report 1882-83, S. 169: Die Indianernamen 
spielen recht oft auf irgend ein Tier an und drücken irgend ein Merkmal oder eine 
Stellung jenes Tieres aus. (Über die Namen vgl. Anm. 56.) 

32) Ethn. Report 1881-82, S. 73tr. (siehe Anm. 22): „Die Anwendung der Masken 
ist weitverbreitet." Der Ursprung und die Entwicklung des Gebrauchs von Masken sind 
beinahe dieselben wie der Ursprung und die Entwicklung des Werwolfs, wie dies in don 
vorhergehenden Seiten erklärt ist, Wolfskleid und :VIaske, beides ursprünglich nützliche 
Eriindungen. entarteten in gewissenlosen Händen zu Werkzeugen persönlicher Macht- 
vermehrung und Gewinnsucht. Der Gebrauch der Maske ist im obigen Bericht folgender- 
massen beschrieben: 



44 Stewart: 

a) Sie wurde als Schild oder Schirm für das Gesicht fi^ebraucht, zum Schutz gegen 
menschliche oder andere Angriffe. Sie wurde also anfangs bloss als mechanischer Wider- 
stand gegen Gewalt benutzt; später, aber noch in der untersten Stufe der Kultur, wurde 
sie gebraucht, um durch Scheusslichkeit oder durch die Versinnlichung übermenschlicher 
Wesen Schrecken einzuflössen und moralischen Einfluss auf den widerstehenden Menschen 
zu gewinnen. Dann entstanden besondere Abweichungen, z. B. Erlindungen über irgend 
ein räuberisches, listiges oder geheimnisvolles Tier. 

b) Als der Glaube an übernatürliche Wesen wuchs, ward die Maske bei religiösen 
Feierlichkeiten als ein Teil des religiösen Geräts, gleich dem Hemd oder Gürtel des 
i^chamanen verwendet: siehe Ethn. Report 1890—97, 1, 395- Wenn die Maske bei irgend 
einer Feierlichkeit getragen wird, so glaubt man, dass ihr Träger unbewusst mit dem 
Geist des Wesens, das seine Maske darstellt, erfüllt wird. 

c) Endlich kommt das Element des Humors hinzu; die Maske wird bei öffent- 
lichen Belustigungen und Spielen gebraucht; zur Verhütung der Erkennung bei festlichen 
Gelegenheiten usw., wie die Tierfelle, die beim Tanz getragen werden. 

33) Ethnol. Report 1888-89, 593: Hier folgt ein Bericht über einen aus einer Hirsch- 
haut hergestellten Rock oder Mantel, der mit verschiedenen mystischen Malereien bedeckt 
ist. Dieser von den Apachen angefertigte Mantel wurde als ein Mantel der Unsichtbarkeit 
gebraucht, d. h. als ein Zauberkleid für Kundschafter, welches diesen ermöglichte, ungestraft 
durch das Land, ja selbst durch das Lager ihrer Feinde zu gehen. In diesem Falle 
beruht die Macht des Fetischs auf den gemalten Zeichnungen. Die Apachen haben einen 
ähnlichen Fetisch oder ein ähnliches Amulet. Die gezeichneten Sinnbilder waren die 
Regenwolke, ein sich schlängelnder Blitz, Regentropfen und die Kreuzung der Winde von 
den vier Himmelsrichtungen. Ethn. Report 1889-90, S. 515: Bei den Hidatsa (Sioux) 
sind die Fetische hauptsächlich Wolfsfelle. Wenn sie in den Krieg gehen, tragen sie 
immer den aus dem Rücken eines Wolfsfells geschnittenen Streifen, dessen Schwanz von 
den Schultern herunterhängt. Dnrch einen in der Haut angebrachten Riss steckt der 
Krieger den Kopf, so dass die Haut des Wolfskopfes ihm an der Brust herunterhängt. 
Endlich wurden die Zaubermäntel oder Hemden und Gürtel ein Teil der gewöhnlichen 
Tracht der Schamanen oder Zauberer. In der Volkskunde aller Länder linden wir zahl- 
reiche Berichte über heilige Gürtel. Ethnol. Report 1897—98, 1 (Cherokee), S. 393: Einige 
Krieger hatten Medizin, um ihre Gestalt nach Gefallen zu verändern, und so ihren Feinden 
zu entkommen. Ähnliche Geschichten sind bei jedem Stamm zu iindeu (ebd. S. 501). 

34) Als Beispiel der Rache oder der reinen Brutalität führt Andree S. (19 die Menschen 
im Innern Afrikas au, die die Zauberei verstehen, sich in Löwen verwandeln und umher- 
laufen, um andere zu töten. Vgl. auch unten Anm. 3G, wonach der Mann-Wolf Abessiniens 
seinen Feind tötet und dessen Blut saugt, und auch andere Mann -Wölfe denen er be- 
gegnet, tötet. Dies alles findet in der Nacht statt, was uns an unseren Pawnee-Indianer 
erinnert, der sicli in der Nacht in seinem Wolfsfell aufmacht, auf das feindliche Dorf zu 
trabt, um zu erfahren, wo die Pferde seines Feindes angebunden sind, damit er sie stehlen 
kann, sobald alles schläft (Grinnell S. -24:6 und 70—73). Ethn. Report 1887—88, S. 461: 
Geraubtes oder verlorenes Eigentum wiederzuerlangen, besonders kleine Pferde, ist eine 
der Hauptaufgaben der sogenannten Medizinmänner. 

35) Der zunehmende Aberglaube bewirkte, dass man das Wolfskleid anlegte, nicht 
bloss um aus dem Träger einen Gegenstand der Landschaft zu machen, sondern auch um 
ihm die Eigenschaften des Tieres, das er darstellte, Schnelligkeit, Kühnheit usw. zu ver- 
leihen (wie bei den Masken, Anm. 32); endlich glaubte man, dass der Träger eines solchen 
Kleides in der Tat verwandelt wurde, wie die Träger des Werwolfshemds iu Deutschland. 
Die Wölfe wurden als gute Jäger angesehen, die nie fehlgehen (Ethn. Report 1897—98, 
1, S. 280). Ebd. S. 264: Bei den Cherokees wird der Wolf als Jäger und Kettenhund 
Kanatis geachtet. Daher begreifen wir, wie die Wolfsverkleidung, welche die Fähigkeit 
eines unfehlbaren Jägers verlieb, bei denen in besonderer Gunst stehen mnsste, die ihre 
Nahrung durch die Jagd gewannen. Auf ähnliche Weise glaubte man, dass der Gesang 
der Lieder, welche die Rufe gewisser Tiere nachahmten, einem irgend eine Eigenschaft 
des betreffenden Tieres übertrug (siehe Anm. 21). Ethn. Report 1901—1902, S. 394: Um 



Die Entstehung des Werwolfglaubens. 45 

tierische Eigenschaften zu gewinnen, befestigte sich ein Zauberer Krähen- und Eulen- 
federn am Kopf, um gleich der Krähe das Herannahen des Menschen schnell sehen zu 
können, und die Augen der Eule, um nachts wandern zu können. ... Er schlug mit den 
Armen. ... Ein Zuili-Mann hörte ein Geschrei wie das der Eule, doch menschlich; er 
sah sich um und entdeckte einen Mann, den er als einen Zuni erkannte. „Aha!" sagte er, 
„warum hast du jene Federn am Kopf? Aha. du bist ein Zauberer." — Im Bulletin of 
the Bureau of American Ethnology 26, 156f. (löOl) finden wir ein Beispiel der Ver- 
wandlungskraft des Tiergewands, aus den Kathlamet texts: Eine Frau ass vom Fett einer 
Hündin, gebar fünf Hunde und eine Hündin. Als sie älter wurden, entdeckte sie eines 
Tages, dass sie sich in wirkliche menschliche Kinder verwandeln konnten. Während sie 
unten am Ufer waren, trat die Mutter ins Haus, und nun entdeckte sie die Hundefelle 
(blankets). Sie nahm dieselben und verbrannte sie. Dann behielten die Kinder ihre 
menschliche Gestalt (wie Sigmund und Sinfjotli in der Yolsungasaga). Ebd. S. 58 ist 
erzählt, wie ein alter Mann sich in ein Elentier verwandelt, indem er ein Elentierfell 
anlegt. — W. Golther, Handbuch der germanischen Mythologie 1895, S. 10(», schreibt: Die 
Fähigkeit von Leuten, die sich verwandeln können, heisst 'sich zu häuten, die Hülle zu 
wechseln' usw. Das Umwerfen eines äusserlichen Gewandes kann den Wechsel der 
Gestalt hervorbringen, wie Freyjas Federgewand, die Schwan- und Krähenhemden der 
Valkyrjen, Odius Adlergewand. Die Wolfsgewänder (ülfahamir), wenn angelegt, verwandeln 
den Menschen zum Wolfe. [Meissner, Ritter Tiodel, Zs. f. deutsches Altertum 47, 2G1.] 

3G) Ethn. Keport 1901—1902, S. 392: Der Eigentümer schöner Perlen fürchtet, dass 
irgend eine durch Eifersucht getriebene Hexe ihn mit Krankheit schlagen wird. — Als 
andere Beispiele der angeblichen Aneignung von übernatürlichen Mächten, um Einfluss 
über andere Leute zu gewinnen, können wir Andree 1, G8 zitieren, wonach Livingstone in 
Afrika einen Eingeborenen getroffen haben soll, von dem es hiess, dass er sich in einen 
Löwen zu verwandeln vermochte. Als Löwe blieb er tage- oder monatelang im Walde, 
in einer heiligen Hütte, nacli der ihm seine Frau aber Bier und Lebensmittel hintrug. 
Daher dürfen wir annehmen, dass wenigstens dieser Löwe nicht viel Verwüstung unter 
den wilden Tieren anrichtete. Er vermochte die menschliche Gestalt durch eine gewisse 
Arznei, die ihm von seiner Frau gebracht wurde, wieder anzunehmen. Ferner Andree 
1, G9: In Banana in Afrika verwandeln sich die Mitglieder einer gewissen Familie im 
Dunkel des Waldes in Leoparden. Sie greifen diejenigen an, die sie im Walde treffen, 
dürfen sie aber nicht verletzen und ihr Blut nicht saugen, sonst bleiben sie Leoparden 
(siehe Anm. 41). — Den Beweggrund des persönlichen Gewinnes linden wir z. B. bei 
unseren Indianern, die das Wolfsgewand anlegen, um zu rauben oder geraubte Tiere wieder 
zu erlangen (Grinnell, Pawnee Stories 1, 247; auch die Raubgeschichte 'Wolves in the Night' 
ebd. S. 70fiF.). Auch in Abessinien (Andree 1, G9) sollen die Mitglieder der untersten Kaste der 
Arbeiter die Fähigkeit haben, sich in Hyänen oder andere Tiere zu verwandeln und als 
solche die Gräber zu berauben. Natürlich wenden sie verschiedene Listen an. Bei Tage 
sollen sie sich wie andere Leute betragen, nachts aber das Benehmen der Wölfe an- 
nehmen, ihre Feinde töten und ihr Blut saugen und mit anderen Wölfen bis zum Morgen 
umherwandern. Man glaubt, dass sie ihre übernatürlichen Fähigkeiten durch einen aus 
Kräutern hergestellten Trank erlangen. Man wird wohl nicht leicht entdecken, dass es 
nur Scheiutiere sind, da sie in der Nacht wandern uud plündern; am Tage verbergen 
sie natürlich die Tiergewänder (siehe Andree 1, 72). — Ethn. Report 1880— 81, S. 68: Bei 
den Chaldäern, Ägyptern und Griechen hing der Erfolg der Zauberei von der Unwissenheit 
des Volkes und der verhältnismässigen Gelehrsamkeit der wenigen ab, die sie ausübten. 
Bei den amerikanischen Indianern besitzen die Medizinmänner und die geschicktere 
Zauberin nur wenig mehr Gelehrsamkeit als die Gesamtheit des Stammes, und ihr Erfolg 
hängt gänzlich vom eigenen Glauben an ihre übernatürlichen Fähigkeiten und vom 
Glauben und der Furcht ihrer Anhänger ab. — Die Irokesen glaubten an Leute, die Tier- 
gestalt teilweise annehmen konnten. Vgl. Grinnell, Blackfoot Lodge Tales S. 79: Ein 
alter blinder Wolf mit machtvoller Medizin heilte einen Mann, und brachte es zustande, 
dass dessen Kopf und Hände wie die des Wolfes aussahen. Der übrige Körper wurde 
nicht verändert. Er hiess ein Mann-^Yolf. 



46 Stewart: 

37) Ethn. Report 1880-81, S. 73: Die Hexen vermochten Tiergestalt anzunehmen 
und haben es getan. So sah ein Mann einen Hund, aas dessen Maul und Nasenlöchern 
Feuer strömte. Es war Nacht. Der Mann schoss auf den Hund, und am nächsten 
]\Iorgon folgte er der Spur der Blutstropfen aus dessen Wunde. Bei einer Brücke ge- 
Malirtc er Fusstapfen einer Frau an Stelle der Spuren des Hundes, und endlich entdeckte 
er die Frau selbst, die an der Wirkung des Schusses gestorben war. Ebd. S. 73: Ebenso 
verschwand bei einem kleinen Fluss ein verfolgtes Schwein, und darauf erschien ein alter 
Manu, der sagte, dass er es gewesen sei, den sie gejagt hätten. Da wussten die Ver- 
folger, dass er ein Zauberer war. S. 74: Eines Abends verfolgte ein kanadischer Indianer 
«inen weissen Stier, aus dessen Nasenlöchern Feuer strömte. Nie vorher hatte er einen 
weissen Stier auf dem Reservatgebict gesehen. Wie der Stier an einem Haus vorbeiging, 
verwandelte er sich in einen Mann mit einer grossen weissen Decke (Blanket), der 
seitdem immer als ein Zauberer bekannt war. — Ethn. Report 1901—1902, S. 395: Ein 
Mann, der des Abends fortging, bemerkte einen sonderbar aussehenden Esel (Burro). Als 
er nach Hause zurückkehrte, sagte man ihm, eine grosse Katze sei ins Haus gekommen. 
Er ging wieder hinaus, und entdeckte einen in eine wollene Decke (Blanket), aber nicht 
nach Zuni-Art eingehüllten Mann, dessen Kopf tief in die Decke gesunken war. Er er- 
kannte, dass dies Geschöpf ein Zauberer war. — Ethn. Report 1887 - 88, S. 4.j8: Dass der 
Medizinmann (Schamane) die Fähigkeit besitzt, sich nach Belieben in einen Coyote 
(Präriewolf) zu verwandeln und dann die menschliche Gestalt wieder anzunehmen, glauben 
die Indianer ebenso fest, wie es unsere Vorfahren in Europa glaubten. Und S. 459: Die 
Abiponen Paraguays schreiben ihren Medizinmännern die Fähigkeit zu, Tigergestalt an- 
zunehmen. Die Medizinmänner von Honduras gaben vor, dass sie die Fähigkeit ber.ässen, 
sich iu Löwen und Tiger zu verwandeln. Auch besassen die Schamanen der Einwohner 
Nicaraguas die gleiche Fähigkeit. Vgl. Hertz S. 113ff.: „In der christlichen Zeit wurde 
der heidnische Kultus Teufelsanbetung, und hier entstand mit dem Hcxenglauben die Vor- 
stellung von Menschen, die sich mit Hilfe des Satans aus reiner Mordlust zu Wölfen 
verwandeln. So wurde der Werwolf das Bild des tierisch Dämonischen- in der Menschen- 
natur." 

38) Ethn. Report 1887—88, S. 467: Die Medizinmänner der Apachen werden gleich- 
zeitig bezahlt, wenn man sie um Rat fragt, der Priester bei den Eskimos im voraus. 
Ethn. Report 1889—90, S. 187: Die Grösse der Krankheit wird gewöhnlich nach dem 
Reichtum der Patienten gemessen. S. 416: Die Zauberer der Sioux bereiteten Liebes- 
getränke für diejenigen, welche dieselben kauften. Ethn. Report 1901- 1902, S. 568: Der 
Schamane, wie auch derTheurg (Geisterseher), wird meist nach jedem Besuch mit Kattun, 
Baumwolle oder Lebensmitteln, je nach dem Reichtum der Familie, bezahlt, da jeder 
weiss, dass diese Ärzte für ihre Dienste die entsprechende Belohnung erwarten. S. 387: 
Der Zuui-Arzt wird je nach seinem Ansehen bezahlt. G. B. Grinnell, Blackfoot Lodge 
Tales S. 284: Wenn früher jemand drei bis vier Wochen krank blieb, musste er sein 
ganzes Eigentum hingeben, um das Honorar des Doktors zahlen zu können. — Ethn. 
Report 1887—88, S. 4G2ff.: Die Erklärung von Krankheit bei den amerikanischen Indianern 
ist die Erklärung des Chaldäers, des Assyrers, Hebräers, Griechen, Römers, d. h. alle 
körperlichen Krankheiten werden der Bosheit der Geister (d. h. der Tiergeister, Gespenster 
oder Hexen) zugeschrieben, die vertrieben oder versöhnt werden müssen. Bei der Zauberei 
glaubte man, dass ein Kauderwelsch mächtiger wäre als die Sprache, die der Arzt oder 
die von ihm Betrogeneu verstand. S. 468: Man klagt die Medizinmänner an, dass sie 
ihren Feinden Gift verschreiben. Ethn. Report 1889— 90, S. 416: Man glaubte, dass die 
Zauberer der Sioux den Tod der Leute verursachten, die sich deren Ungnade zugezogen 
hatten. Ethn. Report 1887—88, S. 581: Wenn ein Apache oder anderer Medizinmann im 
vollen Staate ist, so hört er auf Mann zu sein und wird die Kraft, die er darstellt, oder 
lässt seine Anhänger glauben, dass er sie geworden ist. . . . Die mexikanischen Priester 
maskierten und verkleideten sich und zogen die Häute der Frauen an, die sie geopfert 
hatten. — So übte der Schamane die Zauberei und Arzneikunst und war dabei Priester. 
Ethn. Report 1887—88, S. 594: Der Indianerdoktor verliess sich weit mehr auf die 
Zauberei als auf natürliche Heilmittel. Träume, Trommelschläge, Gesänge, Zauberschmäuse 



Die Entstehung des Werwolfglaubens. 47 

und -tanze, sowie Geheul waren seine üblichen Heilmethoden. Siehe Grinnell, The Story 
of the Indian S. 210 ff.: Sie glauben fest an Träume. Ihr Glaube an ein zukünftiges Leben 
gründet sich zum Teil auf Träume usw. 

39) Ein Beispiel der fabelhaften Erdichtung zum reinen persönlichen Gewinn findet 
man bei Andree 1, 77: Wenn die Grönländer an einer Stelle zu viele Seehunde fangen, 
so rächen sich diese auf schreckliche Weise. Sie nehmen Menschengestalt und greifen 
ihren Feind zur Nachtzeit in seinem Hause an. Dies ist die Verwandlung des Tieres in 
einen Menschen, aber der Erfinder der Geschichte dachte dabei ohne Zweifel an den 
eigenen Gewinn. Es ist das derselbe alte Kampf zum Schutz der Seehunde, der auf 
andere Weise noch heute immer fortdauert. In Slam erzählt man vou Menschen, die 
durch Zauberformeln Tiger werden und nachts nach Beute umherstreifen (Andree 1, 72). 
Einer der Mann -Tiger war ein Priester. 

40) G. B. Grinnell, Blackfoot Lodge Tales S. 283: Die Wölfe, die in früheren Tagen 
sehr zahlreich waren, sollen zuweilen toll geworden sein und jedes Tier, das sie trafen, 
gebissen haben. Dann und wann kamen sie sogar in die Lager und bissen Hunde, Pferde 
und Menschen. Die Leute, die ein toller Wolf bi.ss, wurden meist auch toll. Sie zittertcu, 
ihre Glieder zuckten, die Kiefer setzten sich in heftige Bewegung, und der Mund schäumte. 
Oft versuchten sie andere Leute zu beissen. Wenn irgend einer sich auf diese Weise 
benahm, so banden ihm die Verwandten Hände und Füsse mit Stricken und wickelten ihn 
in die 'grüne' (frische) Haut eines eben getöteten Büffels. Dann machten sie Feuer auf 
ihm und um ihn her, und Hessen ihn im Feuer liegen, bis die Decke anfing trocken zu 
werden und zu brennen. Dann zogen sie ihn aus dem Feuer heraus und nahmen die 
Büffelhaut ab, und er war geheilt. Dies war das Heilmittel gegen den Biss eines tollen 
Wolfes. 

41) Zuweilen entwickelte sich sogar bei den Kundigen selbst eine Monomanie, wie 
bei der Zauberei. Andree 1, 7G berichtet über diese weitverbreitete Krankheit oder 
Täuschung (des ersten Jahrhunderts n. Chr. bis spät ins Mittelalter). Die 'Kranken' 
dui-chstreiften in der Nachtzeit die Begräbnisplätze, und bildeten sich ein, sie seien 
Wölfe oder Hunde, und bellten und heulten. Im Mittelalter töteten solclie Menschen 
sogar Kinder und Erwachsene. Wenn sie wieder zur Besinnung kamen oder geheilt 
waren, behaupteten sie nichts von dem Geschehenen zu wissen. Ethn. Report 1888—89, 
S. 491: Bei den Schamanen berichtet man von Taschenspielerkunststücken oder angeblicher 
Zauberei, die mit den besten spiritistischen Sitzungen wetteifern oder sie sogar übertreffen. 
S. 207: Gebrauch von Mänteln, die aus den Fellen der Büffel und anderer grossen Tiere 
verfertigt, und mit schamanistischen Sinnbildern ben)alt sind. S. 235: Hier nennt sich 
der Redner einen Wolfsgeist, der besondere Kraft besitze. 

42) Im Ethn. Report 1889—90 S. 2G3 wird über den Ursprung des Wolfs erzählt: 
Der Wolf war eine arme Frau, die so viele Kinder hatte, dass sie ihnen nicht genug 
Lebensmittel verschaffen konnte. Sie wurden so mager und huugrig, dass sie sich in 
Wölfe verwandelten, und durchstreiften fortwährend das Land, um Futter zu finden. 

43) Ethn. Report 188.3—86, S. 152: Man kann sich keine Vorstellung machen vom 
schrecklichen Geheul und den Körperverdrehuugen dieser Gaukler (Schamanen) oder 
Zauberer, wenn sie sich zum Beschwören vorbereiten. 

44) Andree 1, 70 berichtet über den Hauptzauberer Abessiniens, der von seinen unter- 
geordneten Tiermenschen die Zähne der während des Jahres von ihnen getöteten Menschen 
als Jahrestribut verlangt. Damit schmückt er seinen Palast. Ethn. Report 1885-86, 
S. 151 über die Zauberei bei den amerikanischen Indianern: Es bestanden Gesellschaften 
mit doppeltem Zweck: 1. Um die Überlieferungen von dem Ursprung und von der Welt- 
entstehungslehre der Indianer zu bewahren usw., 2. um einer gewissen Gruppe ehrgeiziger 
Männer und Frauen durch ihre anerkannte Fähigkeit der Geisterbeschwörung und Zauberei 
genügenden Einfluss zu verschaffen, um auf Kosten der Leichtgläubigen ein behagliches 
Dasein führen zu können. S. 162: Jeder Stamm hat seine Medizinmänner und -frauen, 
eine Art Priesterschaft, die man in Krankheitsfällen immer um Rat fragt. Natürlich liegt 
es in ihrem Interesse, die Leute glauben zu lassen, dass sie nach Belieben mit den 



48 



Stewart: 



Munedoos verkehren können. Dann und wann besteht diese Gesellschaft aus einer Familie. 
Anm oG und Andree 1, (lü. 

45) Nach Grimm, Teutonic Mythology 3, 1104 waren im hohen Altertum die Hexen 
Priesterinnen, Ärztinnen, fabelhafte Nachtweiber, die nie verfolgt wurden. Die Mädchen 
konnten sich in Schwäne, die Helden in Werwölfe verwandeln, ohne der Achtung ihrer 
]\Iitmenschen verlustig zu gehen. Der Missbrauch eines Zauberspruchs wurde bestraft. 
Eine weise Frau, die Krankheiten heilt und Wunden bespricht, gilt erst dann für eine 
Hexe, wenn sie durch ihre Kunst Böses tut. Erst später, als man bei jeder Zauberei die 
Mitwirkung des Teufels voraussetzte, beschuldigte man jene alle der Tcufelsbuhlschaft. — 
Ethn. Keport 1901—1902, S. 39.'): Obwohl man die Hexen als allmächtig ansieht, werden 
doch nur die armen und unglücklichen verurteilt. Nur selten werden die anderen vor 
Gericht gestellt: ihre hervorragende Stellung verhindert die öffentliche Anklage. Das 
erinnert uns an unsere Gewohnheit, Verbrechen der Reichen und Mächtigen zu übersehen. 
Tgl. Anm. 49. 

4G) Solch erkünstelter Wahnsinn übt eine nachteilige Wirkung auf den Körper, 
besonders auf die Augen aus, so dass viele Schamanen (in Sibirien, Amerika usw.) blind 
werden. 

47) Enc. Brit. Bd. 15, unter Lycanthropy: In Preussen, Livland und Litauen waren, 
nach Angabe von zwei Bischöfen, im IG. Jahrhundert die Werwölfe weit verderblicher als 
die 'echten und natürlichen Wölfe'. Man sagte, sie hätten eine verfluchte Verbindung 
derjenigen gegründet, die Neuerungen wollten, welche gegen die göttliche Lehre seien 
(au accursed College of those desirous of innovations contrary to the divine law). 

48) Als dieser selbe Tiger-Mann (in Asien. Audrce 1, 72) eine Frau tötete, machte 
sich deren Manu zur Verfolgung auf, folgte ihm bis an sein Haus, fing ihn später in 
Menschengestalt und tötete ihn. Ähnliche Kunststücke finden wir im Ethn. Report 
1887— .H8, S. 470 berichtet: Die Medizinmänner der Pawnees verschluckten Pfeile und 
Messer und volllührten auch das Kunststück, dass sie einen Mann scheinbar töteten und 
ihn dann wieder belebten, wie die Zufii-Indianer. 

49) Grimm, Rechtsaltertümer 2, 566: 'Hexen waren fast alle aus der ärmsten und 
niedrigsten Volksstufe' (vgl. Anm. 4,5). Nach dem 'Literary Digest' vom 9. März 1907, 
S. 378 (.Spiritualism and Spirituality) begehren viele Spiritisten die Gemeinschaft mit 
Geistern anscheinend nur, um desto sicherer gesund bleiben und desto leichter den Lebens- 
unterhalt verdienen zu können. Enc. Brit., unter Lycanthropy: Die Lächerlichkeit des 
Aberglaubens wäre den Leuten viel früher klar geworden, wenn nicht die Meinung 
geherrscht hätte, dass ein verwundeter Werwolf die Menschengestalt wieder annehme; in 
jedem Falle, wo der vermeintliche Werwolf gefangen wurde, war es sicher, dass er ver- 
wundet war, und so erklärte man befriedigend die Tatsache, dass er nicht in Tiergestalt 
gefunden worden war. 

50a) Ethn. Report 1897-98, 1, 263: Der Hirsch, der noch immer im Gebirge 
häufig vorkommt, lieferte den hauptsächlichsten Lebensunterhalt der Cherokee-Jäger, und 
nimmt deswegen eine hervorragende Stellung in ihren Sagen, Vorstellungen und Festen 
ein (vgl. Anm. 23). S. 264: Die grösste Sippschaft (clan) des Stammes heisst 'Wolf- 
leute'. S. 420: Die Cherokee sind immer ein landwirtschaftliches Volk gewesen, und ihr 
altes Land hat eine üppige Flora; daher spielt das Pflanzenreich in der Mythologie und 
bei den Feierlichkeiten des Stammes eine weit wichtigere Rolle als bei deu Indianern der 
baumlosen Ebenen und dürren Salbeiwüsten im Westen. 

50b) Ein anderes Beispiel liefert die Zeitung 'Westliche Posf, St. Louis vom 
9. Januar 1908: Ein zahmer Wolf, der seit zwei Jahreu der Liebling der Familie eines 
Farmers bei Marshlield, in Wisconsin gewesen war, entkam und fiel ein Huhn an. Die 
Tochter des Farmers rief den Wolf, aber er war vom Blutgenuss wild geworden, griff sie 
an und biss sie in beide Arme und ein Bein. Er hielt sie so fest, dass das Mädchen erst 
befreit werden konnte, nachdem sie den Wolf mit seinem Halsband fast erwürgt hatte. 
Auch folgender Bericht derselben Zeitung vom 13. Januar 1908 beweist das häutige Vor- 
kommen der Wölfe heutzutage sogar in ganz volkreichen Gegenden: „Wolfplage. Aus dem 



Die Entstehung des Werwolfglaubens. 4!) 

nördlichen Wisconsin wird gemeldet, dass Wölfe in diesem Jahre zahlreicher sind denn je, 
und dass sie, durch Hunger getrieben, sich nahe au die Ortschaften wagen und Haustiere 
und auch Menschen angreifen. Zwei grosse Wölfe fielen in dieser Woche das Pferd der 
Frau Branchard an: das Pferd scheute und jagte in den Wald, wo es durch Arbeiter 
angehalten wurde, welche die Bestien verscheuchten." 

51) John Fiske, Myths and Myth-Makers S. 78 ff , erklärt den Ursprung und die Ent- 
wicklung des Werwolfs folgendermassen : Von der Vorstellung wolfartiger Gespenster war 
es nur ein kurzer Schritt bis zur Vorstellung der körperlichen Werwölfe. . . . Das Christen- 
tum verlieh sogar dem Werwolfglauben einen neuen und furchtbaren Charakter. Die 
Lykanthropie wurde als eine Art Zauberei angesehen, der Werwolf sollte seine Fähig- 
keiten vom Teufel erhalten. Oft war man genötigt seine Feinde zu töten, und einige 
mordeten sogar aus Lust am Töten (wie die Berserkei'); oft war es eine Art mörderischer 
Pi,aserei, bei der sie sich in Wolfs- oder Bärenfelle kleideten und sich zur Nachtzeit 
auf den Weg machten, um tmvorsichtigen Eeisenden das Rückgrat zu brechen, den 
Schädel zu zerschmettern und dann und wann mit teuflischer Freude deren Blut zu 
trinken. . . . Möglicherweise waren die Wölfe oft die Erfindung einer aufgeregten 
Phantasie. So schrieb man die Wolfsnatur dem Wahnsinnigen oder Blödsinnigen zu, der 
menschenfresserische Triebe zeigte, imd später schrieb die mythenbildende Phantasie dem 
Unglücklichen einen greifbaren Wolfskörper zu. Es waren drei Ursachen: 1. Die Ver- 
ehrung der toten Vorfahren mit Wolf-Totems gab zur Vorstellung von der Verwandlung 
der Menschen in göttliche oder übernatürliche Wölfe Anlass; 2. man erklärte den Sturm- 
wind als das Rauschen einer Seelenschar der Verstorbenen oder als das Geheul wolf- 
artiger Ungeheuer (vom Christentum Dämonen genannt); 3, die BerserkeiTaserei und der 
Kannibalismus, und die angeblich von solch teuflischer Verwandlung verursachten Visionen, 
riefen den Werwolfaberglauben des Mittelalters ins Leben. Die Vorstellung, dass jemand, 
der ein Wolfsfell anzog, zum Werwolf wurde, ist vielleicht ein Überbleibsel der von den 
Berserkern behaupteten Tatsache, dass sie zur Nachtzeit, in Wolfs- oder Bärenfelle 
gekleidet, den Wald unsicher machten. Eine dauernde Heilung wurde durch die Ver- 
brennung des WerwoUskleids bewirkt, falls der Teufel den ^Menschen nicht mit einem 
neuen Wolfsfell versah. Ursiirünglicli brauchte die Seele nur die äussere Hülle eines 
Geschöpfes anzuziehen, um zu irgend einem Geschöpf zu werden. Der ursprüngliche 
Werwolf ist der Nachtwiud, eine Art Führer der toten Seelen, der im winterlichen Sturme 
heult. Vgl. Enc. Brit. unter Lycanthropy: Die Berserker Islands kleideten sich in ßären- 
und Wolfsfelle. In der eigentlichen Mythologie nimmt man Tiergestalt weit öfter zu bösen 
als zu guten Zwecken an. 

52) Nach Grimm, Teutonic Mythol. ."i, 1094, hängt die Annahme der Wolfsgestalt 
ursprünglich vom Anlegen eines Wolfsgürtels oder -hemdes ab, wie die A'em^andlung in 
einen Schwan vom Anlegen des Schwanenhemds oder -rings. Die Verwandlung braucht 
gar nicht zu Zauberzwecken geschehen: wer das Wolfshemd anzieht oder in dasselbe be- 
schworen wird, unterliegt der Verwandlung. Mit der Gestalt nimmt er auch die Wildheit 
nnd das Geheul des Wolfs an. Er durchstreift den Wald und zerreisst alles, was ihm 
in den Weg kommt. Ähnlich ist der Glaube des amerikanischen Indianers, dass der 
Maskenträger mit dem Geiste des Wesens erfüllt wird, das seine Maske darstellt (Anm. 32): 
oder dass der Schamane in vollem Staate die Mächte verkörpert, die er darstellt 
(Anm. 3^i). [Nürnberger Flugblatt von 1589 bei A. Bartels, Der Bauer 1900 S. 60.] 

5:>) In einigen Geschichten der Indianer verwandeln sich die in Wolf. Truthahn 
oder Eule verzauberten Menschen, wenn sie verfolgt werden, in Stein oder ein Stück 
verfaultes Holz. In Anm. 33 sind die unsichtbar machenden Mäntel erwähnt. 

5-1) Hirt, Die Indogermanen 1, 187: Unter den grossen Raubtieren treten uns Bär 
und Wolf mit alten Namen entgegen. Der Wolf ist freilich überall in Europa verbreitet 
-pwesen, der Bär ist aber ganz sicher ein Waldtier. Enc. Brit. unter Lycanthropy: Mit 
dem 17. Jahrhundert war in England der Werwolf schon lange ausgestorben. Es blieben 
der bösen Zauberin nur kleine Tiere wie die Katze, der Hase, das Wiesel xisw. übrig, in 
die sie sich verwandeln konnten. Vgl. Anm. 5. 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunrle. 1909 -^ 



50 Stewart: Die Entstehung des Werwolfglaubens. 

ö.')) Bei den Indianern, wo verscliiedene grössere Tiere häufig vorkommen, nannte 
man l)esonders die Pawnees 'Wolf-Leute' (s. die Zeichensprache der Prärien), weil sie, 
wie wir schon sahen, die Wölfe am besten nachahmten. In Europa, wo von grösseren 
Tieren nur der Wolf überall zalilreich vorkam, beschränkte man die Bezeichnung 'Wolf- 
liCute" (oder Werwölfe) auf keine Gegend oder Menschen, sondern nannte so allgemein 
alle diejenigen, die sich Wolfsait aneigneten und ihrer Verbrechen wegen verbannt wurden. 
Sie verkleideten sich ohne Zweifel als Wölfe, um nicht entdeckt zu werden (Anm. ö), und 
daher hiess der Warg oder Geächtete Wolf (Anm. 57, Schluss). Golther. Mythologie S. l<i-2: 
Wird ein Werwolf verwundet oder getötet, so findet man einen wunden oder toten 
Menschen. Die Werwölfe halten sich, wie schon gesagt, im Walde und Dunkel auf, 
um eine Entdeckung zu vermeiden. — Ähnlich verhält sich die Sache bei den Hexen. 
Ethn. IJeport 1901—1902, S. 393: Die Hexen sollen die Kacht lieben und im Schatten 
und Dunkel lauern. Man glaubt, dass die Hexen Tiergestalt annehmen können. Sigmund 
und Sintjytli hausten als Wölfe im Walde. Auch konnte der Vorfahr der Myramenn in 
Island des Nachts in Wolfsgestalt seine Wohnung verlassen. Nach einem anderen 
norwegischen Bericht vermochten manche Leute Wolfsgestalt anzunehmen, sie hausten 
dann im Hain und Wald, wo sie die Menschen zerrissen (Pauls Grnndriss 3, 212). 

.")()) Über Namen vgl. Anm. :')1. Hier war die Entwicklung wohl dieselbe Avie bei 
den Masken (Anm. '.>2) und dem Werwolfglauben selbst; d. h. a) Schutz vor äusseren 
Einflüssen: b) Glaube an übernatürliche Kräfte; c) Humor. — a) Euc. Brit. unter Lycan- 
thropy: Oft werden die Kinder Wolf geheissen und als Wolf verkleidet, um ihre über- 
natürlichen Feinde zu betrügen (andere Beispiele der Annahme von den Eigenschaften 
oder der Natur der Tiere zum Zweck des persönlichen Vorteils siehe Anm. -!11. Die 
Begleitung vom Wolf oder Raben bedeutete Sieg (J. Grimm, Teut. Mythol. 3, 1139). und 
das althochdeutsche Wolf-hraban (Wolfram) war wohl ein glückverheisseuder Name für 
den Helden, dem die beiden Tiere den Sieg versprachen. Keineswegs sind die Namen 
bloss Erzeugnisse des Zufalls. Die serbischen .Alütter nennen den langersehnten Sohn 
Vuk (Wolf): dann können die Hexen ihn nicht auffressen. Das ahd. Wolfbizo war ein 
glückbringender Name, d. h. ein vom Wolf Gebissener und dadurch Beschützter. So heilt 
man homöopathisch Gleiches durch Gleiches. — b) Gleichzeitig mit dem zunehraeuden 
Glauben an übernatürliche Mächte kam wohl die von ]\[eringer (ludogerm. Forsch. 16, 165) 
erwähnte Erteilung geheimer Namen auf, da man einem Menschen schon durch den 
Namen schaden und einen Feind bloss dadurch herbeirufen konnte, dass man seinen 
Namen sprach: 'Wenn man den Wolf nennt, kommt er g'rennt'. Vgl. auch Meringer 
ebd. 21, .••.13ff.: Es war gefährlich Bären oder Wolf in den von diesen Tieren geplagten 
Gegenden zu erwähnen; daher vermied mau es aus Furcht, den Namen dieser Tiere aus- 
zusprechen, man nannte den Bären z. B. Honigfresser usw. — c) Als man sich endlich 
mit den feindlichen Tieren besser messen konnte, traten eine furchtlose Stimmung und 
Äusserungen des Humors ein. Da entstanden solche Namen wie die in Anm. •"!! er- 
wähnten und Geschichten wie die über Romulus und Remus, die von einem Wolf gesäugt 
wurden. 

58) Die Geächtctten. Die Werwolfvorstellungen werden auch mit denjenigen von 
Geächteten, die sich in den Wald geflüchtet haben, vermischt (vgl. Grimm). Ein be- 
merkenswertes Beispiel davon ist das von Sigmund und Sinfjotli in der Vylsungasaga. 
Darüber sagt W. Golther, Handbuch der germanischen Mythologie 1895 S. 102: „Die 
Sage mag auf einem alten Missverständnis beruhen. Warg, Wolf hiess der Geächtete 
in der germanischen Reclitssprache. Warg wurde wörtlich als Wolf verstanden, und 
so bildete sich die Werwolfsgeschichte." Ebd. S. 424: „Gefesselt wurde I;oki als Ächter 
in den Wald getrieben, er wurde Warg d. h. Wolf. Wölfe hiessen die friedlosen 
Waldgänger." Schade (Altdeutsches Wörterbuch) erklärt das Wort warg als ein räuberisch 
würgendes, wütendes Wesen, ein Mensch von roher, verbrecherischer Denk- und Handlungs- 
weise, geächteter Verbrecher, ausgestossener Missetäter; warg ist Benennung des Wolfes, 
in der Rechtssprache ein treu- und vertragbrüchiger Mensch, vogelfreier Mann, der den 
Frieden durch Mord gebrochen und landflüchtig geworden, oder nun im wilden Walde 
gleich dem Raubtiere haust und wie der Wolf ungestraft erlegt werden darf; im jetzigen 



Bolte: Bilderbogen des IG. uud 17. Jahrhunderts. 51 

Gebrauche auf Island Bezeichnung einer gewalttätigen Person." Ähnlich .1. Grimm, Gesch. 
d. d. Spr. S. 233. Wie die Indianer die Geächteten behandelten, ist im Ethn. Eeport 
1 879— 8(>, S. G7 ff. dargelegt : Ein Geächteter ist ein Mann, der infolge seiner Verbrechen 
den Schutz seiner Sippschaft (Clan) verloren hat uud nicht verteidigt wird, wenn andei-e 
ihm etwas zu leide tun. Wenn die Ächtung ausgesprochen ist, z. B. bei den Wyaudots, 
so ist der Häuptling der Wolfsippschaft (Clani verpflichtet, dies Urteil der Eatsversammlung 
bekannt zu machen. Bei der Ächtung des höchsten Grades ist jedes Mitglied des Stammes, 
das dem Missetäter begegnet, verpflichtet, ihn wie ein Tier zu töten. Ebd. S. GOff.: Der 
Häuptling der Wolfsippschaft ist Herold und Sheriff des Stammes (vgl. auch Ethn. Report 
1893-94, S. CXIV). Die Verbrecher hielten sich im Wald und Dunkel auf. Viele von 
ihnen lebten wie die Tiere, kleideten sich in Tierfelle und spielten, um andere in Schrecken 
zu setzen (Anm. 18, Schluss), die Rolle von Werwölfen. Da also viele Geächtete wie die 
Wölfe lebten, sich kleideten und benahmen, wurden Wolf und Geächteter gleich- 
bedeutende Worte. 



Bilderbogen des 1 6. und 17. Jahrlinnderts. 

Von Johannes Bolte. 

(Vgl. oben 17, 425-4U.) 



7. Uer Fl'eierkorb. 

In einem verlorenen Bildergedicht von 1.j;)o oder 15o4 hatte Haus 
Sachs (Fabehi und Scliwäiike hsg. von E. Goetze 1, 111) einen Baum 
hescln-ieben, 'darauf Maid und (Jesellen wachsen.' Aus späteren Xach- 
hiklungen^) erkennen wir, (hiss hier junge Gesellen einen Baum um- 
ringten, der statt der Äi)fel zierliche Mägdlein trug, und mit Knitteln oder 
Kechen diese begehrenswerten Früchte hcrabzuholen trachteten. 

Verwandt damit ist das auf zwei Bilderbogen aus der Mitte des 
17. .lahrhunderts erhaltene, aber auf einen Stich von Joh. Theodor de Bry^) 
in Frankfurt zurückgehende Bild der Freierwahl, auf dem das heiratsfähige 
junge Volk nicht auf einem Baume, sondern in einem grossen Korbe 
versammelt sitzt, in den die wählenden Jünglinge und Jungfrauen mit 
verhülltem Gesichte wie in einen Lostopf oder Glückshafen hineingreifen. 
Es wird also der Gedanke veranschaulicht, dass meist der blinde Zufall 
die Liebespaare zusammenführt. Auf dem ersten Bogen (A), der keinerlei 
Datum und Ortsangabe aufweist, ladet der Dichter in achtsilbigen Reim- 

1) Ein Kupferstich von .1. Tli. de Bry 'Felices iuvenes, quibus haec est arbor in hortis' 
in seinen Emblemata saecularia löOC nr. '20 = 1611 nr. 44 (Neudruck von F. Warnecke 1894) 
= Diederichs, Deutsches Leben der Vergangenheit in Bildern 1908 nr. K).').".: zwei Augs- 
burger Holzschnittbogen von M. A. Hannas, 'der Baurenknecht Baunv und 'der Bauren- 
mägdlein Baum", um 16-_>0 (Stiefel, Hans Sachs-Forschungen 1S94 S. (iS. Weller, Annaleii 
1, 420): Rosenkranz, Zur Geschichte der deutschen Literatur 183(i S. 20:;. 

•j) Emblemata saecularia 1.J9G nr. "i-J = 1611 nr. 4.!: Connubia caeca. Glaub mir in 
Wavheit, wer du bist. Ein blinder Grilf der Heurath ist: Ist einer, den das Glück erwehlt. 
So sind ihr zehen, den es fehlt. ^ 



52 Bolte: 

paaren die Zuschauer ein, heranzutreten und ihr Glück zu versuchen, und 
tröstet sie im voraus über den Ausfall ihrer Wahl mit dem Erfahrungs- 
satze, dass niemand auf Erden von Mängeln frei sei. Dasselbe Bild, 
vielleicht sogar dieselbe Kupferplatte, hat dann der Nürnberger Verleger 
Paul Fürst, über dessen umfangreiclie Tätigkeit auf dem Gebiete der 
illustrierten Fingblattliteratur wir von Theodor Hampe näheren Aufschluss 
erhoffen, mit einem neuen Text versehen, der durch das daktylische und 
'Alexandriner -Yersmass dem veränderten Zeitgeschmacke Rechnung trägt. 

A) New er Korb voll Venuskinder, [ Allen Jungen Gesellen vnd Jung- 
frawen, so wol auch andern Mann- und Weibsperso- ' nen (die dessen bedörfftig) zum 
besten für Augen gestellt. | 

[Dazu ein Kupferstich, 13x27,7 cm gross, der einen grossen, mit Männern und 
Frauen gefüllten Korb darstellt, an welchen von rechts Männer, von links Frauen heran- 
treten, um mit verhülltem Gesicht ihre Wahl zu treffen. Darunter ein beschreibendes 
Gedicht von 74 Versen in drei Spalten, o. 0. u. J. (um 1650). fol. — Gehörte li»»5 dem 
Münchner Antiquar L. Rosenthal.] 

Demnach biChero zu der Zeit 

Sich angefangn ein grosser Streit, 

An vielen Orten hin und her 

Hat hören lassen mit beschwer 
5 Bey manchem Mann- vnd Weibsperson 

Ein grosse Lamentation, 

Vnd haben auch gantz vnverhollen 

Dem Heyrathen schuld geben wollen 

Ihrer sehr viel auff dieser Erd, 
10 Seynd auch damit noch hart beschwert, 

In dem sie gantzlich geben vor, 

Wie daß sich nunmehr hett Amor 

Verkrochen in ein Holen hin 

Oder Pecunia von jhn 
15 Vnversehens gewandert fort, 

Wie vns dann sagt das alt Sprichwort 

Als: 'Amor vincit orania: 

Das leugst du, sprach Pecunia, 

Da ich Pecunia nicht bin, 
20 So bist du, Amor, auch bald hin'), 

Ist also gleichsam überall 

Ein grosser Mangel ohne zahl 

Bey dergleichen Leut hie auQ" Erd, 

Welchs die täglich Erfahrung lehrt, 
■ib Dieweil jhnen fast nicht mehr traw^en 

Viel Jung Gesellen vnd Jungfrawen, 

Daß sie sich in Ehstand begeben, 

Forchten gantzlich dergleichen Leben 

Vnd sind bißweilen gar änderst gsinnt, 

1) Über die Verbreitung dieses Spruches vgl. Bolte zu Y. Schumanns Nachtbüchlein 
1893 S. 400 und zu Freys Gartengesellschaft 1896 S. 28-2, sowie Zs. f. deutsches Alter- 
tum 48. -28. 



Bilderbogen des 16. und 17. Jahrhunderts. 53 

.;o Haben auch die Beysorg- geschwind, 

Sie möchten etwan derentwegen 

Auch übl ankommen, vnd dargegen 

Haben sie solches vnterlassen: 

Darumb dann billich gleicher massen 
35 Diesen Manns- vnd Weibspersonen allein 

Weil sie ja so gar forchtsam seyn, 

Ist jhnen hier zu leben wol 

Ein Korb mit Venuskinder voll 

Vor Augen gstellt vnd zugericht, 
40 Darein sie mit verdecktem Gsicht 

Können greiffen mit allem fleiß, 

Damit sie dardurch auff die weii-i 

Ein Venuskind erdappen frey. 

Das gäntzlich ohne Mängel sey. 
45 Wie sie es meynen zu bekommen, 

Haben sie hier in einer Summen, 

Sie heben darauß gleich, was sie wölln. 

Ein Jungfraw oder Jungen Gsellen. 

Darmit w^ollen sie nur hingehen, 
öo Allein dabey mich recht verstehen 

Vnd mit diesem zu frieden seyn, 

Was jedem das Gluck in gemein 

Wird geben, weil hier allerhand 

Sorten seynd, jedoch vnbekannt. 

Weil aber sonst das Sprichwort meldt. 

Daß keiner in der gantzen Welt 

Ohne Mangel gefunden werd 

Vnd also auf!" der gantzen Erd 

Fast ein jeder ein Mangel hat, 
fio So ist zu furchten hie mit rath. 

Welcher den allergrösten hat, 

Sey vnbewust noch frü vnd spat. 

Wohin, jhr Jüngling vnd Jungfrawen, 

Vnd alle, so dem Glück wolt trauten, 
c. Trettet herbey zu dieser frist 

Vnd schawet, wo das liebste ist, 

So euch das Glück hier mocht beschern! 

Darmit wolt euch gedultig nehrn 

Vnd also darmit vor Lieb nemen, 
70 Euch dessen gantz vnd gar nicht schämen. 

Sondern, da es euch hier ist bschert, 

So nemets an, weils niemand wehrt! 

Auff daß ewr Klagen werd gestillt, 

Ist dieser Korb euch vorgebildt. 

ß) Spanneuer geflochtener Freyerkorb, | Allen Jungen -Gesellen und 
Jungfern, sowol andern angehenden Heyrahts-Leuten | zur wolmeinenden Nachricht 
vorgestellet. | [Kupferstich wie in A; darunter 4(5 Verse in zwei Spalten. Um 16.')5. 
fol. — Herzogliche Bibliothek in Wolfenbüttel.] 



54 



Holt. 




Es giebet von neuen ein neues entzwej'en. 
Ein Poltern, ein Poltern, ein Pochen im Freyen; 
Die MAnner sich dieses und jenes beklagen, 
Die Weiber die Leiber mit Kummer abplagen. 
Gesellen zuweilen die Gelder bethuren. 
So lange sie Pfennig im Beutel nun hören, 
So lange das Weiblein sie lieben und ehren; 
Wann aber die Gelder nun nimmer nicht wehren 
Vnd alls durch Buhlen und Spielen verschwendet. 
Die feurige Liebe sich wendet und endet. 
Da hebet sich rauffen, da hebet sich schlagen. 
Einander zur Klause, zum Hause raus jagen. 

Damit nun dieses Thun ohn Richter würd verfochten. 
So hat man diesen Korb aus feinen Schilf geflochten 
Vnd da hinein gesetzt von allerley Gestalt 
Von Jungfern und Geselln an Alter jung und alt: 
Darinnen findet man viel Jungfern ohne Mangel, 
Die schöner sind als schön als wie die schönen Engel. 
Beneben sind auch da ein grosser Vberfluß 
Der Jüngsten, die gefärbt mit Dint und Kohlen-ruß, 
Der Mittelgattung auch, die man noch könte nehmen. 
Wann sie sich selbsten nur zum nehmen fein bequemen. 

Vnd auf den andern Theil da finden sich Gesellen, 
Die sich auf Alamod in Complementen stellen. 
Das Haar ist aufgekräust, der Bart ist aufgesetzt. 
Der Kragen ist gestärckt, die Spitzen unverletzt, 
Der Hut auf neue Art beziert mit einer F'eder, 
Der Degen henckt zur Seit, ein starckes Elend Leder 
Ist seines Leibs Collet. Dort sitzt ein alter Jeck. 
Der wegen seines Gelds sich stellt zum lieben keck. 
Das doch kein Weibsbild acht. Doch weil auf beyden Theilen 
Gestalt, Geld, Hoheit, Zier uns pflegt zu übereilen, 
So hat die Venus selbst hier diesen Fund erdacht. 
Damit ein solcher Korb zum freyen würd gemacht. 



Bilderbogen des 16. und 17. Jahrhunderts. 55 

:;5 Darum muU Jung-gesell sein Augenliecht verstecken 
Vnd es mit einem Tuch, die Jungfern auch, bedecken 
Vnd greiffen so hinein. Was nun das Ghicke trifft, 
Da wird die Heyraht gleich durch einen Grieff gestifft. 
So greiffet ihr Knaben frisch ohne Verzagen, 

jn So greiffet ihr Jungfern nach euren Behagen, 
Vnwissend, ob jener die Schönste erdapt. 
Die da'nnoch wol bucklicht, gebrechlich und knapt. 
Vnwissend, ob jene bekommet den Buhlen. 
Der Doctor ist worden auf höhesten Schulen! 

15 Wans glücket, so wünschen wir Segen hierzu 
Vnd alle gewünschete friedliche Ruh. 
Zufinden in ISIürnberg. bey Paulus Fürsten, Kunst- lii'indlern allda, etc. 



8. Die Buhler auf dem Narrenseil. 

Die Torheit der verliebten Männer scliildern die Satiriker des 15. und 
IC. Jahrhunderts ^ern unter den Bildern einer Karrenjagd und eines 
Vu^elfan|.ies'). In einem Fastnachtspiel (Keller 1. 2i>8) reitet Königin 
Venus auf einem Esel herein und lässt einen Narren nach dem andern 
an ihren Strick knüpfen oder (obd. 1, 287) vor ihren Wagen spannen, 
oder ((dtd. 2. 1008) sie bietet die erjagten Narren am Strick wieder feil. 
In Nürnberg ward zur Fastnacht 1521 ein Vogeiherd dargestellt, 'darauf 
die jungen Weiber Narren fingen", und verschiedene Flugblätter führen 
diese unbesonnenen, durch Narrenkappen gekennzeichneten Vögel vor, wie 
sie durch ein hübsches Lockvöglein in den 'Kloben" der Kupplerin oder 
in ein grosses Schlagnetz gelockt \verden oder an eine Leimstange heran- 
fiattern und in einen Vogelkäfig gesperrt werden"). 

Auf jene Metamorphose der törichten Liebhaber in Vögel verzichtet ein 
Kupferstich von .loh. Theodor de Brv^), den ich als eine Versinnlichnng 
der schon bei Luther, Tiivander und Maaler begegnenden Kedensarten 
-aufs Narrenseil führen, aufs Narrenseil setzen, auf dem Narrenseil gehu', 
vielleicht auch der noch älteren 'über das Seil werfen'*) auffassen möchte. 
Hier steht eine Dame mit zwei Kavalieren auf einem Brett, dessen vier 
Stützen nicht im Erdboden, sondern auf einer geflügelten schwebenden 
Kugel ruhen. Sie reicht die Rechte einem dritten Kavalier, der auf einer 
Strickleiter zu diesem luftigen, unsichren Stand emporsteigt, während ihm 
ein vierter naehklimnit und ein fünfter in die darunter befindliche Dornen- 

1) Genauere Nachweise in Wickrams Werken ö, LXXVIII und LVIl f. 

2) Hans Sachs, Die Eulenbeis l.j:'.2 (Fabeln und Schwanke ed. Goetze 1, 82 nr. 25) 
und der Buhler Vogelherd 1534 (ebd. 1, 125 nr. 38). Hirth, Kulturgeschichtliches Bilder- 
buch 1, nr. 327. 328. Diederichs, Deutsches Leben der Vergangenheit in Bildern J. 
nr. 7G7. 2, nr. 1097. 1103. 1104. 

:'.) Emhlemata saecularia l.')i)G nr. 31 = 1(311 nr. 52 'Amatorcs funambuli." 

n Grimm, DWb. 7, 380. 10, 217 f. Vgl. unten S. ö7, V. ;»: -sie warf sie über Seil". 



56 Bolte: 

hecke hinabstürzt. Auf der andern Seite gleiten zwei andre Jünglinge 
an einem Stricke hinunter in eine grosse ISTarrenkappe. Im Hintergründe 
prügelt vor einem Hause ein Mann sein Weib, während der Teufel dazu die 
Trommel schlägt. Dies Bild erscheint vergrössert auch auf zwei Flugblättern: 

A) DER • BVLER • SPIGELL. 

[Der oben beschriebene Kupferstich mit 28 erklärenden Versen wie bei de Bry 
0. 0. u. J. (um 1(UK3). Folio. — Im herzoglichen ^Museum zu Gotha.] 

Die bulerin spricht. 
Secht, bin ich nicht ein Feine diern. 
Wie ich sie auff dem seill kau führn! 
Ich hab gerüstet, gerüstet bog, 
Doch steigv sie mir alle nag. 
ö Mit hend biete, Fus Tretn vnd lachn 
Kan Ich als halt drei narren machen'). 
Ich Will Kein, Der ein handtwerk Kaii, 
Viel Winger Einen bavers mann; 
Den sie sint mir all Viel zu schlecht, 
10 Der nicht Kan steige diese Weg. 

Es Müs Ein Dapfer schnauzhan sein, 
Dem geb ich denn Ein Messerlein, 
Der Schneit den Weg alsbalt Entzwei, 
Das er Mein Rechter haussmaü Sei. 

Der buler spricht. 
15 Ho ho, magt, hör, ob du mir hast 

Die narren Kapp gleich ahngefast, 

Die Ran ich mitt der Zeit abthon. 

Das dir Wol Wirt ein anderer lohn. 

Ein Sprichwort geht, das ist sehr gut: 
20 Kein goltt ist all, was gleisen thut'}. 

Dein Vnbestendigkeitt zeigt ahn. 

Das dir dein glück noch fleugt daruon. 

Der teuffei schon sein samen seht, 

Darin dein Vnklück deii aufgeht. 
-•5 Dein deil wirstu bekomen fein, 

Das gleich vnd gleich beisam wirt sein. 

Eür dantz Wirt offt seltzam ergahn. 

Der teuffel Wirt dir der drüme schlau. 

B) Der Jungfrauen Narrenseil. 
[Dies vou Paul Fürst iu Nürnberg um 1G50 gedruckte Folioblatt wiederholt den 
Kupferstich von A (Grösse 25,2 x 2G,2 cm) und fügt ihm einen neuen Text in Alexandrinern 
bei. — Wolfenbüttel.T 



1) Über diesen Reim und die dazu gehörigen Illustrationen vgl. R. Köhler, Kleine 
Schriften 2, 173 'Ein 'Weib und drei Liebhaber: ferner Oechelhäuser, Der Bilderkreis zum 
wälschen Gaste 1890 S. 26. Diederichs, Deutsches Leben der Vergangenheit 1008 ur. 1009. 
1101. Celtes. Ei)igrammata 1, 29. Hock, Blumeufeld IGOl cap. 73, 6. Dreselly, Grab- 
schriften 190(» nr. 1205. J. v. d. Heyden, Speculum Cornelianum (1G18. 1879) nr. 27. 

2) Vgl. Wander, Deutsches Sprichwörterlexikon 1. 1789. 



Bilderbogen des 1(>. und 17. Jahrhunderts. 57 

'Mein Seil ist auff'gespannt, zu narren die Gesellen, 
Mein Stand ist Unbestand, mein Wählen wie die Wellen. 
Ein Narr ist, der mir traut. Mein Hertz ist wie ein Ball; 
Mein Sinn ist Flügel-leicht, ich hebe sie zum Fall. 
5 Wer meynt, er steh, der ligt. Den laß ich ein, den aus. 
Seht an die Narren-Khapp\ ich bin ein Taubenhaus'^). — 
Wie mancher hat bey der am Narrenseil gezogen! 
Die viel betrogen hat, muß wieder seyn betrogen. 
Kein Freyer war ihr recht, sie warf sie über Seil. 
10 Nun ward die Narrenkapp' ihr endlich selbst zu theil. 
Der rechte Lohn vor sie, ein Teüffels-böser Man. 
Prügel her, daß er sie dapfer dreschen kani 
Paulus Fürst Excudit. 

Uuser Bilderbogen hat uocli 1689 eiiieu uiitergeordneteu Autor Igiiatius; 
Franciscus v. Clauseii zu einem Ich-romane angeregt, der folgenden weit- 
schweifigen Titel führt: 

Der Politischen Jung-fern Narren-Seil, Das ist. Genaue und eigeudlielie Be- 
schreibung, welcher Gestalt heut zu Tage das Fraueu-Volck, und sonderlich die Jungfern, 
das verliebte und buhleriscJie Manns -Volck so artig weiß bey der Nase herum zu führen, 
Sie zu vexiren, agiren, und endlich listig gar abzuweisen, auch was es offters vor ein 
Ende mit dergleichen Frauens-Volck nehme. Allen Curiosen zu sondcrbahrer Belustigung, 
andern zur Zeit-vertreibenden Gemüths- Ergötzung, sonderlich aber allen Buhlern zur 
Warnung, und denen Fraucns -Volck zur Besserung und Erbauung vorgestellet von Ignatio 
Francisco k Clausen. Anno M.DC.LXXXIX. ir/j. Bogen l-J». (Berlin Yu 8!:21.) 

Der Erzähler kehrt zu Placentz im Wirtshaus zur güldenen Laus ein und be- 
trachtet in seiner Schlafkammer die an den Wänden befindlichen Bilder. „Unter 
andern aber (berichtet er ßl. Bya) wurde ich gewahr eines artigen Bildes. Es 
ward aufgespannet ein Seil, wie die Seiltäntzer zu thun pflegen, [B^ibJ auf welchen 
eine wohlgeputzte Jungfer stand, welche an einen Seil allerhand ]Manns- Personen, 
so wohl nach den Stand als Alter hinauf an sich zog, hinter sich aber in eine 
auf der Erde weit ausgcspannete Narren-Kappe fielen, mit dieser Beyschrift: 

Mein Seil ist aufgespannt, zu narren die Gesellen, 
Mein Stand ist l'nbestand, mein Wehlen wie die Wellen: 
Ein Narr ist, der mir traut: mein Hertz ist wie ein Ball, 
Mein Sinn ist Flügel leicht, ich habe sie zum Fall. 
5 Wer meint, er steh', der liegt dort in den Narren-Hauß. 
Ich bin ein Tauben-Hauß, den laß ich ein, den aus. 
Wie mancher hat bey mir an Narren- Seil gezogen. 
Wie manchen habe ich umbs paare Geld betrogen! 
Ich narrte alle gleich und warlf sie übers Seil, [B 10a] 
10 Nuu ist die Narren-Kapp mir worden selbst zum Theil, 
Ein Teufi'els-böser Manu ist worden mir zu Lohne, 
Nun geh ich aller Welt zu Schimpff, zu Spott, zu Holme. 
Kein Freyer war mir gut, es ist mir eben recht. 
Kein schlechter solt es seyn, letzt ists ein Bauern -Knecht. 

1) Vgl. Erk-Böhme, Deutscher Liederhort ur. 480 -Dein Herz ist wie ein Taubenhaus' 
vG. Lange 1592) und die Kupferstiche bei R. v. Lichtenberg, Humor bei den deutschen 
Kupferstechern des Iß. Jahrhunderts 1897 S. 5;! Taf. 8 imd Diederichs, Deutsches Leben 
der Vergangenheit 1908 nr. HOL De Bry, Embleraata saecularia 1611 nr. 51. 



58 Bolte: 

. . . [B lüb] Eben an diesen Bilde, hinten in Winckel wurde ich noch 
eines ;i parte Gemähides gewahr, da ein Mann seine Frau beym Haaren hette. 
mit einen Prügel sie weitlich abklopffete, und der Teuffel die Troiuniel darzu 
schlüge." 



\). Bigorue und Chiclieface in Holland und Deutschland. 

Die eigentümliche Satire auf iiu verträgliche Weibei'. welche dem 
•unten besprochenen niederländischen Kupferstiche des 17. Jahrhunderts 
zugrunde liegt, hat eine lange Entwicklungsgeschichte, auf die wir indes 
nur mit wenigen Worten eingehen wollen^). Ihren Ursprung hat sie im 
mittelalterlichen Frankreich Dort erzählt im 13. Jahrhundert ein un- 
bekannter Dichter^), wie er in Ijothringen ein wildes Tier im Walde 
erblickt habe, greulich von Leib und Angesicht mit langen Zähnen und 
glühenden Augen, geheissen la chinchefache (hässiiches Gesicht); ein 
Bauer berichtet ihm, dass es sich nur von guten und gehorsamen Ehe- 
frauen nähre, nun gebe es solche weder in Toskana noch in der Lombardei 
mehr, auch in der Normandie sei kein Dutzend vorhanden. Dies zaun- 
<Uirre, magere Tier, dessen Name Chicheface im lö. und IG. Jahrhundert 
sprichwörtlich gebraucht wird und auch in Chaucers Canterbury Tales 
erscheint, ward oft auf Gemälden dargestellt und rief auch ein Gegenstück 
Bieorne hervor, das wir zuerst bei dem englischen Dichter Lydgate 
(f 1446) antreffen''). In 19 siebenzeiligen Strophen, die wohl zur Er- 
läuterung eines Wandteppichs bestimmt waren, stellt sich das feiste Untier 
Bycorne vor, das geduldige und iliren Frauen untertänige Männer frisst, 
worauf mehrere solche Ehemänner ihr nahes Ende in seinem Rachen ver- 
künden; dann jammert eine von Chicheface gepackte Frau und warnt ihre 
Genossinnen, den [Mäuiiern ihren Willen zu tun, Chicheface erzählt, wie 
selten sie ein gutes Weib finde, und der Gatte der eben verzehrten Frau 
beklagt ihren Verlust. Dass Lydgate hier durch französische Vorbilder 
angeregt ward, beweist die Beschreibung des Freskogemäldes, das der 
Haushofmeister König Franz des I., Rigault d' Aurelle (j- 1517) iu seinem 
Schlosse zu Villeneuve in der Auvergne anbringen Hess, sowie zwei 
französische Gedichte in neunzeiligen Strophen auf Bigorue und Chiche- 
face, welche in mehreren Drucken des Ki. Jahrhunderts vorliegen und aus 
einem ähnlichen Dialoge jedes Tieres mit seinem Opfer bestehen. Auf 
dem Titelblatte dieser Poeme (Fig. 2 — 3) ist in rohem Holzschnitt die 
typische Gestalt beider Ungeheuer veranschaulicht, während ein besser 



1) Ich verweise auf A. de ^lontaiglon. Recueil de poesies franroises des 15. et 
IG. siecles 2, 187 und 11. 28-J, sowie auf meine Aufsätze im Archiv für neuere Sprachen 
lOG, 1 und 114, 80. 

2) De la Chinchefache, GS Verse bei Jubinal, Mysteres inedits du 15. siecle 1, :')'.iO 
(18:57). 

:\) Gattinger. Die I.vrik Lvdgatcs 18% S. Tm. 



Bil(leibo";«^n des KI. und 17. .rahrhunrleits. 



gezeichnetes Folioblatt des von 1578 bis IGIO tätigen Lyouer Forni- 
schneiders Leonar<l Odet (Archiv 114, 81) noch andere Figuren hinzufügt 
und ein bewegtes (Iruiipenbild liefert. Auf einem englischen Holzschnitte 
aus dem Ende des IG. Jahrhunderts lieisst das feiste Tier Fill-Gutt, das 
magere Pinch-Belly. In Florenz verfasste etwa 50 .lahre zuvor Guglielmo 
detto il Cxinggiola einen italienischen 'Canto di Biurro" in neunzeiligen 
Strophen; dies bei einem Karnevalszuge auftretende Tier ist gleich dem 
Bigorne zur Strafe der bösen AVeiber gesandt, ihre allzu unterwürfigen 
Männer zu fressen. 

In Deutschlan«! können wir wiederholte Versuche Ijeobachten. die 



llllöomfqutmf^ 

Ißctousleö Pommes qui 

tont U commanDcmcnt De Uncs fcmmcs. 



^Cbicbcface qui mängctott' 



(CS Irs bonncs fcmmee. 





FiiT. •-'. Titelbbitt (!.■> Hinorne (Lyon 

um 15;>7. 4 Bl. 4") in halber Grösse. — 

Nach Catalojjue de la biltliotheijue de 

James de Rothscliild 1, 3.'58 (1884). 



Kig. ;;. TitelblHtf dor Clucheface 
(Lyon um 15;)7. 4 Bl. 4") in halber 
Grösse. — Nach Catalogue de la 
bibliotheque de James de Rothschild 
i, 3:;9 (1884). 



französische Satire einzubürgern. Eine leidlich getreue, aber nicht voll- 
ständige metrische Wiedergabe des Dit de Bigorne und des Dit de Chicheface 
liefert ein 158(5 erschienenes, mit einem Holzschnitte geschmücktes Folioblatt: 
Zwe}' Wunderthier so erst newlicli ins Teutschlandt gebracht sind worden, vnd haben 
die Natur vnd art, das sie anders nichts fressen, das ein gute Man, das ander gute Frawen, 
damit sich menigklich wisse zulürsehen, ist jrgend ein Mann so ein gute Frawen, oder 
ein Weib so ein guten lieben Mann hat, mögen sie dieselbigen vor disen zweyen grau- 
sammen Thieren wol verwaren, damit man aber wisse wie sie genennet werden, das erst 
so die gute Mann frisset, heisset Bigorne, das ander so die gute Weiber frisset wird 
genannt Ciscefasche, etc. (l.V) Verse. Abgedruckt im Archiv lOH. 1). 

Während dieser gar nicht üble Holzschnitt im wesentlichen die ein- 
fachen Titelbilder der französischen Originale, wie sie in unserer Fig. '2 — 3 
vorliegen, wiederholt und seinerseits das Vorbild für ein grosses W and- 



60 Bolte: 

gemälde zu Wyl im Thurgau abgegeben zu haben scheint, das ein 
schweizerischer Anekdotensamraler 1()51 beschreibt^), lehnt sich ein 
niederländischer Kupferstecher von 1611 in einem grossen Blatte an 
Odets umfänglichere Komposition an; der noch selbständiger verfahrende 
Verfasser der beigegebenen Erläuterung in Alexandrinern gibt den ver- 
schiedenen Ehepaaren besondere Namen und tauft das französische Un- 
geheuer Chicheface in Scherminckel-aensicht um. Demselben Stiche fügte 
der Augsburger Kunsthändler J. Klocker statt der niederländischen 
Alexandriner deutsche Reimpaare bei, die allgemeiner gelialten sind und 
dem Inhalte des Flugblattes von 1586 nahekommen. 

Auf dem ausserge wohnlich grossen, aus zwei Platten zusammengesetzten 
Kupferstiche (32,.') cm, hoch, 76,5 cm breit), dessen niederländische Inschriften seine 
Herkunft deutlich bezeugen, steht links das feiste, einem Rhinoceros ähnelnde 
Untier Bigorne und verschlingt einen Mann, während der von seiner Frau 
Duyvel verfolgte Goeden broeder vor ihm kniet. Ausserdem gewahrt man 
noch mehrere Gruppen: Frau Nijdicheit prügelt ihren auf der Erde liegenden 
Mann Jan goetbloet, Frau Maey zerrt den Signoir [so] an den Haaren, Frau 
Neel schlägt auf Jaep los. In der Mitte des Bildes zieht eine Schar von Männern 
mit gefalteten Händen zu Bigorne hin; Frau Griet eilt von der Seite auf sie los. 
Auf der rechten Bildhälfte packt das dürre Tier Schreminckel aensicht, das 
völlig der französischen Chicheface mit den lang herabhängenden Zitzen gleicht, 
eine fügsame Frau Engeitjen, um sie zu verzehren. 

Von diesem Stiche besitzt das Herzogliche Museum in Gotha zwei Exem- 
plare, eins mit niederländischen Versen darunter-') aus dem Verlage von David 
de Meyn in Amsterdam vom Jahre 1611 und ein undatiertes mit deutschem 
Texte aus dem Verlage von Johann Klocker zu Augsburg, von dem mir Flug- 
blätter aus den Jahren 162s und 1629 bekannt sind. Diese Beischriften stehen 
auf je zwei Papierstroifen, die oben und unten auf die beiden Bogen aufgeklebt 
sind, aus denen sich der Kupferstich zusammensetzt. 

.4) AFBEI]LD[i]NGE VANDE GOEDE MAHNEN EN QVADE WYVEN. 

Jan (ioeibloet me vernam, hoe dat dit vette T)eest 
De mannen helpt van cant, die leven seer bevreest 
Int jock en slavernij van d'ouor (juade wijven: 
Hy wilde wachten niet noch lang de minste blijven, 

5 Dies tooch hy opte been, liep tot dit monster dra. 
Maer Nijdicheyt syn wijff lieni volchde achter nac 
Met eenen quaden nioet, schuynibeckende met eenen, 
Nam eenen goeden stock, stiet goede Jan daer lienen 
En inat syn ribben wel byna schier bont en grau, 

10 Dat den [? desen] goeden man scheen creupel ende blau. 



1) J. Bächtold, Ein :\[undvüll kurzweihger Schiinpl- und Glinipfreden v^estgabe zu 
R. Köhlers 60. Geburtstage 1890) S. 9. 

2) Eine spätere Ausgabe (Bigorne en Sclierminckel-aensicht. Amsterdam, P. van der 
Keere 1621) verzeichnet F. Muller, De nederlandsche Geschiedenis in Platen 4, 44 
m-. 418 Ae (1882). — Über Scherminkel vgl. auch De Cook, Spreekwoorden en zegswijzen 
ai'komstig van oude gebruiken^ 1908 S. 345. 



Bilderbogen des IG. und 17. Jahrhunderts. 61 

Vant Schreminckel aensicht, 
een mager verveerlijck dier, dat niet dan goede vrouwen eet. 

Nu ciaecht elck goede man van syn vileyne wijf, 
Noyt claechdes goede vrou over haers maus jiekijf, 
Haer leven synde moe. maer eer de tijt verbeyden. 
Tot dat de wreede doot hun beyde mochte scheyden. 
T arlierminckcl acnsichf wacht na spijs met soberheyt, 
Na dien geen goede wijfs hem wordeu toegeieyt. 
Tvel schut hem over tbeen met wreet gesichts vermonden; 
Heeft in twee hondert jaer maer een goet wijf gevondeu, 
Dwelck volget haers maus raet en doet me synen wil 
En laet hem weseu thooft, hoort, siet eu swyget stil. 
Dees vant hy op het lest, een Engel goederhauden. 
Die hären lieven man noyt brengen wou in schänden, 
Maer dede synen wil, gelyck als dat behoort. 
Dus quam dit crengich dier en wou daer mcde voort. 
Doch sy seer deerlick creet en tierde boven maten: 
'Hoe sal ick connen so mijn lieveu man verlatenl' 
Dus een eerbaerlyck wijf, goet, dienstbaer en beleoft 
Ter werelt is, en doch elck meent, dat hyse heeft. 

Een yeder mercket aen des werelts plaghen meest. 
Den man vant wijf beheert Bigornc thorenbeest 
Helaes bidt jammerlyck. mits twyff met boos vermeten 
Vileynichlycken kyft, soecht wcsen opgegeten. 
Segt d'arme manne: 'Lief myn schoone en myn reyn\ 
Sy seyt: 'Ghy schelm, ghy dief, gliy moorder en vileyn'. 
Met banden inde sy schier als een duyvelinne 
Den fiordeii hvoedor bidt: 'Bigorne, slockt haest inne, 
Tgeen in u wangen steecktl Ick sit u schoon bcreyt 
Tot voetsel, mits dat ghy het goet vant quade scheyt. 
Ick deed' des duyvels wil in als, twas veel te quadcr, 
Noyt brack ick het gebodt van dit serpent en ader. 
Ghy siet, ick ciaech te recht; dees duyvelinne wreet 
Mach lyden niet, dat ghy my met ghemack op eet.' 

Signoi-i I':'] valt te cort, mits Maey int boos verplicht 
Met vuysten hem betaelt en crabt uyt syn gesicht: 
'Helaes ick goede man ben me geheel vcrleghen, 
Die noyt uyt quaetheyt lach een stroo in haerder wegen. 
Het hayre en den baert schier blyft in hare haut. 
Bigorne, spoeyt u wat, beJettet dese schanti 
V oogst staet voor de deur: als ghy my hebt genomen, 
So sullen duysent meer hier haestich tot u comcn. 
Den grootoi trappe volcht der guede mannen jent, 
Die geen van al syn haut aent duyvels vel en scheut. 
Wy vlieden d'aertsche hei met banden tsaem ghevouweii. 
Bigorne, goedeu cost u stueren boose vrouwen.' 

De banden beyd' om hooch so steeckt de quade Gi-Iet, 
Schuymbeckt afgryselyck, eer sy haer goe man siet, 
Die binnen tgroote heyi- bedroeflyck weent met clagen, 
Hoopt, dat hy lange niet van haer sal syn geslagen. 

Aenmerckt dus, mannen al, hun dachten syn te groot, 
Veel liever eens verlost dan eewich sterven doot. 
Tsy edelman oft boer, dit heeft hun lang verdrooten, 
Sy haddeu liever t' loot in d'ooren hoet ghegooten 



Bolte: 



Dan daechlycks liet gekeeck oft preutleii van lief wijf, 
So creec]i clan eenmael rust de ziele eu liet lyf. 

i;5 Eer dat Big'ornft can verliooreu s' booshcyts blainen, 

So schreyt een yeder uyt met beyd' de liandeu tsamen: 
'Verblijt u, vette beest, hout niaeltijt, schost eu brostl 
De werelt is op d'ent, n eu ontbreeckt geen cost. 
Siet u beloofde lant, rept haestich, vult de hoecken! 

70 So crijgen dan te recht de wijfs der mannen broeckeu. 
Sy willent liebben al, het wanibeys, broeck en rock, 
Het heerschen en tgebiet, ja t'smijten met een stock, 
Het scheeren vanden baert, het preutelen en snauwen, 
Ja d'armen goede mans de oogen schoon verblauwen, 

75 Aensiet den goeden Jat-p, so quaet gelijck een mugge, 
Die van een boose Xecl gesmeeret wert den ruggel 
Den goeden goossen vlucht, de slange volget naer 
En wou den man wel sien, die voocht oft meester waer. 
'Ick woonder, seyt dat vel, mijn gramschap gaet ontluyckeu. 

80 yecl wil, dat Jap sal syn de minst eu onderdnyckeu.' 

FINIS. 

t'Amstelredam by David de meyn, Caert ende Constvercooper aende Beurf 
Werelt-Caert. Anno KUl. 



indi; 



B) Die deutsche Ausgabe. 

Das Thier, so hier vor Augen ist, 
Nichts dann die frommen Männer frist. 
Das Thier so mager an dem Leib, 
Frist nichts dann nur ein frommes Weib. 

Unter dem Kupferstiche steht: 

Dir Männer auff der Bau, 
Schawet hie das Exempel an, 
Nemblich das wunder grosse Tliier 
So feißt vnd dick, auff daß es schier 

5 Nicht mehr kau auff den Füssen gehn! 
Erstlich must du darbey verstehn. 
Dann dises Thier voll böser Tücken 
Die frommen Männer thut verschlucken. 
So sie die Weiber lassen schlagen, 

10 Mit zancken, greineu hefftig blagen 
Vnd jlin außreissen Haar vnd Bart. 
Wie jetzund ist der Weiber art. 
Dann deren Weiber lindt man vil, 
Daß der Mann thun muß, was sie will, 

15 Vnd solt es kosten Leib vnd Leben: 
Wie dann du allhie siehst darneben 
Das böse Weib auff diser Ban 
Dem Thier thut schencken jederman. 

In Verlegung Jolianii Klockers, Hauß vni 



Welcher Maiui liat ein böses Weib, 
Der wirdt gantz dürr an seinem Leib 
Vnd wirdt auch von dem Thier zernagen. 
So ist mein raht, er soll sie schlagen 
Vnd mit jhr durch all Winckel rennen. 
So kau er disem Thier enttrinnen. 

Ihr Weiber auff der Erden, 
Vnd wann jhr nicht wolt frömmer werden, 
So muß ich armes Thier verderben 
Vnd iu der W«lt gar hunger sterben. 
Ihr seyt vil erger dann der Teuffei, 
Das erfehrt mancher ohne zweilfel. 
Mit zancken, schreyen vnd auch reissen, 
Mit kratzen, schlagen vnd auch beissen. 
Mit schlieren, fressen vnd auch naschen. 
Ja. was sie vor den Mann erhaschen, 
Da.s thun sie alls allein verzehrn. 
Wer will mich armes Thier ernehrni 
Wie ist so dürr mein gantzer Leib! 
daL> ich füiid ein frommes Weib, 
Daß icli kundt meinen Hunger büssenl 
Sonst würdt ich gantz verderben müssen: 
Dann in der gantzen Welt herumb 
Ich nicht ein fron)mes Weib bekumb. 
[Die letzteu 6 Verse fehlen.] 
1 Laden beym Barfusser Thor, in .Augspurg. 



Um KUG nutzte der sich unter dem Anagramm Cheruspatte Faron 
verbergende Kapert a Castenhof die auf die Ehefrauen gemünzte Figur 
der Chicheface zu einer Satire auf die -lungfrauen aus: von diesem Nürn- 
berger Flugblatte 'Der Juuckfrawen Hundt' (Weller, Annalen J, 4'.»;»; 



Bilderbogen des IG. und 17. Jahrliunderts. H3 

vgl. 2, 253) ist eine 1066 gemachte Bearbeitung iin Archiv 114, 85 ab- 
gedruckt. Ein noch früheres deutsches Seiteustück zu Bigorne und 
Ghicheface liefert Hans Sachsens schalkhaftes Sprachgedicht vom Xarren- 
fresser (löoO. Fabeln und Schwcänke 1, 11 nr. ö), nur dass hier nicht zwei 
Tiere, sondern zwei riesenhafte wilde Männer auftreten, von denen der 
feiste die zahlreichen Xarren verzehrt, während sein dürrer Geselle sicli 
von den seltenen Männern nähren muss, welche in ihrem Hause Herren sind. 



10. Der Hahnrei. 

Zum Verständnis der unten zusammengestellten Abbildungen des 
Hahnreis müssen wir einen kurzen Blick auf die für die Entwicklung 
der Volksmoral lelirreiche Geschichte dieses Wortes und Begriffes werfen, 
für die in Wörterbüchern und mehr oder minder gelehrten Abhandlungen^) 
])ereits mancherlei Material zusammengetragen ist. Älter als der Ausdruck 
Hahnrei sind zwei andre Scheltworte für den Gatten einer Ehebrecherin, 
deren bildlicher Charakter einer Erläuterung bedarf: Hörnerträger und 
Kuckuck. 

i) Rabelais 3, 14 'Le songe de Panurge' ein Literaturverzeichnis zu .;. ;J.> in Kegis 
Übersetzung •-*. -145;. — Boucliet, Les serues liv. 1 ^081) ^ 2, 7.')— 1-J."> ed. lloybet: 'Des 
cocus et des cornards'. — A. Du Verdier, Les diverses le«;ons G, 8 (1(510 p. 498— .■)04): 
'Pourquoy en France on appelle cocu le mary d'une femme inipudique et en Italic Becco.' 

— De cucurbitationo disputatio feudalis (Facetiae facetiarum IGl.') p. IGl — 171). — Disser- 
tatio de Haiireitatuiu niateria, quam praesidente Josepho Coruigero proponit Bartholoaiaeus 
Alectbrochoras. Hanripoli Cornutorum 1G27. 4". — .loseph Hanemann von Mühlberg, 
Hahnreystutzcr, d.i. notdürlltiger vnterricht von der Hahnreitet. Haiinberg 1G2G. 48 8. 4" 
(nach Hayn, Bibliotheca Germanorum erotica - 188.'» S. IUI). — Neugekleideter Hahnrey- 
stutzer ex diss. Barthol. Alectrochorae durch Joscphum Cornelium von Frawenlist (IG.'JO). 
(ti. _ lYir,. 4". _ Trinniphirender Halinreystutzer. Nirgendheim 1G77. 12". — Ladislaus 
Simplicius, Der herrliche Triumph -Wagen Actaeontis. Franckenh. 1G85. 12" (in Weimar). 

— Wühlgeputzter Hanrey- Stutzer. Schnackenwalde 1701. — Hanenrheyers Triumpö'. 
Hornburg 171G. — Harsdörffer, Fraueuzimmer-Gesprächspiele 7, :.'.ll (1G47). — Mosche- 
rosch, Gesichte Philandors von Sittewald 2, :',2(J-;r..") (1GG5): 'Weiber-Lob\ — Du cocuage, 
von der Halmreischafft. IGG.'). 4". — Ge. Francus, Tractatus philologieo-medicus de 
cornutis. Heidelberg 1G7S p. 2. — Der gute Mann, oder der wohlbegabtc Hörner-Träger, 
abgebildet von Archiero Cornemico 1(;82 S. 20 — Les Privileges du cocuage. 1G82. 1708. 
1722. — .Tac. Moeller, Discursus duo de cornutis et de hermaphroditis. Francofurti 1G!)2. 
i". _ K. F. Paullini, Zeitkürtzende erbauliche Lust 3, 127. 072 (1697). — Philander von 
der Palme, Vermischte Gedanken von der Hahnrehmacherey. Cornopolis (um 17-80). — 
Die Welt-bekannte, doch nicht von jedermann recht- erkannte Hahnrayschafft. Ff. 17oo. — 
Sermon pour la consolation des cocus. Amboise 1751 u. ö. (nach Nisard, Hist. des livres popu- 
laires- 1, ;;38. 18G4 aus den Privileges du cocuage 1708. Dänisch: En meget curieus, lystig 
og kort Tale, alle Hanredere til Trost og Lindring, af det franske Sprog ndsat. Kjoben- 
havn 1818. — Schon in La muse folastre 1, ."»9a. 1G12 stellt eine gereinite Consolation 
pour les cocus). — Lütcke, Über das Wort Hahnrei und die entsprechenden Wörter ver- 
schiedener Sprachen (v. d. Hagens Germania 1, 144—157). — F. Brinkmann, Metapher- 
studien 1, 522—533 (1878) = Archiv für neuere Spraclicn 58, 20(i— 20G. — Dunger, Höruer 
aufsetzen und Hahnrei (Germania 29, 59—70). 



(14 Bolte: 

Einen gehörnten Sprachmeister (yoa/if.iatt.yMv xegaoffagov) verspottet 

schon der unter Nero lebende griecliische Dichter Tjukillios in einem 

EpigTiimni der Anthologia Palatina 11, 27S: 

Draussen lehrest des Paris und Menelaos Verdruß du: 
Deiner Helena drin dienen der Parise viel. (Regis.) 

Ums Jahr 1000 erscheint dafür die Bezeichnung y.£Qaiiag\ nach der 
dem Kodinos zugeschriebenen Schilderung der Bauwerke von Konstantinopel 
. (Migne, Patrologia Graeca 157, 601) stand dort nahe der Werft eine 
Statue mit vier Hörnern, die sich wunderbarerweise dreimal um sich selbst 
drehte, wenn ihr ein Hahnrei {öong elytr v7i6)ümHv rov elmi xegariav) nahte. 
Von der ungetreuen Frau sagte man, sie schaffe ihrem Manne Hörner; so 
lieisst es in einer von Hercher freilich als späteres Einschiebsel unter 
den Text gesetzten^) Stelle im Traumbuche Artemidors (Onirocritica 
2, 12 ed. Hercher 1864): on fj yvvvj oov Ttogrevoei xal ro Aeyö^Evov y-tgara 
aincp jT0ü]08i. Den Hahnrei aber verspottete man, indem man zwei Finger 
der Hand, meist wohl den zweiten und fünften, in Form von zwei Hörnern 
gegen ihn ausstreckte, also dieselbe GJebärde machte, die bei uns 'einem 
den Esel bohren' oder 'den Gecken stechen' heisst und bei den heutigen 
Italienern als 'far le corna' zur Abwehr des bösen Blickes und andern 
Unheils gebraucht wird^). Ein solcher stummer Yorwurf, wie er noch heut bei 
den Griechen^) geübt wird, galt als Ehrenkränkung, imd der Täter (6 oßgiUor 
Hsgaragicoi' Öei^ei) ward mit gesetzlicher Strafe bedroht*). Ebenso stand nach 
den Stadtgesetzen von Mantua^) eine Geldstrafe darauf, 'si (|uis ad iniuriam 
alterius posuerit ad domum alicuius cornu seu cornua bestiarum." Von dem 
1J85 ermordeten Kaiser Andronikos 1. Komnenos erzählt sein Biograph^), 



1) Doch gestehe ich, dass Herchers Beweisführung im Rheinischen Museum 1SG2, 
85 f. mich nicht völlig überzeugt hat. KegÜTtooic steht in Achmets Onirocritica c. 127 
(Artemidor ed. Riganlt 1()03); ein Traktat :^eqI zou xegaru von Michael Psellos aus dessen 
Problemata im Codex Vaticanns 1088 (Rhein. Mus. 18G2, 87). 

2) 0. Jahn, Bev. der sächs. Gesellschaft der Wiss., phil.-hist. Kl. 1855, .")8. Pitre. 
Biblioteca delle tradiz. pop. siciliane 17, 242. Sittl, Die Gebärden der Griechen S. 124. — 
tiber die Gebärde der Feige s. unten S. 81 ^ 

:3) 'Keratas ist ein Schimpfwort, das von den Griechen im Ärger angewendet wird, 
wobei sie zwei Finger an die Stirne halten" (Das Ausland 1.S3Ö, 27o nach dem Monthly 
Magazine); eine noch stärkere Schelte ist auf Ke])hallenia a/M(/oyJn)i^ {NsoFUijviy.ä 
Ard?.sHza 2, 1.53). 

4) Du Gange, Glossarium mediae et infimae Graecitatis s. v. K^naxäginr. Dass es 
sich hier aber um ein langobardisches Gesetz handle, ist ein Irrtum Du Ganges; vgl. 
Bluhme in MG. Leges 4, 225 \ Dagegen hatte der Langobardenkönig Rothari (Edictus 
§ 381) die Schelte Arga (= Cucurbita, Hahnrei) verboten. 

5) Du Gange, Glossarium mediae Latinitatis s. v. cornu. Verschieden davon sind 
die von Bettlern an ein Haus, in dem drei mitleidige Frauen wohnen, gemalten Zeichen 
V A A A (Zs. f. vgl. Sprachforschung 39. Gll), auf die mich Hr. Dr. S. Feist freundlich hinwies. 

6) Nicetas Choniates, Historia ed. I. ßekker 1835 p. 418, 19: Twv :iao avrov di]0(o/isv<or 
F/Mcpcov zä y.EQaza^ doa öwÖey.äiVoQa i)v xai eiyßr zi davf^iazog, zaig y.aza zi]v ayoqav (vpTau- 
ävTJQza, Z(p ;»«)' Soy.üv aig evdei^iv zov fisyißovg zmr :xaQ ainov ähoy.o/.är(or avQtxor, zw ()• 
mm Öia/(0}}i(j!)/.iF.vog zo TTolizF.vua y.ai diaovgcov etg dy.oaoi'ar zcor yafiEZiov. 



Bilderbogen des IG. und 17. Jahrhunderts. 65 

dass er die Geweihe der von ihm erlegten Hirsche an den Eingängen 
znm Marktplatze zu Konstantinopel aufhängte, um damit die Ehemänner 
löichtfertiger Frauen zu verspotten. 

Wir fragen nun: wie kommt der gekränkte Gatte zu den Hörnern, 
die anderwärts als Bild der Kraft und des Mutes erscheinen, hier aber 
eine empfindliche Schmach bedeuten? Nach Sittl (Die Gebärden der 
CTriechen und Römer 1890 S. 103) sollen die zwei ausgestreckten Finger 
auf zwei Männer der einen Frau hinweisen, wie der eine vorgestreckte 
Mittelfinger den Phallos bezeichnete (Sittl S. 101), und erst aus diesem 
Sinnbilde der Bigamie hätte sich die Vorstellung von Hörnern entwickelt'). 
Mir erscheint ein solcher Entwicklungsweg etwas zu künstlich; glaublicher 
ist ein direkter Vergleich des Ehemannes mit einem gehörnten Tiere, 
etwa dem Ochsen oder dem Ziegenbock. Beim Ochsen wäre das Tertium 
comparationis seine Dummheit, die indes im Altertume seltener betont 
wird als bei uns^); für den Ziegenbock Hesse sich die spätere italienische 
Bezeichnung 'becco cornuto' (gehörnter Bock) des Hahnreis anführen. 
Obwohl nun die hervorstechendste Eigenschaft des Bockes, die Geilheit, 
vielmehr auf den Ehebrecher zu passen scheint als auf den Ehemann^), 
so liefert uns eine bisher nicht beachtete Stelle in dem lateinischen Sitten- 
romane Petrons (c. 39) eine Art Bestätigung für die letztgenannte Ab- 
leitung. Bei dem Gastmahle des Trimalchio nämlich hält der Gastgeber 
einen Vortrag über die Bilder des Tierkreises und ihren Einfluss auf die 
in jedem Zeichen geborenen Menschen und rechnet den Steinbock unter 
die unglückbringenden Sternbilder, unter denen geplagte Leute geboren 
werden, denen vor lauter Kummer Hörner wachsen^). Nehmen wir 
dazu die Angabe der (Uementinischen Recognitiones^). dass auch die 



1) Das von Sittl ano:eführte pompejanische Bild (Heibig, Die Wandgemälde 18G8 
nr. UT2. Baumeister, Denkmäler des klassischen Altertums 2, 824), auf dem ein Sklave 
zwei. Frauen gegenüber diese beleidigende Gebärde macht, bringt für unser Thema keine 
Aufklärung. Die Neapolitaner sagen von der ungetreuen Frau: K candela a due lumi, e 
nn calesso col bilancino. 

2) Brinkmann, Die Metaphern 1, 42S-1GG (1878). Sittl S. 103 '^ schreibt dem Stiere 
erotische Bedeutung zu. 

8) Dagegen sucht J. Eenodaeus (De materia medica 3, 3 = 1G31 p. :U8) eine andre 
Ähnlichkeit heraus: 'Solus hircus nostras inter animantia in rebus venereis patienter 
socium adniittit, nnde qui non aegre idem patitur, Cornutus hircorum instar per sarcasmmii 
dicitur.' Vgl. dazu L. Caelius Rhodiginus, Lectiones antiquae 23, 26 (1.j50 p. Ü05). 

4) 'In capricorno aerumnosi, quibus prae mala sua cornua nascuntur'. Auch die 
folgenden Worte: 'in aquario nascuntur copones et Cucurbitae' sind von Wichtigkeit für 
uns, falls nämlich 'Cucurbitae' hier nicht, -wie L. Fricdländer -will, Kürbisse oder Schröpf- 
köpfe bezeichnet, sondern die dem Mittelalter geläuiige Bedeutung Dummköpfe oder 
Hahnreie hat. Nach Artemidor 1, 39 bedeutet ein Traum, nach dem einem Ochsenhörner 
angewachsen sind, einen gewaltsamen Tod. 

5) 'Mulieres in capraecornu aut aquario cacodaemonem Yenerem nascentes habuere' 
(Rufinus, Recognitiones ed. Grersdorf 1838 9, 23). Auch bei Zeno von Verona (2, 43. 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1909. r. 



66 ßolte: 

unter dem Zeichen des Steinbockes oder Wassermannes geborenen Frauen 
von der Liebesgöttin zu Üblem verleitet werden, so dürfen wir wohl die 
Vermutung wagen, dass die Gebärde des Hörnermachens ursprünglich 
bedeutete: 'Du bist unter dem Zeichen des Steinbockes geboren und zu 
ehelichem Unglück bestimmt', und dass sich daraus erst die Yorstellung 
vom hörnertragenden Ehemanne entwickelte. Mindestens passt diese Ver- 
mutung besser an den Anfang der Entwicklung als die sonst nicht zu 
* belegende Angabe Petrons, dass einem infolge sorgenvoller Gedanken 
Hörner aus der Stirn wachsen. 

Keine ernsthafte Berücksichtigung verdienen die übrigen Hypothesen 
über die Entstehung der Hörner des Ehemannes und der seit dem Mittel- 
alter verbreiteten Ausdrücke, wie lateinisch cornua quaerere oder promo- 
vere, cornutus, coruiger, Cornelius^), italienisch porre le corna 
(Boccaccio, Decam. 7, 5), far le corna, cornaro, cornuto, becco, spanisch 
poner cuernos, encornudar, cornudo, cabrön, cornicabra, novillo, buey, 
französisch planter, mettre des cornes, porter des cornes, cornard, cornu, 
cornardise, englisch to give horns to wear, to hörn, to hornify, to wear the 
bull's feather, to cornute, deutsch Hörner aufsetzen, machen, kriegen. 
Hornhans, Hornaffe, Hornbock, Hornemann, Hörnerträger, Hörnerkrone. 
Hörnerschmuck, Hornmacher, ein Geweih (Hirschgeweih) aufstecken, die 
Krone machen, krönen, Kronenträger, kronenschen, Aktäonsbruder, 
aktäonisieren usw., niederländisch hoorendraager, hoornen opzetteu. 
dänisch have hörn i panden, schwedisch sätta hörn, polnisch kornut, 
rogacz (Hornvieh), russisch rogonoscz (Hörnerträger). Eine dichterische 
Erfindung ist es, wenn in einem Meisterlied der Kolmarer Hs. (S. 338 ed. 
Bartsch 1862) der Zauberer Filius, d. i. Virgil in Rom bewirkt, dass. 
sobald eine Frau ihre Ehe bricht, ihrem Gatten ein Hörn aus der Stirn 
wächst^), oder wenn in einem andern Meisterliede und einem Fastnacht- 
spiele des 15. Jahrhunderts^) die Ritter des Königs Artus die Krone des 



Migne 11, 496) wirkt der Capricornus Wahnsinn, Mord, Ehebruch. Eabelais '■), 25 nennt 
Aries, Taurus, Capricornus als Vorbedeutungen der Hahnreischaft, Harsdörffer, Schau- 
platz jämmerl. Mordgeschichte 1656 S. 675. 

1) Cornelius ist nach R. Köhler, Kl. Schriften :], 621 ein von Melancholie und 
Reue Geplagter, -wird aber schon 1601 von Th. Hock (Blumenfeld c. 77. 84) als Heiliger 
der betrogenen Ehemänner und 1627 in der Diss. de Hanreitate Bl. B2a = Hahnrei 
angeführt, ebenso bei Harsdörffer, Schauplatz jämmerlicher Mordgeschichte 1656 S. 441 
nr. 128 (bei Belleforest, Histoires tragiques 7, nr. 4 Cornille) und Schauplatz lustiger 
Geschichten 1660 1, 018 (ebd. 2, 299 cornelisiren = Hörner aufsetzen); Jan Rebhu (Sym- 
plicianischer Welt-Kukker, um 1677 S. 79), Abele (Künstliche Unordnung 2, 309 1, 
J. A. Poyssl (1682 im Cgm. 4055, 82: 'Herr Corneli, armer Tropf mit zway Hörnern auf 
dem Kopf), Abraham a S. Clara (Wander, Sprichwörterlexikon 2, 784), König (Theatralische 
Gedichte 1716 S. 46); auch Meliere (Sganarelle Sc. 6) redet vom Seigneur Cornelius. 

2) Andre Bearbeitungen bei Goedeke-Tittmann, Liederbuch aus dem 16. Jahrhundert 
1867 S 354 und Germania 4, 237. 

3) Vulpius, Curiositäten 2, 463 = Erlach, Volkslieder 1, 132 = Wolff, Halle der 
Völker 2, 243; vgl. Goedeke, Grdr. - 1, 311 und Keller, Fastnachtspiele 2, 654. 



Bilderbogen des 16. und 17. Jahrhunderts. 67 

Königs von Afion (oder Abian) probieren, die nur einem keuschen Ehe- 
manne passt, während dem ungetreuen alsbald Hörner hervorspriessen. 
Das erinnert uns an ähnliche sagenberühmte Prüfmittel der Gattentreue ^), 
wie das Hemde''), das weiss, die Rose'), die frisch bleibt, solange die 
entfernte Frau ihre Ehre rein bewahrt, den Ring*), der zerbricht, das 
Bild oder den Spiegel °), der sich trübt, sobald jene ihr Gelübde verletzt, 
das Trinkhorn oder den Becher'), der den unkeuschen Trinker beschüttet, 
den Mantel ''), welcher der ungetreuen Gattin zu kurz ist, die Brücke*), 
von der alle Ritter und Frauen, die ihre Ehe gebrochen, hinabstürzen, 
wenn Yirgilius sein Glöcklein läutet, u. a. 

Wie lebendig auch im 16. und 17. Jahrhundert die Vorstellung vom 
gehörnten Ehemanne in der Volksphantasie war, zeigt uns neben satirischen 
Gedichten von Jean Nevizan und Theobald Hock^) eine Szene in dem 
aus dem Repertoire der fahrenden Komödianten stammenden Scliauspiele 
'Tiberius von Ferrara und Anabella von Mömpelgart' "). Der Pickol- 
hering Hans hat seine Frau längst im Verdacht und nötigt sie auf den 
Rat seines gewitzten Nachbarn Wilhelm, die Götter mit diesen Worten 
zu Zeugen ihrer Unschuld anzurufen: 'Wo ich meinem Manne je Unrecht 
tu, so gebt ilim Hörner wie ein Kuh!', worauf ihm Wilhelm unvermerkt 
ein Hörn auf den Hut steckt. Nun wagt die Frau ihren Fehltritt niclit 
mehr zu leugnen; Hans hat einen triftigen Scheidungsgrund und treibt 
sie aus dem Hause. Auf einem französischen Kupferstiche^^) des 16. Jahr- 
hunderts dagegen, der den Inhalt einer 'Comedie ou farce de six par- 
sonnaiges' wiedergibt, setzt die junge Frau selber, hinter ihrem altoii 
Gatten stehend, diesem lieimlicli ein Paar Hörner auf den Kopf; der im 
Hintergrunde neben der Kupplerin siclitbare Liebhaber verdeutlicht die 
ganze Situation. Tn England, wo sclion Sliakospeare^^) die Hörner des 



I) Dunlop-Liobrecht, rrosadiclitnngcn 1851 S. 85. Chauvin, Bibliographie arabe 7, ir>7. 
t>) R. Köhler, Kl. Schriften 2, 447. 

;)) G. Paris, Eomania 23, 88. 

4) Darüber nächstens Genaueres. 

5) V. d. Hagen, Gesamtabenteuer ;*>, LXXXVIII. 

G) Perceval v. 15G72 ed. Potvin. Ariosto, Orlando fiirioso c. 42 — J3. Germania 5, 
101. 3G7. 

7) Montaiglon-Raynaud, Fabliaux 3, 1 nr. 55 'Du mantel mautaille'. Warnatsch, Der 
Mantel 1883 S. 55. Stern, Zs. f. celt. Philol. 1, 294. Child, English ballads nr. 29 'The 
boy and the mantle.' 

8) Montanus, Schwankbücher 1809 S. G31. 

9) Nevizanus, Sylva nuptialis 155G p. 337: 'Cornigerum canimus populum, qui corni- 
bus aptis' . . . Deutsch bei Ilottmann, Rituale nupturientium 1715 S. 444. — Hock, 
Schönes Blumenfeld 1601 (Neudruck 1899) cap. 77 'Vergleichung auff allerhandt Hörner" 
und cap. 84 'Von Sanct Corneli Orden'. — .T. Passerat, Poesies 1880 1, r20 'Le cocuage'. 

10) Bolte, Das Danziger Theater 1895 S. 201. — Ähnlich entlockt im Vademecum 
für lustige Leute 3, 120 nr. 158 (17G7) ein betrogener Gatte seiner Frau ein Geständnis. 

II) Petit de Julleville, Histoire de la litt, francaise 3, 318 und Tafel. Unten S. 82 ^ 
12) Falstaffs Worte in Heinrich IV., 2. Teil I, 2. Passerat 1, 108 'La corne d'abondance'. 

5* 



68 



Bolte: 



Ehemannes mit einem Füllhorn (Hörn of Abundance) vergleicht, zeigt uns 
der Holzschnitt einer um 1690 gedruckten Ballade^) einen solchen 'Cuckold', 
der die aus seinen beiden Hörnern herausfallenden Münzen in einem 
Beutel sammelt. Aus Spanien stammt die hier wiedergegebene Zeichnung 
(Fig. 4) des niederländischen Malers Georg Hoefnaghel, die J. Adeline") 
aus seinem 1569 entworfenen, ungedruckt gebliebenen Werke 'Patientia' 
(auf der Bibliothek zu Rouen) bekannt gemacht hat. Neben verschiedenen 
Clustern der Geduld, einem Kranken, Verliebten, Ehemann, Prozessierenden, 
führt Hoefnaghel auch den geduldigen Hahnrei in Bild und Versen vor, 




Fig. 4. Der geduldige Hahnrei, Rötelzeichnung von Georg Hoefaughel (15G9). 



wie er, ein mächtiges Hirschgeweih mit Glöckchen auf dem Nacken, die 
Hände gebunden, auf einem Esel sitzt, den seine Frau, bis zum Gürtel 
entblösst, auf einem zweiten Esel reitend, mit einem Pflanzenstengel zu 
schnellerem Laufe antreibt; dabei ein Herold mit einer Trompete. Wo 
dieser öffentliche Aufzug vor sich ging, erkennen wir aus einer 15!)3 von 



1) The dyer's destiny, or The loving wife's help in time of need (The Eoxburghe 
baUads ed. by Ebsworth 4, 2, 405. Hertford 188;'.\ 

2) Le livre 1, 241 (Paris 1880). Auch bei E. Jaime, Musee de la caricature 1, 97 c 
(1838). — Hoelnaghel hat einige niederländische Verse, die bei Adeline leider fehlen, unter 
das Bild gesetzt upd diese selber ins Französische übertragen: 'On me reproche d'etre 
un cornard patient, parce que, voyant, je feijrnis de ne pas voir; pendant qu'elle s'abandonnait 
ä d'autres ä mes depens, j'y consentais tenant la bouche close; mais quelle honte m'en 
est accrue, et quelle est ma confusion! Je la voyais, et sans la quitter je tournais le 
dos. — Qui se comporte ainsi, merite pareille recompense.' 



Bilderbogen des 16. und 17. Jahrhunderts. 60 

Hoefnaghel in Kupfer gestochenen Ansicht von Sevilla^), auf der die- 
selbe Gruppe mit der Beischrift 'Execution de justicia de los cornados" 
wiederkehrt; daneben erblickt man die Bestrafung der Kupplerin (Execution 
d'alcaguettas publicas), die gefesselt auf einem Esel sitzt, während Fliegen 
ihren nackten, mit Honig bestrichenen Oberkörper^) umschwirren und die 
(rassenjungen durch Ausstrecken des zweiten und dritten Fingers Hörner 
machen. Ein solcher Eselritt, und zwar meist 'verkehrt, statt des 
Zaumes den Schwanz in der Hand', wie es in Bürgers Kaiser und Abt 
heisst, war schon im griechischen Altertum^) und bei den Indern*) eine 
Strafe für Ehebrecher und Ehebrecherinnen und ist auch im Mittelalter 
und später häufig vorgekommen^). In Paris ward der Hahnrei (cucurbitatus) 
rücklings auf den Esel gesetzt, den seine Frau durch die Stadt führen 
musste^). In Neapel Hess der spanische Statthalter Herzog von Ossuna 
einen vorsätzlichen Hahnrei 'auf einen Esel rukwarts setzen, zwey grosse 
Hörner auf das Haupt binden und in der Stadt herumb führen und durch 
den Diener sein Vergehen ausruffen" ^). Die gleiche Strafe erlitten auch 
Männer, die sich von ihren Frauen hatten prügeln lassen oder die ihre 
Frau im Monat Mai geschlagen hatten, sowohl in Frankreich®) wie in 



1) G Braun et F. Hogenhergius, Civitates orbis terrarum 5, T. 7. 

"2) Dieselbe Strafe begegnet auch bei Boccaccio, Decameron 2, 9; Volkskunde 12, 51 
(Gent 1900); Söbillot, Contes pop. de la Haute-Bretague 3, 199 (1882); Grimm, Eechts- 
altertümer* 2, 286. ]\[atthias von Neuenburg ad a. 1278 (Böhmer, Fontes J, 159: nudos 
ligans super equis, quousque fuerunt a muscarum corrosione perempti). Ameisen: 
Apuleius, Mctam S, 22 (dazu J. Pricaeus in seiner Ausgabe 1()50 p. 453). 

o) Von den Pisidiern erzählt Nicolaus Damascenus (Müllers Fragmenta historicorum 
Graec, .'>, 462 nr. 100) im 1. Jahrh. v. Chr.: 'Eav ös /.coi/^dg äXo), j-reQtdyerai zip' ttoIiv tm 
ovot' [xeia Tf/g yvraiy.og Lil i'jfu'oag Ta>izd;. In Kumä wurde nur die schuldige Frau als 
ovoßuug herumgeführt (Plutarch, Hellenica p. 291 E). 

4) A. W. V. Schlegel, Werke 3, S9. Socin, Die neuaramäischen Dialekte von Urmia 
1882 S. 199. 

5) Du Gange s. v. Asini caudam in manu tcnore. J. Grimm, Rechtsaltertümer* 
2, .".18. Ein Spottbild bei Weigel-Zesterniann, Die Anfänge der Druckerkunst 1, 120 (186G\ 
ein späteres bei Hindley, The Roxburghe ballads 2, 73 (1874). 

6) J. Montaigne, Tractatus de utraque bigamia, qu 2 (Tractatus ilhistrium iuris- 
consultorum 9, 1, 125a 2. Venet. 1582): Parisiis sedens super asinum versa facie ducitur 
per totam villam, uxore trahente asinum et praecone clamante: Qui sie faciet, sie accipiet. 
— Danach J. Nevizanus, Sylva nuptialis 1556 p. .332 und Th. Zwinger, Theatrum humanae 
vitae 18, 5 p. 3437 b (Basel 1604). 

7) Harsdörffer, Schauplatz lustreicher Geschichte 1, .318 nr. 88 (1(;60\ Gemeint ist 
wohl der 1581 zum Vizekönig von Neapel ernannte strenge Pedro Girou, Herzog von 
Ossuna, nicht sein 1615 zum gleichen Amte beförderter Enk^l, von dessen scharfsinnigen 
Urteilen Gregorio Leti (1699) berichtet. 

8) Recueil de la chevauchee faicte eu la ville de Lyon 157.S (Leber, Salgues et 
Cohen, Recueil des meillpurs traites relatifs ä Fhistoire de France 9, 147. 1827). Noirot, 
Histoirc des masques 1609 (ebd. 9, 1 Eine Abbildung S. 52). F. Michel im Athenaeum 
fran(;ais 1855, 86 = Ausland 1855, 132 (Asto lastorca bei den Basken). Ausland 1855, 
342 (Dauphine). Blade, Poesies pop. de la Gascogne 2, VII (1882). Revue des trad. 
pop. 14 172. 



70 Bolte: 

Deutschland^), den Niederlanden und England. Und wenn sich beim 
Fastnachts- oder Kirraesjubel der von der Volksjustiz ausersehene Mann 
solcher öffentlichen Schande entzog, so übernahm ein Nachbar") oder ein 
Mitglied der Narrengesellschaft ^) seine Rolle. So erhielt der arme Hand- 
werker, der am 10. Oktober 1573 in Dole 'auf einem Esel hinterrücks 
sitzend' herumgeführt wurde, weil er im Mai sein Weib geschlagen, wie 
der Tiroler Geizkofler*) als Augenzeuge berichtet, eine Geldentschädigung 
.dafür. In Jemappes war es bis 1860 Sitte, am ersten Dienstag im Oktober 
einen Pantoffelhelden (durmene) verkehrt auf einen hölzernen Esel zu 
setzen und unter dem Gesänge eines Liedes durch die Stadt zu ziehen®). 
Aus solcher Yolkslustbarkeit ist wohl das französische Gesellschaftspiel 
'Le Chevalier coruard'®) erwachsen. In England ward bisweilen die 
zänkische Frau Rücken an Rücken zu dem geschlagenen Gatten auf den 
Esel gesetzt; anderwärts traf sie allein jene Strafe'). 

Dass bei diesen Aufzügen, die schliesslich nur auf eine derbe Ver- 
spottung eines uneinigen Ehepaares hinausliefeu, der Mann Hörner tragen 
musste, ist nicht überliefert; ursprünglich werden sie sowenig wie auf dem 
Sevillaner Bilde gemangelt haben. Dagegen beruht die aus einem Reichs- 
tagsbeschlusse von 1431 herausgelesene Strafe des 'Hörnens' im Grimmschen 
Wörterbuche 4, 1, 1823 auf einem Druckfehler*). In den verbreiteten 
Sagen von Fortunatus und vom Doktor Faust bedeuten die durch 
Zauberkraft plötzlich aus einem Menschenhaupte hervorspriessendeu Hörner 
keine unglückliche Ehe, sondern nur eine garstige Entstellung. In dem 
Märchen von den drei Zaubergegenständen und den wunderbaren Früchten®), 
das dem Fortunatromane zugrunde liegt, zwingt der Held die Prinzess 
zur Herauso-abe der ihm entwendeten Kleinodien mit Hilfe von Früchten, 



1) Weuck, Hessische Lanclesgeschichte 1, 519. 1783 (Darmstadt 1536. 1588. 159;'.). 
Zs. f. deutsche Kulturgeschichte 1857, 9(; (St. Goar 1604). Hess. Bl. f. Volkskunde 1, 109. 
Als Wunsch äussert die Dissertatio de Hanreitatum materia 1627 Bl. D.ja: 'Interesset 
reipublicae, ut singulis diebus festis spectante universo populo duo cornua cervina capite 
gestaret Coruutus' (ebenso der Hanreystutzer 1630 Bl. Fla). 

2) Michelet, Origiues du droit frauQais p. 384. Liebrecht, Zur Volkskunde S. 387. 

3) Petit de Julleville, Les comediens 1885 p. 206. 243 f. 

4) Adam Wolf. Lucas Geizkofler 1S93 S. 94. 

5) Wallonia 10, 93 (mit Abbildung und ^Melodie). Vgl. ebd. 9, 223, J. CoUin de 
Plancy, Legendes de la province d'Anvers 1, 199 (1844) und besonders De Cock, Volks- 
kunde 12, 13 f. IG, 134. 

6) H. R. d'Allemagne, Eecreatious et passe-temps (Paris um 1906) p. 204. 

7) Athenaeura fr. 1855, 88 = Ausland 1855, 13.2 f. Liebrecht, Zur Volkskunde 8. 386. 
429. Wallonia 10, 98. Wenck 1, 519. Zs. f. deutsche Kulturgeschichte 1857, 96. 

8) In den Deutschen Reichstagsakten 9, 539 (1887) heisst es: 'Item so sol [beim 
Zuge wider die Hussiten] nieman keine gemeine frouw in den heran haben: wer daz düt, 
den sol man hürnen' [brennen, brandmarken] : in der Sammlung der Reichsabschiede, 
Frankf. 1747 1, 136 aber: 'den sol man hürnen'. 

9) Aarne, Vergleichende Märcheuforschungen 1907 S. H3— 142 (Memoires de la soo. 
linno-ougrienne 25). Grimm, KHM. 122. Cosquin, Contes pop. de Lorraine 1, 121. 
Oben G, 70 zu Gonzenbach 51. 



Bilderbogen des IG. und 17. Jahrhunderts. 71 

deren Genuss Hörner wachsen lässt, während Faust ^) an einem Edelmanne 
seine Macht erweist, indem er ihm ein Hirschgeweih und später dessen 
Genossen und ihren Gäulen Geissen- und Kuhhörner an den Kopf zaubert. 
Auch bei der während des 16. und 17. Jahrhunderts auf allen deutschen 
Universitäten an den neu eintretenden Studenten vollzogenen, oft recht 
rohen Aufnahmefeier, der sog. Deposition'''), spielten die Hörner eine 
Rolle; der Bachant oder Beanus (Bec jaune) ward als ein Bock, eine 
'bestia cornuta mit Hörnern, Zähnen und Bart verkleidet, und dann 
wurden ihm unter besonderen Zeremonien die Hörner abgesägt, die Zähne 
ausgezogen und der Bart abgeschnitten. Hier bedeutete also der Höruer- 
schmuck des angehenden Studenten, den Eselsohren der Narrenkappen 
vergleichbar, die tierische Vorstufe seines Daseins, der er durch jenen 
symbolischen Weiheakt entrückt werden sollte. 

Kürzer können wir die zweite Bezeichnung des Hahnreis als Kuckuck 
behandeln: lat. cuculus, cugus; prov. cogot, cogul, coutz; fz. coux, cous, 
cocu, cocuage, cocufier; span. cuclillo; englisch cuckold, cuckoldom, cuckol- 
dise, cuckoldmaker; deutscli Kuckuck, Gauch; holl. koeckoeek; dänisch 
kukkuksbroder; schwed. kukkuvall. Seit alter Zeit gilt der Kuckuck als 
einfältig und dummdreist''), anderseits als flatterhaft in bezug auf ehe- 
liche Treue*), weil die Kuckucksweibchen, wenn sie ein Ei gelegt haben, 
in ein andres Revier übergehen, worauf das Männchen sich eine andre 
Genossin sucht ^). Weil aber das Weibchen seine Eier nicht selber aus- 
brütet, sondern in die Nestor kleinerer Yögel, besonders der Bachstelze, 
der Grasmücke und des Rotkehlchens legt (und somit eigentlich ihren 
Mann betrügt, indem sie seinen Kindern einen andern Vater gibt), nannte 
man mit einer nicht ganz genauen, doch begreiflichen "Übertragung auch 
<len Gatten der sich mit fremden Männern einlassenden Frau Kuckuck"). 
Seltener wird der Grasmückenhahn^), dem sein Weib fremde Kinder 
ausbrütet, zur Benennung des Hahnreis gebraucht, und die Bastarde, die 
er aufzieht, heissen Goucho oder Gouchelin^). 



1) Faustbueh 1587 c. ^',4— 35. Creizenach, Geschichte des Volksschauspiels vom 
Dr. Faust 1878 S. 85 und Euphorien ;J, 714. 71!i. Gleiches erzählt J. Prätorius (Daemono- 
logia Rubinzalii 1G62 1, 285) von Rübezahl. 

2 ) Vgl. Schade, Weimar. Jahrb. G, 315 (1857) u. W. Fabricius, Die akad. Deposition (1895). 
o)K(jy.y.v'^ b. Aristophanes, Ach. 51)8 u. Piaton, Laios (Athenaeus 2, G8c); cuculus b.Plautus, 

Trinumraus 245 (Montanus 189;» S. .554, 5. Frey 189G S. 105). Gauch bei Brant, IMurner usw. 

4) So schilt bei Plautus (Asinaria 923. 934) Artemona ihren auf Abwegen betroffenen 
Gatten Cuculus. Mädchenraub und Ehebruch heisst mlat. cucussus, cucucio. Erk-Böhme, 
Liederhort nr. 881. Oben 17, 277. Mannhardt, Zs. f. deutsche Mythol. 3, 251. 

.5) Bujak, Naturgeschichte der höheren Tiere 1837 S. 18:'). 

G) 'Zum Guckguck machen' bei Kirchhuf, Wendunmut 1, 3GG und Ayrer, Dramen 2, 
1219,17 Hock, Blumenfeld c. 77, 9: 'Buon homo, Guggu, gutter Mann, Becho cornuto 
rauch nendt mans'. Hildebrand in Grimms Wtb. 5, 2525 f. Rachel, Satyrische Gedichte 
1707 S. 28 (nr. 2). Alciati, Emblemata 1G08 nr. 60 und Parerga iuris 7, 5. 

7) Brant, Narrenschiff c. 33, S9: 'Wer vil ußtliegen will zu wald, der wurt zu eyner gras- 
muck bald.' Vgl. mlat. curruca nach einer falsch gelesenen Stelle Juvenals G,27G und engl.wittol 

8) Nib. 810, 1. V. d. Hageus Gesamtabenteuer 3., 3>6G v. 42. 



72 Bolte: 

Nebeu den erwähnten Namen erscheinen noch verschiedene andre, 
wie mlat. copaudus {— Kapaun-"; fz. coupaut, copereau, accoupauder) 
und minarius (= meneur?, Kuppler?), fz. Jean^) oder Hans, Joseph"), 
nd. Dudendop (einfältiger Tropf); am gebräuchlichsten aber ist in 
Deutschland und dann auch in Holland, Dänemark und Schweden die 
Bezeichnung Hahnrei geworden. Dies niederdeutsche Wort ist zuerst um 
1450 aus Hamburg und Lübeck belegt^), wird 1534 von Luther*) als ein 
jiiedersächsischer Ausdruck erwähnt und ist seinem Schüler, dem Ober- 
sachsen Mathesius^), offenbar noch ungewohnt. Die oberdeutschen Schrift- 
steller meiden es bis tief ins 17. Jahrhundert hinein. Seb. Braut, der ein 
ganzes Kapitel (33) seines NarrenschifFs zur Bekämpfung des Ehebruches 
verwendet, hat keinen kurzen Namen für den Typus des nachsichtigen 
Gatten, sondern beschreibt ihn nur durch ein Bild: 'Wer durch die 
fynger sehen kann Ynd loßt syn frow eym andern man'. Weder die 
Schwanksammler des 16. Jahrhunderts von Wickrani bis auf Kirchhof und 
Fischart noch der Rheinpfälzer Hock (Blumenfeld 1601 c. 77. 84), der 
Nürnberger Ayrer und der Elsässer Moscherosch, der in Philanders 
(lesichten 2, 320—339 (1665) dazu Anlass genug hatte, brauchen das Wort^). 
Die älteste Dichtung, in der es auftritt, scheint ein niederdeutsches Spott- 
lied auf den Hochzeiter einer übelbeleumundeten Braut zu sein, das nur 
in einer hochdeutschen Fassung von 1613 und einer etwas veränderten 
des Yenusgärtleins von 1656 erhalten ist^), seinen Ursprung jedoch in 
dem Reime Echt (=Ehe): Geschlecht verrät: 

1. Hort zu, ihr iungen Gesellen fein, •_'. Der Breutgam der ist Lobens wert, 



Ein kurzweiliges Liedelein! 

Drumb kompt herzu, heid gross und klein, 

Ihr Kindeleiu, wohl insgemein 

Zum Hanereyl 



Ein Eysen hat verlohren sein Pferdt. 
Forth, immer forth mit seinem Kopf: 
Der arme Tropff, der DudentopffI 
Trarara ! 



1) Ou l'a fait Jean saus lui en demander avis (Le Roux. Dictionnaire comique 1718 
p. 276). Uu hon jannain (H. Estienne, Apologie pour Hi'rodote p. l'.>). 

2) Heinrich Julius von Braunschweig, Schauspiele 1855 S. 234. 24.'}. 2.50. 287. 290. 
21)3. 430. Veuusgärtlein 1656 S. 205 = 1890 S. 150. R. Visschcr, Brabbelingh 1669 S. 85. 

3) Schiller- Lübben, Mnd. Wörterbuch 2, 188. Die im 14. Jahrh. erwähnte Hanrev- 
Mühle bei Augsburg (v. Stetten, Kunstgeschichte von A. 1779 S. 141) gehört schwerlich 
hierher. 

4) Luther, Auslegung des 101. Psalms (Werke, Erlanger A. 39, 346). 

5) Mathesius, Sarepta 1563 S. 176 (gleichbedeutend mit Ehebrecher) und Catechismus 
1586 S. 161 (gleich Kuppler). 

6) Dagegen führt Adelphus (Mörin 1512, Anhang = Alemannia 30, 188) für den 
Pantoffelhelden, Siemann (oben 12, 296), Henneutaster (Tijdschr. voor nederl. Taal- 
kunde 14, 150) oder Windelwäscher bereits mehrere Namen an: 'Dißen heißen sie ein 
henne. Ein seifferer und ein jenne'. Bei Harsdörffer, Schauplatz jämmerlicher Mord- 
geschichte 1656 S. 441 nennt Emilia ihren Hahnrey diu-ch das gantze Abc einen Albern, 
Blöden, Caspar, einen Dülpel, Esel, Flegel, einen Gaugen, Hasen, Juden, der nur seiner 
Schinderey nachjage und seine arme Frau zu Hauß in der Einsamkeit lasse etc.' 

7) Flugblatt von 1613, abgedruckt bei Bolte, Der Bauer im deutschen Liede 189(> 
nr. 24 (13 Str.). Veuusgärtlein 1656 S. 205 = 1890 S. 150 (12 Str.). 



Bilderbogen des 16. und 17. Jahrhunderts. 7,S 

Die folgenden Strophen preisen ironisch des Bräutigams Geldliebe, 
Geduld und grosse Sippschaft (Ach warum wiltu traurig sein? Du weist, 
du bist ja nicht allein) und schildern ihn ähnlich den später zu er- 
wähnenden Kupferstichen mit einem breiten Hut^) und einer Brille (Brillen 
muss er auffsetzen nu, durch die Finger sehen darzu). Die spätere Fassung 
hat einen andern Anfang (Joseph, liebster Joseph mein) und schliesst 
jede Strophe mit dem Sppttrufe 'du Hanrey', während in dem Flugblatte 
von 1613 diese Kehrzeile mit 'Trarara' abwechselt. Wahrscheinlich ent- 
stammen diese derben Verse einem alten Volksbrauche, über die Sittlichkeit 
des jungen Paares in Liedern (vgl. oben 10, 202. 206. 11, 167) Gericht 
zu halten^), wie man etwa anderwärts^) gefallenen Mädchen Häckerling vor 
die Tür streute. Dafür spricht auch, dass noch heut in Norddeutschland 
von den mit Laternen umziehenden Kindern inhaltlich verwandte Strophen*) 
gesungen werden, die mit dem gleichen (vielleicht nicht mehr verstandenen) 
Spottrufe 'Juch Hahndrei' schliessen, -z. B.: 

Sonne, Mond und Sterne, De Bäcker de backt, 

Ich gehe mit meiner Laterne, De Klock sleit acht, 

Meine Laterne ist hübsch und f-'in, Mien Mann steit up 

:\[orgen soll die Hochzeit sein. Un geiht na de Wacht. 

Juch Hahudrei! t Juch Hahndrei! 

In die Literatur haben den Hahnrei erst der Braunschweiger Herzog 
Heinrich Julius (1855 S. 243. 287. 2i»0. 293. 438 f.) und der branden- 
burgische Pfarrer Riugwald (Lautere Wahrheit 1586 S. 185) eingeführt. 
Und nachdem dieser Charakter durch die Schauspiele des Herzogs und 
der englischen Komödianten (1620 Bl. Ss 4b) und die Hamburger Posse 
'Hanenreyerey" ®) vom Jahre 1618 eine wirksame, allgemeines Gelächter 
erregende Bühnen f ig ur geworden war, bemächtigte sich ein unbekannter 
Jurist des dankbaren Stoffes und verfasste 1()27 eine lateinische 'Dissertatio 
theorico -practica de nobilissima et frequentissima Hanreitatum materia, 
quam . . praesidente du. Josepho Cornigero proponit Bartholomaeus 
Alecthrochoras", worin er zunächst streng methodisch vorgehend die ver- 
schiedenen Gattungen der Hahnreie unterscheidet: 'Hanreitas est aut 
voluntaria aut non voluntaria; haec rursus dividitur in illam, quae fit 
lucri, necessitatis vel amicitiae causa' und mit kurzweiliger Gelehrsamkeit 



1) Vgl. Grimm, Wtb. 4, ■_', 1981. 

2) Vgl. die im 17. Jahrhundert zitierten Reime: 'Seit die Braut noch Jungfer sein? 
Ei das nimmt mich Wunder; sie mags einst gewesen sein, aber nicht jetzunder'; Voigt- 
länder, Oden 1W2 nr. Sl 'Eine reiche Magd hat Matz' = Bolte, Der Bauer nr. 25. 
Moscherosch, Gesichte 2, 320 (Hörnerverse: 'Wer ein Weib hat und nicht weiß' . . .). 

;i) De Cock, Volkskunde 12, 15 f. E. H. Meyer, ßadisches Volksleben S. 193. 22.! f. 

4) C. Schumann, Volks- und Kinderreime aus Lübeck 1899 S. 169. 171 = Am 
Uniuell 6, 98 (1896). Ein andres La'ernenlied .Niedersachsen 9, 377) schliesst dagegen 
mit Hurrah. Vgl. auch Böhme, Kinderlied 1897 S. 273. 

5) Bolte-Seelmann, Niederdeutsche Schauspiele 1895 S. 85. 



74 Bolte: 

zu diesem Schema passende Beispiele, Namen und deutsche Redensarten 
/Aisammenträgt. Den Titelholzschnitt, einen durch die Finger sehenden 
Ehemann, hat er aus Brants NarrenschifF entlehnt, für den Liebhaber der 
Frau schlägt er z. B. die Benennungen vor: 'Domesticus, Inquilinus, 
Haußhan, Verwalter, Haußgenosse, Capellanus, Vicarius, Matrimonii coadiutor, 
Ehehelffer, vnbesoldeter Substitut'. In einer freien Yerdeutschung dieses 
öfter grobdrähtigen Scherzes, die 1630 als 'Neugekleideter Hahnrei- 
• Stutzer'^) erschien und noch mehrmals neu bearbeitet wurde, ist im 
'Yortrab' und im Schlussgedicht das Äussere des Hahnrei beschrieben, und 
zwar übereinstimmend mit dem unten reproduzierten Kupferstiche. Auf 
Bl. A2b heisst es von der untreuen Frau: 

Die krönt jhn mit eim breiten Hut 
Vnd jliu zum Han Rey machen tliut, 
Schönt Zierath auch darauff thut stahn: 
Esels Ohrn, Bockshörnr und ein Rehahn. 
Sie macht auß jhm ein Wundermann, 
Der mit zwey Aujjn nichts sehen kan, 
Er darff jhr vorhabn nicht verstehn, 
Muß durch die Fingr vor Brillen sehn . . . 
Es seynd jhr noch viel mehr wie ich 
Hanreyn, Haureyn, ein groß Geschlecht, 
Mit Privilegien begäbet recht, 
Auch mit eim Wappen Brieff gemein. 
Auf Bl. G2 a: Ein Hahnrey ist ein armer Mann, 

Denn er muß reiten auff dem Hahn, 
Ein breiten Hut auch tragen baß, 
Darzu ein Brillen auff der Naß; 
Esels Ohrn stehn jhm selir wol an, 
Muß sich Homer auffsetzen lan. 
Diß alles will sein Fraw so habn, 
Vnd er darffs keinem Menschen klagn. 
Wer dieses thut vnd leiden kan, 
Ist ein elender Hahneman. 
Alln untrewn Weibern ist bekant, 
AVarumb der Hahnrey wird genant ] Kuck-kuck. 

Seitdem erscheint der Ausdruck bei Prosaikern^) und Dichtern ein- 
gebürgert; der Hahnrei wird in Epigrammen von Homburg (Clio 1642 2, 
Bl. Aa3a), Löber (Owen 1653 Bl. A 10a), Logau (1654 2, 4, 28), Schoch 
(Lustgarten 1660 nr. 94), Wernicke (1701 S. 110), Menke (1722 S. 187) u. a., 
auch in einem schwedischen von C. Aroseil THanselli, Samlade vitterhets- 



1) Wie oben S. 63 ^ erwähnt, soll nach Hayn eine Ausgabe des deutschen Hahnrei- 
stutzers vom Jahre 1626 existieren; ihr Verhältnis zu der Dissertatio von 1627 müssto 
noch untersucht werden. Die 1615 erschienene 'Disputatio de eucurbitatione' kommt als 
Quelle nicht in Betracht, obwohl sie den Ausdruck 'Hanrey' anführt. 

2) Tgl. oben S. 63 und Grimms Wb. 4, 2, 170 173, wozu natürlich noch vieles 
nachgetragen werden könnte, wie: Der doppelte Hahnrey ^Frankf 1687; nach G. de Bre- 
mond). Die Hahnreyprobe, Lustspiel (Frankf. 1752), Der alte Hahndrey, Posse (Frankf. 
1789), E. Bornschein, Biographien der Hahnreihe (1809). — Auf die literarische Aus- 
gestaltung des Typus kann ich hier nicht eingehen. 



Bilderbogen des IG. und 17. Jahrhunderts. 75 

arljeten af svenska författare 12, 240) bewitzelt; Opitz wagt 1629 im 
Lobe des Kriegsgottes v. 124 die Neubildung bahnen = zum Hahnrei 
machen, worin ihm Logau 1, 2, 79 nachfolgt; halbgelehrte Abhandlungen 
suchen die Ableitung des Wortes zu ergründen. 

Die Etymologie des AYortes aber liegt, obwohl sich die Sprachforscher 
der Frage angenommen haben, leider noch im Argen. Die älteste ud. 
Form ist Hanerei, bei Ringwald (1586) und im 17. Jahrhundert (Zinkgreff, 
Abele, Rachel) auch Hahnreh (Hanreg 1615 in den Facetiae facetiarum; 
dänisch Haurede und Ilanrej), erst nach 1660 erscheint Hahnreier (bei 
Rihlmann, Grimmeishausen, Stieler; w-ohl nach dem Flurale missverständlich 
gebildet). Während mau in der ersten Silbe fast allgemein den Haus- 
halm erkennt, herrscht über die Bedeutung der zweiten Uneinigkeit. Herzog 
Heinrich Julius (1855 S. 438) denkt an Reihen, Tanz und übersetzt das 
AYort mit Gallichoräa, ebenso der Verfasser der Digsertatio de Hanreitate 
1627 Alecthrochoras, was M. Heyne in Grimms Wb. zu retten sucht, indem 
er als Urform Hahnenreier = der einen Reigen der Hähne mitmacht, 
ansetzt. Ebenso willkürlich stellen die unten aufgezählten Kupferstiche 
A — C den Hahnrei als einen auf einem Hahne sitzenden Reiter^) dar. 
Eine Zusammensetzung von Hahn mit Reh, die bei Zincgreff (Apophtheg- 
mata 3, 40. 1653), Rachel (10. Satire) und Menke (Scherzgedichte S. 187) 
in scherzender Weise angedeutet wird, ist dann ernsthaft von Dungor 
((Tormania 29, 59) verfochten worden. Dunger beruft sich auf eine fabel- 
hafte Nachricht^) bei Bergbaus (S[)rachschatz der Sassen 1, 649) über die 
durch Kaiser Karl IV. aufgebrachten, den Namen Rehaue tragenden Gesell- 
schaften, in denen man eine Umkehrung von Hahureh vermutete, und 
meint, das Wort Hahureh habe ursprünglich einen Kapaun bezeichnet. 



1) Vermutlich knüpfte der Zeichner, dem der S. 71 zitierte Autor von 16:10 folgt, 
dabei an den alten Volksscherz eines Hahnreiters an, wie er in Wickrams Losbuch 
1531) Bl. D-2a, auf Lebkuchenformen (oben 12, 8G Taf. 1, 2) und schon auf antiken Terra- 
kotten aus Kertsch und Pompeji (Compte-rendu de la commission arch. de l'acad. de 
St. Petersbourg 1868, 213 T. 3, 12. Dieterich, Pulcinella 1897 S 243) erscheint. 

2) Diese auf einen Autor des 18 Jahrhunderts zurückgehende und auch bei Gallus 
, Geschichte der Mark Brandenburg''^ 1, 344), Heinze (Gräters Idunna und Hermode 1813—14, 
68) und F. V. Klöden (Die Quitzows 1836 1, Kap. 1) verwertete Notiz beruht wohl auf 
Caspar Helmreichs gereimten Annales Tangermundenses (1636 Buch 2, Kap. 10 = G, G. Küster, 
Antiquitates Tangermundenses 1729 1, 33), wonach Karl IV 1377 zur Fastnacht (nach 
Pelzel, Karl IV. 2, 918. 1781 traf er aber erst kurz vor dem 7. Mai dort ein) 'den 
Piehauen hat gestifft und damit Kurtzweil angericht', was Helmreich erläutert: 'Convivium 
autem erat tarn feminis quam masculis commune, in quo libere absque omni adulterii 
suspicioue amico amici uxorem non solum osculari, sed etiam interdum domum secum 
ducere permittebatur'. Damit hat man wieder die Bemerkung der Vita Caroli IV (Böhmer, 
Fontes 1, 270) über die 'Rinenses henkiui' (rheinische Lotterbuben) verbunden. — Vor- 
läufig möchte ich in dem Ausdruck 'Rehan', der 1630 (oben S. 74) einmal als eine scherz- 
hafte, durch den Reim hervorgerufene Umdrehung von Hahnrei erscheint, sonst aber nicht 
nachweisbar ist, eine erst von Helmreich erfundene Benennung jener Lustbarkeit ver- 
muten. 



7G Bolte: 

dem früher bei der Kastration vielfach ein Sporn abgeschnitten und in 
den Kamm eingepflanzt ward, also einen Hahn, der Hörner hatte wie ein 
Reh, nnd sei später auf einen untüchtigen Ehegatten angewandt worden 
oder, wie die Dissertatio 1627 Bl. 22a sagt, auf einen frommen, ein- 
fältigen Mann, der seiner Frauen nicht genug tun kann. Dungers weiterer 
Vermutung, auch die Redensart 'einem Hörner aufsetzen' sei aus jenem 
'Hörnen' der Kapaune abzuleiten, widerspricht schon, was wir oben über 
'das Alter dieser Vorstellung feststellten. Gegen seine erste Hypothese 
aber ist zu bemerken, dass man einen Kapaun wohl einen Rehhahn hätte 
nennen können, aber nicht einen Hahnreh. Dieser Einwand gilt auch 
gegen die beiden noch übrigen Erklärungen aus dem Adjektiv reh oder 
räch = gliederlahm, steif (so Harsdörffer, Schauplatz 2, 223 nr. 159 und 
Rottmann, Rituale uupturientium 1715 S. 421) und aus dem hd. Rein 
= Wallach, nd. Run, nid. ruin (angedeutet von Leibniz, Collectanea 
etymologica 1717 2, 278. 312). Man könnte zwar für den letzten Vor- 
schlag auf den ostfriesischen Ausdruck Hänrüne = Kapaun und die Redens- 
art bei Cadovius-Müller: 'Siuh, dar gung 'n hanrün mit niuggen sjukeu' 
(neun Küken), mit der ein kinderreicher Hahnrei verspottet wird, hin- 
weisen; allein das Wort Rein, das man in dem nd. Ausdrucke Hanrei 
erkennen will, ist nur oberdeutsch nachgewiesen, die nd. Form lautot 
Rün^). Wir kommen also zu keinem sicheren Ergebnis hinsichtlich der 
sprachlichen Bedeutung des Hahnreis. 

Die folgenden Bilder des Hahnreis gehören dem 17. und 18. Jahr- 
liundert an; A bis D stehen in engerem Zusammenhange miteinander nnd 
mit der Schilderung im Hahnreistutzer von 1630. 



A. Geschichte des Hahnreis. 

Kurtze vnd Doch Eigendtliche Beschreibung Der newen vnd alten 
hanrees von anfang bis zum endt. 

[Kupferstich iu Quei^juart, um 1G20. — Gotluier Museum]. 

Nebeueinauder erscheinen drei mit Ziffern bezeichnete. Gruppeu; zuerst rechts ein 
Kavalier mit kurzen Hörueru, der auf einer kleinen Pfeife bläst und mit der Hand nacli 
dem Geldbeutel fasst, den seine Frau ihm hinhält. Dazu die Verse unter der Bilderreihe: 

Ach bin ich nicht ein fromer Sienian, 
Der seinra AVeib gehorsam leisten kan? 
Tuht mir auch wohl auf meinen Kopp, 
Ob ich gleich wurd zu ein Rehbock. 

Iu der 2. Gruppe trügt der Kavalier ein grösseres Hirschgeweih auf dem Haupt und 
auf dem Rücken ein Hahngefieder uebst Kopf: er tut mit seiner neben ihm stehenden 
Frau schön. Die Verse lauten: 



1) Auf nid. Lamprei (lampracs, lampreel) = junges Kaninchen, dessen zweite Silb 
ebenfalls noch nicht gedeutet ist, verweist mich Herr Dr. Richard Loewe. 



Bilderbogen des 16. und 17. Jahrhunderts. 77 

5 Der gleichen wurdt ich auch gehalten AYarm, 

Ein beltz von einen guckelshaan, 

Darunder schmeckt mir hier vnd Wein, 

Las mein fraw mit andern lustig sein. 
In der 3. Gruppe predigt ein wirklicher Hahnreiter einem Ehepaare seine Lehre. 
Er trägt einen Hut. auf dem ein 'Guckguck' sitzt, ein noch grösseres Geweih, Eselsohren 
und eine Brille und reitet auf einem Hahne; in der Linken hält er eine Weinkanne, in 
der Rechten ein Blatt'), das einen Mann mit einem grossen Herzen zeigt, in welchem 
Frau Geduld mit einem Schafe steht, darunter die Inschrift: 'Gedultt bis in todt'. Eine 
Frau, die einen Geldbeutel hält, weist ihren Mann auf diese Urkunde hin. Die Verse 

lauten: 

Mus ich den so bleiben ein armer man, 

10 Das ich mus nun gar reiften aufm haan, 
Darzu ein baar essls Ohrn tragn, 
Gehorhsam sein in mein alten tagn! 
So hab ichs mitt schänden dahin bracht. 
Ein Prieuijlegiura wohl gemacht. 
15 Ich Trost mich, Das ichs nicht bin allein. 
Schaw zu, Das du nicht Kombst darein I 
Im Hintergrunde sieht man eine Schar von Hahnenreitern mit einer Fahne. Vorn 
rechts steht ein kleiner Mann mit Licht und Klingel [?| vor einem verschlossenen Kasten ^ 
mit der Aufschrift: 'Cum Prenile'. 



B. Der Hahnreiter und ein Ehepaar. 

Der Hanrcy werde ich genandt, 1 Alln Yntrewen Weibern wolbkandt. 

[Kupferstich um 11150, Nachahmung der •".. Szene von A. Der Hahnreiter, bezeichnet 
'Ikcco corimto", trägt Hörner und Eselsohren auf dem Hut und hält eine Brille vor die 
Augen; das Ehepaar macht mit den Fingern 'Hörner' und ruft 'Guck guck'; im Hinter- 
grunde ein Heer von Hahnreitern mit Fahne, vorn der kleine Mann vor dem Kasten wie 
in A. — Gothaer Museum. Reproduziert bei Diederichs, Deutsches Leben der Ver- 
gangenheit 1908 2, 330 nr. HOC] 
Im Bilde steht: 

Hab gedult, lieber alter mein, 
Trost dich, das du nicht bist allein. 

Unter dem Bilde: 

Ach bin ich nicht ein armer Mann!') Mein Weib die will es also habn, 

Jetz muß ich reiden auff den Hann j Drumb darf ich es auch Niemand klagn. 

A'nd muß ein breitn Hutt tragen bas | Aber sich da, was bekümer ich mich? 

Tnd darzu ein ßrill auff die Nas. | Seyndt ihrer doch noch mehr als ich. 

Eselsohrn stehn mir auch woll an, ' Das freudt mich. Ich bins nicht allein. 

Diß alles ich woll erdultn kan. I Schau zu, das du nicht kompts darein! 



1) Dies ist der im Halmreystutzer 1(530 (oben S. 74) erwähnte Wappenbrief und die 
Privilegien. — Zu der Brille v^l. De Bry, Emblemata saecularia 1611 nr. 50, wo eine 
Frau vom Liebhaber Geld empfängt und mit der andern Hand ihrem alten Manne eine 
Brille reicht (Prostituit vetulus nummosior aere iuvencam). 

2) Die Verse stimmen zum Hahnreistutzer von 1630 (oben S. 74) genauer als zum 
Kupferstiche A. 



78 



Bolte: 



^)ni>nnoiififmluivn'S(hiun(h ilnfincmfl'M mit iiuiti nach 






^ciiic Kfipu I flu lifftrijru 




iOtiimluiiiimiftiuifbinhiin [i'i u^t 

ul)nufr>f<Mtiafii 
^l?ii-idiiinil)ni i'iHiU) IUI f \A,\ u 
„u Kfcn ,. 



^T|Tc.ifN.*?^'r ^fnu. n. ui: 



^V>nn 






Fig. 5. Die Hennenreiterin, Kupferstich (,um 1650) in halber Grösse. 



C, I. Der Hahnreiter allein. 
Der Hanrey werde ich genandt, | Alln untreuen Weibern wohlbekandt. 
[Kupferstich um 1650, 27 cm hoch, '21 cm breit. Der Hahnreiter, sonst -wie in B 
gezeichnet, macht selber die Spotto'ebärde der 'Hörner'; das Heer der andern Hahnreiter 
hat drei Fahnen, auf denen Brille, Hörner und Eselsohren zu sehen sind. — Berlin, Kgl, 
Bibliothek; München Kupferstichkabinet] — Reproduziert auf S. 79 Fig. G. 
Im Bilde steht: 

Hab Gedult, lieber Manne mein, 
Trost dich, daß du nit bist allein! 
5 Andre Männer niüssens auch sein. 



Bilderbogen des IG. und 17. Jahrhunderts. 



(il 




i • -umi (ui onwr — 

■1' rAba-, aürV 5*in J)inii — ; 
rnr.i }^ttit frajni W.- 



>>^(ti<t^ ^tvu- 6pcn uoi» i(t<iirii 



Fig. (). Der Hahiueiter, Kupferstich (um 1G50) in halber Grösse. 

Wer dieses weiß und leiden kan, 
Der ist ein rechter Hannenman. 
Seht, wie stehn ihm die Hörner an! 
— Ihr Hanenreitor auf, fort fort zum Regiment, 
10 Damit Ihr Euren F^eind nicht reitet in die Hand! 

Unter dem Bilde ein Wappenschild mit dem Brustbild des durch die Finger 
•hendon Hahnreis und die Verse: 



Ach bin ich denn nit wohl ein armer Mann zunennen. 
Daß ich muß auf eim Hahn gleich einem Pferd herrennen? 



80 Bolte: 

Mein Nasen trägt ein Brill; viel Eselsohren sein 
Umstecket auf meim Hut. Mein Frau wills, ich solls tragen. 
15 Drüm leid' ichs mit Gedult und will nit viel drüm fragen, 
Weil noch viel Hundert wohl mit mir so reitten ein^). 



C, 2. Der Hahnreiter allein. 

Der Hanrey werde ich genand, | Untreuen Weibern wohl bekand. 

[Kupferstich des 18. Jahrhunderts, 00 cm. hoch, 28 cm hreit. Der Hahnreiter wie in B, 
doch unbärtig und ohne Brille, mit Perrücke; auf dem Dreispitz zwei Hörner und ein 
kleiner Hahn. — Berlin, Kgl. Bibliothek; Breslau Stadtbibliothek.] 

Im Bilde steht: 

Nun blaset zu Feld und reitet geschwind, 
Sehet, wo ihr den Hanreymacher find! 

Unter dem Bilde: 

5 Ich reite diesen Han, den mir mein Frau erworben, 
Weil alle redlichkeit und treu bey ihr erstorben. 
Ich brauche ietzt nicht mehr den nur allein gedult, 
Und habe diesen Trost, daß ichs nicht bin allein, 
Weil in der gantzen Welt unzehlich viele sein, 
10 Die tragen müssen so [der] büßen Weiber schuld. 



C, 3. Dasselbe russisch. 

Eine genaue Kopie von C 2 mit russischem Text, die in der zweiten Hälfte 
des 18. Jahrhunderts von der Achmetjevschen Werkstatt hergestellt ward, gibt 
D. Rovinskij in seinem vortrefflichen Werke 'Russkija narodnija kartinki' 1, 387 
und Atlas 1, Taf. 1G2 (1881) wieder. Die Beischriften, die mir Herr August 
v. Löwis freundlich übersetzte, sind ebenfalls gereimt und lauten auf deutsch: 

Den Keiter auf dem Hahne nennt man mich, alle Ehebrecherinnen als solchen 
kennen mich. — Seht zu, wo ihr den Hornaufsetzer packen könnt, reitet hin und blast 
einen Marsch! Es ist genug geschlafen. — Hier reite ich auf dem Hahne, herausgeputzt 
von meiner Frau; dass ihr Ehre und Treue gebricht, darüber traure ich. — Weil ich 
nicht allein bin in der Welt, so tröste ich mich; denn eine grosse Menge in gleicher 
Würde zu sehen ergötzt mich ein wenig. Nunmehr ist mir nichts in der Welt ausser der 
Geduld verblieben zum Vorbilde denjenigen Männern, die ihrer bösen Weiber liederlichen 
Lebenswandel nachahmen wollen. 

Rovinskij führt 1, 388 noch einen andern Bilderbogen an, welcher neben dem 
russischen Text auch den deutschen aufweist: 'Der Hanrey werde ich Genand. 
Untreuen Weibern wohl bekand' . . . Hieraus ergibt sich, dass C 3 (und auch 
D 3) unmittelbar auf einer deutschen Vorlage und nicht auf polnischer Ver- 
mittlung beruht. 



1) Das Titelkupfer des Büchleins 'Der gute Mann oder der wohlbegabte Hörner 
Träger' (1682) zeigt zwei mit erhobener Pistole einander gegenüberstehende Hahnreiter, 
wozu die Erklärung lautet: 'Seht, wie die Hahnen-Ritter streiten. Ein jeder will kein 
Hörner -Träger seyn.' 



Bilderbogen des 16. und 17. Jahrhunderts. 81 

D, I. Die Hennenreiterin. 

Den Hannenreithern ich zur Schmach [ Auf meiner Hennen 
reit he nach. 

[Kupferstich um IGJO, als Gegenstück zu Cl gezeichnet. Eine junge Frau reitet auf 
einer Henne, indem sie mit der rechten Hand die Gebärde der Feige*) macht. Im Hinter- 
grunde eine Schar gleicher Reiterinnen. — München Kupferstichkabinet.] — Reproduziert 
nach dem im Texte abweichenden Exemplar der Berliner Kgl. Bibliothek oben S. 78 Fig. .'). 

Im Bilde steht: 

Sag, Man, wilstu nit schweigen, 

Werd ich dir die Feige zeigen. 
5 Weil du nit kanst, du armer Han, 
Keine Henne recht besteigen. 
Deine Fiedel nit will geigen, 
Seh ich, was ein andrer kan. 
Im Bilde ein Wappenschild mit Spindel, Gabel und Schlüsselbund: darunter 
die Verse: 

Mein Man reith auf den Haa, so reith ich auf der Hennen. 
10 Was. ich an ihm beklag, muß ich von mir bekennen: 
Wann er geht neben auß, so geh ich neben hinn. 
Pflegt doch die Henne auch die Eyer zu vertragen. 
Man muß nicht alles thun, man muß nicht alles sagen. 
Fürwar, ich und mein Man wir haben einen Sinn. 



D, 2. Die Hennenreiterin. 

Eine Nachahmung von D 1 aus dem is. Jahrhundert liegt, wenn meine Notizen 
mich nicht täuschen, auf der Breslauer Stadtbibliothek. — Schell (Bergischer Volks- 
humor 1907 S. 148) beschreibt eine Holzschachte], auf der eine Hahnreitcrin 
in Rokkokotracht gemalt ist mit der Unterschrift: 'Mein hoon der ist so und so, 
der macht die fremde hüncr froh.' 

D, 3. Dasselbe russisch. 

Aus derselben Werkstatt und Zeit wie C 3 stammt das bei Rovinskij 1, o87 
und Atlas 1, Taf. Kio reproduzierte Blatt. Die Hennenreiterin erscheint in der 
Tracht des 18. Jahrhunderts mit einem hohen Kopfputz. Die Beischriften hat mir 
wiederum Herr A. v. Löwis in dankenswerter Weise verdeutscht: 

Den Hahureitern zu Schmach und Schande folge auch ich nicht umsonst auf der 
Henne. — Hei, reitet schnell! Denn fangt ihr ihn nicht, so wird euch der Hornaufsetzer 
ergreifen uud zu Tode stechen. — Mein Mann sitzt allein auf dem Hahn, und ich setze 
mich auf die Henne. Was ich an ihm beklage, darin stehe ich selbst um nichts nach. — 
\\ eil die Eier von den Hennen manchmal vertragen werden, so ist es nicht gut, sorglos 



1) Vgl. über dies 'far la fica" 0. Jahn, Berichte der sächs. Ges. d. W., phil- 
histor. Kl. 185Ö, 80. Sittl, Gebärden der Griechen und Römer 1890 S. 102. 12:3 F. Lieb- 
recht in V. d. Hagens Germania 7, 18:3 und 8, 370; zu Basiles Fentamerone 1846 2, 272. 
Henrici de Hervordia Chronicon ed. Potthast ISÖÜ p. 165 (in der fabelhaften, auch von 
Körner und Rabelais 4, 45 vorgetragenen Erzählung über den der Kaiserin Beatrix 1178 
von den Mailändern angetanen Schimpf des Eselrittes). Grimm, Wb. :>, 1441. Elworthy, 
The evil eye 1895 p. 255 uud Horns of honour 190<) p. 176. 

Zeitsclir. d. Vereins f. Volkskunde. 1909. *^ 



>^^) Bolte: Bilderbogen des IG. und IT. Jahrhunderts. 

ein jedes Ding von der Strasse aufzuheben. — Wenn mein Mann seiner Lust wegen vom 
Hof geht, so folge ich ihm alsdann. Denn walirlich mein Mann und ich wir haben ein 
Verlangen, wie ich wohl weiss. 

Auch von diesem Blatte existieren Exemplare, die neben dem russischen Text 
einen deutschen enthalten: 'Der [1. Den] Hanen reitern ich zur schmach, auf 
meiner Heinnen reite nach' . . . 

E. Spielkarten. 

Noch jetzt wird, wie Grimms Wb. 4, 2. 172 angibt, im Göttingischen, Mecklen- 
burg, Pommern und in Dänemark ein Kartenspiel 'Hahnrei' geübt. Dazu ver- 
gleiche ich die Schellenacht eines im 17. Jahrhundert zu Strassburg gedruckten 
Kartenspiels'), auf der ein alter Mann eine junge Frau umarmt, welche 'Hörner' 
macht: darüber steht: 

Bey einen iungcn weib mus i.i ein alter man 
Kein anters wappen niclit als dieses schauen an. 



F. Dänischer Kupferstich. 

Aus dem Ende des 18. Jahrhunderts stammt ein dänischer, vielleicht auf 
französischer Vorlage beruhender Kupferstich in S*' 'Hanreien', den F. C. Krohn 
(Samlinger til en beskrivende Fortegnelse over danske Kobberstik 1, 283 nr. 1784. 
Kjöbenh. 1889) beschreibt. Hinter einem spazierenden Ehepaare sehleicht ein 
junger Offizier her, nach dem die junge Frau sich lächelnd umwendet; er zeigt 
mit der rechten Hand auf den Mann und steckt ihm mit der linken eine Hahnrei- 
feder"'') auf den Hut^). — Ähnlich bei G. Hermann, Karikatur im 19. Jh. lüOl S. 3. 

Berlin. 

(Fortsetzung folgt.) 

1) A. W. Franks, Playing cards of various ages and countries, selected from tlie 
collection of Lady Ch. Schreiber 2, T. 103 (1892). 

2) Wie in Gengenbachs Gouchmat Venus den Liebesnarren eine Gauchfeder auf den 
Hut steckt (Wickram .">, LXII Anm.), t^o werden auch Narren (Dieterich, Tulcinella 1897 
S. 247) und Hahnreie durch Hahnenfedern kenntlich gemacht (Heinrich Julius v. Brann- 
schweig 1S5Ö S. 438. Schlu. Isaac 1892 S. 8.'), i7. Alamodisch-technologisches Interim 1G7.J 
S. 196. Der gute Mann 1G82 S. .w. Wesenigk, Böse Spielsieben 1702 S. 77 = Grimm, 
Wb. 1,2. 1G7. Wander, Sprichwörterlexikon 2, 273). — An die S. 67'^ zitierte Dar- 
stellung des Hürneraufsetzens erinnern Bilder bei J. v. d. Heyden, Speculum Corne- 
lianum 1G18 (Neudruck 1879) nr. ;'.! und im Stammbuch der j. Gesellen, Basel 1G17 nr. 21. 

3) Zwei französische Stiche des 17. Jahrhunderts bei G. Kahn, Das Weib in der 
Karikatur Frankreichs 1907 S. 2 und 2ü<;t zeigen 'La maison du cornard' (der gehörnte 
Mann steht vor der Tür, ein Füllhorn haltend und durch die Finger sehend, während 
seine Frau aus dem Fenster mit einem Kavalier plaudert) und 'Le cornard mal content'. 
Auf drei neueren Bildern von Grandville, einem namenlosen Zeichner und Bosio (ebd. S. 15. 
124. 128) Averden die Hörner nur durch die emporstehenden Haare oder zwei Tuchzipfel 
angedeutet. E. Fuchs, Die Frau in der Karikatur 190G S. 94. 95 (Gaudissart). 103 (Vallon% 
Auf einem anonymen Stiche des 18. Jahrhunderts bei E. Fuchs, Die Karikatur der europäischen 
Völker 1, 120 (1901) bietet ein stattlicher bärtiger Mann Hörner feil. 

Nachtrag zu S. G4: Die Hörner des betrogenen Gatten weist mir Prof. Th. Zachariae 
bereits im alten Indien nach (Pischel-Geldner, Vedische Studien 1, 131. 18.s9); vgl. S. de Vries, 
Curieuse Aenmerckingen 1682 1, 180. Hörn, Zs. f. vgl. Litgesch. 15, 18. Brand, Populax anti- 
quities 181:5 2, 101. — S. M^: Elwortby, The evil eye p. 258 f. und Horns of honour p. 52 f. 



Hertel: Kleine Mitteilungen. 83 



Kleine Mitteilungen. 

Zu den Erzählungen von der Muttermüch und der schwimmenden Lade. 

In der sehr interessanten Schrift 'Le lait de la mere et le coffre llottant"^) 
bespricht E. Cos quin eine Reihe von Märchen, in denen die Aussetzung- eines 
Kindes und die in wunderbarer Weise vor sich gehende Säugung desselben, 
getrennt oder vereinigt, erzählt werden. Wenige Tage vor seiner Arbeit war 
meine Hr-macandra- Übersetzung") erschienen, die er also nicht mehr benutzen 
konnte. Infolgedessen fehlt in seiner Arbeit natürlich die in den von ihm be- 
sprochenen Märchenkreis gehörige Geschichte von Kubr-radatta, Hern. II. 22.') ff. 
Im Anhang I habe ich dazu einige der auch von Cosquin besprochenen Quellen 
gestellt, auch einige, die bei Cosquin fehlen''), in denen an Stelle des ausgesetzten 
Kindes oder der ausgesetzten Kinder in der Kiste eingeschlossene Frauen er- 
scheinen, und endlich solche, in denen an Stelle der Kiste ein ausgehöhUer 
Elefantenleib erscheint, aus dem der Ausgang schwer oder unmöglich ist. Dieses 
Motiv ist dasselbe, wie in der Erzählung des Tanträkhyäyika I, 2 (Schakal und 
Trommel)*), wo an Stelle der Elefantenleicho eine Trommel erscheint, in die der 
Schakal eindringt, weil er Nahrung in ihr vermutet, aus der er aber nicht wieder 
oder nur schwer heraus kann. Vgl. zu Hr-m. II, 380. 

Zu einer Begründung der Zusammenhänge fehlt mir der Raum: wer die von 
mir angegebenen Quellen in der gegebenen Reihenfolge liest, wird die Zusammen- 
hänge leicht feststellen können. Wie ('os(|uin, so stelle auch ich die Ilomulus- 
und Kari.ia- Legende zusammen. Aber während Cosquin bezüglich der Moses- 
Legende zu dem Schlüsse kommt: ,,Lc second ohapitre de TExode est maintenant, 
croyons-nous, bien separe, bien mis ä part de toutes ces legendes assyro-babyloniennes, 
syriennes, indiennes, javanaises, etc.^ (S. 4.')), glaube ich, dass sie zu diesem 
Kreise gehört, und zwar gerade auf Grund der bei Hr-macandra II, 225 lt. vor- 
liegenden Fassung. 

Hemacandras Fassung ist zunächst schon deswegen höchst interessant, weil 
in ihr wie in der von Cosquin S. 39 ff. besprochenen Judas-Legende zwei Motive 
verbunden sind: Die Aussetzung in einer Kiste und das Üdipus-Motiv. 

Anderseits sind in ihr die Aussetzung und das Säugungs-Motiv verbunden, 
letzteres freilich insofern verblasst. als die Stillung der Kinder auf natürliche 
Weise vor sich geht. Aber das Stillen der Kinder an sich schon, das bei Hema- 
candra verwendet ist. um die Mutterliebe der Hetäre zu einem rührenden 



1) Extrait de la Revue des qucstions liistoriques (8:*), ;3.j;'. — 42.");. Paris, Aux Bureaux 
de la Revue, Rue Saint-Simon :>. 1908. [Vgl. oben 18, 4.j4.] 

2) Ausgewählte Erzählungen aus Höraacandras i'arisistaparvan {- Bibliothek morgen- 
ländischer Erzähler, Band 1\ Leipzig, Wilhelm Heims. 19ns. [Vgl. oben 18, 459.J 

:')) Während natürlicli Cosquin auch viele Quellen anführt, die bei mir fehlen. 

4) Die rbersetzung dieser ältesten und ihrem Wortlaut nach ursprünglichsten Fassung 
des Paficatantra erscheint nächstens bei Teubner in Leipzig (Tanträkhyäyika, die älteste 
Fassung des Paficatantra, a. d. Sanskrit übersetzt mit Einl. und Anm. von .1. Hertel). 



§4 Hertel: 

Ausdruck zu bringen, ist nach dem bei Cosquin vorliegenden Quellenmaterial 
bedeutsam. Gehörte es der Erzählung ursprünglich nicht an, so wäre Hemacandra 
oder der Verf. seiner Quelle kaum darauf verfallen, es zu erfinden, da es auf den 
weiteren Vei'lauf der Erzählung ohne Einfluss ist. Hierin stimmt also Hc-raacandras 
Passung mit der des Exodus (2, 7f.) überein. Und auch die anderen trennenden 
Züge, die Cosquin S. 43 anführt, sind bei Hemacandra vorhanden, dessen Text 
die Verbindung zwischen der Moses -Legende und den anderen von Cosquin 
zitierten Quellen herstellt. Wie im Exodus, so ist bei Hemacandra die Mutter 
/une femme d'humble condition', freilich erst später (II, 28.S If.) eine quasi Ehr- 
bare, zunächst eine Hetäre; vgl. die illegitime Geburt des Kindes in den anderen 
Quellen. Während in den anderen orientalischen Texten die Mutter sich des 
Kindes oder der Kinder entledigen will, tut sie es im Exodus und bei Hema- 
candra unter fremdem Zwang. Wie im Exodus, so sorgt sie bei Hemacandra für 
das Fortkommen der Kinder und ist der Auffindung derselben im voraus sicher; 
vgl. meine Pussnote 3 zu Hem. II, 241. Ja, bei Hemacandra tut sie noch mehr 
als im Exodus. Sie gibt den Kindern Ringe bei, auf denen ihre Namen ein- 
gegraben sind und legt reiche Schätze in die Kiste. Was also Cosquin von der 
mütterlichen Fürsorge sagt, wie sie im Exodus geschildert wird, das gilt in er- 
höhtem Masse für die von Hemacandra geschilderte: „Ce a quoi la mere songe 
avant tout, c'est a sauver son enfant et a le rendre heureux; aussi, comme nous 
l'avons raontre, tout a ete prevu, calcule par Famour maternel, qui a laisse le 
moins possible au hasard; tout a ete intelligemment dispose de facon que l'enfant 
soit recueilli " Wenn aber, wie Cosquin bemerkt, im Exodus alles darauf an- 
gelegt ist, dass gerade die Königstochter die Finderin sein muss. so scheint 
mir das gerade eine nicht eben glückliche Änderung des Ursprünglichen zu sein, 
da der König den Mord der männlichen hebräischen Nachkommenschaft befohlen 
hat. Konnte die Mutter a priori annehmen, dass seine Tochter nicht nur das Kind 
verschonen, sondern sich seiner in mütterlicher Weise annehmen würde? 
Endlich hat der Bericht Hemacandras mit dem des Exodus noch einen be- 
sonderen Zug gemeinsam, nämlich den, dass die Auffindung der ausgesetzten 
Rinder durch Badende^) erfolgt. Dass im Exodus das Wunderbare geschwunden 
ist, trifft auch auf Hemacandra zu. Wir können auch im märchenfrohen Indien 
die Beobachtung machen, dass in späterer Zeit die ursprünglich märchenhaften, 
Berichte realistischer erzählt und des dem späteren Inder märchenhaft Vor- 
kommenden entkleidet werden. Diese Beobachtung wird sich z. B. aufmerk- 
samen Lesern des Dasakumäracarita aufdrängen. 

Also der Bericht HOmacandras entkräftet alle Einwände, die Cosquin gegen, 
die Zusammengehörigkeit der Moses-Legende mit den anderen von ihm be- 
sprochenen Quellen erhebt: die Moses-Legende gehört zweifellos zu ihnen. 

In den Nachweisen zu Hemacandra II, 238 habe ich zu den Erzählungen von 
dem ausgesetzten Kinde ohne weitere Erklärung die von dem ausgesetzten Mädchen 
gestellt, welches ein Mönch, der den Rat zur Aussetzung gegeben hat, zu miss- 
brauchen gedenkt (Kathüsaritsfigara XV, 30 ff. = Tawney 1, 102 nebst 2, G29. [Grierson, 
Linguistic survey of India !>, 3, 290]). Eine Fassung von den ausgesetzten Kindern, die 
Cosquin S. 36 aus dem malayischen Sri Räma gibt, erlaubt uns, die Zwischenglieder 
der Kette zu schliessen. Der Inhalt der malayischen Erzählung ist kurz folgender: 
Die Königiu Mandu Derrei gebiert dem König Rüvaiia eine Tochter. Da die 
Astrologen prophezeien, der Gatte dieser Tochter werde bald der Herrscher über alle 



1) Siehe die sogleich anzuführende malayischc Fassung 



Kleine Mitteilungen. Sf) 

Reiche der Erde sein, will Rävana, um seine Herrschaft besorgt, das Kind töten, lässt sich 
aber von der Mutter desselben dazu bestimmen, es in einem eisernen Kasten oder Sar<r 
im Meere auszusetzen. Ein König- namens Mahärishi Kala findet diesen, als er am nächsten 
Morgen badet, nimmt das Kind an, und gibt ihm den Namen Putri Sita DC-vi. (Diese 
wird dann Rämas Gattin, der Rfivaua der Herrschaft und des Lebens beraubt)*). 

Dazu bemerkt Cosquin S. 37: „II est, u notre avis, tres probable que les 
Malais ont pris leur histoire dans quelque recit venant directement ou indirecte- 
ment de Finde." Kine genaue Entsprechung kann er nicht nachweisen; dass 
er aber mit dieser Vermutung im Rechte ist, beweist eine Episode in dem von 
A. Weber, Sitzungsberichte der Berl. Ak. der Wiss., phil.-hist. Kl. 1883, öG7 
veröffentlichten Campaka-sresthi-kathrmaka (die Geschichte vom Kaufmann Cam- 
paka), die Cosquin entgangen ist und die hier im Auszug gegeben sei (voll- 
ständige Übersetzung bei Weber S. .')72 If. Eine neue Ausgabe bereitet Vf. vor). 

König Ratnasena sucht für seinen Sohn Ratnadatta eine passende Gemahlin, die 
sich in König CandrasPnas Tochter Candrävati findet. Die Astrologen bestimmen den 
17. Tag als den, der die glückliche Konjunktur herbeiführe. Damals war Rnvana König 
in Laiikü (Ceylon). Diesem künden seine Zeichendeuter auf seine Frage hin, Räma und 
Laksmana werden ihn töten. Rävana hofft den Spruch der Astrologen zuschanden zu 
machen; diese aber sagen ihm, das sei ebensowenig möglich, als er die Vermählung 
Ratnadattas mit Candrfivati werde verhindern können. Rävana befiehlt nun zweien seiner 
Rfiksasa, Candrävatl zu rauben. Eine Göttin'-') muss die Gestalt eines Seeungeheuers an- 
nehmen und Candrfivati in einer mit Speise usw. versehenen Elfenbeinkiste bis zum Tage 
der Konjunktur im Rachen behalten und an der Mündung der Gaiigfi im Wasser bleiben. 
Sodann befiehlt er dem Schlangendämon Taksaka, den Prinzen Ratnadatta zu beissen. 
Dies geschieht. Nach Ausspruch der Giftärzte dauert Giftohnmacht sechs Monate. Der 
Prinz wird also nicht verbrannt, sondern in einem Korb auf der Gaiign ausgesetzt. Am 
Morgen des Tages, an dem die Konjunktur eintritt, ist die Göttin ermüdet, setzt die Elfenbein- 
kiste auf eine Insel, erlaubt der Prinzessin, einstweilen am Meeresufer zu spielen und 
entfernt sich selbst zu ihrer Erholung ins Meer^). Da kommt der Korb mit dem Prinzen 
angeschwommen, und Prinz und Prinzessin vermählen sich. Beide legen sich in die 
Elfenbeinkiste''), und diese wird dann von der Göttin wieder in ihren Rachen genommen. 
Ravai.ia (Da^amukha) erkennt, dass er seiuem Schicksal nicht entgehen kann. 

Der Text stammt aus Gudscherät und ist (wahrscheinlich beträchtlich) vor 1434 
geschrieben. In ihm ist die Erzählung noch nicht so eng mit der Eämäyana-Sage 
verbunden, wie in der malayischen Fassung. Das eingeschlossene Mädchen ist 
nicht Sita; Rfivana ist nicht mit ihr verwandt. Zweifellos ist also diese Passung 
ursprünglicher, als die malayischc. 

Eine arabische Fassung derselben Erzählung findet sich in l»t01 Xacht. Ich 
gebe hier den Auszug nach Chauvin, Bibliographie arabe (3, •2'.if.: 

A la cour de Salomon, des docteurs disent un jour en presence du griflbn du mont 
Qaf que rien ne peut aller contre les decrets de Dieu. Le griffen, approuve en cela par 



1) Wenn Cosquin über den Rävana des Sanskrit-Rrimäyaua bemerkt: „Rävana et sa 
femmc Mandodari (la Maiidu Derrci du \\\r& malais) sont, dans le poeme hindou, non un 
roi et une reine, mais des nikshasas-\ so ist dazu zu sagen, dass Rfivaiia der König der 
Rfiksasas ist. 

2) Df'vi. Darunter wird ein weiblicher Räksasa, eine lifiksasi zu verstehen sein, da 
Rnvana der König dieser Dämonen ist. 

3) Vgl. das Päli-Jf.taka, unten S. S'.t. 

4) Vgl. die folgende arabische Fassung, das unten S. SO übersetzte P;"lli-.Jätaka und 
Cosquin S. '29. Die arabische Fassung stimmt genau zu der eben zitierten Version bei 
Cosquin, insofern die Eltern mit dem Kinde eingeschlossen sind. In der Danat-- 
Geschichte sind nur Mutter und Kind eingeschlossen. 



8(5 Hcrtel: 

la seule chouette, S(' declare prüt h empccher ce cj[ue Dieu a resolu. Dieu fait alors savoir 
ä. Salouion qu'il decide que le fils du rui d'Occident '/pousera la iille du roi d'Orient. 
Aussitüt le griffen enlüvo la jeune fiUe, qui vient de naitre, Teniporte au mont Qaf et l'y 
eleve comme sa ölle dans un nid semblable ;i un clulteau etabli au haut d'un arbre 
immense, que quatrc cents liommes n'auraient pu embrasser et haut ä proportion. — 
Quand la jeune fille est nubile, le prince d'Occident sc decide un jour a aller chasser 
au loin : il s'embarque et une tempete le jette au pied du mont Qaf. S'avanrant sans ses 
compagnons, il arrive a Tarbre et aperroit la jeune fille. Les deux enfants s'rprennent 
l'un de l'autre et la jeune fille suggere de garnir Tinterieur d'un chameau mort et dessecho 
de plantes aromatiques et de s'y cacher: que sa mere le lui apportora. Le griffen cede, 
en effet, aux v(Pux de sa fille et lui apporte le chameau: des lors, les amoureux peuveut 
s"unir en secret pendant les absences quotidiennes du griffen, qui se rend a la cour de 
Salomon. — Quand Ti-pouse va devenir mere, Dieu avertit Salomon, auquel le griffon, sur 
sa demande, affirme (^ue la jeune iille n"est pas encore mariee. Le roi Fenvoie, avec 
deux oiseaux, chercher la princesse. Effrayee du retour du griffon, eile fait cacher le 
prince dans lo chameau et, sous pretexte que, si le griffon la prenait sur son dos, eile 
aurait le vertigo et tomberait, eile obtient de lui qu'il l'emporte dans le chameau. La, 
eile donne le jour a un fils. Quand le griffon arrive ä la cour, du chameau sortent les 
epoux st l'enfant, ä la grande risee de tous. — Depuis, le griffon ne sort plus du mont 
Qaf et la chouette se cache dans des lieux ecartes. 

In dieser Fassung tritt an die Stelle der Kiste der ausgehühlte Leichnam eines 
Tieres, ein Zug, der sie mit einer anderen indischen Erzählung verbindet; vgl. 
Hemacandra, Pari.sistaparvan II, 38U nebst den dort gegebenen Nachweisen. In 
Indien ist das ausgehöhlte Tier ein Elefant. Am meisten stimmt dazu Kathä- 
saritsägara XII, 108 = Tawney 1, 77 und Ksem<'ndra, Brhatkathämanjarl II, 104, 
insofern der hohle Elefant, in dem sich ein Mensch (Löhajangha) befindet, durch 
einen Vogel aus dem Geschlechte des Garuda — dem Greifen in 1001 Nacht ent- 
sprechend — entführt wird. Und zwar trägt der mythische Vogel Lohajaiigha 
nach Lankfi (Ceylon) zu Vibhisana, Rfivanas Bruder und Nachfolger im Königtum 
über die Räksasa. Die Szene aber, die sich in 1001 Nacht am Hofe Salomons 
abspielt, geht in der Erzählung von Carapaka und im malayischen Märchen auf 
Laükri (Ceylon) an Rävanas Hof vor sich. Auch bei Somadeva und Ksemendra 
wird durch den hohlen Elefantenleichnam die (Wieder-) Vereinigung mit der 
Geliebten herbeigeführt, wenn auch nicht ausschliesslich. 

Der älteste indische Text unserer Erzählung ist in der chinesischen Über- 
setzung einer buddhistischen Fassung erhalten. Edouard Chavannes gibt davon 
in seiner wichtigen Veröffentlichung Fahles et Contes de l'Inde^) folgende Über- 
setzung: 

Autrefois il y eut une femme qui enfanta une Iille d'une beaute sans egale. Quand 
(cette Iille) eut trois ans, le roi du royaume la prit pour la regarder et appela un 
religieux pour determiner d" apres son horoscope, si eile pourrait ou non devenir plus tard 
son epouse priucipale. Le religieux lui dit: .,Cette fille connaitra un homme, et Yotre 
Majeste ne viendra certainement qu'apres lui". (Le roi dit:) „Je la tiendrai prisonniere 
et bien cachee". II appela nlors aujjres de lui une grue-) (et lui demanda:) „Oü est 
l'endroit oü vous habitez?^ Elle repondit au roi: „Je reside sur un arbre (jui est a mi- 
cote d'une haute montagne: c'cst un lieu par oii ne peuvent passer ni les hommes ni les 
animaux. En bas est un tourbillon d'eau sur lequel les bateaux ne peuvent aller." Le 



1) Extrait du tome I des Actes du XIV '^ Congres International des Orientalistes 
(Paris, E. Leroux 1905) S. 57f. nr. 27. 

2) Ein Raksasa in Kranichgestalt bei SömadCva, Kathäs. XXXIX, 58 (Tawney 1, 358). 
Vgl. in der Campaka-Geschichto die „Göttin" (devT, d. i. RaksasI, da Rävaiia nur über eine 
solche gebieten kann), die die Form eines Seeungeheuers annimmt. 



Kleine Mitteilungen. 87 

roi lui (lit: „Je vous conlie cette fille pour que vous releviez". AussitAt eile la saisit et 
Femporta. Chaque jour eile allait prendre de la nourriture chez le roi pour la douner 
a la iille. Apres qu'il en eut ete peudant longtemps ainsi, il j eut au sonimet (de la 
montagne) un village qui fut empörte par las eaux; un arbre suivit, tantut droit et tantut 
incline, le fil d'eau et desceudit le courant; or un jeune liomme avait pu se cramponner 
ä cet arbre et tomba dans le tourbillon d'eau sans pouvoir en sortir: arrive a la fin du 
tourbillon, 1' arbre sortit en bondissant et resta appuye contre la montagne: le jeune homme 
put monter sur Farbre de la grue et s'unit avec la lille: la Iille alors le tint cache. 
(Cependant) la grue soulevait cbaque jour la iille pour la peser, (pensant que,) si eile 
devenait lourde, ce serait prcuve qu'ellc .'-tait enceinte, tandis que si eile u'etait point 
encore (enceinte), eile serait legere: la grue s'apercut (ainsi) que la fille etait devenue 
lourde: eile chercha de tous cutes et trouva le jeune homme; eile le prit et le chassa: 
puis eile alla raconter au roi ce (jui s'etait passe. Le roi dit: „Le religieux etait liabile 
a dresser les lioroscopes". Le maitre [d. i. Buddha] dit: Quand des personnes sont 
appariees pour des causes provenant de naissances anterieures, il n"y a aucune force qui 
puisse les maitriser; des que Tune d'elles rencontre celui ä qui eile est apjtariee, alors 
leur Union doit avoir Heu. II en est aussi de mcme pour les animaux vivants de toute 
espece. 

Dieser Text ist nach Chuvannes im Jahre 251 n. (Jhr. ins Chinesische über- 
setzt. Seinem Alter entspricht aber, wie das so oft bei buddhistischen Texten der 
Fall ist, nicht seine ürsprünglichkeit. Der Grund der Abschliessung ist, wie in 
der oben zitierten arabischen Fassung, nicht die Furcht vor dem Kinde; dafür 
tritt in der buddhistischen Fassung- der Wunsch des Königs ein, das Mädchen 
selbst zu besitzen. Vgl. die weiter unten zu gebenden indischen Formen. An 
Stelle der Elfenbeinkiste oder des dieser noch nahe kommenden ausgehöhlten 
Tieres tritt hier ein Baum, und das Zustandekommen der Vereinigung von Jüngling 
und Jungfrau ist recht ungeschickt und von allen anderen Quellen abweichend 
erzählt. Jedenfalls gehört die Kiste (in welcher Verwendung, lässt sich nicht mit 
Bestimmtheit sagen) ursprünglich in die Erzählung; und ebenso ist die Prophezeiung, 
dass der Sohn der Eingeschlossenen denjenigen töten wird, der die Einschliessung 
bewirkt, die Ursache zu der Absonderung des Mädchens. Dies ergibt sich klar 
aus der Rom.ulus-, Campaka-, Moses- ^) und D an ai^- Geschichte, deren uns hier 
interessierender Teil bei Apollodor 11, ."U lautet: \4y.otni,o i)!- .yy,! -ran)«»' yfi:-r,.-(„; 

aonhwr /(»jOD/oial^otiho) 6 ßsog Hft] yevKoiJai .-latdu iy. li]; OvyuToöc, »c (/.rrny d.-royTFn-r. 
(V-icd; (Vy o \4xQioiog TOÜxo, v.Tf) yijv M)mixov y.aTaay.£t)doag yälxsov Ti/r Acrdiir y<i nnvnyi. 
T(WTi)r iih', <0s Evioi Uyovaiv, F.q^Osioe IIooTiOs, ößev avioi; y.al y aruai; yy.ir>'ii)ij- <o; öy rvioi 
(/((Ol, Ztr; inrauoocpfo&dg sk /jjvoov y.al diu rijg oootpijg fi; toi-; .hmu/g yinori-h ^«»'/..Torc 
orvrilOyr. ainOöiierog (^f 'Ay.Qi'atog i'oxsoov i^ amijg ysyernjinror Ilfoafa, in) ntainnag r.-ro 
Jiog yrpDägOai, rt]v ßvyarioa ,u£Tu toc .Taiöo; sig länvuy.a ßahov yooni'n- n; llü/.annar USW. 

Hyginus, Fab. 63 erzählt: 'Danae, Acrisii et Aganippes fiiia. Huic iuit fatum, 
ut quod peperisset, Acrisium intorficeret Quod timens Acrisius, eaui in muro 
hipideo praeclusit. lovis autera in imbrem aureum conversus cum Danae concubuit; 
ex quo compressu natus est Perseus. Quam pater ob stuprum, inclusam in arca, 
cum Perseo in mare deiecit' usw. Auch bei Simonides ist Zeus der Vater des 
Perseus^). 

Aus den Worten des Apollodor aber ergibt sich jedenfalls mit Sicherheit, dass 
die Geschichte in verschiedener Weise erzählt wurde. 'Einige' behaupteten, 
Proitos, und nicht Zeus, sei der A^ater des Perseus gewesen. Dann müssen sie 



1) Denn auch im Exodus II ist der Grund zu dem Befehl, die männliche jüdische 
Machkommenschaft zu töten, die Furcht vor der wachsenden Macht der Juden. 

2) Bergk-Hiller, Anthologia Lyrica S. 2;;Uj, Nr. 24, 17. 



88 Hertel: 

aber das Zusammenkoranien der vom Schicksal füreinander Bestimmten in anderer 
Weise motiviert haben, und die Vergleichung- mit den orientalischen Versionen 
legt den Verdacht nahe, dass 'der goldene Regen' eine spätere Erfindung ist. 

Ohne den einkleidenden Rahmen, der das Orakel enthält oder wenigstens die 
Unabwendbarkeit des Schicksals behauptet, kommt unsere Erzählung gleichfalls 
vor und wird als Beispiel dafür berichtet, dass man eine unkeusche Frau nicht 
hüten kann. Diese Fassung findet sich in Sümadevas Kathäsaritsägara LXIIT, 6ff. 
(Tawney 2, 79 ff.) und LXIV, 152 (Tawney 2, 98 f.). An der ersten Stelle hat 
sie auch Ksrraendra in seiner Bihatkathämafijari (XVI, 584). Da dieser Text 
•noch nicht übersetzt ist, so gebe ich hier eine Übertragung unserer Erzählung: 

Im Reiche Mälava lebte einst ein berühmter (oder: reicher) Brahmane 'Ya.södhara: 
der hatte zwei liebe Söhne namens Laksmidhara und Sridhara. Diese begaben sich einst 
auf die Weisung ihres Vaters hin, um sich Wissenschaft zu erwerben, in ein anderes 
Land; denn wie könnte man sich Wissenschaft ohne Anstrengung erwerben? Sie kamen 
in einen Wald, und ermüdet von dem weiten Wege setzten sie sich in dem angenehmen 
Schatten eines Baumes mit breiter [Krone] nieder, [derj am Ufer eines Sees [stand]. 
Darauf badeten sie, assen von den Früchten [des Baumes], und als die Sonne unter- 
gegangen und das Firmament von Finsternissen erfüllt war, die so schwarz waren, wie 
ein Haufen zerriebener Augensalbe, stiegen sie auf den hohen Baum und bheben auf ihm 
aus Furcht vor den Tigern. Im Gezweige machten sie sich ein Lager aus jungen Schöss- 
lingen, und als an der Brust der Nacht der Mond aufgegangen war, glänzend wie die 
neuen Zahnspitzen junger Elefantenweibchen, die Vorderseite des Panzers der Finsternis 
zerreissend, stiegen nach und nach aus des Sees Mitte Dienerinnen auf, fegten die Erde, 
bestreuten sie mit Blumenhaufen, breiteten auf goldener Bettstelle ein Bett mit weisser 
Decke aus und brachten in Gefässe, die aus Juwelen bestanden, himmlische Kränze, 
Salben und Getränke, die mit reichlichem Kampfer und Mango gewürzt waren. Dann 
eilten sie leichtfüssig nach demselben Seeufer hin und tauchten wieder unter. 

Darauf stieg [aus dem See] ein männliches Wesen empor, mit himmlischem Gewand 
bekleidet, schön, mit funkelnden Ringen, weiss von Karallenbaumkvänzeu, mit mächtigen 
Armen. Nachdem es sich tändelnd auf dem gebetteten Lager niedergelassen hatte, kam 
aus dem Lotus seines Mundes ein schönes Weib heraus, weiss von helleuchtenden Perlen- 
ketten, mit geschwätzig klirrendem Gürtel, mit rauschstammelnder Stimme, wie ein junges 
[oder: schüchternes] Schwanenwcibchen. Als es herausgekommen war, kam eine zweite 
junge Frau heraus, ohne Schmuck an den Gliedern^), liebUch, durch Anmut geziert. Da 
fiel der Mann der Schönen, die zuerst herausgekommen war imd die in himmlischem 
Schmuck strahlte, verlangend, kosend und aufgeregt um den Hals. Und nachdem er sich 
mit ihr vereinigt hatte und vom Genuss ermattet war, schlief er ein: und seine zweite 
Schöne massierte ihm die Füsse. 

Als Laksmidhara und Sridhara dies staunend gesehen hatten, stiegen sie von dem 
Aste des Baumes herab und näherten sich ihnen. Bei ihrem Anblick stand diejenige, 
welche am Halse ihres Geliebten hing und der der Schlaf noch nicht in die Augen ge- 
kommen war, liebebetört auf, bedeckte behutsam ihres schläfrigen Gatten Antlitz mit der 
Decke, trat leichtfüssig an Sridhara heran und sagte schamlos: „Geniesse mich!^- Er sprach: 
„Vergnüge dich, Schöne, mit diesem Geliebten, den himmlische Schönheit ziert; Leute wie 
ich, Mutter, gehen keinesfalls zu anderer Gattinnen.'' Infolge seiner Rede schlug sie 
etwas beschämt ihre Augen nieder und stammelte, infolge ihres vor Aufregung zitternden 
Atems: „Ich bin für dich nicht unnalibar, Geliebter, da ich von Hundert heimlich geliebt 
worden bin. „Einer, die fünf Männer gesehen hat, darf man nahen" — hast du denn das 
nicht .gehört? Hier an dieser Stelle habe ich beständig heimliche Liebhaber genossen, 
aus deren Hand ich bei leidenschaftlichen Gesprächen dies bekommen habe." Mit diesen 
Worten zeigte sie ihm hundert verschiedene Ringe, aus verschiedenen Metallen hergestellt, 
die sie in den Saum ihres Gewandes-) gebunden hatte. [Vgl. Chauvin 5, 190, 8, 59.J 



1) Es ist mit kha njTbhu^anäiigl zu lesen. Vgl. Strophe GIO. 

2) Dieser dient den Indern als Tasche. 



Kleiue Mitteiluugon. §g 

Als dies Sridhara sah, hielt er die Ohren zu und entfernte sich; sie aber weckte 
ihren Gemahl und sprach, wogend und zitternd vor Zorn: ..Herr, als du fest eingeschlafen 
warst, hat mir dieser Wanderer mit der Hand den Mund geschlossen und meine Keuschheit 
vernichtet." Als er diese Rede seiner Geliebten hörte, zog er rasend sein Schwert und 
wollte in seinem Zorn, die Brauen runzelnd, Sridhara töten. Aber seine andere, ihm 
treue Gemahlin, deren Leib kein Schmuck zierte, erstickte das Feuer seines Zornes, indem 
sie ihm das Betragen der Unkeuschen mitteilte. Und als er die hundert Einge in ihrem 
Gewandsaum erblickte, bat er den Brahmanen um Verzeihung und schnitt der Schlimmen 
die Nase ab^). Um ihre Keusciilieit zu beweisen, verbrannte seine andere Frau mit ihrem 
Blick den mächtigen Baum und gab ihm ebenso mit ihrem Blick das Leben wieder" usw. 

Endlich findet sich die Erzählung- auch im Päli-Jfitaka als Nr. 43G, zwar 
ziemlich überarbeitet, aber in zwei Punkten mit der Campaka- Erzählung über- 
einstimmend: der Räksasa legt die Kiste nieder und gestattet seiner Frau, sie 
zu verlassen, um sich zu erholen, und die Liebesleute sind in der Kiste ver- 
einigt. Das Bad des E,rd<sasa ist eine verblasste Erinnerung an den Aufenthalt 
mit der Kiste im Wasser; vgl. Campaka. Das Jätaka lautet in deutscher Über- 
setzung: 

Früher, als in Benares ßrahmadatta die Regierung führte, verliess der Bödhisattva-) 
die Sinnengenüsse, begab sich nach dem Himülaya, wurde Asket, entwickelte die über- 
natürlichen Fähigkeiten und die abstrakten Meditationen und wohnte daselbst, sich von des 
"Waldes Früchten nährend. Nicht weit von seiner Laubhütte lebte ein Dänava-Räksasa*), 
der von Zeit zu Zeit zu dem grossen Wesen [dem Bödhisattva] kam und [bei ihmj das 
Gesetz hörte, im Walde aber an dem Wege stand, auf dem die Menschen verkehrten, die 
Menschen packte und verzehrte. Zu dieser Zeit nun hatte sicii ein Mädchen aus edler 
Familie im Reiche Kä.si*), von wundorscliönor Gestalt, in einem (Jrenzdorfe niedergelassen 
[d. i. verheiratetj. Diese hatte eines Tages Vater und Mutter besucht, und als sie auf 
dem Rückwege war und der Dänava die Leute ihrer Umgebung sah, stürzte er in 
schrecklicher Gestalt auf sie zu. Die Leute warfen die Waffen weg, die sie trugen, und 
Hohen. Als aber der Dänava die schöne Frau in dem Wagen sitzen sah, fesselte diese 
sein Herz, und er führte sie in seine Höhle und machte sie zu seiner Frau. Von da an 
brachte er Schmelzbutter (ghee), Reis, Fische, Fleisch und andere Nahrungsmittel und 
süsse Früchte und nährte sie damit und zierte sie mit Kleidern und Schmucksachen, und 
um sie zu hüten, legte er sie in eine Kiste, verschlang diese und bewahrte sie in seinem 
Bauche. 

Eines Tages wollte er baden, ging an einen See, spie die Kiste aus, nahm [seine 
FrauJ heraus, badete, salbte und schmückte sie. sagte zu ihr: „Lass deinen Körper ein 
wenig die Jahreszeit geniessen", setzte sie*) neben der Kiste nieder, stieg selbst zu der 
Badestelle nieder und begab sich ohne Besorgnis ein wenig weit weg, um zu baden. 

Zu derselben Zeit üog [wtirtl. geht] ein Vidyädhara'"'). Sohn des Wind(gott)es mit Namen, 
mit seinem Schwert gegürtet, durch den Luftraum. Als sie diesen erblickte, winkte sie ihn 
heran, und der Vidyädhara stieg eiligst herab. Da steckte sie ihn in die Kiste, setzte 
sich, der Rückkehr des Dänava entgegensehend, auf die Kiste, zeigte sich diesem, als sie 
ihn herankommen sah, öffnete die Kiste, bevor er noch an dieselbe herankam, kroch 
hinein, legte sich auf den Vidyädhara und bedeckt sich [und ihn] mit ihrem Mantel. 
Der Dänava kam heran, untersuchte die Kiste nicht, dachte: „Es ist nur meine Frau [die 



1) Die gewöhnliche Strafe für Ehebrecherinnen. 

2) Der künftige Buddha. Ich gebe die Päli -Worte in ihrer Sanskritform wieder. 

3) Etwa 'Gespenstischer Räksasa'. Dänava und Räksasa bedeuten dasselbe. 

4) Dessen Hauptstadt Benares ist. 

5) Ich lese thapetvä statt fhatvn. 

t)) Eine Art halbgöttliche, mit Zaubergewalt ausgestattete Wesen, die häutig im 
indischen Märchen vorkommen. 



90 Hertel: 

drin stecktj'', verschlang die Kiste und machte sich nach seiner Höhle auf. Unterwegs 
aber dachte er: „Ich habe den Asketen lange nicht gesehen: so will ich denn gleich jetzt 
gehen und ihn begrüssen." Damit ging er zu ihm. 

Als der Asket ihn erst von weitem herankommen sah, erkannte er, dass er zwei 
Menschen in seinem Leibe trug, redete ihn an und sprach die erste Strophe:') 

1. „Ei, woher kommt denn ihr drei Leute? 
Willkommen I Lasst euch nieder auf diesem Sitz! 
Seid ihr auch gesund und wohl? 
Ihr habt mich lange nicht besucht!" 

Als dies der Dfinava gehört hatte, dachte er: „Ich bin doch ganz allein zu diesem 
Asketen gekommen. Er aber sagt: 'drei Leute". "Was meint er denn damit? Redet er, 
weil er die Wahrheit erkannt hat, oder ist er verrückt geworden und redet Unsinn?'' 
Damit trat er auf den Asketen zu, grüsste ihn, setzte sich in einiger Entfernung von ihm 
nieder und sagte, mit ihm redend, die zweite Strophe; 

■_'. Ich bin doch jetzt allein hierher gekommen. 
Und kein zweiter ist irgend bei mir. 
Worauf zielen deine Worte, Heiliger: 
'Ei, woher kommt denn ihr drei Leute"? 

Der Asket sagte: „Willst du es wirklich hören, Freund?" — „Freilich, Herr!" — 
„Nun, so höre!"' Als er dies gesagt hatte, sprach er die dritte Strophe: 

3. Du bist einer, und deine liebe Frau, 

Welche du in die Kiste steckst und darin einschliesst: 

Diese, welche du bewachst und welche sich stets in deinem Bauch befindet, 

Hat sich in demselben mit dem Sohne des Wind(gott^es ergötzt." 

Als dies der Dfmava gehört hatte, dachte er: „Die Vidyfidhara haben viele Zauber 
[oder: „Listen"] in ihrer Gewalt. Wenn er nun ein Schwert in der Hand haben sollte, 
könnte er mir den Bauch aufschneiden und sich davon machen." Bei diesem Gedanken 
zitterte er vor Furcht, spie schnell die Kiste aus und stellte sie vor sich. 

Hier wurde der Meister [Buddha] vollständig erleuchtet, und um den Vorgang klar 
zu machen, sagte er die vierte Strophe: 

4. Höchst bestürzt, erschreckt durch das Schwert, 
Spie da der Dfmava die Kiste aus. 

Da sah er seine Gattin, einen weissen [od. leuchtenden] Kranz tragend. 
Wie sie sich mit dem Sohne des Wind(gott)es darin ergötzt hatte. 

Kaum aber war die Kiste geöffnet, so murmelte der Vidyädhara einen Zauberspruch, 
nahm sein Schwert und stieg in den Luftraum empor. Als dies der Dfmava gesehen 
hatte, ward er dem grossen Wesen [Buddha] gnädig, pries ihn und sagte dann die übrigen 
Strophen: 

5. Du, der du die AVahrheit genau gesehen liast, weil du 

furchtbai-e Askese übst: 
Elend sind die Männer, die sich in die Gewalt der Frauen begeben haben. 
So erfreut sich diese, die ich wahrlich wie mein Leben gehütet habe, 
Mir schlimm gesinnt mit einem anderen. 

G. Tag und Nacht habe ich sie gepflegt. 
Wie ein im Walde lebender Büsser das Feuer. 
Trotzdem übertrat sie das Gesetz'-) und sündigte. 
Die Freundschaft mit Frauen ist töricht. 



1) Die eingerückten Zeilen sind im Pfili Strophen. 

2) Ich lese ukkainma statt okkamiim, was die Konstruktion verlangt: vgl. auch nkkumitC' 
des Kommentars. 



Kleine Mitteilungen. i^)l 

7. Da sie sich in meinem Leibe befand, glaubte ich, 
Die Schlimme, Unkeusche gehöre mir. 

Trotzdem übertrat sie das Gesetz und sündigte. 
Die Freundschaft mit Frauen ist töricht. 

8. Wie sollte man Vertrauen fassen [und denken]: „Ich habe [sie] 

wohl verwahrt."? 
Für die Frauen, deren Herzen flatterhaft sind, gibt es keine Hut. 
Denn sie gleichen dem Sturz in die Hölle. 
Wer ihnen sorglos [gegenüber steht], stürzt ins Verderben. 

9. Drum sind diejenigen glücklich und frei von Kummer, 
Welche leben, ohne der Frauen zu gedenken. 

Dies ist heilsam, trefflich, erstrebenswert: 

Mit Frauen soll man keine Freundschaft schliessen." 

Als er Drmava dies gesagt hatte, üel er dem grossen Wesen [Buddha] zu Füssen 
und pries es: „Herr, du hast mir das Leben geschenkt: beinahe hat mich diese Böse 
durch den Vidyädhara getötet." und der [Buddha] unterwies ihn im Gesetz, sagte: ,.Tue 
ihr nichts Böses, [sondern] nimm die Sittengebote an", und festigte ihn in den fünf Sitten- 
geboten. Der Drmava aber sagte: „Ich kann sie nicht hüten, obgleich ich sie im Leibe 
bewahre: welcher andere wird sie bewahren können?" Mit diesen Worten Hess er sie von 
sich und ging in den Wald. 

Trotz der beiden zum Campaka stimmenden Züge ist das Päli-Jätaka stark 
überarbeitet und im ganzen weniger ursprünglich, als die nichtbuddhistischen 
indischen und anderen Fassungen. Die Buddhisten erzählten vor allem, um ihre 
religiösen und moralischen .Anschauungen zu lehren und passten die volks- 
tümlichen Erzählungen, die sie in Indien vorfanden, diesen Zwecken 
an. Da der Verf. unseres südlichen Jfitaka die Untreue der Frauen schildern 
wollte, so waren ihm nur die Züge wesentlich, die er dazu brauchen konnte. 
Den Eingang änderte er nach Gutdünken, und vor allem musste der künftige 
Buddha natürlich mit seiner Lehre ins rechte Licht gesetzt werden. So ist, wie 
man das bezüglich der buddhistischen Erzählungen geradezu als Hegel aufstellen 
kann, das südbuddhistische Jfitaka im ganzen ebensowenig ursprünglich, wie das 
oben S. 8(5 nach ( 'havannes gegebene nordbuddhistische. Trotzdem haben natürlich 
die buddhistischen Erzählungen in Einzelheiten oft das Altertümliche bewahrt. 
Darüber aber muss man von Fall zu Fall entscheiden. 

In den hier und bei Cosquin v/ie in meinen Anmerkungen zu Hrmacandra 
besprochenen und übersetzten Erzählungen ist uns das Motiv der Lade in ver- 
schiedenen Verwendungen begegnet, meist mit Bezug auf die Gesclilechtsliebe. 
In einzelnen Erzählungen ist es mehrfach verwendet Die verschiedenen Fälle 
sind diese: 

1. Die Frucht einer, meist illegitimen oder unerwünschten, Verbindung wird 
in einer Lade auf dem Wasser ausgesetzt, entweder um sie zu be- 
seitigen, oder um sie zu retten. 

2. Das vom Orakel als künftige Mutter bezeichnete Mädchen wird — teil- 
weise im Kindesalter — in einer Kiste ausgesetzt oder in einer solchen 
einem Dämonen übergeben, um die Ehe zu verhindern. Der Hüter 
bewahrt die Kiste in seinem Uachen und hütet sie. nach einigen Quellen 
im Wasser. 

3. Ein Dämon sucht sich vergeblich die Treue seiner Frau zu sichern, 
indem er diese in eine Kiste legt, welche er dann verschlingt. 

4. Ein Verführer bewirkt es, dass ein Mädchen in einer Kiste auf dem 
Wasser ausgesetzt wird, um es in seine Gewalt zu bekommen. 



<)•_> Hertel, Rona-Sklarek: 

.'). Der Liebhaber gelangt zur Geliebten in einer schwimmenden Kiste oder 
in einem an ihre Stelle getretenen hohlen Tierleichnam. (Letzteres 
Motiv kommt auch selbständig vor in einer Erzählung, die mit Liebe 
nichts zu tun hat. An Stelle des Tierleichnams eine Trommel (Tan- 
träkhyäyika) u. a.). 

(i. Die Liebenden werden in der Kiste vereinigt. 

7. Mutter und Kind werden in der Kiste vereinigt. 

■S. Eltern und Kind werden in der Kiste oder in dem hohlen Tierleichnam 
vereinigt. — [Nachtrag unten S. 1"28.] 

Döbeln. Johannes Hertel. 



Ungarische Märchen.^) 

5. Wie lange hält das Witwengelöbnis?-) 

"Guten Abend und gute L'nterhaltung.' — y,Schönen Dank. Nehmt auch dran 
teil! Setzt Euch her zu uns! Nun wie gehts?" 'Dank schön, es geht so. 
Herrjeh, jetzt sehe ich erst, dass Ihr auch hier seid, Schwager Janos'. „Ja, ich 
bin hier." — 'Wann seid Ihr gekommen?' — „Diesen Nachmittag. Die Frau hat 
schon die ganze Woche getrieben, so bin ich gekommen. Ich habe eine kleine 
Sache vor.'' — 'Und wie gehts Euch?' — „Danke, Gott sei Dank bin ich gesund.'' 

— 'Und Eure Frau und die Kinder?' — „Denen gehts auch leidlich." — 'Und 
der Schwager Josef?' — „Wisst Ihr das denn nicht? Es ist schon ein Jahr, dass 
der Arme tot ist, gerade zur Nussernte. Die Juli (die hinterbliebene Witwe) 
hat jetzt den Hufschmied Lazi geheiratet." — 'Ach je, also der arme Schwager 
ist gestorben! Der arme Schwager! Und die Juli hat also geheiratet?' — „Ja-" 

— 'Das hätte ich nicht gedacht. Hätte sie es denn nicht besser so gehabt [als 
Witwe]?' — „Das muss sie wissen." — 'Na, ich möchte um alles in der Welt 
nicht nochmal heiraten.' — „Nein, nein." — 'Nun ganz gewiss nicht. Soll ich 
noch einmal den Nacken unter das Joch beugen? Das gibts nicht. Einmal ist 
genug.' — „Na na, kennt Ihr die alte Geschichte von der Frau? Na, ich werde 
sie Euch erzählen: 

So ists gewesen: es waren mal zwei brave Gevattern. Deren Frauen schwuren 
ihren Männern bei Himmel und Erde, dass sie niemals wieder heiraten würden, 
wenn sie als Witwe zurückbleiben sollten. Sie würden ihrem angetrauten Manne 
treu bleiben. Unter sich besprachen es die Frauen auch noch, dass sie nicht 

1) Vgl. oben i:J, 70-75. 17, 109-112. 

2) Übersetzt aus Magyar Nyelvör 33, 58 (11)04): Meddig tartyäk a zözvegji foga- 
d'iianat? Volksparabel ans Kemenesalja. Aufgezeichnet von Lajos Sztrokay. — [Üass ein 
Ehemann sich tot stellt, um die Treue seiner Frau zu erproben, ist ein altes 
Schwankmotiv (vgl. oben 13, 404 ^). In Paulis Schimpf und Ernst nr. 144 isst und trinkt 
die Frau sich zunächst satt und klagt dann erst den Nachbarn ihr Leid. Ebenso in einem 
Meisterliede des Hans Sachs von 1537 (Fabeln u. Schwanke 3, 187 nr. 8.3) und in seinem 
Fastuachtspiel von 1554 'Der dot mau". In einem Singspiel der englischen Komödianten 
aber, Roland genannt, das bereits 1596 angeführt wird (Bolte, Die Singspiele der englischen 
Komödianten 1893 S. 8), und in ihrer Posse 'von der schönen Maria und alten Hanrey' 
(Englische Comedien 1(120 Bl. Ss4b), die von Ayrer und von A. v. Arnim bearbeitet ward, 
lässt sich die junge Witwe alsbald von ihrem Liebhaber bereden, ihm zu folgen, worauf 
der Totgeglaubte zornig aufspringt. Auch in Molieres Malade imagiuaire (1073) und in 
Steeles Funeral (1702) wird das Motiv verwertet. ~ J. Bolte.] 



Kleine ^litteilungeii. <);{ 

wieder heiraten würden, denn sie wollten das Joch dann nicht noch einmal auf 
den Nacken nehmen. Die eine Frau brauchte es auch nicht auszuprobieren, denn 
sie starb. Doch die beiden Gevatter blieben einander gut. Einstmals kam dem 
verwitweten Gevatter ein Gedanke. Es 'ging ihm im Kopf herum, dass er heiraten 
wollte. Er wollte des Nachbarn Frau freien, deren Mann gestorben war. Er er- 
zählte das seinem Gevatter, der darüber nur den Kopf schüttelte. Er sagte: 'Also 
Ihr wollt eine Witwe freien?' — „Warum nicht?" — 'Habt Ihr schon mit ihr 
gesprochen?' — .„Natürlich." — 'Was hat sie gesagt?' — ..Allerdings habe ich 
noch nicht um sie angehalten. Ich habe nur so drauf angespielt. Sie hat nicht 
gesagt, sie wolle nicht." — 'Na, meine Frau würde das nicht tun und noch einmal 
heiraten.' — .,Na und ob sie das nicht täte! Wisst Ihr nicht, dass man der Frau 
nicht trauen soll, solange sie noch für einen Kreuzer Safran tragen kann?" — 
"Na, meine ist nicht so. Die bleibt ihrem angetrauten Mann treu bis in den 
Tod.' — .,Ich zweifle dran." — 'Ihr glaubt es nicht? Wetten wir!" — 

Sie wetteten. Aber wie wollten sie es herausbekommen? Und da besprachen 
sie sich, dass der verheiratete Gevatter abends nach dem Nachtmahl so tun sollte, 
als ob ihm schlecht wäre. Er sollte sich zu Bett legen, immer stärker stöhnen, 
als ob er sterben müsste, im Sterben läge und ganz von sich sein. Den Namen 
des verwitweten Gevatters sollte er auch erwähnen. Und dann würde die Frau 
schon den verwitweten Gevatter rufen lassen. Das Weitere w'ürde dann Sache 
des verwitweten Gevatters sein. Nun sut. Abends, nach dem Nachtmahl, wurde 
dem Mann immer schlechter. Er klapperte nur so mit den Zähnen: 'Du, Frau! 
Mir ist sehr sehr schlecht. Ich werde mich hinlegen.' — „Lieber Täter, was 
fehlt Euch?" Damit lief sie das Bett aufzumachen. Der Mann legte sich. Die 
Frau wachte neben ihm. Dem Mann gings immer schlechter. Er sagte: 'Ach, 
liebe Muttter. mir ist so schlecht, ich muss vielleicht sterben." Die Frau weinte: 
..Ach, lieber Vater, sprecht nicht so etwas!" — 'Liebe Mutter, wo nichts zu helfen 
ist, ist nichts zu helfen. Ich sage nur eins: wenn ich sterbe, so heirate! Siehst 
du, es ist nicht gut für eine Frau, allein zu leben. Die Frau ist nur eine Frau. 
Na, und die Welt hat eine Zunge.' Die Frau weinte noch mehr und verschwor 
sich, dass sie nicht heiraten würde. Solch einen herrlichen schönen Mann gäbe 
es gar nicht, dass sie noch einmal heiraten möchte. — Der Mann ächzte wieder 
und wieder stärker, und begann zu schlucken und zu schnappen, wie wenn er im 
Sterben läge. Dazwischen nannte er öfters den Namen des Gevatters. Die Frau 
hiess geschwind zum Gevatter laufen. Und sie hub solch Weinen an. dass es nur 
so schallte. Sie warf sich über ihren Mann und sagte: _Veriass mich nicht. 
verlass mich nicht! Sonst sterbe ich auch.'" Kam der Gevatter herein. Da 
weinte die Frau erst recht los: .,Ach, Herr Gevatter, mein Mann stirbt!" Geht 
der Gevatter hin zum Bett, patscht dem Mann tüchtig ins Gesicht, damit er es 
weiter so gut mache, dann sagt er: 'Beruhigt Euch, Frau Gevatterin! Das iiiuss 
nun so geschehen; da lässt sich nichts dran ändern.' Doch die Frau heulte nur 
desto lauter. Der Mann bewegte sich ein, zweimal im Bett, dann wars aus. So 
tat er. Die Frau warf sich auf ihn, und weinte, was jetzt nun aus ihr werden 
sollte. Der Gevatter setzte sich auf das Kanape'), von dort redete er ihr zu: 
'Frau Gevatterin, weint Euch nicht tot! Seht, gerade jetzt tut es not, dass Ihr 
nicht den Kopf veriiert. Wirklich, ich betraure ihn auch. Immer ist er ein treuer 
Gevatter gewesen. Doch schaut, wenn Ihr Euch jetzt so Euerm Kummer hingebt, 
was wird dann mit Euch werden? Wenn Ihr das tut, was wird dann aus Euch? 



1) Mittels des Meisseis ausgesclnnückte Wandbank. 



<)_j. Ilona -Sklarek, Beck: 

Sollt, damit helft Ihr ihm nicht; in Euerm grossen Schmerz müsst Ihr nicht ver- 
ijessen, wie es dann werden soll.' Die Frau begann sich zu beruhigen. 'Setzt 
Euch nur her, Gevatterin! Dann wollen wir besprechen, was wird, wie es wird. 
Denn jetzt rauss auch was getan werden.' Die Frau setzt sich. Sie schluchzt 
und trocknet die Augen mit ihrer Schürze. 'Seht, Gevatterin! Was ist, das ist. 
Ihr seid stark, gesund, auch noch jung und schön und gut. Seht, so eine Frau muss 
sich nicht grämen. Der liebe Gott wird helfen. Sicherlich. Fürchtet Euch nicht!' 
Die Frau begann zuzuhören. Doch der Gevatter sprach weiter: 'Mir ists ja 
ebenso gegangen. Seht, mir ist auch meine Frau weggestorben. Ich habe auch 
getrauert. Aber ich habe gesehen, dass alles auf eins rauskomrat. Ich habe mich 
darein gefügt.' — Die Frau schluckte nur noch ab und an. 'Und seht Ihr, das 
steht schon in der Bibel: gleich soll sich zu gleich gesellen, der Tote sei des 
Toten Freund. Wenn Ihr selbst doch lebt und der Gevatter Euch hier verlassen 
hat, warum solltet Ihr Euch da nicht einen Lebenden wählen? Es gibt so viele 
schöne wackere Männer.' — „Ich heirate nicht.'- — 'Aber seht nur, jetzt sagt 
Ihr so. Und so ist nun der Mensch. Er kann nicht plötzlich das Gewesene ver- 
gessen. Aber seht, was gewesen ist, das ist gewesen. Das wird jetzt nicht wieder. 
Ich habe auch gesagt, ich würde niemals wieder heiraten, als ich unsere arme 
Mutter begraben hatte. Aber jetzt denke ich anders darüber. Ich würde sicher 
heiraten, bekäme ich solch eine schöne, bravo, gute Frau wie die Gevatterin.' 
Das Herz der Frau freute sich wirklich über diese Worte. 'Seht Ihr, Gevatterin? 
Gott hat es so gewollt. Denn jetzt darf ich es ja sagen, dass ich immer die 
Gevatterin geliebt habe. Doch das Schicksal hatte es anders bestimmt, bisher 
konnten wir einander nicht angehören. Jetzt steht es nur bei der Gevatterin, dass 
wir einander angehören können. Wollt Ihr?' — „Kh weiss nicht." — 'Wahr- 
haftig, ich kann es nicht auf dem Herzen behalten. Ich liebe die Gevatterin zwar 
sehr und habe sie auch immer geliebt; aber ich muss doch etwas sagen, wenn 
sie mich darum auch verschmähen wird. Ich habe ein kleines Gebrechen." Die 
Gevatterin zwinkerte unter der Schürze dem Gevatter zu. 'Ich sage es Euch, denn 

ich will nicht die Katze im Sack verhandeln' [Die Frau erwidert drauf. 

das mache nichts; sie sei von ihrem Manne noch Schlimmeres gewöhnt gewesen. 
Diese Lüge ist dem sich tot stellenden Manne zu viel. Es springt aus dem Hott, 
und] die E>au bekam was zu hören. — Seht Ihr, Schwägerin, so stehts mit dem 
Versprechen der Frau, nicht noch einmal zu heiraten.'" 

6. Die auf dem Schulwege gefundene Geldtasche^). 

Csicsa ging sehr bekümmert [zur Schule]. Da, Herr du mein Gott, wie er so 
ging, dahinschlenderte, fand er auf der Strasse ein Portemonnaie. Er schaut es an: 
'Ei der Tausend, es ist voll! Siehst du, Frau! Und dann kanzelst du mich noch 
ab?' Er steckte es in seinen Ranzen und schlenderte weiter. 



1) Als Parallele zu deu oben 18, 157 '■• angeführten Geschichten von der alten Frau, 
die wieder zur Schule geht und unterwegs (üeld Jindet, teile ich einen von den Narren- 
streichen des Csacsi Csicsa (Esel-Stephan) ans dem Magyar Xepköltesi Gyüjteineny 8, llö 
mit. — Eine andre Yariante bildet den Eingang zum Märchen von der dummen Frau 
Czene (Magyar Ni'pk. Gyüjtemeny i>, nr. TG), die ihr Mann schliesslich aus Verzweiflung 
in die Schule schickt. Sie findet eines Tages den Goldbeutel, und als der Besitzer nicht 
lange darauf fragt, ob sie einen Geldbeutel gefunden habe, erwidert sie: Ja, als ich zur 
Schule ging. Alte Närrin, sagt der Herr, vor so langer Zeit hab ich ihn nicht verloren. — 
[Entfernter verwandt ist das Motiv des rasch wachsenden Getreides iu den Legenden 
von der Flucht der heil. Familie (Dähnhardt, Natursagen '2, Gl f.), wo die Verfolger vom Bauern 
hören, ein Weib mit einem Kinde sei vorüborgekommen, als er dies Getreide gesät habe.] 



Kleine Mitteilungen. 95 

Eine Woche drauf ging er wieder zur Schule. Ein Mann kam ihm entgegen, 
ganz ausser Atem. Er rief Csicsa an: „Guten Tag, Herr Vetter! Habt Ihr nicht 
ein Portemonnaie gefunden?" Csicsa sann nach: 'Ei, ei, ich habe ja auch ver- 
gessen, es zu Hause der Frau zu sagen.' Dann sagte er laut: 'Ja doch, ich habs 
gefunden, Herr Bruder," ich habs gefunden.' — „Wo habt Ihrs gefunden?" — 
'Hier, auf der Strasse habe ichs gefunden, da.' — „Wann habt Ihrs gefunden?'" — 
'Ich wills nur offen gestehen, Bruder, ich habe es gefunden, als ich das erstemal 
zur Schule gegangen bin.' — „Treibt Eure Possen mit Eurem Grossvater, aber 
nicht mit mir!" Und damit liess er Csicsa stehen. Doch dessen armer Kopf 
stiess sich jetzt an dem Portemonnaie. Ach, hin und her sollte er dieses nieder- 
trächtige Portemonnaie schleppen! Er ging heim, zeigte es seiner Frau. „Csicsa, 
Csicsa, das ist nicht ehrlich erworben. Ich werde es noch erleben, dass sie dir 
die Haut abziehen, Csicsa." — 'Schilt nicht so, liebe Frau! Ich wollte es ja 
zurückgeben; aber der es suchte, hielt mich für närrisch, brüllte mich an und 
liess mich stehen.' 

Berlin. Elisabet Rona-Sklarek. 



Volksgericht im Moiitavou. 

Die Montavoner, ein winziger Rest der alten Romanen und noch in der ersten 
Hälfte des vorigen Jahrhunderts romanisch sprechend, waren früher sehr exklusiv. 
Sobald sich ein Fremder in ihrem Tale einnistete, der einem Mädchen den Hof 
machte oder dasselbe zur Frau nehmen wollte, banden sie ihn rücklings auf einen 
kleinen Karren und führton ihn in die Alfenz, einem am Eingange des Montafun durch 
(las Klostertal fliessenden und bei Bludenz in die III einmündenden Bergstrom, so 
dass ihn nur noch eben das Wasser bespülte. Schwoll über Nacht die Alfenz 
an, so ertrank der Unglückliche, und kam in zwei Tagen niemand de^ Weges 
gegangen, so starb er Hungers. Bald, nachdem Vorarlberg, vordeni österreichisch, 
im Jahre 1805 bayerisch geworden war, wurde bei dem königlichen Appellations- 
gerichte Menimingen, dem Vorarlberg mit Montavon nunmehr zugeteilt war, ein 
Prozess wegen eines auf diese Weise vollbrachten Mordes angängig gemacht. Die 
i>eklagten verteidigten sich, dies Verfahren bestehe so lange als die Berge im 
Montafun, als eine nie beeinträchtigte Sitte; Gott habe das Urteil über den seinem 
Verhängnis Verfallenen gefällt, indem er die Alfenz anschwellen liess oder ver- 
hinderte, dass jemand des AVeges kam und den Festgebundenen rettete. Der be- 
kannte originelle bayerische 'Bergkommissar für Schwaben und Vorarlberg', Friedrich 
Frhr. v. Lupin auf Illerfeld, ging in Montafun, wie er in seiner Selbstbiographie 
(3. Teil, Weimar 1S44) erzählt, in der Zeit von ISOä— 1814 nie allein in die 
Berge und sprach mit keiner Maid; und doch, fährt er fort, „als ich aus dem 
Tale zurückgekehrt, bei Bludenz über die Alfenz fuhr, stürzte ich mit Ross und 
Wagen in den tief unter mir schäumenden Bergfluss hinunter. Es war ein wahres 
Wunder, dass ich mit dem Leben davonkam. Bei der Untersuchung zeigte es 
sich, dass die Ensbäume der Brücke abgesägt worden waren, und dass der erste, 
der darüber fuhr, und der war ich, mit der Brücke in den Strom hinabstürzen 
musste. W^ahrscheinlich hatte ich den Burschen des Tales allzulange in den 
Bergen verweilt. Sie dachten bestenfalls, geschah das keiner Maid /u lieb, so 
wird ihn unser Herrgott nicht verlassen und wird er sich mit Schwimmen schon 
zu helfen wissen, und das geschah auch wirklich." Wir bx'auchen wohl kaum zu 
erwähnen, dass dieser Brauch exemplarischer Volksjustiz längst aufgehört hat. 

Ravensburg. Paul Beck. 



Webinfjer: 



Tracht und Speise in oberösterreichisclien Yolksliederu. 

I. Spottlied auf die putzsüchtigen Mädchen'). 

(Aus der Gemeinde Mettmach im Innviertel, von dem Bauernknecljt Josef Piiewasser durch 
Vermittlung- des Herrn Lehrers Heinz Pföss erhalten.) 









1. Da habns' allweil düs Gschmätz 
Vo dö Buam eauii Tracht: 

Wia 's ;i dö Mensohä treibn, 
Da wiad nix gsagt. 

2. A seidas Kopftiachl 
Dös is amal oaus, 

Um ä fünf Banganotn, 
Vo dö schwarän nu koans. 

0. Afn Kopf tragns' hiatzt Kämpön: 
Für was häud dö guat? 
Daß s'ean d' Leis jucka kinnan, 
Wann s' d;i Kopf beißn tuat! 

i. A dö Oan tragns' hiatzt Ringln, 
Für was händ dö truat? 



Daß hiatzt koanö mea blind wern tuat, 
Dös muaß ma glaubnl 

5. Uraän Hals tragns" hiatzt Köttna 
Mit ;i ötla zwoanzg Gang; 
Und wia schenä daß s'gmacht band, 
Wia wiamii (sagns') hands.' 

<). A seidiis Halstüachl, 
Knipftö Fransn muaß 'shabn, 
Um ;i drei a via Guldn, 
Laßt si dennät nix sagn. 

7. Kim i außä äf d' Brust, 
Gibt 's m.i widarjjn Lust, 
Händs" vähängt ibä's Kreiz 
Mit Gold und Silbä sfhneeweiß. 



1) Zur Sclireibung der Mundart sind nur folgende phonetische Zeichen verwendet: 
ä = helles, offnes a; a - Laut zwischen ä und o; ä vor Nasal = nasaliertes ä: a vor 
Nasal - nasaliertes a; a in Diphthongen (ia, ua, oa, ea) = Ji nachschlagend: J = seh. 

1,1 Gschmätz = Gerede (Schmeller, Bayr. Wtb. ^ ■_>, 5G0). 

1*. 1 Das Kopftiachl ist im Innviertel nicht (wie bei Schmeller 1, 583) von Meissem 
Linnen, sondern von schwarzer Seide. Vgl. Kretschmer, Volkstrachten- S. 70— 71 über 
Form und Technik des Kopftuches. 

■_\3 Bängänotn = Banknoten. 

2,4 schwa ^ schwer, im Sinne von teuer: vgl. die Redensart: Dös is ä Schwärä 
= der hat Geld, Vermögen. Oben ist es im Komparativ gebraucht (Schmeller 2, 644). 

;>, 1 Kämpön - Kämme. 

o, 3 juckä = kratzen, im defensiven Sinne. 

4.1 Während in der Gesellschaft etwa seit Mitte des 11). Jahrhunderts die Ohr- 
ringe seltener geworden sind, trägt man sie auf dem Lande noch ganz allgemein. 

4,3 Ohrringe tragen ^NFänner und Frauen zum Schutz gegen Augenkrankheiten: 
vgl. Höfler, Volksmedizin und Aberglaube S. 214 und V. Fossel, Volksmedizin u. medizin. 
Aberglaube in Steiermark"^ S. '.)4. Hier aber wird dieser Glaube verspottet. 

5.2 Gang = Gänge; also ein Halssclimuck von 20 parallelen Ketten. 
0,4 wiamä = wärmer. 

<i, 2 Knipftö Fransn = geknüpfte Fransen. 
7, 2 = habe ich wieder neue Freude. 

7.3 Der eigentliche 'Schmuck', Ketten und Medaillons aus Gold oder Silber, wie er 
in jedem Bauernhause für die Bäurin oder Tocliter bereit liegt, hängt in reicher Fülle 
über die Brust herab. Vgl. Nr. 2, 8 und v. Kobells Verse (Gundlacli, Tausend Schnada- 
hüpfln nr. oG8): Am Diendl sein Mieda san Kettna gnua dro, daß s' die Buabna,' die 's mag, 
a Weil ohänga ko. 



Kleine Mitteiluuseii. 



97 



8. Da tragns' hiatzt Aschkittlu 
Und ii so händs' äfgwixt, 

Wanns d'ös auszogni sägst, 
Bua, da bleibät da nix. 

9. D' Strimpf band meliat, 
üäß d' nix schenas not siagst, 
D' Bändl miassn rot sein: 

Ei was fallt eau not eini 



1(». D' Schuach dö Land gring, 
Hand von Feinlödä dinn, 
Koa Xagl deaf not drinnät stehn, 
Sunst kinnäns" not gmoali gehn. 

11. Dö Dänz habn mit gsunga, 
Habn si singä laßu, 
Wearji Biarjin Kruag hat, 
Soll mi tringä laßn. 



2. Von der Tracht der Burschen, Mädchen und Stadtfräulein. 



(Aus gleicher Quelle wie Xr. 1.) 

1. Mia häad lusti Kamäradn: 
Kann 's denn was schenas göbn 
As neichö Dänz singäJ 
Bringt ä vü. merä Löhn. 



4. Hint und voan vonand kämpöt 
Dös is east kurios; 
Hintä dö Oan habns' ä Schöpfäl 
Wia dö laufätn Eoß. 



2. Bei dö Buaniä_äfu Land 
Da mach niä hiatzt an Anfang, 

' 's muaß an Anhaltspunkt göbu, 
Daß mä d" Hochfoat auslögn. 

3. Wia s" eau Kopf hiatzt hearichtn, 
Da miatzt di z' tot lachä: 

Hand dö Hoa vonand gstrichä, 
Wia wanns ä Rähmstrudl wä. 



5. Heavoan weit ausänandä 
Hahns' an Giseläschnid: 

Dea liegt hinum und hearum 
Wiarji ghacktö ßua Wid. 

6. Vo dö gehn mä wögä 
Und äf d' Weibäleit gschwind, 
Hiatzt nehmt's eng bei da Nasn, 
Da engä Falschheit äfkimmt. 



8,1 Asch kittin: vgl. Nr. 2, lö. 

S, 2 äfgwixt = zusammengeputzt. 

9, 1 meliat = meliert. 

10,1 gring = leicht an Gewicht und zierlich zugleich. 
10,4 gmoali = fein, zierlich; eig. 



Innviertel 



erlich; eig. gemächlich tSchmeller 1, 1581); im 
bringt man das Wort mit 'gemalt' zusammen. 

11,1 Dänz = Tänze, Tanzweisen. Diese Gstanzcl werden ja eben beim Tanze ge- 
sungen, wobei einer vorsingt und die anderen dann einfallen. 

1.3 As = als: neichö = neue. 

1.4 vü = viel. 

2,2 äu = den: dagegen 2,3 an = einen. 

3.2 miatzt = müsstest du. 

3,4 Rähmstrudl = eine auch auf dem Lande oft gegessene Mehlspeise. 

4.1 kämpöt = gekämmt. 

4.3 Schöpfäl = HaarbüscheL Schopf hat einen verächtlichen Sinn; in einem 
Schuaderhüpfel heisst es von drei Mädchen: „Dö oanö is gschopfät, Dö audä is kropfät, 
Dö dritt' hat koanö Zend, Hand not weat, daß mä s'nennt." Vgl. Schmeller 2, 440: gschöpafte 
= frisierte Stadtdame. 

5.2 Die sog. Gisela-Locken oder Gisela-Fransen kamen vor etwa 20 Jahren bei 
den Frauen in dieser Gegend auf: ein Teil der vorderen Haare wurde über die Stime 
herabgelegt und etwa auf halber Stirnhöhe in gerader Linie abgeschnitten [Pony -Tolle, 
Simpelfransen]. Die entsprechende Frisur der Männer nistete sich erst später ein. Wenn 
sie das Stirnhaar auf einer Seite hakenförmig legten, so nannte man diese Frisur einen 
'Sechser". In unserem Falle handelt es sich offenbar um die nach Art der Gisela-Locken 
in die Stirne hängenden Haare, die sich in der Mitte getrennt, in einen linken und rechten 
Sechser teilen. 

5.4 Bua, auch Buad = Bürde; also wie ein Haufen gehackten, dürren Astwerkes. 



Vereins t. Volkskunde. 1909. 



98 



Webiiiiier: 



7. Eaiiii Falschheit, eaiul Luxuß 
Is ja uiinniH zon beschreibu, 

Wia dö Menschä äfii Land 
Mit ean;in Gwaiid daheasteig-n. 

8. Eeauä falschö üoldköttii 
Henkt ean abä ibä d" Brust. 
Wia ma siuist dö altii Itittä 
Hat scheu einglökt in d" Grillt. 

ü. Af da Seitn habns" :'i Taschl, 
Dös is schon so nett gricht, 
Daß m;i grad dö halb Seitn 
Vo da Sackiia däblickt. 

10. Sagt halt oanö zo d;i andan, 
Wann d;i Woatwechsl geht: 

'Du, da Goldschmuck wii nu schenä. 
Wann na i ä dös gleich' hält.' 

11. Dö Kittin händ mit Spitzn 
Und mit Bändl ausgnäht, 

Daß oft oanö wiarji Autn 
Mit sein Gstöll däheadraht. 



1-2. Abä weitii eini guckä, Buam, 
Dös rat i enk ktim: 
( )s hat oftmals goa oanö 
Ja vo"n Küastall ä Bräm. . 

i;>. Hiatzt laß mä gehn dö Menschä. 
Afn Land da an Rua, 
Und reibn mä uns gehn dö herrischn 
Stadtfreilnä zua. 

14. Dö oanö tragt ä Hüatl, 
Dö andär ä Haubn, 
Äf da Seitn ä kraustr. Födän. 
Tuat frei wächln und staubn. 

l.ö. Äfn Asch habns" äu Bauschu, 
Hoaßt mä "s Kidöbari, 
Und äu Busn habns" ausgsclioijpt 
Und vähänkt hin und hin. 

!(■>. Dö Dänz habn mä graingä 
Habn koan Woat ibäspannt. 
Weil dö Weibäleit dö falschn 
Solchö Hauptvoatcil habnd. 



7,1 Luxus, ein im Dialekt des Innvicrtels ganz gebräuchliches Fremdwort. 
7,4 däheasteigü hat immer einen missliilligenden Sinn. 'Dea steigt dähea" heisst: 
der gibts nobel, und hat keinen Anlass dazu. 

8,1 Die Goldkette ist der Schmuck, dem wir schon in Nr. 1, 7 begegneten. 

8. 3 Der Sänger denkt wohl an ein altes Grabrelief, das einen Edelmann im Schmuck 
der Halskette (A. Schultz, Das höfische Leben* 1, ;J09) darstellt. 

9.4 Sackua = Sarkuhr: jedes Bauernmädchen hält viel auf eine anständige Uhr. 
10,3 Diese Äusserung des Neides macht die Schilderung lebendiger. 

11.3 Äntn = Ente, hier wie oft zum Zeichen eines wackelnden Ganges verwendet. 

11.4 Gstöll = Gestell, Körpergestalt; liöhnisch, z.B. 'Nä, dös is ä Gstöll!' 

11,4 sein, nach dem voraufgelienden Femininum oanö, beruht auf einer sehr üblichen 
Inkonsequenz. 

12.2 enk - euch (alte Dualform). 

12.4 Br:im = schmutziger Saum. Vgl. Grimm, Wtb. 2, 292: Lexer, Kärntn. Wtb. 38; 
bei Schmeller 2, 88 steht in gleicher Bedeutung Räm. — Erwähnt sei bei dieser Gelegenheit, 
dass die vom Fürtleck (Schürze) bedeckte Stelle des Weiberkittels, die schadhaft oder aus 
andern! Stoffe sein kann, ohne dass mans merkt, der -Leichtguat' (was leicht genügend 
erscheint) genannt wird. 'Außn hui, innen pfui' sagt ein Sprichwort der lunviertler. 

13,1 gehn, ganz als Partikel gebraucht, wie in der Redensart: 'Gehraä gehn" = gehen 
wir nuni 

13. 3 herrisch, im (iegensatz zu Mensch (Landmädchen) und zugleich verächtlich. 
Im Innviertel ist der Herrische ungern gesehen, zumal wenn er fremd ist und dazu 
vielleicht arrogant. 'Dös is ä Herrischä' heisst es vom bauernfeindlichen Stadtmeuschen. 
Es gibt auch herrische Bauern, die öfter mit Städtern in Berührung kommen und daher 
auch flotter und sicherer auftreten, aber von den Konservativen scheel angesehen werden. 

14,3 kraustö, wächln vgl. Schmeller 1, 1381. 2, 833. 

l.'>, 2 Kidöbari := cul de Paris, tournure, in Nr. 1, 8 gut deutsch gegeben, vor 
25 Jahren bei den Dorfhonoratioreu Mode. Nachdem der Reifrock im letzten Viertel des 
18. Jahrhunderts verschwunden war, begann um 1810 in Frankreich die Sitte, wie zum 
Ersatz dafür eingelegte Wülste und auf der Brust ein Brusttuch zu tragen (Krctschmer, 



Kleine iMitteiliingeii. 99 

3. Von der Kost der Bauern und der Herren. 

(Ans Taiskirchen im Inaviertel. 

1. In (1:1 Frua ä seiä Suppn o. Mia habn nix as Wassasiippn, 

Habn mä allö liabn Tag, Blewal-Suppn, ger8täs Brot, 

Drin ;i ötlä ger.sta Brockä: Miassn Gott nu lierzli dankä 

Is a Wundii, d;i ma's mag. Und i denk, mia habn koa Not. 

■1. D' Herrnleit dö habn Kaffee, 4. Dö habn Antl, Gänsl, Taubn, 

Schokälädö und an Thee. Guglhupf und Zugästraubn, 

Eiäkipfln tiinkans' ein: Weinbea und Ziböbn: 

Ei, das miaJit ä Giatat sein. Himnilseits, dös \ikrj. Löbn. 

4. Abzählreim. 

(Aus Taiskirchen: auch in Südbölimen bekannt.) 

Drei lieita am Beag, Da Brantwcin is sauä .5 

Dös Bia is was weat, Den trinkt d;'i Hea Baua : 

Dös Bia is so bitta. Da ]Möti is siali, 

Dös trinkt da Hea Richtä; Den trinkt d;i Hea Fiast. 

Wenngleich die voranstehenden Lieder aus dem Innviertel dem Verständnis 
keine besondere Schwierigkeit bieten, seien mir doch ein paar Bemerkungen ver- 
stattet. Von den beiden derben Spottliedern auf die Tracht, die nach derselben 
Schnaderhüpfelweise gesungen werden, ist Nr. 1 das konzentrierter und sorgfältiger 

Tracht. 'n der Völker'' S. o\± Weiss, Kostiimkundc :), 2, 12G0). Die literarische Bc- 
kämptiüig- der Reifröcke, Schnürleiber, culs, bouffanten und der hohen Hüte (Weiss :'», 
i', 12y2) hatte keinen Erfolg. Den Cnl de Paris in der Dachauertracht veranschaulicht 
Kretschmer, Volkstrachten Gl. 

1.1 seiä oder saurö Suppn. ist ein tägliches Gericht besonders bei Kleinbauern 
und Häuslern: sie besteht aus saurer .Milch, Mehl, Wasser und Essig. 

1.0 geristä Brockä = Stücke gerstencn Brotes, das nicht sehr geschätzt wird: 
mehr üilt Roggenbrot, am meisten natürlich Weizengebäck. 

2,3 Eierkipfl aus Germteig im Gegensatz zu Semmelkipfcln aus gewöhnlichem 
Semmelteig sind ein besonders rares Gebäck für den Bauern. 

2, 4 = Das müsste etwas gar Angenehmes sein (Schmeller 1, IX).")); vgl. i, 4. 

."), 1 Wassäsuppn = Wasser mit heissem Schmalz Übergossen, ein Armengericht. 

3.2 Blewäl Suppn: nach iiirer bläulichen Farbe benannt, besteht aus ein bisscheu 
Rahm, etwas Salz und siedend darüber gegossenem Wasser, dazu gelegentlich Kümmel, 
wird Krauken und besonders Wöchnerinnen verabreicht. 

4. 1 Die Verkleinerungsformen von Ente und Gans verraten behaglichen Spott. 

4.2 Guglhupf, vgl. Schmeller 1, S,S(): Zugästraubn, gleichfalls eine Mehlspeise 
(Schmeller 2, 803). 

4.3 Die grossen, braunen Rosinen heissen Zibeben, die kleinen, helleren Rosinen 
(Schmeller 2, li)7.'>). — Vielleicht sind Str. 3 und 4 miteinander zu vertauschen. 

Nr. 4,3 Bitter ist das geschätzte alte Bier: das junge, meist süsse Bier verursacht 
Blähungen. — 5 Zwetschgen- und Kornschnaps ist in jedem Bauernhause anzutreffen; 
doch steht das Innviertel weit hinter Obersteiermark zurück hinsichtlich der Zahl der 
Häuser, die Erlaubnis zum Schnapsbreunen haben. Gar nicht erwähnt wird hier das Haupt- 
getränk, der Most. — 7 Met trinkt der Innviertler nur am österlichen Beichttag nach- 
mittags im Gasthausc oder daheim. Der Fürst aber, denkt man, kann sich das elfter 
leisten. — Auf einem Stadl in Taiskirchen steht die sinnvolle Inschrift: Trinkst du 
Wasser, wirst gesund, [Trinkst du Bier, so wirst du rund, | Trinkst du Wein, so wirst du 
froh, I Trinkst du Schnaps, stirbst auf dem Stroh. 



100 WebiDi^er, Heuft: 

aufgebaute. Nach einem gewandten Seitenblick auf die Bauernjungen nimmt der 
Spottvogel alsbald die Mädchen aufs Korn und Jässt ein solches vom Kopfschmuck 
bis auf die Fussbekleidung Revue passieren. In Nr. 2 unterliegen zuerst die 
Burschen einer Kritik, die sich aber nur gegen ihre Haartracht richtet, dann geht's 
über die 'Falschheit' der Dirnen her und endlich über die geputzten Stadtfräulein, 
die wohl dann am meisten den Arger der Dörfler erregen, wenn ein Landmädchen 
in der Stadt gedient hat und in neumodischer, städtischer Tracht zu den Ihrigen 
heimkehrt. Auch ein Pinzgauer Schnaderhüpfl (Gundlach, Tausend Schnadahüpfln 
1893 nr. 795) lobt die Dirnen, die keine Krinoline tragen, wie andre Vierzeiler 
(Gundlach nr. 550. Blümml und Krauss, Ausseer und Ischler Schnaderhüpfel 1906 
nr. 318. 327) Gvvandl und Hut aus verschieden österreichischen Provinzen hervor- 
heben^). Die solide Mannstracht der Innviertler schildert Stelzhamer (Ausgew. 
Dichtungen, Reclamsche Ausgabe S. 45: 'n Ähnl sanö Lehrn): „A bockhäudanö 
Hosen, a Joppen von Tue, a Paar zwirnänö Stumpf, zwen guet zwiednähtö Schue, 
von Filz an guetn Huet, aft an Lei von Manschest (Leibchen, Weste von Woll- 
samt), bist an ang'segnä Mann aft, wost stehst und wost gehst." Natürlich haben 
auch die verspotteten 'Herrischen' im Innviertel ihrerseits an dem Geschmacko der 
Bauernweiber manches auszusetzen; sie sagen: 'Rot und blau is d" Bauänfrau' 
(oder Bauansau; vgl. Albrecht, Leipziger Mundart S. 130: 'Rot und blau wie 
Hanswursts Frau'). — Über die oben wiedergegebene Melodie bemerke ich, dass 
diese 21 Töne nur das Schema bilden, in das sich die oft viel mehr Silben ent- 
haltenden Verse ohne Stolpern oder künstliches Verschleifen einfügen. Zunächst 
stimmt einer allein die Strophe an, erst bei Beginn des dritten Taktes fallen die 
andern ein, nachdem sie gehört haben, welche Strophe an der Reihe ist, und es 
kommt beim 'Drübersingen' oft zu komplizierten Gebilden-). 

Auch in den von der täglichen Kost handelnden Liedern Nr. 3 und 4 tritt 
der Gegensatz zwischen Herrenleuten und Nicht- Herrischen hervor, obschon hier 
bei der Schilderung von Stadt und Land sichtlich übertrieben wird. Der Inn- 
viertler Bauer lebt im allgemeinen recht gut. Ist auch frühmorgens noch vielfach 
die 'saurö Suppn' üblich, so gibts zu Mittag fast regelmässig Rauchfleisch 
(Gselchtes) mit Knödeln (Knon), Sauerkraut oder Salat u. dgl., zur Nachmittags- 
jause meist Fleisch, das vom Mittag übrig ist, abends wieder saure Suppe oder 
ähnliches; zu keiner Mahlzeit aber fehlt der Most aus Äpfeln oder Birnen, das 
Xationalgetränk des Innviertlers, der daher auch 'Mostschädel' heisst (oben is, 299). 
Stelzhamer (Dichtungen S. 111: 's Haimätg'sang) sagt vom Trank seiner Heimat: 
.,Ünsä Traubben haißt Hopfen, ünsän Wein nennt mä Most^^). Der Kaffee ist, 
wo er im Bauernhause auftritt, auf die Familie im engsten Sinne beschränkt; 
noch immer ists ein 'Pest' für eine Bäurin, wenn sie einen Besuch bei der Lehrer- 
oder Arztfrau macht und ihr mit Kaffee und Semmel aufgewartet wird: „Es is 
halt gar so seltsam, so was Feins." Und trotzdem wohlhabende Bauern bei be- 
stimmten Anlässen auch Enten und Gänse auf ihrem Küchenzettel sehen, so gibts 



1) Ältere Lieder, welche von der Tracht handeln, sind Erk-Böhme, Liederhort 
nr. 1Ö''>H (Tanztracht der mittelalterlichen Bauern), 1713 (Spottlied auf die Schwaben), 
1774 (mancherlei Hüte), 1(»02 (der lustige Bub), 1753 (Bruder Melcher; vgl. oben 18, 81); 
Bolte, Der Bauer im deutschen Liede 1S90 S. 4G. 112. 121; Prien, ZfdA. 41, 177: Priebscli, 
ZfdPh. :'.«, 449. 

2) Vgl. Castelli in Froinmanus Deutschen Mundarten 3, 179: ilofniann ebd. 4, 77; 
Blümini -Krauss, Ausseer Schnaderhüpfel S. 122; Blümml, Paul-Braunes Beiträge 31, 1. 

;')) Die Bayern sind seit alter Zeit wegen ihres Obstweins bekannt (^Yackernage],. 
Zs. f. d. Alt. G, 271 = Kl. Schrifteu 1, 94). 



Kleine Mitteilun<jen. 101 

doch viele, die in solchen Neuerungen wie Kaffee und Semmeln oder gar Kipfeln 
eine Verderbnis der alten Einfachheit erblicken. Von jeher galt ja die Semmel 
(Grimm, Wtb. 10, I, 561) als ein vornehmes Gebäck; schon im Meier Helmbrecht 
(v. 447) äussert der Held: 'Ich wil ouch unz an minen tot von wizen semein 
ezzen bröt.' Vgl. noch im allgemeinen Erk-Böhme, Liederhort nr. 1173 (Die gute 
Mahlzeit im I.k Jahrhundert), 17G4 — 17tj5 (Speise und Trank im bairischen 
Himmel), 154'^ (Sauerkrautlied) und oben 11, 222 (Wochenzettel für den kärntischen 
Bauerntisch), sowie 18, ^'.h; (Handwerksburschengeographie) und LS, 3(14 (Lieblings- 
speisen). 

Graz. Alfred Webing'er. 



Westfälische Hausinschriften. 

1. (D iicrr Iliadie feblig !)ic Mciicic ^lntI, Pie ihre liojfnuitg -luft Md> fetten ^lUeiti. 
Rennann (Sriefefamji lllaiia (lendjoff ^Ebcleutbe. 
2lnno \72; Den 2 lUay 

(i?ccfum, Jvofetigaffe Hr. (>.) 

2. ACH GOTT GIB MIEll AUF DIESER WELT, WAS MIER NÜTZ UND DIENLICH 
IST UND DIR GEFÄLLT. ANNO 1GG4 DEN 24. APRIL IST DIES HAUS GERICHTET. 
(Bielefeld, am Damm Nr. IG. — Nur eine Reihe in lateinischen Grossbuchstaben, 
vergoldet ) 

3. soLYs IoVa DoMVs sIt faVtor tVtur et aYtor. 

YIVENTES In EA PAXqYE SALYSqYE BEET. 
MEINDERS S FORDINCK 

(Bielefeld, Obernstrasse Nr. 40. — Die höhereu Buchstaben ergeben die Jahres- 
zahl mw).) 

4. aYLa tVIVIt Leges, 
.ES InCoLa CYrIa CVras, 
aCCIt CYnCta DeYs; 
CVI LaYs et gLorIa SOLI. 

(Bielefeld, Altst. Kirchstrasse Nr. IG. — Die höheren Buchstaben liaben gleich- 
zeitig die Bedeutung von Zahlzeichen und ergeben die Jahreszahl 1G'.>7.) 

5. Dies IIa\xs stall fest in Go-b-fces Hsi^rvot, 
■and. -fereii zu. Kaiser -vizici "Va-fcerlari<ä,_, 
IDeno. S-virger bie-fc© es Sdi-vitz Mxxd H^l-^-, 
(Bielefeld, Rathaus. IDOl' — r.)().;.) 

6. li»OG 

ARBEIT IST DES BUERGERS ZIERDE, 
SEGEN IST DER MUEHE PREIS. 
(Bielefeld, Reichspoststrasse Nr. 2. — Nach Schillers Glocke.) 

7. DEO ET LITERIS. 

(Gymnasium in Bielefeld, Nebelswall.) 

8. tt>o (Einigheit 

unb Stieb' regiert. 

ba ift öas 
ganse I^aus gc3tcrt. 

vi?icletel^, lierforber 5ha\]C Ter. 2(). ; 



102 Heuft: 

9. ECU iLesIa . DeI . beatIqVe . 
MartInI . NOVA . SVRGEBAT. 

^Kirche in Bigge, 1770.) 

10. lOHAN NIRMAN YnD SEINE EHEFRAY 
ELISABETH HABENS GERICHT IN 
lAHR 

(Clarliolz, Wirtschaft. Die liölieren Buchstabon ergelicn die .lahreszahl 1067.) 

11. ~s* Il\->Itc i?aucn un^ lUufte Kein plat," 

~sdi ivolte gjtmmercti 
luii) hatte Feilt Boltj", Po* i[t es mir ^nr* 

(Sötlidie (SciitUdie uitb 
ircitlidie liiilf aclungcn" lltiö liabe albic ^en i?an. 

plat, gefunbcn. 
~\obanes Bermamis ■icwc ^Inna i£lifabcth 
13nio(ge (£bcl. 
^Inno 1798 ^eu i. 'y^uüns. 

.ilarbolj, Viv. 85.) 

12. Efpgion Cliristi, Dum Transit Sniiper Honora; 
Xoii Tarnen Effiffiein, Sed Quem Designat Adora. 
(An einer Aussenwaud der Kirche in Clarholz unter einem Missionskreuz.) 

13. GADES . WORDT . BLIFT . IN . EWICHEIT. 

AMO.l.ö.l.t). 
UMGEBAUT ANO. 1S91. 
(Gütersloli, Berliner Strasse Nr. 17 k' 

14 WIES GOT — GEl AL — DASELB — ICH - / 

WIL — V WITER NICHTS — BEGEHR/ 

(Über der Tür.) 

DI JAi; ANNO Km HEBBE ICH HENRICH MIER VNDE ALHEIDT DVCKERS DITH 

HAVS LASEN VESTEN VNS YND VNSEN ERBEN SVM BESTEN. 

(Eine Reih^ am 1. Stock.) 

DIE GNADE DES HERRN WÄRET A'ON EWIGKEIT ZV EWIGKEIT FVR DIE, SO 

IHN FVRCHTEN VND SEINE GERECHTIGKEIT AVF KINDES KIND. ABGONST 

DER MENSCHEN KAN MIER NICHT SCHADEN, WAS MEIN GOTT WIEL, MVS 

MIER GERATEN. 1607. 

(^Eiiie Reihe am 2. Stock, Nebengebäude.) 

(Gütersloh, am Kirchliof Nr. 164.) 

15. WAT : .AHN : GODT : WIE : ALLE : TIDT : GESCHE : SIN : WJ L : IS : DE : ALLER ■. 
BESTE. 1:6:10: 
(Gütersloh, Nr. 127. — Nur eine Reihe. Lied von Albrecht \oi\ Brandunburi;- 
Kulmbach 1056: AVackernagel, Kirchenlied ;>, 1070 nr. 1240.) 

16. WER GODT VERTRVWET, HAT WOHL GEBVWET IM HIAIMEL VND AVF 
ERDEN. WER | SICH VERLESSET AVF JESVM CHRIST, DEN MUIS DER HIAI . 
MEL WERDEN. 1(;49. 
(Gütersloh. Alünsterstrasse Nr. ISI. — Von Joachim Magdeburg lö7L- Wacker- 
nagel, Kirchenlied :_!, 1042 nr. 121.3. Vgl. unten Nr. 18.) 



Kleine Mitteilungen. 103 

17. ALLES MIT BEDACHT VNÜ HERR NACH DEINEM WILLEN. 

WIRF DEIN ANLIGEN AVF DEN lERRN DER WIRD DICH VERSORGEN 
VND DEN GERECHTEN NICHT EWIGLICH IN VNtVHE LASSEN. 
AMO 1677 DEN 14. IVL. 

(Gütersloh Nr. 310 a. — Vgl. Psalm Tu, 23.) 

18. ^Infanoi iiiib (£nbe in allen meinen Scidien £as midj je^er gcit mit Dicv meinem (Sott 
nnb 5*öpfcr ma*en. IVcv iSott rertrant bat mobi gebant J^in Bimmel nnb auf ^Srben. 

Wcv ficb rerla^t auf 3efum dbrift ^em mus ber iMmmcl mcvben. 

^Eine ^\cibc am crften ftocf. 
3cfu las uns auf Der (Erben ITiitteft fuiten als allein, 
Das bu mögcft bey uns Sein unb mir Dir mögn äbnlicb nnnben. 
3n bcm £eben biefer §cit nn\> m 3LMicr <£n)ioifeit 

peter €ridj I^offbaur. (Ibrtftina Dorotca pollmorf. 
anno i:."3i) Den lO lliav. 

(Über bein (Einaangstor.^ 
((Süterslob, Pombof 2Ir. <)'j-) 

19. HABE DEIN VERTRAVEN AVF GOTT DER WIRD DICH VEHSORGEN SO 1 
LANGE DV AVF ERDEN WONNEST. JOHAN HEINRICH SCHALVR. j 
CATRINE GEDRVT [ilcr folgende Name ist nnterm Verputz verschwanden] 

ANNO 1731. 
(Gütersloh, Berliner Strasse Nr. .3S(;.) 

20. WO DER HERR NICHT DAS HAUSS BAUT SO ARBEITEN u:\ISONST DIE DARAN j 

ARBEITEN. WO DER NICHT DIE STADT BEHUETET SO WACHET DER 
W.ECHTER UMSONST. ANNO 173(;. 
(Gütersloh, Kleine Kirclistrasse Nr. 118.) 

21. :\rEINE HOFNVN(r HABE ICH AVF GOTT GESTELLT. DAUVM ACHTE ICH 

NICHT DIE MISSGVNST DIESER WELT. 1743 D. 17. AGST. 
(Gütersloh, Nr. iöo. — Die Inschrift steht in einer Reilie.) 

22. SPRICH JA ZU MEINEN THATEN, HILF SELBST DAS BESTE RATHEN, DEN 

ANFANG, MITTEL UND ENDE ACH HERR ZU:\I RESTEN WENDE. 

(Eine Reihe.) 

DER . HERR . UNSER . GOTT . SEI . MIT . UNS . WIE . ER . GEWESEN . 

IST . M IT . UNSERN . VÄTERN . 
ER. VERLASSE. UNS. NICHT. UND. ZIEHE. DIE. HAND. NICHT. VON. UNS. 

AB. 1. B. KÖN. S. V. 57. 
MIT . DIESEM . WUNSCH . IST . DIESER . BAU . ANGEFANGEN . 

UND: VOLLFÜHRET DURCH DIE . EHE i LEUTE 
EBERHARD . HEINRICH . FISSE . UND . CATHARINA . MARGARETHA . RÜT: 
AÖ. 1748. D. 30. MAI. 
(Gütersloh, Berliner Strasse Nr. .370. — Str. '.i aus Paul Gexliardts Lied -Wach 
auf, mein Herz, und singe".) 

23. UNSERN AUSGANG SEGNE GOTT UNSERN EINGANG GLEICHERMAS | 
SEN SEGNE FNSER TAGLICH BROD SEGNE UNSER THUN UND LASSEN 



104 Heutt: 

SEGNE UNS MIT SELIGEM STERBEN UND MACH UNS ZU HIMMELSERBEN 

OTTO WIXS UND CATRINA AXGINESA RITZENKAHTER 

ANNO 1751 D !>1 MAY 

(Gütersloh, Berliner Strasse Nr. 'Mi. — Strophe 3 ans Hartmann Schencks 
[l(i:)4-1681J Lied: 'Nun Gottlob, es ist vollbracht/) 

24 3'^'?'-^'t" ^viebevidj (Sroneaieg. ^Inna lElifabetb ireinböfcni. 
Vcn 27. lXla\ 1785. peter Köbiie. | 
Dev qiücn fjeiluitgsfunft, öie bies lians aiifgefübret, 

f ey es cueaictt^t, uiib !)cni bcr btefes 21Ü regieret. 1 
(Er trage liefen 5?au, mit feinen Segcnsbänben, 

i>a\^ ZSe'öet feiig brin mag feinen "iianf rollenbcn. 
((Süterslob, llTimfterftraBc iu". t:r. ^IpotbcFe. 

25. i>a\^ rorige l7aus jcrfallen ift bnrdif fenr in afcteii nibcr 

nim bicfes bo6 I^err jcfn Cbrift in beitten fctnit^ nnn w'ihex 
~Safob roeftl^cibe nnb ITiargrete ^tngenefe ftrotmans 
Anno lS(tL* ben 22. September 

((Sütcrslob, berliner Strage iTr. 4-5:.) 

26. €lnift erl]cbe bein (Scmütt|e nnb (Eruiäge gottes gute f ieb bie guabcn rounbcr | 
2In bie bein gott an bir gctban Hermann lieinrid) Brotfincier unb | llTaria 
(meiter nid/t 5U lefcn) 1802. 

X(5iitersIolj, lllanerftrafie Hr. 412. 

27. S(/ laiiff teil in der Jn'iffeii irohii 

Ei Ichir mich, Gottes Sohn, 
Gib, daß ich zahle \ 
1 meine Tage Und mtmter irach 

daß ich sichre sterben inag. \ 
J T C Znmbaiini A M S SicireL-en. 
den 11 Julius Im Jahr 18r>7. 
(Gütersloh, Berliner Strasse Nr. r>7r>.) 

28. ll^'er (Sott rertrant bat mobl gcbant. 

CDrra ȣt iebora. 
(Enunt ßcinridi übnnicl nnb ~S^'^i^'""^ ^'vicbcriFe 
CEl^ntnel gcbornc lUiebcr. 
b. 22. Hör. \'Äö\. 
(cSütersIob, ^elbftrafie Hr. <;+. ; 

29. ^£arl i)cinridi l^rmftrün^er nnb Jobanne :ignes liermftriimer geb. .^nmbagen. 
?\nht\\ biefe fdjeune bancn laffen. ::(nfriditc ben | i. lluirs [ssr. lUer ein 
unb aus gel]t burdj bie Cbür ber foü gcbenfeu für nnb für bafj unfer Bcilanb 
3efns <£l]rift bie redete | CEbür .^nm ßimmcl ift. 
((Sütcrslob, Jrleffenftätte Hr. I2.i 

30. (Ilnift, aller Dinge Jlnfang, 
fegne €in' unb ^hisgang! 

((Sütcrslob, i?abntjof ftraf^e. 

31. Es wünsch mir Einer, was er will, 

so geh ihm Gott zweimal so viel. 
Wer allen Mensclien recht tun kann, 
Der schreib hier seinen Namen au. 
(Gütersloh, Nr. KU. — Nur eine Reihe.; 



Kleine Mitteilung-en. 105 

32 ACH GOT LAS DIR BEFOH[>EN SEIN 
DIS HAVS VND ALLES WAS DAREIN, 
GESEGNE ES MIT DEINER HANDT, 

BEWAHR ES FVR VNGLVCK, KRIEG, RAVB VND BRANDT. 
(Gütersloh, am Kirchhof, Nr, IGT. — Eine Reihe.) 

33. BETE REIN, TRAW GOTT ALLEIN, ARBEITE FEIN, DIE SORGE I.ASS GOTT 

ALLEIN BEFOHLEN SEIN. 

(Eine Reihe am 2. Stock.) 

FRÜLICH IN HOFFNVXG, DEMVTIG IM GLVCK, IM WERCK VVRSICHTIG, DEIN 

GEWERB AVFRICHTIG. FVRCHTE GOTT, VERTRAVE, AVF DEN GRVNDT BAVE. 

(Eine Reihe ;im 1. Stock.) 

(Gütersloh, Nr. 12;).) 

34. IPeifet meine 

■Kinbcr, bas lUcrf meiner 
liänbe, ;,n mir. 
pro}.->b. 3ef. J-5, n. 
(5 ii t e r s 1 h , Konfirmanbeni'aal, Kirdjftrai5e.) 

35. (Dbit c^otte? (Sunft 
:Hllcs nmfnnft 

(Siiterslob, Tir. h\5.) 

36. .lESU, DEINEN SEEGEN SCHENCKE 
IBER DIESES HAUS UND DENCKE, 
DAS DIE, SO DARINEN WONEN 
EWIG DICH MIT DANCKE LONEN. 
ARNüLDUS KRÄMER, UND MARIA CHRST. SCHNISENBERG EHEIXUTE. 
ANNO 1749 DEN 18. JüNY. 

(Herzebrock. Nr. .Jl.) 

37. Sefdnnne uns o f^crr ITad; aller betner (Sitte 

Pen £anf i>es UngiHicfs fpcrr Jfür fdiaben uns behüte. 
Johannes Ixmnertnts STENTRVP 2h\m mart.i NIE\V()HNER. 
i>en 4tcn 3»"' 2lnno i::^. 

(ßcrscbrocF, poftborf Hr. (.0.) 

38. HER STARKE UNS DOCH IN UNSERN LEIDEN, DAS WIR NICHT VON DIR 

WEIGEN UND SCHIKKE | 

UNS DOCH DEINE HÜLF UND GNAD, SO WIL ICH DIR (■)FFEN MEINE THUR.; 

JOHAN ERNST B.\RKEI, ANNA ENGELSSTROTHERIN. | 

ANNO 17S1 DEN 1:5 NOVEMBER. 

( Ksp. Herz e h rock, Bosfeld, Nr. G.) 

39. f dH-i}.ifcr iitmmel5 nni) bcr ^£r^e Peine (Snab ntts moüeft tucben 
l\c'\ct, bein ®br 5U bciitcr lieröe Dafj um arnb uadi ciiefen '£eben 
f (tenf uns bodi bcn f eeacit bein ^wu} mögen feclig fein. 

Johannes €rneftns 5anbl]eger nnb ilatbarina <£ltfabetb Sdiarmann. 
2lniio 1^82. 

(fier.^ebrorf, Ttr. :i. — ?cr[elbc fprud^ im Kfp. ©fteiifelbc.i 

40. So oft Ich gehe ein und (ms, Bewahr Mich. Cott, und dieses Hans. 
Heinerrich Brinkmann Cutharincf Schlüter. 
Errichtet dm l<>. Juli 1873. 

Dfb. Herzebrock. Nr. IUI.) 



IQQ Henft, Hciniann: 

41. ANNO 1692 DEN 19. MAY | 

HABEN WIR EHELEVTE .JOHANNES VND CLARA ERLHOFF DISSES HAVS 

ERBAYEN LASSEN. WELCHE MIR NICHTS GÖNNEN YND NICHTS GEBEN DEY 

MVSSEN GLEICH WOLL LEIDEN DAS ICH LEHBE WÄN ICH DAN HBE 

GOTTES SEGEN 1 SO IST MIR AN IHRER MISGYNST NICHTS GELEGEN: 

(Kirchhcldeu, Dorf Nr. 31/1.) 

42. BESCHVTZE . . HERR . DIESES . HAVSZ . VND . ALLE . DIE . DAREIN . AYOHNEN . 
.7 OH ANNES . STEPHANYS . STEFFEL . YND . ANNA . MARIA . LVTKE . TICKMANN . 

EHEL. I 
ANNO 1T78 DEN U. .JYNY. 

(Ksp. Lette, Nr. r)3. Bez. Minden.) 

43. DA . IST KEIN . KREUTZ SO . SCHWER DAS MICH . BETRÜBT . WENN . ICH. 

GEDENK . DAS . GOTT MICH LIEBT . 1 

GERHARD HEINNERRICH HILKER MARIA CHRISTINA HAIEMANN, i 

GehaiK'f Im Jahre 1808 den 18ten Juni/. 1 

M.l.B. IJJ^i'- 

(Ksp. Lette, Nr. 70. Bez. Minden.) 

44. GOTT SCHVTZE DIESES HAYS 
MIT SEINER MÄCHTIGEN HAND 
YND FVHRE VNS DARAVS 
INS EAVIGE YATERS LAND. 
lS-25. 1. SEBTEMBER. 

(Ksp. Lette, Bez. Minden. — Vgl. unten nr. 49.) 

45. GOTT SEI UNSER TRÖSTER IN ALLER NOTH UND GIEB UNS 
DIE SELIKEIT NACH | 

DEN TODT. PETRUS MENSE UND I 

DEN 27 TEX OCTOBER. | 
ANNO l'^2(;. 

(Ksp. Lette, Nr. Jl. Bez. Minden.) 

46. Fihrlitc Goti, no irirst du t/rser/iia irerden. Jsfdin 19. \ 
Bern. Jlchinrh Sftir/.sfedde ll'ifirer. \ 
den 3. Nov. Anno 1845. 

(Ksp. Lette, Haidpiatz Nr. 07. Bez. Minden.) 

47. U\is mir o iSott hier haben, . 
5in^ ciciiic nlil^cu (Saben. | 
'ia'^ beine i■■)lll^ fic fdniticn, 
Unb uns fic tuabrbaft nützen. | 

^. liölfdjcr iinb tl. i?üblnicier. | 
Den 28tcn Zlfv'iU ^x^u. 

(£cttc, iTr. \4. i?ej. irünbcn.) 

48. (Sott bcu'abr bics iiaus 
lliib alles, was lebt barin, | 
IVev geltet ein unb ans, 
(Sott fd?üt5 unb fcgnc il^n. | 

(Serbarb Kcrftiutj unb (Scrtrub Kisfcmper. ^£I. | 
bcu 15. lliai IS51. 

(^Kfp. icitc, liaibylat^, Tir. 154;. i^c.,. lUinbcu.) 



Kleine ]\[itteilungeii. 101 

49. (5ott, füln- 11115 in Mcfcs ßans, 
Hub tnic^er baraus 
mit beiticr allmäditiijcit ^ialI^ 
~Mi bas cuncje Datedanö. 
i?cnun•^ (Dftarp iinb 111. ^£. fd^uljc ^Srcrslob. 
2Uu\o 1858 ^Cll s. ^Illli. 

(Kfp. icttc, i7ai^J.lIat5 iTr. 60. Scj. lUintien. — Vo.[. iir. 4-4..) 

50 (Sott f cgitc ^iefe5 liauf. 

(Scorg populob g i^atmaiiii cSerbnit U"» onus borg. 

bcii 3. lUai 

:iniio l«:o. 

(Kfp. Settc, iu-. ^s. i^Cj. l^liu^cu.) 

51. minies was w'w bewahren i?ef*üt5C uns (Sott ror (Scfabvcn 
Kafpar f teiliiig llTaria l^•al^^u^lIlt | i£bcUnitc. | 
^Erriditet ^C1I r,. ^uiii 1 :^liiiio \s7b. 
. vKfp. !äictte, :Tr. :.s. i^Cj. iUiitbcu.) 

52. A\'ER DA BAUET 

AN STRASSEN UND GASSEN 

MUSS DIE LEUTE REDEN LASSEX. 

LiiJ])st;i(lt, Laniie Strasse Nr. oä.) 

53. Pas iiaus ift tDobl gcbauct Pieiieu iinr treu ^cm bcnii, 

lUo man ftcts auf cSott pertraiit. | 5 o ift (Sott f cgcit iiidjt fern. [ 

I>er fegen Fain ron ®ben, Penn (Sott fdjaut auf bie feinen 

Pein lierrn lagt uns loben. | ~S'" ^'renben un^ im lUeinen. | 

peter ^franciscns Diebmever, Piita Olftboff ron lUcftbciuern. | 

3m ~sabr ^8i5 ^en :teu ~S"iti- 
vlllartciifelb. ilr. :').~; 

54. nVMLMs Ix ÜEXtRA I'aX uYJ.GEAt IxtVs & eXüra. 

TV BENEFACTOR AYE TV SlNE fIxe paVe. 

(Kloster Galiläa bei Meschede. Jahr IT'il. — Nur eine Reihe.) 

Oclde. Hans Heuft. 

(Fortsetzung i'olgt.) 



bedeutungsvolle Zahlen im litauischen Volksliede'). 

Wie bei den anderen indogermanischen Völkern-) sind auch bei den Balten 
die Drei und das Vielfache der Drei bedeutungsvolle Zahlen gewesen. Bei der 
Hochzeit wurde (iie junge Frau dreimal um das Herdfeuer im Bräutigamshause 
geleilet; auf der Fahrt dahin wurde sie dreimal von einem Mann umkreist, der 
einen E'euerbrand vom Bräutigamsherd in der Hand schwang und dabei sprach: 
'Wie du das Feuer bei deinem Vater verwahrt hast, also wirst du auch hier tun.' 



1) Die folgenden Zeilen sind nur als LesefrQchte zu betrachten: desiiallj -wird keine 
Stellung zu den von Röscher (Abh. der sächs. Ges. d. Wiss., pliil.-liist. Kl. liX»-") f auf- 
geworfenen Problemen genominen. 

2) Schrader, Reallexikon der idg. Altertumskunde VMl S. UTO. Usenev, Rliein. 
Museum 1110.3, 29. [Olrik, Danske Studier IHOS. Sl.] 



IQ^ Hermann: 

Dreimal auch wurde der Wagen, auf dem die Leiche zum Begräbnisplatz gefahren 
wurde, umschritten. Am dritten, sechsten, neunten und vierzigsten Tage nach dem 
Leichenbegängnis hielten die Verwandten des Toten ein feierliches Mahl ab. und 
wie ehedem in den Gebräuchen, so spielt auch jetzt noch in den litauischen Dainos 
die Drei ihre Rolle. Es zeigt sich dies schon ganz evident in den Sammlungen 
von Xessolmann (Litauische Volkslieder, gesammelt, kritisch bearbeitet und 
metrisch übersetzt, Berlin 1853) und Schleicher (Litauisches Lesebuch und Glossar, 
Prag 1S.")7), denen ich die Beispiele im folgenden entnehme. 

Rejielmässig sind es drei Burschen, denen das Mädchen begegnet, wenn 
ihm der Wind das Rautenkränzchen fortgeweht hat. Die Burschen wollen das 
Kränzchen aus dem Meer holen, der erste soll ein seidenes Tüchlein, der zweite 
ein goldenes Ringlein, der dritte das Mädchen selber bekommen; aber das Kränzchen 
schwimmt ans üfer, während der Liebste ertrinkt. In einem andern Lied soll der dritte, 
wenn er das Kränzchen wiederbringt, ein goldnes Ringlein erhalten. Drei Fischern 
begegnet die Schwester, als sie den Bruder sucht; dem dritten will sie sich zu 
eigen geben, wenn er die Leiche des Bruders aus der Tiefe des Meeres heraufholt. 
Oder zwei Schwestern begegnen erst zwei Mädchen und fragen vergeblich nach 
dem Bruder; zum dritten treffen sie einen Burschen; der weiss, wo der Bruder 
versunken ist. Aus drei Richtungen bläst der Wind; da kommen aus drei Amts- 
bezirken drei Burschen mit Geschenken: der eine mit Schuhen, der andre mit 
einem Mieder, der dritte mit einem goldenen Ring; der dritte soll der Geliebte 
werden: wenn er in den Krieg zieht, wird er dem Mädchen drei Körner senden, 
damit es an der Farbe der Blüten erkennen kann, ob er im Kampf gefallen ist. 
Zur Mutter kommen drei Soldaten, um die Tochter zu freien; von ihnen mag sie 
nichts wissen; doch einem der drei Pflüger will sie angehören. In einem andern 
Lied reiten neun Freier in den Garten. Vor drei Bojaren flüchtet die Schwester, 
wie sie den Brüdern auf dem Felde das Frühstück bringen will. In drei Schenken 
kehrt ein Wandrer ein und trifl"! hier seine drei Brüder, die Ross, Sattel und 
Mädchen vertrinken. 

Wie es drei Burschen sind, sind es auch drei Mädchen. Von drei Schwestern, 
ist die dritte die Liebste, bekommt die dritte das goldene Ringlein, gibt die dritte 
sich selbst zu eigen. Auf der Linde oder dem Ahorn sitzen drei Kuckucke, drei 
Mädchen, das dritte wird vom Burschen erwählt; oder das dritte will sich in der 
Stadt einen Spielmann holen. In der Gesindestube sitzen beim Mahlen drei 
Müllerinnen, in der Kammer beim Spinnen drei Spinnerinnen, im Hause beim 
Weben drei Weberinnen, am Ufer beim Waschen drei Wäscherinnen. Drei 
Töchter erzieht die Mutter mit gleicher Liebe, die vierte aber wird Verstössen; sie 
muss drei Tage wandern, drei Nächte im Walde schlafen. 

Hier dient die Drei zur Zeitangabe, wie des öfteren. Dem Mädchen reisst 
der Wind den Rautenkranz vom Haupte; findet einer der beiden Brüder den Kranz 
wieder, dann will sie; ihn noch drei Jahre tragen; doch ein dritter, der auch dabei 
ist, findet ihn und will ihn nur gegen das Mädchen selbst herausgeben. Drei 
Jahre lang würde der Bursche vergebens streben, das Mädchen zu gewinnen, das 
ihn nicht haben will. Wenigstens drei Jahre lang will das Mädchen um den 
Geliebten trauern, der in den Krieg auszieht. In der dritten Nacht verspricht der 
Knabe sich selbst dem Mädchen. Drei Schwäne setzen sich auf des Toten Grab: 
die Braut, die Schwester und die Mutter; die Braut klagt drei Wochen, die 
Schwester drei Jahre, die Mutter bis zu des Lebens Ende. In Chamissos bekannter 
Bearbeitung eines ähnlichen Liedes trauert auch die Sonne um den Toten neun Tage 
in Trauerflor und kommt am zehnten nicht hervor. Wieder in einer anderen 



Kleine Mitteiluugeu. 10',) 

Fassung desselben Liedes bleibt der Toto erst drei Wochen unbeachtet liegen, bis 
drei Kuckucke kommen: Braut, Mutter und Schwester. Drei Jahre lang- weint der 
Sonne Tochter und sammelt die verwelkten Blätter des Kranzes; in dem Teiche, 
in den neun Bäche fliessen, soll sie die Kleider waschen; im Garten, in dem neun 
Rosen blühen, sie trocknen; an dem Tage, an dem neun Sonnen scheinen, sie 
tragen. Neun Tage will die Sonne nach dem Lämmlein suchen und am zehnten 
nicht ruhen. Drei Jahre hat der träge Geliebte Weizen gesät, ohne dass ein 
Hälmchen aufging; nur eine Eiche mit neun grünen Zweigen ist aufgewachsen. 

Neun ist überhaupt die Zahl der Aste des Baumes. Drei Linden, einem 
Stamm entsprossen, stehen am Flusse; drei Mädchen überschreiten ihn, an der 
Linden Ästen sich haltend, die dritte stürzt in den Fluss; da, wo ihre Leiche an 
das Ufer treibt, wächst eine Linde mit neun Ästen. Eine Fichte hat Äste getrieben, 
der Sturm hat sie gebrochen, der zehnte steht an der Spitze. Vor des Vaters 
Hof wächst eine Linde mit neun Zweigen; auf den Zweigen sitzen ebensoviel 
Kuckucke, die Tochter herauszulocken. Oder der Hof hat acht Ecken, und in 
jeder Ecke steht eine solche Linde. Ein anderer Hof hat neun Ecken, darin 
sitzen neun Musikanten. Auf der Wiese steht Klee mit fünf, sechs Blättern und 
neun Blüten. 

Geheimnisvoll klingt ein Vers, der zu Beginn der vier Teile eines Liedes 
steht: 'Sechs dreierlei Art, drei sechserlei Art. schön blüht im Garten der Fuchs- 
schwanz.' Bei den verschiedensten Dingen spielen drei und neun eine Rolle: Der 
Jüngling sendet dem Mädchen drei Briefe, in dem dritten den Rautenkranz. Das 
reiche Mädchen besitzt bar <iOO und drei Höfe. Die Tochter erhält drei Schreine. 
Das Fischermädchen kann drei Dinge nicht: spinnen, weben, Leinwand ordnen. 
Ihr Vater will lieber drei Hufen Landes als seine Tochter hergeben. Die Kindes- 
mörderin hat drei Kinder umgebracht. .\us drei Säcken wird ein Lager bereitet; 
(las Bett aus drei Lagen weicher Pfühle. Das Mädchen bleicht drei Stücke Lein- 
wand; der Knabe hütet drei Rosse. Mit sechs Rossen fährt die Braut durch drei 
Tore; das dritte ist von weissem Silber. In der Kutsche mit sechs Rossen sitzt 
die Braut neben dem Oberst; erst als sie zum dritten Felde kommen, spricht sie 
freundlich zu ihm. Der Krieg bricht aus, da krähen drei Hähne; oder dreimal 
kräht der Hahn, dreimal weckt • die Mutter. Die dritte Schwester schliesst dem 
Bruder das Tor auf, damit er in den Krieg reitet; neun Ströme durchschwimmt 
sein tapferes Ross, den zehnten durchwatet es; neun Kugeln fliegen an dem Reiter 
vorbei, die zehnte trifft ihn. Beim Mähen wird beim neunten (oder zehnten) 
Schwaden das goldene Ringlein getroffen. 

Von den andern Zahlen zwischen 1 — 10 verdienen nur noch zwei und fünf 
einer Erwähnung. Zwei Wochen soll der Nordwind wehen, den verlorenen Ring 
wieder an das Ufer zu spülen. Im Wasser schwimmen zwei Enten, zwei Burschen. 
Zwei Schwestern winden Rautenkränze. Zwei Schwestern weinen bei des Bruders 
Abschied usw. Fünf Jahre will der Geliebte auf das Mädchen nicht schelten. 
'Fünf Jahre', klagt die Tochter beim Abschied von der Mutter, 'werden wir uns 
nicht wieder sehen', aber noch war der fünfte Tag nicht vergangen, da erschien 
die Mutter schon zum Besuch. 

Zur ungenauen Zahlenangabe dienen: 'zwei bis drei' und 'fünf bis sechs". 
Die drei Brüder, die Ross, Sattel und Mädchen vertranken, hatten noch zwei bis 
drei Rosse, zwei bis drei Sättel und zwei bis drei Mädchen. Zwei bis drei Jahre 
soll das Mädchen dienen. Den Brautschatz abzuholen sind bereit: zwei bis 
drei Wagen, mit fünf bis sechs Rossen. Mit einem Windstoss geht es fünf bis 
sechs Meilen weit usw. 



110 Samter: 

Bezeichnend ist aucii Ibli^ender Spruch: 'Reden: einer mit sich allein, nicht 
gut; zwei, ein Paar, herzlich: drei überleben vernünftig; vier, einsichtsvoll; neun, 
gern zuviel Worte; zwanzig, ohne Verstand.' 'Trinken: einer mit sich allein, nicht 
gut, zwei schlafen bald ein; drei, herzlich und freundschaftlich'; vier, 'noch Stoff' 
da'; neun, alle Brüder; zwanzig, Trunkenbolde." 

Um eine Vielheit zu bezeichnen, bedient sich die Daina, anders als in diesem 
Spruch, meist derHundeit: eine hundertästige Eiche; ein hundertästiger Ölbaum; 
hundert Kerzen anzünden; über hundert Meilen weit. Der Knabe wird von der 
^Geliebten aus hundert Pflügern und hundert Mähern, das Mädchen von ihrem 
Anbeter aus hundert Weberinnen und hundert Harkerinnen herausgefunden usw. 
Für hundert Meilen heisst es öfter auch zweihundert, 2 — 30Ü Meilen. Auch 600 findet 
sich: das Mädchen hat G(H) bar; eine Peitsche mit »HK» Fäden. — Für eine grössere 
Vielheit gebraucht man Tausend: tausendmal küssen; tausend, tausend Feinde usw. 

Sieben kommt in den beiden Sammlungen kaum vor: Sechs Tage hat der 
Bursche das Ross gefüttert, am siebenten will er in fremde Gegend reiten. 
In einem andern Lied ist der Knabe stolz auf seine Siebenhundert in der 
Tasche. 

So erweist sich also diejenige litauische Literaturgattung, die wegen des Inhalts 
einiger Lieder als besonders altertümlich rühmlich bekannt ist, auch in dem 
Gebrauch der Zahlen als sehr konservativ. Es sind bestimmte häufig wieder- 
kehrende Motive, die mit der Zahl drei eng verwachsen sind. Mag die Sprache, 
mögen die Lieder sich im Laufe der Jahrhunderte verändert haben, ein grosser Teil 
der Motive geht gewiss, so wie sie sind, tief ins baltische Heidentum zurück. 

Bergedorf. Eduard Hermann. 



Berichte und Bücheranzei^en. 



Hermann Usener, Vorträge und Aufsätze. Lei])zio- und IJerlin, B.G.Teubner. 

l'.tOT. IV und 25i) S. 8^ 

In Hermann Usener ist nicht nur ein Meister der Altertumswissenschaft dahin- 
gegangen, sondern auch die Volkskunde hat in seinem Tode einen schweren 
Verlust zu beklagen, ist Usener doch einer der ersten Philologen gewesen, der 
den Wert einer wissenschaftlichen Volkskunde erkannt und ihre Bedeutung auch 
für die Altertumswissenschaft betont hat. Seiner hier zu gedenken, gibt die kürz- 
lich erschienene Sammlung seiner Vorträge und Aufsätze Anlass Es war ein 
glücklicher Gedanke, den übrigens schon Usener selbst gehegt hatte, aus seinen 
kleineren wissenschaftlichen Arbeiten, deren vollständige Sammlung später er- 
scheinen soll, diejenigen auszuwählen, die nicht bloss für Philologen im engeren 
Sinne von Interesse sind, sondern nach Form und Inhalt es verdienen, von 
weiteren Kreisen gekannt zu werden. Für die Volkskunde sind fast alle Vorträge 
und Aufsätze Useners von hohem Interesse, und die Sammlung verdient deshalb 
gerade in dieser Zeitschrift eine ausführlichere Inhaltswiedergabe. 



Berichte und Bücheraiizeigeii. 111 

Der von dem inzwischen leider auch allzu früh uns entrissenen Albrecht 
Dieterich herausgegebene Band, der mit einem Bilde Useners nach einer Photo- 
graphie aus dem Jahre r.iOl geschmückt ist, wird eröffnet durch die 18N2 ge- 
haltene Rektoratsrede 'Philologie und Geschichtswissenschaft'. Boeckh hat die 
Vorstellung von der Philologie als einer l)esonderen geschichtlichen Wissenschaft 
bei uns eingebürgert, der die Darstellung des antiken Lebens überhaupt zurällt. 
Seine Auflassung hat sich von der klassischen Philologie auf die semitische, 
germanische, indische, romanische usw. Philologie fortgepflanzt, sie alle finden 
ihren Mittelpunkt in einer nationalen Literatur, von der aus sie das geschichtliche 
Leben der Nation erforschen helfen. Wenn aber die Nationalität die verschiedenen 
Zweige der Philologie zu einer Einheit verbindet, so ist die Voraussetzung dabei, 
dass die Nationalität und jede Seite ihres geschichtlichen Lebens ohne Nachteil 
der Erkenntnis isoliert betrachtet werden könne. Diese Voraussetzung aber, das 
betont Usener mit Recht, ist nach unserer heutigen Kenntnis der Dinge hinfällig. 
Kein Volk der Geschichte, .-luch nicht das griechische, lässt sich isoliert betrachten. 
Es ist, als ob man aus einem Buche alle Stellen, die von einem Volke handeln, 
unbekümmert um den jedesmaligen Zusammenhang, ausschneiden und aneinander 
reihen wollte. Schon der Schüler weiss es heute aus hundertfältiger Erfahrung, 
wie selbst das allernächste Verständnis der konkreten Erscheinung oft erst ge- 
wonnen werden kann nach Ablegung der Scheuklappen, die sich der Philologe 
sonst gerne links und rechts von seinen Augen band. Für den aus vorgeschicht- 
licher Zeit fortgeführten Besitz von Sprache, Glaube und Sitte versteht sich das 
von selbst. Einsicht in die Laut- und Flexiongesetze, Verständnis der Götter- 
gestalten und Sagen, der Reste alter Sitte, wäre in den meisten Fällen unmöglich, 
wenn nicht die Vergleichung uns gestattete, die einzelnen Erscheinungen in ur- 
sprünglicherer Gestalt kennen zu lernen. Aber auch die geschichtlichen 
Schöpfungen in Ivunst und Literatur führen uns. da sie in dem volkstümlichen 
Ideenschatze wurzeln, über die Schranken der nationalen Sonderexistenz hinaus. 
So sind denn die geschichtlichen Disziplinen der Philologie, wie Boeckh sie sich 
dachte, aufgegangen in umfassenderen und allgemeineren Disziplinen der 
Geschichtswissenschaft, aus deren Zusammenhang die philologische Betrachtung 
am einzelnen Volke nicht losgelöst werden kann ohne Verzicht auf wissenschaft- 
liche Erkenntnis. Was aber, fragt Usener, ist Philologie, wenn die Disziplinen, 
durch welche sie W'isscnschaft schien, ihr entrissen und in grösserem Zusammen- 
hang eingefügt sind? Er beantwortet diese Frage dahin, dass sie nicht eine 
Wissenschaft, sondern eine Kunst, eine Methode sei. Da der Boden aller 
geschichtlichen Wissenschaft das geschriebene Wort ist, so ist die Kunst, welche 
dasselbe feststellt und deutet, mittels ihres grammatischen Vermögens, die letzte V^or- 
aussetzung aller geschichtlichen Forschung. Diese Ivunst aber ist eben die Philologie. 
Man braucht dieser Definition der Philologie als Methodenlehre nicht zuzu- 
stimmen. Philologie ist uns identisch mit einer Geschichtswissenschaft, welche 
die Erforschung des gesamten antiken Lebens, wo es nötig, durch Vergleichung, 
durch Bündnisse mit den Nachbarwissenschaften, sich zur Aufgabe setzt, aber es 
liefe auf einen blossen Wortstreit heraus, wenn wir zwischen dieser Auffassung 
und der Useners einen wirklichen Gegensatz finden wollten. In praxi ist auch 
Usener die Philologie Geschichtswissenschaft, das zeigen die Schlussabschnitte 
seiner Rede sehr deutlich: vor ihrer eigensten Tätigkeit, der sprachlich gesicherten 
Deutung des Wortlautes, soll die Philologie fortschreiten zu den höheren und 
allgemeineren Stufen geschichtlicher Forschung: dabei bringt sie unwillkürlich die 
in ausdauernder Beschäftig'un"' mit dem Letzten und Kleinsten erworbenen Vorzüge 



]]•_> Samter: 

peinlich sorgfältiger Genauigkeit und sicherer Abwägung von Form und Inhalt, 
Überlieferung und Vernunftgemässheit zur Anwendung. Das Reich der Philologie 
aber geht so weit, als des Menschen Leben und Weben, Sinnen und Trachten, 
Handeln und Schaffen, und sie inuss schliesslich zu dem Versuche fortschreiten, 
das geschichtliche Leben ihrer Nation in seiner Totalität zur Anschauung zu 
bringen. Diese weit ausgedehnte Aufgabe aber entwickelt Usener aus seiner 
Auffassung der Philologie als Methode durch den Hinweis, dass zu der Tätigkeit, 
in der sie ihr eigenstes Dasein hat, zur Interpretation, die Erkenntnisse, welche 
die Lösung jener Aufgabe bringt, notwendige Vorbedingung sind, Erkenntnisse, die 
andererseits wieder durch das Studium der Texte bestätigt, berichtigt, weiter- 
geführt werden. Die grosse Aufgabe, die der Philologie gestellt ist, kann der 
einzelne Philologe freilich nicht umfassen. Deshalb werden es immer nur einige 
Seiten des nationalen Lebens sein, deren Erforschung sich der Einzelne je nach 
Neigung und Anlage hingibt: für dieses Gebiet hat er .den Zusammenhang mit der 
allgemeinen Geschichtswissenschaft zu suchen, für Sprache in der vergleichenden 
Sprachwissenschaft, für Glaube und Sage in der Geschichte und Wissenschaft der 
Religion: er bebaut einen Kreisabschnitt, dessen Mittelpunkt ausserhalb der 
Peripherie des nationalen Daseins liegt. Aber wenn ihm auch das Licht heller 
auf eine Seite fällt, streben wenigstens muss er nach einer Anschauung des 
Ganzen, und nur in dem Masse, als er diese erreicht hat, wird sein Verständnis 
des einzelnen hell und sicher sein. 

Aus dem zweiten Aufsatze 'Mythologie', der Wesen und Ziele der mytho- 
logischen und religionsgeschichtlichen Forschung aufklären will, seien folgende 
Gedanken hervorgehoben. Mit Recht betont Usener, dass Mythologie nur dann 
wissenschaftlich bearbeitet werden kann, wenn sie in die Geschichte der Religion 
eines Volkes einbezogen wird, dass sie also in der Religionswissenschaft aufgellen 
muss, eine Erkenntnis, die leider auch heute noch nicht überall durchgedrungen 
ist. Ebenso zutreffend legt er dar, dass der Umfang der religiösen Vorstellungen 
unvergleichlich ausgedehnter ist, als man gewöhnlich annimmt. Welche geschicht- 
liche Erscheinung wir in höheres Altertum zurückverfolgen mögen, immer werden 
wir zuletzt auf Religion zurückgeführt. Daher fällt der Religionsgeschichte die 
grosse Aufgabe zu, das Werden und Wachstum des menschlichen Geistes bis zu 
dem Punkte aufzuhellen, wo mythische Vorstellung durch vernünftige Erkenntnis 
und religiös gebundene Sitte durch freie, sich selbst bestimmende Sittlichkeit ab- 
gelöst wird. — Hervorragende Vertreter der Volkskunde sind der Ansicht, dass 
Zauberei, die bei unzivilisierten Völkern eine so grosse Rolle spielt, von der 
Religion abzutrennen sei. Demgegenüber macht Usener mit Recht geltend, dass 
die Formen der ursprünglichen Religion durchaus sakramental sind, wobei er 
Sakrament als eine äussere gottesdienstliche Handlung erklärt, welcher das Gebet 
übernatürliche Wirkung- verleiht, eine Form des Kultes, die sich in nichts von 
zauberischer Handlung unterscheidet: Zauberei und gottesdienstliche Handlung 
laufen ununterscheidbar ineinander. — Um die Anfänge der Religionen zu ver- 
stehen, bedarf es der Vergleichung, die sich nicht auf verwandte Völker be- 
schränken darf. Das wichtigste Hilfsmittel bleibt die Erforschung des volkstüm- 
lichen Untergrundes, der Vorstellungswelt der niederen Volksschichten, und die 
planmässige Heranziehung der Anthropologie und Ethnologie. Unschätzbare 
Dienste für das Verständnis des antiken Gottesdienstes und seiner Formen leistet 
uns die Liturgie der griechischen und römischen Kirche, die wir heute noch mit 
eigenen Augen schauen und mit Hilfe einer ausgedehnten Literatur bis ins 4. Jahr- 
hundert und gelegentlich darüber zurück verfolgen können. 



Berichte und Büclieranzeigeii. Ho 

Auf einen Aufsatz, der für die Volkskunde weniger von Bedeutung- ist, über 
die Organisation der wissenscliaftlichen Arbeit in der platonischen Akademie und 
der Schule des Aristoteles folgt eine ganz dem Gebiete der Volkskunde angehörige 
Abhandlung 'Über vergleichende Sitten- und Rechtsgeschichte', in der Usener 
Bedeutung und Aufgabe dieser Wissenschaft darlegt. Er betont, dass für sie das 
germanische Recht dieselbe Bedeutung habe wie das Sanskrit für die vergleichende 
Sprachwissenschaft, und er veranschaulicht seine Darlegungen durch ein ausführlich 
behandeltes Beispiel, indem er die Junggesellenvereine in Griechenland, Rom und 
Deutschland erörtert und ihren Zusammenhang mit altem Kulte nachweist. In 
einem Anhange macht er Mitteilungen über das 'Amecht', eine von den 'Burschen- 
schaften' vieler Orte Luxemburgs begangene Feierlichkeit. 

Die drei folgenden Aufsätze gehören dem Grenzgebiet von Philologie und 
Theologie an, aber auch sie sind für die Volkskunde von grossem Interesse. Der 
erste behandelt die verschiedenartigen Überlieferungen über Geburt und Kindheit 
Christi, ihre AVidersprüche und die Versuche, sie zu beseitigen. Er zeigt, dass 
der jüdische Glaube vom Messias keine übernatürliche Geburt erwartete, zur 
Bezeugung der göttlichen Weihe zu seinem Berufe aber zunächst die Erzählung 
von der Jordantaufe entstanden sei Er legt weiter dar, wie es dann den immer 
mehr durchdringenden Vorstellungen von der Göttlichkeit Jesu widerstrebt habe, 
die Weihung zum Messias oder die Adoption zum Sohne Gottes erst in das 
dreissigste Lebensjahr zu verlegen, und daher die bei Lucas vorliegende, noch der 
jüdischen Denkweise entsprechende Darstellung geschaffen sei, in welcher dem 
nienschlichen Sohne des Joseph und der Maria bei der Empfängnis und Geburt 
göttliche Offenbarungen die Erwählung zum Messias bezeugte. Im Bericht des 
Matthäus tritt die Vorstellung von der Empfängnis unJ Geburt der Jungfrau hinzu, 
die dem Judentume ganz fremd war, aber bis über die augusteische Zeit dem 
griechisch-römischen Heidentume höchst lebendig geblieben war. Für alle Einzel- 
heiten dieser Geburts- und Kindheitsgeschichte des Matthäus (z. B. die Er- 
scheinung des Sternes, die Verkündigung der Magier) lässt sich heidnische 
Unterlage erweisen. Sie rauss in heidenchristlichen Kreisen, wahrscheinlich in 
Kleinasien, entstanden sein und wurde dann vom Erzähler durch Heranziehung 
von Prophetenworten gewissermassen legitimiert. — In dem vorher erwähnten 
Aufsatze 'Mythologie' hatte Usener darauf hingewiesen, welcher Gewinn für 
antiken Mythus und Gottesdienst aus christlichen Legenden geschöpft werden 
kann. Eine Probe solcher Verwertung gibt die Abhandlung 'Legenden der 
Pelagia' (ursprünglich als Einleitung zu den Texten der Legende erschienen), in 
der er die verschiedenen Formen dieser Legende mitteilt und die Entstehung 
(lieser Heiligen aus der Gestalt der als Meergöttin verehrten Aphrodite zu er- 
weisen sucht. 

'Die, Perle, aus der Geschichte eines Bildes' ist die letzte Abhandlung betitelt, 
im Evangelium des Matthäus vergleicht Jesus das Himmelreich einer köstlichen 
Perle. Dies Bild ist später auf Christus selbst übertragen worden. Einen Anhalt 
zur Beantwortung der Frage, durch welchen Gedankengang diese Umwertung des 
Bildes herbeigeführt worden ist, gibt der Syrer Ephrem durch die Anwendung auf 
Christus, die er von dem Bilde auf Grund volkstümlicher Vorstellungen von der 
Entstehung der Perle macht. Wenn der Blitzstrahl ins Meer schlägt, dringt die 
Mischung von Feuer und Wasser in die Muschel ein; diese schliesst die ge- 
öffneten Schalen, und in dem Schaltier entwickelt sich allmählich die Perle; sie 
löst sich von dem Tiere ab, ohne dessen Wesen irgendwie zu verändern oder zu 
schädigen. Wie die Perle ohne Begattung der Schnecken durch eine Mischung 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1909. 8 



114 Sumtcr, Lohrc: 

des Blitzes und des Wassers entsteht, so ist auch Christus empfangen von der 
Jungfrau ohne Fleischeslust. Wenn Ephrems Predigt Verständnis finden und 
Wirkung üben sollte (er will damit die Lehre widerlegen, dass Christus die 
Menschengestalt nur als Scheinform getragen habe), so musste er sicher wissen, 
dass seine Zuhörer diese, sonst nicht verbreitete Vorstellung von der Entstehung 
der Perle mit ihm teilten. Seine Sage war also in Syrien zu Hause. Usener 
sucht zu zeigen, dass sie aus der heimischen Göttersage entstanden sei: Nach der 
l berlieferung von Kythera, einem der ältesten Standorte des semitischen Aphrodite- 
dienstes, ist die Empfängnis der Aphrodite im Meer erfolgt, in einer Muschel ist 
die Göttin nach der Geburt iin der Insel gelandet. Nach Hesiod stammt der 
Meeresschauni, aus dem Aphrodite hervorgeht, von der Scham des entmannten 
Uranos, daneben aber hat sich eine Sage erhalten, die Aphrodite aus Zeus und 
dem Meere entstehen lässt, von Zeus aber kommt der Blitzschlag, der Einschlag 
ins Meer, der den Keim der Perle erzeugt, ja nach altgriechischer Vorstellung, 
über die Usener in dem im vorliegenden Bande nicht enthaltenen Aufsatze im 
Rhein. Museum 1905, S. 1 ft., gehandelt hat, ist Zeus nicht nur der Träger und 
Schleuderer des Blitzstrahles, sondern der Blitzstrahl selbst. Usener sucht zu er- 
weisen, dass das von Ephrem gebrauchte Bild schon von den Gnostikern auf 
Christus angewendet war. — Aus dem Gebiete der Philologie in das der Poesie 
führt uns der Anhang. Er enthält eine nach einer altchristlichen Legende ge- 
dichtete Novelle 'die Flucht vor dem Weibe', die Usener unter dem Pseudonym 
E. Schaffner isül in Westermanns Monatsheften veröffentlicht hatte. 

Berlin-Charlottenburi(. Ernst Samter. 



K. C. Boer, Untersuchungen über den ürspruug und die Entwicklung der 
Nibelungensage. Erster und zweiter Band. Halle a. S., Buchhandlung 
des Waisenhauses 1906— Ui07. VII, 280. V, 224 S. IG Mk. 

In der Nibelungenforschung ist seit langem keine Untersuchung hervorgetreten, 
die so durchaus eigene Wege ginge, wie dieses Buch. Vielen Widerspruch kann 
man Boers Aufstellungen voraussagen; aber einem so stoffhaltigen Werke gegenüber 
wird die Diskussion nicht rasch am Ende sein. Ich beschränke mich auf die 
Heraushebung der Hauptgedanken des Autors. 

Sigfrid ist kein mythischer Held. ^Der mythischen Deutung ist es nicht ge- 
lungen, die Sigfridsage als eine Einheit zu erklären; einen hypothetischen Wert 
muss man ihr zugestehen, solange man keiner besseren Deutung auf der Spur ist": 
so das Schlussergebnis von Boers längerer Kritik der mythischen Auffassung (1,7). 
Überhaupt nicht hinter der Gestalt Sigfrids, sondern hinter der Hagens öffnet sich 
der Durchblick auf die Sagenanfänge. Als Grundform der Hagensage bleibt nach 
Entfernung aller sekundären Motive dieses: Hagen wird von seinem Schwager, 
bei dem er zu Gaste ist, um seines Goldes willen getötet. Örtlich und zeitlich 
festzulegen ist eine so einfache Sage freilich nicht: „Sie hat in den historischen 
Verhältnissen der Völkerwanderung ihre Voraussetzung. Sie ist überall und nirgends 
geschehen" (1, 4). Von dieser alten Sage mit dem tragenden Motiv des Schwager- 
mordes ('Attilamotiv' sagt Boer fortan der Kürze halber) sei die Sigfridsage eine 
einfache Wiederholung. „Sigfrid hat Hagens Schwester (so in der alten Sage, die 
keine Burgunden kannte, und so auch noch in der skandinavischen Überlieferung) 
zur Frau, er ist also sein Schwager. Hagen tötet Sigfrid, und was sein Motiv 
ist, werden die Quellen trotz der vielen Änderungen nicht müde uns zu sagen: 



Berichte und Bücheranzeigen. H,") 

Hagen begehrt Sigfrids Schatz. Das ist aber eine vollständige "Wiederholung des 
Attilamotivs. Der eine Schwager tötet den anderen Schwager, der bei ihm zu 
Gast ist, und der Zweck ist, sich des Schatzes, den dieser besitzt, zu bemächtigen" 
(1, 7). Um die Verbreitung des Motivs vom Schwagermorde, oder allgemeiner 
von Streit und Tötung unter Rechtsverwandten und Blutsverwandten einer Frau 
zu erweisen, dann aber auch, um Wiederholung als sagenbildendes Prinzip auf- 
zuzeigen, zieht Boer nun eine grössere Reihe von Sagen zum Vergleich heran, 
deren Gesamtcharakter sonst von der Nibelungonsage weit genug absteht: so die 
Finnsage und die Hildesage. Hagens Tod und Sigfrids Tod, diese Duplikate, 
vielleicht in zwei Liedern von der Art der Eddalieder geformt, verschmolz dann 
die weitere Sagenbildung zu der ironischen Geschichte von dem Goldgierigen, der 
zuletzt durch fremde Goldgier umkommt. Aber das Verständnis für diese 'Logik 
der Hagensage' ging wieder verloren, als noch später Mythisches auf Sigfrid über- 
tragen wurde und Brynhild in die Sage eintrat. Boers Behandlung der Brynhild- 
sage und was er über das vielerörterte Verhältnis Sigfrids zu den zwei Frauen 
vorbringt, verdient auch ausserhalb seines Gesamtzusammenhanges Beachtung. Die 
letzte Phase der Entwickelung brachte endlich das Geschichtliche, die Burgunder 
und Attila, in die Sage. Im ganzen also bedeutet Boers Aufriss der Sagen- 
entwicklung die ümkehrung des gewohnten: nicht Entwicklung zum Novellen- 
charakter hin, sondern Entwicklung vom Novellencharakter fort. 

Aber Boer fragt nicht nur der Entwicklung der Sage, sondern auch der Ent- 
stehung und Urform unserer Texte nach. Die Lücke im Codex regius, auf die 
Heuslers Arbeit in den 'Germanistischen Abhandlungen für H. Paul' erneut die 
Aufmerksamkeit gelenkt hatte, beschäftigt Boer hier eingehend. Zwei Lieder seien 
aus der Volsungasaga noch zu erschlicssen, das 'grosse' und das 'junge' Sigurds- 
lied. Von der Sigurdarkvida yngri, wie Boer sie sich denkt, vermitteln die scharf- 
sinnig zusammengestellten Teile der Parallelüberlieferung (1, 2(t]f.) jedenfalls ein 
greifbares Bild. Die Thidreksaga aber verarbeitet nach Boer ein sächsisches Lied 
von Grimhilds Rache und ein fränkisches Lied von Sigfrids Tod und dem Unter- 
gange der Nibelungen. Auch hier dringt Boer unerschrocken zu einer im einzelnen 
bestimmten Rekonstruktion vor (1, 214). Auf den gleichen niederdeutschen 
Quellen, wie die Thirtreksaga, beruhe aber auch das Nibelungenlied, und Boers 
Arbeit geht nun im zweiten Bande dazu über, Zug für Zug die Änderungen und 
Erweiterungen des Nibelungenliedes gegenüber den so erschlossenen Grundlagen 
aufzuzeigen. Der Abstand erweist sich noch als weit genug; Boer setzt mehrere 
Zwischenstufen an. Aber Oberdeutschland hat nur die letzte Rodaktionsarbeit 
geleistet; niederdeutsch ist sogar die Nibelungenstrophe; der Kürnberger lernte sie 
erst aus dem Epos. Ein ausgeführter 'Stammbaum der poetischen Überlieferung' 
resümiert die Ergebnisse der Textuntersuchung. 

Dass ein Buch des skizzierten Inhalts eine wissenschaftlich begründete Kritik 
nur in einer längeren Abhandlung erfahren könnte, liegt auf der Hand. Weil aber 
das Vorwort ausdrücklich auch zur 'Prüfung der Methode' auffordert, sei ein ein- 
faches Bedenken ausgesprochen, das dem Ref. beim Lesen der ersten Kapitel 
mehrfach sich aufdrängte. Boers 'analytische Methode' erschliesst Grundformen der 
Sagen von einer abstrakten Dürre, die es schwer macht, an die Lebensfähigkeit 
dieser Schemen zu glauben. Erst bei so rücksichtsloser Reduktion aber erscheint 
die Verwandtschaft der verglichenen Sagen. Sind wir aber wirklich bei'echtigt, 
geraeinsamen Ursprung von Sagen anzunehmen auf den Vergleichspunkt hin, dass 
beidemal der Rechtsverwandte einer Frau den Blutsverwandten tötet, oder ähn- 
liches? Kann sich das nicht unzählige Male zufällig ergeben, da jeder Erzähler 



II ß Lohre, Heusler, Scheel, Meyer: 

seine Personen als Gruppen einführt, weil das Leben die Menschen in Gruppen 
beieinander zeigt? Weshalb auch hier halt machen und nicht noch alle Stellen 
lieranziehen, wo Nachbarn und Freunde, irgendwelche von Haus aus auf Liebe 
angewiesene Personen streiten und sich töten? Je konkreter, aparter ein gemein- 
sames Motiv, um so beweiskräftiger für Abhängigkeit; je allgemeiner, abstrakter, 
um so weniger beweiskräftig. Logische Einfachheit garantiert nicht geschichtliche 
Ursprünglichkeit. — Der Verfasser hat vor kurzem einen dritten Band seiner 
Untersuchungen erscheinen lassen. 

Berlin. Heinrich Lohre. 



Arthur Bonus, IsUliKlerbuch III: Eiiiführuugs- und ErgäuzungsLand. 
Bedeutimg des altisläudischeu Prosaschrifttums. Mit einer Beilage von 
Andreas Heusler. Herausgegeben vom Kunstwart. München, Georg 
D. W. Callwey, 1907. YIII, 3G1 8. W. 4 Mk. 
Bonus schliesst seine Saga-Blumenlese (s. oben 17, 465) mit einem Bändchen, 
worin er seine in Zeitschriften veröffentlichten Essays über die isländische Saga 
vereinigt. Es ist erfreulich, dass man diese Aufsätze zu bequemer Benutzung bei- 
sammen hat. Gerade dass sie nicht von einem zünftigen Philologen herrühren, 
sondern von einem vielseitig gebildeten Schriftsteller, der auf seiner Wanderung- 
durch die Weltliteratur staunend und entzückt vor dieser nordischen Pflanze 
stehen blieb, dies gibt ihnen eine eigne Frische und Selbständigkeit. Bei den 
vielerörterten Streitfragen verweilt Bonus nicht; er geht dafür andern Fragen nach^ 
vergleicht diesen alten Realismus mit dem modernen, zeigt, wie die Gedanken 
der Saga in Ibsen und Björnson, der Verf. meint auch in Shakespeare, aufleben: 
er würdigt geistreich die beiden „Spannungen" in der Saga: die zwischen Charakter 
und Fatum (der rationalen und der irrationalen Triebkraft) und die zwischen 
fabulierender Buntheit und seelischer Innerlichkeit. Es gelingen Bonus viele 
"•lückliche Formulierungen; z. B.: „. . eine ethische Grundstimmung des Isländers: 
er will seinen Feind geehrt wissen" (S. 31); „In dieser Reihenfolge von Zeremonie, 
Gesetz und Sitte spiegelt sich bereits eine immer steigende Wertachtung der Frau" 
(S. 103); „Man hat den Eindruck aus den Geschichten, dass manchmal tagelang 
kein Wort gewechselt wird" (S. 272). Der Abschnitt S. 143—187, der sich um 
das Verhältnis von Prosa und Dichtung und um die Art des irischen Einllusses 
bemüht, lässt am meisten den sichern Griff des kundigen Literarhistorikers ver- 
missen. B. verkennt, dass die Strophen in den geschichtlichen Sagas zunächst 
nichts anderes waren als ein Teil des authentischen Erzählstoffes. Sie erlauben 
nicht, ein „Übergehen in völlige Versdichtung'" als möglichen Vorgang zu er- 
wägen; sie erlauben auch keine genetische Anknüpfung der Saga an eddische 
Erzählformen, die ihre Verse durch Prosasätze unterbrechen. Von irgend einer 
Herleitung der Sagaform aus der eddischen oder skaldischen Erzählweise kann 
nicht die Rede sein. Die Saga war — auf isländischem Boden — eine Ur- 
schöpfung. Hätte Bonus die zwei Begrilfe „Adelschronik" und „freie Vortrags- 
kunst" an die Spitze gestellt, so hätte er sich seine gewundenen Pfade erspart 
und die entscheidende Berührung mit der irischen Heroensaga eingesehen. 

Die im Titel gen. Beilage des Ref. besteht aus der Übersetzung dreier kleiner 
Stücke (zuerst im Kunstwart rJ07 erschienen). 

Berlin. Andreas Heusler. 



Berichte und BücheraDzeigen. 117 

Hermann Fischer, Grundzüge der deutschen Altertumskunde. (= Wisseii- 
>(li;ift und Bildung-, hsg. von Paul Herre 40). Leipzig-, Quelle und 
Meyer 1908. 130 S. 8". geb. 1,25 Mk. 

Die deutsche Altertumskunde selbst nur in ihren Grundzügen auf 1.3(> Oktav- 
seiten zu behandeln, ist ein Wagstück, dem sich nur ein so intimer Kenner 
altdeutschen Lebens unterziehen durfte, wie es Hermann Fischer ist. Das Büchlein 
tritt nicht etwa in Konkurrenz mit dem unvollendeten Riesenwerk Karl Müllenhoffs. 
dessen Namen es weiterführt, sondern will auf der Grundlage einer umfassenden 
Quellenkunde in populärem Ton das Leben unserer Altvorderen von den Urzeiten 
bis etwa an die Schwelle des eigentlichen Mittelalters zeigen. Es ist auch hier 
mit lebhafter Freude zu begrüssen, dass sich Gelehrte vom Range Hermann 
Fischers in den Dienst eines populären Sammelwerkes stellen, wie es die Bände 
von Wissenschaft und Bildung sind. 

Nach einem kurzen Vorwort über die Begrenzung des Begriffs der deutschen 
Altertumskunde folgen eine Reihe kleiner Abhandlungen . über die verschiedenen 
Lebensäusserungen und Lebensbedingungen unserer Vorfahren. Wir erfahren, wo 
sie wohnten, welche Reste ältester Kultur in Stein- und Bronzezeit noch jetzt 
Zeugnis ablegen für die Vergangenheit, wir werden eingeführt in ihr Land und 
die Art der Bewohner, ihre Häuser und Geräte, ihre Kleidung und Körperpflege, 
ihre Speise und Trank. Wir lernen die öffentlichen Verhältnisse in Staat und 
Recht, in Gewerbe und Handel kennen und durchwandern zuletzt die Domäne 
vernehmlichster Beschäftigung der Germanen, das Ki'iogswesen und die Bewaffnung. 
Auch die Götterwelt wird behandelt. 

Selbstverständlich können die weise beschränkten und abgerundeten Kapitel 
nur eine Auswahl aus dem gewaltigen Gebiet der deutschen Altertumskunde sein. 
Wer sich tiefer damit beschäftigen will, wird auf wissenschaftliche Werke ver- 
wiesen, unter denen ich neben Schröders Rechtsgeschichte gerade für die von 
Fischer behandelte Periode Brunners grundlegendes Werk ungern vermisse, wogegen 
mir für diesen Zweck hier Pauls Grundriss entbehrlich erscheint. 

Hervorgegangen ist das Büchlein aus Fischers akademischen Vorlesungen und 
Vorträgen, ich erinnere mich dankbar der Stunden, in denen ich als einer der 
ersten Hörer des nach Tübingen berufenen Gelehrten seine Vorlesung über deutsche 
Altertümer hörte, und möchte dem daraus erwachsenen Buche ein Wort des 
Gedenkens auf den Weg geben. 

Steglitz. Willy Scheel. 

R. Riegler, Das Tier im Spiegel der Sprache. Dresden und Leipzig, 
<'. H. Koch 1907. XX, 294 S. 8" (Xeusprachliche Abhandlungen aus 
ihm Gebieten der Phraseologie, Realien, Stilistik und Synonymik unter Be- 
rücksichtigung der Etymologie lisg. von C. Klöpper-Rostock, Heft 15 — 16). 

Eine reichhaltige Zusammenstellung von Metaphern wird immer interessant 
sein: freilich aber bleibt bei Rieglers Buch das Bedauern, dass es über diesen 
ersten Punkt nirgends hinausgekommen ist. Es fehlt völlig jeder Vorsatz zu 
kritischer Behandlung, und eine offenbare Übersetzung wird (z. B. S. 61) als 
'ähnlicher" Beleg aus anderen Sprachen gebracht. Es fehlt jegliche chronologische 
Scheidung, und die 'affenartige Geschwindigkeit' (S. 7) von 1.S6<; (Büchmann, 
21. Aufl.. S. G06) oder Bülows 'kaninchenhafte Fruchtbarkeit' (S. 80) stehen neben 



l]^ Mejer, Brauner, Mielke: 

uralten Metaphern. Es fehlt jede Vertiefung in die psychologischen Elemente der 
^Metaphorologie' (S. U7), wie denn auch bei sonst lleissiger Materialbenutzung 
zwar Brinkmann mit gerechter Anerkennung, aber weder Biese noch Josef Müller 
befragt sind. Äusserliche Termini wie 'Metonymie' müssen (z. B. S. 195) den 
höchst einfachen Vorgang verdecken, dass das um den Gürtel geschlungene Stück 
Katzenfell als 'Geldkatze' bezeichnet wird; wie denn überhaupt sehr seltsame Ei-- 
kläiungon auftauchen, z. B. für das Hasenpanier (S. 79: auf der Fahne der Feigen 
prangt der Hase, auf der des Tapferen der Löwe; wie kann der Hase beim Laufen 
das Schwänzchen in die Höhe recken, und wie kann ein Schwanz ein Panier sein?) 
oder für die couleuvre (S. 20-3; sollte die Schwangere nicht von ihren schwankenden, 
gleitenden Bewegungen benannt sein?).— Die Etymologie konnte wohl zu H. Schröders 
'Streckformen' (z. B. zu 'Schlaraffe' S. 10) noch nicht Stellung nehmen, hätte aber 
beim 'Werwolf (S. 39) bei der guten alten Bedeutungserklärung bleiben sollen. 
Beim Schweinigel (S. 18) ist das Stachelschwein, beim chauve-souris (S. 11 f.) der 
'Kalmäuser' (vgl. S. 6ö) gar nicht erwähnt. So fehlen denn auch durchaus Be- 
trachtungen, die in dieser Masse zerstreuter Einzelbeobachtungen orientieren 
könnten; und doch kennt R. selbst (S. G) die Mehrdeutigkeit einzelner Redens- 
arten. So kenne ich die Redensart 'seinem Affen Zucker geben' (S. '.») nur in 
alkoholfreier Verwendung: seiner Liebhaberei zu sehr nachgehen. Wie nah hätte 
ein kleines Gegenlexikon nach Schlagwortengelegen (vgl. z. B. S. '.'. 17. 185 u. und 
229 u.), oder völkerpsychologische Unterscheidungen (französische Tierscheltworte 
S. 133)1 Nicht einmal Belege für die auffallenderen Metaphern sind gegeben. 
Der Verf. ist eben ganz im ersten Stadium des Fleisses stecken geblieben, beim 
Sammeln; bis zum Verarbeiten hats nicht gereicht. 

Berlin. Richard M. Meyer. 



G. Schwaiites, Aus Deutschlands Urgeschichte. Leipzig, Quelle & Meyer 
um. 183 S. 8^ 1,40 Mk. (Xaturwiss. Bibliothek für Jugend und Volk). 
Eine fleissige und geschickte Zusammenstellung der Ergebnisse vorgeschicht- 
licher Forschungen in den letzten Jahrzehnten, belebt durch zahlreiche meist gute 
Textbilder und einige Phantasieschilderungen, die im Hinblick auf den gewünschten 
Leserkreis nicht getadelt werden sollen. Auch die übrige Ausstattung des Buches 
ist lobenswert. Dagegen erregt der wiederholte Hinweis auf Ausgrabungstechnik 
und dergleichen einige Bedenken, welche auch durch die am Schluss folgende 
Warnung vor Zerstörungen durch ungeübte Laienhände nicht ganz gehoben werden 
können. 

Im einzelnen sei darauf hingewiesen, dass die in Fig. 114 abgebildeten kleinen 
Tonöfen kaum zum Metallschmelzen, sondern zum Räuchern gebraucht worden 
sein dürften; dies Räuchern spielte noch in neuerer Zeit, z. B. in Litauen, eine 
ganz hervorragende Rolle bei der Heilung aller möglichen Erkrankungen. Sogenannte 
Mondbilder wie Fig. 120 sind wohl einfach als Kopfstützen anzusehen, die vogel- 
förmige Tonrassel Fig. 123 ist gewiss ein Kinderspielzeug und nicht eine 'Rassel 
zum Verscheuchen böser Geister'. Schliesslich erwecken die Fig. 131 — 132, Bei- 
gaben und Gelasse der 'nordischen Hallstatteisenzeit', die Vermutung, dass es sich 
um norddeutsche Funde handelt; der Ausdruck 'nordisch' wird sonst gewöhnlich 
■ auf ausserdeutsche Gebiete bezogen. 

Steglitz. K'i'-l Brunner. 



Berichte und Bücheranzeig-en. 119 

Alois John, Egerländer Heimatsbuch. Gresammelte Aufsätze. Eger, Selbst- 
verlag ]!)()7. 253 S. mit 7 Abb. 4 Mk. 
Alois John gibt in seinem Egerländer Heiniatsbuch neben landschaftlichen 
und literarischen Aufsätzen eine Reihe volkskundlicher Darstellungen, die es wegen 
ihres Inhalts verdienen, auch an dieser Stelle gewürdigt zu werden. Wenn auch 
das Egerländer Volk vielfach alten Anschauungen treu geblieben ist, so geht es 
doch gleichfalls grossen wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen entgegen, 
die viele volkskundliche Überlieferungen vernichten müssen. Die wissenschaft- 
liche Erhaltung, die John in seinen Aufsätzen: Das Fahnenschwingen der Fleischer 
in Eger, Der Streit zwischen Sommer und Winter, Sonnenwendfeier, Saat und 
Ernte im Egerlande, Eine aussterbende Kultur, Im Auszug, Die Egerländer Volks- 
tracht, Das Egerländer Volkstum und die Ursachen seines Verfalls, Die Ent- 
deckung des deutschen Dorfes mit der Absicht einer zeitgemässen Neubelebung 
alter Sitten literarisch einleitet, ist um so wertvoller, als der Verfasser vieles noch 
in seinen Kinderjahren aus eigener Anschauung kennen gelernt hat. Bei dem 
erstgenannten Aufsatz interessiert neben dem Gebrauch selbst, der ja bereits 
mehrfach geschildert worden ist (oben 17, 201), die Entwicklung des Gebrauches 
und nicht zuletzt seine Umwandlung in ein ausgebildetes Festspiel. Auch über 
das Kampfspiel zwischen Sommer und Winter liegen eingehende Mitteilungen von 
Mittler, Böhme, Schlossar, Vernaleken, Kuhn, Schwartz u. a. vor; was diese aber 
nach Dritten berichten, hat John noch selbst in den sechziger Jahren des vorigen 
Jahrhunderts erlebt. Darüber hinaus berichtet er über Bestrebungen zur Wieder- 
aufnahme dieses schon von Hans Sachs bearbeiteten StolTes. Dagegen ist die 
Sonnenvvendfeier mit ihren lodernden Feuergarben im Egerlande noch üblich; den 
verschiedenen Deutungen dieses alten Festes steht der Verfasser referierend gegen- 
über. Über Saat und Ernte bringt John wertvolle Mitteilungen bei, die sich auf 
die Veränderungen durch eine neue Wirtschaftsweise beziehen. Ein späterer 
Bearbeiter wird in diesen Zeugnissen, die man so oft vernachlässigt, ein wert- 
volles Material über die Umwandlung volkstümlicher Anschauungen durch die 
Arbeit finden. Es wird erheblich bereichert durch die Mitteilungen über die 
Flachskultur (Eine aussterbende Kultur). Schon der Egerländer Name 'Floua' 
= Flurfest deutet auf einen Zustand, in dem die Flachskultur über der des Kornes 
stand. Interessant sind auch die Verordnungen über die Ilockenstube, die mit 
den Verboten bereits im Ki. Jahrhundert einsetzen. Dass das Weben in einem 
dazu bestimmten Häuschen und von einem besonderen Dorfweber verrichtet 
wurde, ist ein auffallendes Zeugnis für die Umwandlung einer Hauskunst in einen 
Gewerbebetrieb und steht vermutlich mit den von Brentano (Vermischte Schriften) 
mitgeteilten A^eränderungen in Schlesien im Zusammenhange. 

In allen Aufsätzen sind wertvolle Mitteilungen für die Volkskunde enthalten. 
So sind -Im Auszuge' die festgesetzten Leistungen des Jungwirts an den Alt- 
sitzer vielfach im Wortlaute gegeben, die der Verfasser den Kontraktbüchern des 
Egerer Grundbuches entnommen hat. Die Nachrichten über die Trachten bilden 
wertvolle Ergänzungen zu den Arbeiten, die bereits in dem „Egerland" erschienen 
sind. Wenn der Verfasser den Verfall des Volkstums beklagt und den Ursachen 
nachgeht, dann wird es ihm nicht entgangen sein, dass ihm in einer ganz be- 
stimmten Weise Einhalt getan werden kann durch Männer, die, wie er selbst, im 
Dienste ihres Volkes stehen und ihm unermüdlich das geistige Erbe zu erhalten 
suchen. 

Charlotteuburg. Robert Mielke. 



120 Lucas: Berichte und Bücherauzeigen. 

Paul Friedländer, Herakles. (Pliilologisclie Untersuclmngen. heraus- 
gegeben von A. Kiessling und ü. v. Wilamowitz, Heft 19). Berlin. 
Weidmann, 1907. 185 S. 8^ 

Der Verfasser, Schüler von Wilamowitz, mit dessen Material zu arbeiten und 
dessen 'Gedanken weiterzudenken' er bekennt, gelangt zu Resultaten, die von denen 
seines Lehrers (in dessen vortrefflicher Ausgabe des euripideischen Herakles) in 
wesentlichen Punkten stark abweichen, ja, wenn richtig, sie urazustossen geeignet 
sind. Die überraschenden Ergebnisse P.'s sind in Kürze folgende: Der Kern der 
Heraklessagen, der Dodekathlos, ist nicht in der Peloponnes, sondern auf Rhodos 
gestaltet worden, vermutlich in dem Epos eines Vorgängers des Peisandros von 
Kamiros. Auch die spätere böotische Sage mit ihrer Vaterschaft des Amphitryon 
wird rhodischer Dichtung verdankt. Ein samischer Dichter (wahrscheinlich 
Kreophylos) hat die in Ätolien spielenden Heraklessagen (Acheloos u. a.) geschaffen. 
Die thessalischen Sagen stammen aus Kos, andre (Heraklidenzüge) aus Delphi. 

Die Stellungnahme zu diesen Ergebnissen hängt davon ab, ob man, was Ref. 
von sich ablehnt, die Bündigkeit der vom Verf. befolgten Schlussmethode an- 
erkennen will. Es ist die in neuerer Zeit in der griechischen Mythenforschung in 
Mode gekommene Schlussfolgerung aus den Namen. Es wird als selbstverständlicli 
angenommen (mit welchem Recht?), dass jeder griechische Eigenname nur einmal 
und an einem Orte gebildet worden ist. daher die daran haftende Sage an diesem 
bestimmten Orte zu lokalisieren sei. (Anders die nicht griechischen, z. B. etwa 
karischen Namen, wo solches gelten mag). Solche Methode ist aber trügerisch: 
man kann damit, wie auch dieses Buch für den kritischen Leser zeigen dürfte, 
beweisen, was man will. Gefällige Namen findet man immer; die andern, störenden, 
lässt man hübsch beiseite. Eine ausführliche Prüfung der vielen feinen Fäden 
des komplizierten Beweisgewebes verbietet sich an dieser Stelle. Wir wollen nur 
zwei Beispiele zur Veranschaulichung auswählen. 

Die böotische Sage von Kadmos muss im ionischen Kleinasien, bei Milet, 
entstanden sein (S. (il). Denn hier lag ja das Kadmos-Gebirge, hier 'wurzelt' also 
der Name! Aber es gibt auch einen Pluss des gleichen Namens in Epirus (Steph. 
Byz. s. V. Kaw./j'.avia). Auch der samothrakische Kadmilos darf dabei nicht ausser 
acht gelassen werden. Man könnte daher auch zu ganz anderen Polgerungen 
gelangen! — Oder die Elektrone, die F. (mit Wilamowitz) aus nicht ganz triftigen 
Gründen in dem argivisch-thebanischen Stammbaum an Stelle des Elektryon ein- 
setzt (S. 47f.). Das ist natürlich Alektrona, die in Rhodos ihren Kult hat. Also 
hat Theben seine Heraklessage fertig aus Rhodos bezogen! Doch kann mit dem- 
selben Recht der Name zusammengebracht werden mit der an vielen Orten 
Griechenlands (Kreta, Arkadien) vorkommenden Elektra. (Die thebanische Ödipus- 
tochter ist allerdings verhältnismässig jung). Und die durch so luftige Schlüsse 
gewonnenen Tatsachen sind auch merkwürdig genug: Der rhodische Dichter 
sollte bei der Gestaltung und Umarbeitung der Heraklessage, statt eigene rhodische 
Lokalheroen hineinzufügen, was doch eher begreiflich gewesen wäre, sich dazu 
verstanden haben, diese den ihm gleichgültigen Böotern schmeichelhafte Version 
zu formen! Und auf der andern Seite sollte Theben, das doch Grab und Kuh 
des Amphitryon und der Alkmene besass, mit der Ausbildung der thebanischen 
Lokalsage, die seine Heroen mit Herakles verknüpfte, auf das stammfremde Rhodos 
gewartet haben? Das glaube, wer mag! 

Doch sind die hervorgehobenen Bedenken mehr prinzipieller Art. Es darf 
noch zum Schluss, um keinen falschen Eindruck aufkommen zu lassen, mit Fug 



Notizen. 121 

hervorgehoben werden, dass die besprochene Arbeit für einen so jugendlichen 
Forscher eine wirklich tüchtige Leistung ist, dass des Verfassers vollkommene 
Beherrschung des schwierigen Materials, die Energie seiner Problemstellung zur 
Anerkennung nötigen; und wir wollen die Hoffnung aussprechen, dem Verfasser 
noch öfter auf diesem Gebiet mit bedeutenden, hoffentlich auch an Sicherheit xind 
Festigkeit der Beweisführung fortgeschrittenen Werken zu begegnen. 

Charlottenburg. Hans Lucas. 

Notizen. 

Beiträge zur Volkskunde, dem Verbände deutscher Vereine für Volkskunde im 
Oktober 1908 überreicht vom "Vorstand der Brandenburgia. Berlin 1008. 39 S. — 
Eutliält: E.Friedel, über die Notwendigkeit einer persönlichen Volkskunde. G. Albrecht, 
Kiuderlieder aus der Zauche. F. Wienecke, Sagen aus dem Dorfe Lögow bei Wildberg. 
Lebeussprüche aus der Grafschaft Ruppiu. W. v. Schulen bürg. Die Leipcr Steine und 
der liebe Gott als kleiner Junge. F. Weineck, Ein Plingstbrauch in dem Alteuburger 
Holzlaudc. Johannisfeuer. R. ÖNlielke, Schimpf- und Scheltworte. 

0, J. Brummer, Über die Bannungsorte der finnischen Zauberlieder, akademische 
Abliaudlung. Helsingfors 1908. lU + 153 S. 8". — Aus der gewaltigen Masse der 
linnischcn Zauberlieder greift B. KiOO Beschwörungen heraus und betrachtet die Orte, an 
die der Beschwörer die Krankheit verweist (einsame, unheimliche Gegenden, das dunkle, 
morastige Lappland, Hölle, Grab, die Heimat der Krankheit, Wasser, Steine, Wind, 
Bäume', um dann eine Vergleichung mit germanischen und andern europäischen Be- 
schwörungen vorzunehmen. Es ergibt sich aus der mit Sorgfalt und guter Methode ge- 
führten Untersuchung, dass die westlinnischen Krankheitsbannungeu durchweg germanisch- 
clu-istliclien Ursprungs sind und erst in Ostiinnlaud, Kiirelien und Ingevmaidand manche 
eigenartigen neuen Züge anfgenommen haben, wie Kirche, Schlachtfeld, Tiere, Schmerzens- 
berg und Schmerzensmädchen, malerische Schilderungen unter dem Einflüsse lyrischer 
und epischer Lieder. Eine irgendwie bedeutende Einwirkung estnischer und russischer 
Beschwörungen liegt nicht vor. 

A. de Cook en Is. Teirlinck, Kinderspel eu kinderlust in Znidnederland met 
Schemas en teekeningen von H. Teirlinck 8. deel: XVl. Tergspelletjes. XVIL Voor- en 
Kaspel. XVIII. Varia. Gent, A. Siffer 1908. 36G S. 8». — Mit diesem Bande geht das 
190-2 begonnene treffliche Werk über die vlämischen Kinderspiele, über das wir öfter 
berichtet haben, zu Ende. Wir erhalten hier vielerlei Xeckspiele, die auf einen Schlag 
oder Spott hinauslaufen, Spottreime auf Handwerker, Körpergebrechen, Vornamen oder 
Ortschaften, verfängliche Fragen, Gebetsparodien, Sprechübungen, Stabreime, Abzählverse, 
endlich Karten-, (iUicks- und Gesellschaftsspiele, dazu ein ausführliches Register. Finis 
coronat opus. 

A. de Cook, Spreekwoorden en Zegswijzen afkomstig van oude gebruiken en vMks- 
zeden. 2. herziene en vermeerderde druk. Gent, A. Hoste 1908. XII, 426 S. 8". — Das 
oben 16, 238 empfohlene, von der Genter Akademie preisgekrönte Werk, das die in 
vlämischen Sprichwörtern und Redensarten fortlebenden alten Bräuche durch historische 
und sprachliche Nachweise trefflich erläutert, erscheint hier beträchtlich vermehrt; der 
Vf. luvt die Zahl der Sprichwörter auf 571 gebracht und ein alphabetisches Register hin- 
zugefügt. 

Max Förster, Adams Erschaffung und Namengebung, ein lateinisches Fragment des 
sog. slawischen Henoch (Archiv für Religionswissenschaft 11, 477 — 529). — F. ordnet die 
zahlreichen slawischen, romanischen und germanischen Fassungen der Erschaffung Adams 
aus acht oder sieben Teilen in fünf Gruppen, die er auf eine verlorene griechische Fassung 
in dem zu Anfang unserer Zeitrechnung in jüdisch -hellenistischen Kreisen entstandenen 
Henochbuche zurückführt. Ebendaher stammt die Benennung Adams durch vier Engel 
nach den Himmelsgegenden Anatole, Dysis, Arctos, Mesembria. Man darf also in der 
Legende nicht mehr mit J. Grimm den Niederschlag einer germanischen Kosmogonie suchen. 



1-22 Notizen. 

L. Freytag, Über die Folklore des Aussatzes (Mitteilungen zur Geschic])te der 
Medizin und der Naturwissenschaften 7, 450-455. Hamburg, L. Voss 1908). 

A. van Gennep,Religions, moeurs et legendes, essais d'etlinograi)hie et de linguistique. 
Paris, Socit't(" du Mercurc de France liloS. 318 S. 8". ::'.,50 Fr. — Die Sammlung, die der 
gelehrte Herausgeber der Revue des etudes ethnographiques von seineu in den letzten 
fünf Jaliren erschienenen Aufsätzen zur Religionsgeschichto, Völker- und Sprachenkunde 
hier vorlegt, l)ezeugt seine Vielseitigkeit sowohl wie seine Gabe, die Forschungsresultate 
auf eine fassliche und knappe Formel zu bringen. Er erörtert teils selbständig Probleme, 
wie die Erzählungen von der jungfräulichen Geburt, Tabu und Totem in Madagaskar und 
anderwärts, heidnische Reste im christlichen Volksglauben, die Ablehnung der Königswahl, 
den Betrieb der Ethnographie, den Einlluss des Klimas, die Klassilikatiou afrikanischer 
und asiatischer Sprachen, die Weltsprache: teils berichtet er k'ritisiereud und ergänzend 
über Arbeiten von Andree (Votivgaben\ Dulaure (Phalluskult), Metzger (Christentum und 
Buddhismus), Pischel (Fischsymbol), Delehaye (Legenden), Herzog (Marienverehruug), 
Hackman (Polyphemsage), Gaultier (Bovarysme), Ed. Meyer (Anfänge des Staates), Wolt- 
luann (Germanen in der italienischen Renaissauce), Frazer (Grammatisches Geschlecht). 

R. Heidrich, Christnachtsfeier und Christnachtsgesänge in der evangelischen Kirche, 
nach den Akten der Konsistorien und der Überlieferung der Gemeinden. Göttingen, 
Vandenhoeck und Ruprecht 1907. VI, 194 S. 4,80 Mk. — Im protestantischen Nordosten 
Deutschlands ist seit dem Beginne des 17. Jahrhunderts, vielleicht auch schon früher, eine 
kirchliche Weihnachtsfeier üblich, die im Gegensatz zu den eigentlichen Weihnachts- 
dramen den Charakter eines Oratoriums trägt: ein aus verschiedenen Chorälen und Bibel- 
text zusammengesetztes Wechselgespräch des Engels, der Hirten uud der Gemeinde, 
vielfach Quempas (Quem pastores laudavere) genannt. Diese auch zu den evangelischen 
Polen gedrungene liturgische Feier, der sich bisweilen ein Weihnachtstern an der Orgel, 
eine von der Docke herabhängende Weltkugel oder verstelUiare Ilolzscheren mit Liclitern 
zugesellen, belegt H. aus 107 Orten und stellt sorgsam die Elemente der einzelnen Christ- 
gespräche fest. Für die historische Begründung hätten R. v. Liliencrons Geschichte der 
evangelischen Gottesdienste (1893) und einzelne Weihnachtsdramen (Mark. Forschungen 
18, 211) Material bieten können. 

T. C. Hodson, The Meitheis, with an introduction by Sir Ch. J. Lyall (published 
under the orders of the government of Eastern Bengal and Assam; illustrated. London, 
D. Nuttl908. XVII, 227 S. 8". 7/6. — Nach gleichem Plane wie Gurdons Khasis (oben 
1(5, 357) und Stacks Mikirs angelegt, behandelt diese Monographie über den in Assam 
im Manipur-Tale ansässigen Stamm der Meitheis ihre Verbreitung und Tracht, Be- 
schäftigung, Sitten, Religion, Volksüberlieferungen, Sprache. Ihre Sprache gehört zur 
tibeto-birmanischen Familie: die Balladen jedoch, welche die fahrenden Sänger (Iseisakpas) 
zur Fiedel (pena) vortragen, sind in einer älteren Mundart gedichtet. Drei solcher Helden- 
lieder sind S. 125 in Übersetzung mitgeteilt, das von Numit Kappa, der auf die Sonne 
schoss, das von Moirang und das von dem hartgeprüften Liebespaare Khamba und Thoibi, 
in dem z. B. das Wunder des blül)enden Stabes erscheint. Gute, zumeist farbige 
Illustrationen stellen Volkstypen, Denkmäler und Szenen aus den Heldenliedern vor. 

M. Höfler, Heilbrote (Zwanzig Abhandlungen zur Geschichte der Medizin, Fest- 
schrift, H. Baas gewidmet. Hamburg, L. Voss 19()8 S. 163-192). — Das Hasen-Ührl, ein 
Kapitel aus der volksmedizinischen Küche (Die Propyläen, Beiblatt zur Münchener Zeitung 
1908, 16. Dez. 6, 168f.). — Der Wecken (Philologische und volkskundliche Arbeiten, 
K. Vollmöller dargeboten. Erlangen, Junge 19(i8. 37 S. mit zwei Tafeln). 

E. John, Aberglaube, Sitte und Brauch im sächsischen Erzgebirge, ein Beitrag zur 
deutscheu Volkskunde. Aunaberg, Graser 1909. 259 S. 8". 3,60 Mk. — Fleissig uud 
anschaulicli trotz knapper Fassung schildert J. das Leben und Fühlen der Erzgebirgler in 
neun Kapiteln: Bauernhaus, Tracht, Geburt, Hochzeit, Volksmedizin, Tod, Jahresfeste, 
landwirtschaftliche Gebräuche, Tiere, Pflanzen und Naturersclieinungen. Sorgsam gibt er 
überall die Orte an. in denen er die Steinchen seines Mosaikbildes aufgelesen, und verweist 
zur Erläuterung auf die Arbeiten von Wuttke, E. H. Meyer und Mogk. So wird man 
neben vielen bekannten Zügen auch seltenere Bräuche, Redensarten und Lieder flnden: 
ich nenne nur die Segensformcln, die sieben Himmclsrirgel, die Feier der Cliristmette, 



Notizen. l-2^> 

das Depositionsfest der Posamentiere, die Wiegen-, Tanz-, liockeiistuben-, Kirmes-, Hirten 
und Drescherreime. S. l'J4 hätte der Verfasser der Chemnitzer Rockenphilosophie, der 
Zwickauer Apotheker .Joh. Georg Schmidt, mit Namen genannt werden sollen. Ein aus- 
führliches Register ist beigefügt. 

B. Kahle, Ortsneckereien und allerlei Volkshumor aus dem badischen Unterland. 
Freiburg i. B., F. E. Fehsenfeid 1908. 71 S. 1 Mk. (aus den Blättern des badischen Vereins 
für Volkskunde). — Aus Umfragen und aus Mitteilungen von Pfaff, Heilig, Haffner stellt 
K. zahlreiche Necknamen und Stichelschwänke zusammen, die sich auf die Lage und den 
Namen des Ortes, auf Hauptgewerbe, Lieblingsspeison, Gestalt, Tracht. Charakter, Sitten, 
Aussprache, Erlebnisse mit Tieren (Esel, Kuckuck) beziehen, Litaneien nachahmen, Mädchen 
oder Burschen, Schildbürgerstreiche oder einzelne Handwerke verspotten. Ein Anhang 
betrifft das badische Oberland. Einige Nachträge liefert 0. Heilig, Hess. Bl. f. Volksk. 
7, 1!)1— 195. 

E. Kalu'/niacki, Über Wesen und Bedeutung der volksetymologischen Attril)Ute 
christlicher Heiliger. 2.'! S. (aus der Jagic- Festschrift. Berlin, Weidmann 1;M)8). — Eine 
lehrreiche Liste von 79 Heiligen, denen der Volksglaube der Romanen, Germanen und 
Slawen ihres Namens wegen Heilkraft wider bestimmte ('bei zuschreibt: so wird Lupus 
und Wolfgang als Nothelfer wider die Wölfe, Valentin wider die fallende Sucht angerufen. 
Kinderspelen uit Vlaamsch ßelgii', verzameld door den Westvlaamschen onder- 
wijzersbond, tweede deel: S])elen zonder zang. Gent, A. Siffcr 190.'). 485 S. 8°. 4,50 Fr. 
— Diese P'ortsetzung der oben 1(>, 117 angezeigten Sammlung Ghesquieres ist laut S. 1 
von Jules Janssens redigiert und enthält in 19 Gruppen 585 vlämische Kinderspiele, 
sowie GG Abzählreime, dazu Zeichnungen und Melodien, doch keine Verweise auf auswärtige 
Varianten und Literatur. Die Sorgfalt der Beschreibung und die grosse Zahl der Spiele stellen 
dem patriotischen Sammeleifer der vlämischcn Lehrerschaft ein rühmliches Zeugnis aus. 

K. Krohn, Der gefangene Unhold (Finnisch-ugrische Forschungen 7, 129—184). — 
An Buggc anknüpfend, leitet K. die zuletzt durch v. d. Lcycn (s. oben 18, 048) behandelte 
Sage von der Fesselung des Höllenschmiedes, die armonisclie Erzählung von Amiran und 
die Bändigung des Fenriswolfes aus dem christlichen Berichte von Christi Höllenfahrt ab: 
auch für Lokis Fesselung und den Fang der Midgardschlange setzt er christliche Legenden 
voraus, die an Prometheus, Leviathan und Petrus Fischfang anknüpfen. 

E. Kück. Hirtengerät in der Lüneburger Heide (Der Schütting. ein heimatliches 
Kalenderbuch 1908, 74 f. Haimover, A. Sponholz). — Der Hahn im Lüneburger Volks- 
brauch. Lüneburg, v. Stern 1908. 10 S. (aus den Lüneburger Museumsblättern, Heft 5). 
Vgl. oben 18, 351 f. 

Das alte Berlin. Photographie und Verlag von F. A. Schwartz. Berlin, Leipziger- 
strasse 93. )>,50 Mk. — Die 3G Ansichtskarten, welche lauter Gebäude und Plätze Berlins 
vorfüliren, die während der letzten 40 Jahre niedergerissen und völlig umgestaltet sind, 
werden vielen Betrachtern, und nicht nur den geborenen Berliuern, eine Avertvolle Er- 
innerung an vergangene Zeiten bieten. 

Walliser Sagen, hsg. von dem Historisclien Verein von Oberwallis. Brig, 
Tscherrig & Tröndle^l907. 2 Bde. IX, 289. VI, 297 S. — Die zuerst 1S72 gedruckte 
Sammlung der katholischen Geistlichen Ruppen und Tscheincn, die sich durch Reichtum 
und Frische der .Überlieferung auszeichnete, erscheint hier durch die Herren Brindlcn, 
Amherd und Oggier aus dem inzwischen von eifrigen Forschern zusammengebrachten 
Vorräte erheblich vermehrt und ueu geordnet. Die 456 Nummern zerfallen in Landes- 
und Ortssagen, Legenden, Sagen von Schätzen, Zwergen, Spukgeistern, armen Seelen, vom 
Teufel, von Hexen und Zauberern nebst einem Anhange von Stücken in der Volksmundart. 
Eigentümliche Herbheit zeigen die Erzählungen von den wiederkehrenden Toten, von der 
Bannung der armen Seeleu in Gletscher (2, 150), dem Kinderspiel des Seelenwägens 
(1. 1(14), dem Mann-Bären (1, 182), dem eingesperrten Tode (1, 57): bemerkenswert ist 
ferner die als Pferd beschlagene Schmiedestochter (2, 252), der ewige Jude (1, l."'iS. 24.".), 
der Dialog zwischen Kind und Mörder (1. 238), die Klage des mit Verlust eines Auges 
vor dem Ertrinken Geretteten (1, 167: vgl. Montanus, Schwankbüclier S. ()38. G58. MüUeu- 
hoff. Sagen S. 57), die Bezeiclinung der Frauen als Ziegen (1, 205. Montanus S. G12) u. a. 
Wertvolle, echte Poesie des Alpenvolkes. 



224 Brunner: 

Aus den 

Sitzungs-Protokollen des Vereins für Volkskunde. 

Freitag, den 23. Oktober 1908. Der Vorsitzende, Herr Prof. Dr. Roediger. 
wies auf eine für November d. J. geplante litauisclie Ausstellung in Berlin hin, 
welche von dem Verein Frauenervverb 'Erda' in Verbindung mit dem Herrn 
Abgeordneten Pfarrer Dr. Gaigalat aus Prökuls veranstaltet werden soll. Dem 
verstorbenen Mitgliede (ieh. Sanitätsrat Prof. Dr. Lissauer widmete er warme 
Worte der Erinnerung. In kurzem Rückblick auf die am 2. bis '■>. Oktober hier 
stattgehabte Tagung des Verbandes deutscher Vereine für Volkskunde wies er 
darauf hin, dass als erster Punkt des Arbeitsprogrammes die Sammlung der Volks- 
lieder in Deutschland ins Auge gefasst sei. Herr Maler K. Holleck-Weithmann 
legte eine grosse Anzahl eigener Zeichnungen malerischer Winkel in den alten 
Stadtteilen Berlins vor, die er kurz erläuterte. Herr Professor Dr. H. Tiktin 
sprach über das rumänische Volk. Rumänien ist ein im nördlichen Europa wenig 
bekanntes Land. Die vorhandenen Reisebeschreibungen sind teils flüchtig, teils 
veraltet. Dennoch hat sich das Land in den letzten drei bis vier Dezennien zu 
einem Kulturstaat entwickelt. Als Quelle für ein besseres Verständnis des Volkes 
und seiner Zustände bietet sich seine Literatur, besonders aber das Volkslied dar. 
Letzteres zeichnet sich durch grosse Treue der Naturbeobachtung aus. Seiner 
geographischen Lage nördlich der Donau nach gehört Rumänien nicht zu den 
sogenannten Balkanstaaten Seine Bevölkerung von 5\'. Millionen spricht die 
dakorumänische Sprache, die auf das Lateinische zurückgeht. Die Urheimat der 
Rumänen liegt jedoch südlich der Donau. Im 12. Jahrhundert werden sie unter 
dem Namen Walachen zuerst erwähnt. Sie selbst nannten sich Rumänen und 
begründeten die Staaten Moldau und Walachei. Bald gerieten sie unter türkische 
Oberhoheit, von der sie erst durch den russisch-türkischen Krieg befreit wurden. 
Moltke berichtete seinerzeit, dass die Walachen schön und von grosser Gestalt 
seien, ein französischer Reisender Pritehard behauptete aber das Gegenteil. Die 
Wahrheit liegt in der Mitte. Nur die sogenannten Kutzowalachen sind ausnehmend 
stattlich. Das Volkslied beschreibt den Rumänen sehr treffend als brünett, schlank, 
in der Hautfarbe dem gebratenen Huhn gleichend, braunäugig, die Augenbrauen zu- 
sammenstossend unter der breiten Stirn, schweigsam und unbeholfen in der Rede. 
Die rumänische Frau hat ein ovales Gesicht, gute Formen, einen anmutigen 
elastischen Gang und vornehme Haltung. Die Volkstracht wechselt mannigfach 
in den Distrikten. Das Hemd ist immer rot bestickt. Es wird von den Männern 
über dem Beinkleide getragen, darüber Wams, Pelzüberwurf und auf dem Haupte 
eine Pellmütze. Bundschuhe und wollene Pusstücher ergänzen* den Anzug des 
Mannes. Bei den Frauen kommt noch der Schurz und ein leichter Schleier hinzu. 
Die durchaus im eigenen Haushalte mit beliebter Verwendung der Landesfarben 
blau, gelb und rot hergestellte Tracht ist reich und im allgemeinen geschmackvoll. 
Das Haus des Rumänen ist recht primitiv; es besteht aus Stube und Vorraum. 
Wände und Fussboden sind aus Lehm hergestellt. Die Fenster sind klein. Zur 
Ausstattung der Stube gehören Truhe, Webstuhl und Bänke an Stelle der Betten. 
Ein Tisch fehlt meistens. Der Vorraum dient als Küche, das Herdfeuer muss 
zugleich die Stube heizen. Oft zieht eine Veranda um das ganze Haus und man 
bewohnt sie bis tief in den Herbst. Zur Nahrung dient hauptsächlich ein kuchen- 
artiger Maisbrei und Schafkäse. Kartoffeln und Kohl sind unbekannt. Fleisch 
wird vom Bauern wenig genossen. Obwohl der Boden sehr fruchtbar ist, kommen 



Protokolle. 125 

doch häufig Missernten vor infolge des ungünstigen Klimas, das zwischen DUrie 
und unendlichem Regen schwankt. Der Dünger wird weniger zum Ackerbau als 
zur Heizung gebraucht. Der Rumäne ist gastfrei und stolz; Betteln gilt als Schande; 
in politischer Hinsicht ist er konservativ. Das Verhältnis der Geschlechter zu- 
einander besteht in strenger Unterordnung der Frau unter den Mann und die 
Schwiegermutter. Letztere charakterisiert das Sprichwort: 'Wie glücklich ist doch 
das Vögelein; es hat keine Schwiegermutter.' Die ländlichen Belustigungen 
belebt ein beliebter Volkstanz oder Reigen, der stundenlang getanzt wird. Auch 
paarweise wird getanzt; dagegen fehlen in der ungemischten Landbevölkerung die 
Rundtänze. Beim Tanze sind Gesänge und kurze Neckverse nach Art der 
Schnadahüpfeln sehr beliebt. Als Musikinstrumente dienen Flöte, Panflöte, der 
Dudelsack und die mit einem Gansfederkiel geschlagene Mandoline. Wie nicht 
anders zu erwarten, steckt der rumänische Bauer noch tief im Aberglauben. Dem 
bösen Blick wehrt er durch Besprechung; im Gewitter glaubt er Elias in der 
Wolke dahinfahren zu sehen; auch der Varapyrglaube ist noch im Schwange. 
Der rumänische Priester, meist ein wenig fähiger Bauernsohn, bietet einen 
ziemlich barbarischen Anblick; unbeschnitten wallt der Bart herab, das Haupthaar 
ist zu einem Zopf geflochten, und darüber ist ein krempenloser Zylinder gestülpt. 
Die Schule indessen macht Fortschritte, wenn auch die Eltern ihre Kinder nur 
ungern dazu anhalten lassen. Im ganzen steckt im rumänischen Bauern ein guter 
Kern, der gute Aussicht auf weitere Entwicklung bietet. — Herr Prof. Roediger 
dankte dem gelehrten Redner für seinen wertvollen Bericht und wies auf das von 
ihm bearbeitete rumänische Wörterbuch mit Anerkennung hin. 

Freitag-, den 27. November 1908. Herr Prof. Dr. Bolte teilte mit, dass der 
Vorsitzende des Vereins, Prof. Dr. Roediger, zum Geh. Regierungsrat ernannt sei. 
und beglückwünschte ihn namens des Vereins. Nach einigen kleineren geschäft- 
lichen Mitteilungen sprach der Unterzeichnete über 'neuere Gräberbeigabon" 
unter Vorlegung einiger Stücke aus der Königl. Sammlung für deutsche Volks- 
kunde. Aus vorgeschichtlicher Zeit sind in Deutschland vielfach sowohl in Skelett- 
gräbern als auch in Urnengräbern mannigfaltige Beigaben gefunden, die teils in 
Gebrauchsgegenständen, teils auch in Resten von Lebensmitteln bestehen. Unter 
den Gegenständen der ersteren Art sind zu nennen Kleider und Schmuck, Münzen. 
Tonwirtel, Nähnadeln, Scheren, Kämme, Gefässe usw. Diese Beigaben werden 
zuweilen so umfangreich, dass man von Schätzen sprechen kann. Eine Abart der 
Grabbeigaben sind solche, welche hier und da in der Erde schon bei Lebzeiten 
vergraben werden, um sich ihren Besitz nach dem Tode zu sichern. Das tun 
z. B. die Lappen. Wenn dieser Gebrauch auch in vorgeschichtlicher Zeit voraus- 
gesetzt werden dürfte, was unbedenklich ist, so ergäbe sich daraus eine weitere 
Erklärung der sogenannten Depotfunde. Für die Sitte der Grabbeigaben finden 
wir auch in neuerer Zeit noch reichliche" Parallelen. Besonders ist die Sitte, dem 
Toten eine Münze mitzugeben, vielfach bezeugt. Die Gründe dafür sind mannig- 
faltig. Während im klassischen Altertum der Obolos als Lohn für den Seelen- 
fährmann diente, sollte die mitgegebene Münze dem Christen dazu behilflich sein. 
Petrus und Erzengel als Türhüter des Himmels günstig zu stimmen oder die unter- 
wegs erforderlichen Abgaben zu bestreiten. Um den dunklen Weg ins Jenseits zu 
erleuchten, wird eine Münze zum Ankauf einer Fackel beigegeben oder auch, um 
den Platz in der Erde zu bezahlen. Auf Mund und Augen der Toten gelegte 
Münzen oder Steine sollen der Seele den Austritt zur Beunruhigung der Über- 
lebenden versperren. Die ursprünglichste Bedeutung der Totenmünze dürfte aber 
der Loskauf von der Verpflichtung sein, allen Besitz dem Toten ins Grab mit- 
zugeben. Hierauf weist noch die aus neuerer Zeit von den sogenannten Slowinzen 



]0(; Brumier: 

berichtete Sitte hin, Haare, Federn und Borsten der Haustiere als Vertreter der 
Tiere dem Eigentümer mit ins Grab zu legen. Die Beigabe von Kleidern und 
Schmuck, auch über die zur Tracht gehörige Zahl hinaus, ist aus Litauen bezeugt. 
Die Totenschuhe werden besonders Wöchnerinnen mitgegeben, damit sie unbehindert 
des verlassenen Säuglings warten können. Die Beigabe von Spinnwirtel und 
Spindel, von Scheren, Kamm, ^^ähnadel und Zwirn sind aus neuerer Zeit in 
Deutschland mehrfach bezeugt. Auch über die Mitgabe von Lebensmitteln, Genuss- 
niitteln und Getränken ist aus dem heutigen Litauen wiederholt berichtet worden. 
Einerseits zeigt sich in diesen alten Gebräuchen eine gewisse Pietät, andererseits 
' eine grosse Furcht vor der Wiederkehr des Toten und vor jeder Berührung seines 
Eigentums oder der in seinen letzten irdischen Stunden benutzten Geräte. Eine 
interessante Parallele zwischen Grabbeigaben der prähistorischen La Tene- Periode 
und solcher vom Jahre 18S0 ergeben neuere Grabfunde aus dem Königreich 
Sachsen, die in den Besitz der Königl. Sammlung für deutsche Volkskunde gelangt 
sind. Bereits A. Voss hat in der Zeitschrift für Ethnologie 1880 und in den 
Verhandlungen der Berliner anthropologischen Gesellschaft 1881 das La Tene- 
Gräberfeld von Pirna besprochen, wo einzelne Gräber ein Inventar aufwiesen, das 
nach dem noch 1880 in der dortigen Gegend (Lückendorf) herrschenden Be- 
gräbnisbrauche als Beigaben von Wöchnerinnen bestimmt werden konnte. Alles, was 
an Wäsche und Kleingerät zur Kinderpflege nötig schien, wurde noch 1880 einer 
im Kindbett gestorbenen Frau ins Grab gelegt. — Herr Prof. Bolte wies darauf 
hin, wie die rührende Sorge der verstorbenen Mutter um das zurückgelassene 
Kind bei Abelen Völkern in Lied und Sage geschildert werde. Herr Dr. Minden 
erwähnte einen Fall von Totenbeigaben jüngster Zeit aus der Umgegend von 
Berlin, wo einem gestorbenen Schreiber Zigarren in den Sarg gelegt worden waren. 
Herr Dr. Ed. Hahn wies auf den eigentümlichen Gebrauch hin, das Grab einer 
Wöchnerin mit einem Netz zu bedecken. Herr Soekeland bemerkte, dass sich 
vielfach in Dorfkirchen noch Zeugnisse für alte Volksgebräuche befänden, die bei 
Erneuerungen achtlos beseitigt würden. Auf die damals aufgeworfene Frage nach 
der Bedeutung des der Wöchnerin in Lückendorf mitgegebenen Handschuhs sei hier 
nachträglich erwidert, dass der Handschuh als Geldbörse für die mitgegebenen 
1-J Pfennige zu dienen hatte; das Geld wurde in die rechte Hand oder den rechten 
Handschuh getan, weil die verstorbene Wöchnerin den ersten Kirchgang nicht 
halten und das übliche Geldopfer nicht leisten konnte. - - Sodann sprach Fräulein 
Elisabeth Lemke über Ernstes und Heiteres aus Volkskreisen. Die in der Volks- 
kunde ihrer preussischen Heimatprovinz so bewanderte Verfasserin gab in lebens- 
vollen Schilderungen ein treffendes Bild der Denkart und Redeweise ihrer Lands- 
ieute auf den Dörfern Drastisch trat die Langsamkeit, ihres Denkens, ihre Offen- 
herzigkeit und Naivetät hervor. Bemerkenswert ist die Anhänglichkeit des Land- 
volkes an überlieferte Familiennamen, die sich in manchen Orten so häufen, dass 
z. B. IG Familien gleichen Namens in einem ostpreussischen Dorfe leben, deren 
Unterscheidung durch originelle Zusätze, zum Teil mit Bezugnahme auf Vor- 
fahren, ermöglicht wird. Mehrfach herrscht der Aberglaube, dass man nicht mit 
Schimmeln zur Hochzeit fahren dürfe, weil das den Tod aller Kinder bedeute. 
Auf Skapulimantie deutet der Ausspruch einer alten Frau, dass jedes Huhn und 
jede Gans ihre Zeit habe, wo alle ihre Knochen zu lesen seien. Auch im evan- 
gelischen Landvolke hat man eine grosse Meinung von der Macht des katholischen 
Geistlichen in bezug auf Heilkraft und Geisterbeschwörung. 

Freitag, den 18. Dezember 1908. Frau Professor Cäcilie Seier sprach über 
die mexikanische Küche, welche sie auf ihren Reisen gründlich kennen zu lernen 
Gelegenheit hatte. Man tut am besten, in jedem Lande die landesübliche Küche 



PrutokoUe. 127 

zu bevorzugen. lu Mexico ist sie recht konservativ; viele, ja die meisten Gerichte 
wurden bereits vor der Einwanderung der Europäer in derselben Weise bereitet. 
Die alten Mexikaner waren fast Vegetarier und lebten vor allem von Mais, sodann 
von Bohnen. Als Hauptgewürze dienen spanischer Pfeffer und Vanille. Obst 
wird jetzt angepflanzt, entartet aber leicht. Vorzüglich ist der mexikanische 
Kakao, der früher nebst Vanille als Tribut in die Hauptstadt geliefert wurde. Zur 
Versüssung benutzte man damals Honig; Zucker ist ein neuerer Ersatz dafür. 
Als Fleischnahrung diente früher ausschliesslich der einheimische Truthahn. Die 
Zubereitung des Maises geschieht auf vielerlei Art. Er wird gequetscht, der Mais- 
brei wird in Brotform (tortilla) gebacken und muss heiss gegessen werden. In 
der Stadt werden die erkalteten Tortillas nachträglich geröstet. Bei Festlichkeiten 
werden Klösse (tamal) aus Maisbrei und Truthahnfleisch gemacht; ferner stellt 
man aus Maisbrei Suppe und ein wässriges Getränk her. Zu der ebenfalls viel- 
fältig zubereiteten Bohne und zum Truthahnbraten gehört die Chile (Pfeff'er)- Sauce. 
Diesen Pfeffer fügt man fast allen Speisen zu, da er die Verdauung anregt. Von 
Gemüsen sind Tomate, Palmkohl, wilde Kartoffel und die jungen Triebe der 
Kaktuspflanze zu nennen. Die Bananen werden auch -mit Fleisch zusammen- 
gekocht und in mannigfacher Zubereitung genossen. Die Schokolade spielte schon 
bei den alten Mexikanern eine grosse Rolle und ist auch heute noch sehr beliebt 
und von vorzüglicher Güte. Der Kakao wird nicht entölt, und man liebt es die 
iSchokolade stark aufgequirlt zu geniessen; einige kunstvoll aus Holz geschnitzte 
Schokoladenquirle legte die Rednerin vor. Das beliebte Getränk Pulque wird aus 
dem Saft der Agave gewonnen, muss drei Wochen gären, dann aber binnen 
1'4 Stun'len verbraucht werden, weil es sonst verdirbt. Es ist sehr berauschend, 
aber bekömmlich. Es riecht nach Bierneigen, sieht milchig aus und schmeckt 
ähnlich wie Berliner Weissbier. Aus den Wurzeln der Agave bereitet man einen 
Schnaps. — Herr Prof. Seier wies ergänzend auf den in Mexico beliebten Hunde- 
braten und die Nessel als Gemüse hin. Herr Prof. Lehmann-Nitsche teilte 
mit. dass Tamal und Pulque (pulperia) auch in Argentinien bekannt seien. Der 
Vorsitzende erwähnte, dass im sächsischen Erzgebirge Nesseln dem Spinat hinzu- 
gesetzt würden, ohne den Geschmack zu schädigen; Herr Dr. Ed. Hahn, dass 
Nesseln von Albertus Magnus als Gemüse bezeichnet würden und dass junge 
Nesseln als Gründonnerstagsgericht vielfach in germanischen Ländern genossen 
werden, z. B. in Schweden. Herr Geheimrat E. Friedel zeigte einen aus Oder- 
berg in der Uckermark stammenden Alraun vor, der aus der Pimpinella-W^urzel 
gefertigt ist, welche man in Oderberg zu bestimmter Zeit feierlich auszugraben 
l^flegte. Alraune aus Mandragora -AVurzeln, von denen das Märkische Museum 
mehrere besitzt, w^erden jetzt nur noch in Kleinasien verfertigt. — Herr Professor 
Ludwig legte einige rumänische Rohseiden-Webereien und Stickereien vor. Herr 
Geheimrat Friedel wies bei dieser Gelegenheit auf die vom 20. Januar bis 
28. Februar 1909 in Berlin stattflndende internationale Ausstellung für Volkskunst 
hin. — Herr Prof. Dr. R. Lehmann-Nitsche aus La Plata hielt sodann einen 
längeren, mit interessanten Demonstrationen verknüpften Vortrag über argentinische 
Volkskunde. Argentinien, siebenmal so gross als Deutschland, wird nur von vier 
Millionen Menschen bewohnt, deren Volkstum eine Mischung von Indianer, Spanier 
und Neger charakterisiert. Der auf den weiten Pampas lebende Gaucho, der 
Repräsentant des argentinischen Volkes, vereinigt in seinem Charakter und Leben 
den Indianer mit dem mittelalterlichen Spanier. Die Frau lebte häuslich, und es 
herrschten patriarchalische Verhältnisse; die Kinder pflegte man in Spanien er- 
ziehen zu lassen. Das Negerelement ist im Rückgange begriffen, da Negerblut 
zur Tuberkulose disponiert. Zur Zeit des Diktators Rosas spielten die Negerinnen 



l-JS Brimner: Protokolle. 

eine gewisse politische Rolle, da sie als Wäscherinnen usw. in alle Häuser kamen 
und spionieren konnten. Eigentümlich war die Namengebung- bei den ehemaligen 
Sklaven und Freigelassenen; sie nahmen den Namen der Familie an, in welcher 
sie dienten oder gedient hatten. Auch afrikanische Elemente sind in die Sprache 
eingedrungen. Das typische Wohnhaus in Argentinien lässt sich auf das alt- 
römische Haus zurückführen, in der Grossstadt Buenos Aires aber, die fast den 
vierten Teil der Gesamtbevölkerung des Landes beherbergt, wird dieser Grundriss 
durch eine Halbierung oft ganz verballhornt. Die Ernährung des Volkes wird 
vorwiegend durch Hammelfleisch bestritten; Milch wird wenig benutzt, doch ist 
Obst beliebt. Bei Betrachtung der Volkssitten fällt es auf, dass Todesfälle von 
Kindern als Feste gefeiert werden, weil aus den Kindern ja Engel werden. In 
vergnügungssüchtigen Familien leiht man sich bisweilen eine Kinderleiche, um 
einen Vorwand für eine solche Feier zu haben. Die argentinische Volkstracht 
wurde an einem mitgebrachten Männeranzug veranschaulicht. Diese Tracht zeigt 
eine Vermischung deutscher, indianischer und spanischer P]lementc. Der schwarze 
Schlapphut wird nach dem französischen Marschall Schomberg Chambergo genannt, 
die schwarze, mit Verschnürungen besetzte Joppe und die weisse Unterhose sind 
spanisch, indianisch der schwarze Hüftenschurz, der von hinten nach vorn zwischen 
den Beinen hindurch hochgezogen wird, und der mit Silbermünzen und Silber- 
schloss geschmückte Ledergürtel, der oft einen bedeutenden Wert darstellt. Das 
interessanteste Kleidungsstück aber sind die aus natürlichen Pferdebeinen her- 
gestellten Stiefel, eine Art ürbekleidung, die bereits im klassischen Altertum 
bekannt war. Nach Entfernung der Knochen des Tieres lässt man das Fell in 
seinem natürlichen Zustande und schafft durch Abschneiden und Zunähen tler 
Spitzen einen brauchbaren Stiefel, der bis zum Knie reicht und dort mit Bändern 
um das Bein befestigt wird. Eine weitere Verbesserung war das Auflegen einer 
Sohle und die Aufschlitzung des faltenreichen Felles am Spann. Aus diesem Ur- 
kleidungsstück entstand auch die Hose. Endlich legte der Redner einen Rinds- 
knöchel vor, der in Argentinien zum Würfelspiel benutzt wird, doch so, dass nur 
zwei Seiten (culo und suerte) eine Bedeutung zukommt. — Frau Prof. Seier 
wies darauf hin, dass im Gegensatz zu Argentinien in Mexico das indianische 
Volkselement sehr stark sei, während das Negerelement fast ganz fehle. — Die 
Vorstandswahl wurde auf Vorschlag von Herrn Geheimrat Friedel durch Zuruf 
vollzogen und der bisherige Vorstand wiedergewählt; da jedoch Herr H. Ascher 
erklärte, sein Amt als Schatzmeister wegen Zeitmangels nicht fortführen zu können. 
wurde Herr Dr. M. Fiebelkorn durch Zuruf zum Schatzmeister gewählt. 

Steglitz. Karl Brunner. 

Die zweite Tagung- des Verbandes deutscher Vereine für Volkskunde 

fand am 2. und :3. Oktober 11)08 zu Berlin, unter dem Vorsitze von Prof. Dr. E. Mogk- 
Leipzig, statt. Über ihren erfreulichen Verlauf, die gehaltenen Vorträge und die in Sachen 
der Zeitschriftenschau, der Sammlung der V'olkslieder, der Zaubersprüche u. a. gefassteu 
Be.schlüsse erstattet die beiliegende Nr. S der Verbands -Mitteilungen genaueren Bericht. 

Nachtrag zu S. 92. 

Zu den oben angegebenen acht Fällen gesellt sich aus den KHM der Brüder Grinnn 
(Nr. 29) noch ein neunter: Der vom Schicksal bestimmte Freier einer Prinzessin wird 
als Kind von deren Vater in einer 'Schachtel' im Flusse ausgesetzt, um die Ehe zu ver- 
Inndorn. Dieser Fall bildet ein Gegenstück zu der malayischen Fassung oben S. Slf. 
Dort ist das ausgesetzte Kind die zukünftige Gattin, hier der zukünftige Gatte; der An- 
setzende ist in beiden Fällen ein König, dort der Vater, hier der Schwiegervater. 

Johannes Hcrtel. 



Das Yaterimser als politisches Kampfmittel. 

Von Gebhard Mehring. 



Es gehört zum Wesen der Parodie, dass sie ihre Wirkung' zum grossen 
Teil aus der Bedeutung des Stückes nimmt, dessen Nachbildung sie ist. 
Je allgemeiner dieses bekannt ist, um so grösser ist der Kreis derer, an 
den sie sich wenden kann. So erklärt es sich, dass politische Dichtung, 
die tief ins Volk eindringen will, gern religiöse Stücke parodiert, Kirchen- 
lieder, Bibeltexte, ganz besonders häufig aber das Vaterunser Von 
Parodien dieser Art hat R. M. Werner (Das Vaterunser als gottesdienst- 
liciie Zeitlyrik. Vierteljahrsschrift f. Literaturgeschichte 5, 1 — 49. 18'J2) 
eine stattliche Anzahl verzeichnet, dazu verschiedene unbekannte Texte 
mitgeteilt'). Aber noch immer liegt vieles in Handschriften da und dort 
v(M-l)orgen. und es ist zu hoffen, dass wir mit der Zeit auch noch von 
<l.Mn ersten (Gebrauch einer deutschen Vaterunserparodie Kenntnis er- 
halten. Im folgenden möchten wir als eine Art Nachtrag' zu Werners 
Sammlung und als A'orarbeit zu einer künftigen vollständigen Übersicht 
von einigen Funden .Mitteilung machen, die sieh als Nebenertrag ver- 
schiedener historischer Studien ergeben haben. 

Es lassen sich in der Hauptsache zwei Typen unterscheiden. Der 
ältere ist im 15. Jahrhundert zuerst nachweisbar und erscheint zu Anfang 
des 17. Jahrhunderts noch vor dem dreissigjährigen Krieg zum letzten 
Mal (von einer Ausnahme besonderer Art nachher). Mit den Worten des 
Gebets wechseln hier zeilenweise rein weltliche Reden ab, so dass 
„gleichsam das Lippengebet und die weit davon abliegenden Gedanken 
des Betenden nebeneinander ausges])rochen werden". Das bekannteste 
Beispiel dieser Art ist das sogenannte Reutlinger Vaterunser von 1515), 
dem Herzog Ulrich von AVürtteraberg in den Mund gelegt. Älter ist das 
Ulmer Vaterunser von 1486, das in den 'Geschichtlichen liiedern und 
Sprüchen Württembergs" (herausgegeben im Auftrag der württembergischen 



1) [Vfi'l. noch Hans Salats Vaterunser auf Zwingli (Salat, hsg. von Baechtold ISTG 
S. 1:5); Urban, Zs. f. österr. Volkskunde 5, 273 nr. 3; Müller, Siebenbürg. Korrespondenz- 
blatt 22, 25. 52. Weiter unten P. Beck, Satiren auf Tököly. — Zu den unpolitischen 
Parodien des Vaterunsers vgl. Holte, In dulci iubilo (Festgabe au K. Weinhold 18% S. 10t)) 
und Zs. f. vergl. Litgesch. 7, 4G3. Blümml, Deutsche Mundarten hsg. von Nagl 2, 175.] 
Zoitsclir. d. Vereins f. Volkskumie. 1909. 9 



]•>() Mehring: 

Kommission für Landesgeschichte von K. Steiff und G. Mehring, Nr. lö) 
zum erstenmal abgedruckt ist, bis jetzt das älteste bekannte Stück. In 
derselben Sammlung (Nr. 6^) steht noch ein zweites Beispiel, das Bruch- 
stück eines Vaterunsers von 154G auf den Ausgang des Schmalkaldischen 
Krieges. Die beiden Parodien aus dem Jahre 1607 vom Streit um Donau- 
wörth scheinen die letzten Vertreter des älteren Typus zu sein. Denn 
das von Werner (S. 7) vergeblich gesuchte Stück 'Neugemachtes Vatter- 
unser Friederich Pfaltzgrafen bey Rhein' von 1621 ist offenbar entw^eder 
identisch mit dem Heidelbergischen Vaterunser vom gleichen Jahr (Werner, 
S. 15) oder steht zu ihm im Verhältnis von Rede und Gegenrede, gehört 
also jedenfalls zum späteren Typus Nur ein einziger Fall aus späterer 
Zeit ist uns bekannt geworden. In der ersten Nummer der von Ludwig- 
Pfau in Stuttgart herausgegebenen satirischen Wochenschrift 'Eulenspiegel" 
(1848, S. 3) steht das unten mitgeteilte Schweizer Vaterunser. Es geht 
auf den Sonderbundskrieg und muss, nach Zeile 6 und 8 gegenüber 
Zeile 4, zwischen dem 22. November 1847, der Einnahme von Zug, und 
dem 24. November, der Einnahme von Luzern, gedichtet sein. An der 
Wiederaufnahme der alten, seit mehr als 200 Jahren verschollenen Form 
ist wohl Wilh. Hauff schuld, der 20 Jahre früher durch seinen Lichten- 
stein das Reutlinger Vaterunser berühmt gemacht hatte; an dieses knüpft 
der Schweizer Parodist offenbar an: 

Schweizer Vaterunser. 

Vater Unser 

Freiburg ist unser. 

Der du im Himmel bist, 

Zug mit einem Zug genommen ist. 
.0 Geheiligt werde dein Nam, 

Der Sonderbuud ist scbon an zwei Füßen lahm. 

Zu uns liomme dein Reich, 

Luzern das haben wir auch gleich. 

Dein Wille geschehe wie im Himmel also aucli auf Erden, 
10 Die vier andern machen uns nit mehr viel Beschwerden. 

Gib uns heute unser täglich Brod, 

Wir haben Geschütz für alle Noth. 

Vergib uns unsre Schulden, 

fremde Einsprach wollen wir nit dulden, 
lö Wie wir unsern Schuldigern vergeben, 

aber die Jesuiten sollen zur Hölle schweben. 

Führe uns nicht in Versuchung, 

denn Jesuiten gibts überall genung. 

Erlöse uns von allem Übel deßwegen, 
20 wir wollen gern selbst die Hände dabei regen. 

Denn Dein ist die Kraft und die Herrlichkeit 

und wir sind für unsere Freiheit zu sterben bereit 

In Ewigkeit. Amen. 

Der zweite Haupttypus, von dessen grosser Verbreitung wir zahlreiche 
Zeugen haben (Werner S. 12 ff.), verflicht die Worte des Gebets völlig- 



Das Vaterunser als politisches Kampfmittel. 13! 

in den Zusammenhang des weltlichen Gedichts, so dass sie dadurch oft 
einen ganz veränderten Sinn bekommen. Der Text besteht in der Regel 
aus Zweizeilern, wobei jede zweite Zeile in ein Wort des Vaterunsers 
ausgeht, so dass dieser „fortlaufende zusammenhängende Refrain" den 
ganzen Wortlaut des Gebets bildet. Das älteste Stück, das Werner kennt, 
(wenn wir von dem Gedicht von 1599 absehen, das den lateinischen Text 
des Gebets verwendet) ist das schon erwähnte Heidelbergische Vaterunser 
von 1G21, Eine ältere Bearbeitung enthält ein Sammelband der reich- 
haltigen Ulmer Stadtbibliothek (Allerhand gedenkwürdige Manuscripta I 
Nr. 87); die Niederschrift gehört noch dem 16. Jahrhundert an. Der Text 
weicht mehrfach von dem Wernerschen ab und zeigt durchweg die ältere 
sprachliche Form; dazu enthält er auch ein ganzes Stück mehr, die 
letzteu sechs Verspaare fehlen dem Gedicht von 1621 : 

Was gestalt das iiiderländisch Kriopsvolk mit den armen bawren und sie mit ihnen 
das Vatter Unser betten. 

Wann der Soldat zum Baureu geht eiu, 
grüeßt er ihn mit freundlichem Schein — V^atter. 

Denket ihm darneben jeder Frist: 

Baur, was du hast, das alles ist — unser. 

5 Derowegen antwort ihm der Baur: 

der Teufel füehrt dich heer, du Laur, — dc^r du bist. 

Sei gewiss, daß dich noch strafen würd 

der Herr, der oben auf regiert — in dem Himmel. 

Ich glaub, dal.) man kaum einen find, 
10 der aus disem verüuchtcn Gesind — gcliailiget wevd. 

Ach Gott, kein Übel ist auf der Erd, 

durch welches mehr gelestert werd — dein Nam. 

Ihr maistes Wort ist jedesmals: 

was der Baur hat, dasselbig als — zukomm uns. 

15 Ach lieber Gott, wann sie nur künten, 

zu blündern stets sich underwündeu — dein Reich. 

Wann du sie woltest all erschlagen, 

so würd die gmaine baurschaft sagen: — dein Will geschehe! 

Wann wir quitt wurden diser Pein, 
20 so künten wir recht frölich sein — wie im Himmel. 

Ich waiß nit, wo das Gsind hinghört, 

im Himmel zu sein seind sie nicht wert — also auch auf Erden. 

Sie nenimen unser Gut und Hab 

und schneiden uns vor dem Mund ab — unser täglich Brot. 

25 Daß wir sie all zu diser Nacht 

mögen erschlagen mit aller Macht — gib uns heut. 

Wir haben zwar alles woll verschuldt, 

nimb uns Herr wider auf zu Huld — und vergib uns. 

Dann wann die Leut lang bei uns pleiben, 
30 so werden uns ins Elend treiben — unsere Schulden. 



132 Mehring: 

Groben Mutwillen wöllens treiben 

und gleichsam ligen bei unsern Weibern — als auch wir. 

Was nun anschawen das Aug ihr, 

mießen wir alles umbsonst schier — vergeben. 

35 Von heuslichen Ehren sie uns treiben, 

machen, daß wir stets schuldig pleiben — unsern Schuldigern. 

Kainer kann brauchen die Rößlin sein, 

Ohu Underlaß haißts: Baur span ein — und führ uns! 

In unsern Heusern ist vil Fraßen, 
40 gar oft sie uns in d' Stuben laßen — nit ein. 

In unser Herz gar schmerzlich dringt, 

wann einer eim sein Weiblin bringt — in Versuchung. 

Herr, all die solch Übel treiben. 

Die laß in d' Läng nit bei uns pleiben — sondern erlöß uns. 

45 Die Frawen^) aber spar gesund 

und behüet sie auch zu aller Stund — vor allem Übel. 

Mit ihnen gar nichtz zu handien ist, 

sie achten mehr des Teufels List — dan dein. 

Unsere Güeter sein verpfändt, 
.'io an allen Orten wir schuldig seind. — Ist das reich? 

Sic schonen nit der Kindlein klein, 

Das Mark saugens uns auß dem Rain — und die Kraft. 

Kommen sie alsdan wider zu Haus, 

prachtieren sie und laßen herauß — die Herrligkait. 

55 Diß alles straf Herr mit Gewalt, 

laß sie ängsten den Teufel alt — in Ewigkeit. 

Darmit wir los seiu von den Dingen, 

so würd die ganze Mayerschaft singen: — Amen. 

Leider war uns eine sichere Datierung des Stücks nicht möglich. 
Die Handschrift, der es entnommen ist, enthält Aktenstücke, Brief- 
abschriften, Zeitungen und anderes, gesammelt von Dr. jur. Joh. Rudolf 
Ehinger von Balzheim zu Ulm im 16. Jahrhundert. Das Doppelblatt mit 
dem Vaterunser ist eingeheftet zu Berichten aus den Jahren 1598 und 1599 
über die Ereignisse im niederländischen Krieg. Der Sammler (voraus- 
gesetzt, dass der Einband gleichzeitig ist, was nicht unmöglich erscheint) 
hat offenbar einen Zusammenhang zwischen dem Gedicht und den Kriegs- 
berichten andeuten wollen. Wir werden trotzdem annehmen müssen, dass 
beide nichts miteinander zu tun haben. Denn in den Berichten ist nur 
vom spanischen Kriegsvolk und seinen Übeltaten in Niederdeutschland die 
Rede, während die Überschrift des Gedichts von niederländischem Kriegs- 
volk redet. Das kann nicht zusammenstimmen, und Ehinger ist hier 
durch den Gleichklang zu einem Irrtum verführt worden. Abgesehen 
davon, dass in dem Gedicht keinerlei niederdeutsche Sprachformen zu 



1) Lies: Frommen. 



Das Vaterunser als politisches Kampfmittel. 133 

finden sind, ist auch unzweifelhaft niederländisches Kriegsvolk so viel als 
'niederdeutsches', wie es z. B. durch den schmalkaldischen Krieg nach 
Schwaben geführt wurde und in Berichten der Zeit mehrfach erwähnt 
wird. Auch der Fürstenkrieg von 1552 brachte Niederdeutsche nach 
Schwaben, und zwar kamen sie beidemal vorzugsweise gerade in die 
Gegend von Ulm, wo Ehinger das Gedicht aufbewahrt hat. Der Zusatz 
der letzten 12 Zeilen mit der Doxologie setzt eine evangelische Bevölkerung 
als Publikum voraus, wie sie bei Ulm vorhanden war. Dazu kommt, 
dass gerade der dem Sammler Dr. Ehinger untergelaufene Irrtum der 
Datierung die Annahme verlangt, dass ein längerer Zeitraum zwischen 
dem Auftauchen des Gedichts und der erst in den letzten Jahrzehnten 
des Jahrhunderts angelegten Sammlung liege. So gelangen wir dazu, 
wenigstens vermutungsweise dieses Vaterunser um die Mitte des 16. Jahr- 
hunderts anzusetzen. Nicht aber die Entstehung des Ganzen, sondern nur 
der letzten sechs Yerspaare. Ursprünglich schloss das Gedicht ganz 
natürlich mit Zeile 46. Das Folgende ist nur ziemlich lose angehängt, 
wiederholt zum Teil die Gedanken, die schon vorher behandelt sind, ist 
aber nicht ohne eigenen Witz, wie Zeile 49f. beweist. Auch der Unter- 
schied von Zeile 58 mit der Bezeichnung Mayerschaft gegenüber Zeile 18: 
Baurschaft ist zu beachten. Endlich scheint noch der schwäbisch klingende 
Reim in Zeile 49f. auf einen Schwaben als Verfasser hinzuweisen, wodurch 
wiederum die Lokalisierung in der Gegend von Ulm unterstützt wird. 
Wann die älteren Bestandteile des Gedichts, Zeile 1 — 46, entstanden sind, 
darüber kann keinerlei Vermutung gewagt werden. Sie müssen aus 
katholischer Gegend stammen, w^enn sie erst nach der Reformation ent- 
standen sind; dass wir in ihnen schon die Urform des Typus haben, ist 
nicht anzunehmen. 

Auch das Hispanische Vaterunser in einer aus Nürnberg stammenden 
Handschrift von 1602, deren Kenntnis ich Herrn Professor Dr. Bolte ver- 
danke (Allerley sachenn Darin Geschriben Im Jahr vnnssers Herenn vnndt 
Haillanndts Jesu Christi 1602 A dy 10. Augusto Inn Nurmberg. Kgl. u. 
Univbibl. Königsberg Nr. 1918, Bl. 10), ist diese Urform nicht, obgleich 
es noch dem 16. Jahrhundert angehört und die Doxologie nicht umfasst. 
Als ein hochdeutsches Vaterunser, das von Spaniern redet, gehört es w^ohl 
ungefähr in dieselbe Zeit wie das vom niederländischen Kriegsvolk, ist 
aber gleich diesem nicht genauer zu datieren. Der Text ist offenbar 
durch mündliche W^eitergabe stark verändert und teilweise verderbt, auch 
die Niederschrift nicht ganz korrekt. Von Abweichungen ist bemerkens- 
wert und neu: 

17 Und so du sie all weist ersclilaj^en, 

da wurd der Baur und d' Bäurin sagen: — dein Will geschehe I 

31 Die Hauptleut und ir Musterschreibor, 

die liegen stets bey unsern Weiber — als auch wir, 



i;34 Mehring: 

und niueseu daiinocli wir zurhand 

solch Gsellen diese Sund und Schand — vergeben. 

47 Die Blnettunbt (1.: Bluethundt) aber all zugleich 
die füer der Teufel in sein Reich. Amen. 

Dieselbe Handschrift enthält (Bl. 69) dieses Vaternnser noch in einer 
Porni, die der des niederländischen Kriegsvolks näher steht und nur 
geringe Abweichungen zeigt, wie sie der Umlauf bewirkte; auch hier fehlt 
• die Doxologie. Für eine Datierung bietet der Text selbst, der nur die 
Überschrift: 'Ein Vatter unserr' trägt und keinerlei zeitliche, örtliche 
oder tatsächliche Andeutungen enthält, gar keine Anhaltspunkte. Er steht 
in der Handschrift zwischen einer Zeitung aus Venedig vom 9. August 1602 
über ein Erdbeben auf Cypern (Bl. 68b) und einer 'Tragedia Unnd 
(fesprech wie es Bischoff Neydthardten zu Bamberg In seinem Absterbenn 
Erganngenn Vnd wo Er nach seinem Todt hinkommen sey' von 1599. 
Es scheint kein Grund vorhanden, das Vaterunser für älter als seine 
beiden Nachbarn zu halten*). 

Ein weiterer Vertreter dieses Bauernvaterunsers, von dem Werner 15 
verschiedene Fassungen aufzählt, ist das aus Sachsen stammende 'Vatter- 
UQser der Oberschlesisch-, Sächsisch- und Böhmischen Baurschaft' von 1756, 
das in einer oberschwäbischen Klosterchronik im Staatsarchiv zu Stuttgart 
(Libri Praelatorum des Kl. Weissenau bei Ravensburg, Bd. 5, S. 245 f.) 
stellt. Es ist offenbar aus mündlicher Überlieferung (nur eben nicht in 
Schw^aben) geschöpft und hat dadurch manches abgeschliffen, auch einige 
Weiterbildung erfahren. Die ersten acht Zeilen sind dabei aus dem 
iambischeu in trochäisches Versmass übergegangen: 

Wo der Preuß nur kehret ein, 

heißt es zwar auf bloßen Schein: — Vatter. 

Sonstige Abweichungen vom oben mitgeteilten Text sind nicht bedeutend 
bis zur vierten Bitte (wir erwähnen Zeile 7f. : 

Es wird gewißlich strafen dich, der sowohl rieht dich als mich — in dem Hin)mel). 



1) Noch ist aus derselben Handschrift eine Variante des 'Vaterunsers wider den Papst' 
zu erwähnen (vgl. Werner, Vjschr. ö, 4): 

Ein Vatter unser wieder. 

Bapst unser Feind, der du zu Rohm bist, den jhrlichen Zins zu einer Beut, 

ewieg werd verdielgt dein Nani. auf «laß wir zahlen in Geduld 

Dein Reich gewaltig zerstört werd, den Leuten hiemit unser Schuld, 

welche du so prechtig fuerst auf dieser Erd. Und tir uns nicht in deinen Ban, 

Dein Wil nicht mehr geschehen soll damit du kniest mangen Manu. 

auf Erden so oder in der Hell, Sondern erlöß uns, daß wir frey 

darinen du ewig sietzen solt, Gott dienen ohn Abgotterey. 

weil du bleist ohn Reu und Buest. Den dein Reich, Kraft und Herligkeit 

Vor deinen Ablos gieb du uns heut sich enden soll in kurzer Zeit. Amen. 



Das Vaterunser als politisches Kampfmittel. 135 

Yon Zeile "23 ab geht es weiter: 

Sie trucken uns ohne alle Maas 
mit schreyen ohne Unterlaß: — Gib uns! 

Wann werden sie marchiren 

und wie tolle Hund crepieren? — heuet? 

Sie nehmen unser Gut und Haab, 

sie schneiden auch mit Waffen ab — unser täglich Brodt. 

Dis alles haben wir verschuld, 

darum wir bitten ja um Huld — und vergib uns. 

Sie thun uns sehr hart beschweren, 

daß wir täglich jezt vermehren — unser Schuld. 

D' Mädel seind gleich den Sautreiberen — 

und schlafen oft bei unsern Weibern — wie wir. 

Dis sehen unsere Augen hier, 

und dannoch müssen wir — vergeben. 

Das macht uns grosse üngedult, 

anbey wir zahlen unsre Schuld — unsern Schuldigern. 

Sein Pferdt ja niemanl brauchen kan, 

es heißt ja bständig, Baur spann an — und führ uns. 

Im Gsicht wir immer thun erblassen, 
weils Gelt im Beutel wird gelassen — nit. 

Das billich unser Herz durchtringt 

und manchen guten Hausmann bringt — in Versuchung. 

Herr lasse sie nit länger bleiben 

und ihre liaubereyen treiben — sondern erlöse uns. 

Mach doch dein Hilf uns allen kund 

erlöse uns zu diser Stund — von dem ('bei. 

Ach ja der Preussen thue nit gfahren, 

laß sie gschwind zum Teufel fahren. — Amen. 

Gleich aus dem folgenden Jahr stammt das 'Römisch Katholisclie 
Yatter Unser' von 1757, das in dem Gedenkbuch des Pfarrers G. F. Bezolt 
von Wildentierbach, Wflrtt. OA. Gerabronn (1734—1771. Handschr. des 
German. Museums in Nürnberg G 9510b) überliefert ist. An Stelle des 
'Soldaten' treten wieder die 'Preussen', an die des Bauern der Sachse; 
und wieder werden erst in der zweiten Hälfte, von Zeile 25 an, die Ab- 
weichungen des Textes von dem oben mitgeteilten erheblicher: 

25 Mach uns von diesen Schelmen frey, 

damit der Sachs auch l'rölich sey — gib uns heute. 

Churfürst, wenn wir dieses Jahr 

dir nicht gebn können Steuer dar, — vergib uns. 

Denn durch die Pein und große Qual 
30 bezahlen wir gnug allzumal — unsere Schuld. 

Die Preussn ja die Töchter raffn 

und frey bey unsern Weibern slaffn — also auch wir. 



-[gQ Mehring 

Ob wohl wir dieses klagen an, 

so müssen wir es doch sodann — vergeben. 

35 Uns solche Gäste nicht gefalln, 

der Teuffei hohl sie von uns alln — unsern Schuldigem. 

Wenn man kein Pferd mehr haben kann, 

so heist es: Sachs spann Ochsen an — und führ uns! 

Darzu sie uns noch übel klopffn 
40 vorschonen gar uns arme Tropffn — nicht. 

Bej ihnen thut man Mägd ausspührn, 

dazu auch fromm Weiber führn — in Versuchung. 

Bey uns o Gott laß doch nicht bleibu, 

die ein so gottlos Leben treibn, — sondern erlöse uns. 

45 Erhalte doch uns arme Leut, 

damit wir werden bald befreyt — von allem Übel. 

Darum o Gott ach führ geschwind 

von hier nach Preußn das Lumpen-Gsind. Amen. 

Eine besondere Stelle uimmt das verwandte 'Französische Vaterunser^ 

ein, das in Theodor Griesiugers Schwäbischer Familienchronik 185',', 

Xr. 7 Sp. 2i9— -221 mit der Zeitangabe 'Ans dem Jahr llßV und ganz 

neuerdings in der Berliner 'Deutschen Zeitung vom 8. Januar 1908 fast 

ganz wörtlich übereinstimmend als Schelmenvaterunser der Leute am 

Niederrhein aus den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts abgedruckt ist. 

Gerade die Zeile 31 f. und 37 f., die vom religiösen Standpunkt aus zum 

Anstössigsten in dem alten Text gehören, lauten hier besonders zahm und 

nicht ganz stilgerecht: 

Laugmüthig siehst o Gott die Pein, 

doch endlich schlägst du zornig drein — also auch wir. 

Ach Herr laß bald das Stündlein schlagen, 

daß wir den Hfid' von hinnen jagen — und führe uns. 

Die Behauptung einer redaktionellen Anmerkung bei Griesinger, dass 
'dieses alte Lied' damals in Schwaben vielfach, und zwar nach einer 
Kirchenmelodie gesungen worden sei, ist nicht sehr glaubhaft. Die 
Franzosen kamen ja damals gar nicht nach Württemberg, zur Verbreitung- 
des Textes im Volk oder aus dem Volk heraus war also keine Ver- 
anlassung. Vielmehr ist es wohl damit wie mit den andern Texten 
gegangen: sie wurden aus der Ferne mit sonstigen Nachrichten über- 
mittelt und von Chronisten und Sammlern aufbewahrt. Gerade von den 
hier mitgeteilten Texten aus dem 18. Jahrhundert dürfte kein einziger in 
Württemberg grössere Verbreitung gehabt haben. Auch nicht das bei 
Frust Meier, Schwäbische Volkslieder 1855 S. 181 f. abgedruckte Bruch- 
stück, dessen vollständigen Text gleichfalls die vorhin zitierte Chronik 
von Kloster Weissenau (Bd. 6, S. 336) unter dem Jahr 1779 enthält mit 
der Überschrift: 'Das Bayrische Bauren-Vaterunser, so dieselbe für die 
Kayserliche Soldaten betten'. Es stammt also aus der Zeit des bayrischen 



Das Vaterunser als politisches Kampfinittel. 137 

l'^rbfolgekrieges. Die bei E. Meier nicht gedruckten Zeilen sind wohl der 
Mitteilung wert: 

Sie wollen auch gleich wie die Affen 
30 sogar bey uusren Weibern schlafen — als wie wir. 

Trift einer ein schöne Würthin an, 

so wollt er lieber ihrem Mann — vergeben. 

Sie machen uns viel Angst und Müehe, 

ich wollt der Teufel bohlte sie — samt unsreu Schuldigmn 

35 Wan einer nicht mehr gehen kann, 

so heißt es: Bauer spann nur an — und fülir uns. 

Das müssen wir mit Schmerzen spühren, 

Das sie all unsre Mägd verführen — in Versuchung. 

Kayser, lindre diese Pein, 

laß uns nicht gar gequält so scyn — sondern erlöse unsl 

Führ doch hinweg die Krieges -Leut, 

so sind wir hier und dort befreut — von allem Übel. 

Und ■•• nn wir frey von diesen Plagen, 

so werden wir mit Freuden sagen: — Amen. 

Auf den bayrischen Erbfolgekrieg bezieht sich aucli ein mit diesem 
Vaterunser zusammen überlieferter 'Östreichischer Glaube', der nach dem- 
selben Muster die Worte des Apostolikums als fortlaufenden Refrain ver- 
wendet, aber da er als Versmass den Alexandriner verwendet, nicht un- 
mittelbar auf ein altes Vorbild zurückgtdit. 

Offenbar hatte das Jahrhundert der Aufklärung eine besondere Neigung 
zu solchen religiösen Parodien. Wir können zu den bisher mitgeteilten 
vier Beispielen noch drei weitere aus dieser Zeit hinzufügen: ein zu den 
Bauernvaterunsern zu zählendes von 17G9 aus Bayern und zwei ältere von 
etwas anderer Art, davon das eine wiederum aus Bayern, das andere aus 
Sachsen stammt. 

Was zunächst das Stück von 1769 betrifft, so steht es gleichfalls in 
der Weissenauer Klosterchronik (Bd G, S. 680). Dazu macht der Chronist 
die Bemerkung: Cantilena hec ni fallor tangit electorem Bawarum, sed 
suo modo etiam applicari potest rusticis in confinibus nostris sub iugo 
Austriae miserabiliter gementibus. 

Bayrisches Vaterunser. 1769. 

Sobald ein Uberreiter in ein Dorf eintritt, 
so spricht er gleich beim ersten Schritt: — Vater I 
Der Taback ist ehrenwerth, 

er ist aber ein geschwärzter, der gehört — unser I 
Der Schuster denkt in seinem Sinn, 
der Teufel hoU den Schelmen hin, — der du bist. 
In den so trüben Jammer- Tagen 
wir es dem lieben Gott nur klagen — im Himmel. 

Ich glaub nicht, daß man einen findt, 

der von diesem Schelmen -Gsindt — geheiliget werde. 



138 Mehriug: 

Nirgens auf der weiten Erden 

wird wie durch sie gelästert werden — dein Nähme. 

Die Eapee Stangen eingebindt 

wenn sie nicht versiegelt sind, — zukomme uns! 

Ach Herr, wenn ein solcher Hund 

zu visitieren sich unterstund — dein Reich I 

Herr wann du wolltest sie todtschlageu, 

so würden Bürger und Bauren sagen: — dein Will geschehe I 

Könnte kein Überrcuther zu uns herein 

so würden wir ohne Kummer sein — wie im Himmel, 

Ich weiß nicht, wo das Volk hinghört, 
nirgens ist es ehrenwerth, — als auf Erden. 

Sic wollen frey sein in allen Tagen, 

dan sie „zu fressen und saufen", sagen, — gib uns heutl 

Sie bringen uns um Guth und Haab 

und stehlen uns vom Munde ab - unser tägliches Brod. 

Ach Ciiurfürst, wenn wir dieses Jahr 

kein Steuer können geben dar, — vergib unsl 

Wan einst zu deiner Hilf uns alle Kraft gebricht, 
so glaub, es seye wahrlich nicht — unsre Schuld I 

Sie wollen hoch und nieder strafen 

und in unsern Hänsern schaffen, — als wie wir. 

Sehen wir unser Elend an. 

so sollen wir ihnen noch voran — vergeben. 

Ach Gott, was machen sie für Qual, 

den Rest ihnen der Teufel zahl, — unsern Schuldnern. 

In die Hände dieser Bernheuter, 

Jiands- Fürst, annoch weither — führ uns nicht. 

Sie bringen uns viel Schelmen herein, 

die von ihnen überschickt sein — in Versuchung. 

Gott laß sie nicht länger bleiben, 

thue sie aus dem Land vertreiben — und erlöse unsl 

Gib uns Taback nach Gelegenheit 

bewahre uns zu jeder Zeit — von dem Übel. 

Wir bitten dich samt Weib und Kind, . 

nimm hin das gottlos S])itzbuben-Gsind. Amen. 

Während dieses Stück in Friedenszeiten entstanden ist, stammen die 
beiden folgenden wieder aus Kriegsjahren. Sie sind untereinander nahe 
verwandt, behandehi aber ihr Thema nicht in Anlehnung an das Bauern- 
vaterunser. Das sächsische Stück steht in G. F. Bezolts Gedenkbuch; es 
entspricht der Lage Sachsens zu Anfang des siebenjährigen Krieges. Das 
bayrische ist uns von Herrn Dr. M. v. Rauch in Heilbronn mitgeteilt; es 
wendet sich an den Kurfürsten Karl Albert von Bayern, setzt dessen Wahl 
zum Kaiser (1742) voraus und gehört in die Zeit des österreichischen 
Erbfolo-ekrieo'es. 



Das Vaterunser als politisches Kainpfiiiittol. \'Sd 

Dieser zweite Text lautet: 

Das Bayrische A'atter uiißer. 

Churfürst du wärest unser Ehr*), 
wir sagen aber jetzt nicht mehr — Vatter unßer. 
Denn wer die Kinder läßt iu Pein, 
der ist ein Vatter nur zum Schein — der du bist. 
5 Du steiffest dich auf Frankreichs Macht, 
Theresia sucht bessre Kraft — im Himmel. 
Drum mach doch daß der Verbund 
beschwohren durch dein'n eignen Mund — geheiligt werde. 

Obschon dich Frankreich Kayßer schreibt, 
10 so scheint doch schwer, daß dir verbleibt — dein Nahmo 
Wir wünschen daß nach Krieg und Streit 
hinwiederum Glückseeligkeit — zu uns komme. 
Wo nicht so sehn in Grämen wir 
verlohren gehen lür und für — dein Reich. 

15 Der Ungar und auch der Croat 

will haben daß iu keinem Rath — dein Will geschehe. 

Die Römische Lande und die Krön 

wird dir noch werden wohl zu Lohn — im Himmel. 

In Ferdiuandi Testament 
20 Bist du zum König nicht ernennt — also auch auf Erden. 

Der unterspielende Soldat^) 

rufft, tracht und schreyet früh und spat: — gib uns iieut. 

Statt Goldes gibst du uns Papier, 

Ach Gott, wie sparsam essen wir — unßer täglicli l>rod. 
25 Wir wollen gern scyn blind und stum, 

allein der Feind verhindert, drum — vergib uns. 

Der Tambour bis zum General 

vermehren täglich durch die Qual — unßcre Schuld. 

Ist dann in dießer ganzen Welt 
30 ein Churfürstthum so schlecht bestellt — wie wir? 
Vor Armuth laufft man hin und her, 
der Himmel wird es nimmermehr — vergeben. 
In zwantzig Jahren wird dein Land 
zu zahlen nimmer seyn im Stand — unßere Schuldigem. 

35 Erhör doch unser Angstgeschrey 

und in die Französische Sclaverey — führ uns nicht. 

Dann Frankreich hat dich schon so sehr 

durchs Geld verführet mehr und mehr — in Versuchung. 

Von der Panduren Hand und Wuth 
40 und der Hußaren Übermuth — [erlös uns]^). 

Gott reich dir seine milde Hand 

daß du kommst wieder in dein Land! — Amen. 



1) Ehr ist wohl Lesefehler der Vorlage für HErr. 

2) Wahrscheinlich ist zu lesen: Der meisterspielende Soldat. 

.".) DieVorlage hat, offenbar unrichtig: von allem Übel. Es scheinen zwei Zeilen verloren. 



140 Mchring; 

Die sächsische Fassimg- ist durch folgende Abweichungen gekenn- 
zeichnet: 

Z. 1 Herr. Z. 5 Ostreichs Z. (5 Friedrich. Z. 9 Ob man dich jetzt oleicli König 
schreibt. Z. 10 mit Thränen. Z. 15 der preußisch ganze Krieges -Rath. Z. 16 in keiner 
Stadt. Z. 17 Der Sachsen Land und Pohlnisch Crou. Z. 19 Karl des Xllten z. 21 
Meister- spielende. Z. 30 Fürstenthum. Z. 36 in Östreicher Sclaverey. Z. 37 Östreicli. 
Z. o9f. Könnst du nur lassen Ostreichs Schein, so würdstu bald erlöset seyu — vom Übel. 
Z. 42 daß du darfst bleiben in dem Land. Amen. 

Noch sind zwei Stücke aus dem dreissigjährigen Kriege zu erwähnen, 
von denen das eine sich in den Aufzeichnungen des Dentschordensamt- 
manns J. L. Beringer in Neckarsulm, einer Handschrift des 17. Jahr- 
hunderts im Staatsarchiv zu Stuttgart, findet. Es spricht im Namen der 
böhmischen Stände zum Kaiser nach der Schlacht am weissen Berg. Der 
in Zeile 43 genannte Fürst von Liechtenstein ist der Statthalter, den der 
Kaiser in Böhmen einsetzte. Die vorgetragenen Bitten entsprechen so 
selir dem Inhalt der von den Ständen an den Kaiser gerichteten Eingaben^ 
dass sich das Gedicht als eine Versifizierung dieser Aktenstücke, natürlich 
von gegnerischer Seite, darstellt. 

Vaterunser, an Ihr Kaiserl. Majestät Supplikationsweis gemacht. 

Gnedigster Kaiser, König und Herr, 
wir bitten, du wollest noch sein der — Vater. 

Mit deinen Augen auf uns Armen 

gütig schauen und dich erbarmen — unser. 

5 Laß es nit gelten unsern Hals, 

kein mechtiger ist nit als — der du bist. 

straf uns nit als wie es wol gebürt, 

Gott dir alles vergelten würd — im Himmel. 

Wir wollen geben in einer Summ 
10 das geistlich Gut, daß es widerum — geheiliget werd. 

So wir der Bitt würden gewert, 

so würd in aller Welt geehrt — dein Nam. 

Zwar hat ein jeder an der That 

den Tod verschult, doch dein Genad — zukomme uns. 

15 So weiten wir zu Fuss und Pferd 

streiten, auf daß werde gemehrt — dein Reich. 

Hinfüro dienen mit Lieb und Freud 

und sehen, damit zue aller Zeit — dein Will gesche. 

Auf daß wir uns berühmen künden, 
20 daß wir bei dir unverdiente Gnad finden — wie im Himmel. 

Behüt Gott, daß wir nit alle zugleich 

verhaßt werden im Himmelreich — als wie auf Erden. 

Hat man uns doch schon alles genommen, 

daß wir jetzt mit harter Mühe bekommen — unser täglich Brot. 

25 Ach Kajser, erfreue die Gemüter, 

all unser gehabte Güeter — gib uns heut. 



Das Vaterunser als politisches Kampfmittel. 141 

Dan wir vernommen, daß man sie ausbit, 

frommer Ferdinand, auf dißmal nit! — vergib uns. 

Gar fill mit uns interessirt sein, 
30 dan das ist gewißlich nit allein — unser Schult. 

Sondern Hungern, Schlesien, Österreich, 
Mähren uns eben theten gleich — als auch wir. 

Die Sechzehner die wolten doch 

dich fangen und du hast inen noch — vergeben. 

35 Darumben laß uns auch Gnad bei dir finden, 

auf daß wir alsdan zahlen könden — unsorn Schuldigern. 

Unsere Chlappi jezunder Herren seiu. 

Unser Keiner darf sa<;en: Bauer span ein — und führe uns. 

Solten sie dan erst freyledig werden, 
40 so Heßens uns als ihre aigne Herren — nit ein. 

Dörfen uns noch wohl mit Gewalt bezwingen 

und vieleicht entlich noch wohl gar dahin bringen — in Versuchung. 

Darum, frommer Fürst von Lichtenstein, 

bitt den Kayser, kan es änderst sein: — Erlöse un.s. 

45 So wollen wir betten immerdar, 

daß euch Gott behüt und bewahr — vor allem Übel. 

Solches geb Gott, daß wir aus Noth 

auf das ehest werden erlöst vom Tod. Amen. 

(Tanz eigenartig ist das (lediclit, das in der oben zitierten Sanimlmig 
'Geschichtliche Lieder und Sprüche Württembergs' unter Nr. 118 ab- 
gedruckt ist und die acht Reichsstädte Ulm, Memmingen, Biberach, Lindau, 
Isny, Leutkirch, Ravensburg und Nördlingen nach der Schlacht am Weissen 
Berg 1621 redend einführt. Die erste Rede beginnt mit den Eingangs- 
worten des Gebets, in jede der sechs folgenden ist eine Bitte des Vater- 
unsers, bzw. in die siebente Rede die sechste und siebeute Bitte ver- 
flochten, während die letzte Rede mit der Doxologie endigt. 

Wieder neue Formen sind im 19. Jahrhundert aufgetaucht. So ver- 
arbeiten das Gebet in Prosa zwei Demokraten des Jahres 1848, der eine 
in der radikalen Heilbronner Zeitung 'Neckardampfschiff' Nr. 69 (Das neue 
Vaterunser zur jetzigen Zeit), der andere in dem Sozialrevolutionären 
Stuttgarter Organ 'Die Sonue' Nr. 187 (Das Unser Vater eines gefangenen 
Republikaners). Dahin gehören auch die 'Sieben Bitten' aus der Zeit 
der Verfassungskämpfe in Württemberg (1817/18), die im Jahre 1832 der 
Stuttgarter 'Hochwächter' wieder hervorholte. 

Mehr eine poetische Paraphrase als eine Parodie nach Art der seither 
angeführten ist dagegen das folgende Stück, das im Revolutionsjahr 1848, 
und zwar noch in der Zeit der ersten warmen und hoffnungsreichen Be- 
geisterung in zwei württembergischen Zeitungen (Ulmer Schnellpost Nr. 158 
vom 9. Juli, Stuttgarter Neues Tagblatt Nr. 164 vom 15. Juli 1848) abgedruckt 
wurde. Woher es stammt, haben wir nicht feststellen können. 



142 



Zachariae : 



Vater Unser! 

Vater, für dein j^Tosses Welteiireich 
liebst du Keines mehr und Keines minder, 
darum sind auf Erden Alle gleich. 

Der du bist im Himmel I — Du bist 
Zeuge, 
wie dein Volk in Schmach und Jammer irrt, 
du bist weise und gerecht, drum zeige 
uns den Weg, der bald zur Freiheit fülirt. 

geheiligt werde Herr dein Name — 
nicht durch Herrenthum und Sclaverei, 
nicht durch Pfaffen, denn sie sind der Same 
der verstocktesten Abgötterei! 

Zu ims komme bald dein Eeich der Liebe! 
denn die Brüder hat der Rang getrennt, 
segne du die heilig reinen Triebe, 
die oft nur das arme Volk noch kennt. 

Ja dein Wille, grosser Gott, geschehe! — 
der den Menschen unabhängig schuf; 
jeder Sclave fühle und verstehe 
seines Schöpfers Will und ernsten Euf. 

Wie im Himmel also auch auf Erden! — 
lieget vor uns der Vollendung Bahn; 



doch gelöst muß erst die Fessel werden, 
eh der Geist vollkommen werden kann. 

Unser täglich Brod gib uns auch heute! — 
wie einst unsern Vätern sorgenfrei, 
dass der Arbeitsegen nicht die Beute 
von Betrug und schnödem Wucher sei. 

Und vergib uns unsere Schuld! — ^Yenn 
rächend 
wir erheben unsre starke Hand 
und im Kampf das Sclavenjoch zerbrechend 
blutig färben unser Buudesband. 

Wie wir unsern Schuldigern vergeben! — 
die mit Hohn noch spotten der Geduld, 
dass nicht lange schon mit ihrem Leben 
büßen mußten sie die alte Schuld. 

Führe uns nicht in Versuchung, Vater! — 
wenn dereinst der grosse Tag erscheint, 
dass Verblendung an des Abgrunds Krater 
mit der Bosheit seine Kräfte eint. 

Sondern, Herr, erlös uns von dem Uebel! — 
führe uns zum Siege durch den Streit, 
dass das Unkraut sammt der giftgen Zwiebel 
untergehe bis auf Ewigkeit. — Amen. 



Die Neuzeit ist bei iius einer derartigen Verwendung des A^aterunsers 
nicht günstig. Sie hat in der Pressfreiheit ein sicherwirkendes Mittel 
gegen ein Überraass politischer Spannung, und sie hat in gewissen Gesetzes- 
paragraphen die Waffen, um den Gebrauch solcher Kampfmittel zu ver- 
hindern. Dass man sich anderwärts, in Russland z. B. 1903, ihrer ge- 
legentlich noch bedient, ergibt sich aus Zeitungsnachrichten. 

Stutto-art. 



Das A ogelnest im Aberglauben. 

Von Theodor Zachariae. 

(Vgl. oben 11, 277. 279. 462 f.) 



G. Hertel hat in dieser Zeitschrift 11, 272—79 aus zwei Magdeburger 
Handschriften eine Reihe von abergläubischen Gebräuchen mitgeteilt. Der 
erste Traktat, den Hertel exzerpiert hat, führt den Titel 'Tractatus de 
superstitionibus et miraculis' und rührt von einem gewissen Johannes 
Wuschilburgk her; der Verfasser des zweiten Traktates (Praecepta 
quaedam propter superstitiones) nennt seinen Namen nicht. Aus diesem 



Das Vogelnest im Aberglauben. 14?> 

zweiten Traktate führt Hertel folgende Stelle an: 'Wenn man ein Vogel- 
nest findet, die Mutter wegfliegen lässt, die Jungen aber behält, so bringt 
dies Glück und ein solcher wird lange leben" (8 270}. Hierzu hat 
H. Lewy bemerkt (oben 11, 462), dass dieser Aberglaube — dessen 
richtige Fassung wir alsbald kennen lernen werden — offenbar auf einer 
Bibelstelle (Deut. 22, 6. 7) beruhe, und dass nicht das Finden des 
Nestes oder das Behalten der Jungen die Hauptsache sei, sondern das 
Fliegenlassen der Mutter. Demgegenüber sei zunächst darauf hin- 
gewiesen, dass die Verknüpfung des Vogelnestaberglaubeus mit der Bibel- 
stelle Deut. 22, 6 keineswegs neu ist. Im Jahre 1835 gab Grimm im 
Anhang zu seiner Deutschen Mythologie S. XLIV einige Auszüge ans 
einem Traktat des Nicolaus Magni de Gawe über Superstitioneu, und hier 
findet mau, auf S. XLV (= D. M.* 3, 414), den Vogelnestaberglauben 
und zugleich einen Verweis auf Deut. 22. Man A'ergleiche jetzt Adolpli 
Franz, Der Magister Nikolaus Magni de Jawor (Freiburg 18!^)8) S. 171. 
Ferner gab Fr. Panzer 1855 in seinem Beitrag zur deutschen Mythologie 
•j^ 256—62 einen Auszug aus der Schrift ^De preceptis Decalogi' des 
Nicolaus von Dünckelspühel. Dieser Autor handelt, wie andere, ältere 
oder gleichzeitige Schriftsteller^), ausführlich über abergläubische Vor- 
stellungen und Bräuche bei der Erklärung des ersten Gebotes und 
erwähnt bei dieser Gelegenheit auch den Vogelnestaberglauben (s. Panzer 
2, 261) in Verbindung^) mit dem göttlichen Gebote Deut. 22, 6. 

^ Jetzt handelt es sich darum, die richtige Fassung des Vogelnest- 
aberglaubens festzustellen. Die Fassung, die Hertel oben 11, 279 mit- 
geteilt hat, kann unmöglich richtig sein. Vielleiclit ist die von Hertel 
exzerpierte, als 'schwer lesbar und zudem nicht ohne Fehler' beschriebene 
Handschrift (oben 11, 273) grade an der fraglichen Stelle fehlerhaft, um 
zu der richtigen Fassung zu gelangen, haben wir ein vorzügliches Hilfs- 
mittel, nämlich den eben genannten Traktat des Nie. von Dünckelspühel 
über die zehn Gebote. Wer die Auszüge, die Panzer 2, 257—62 aus 
diesem Traktat gegeben hat, mit Hertels Auszügen aus der zweiten 
Magdeburger Handschrift vergleicht, unter Hinzunahme der wenigen Sätze, 
die sich im Programm des Magdeburger Domgymnasiums von 1880 S. 54 f. 



1) Siehe Joh. Gcffckon, Der Bilderkatechismus des 15. Jahrhunderts (Leipzig 1855) 
S. 54, uni vgl. die Auszüge, die Schönbach iu dieser Zeitschrift 12, 3—14 aus dem 
Traktate De decem praeceptis des Thomas Eben dorfer von Haselbach gegeben hat. 

2) Der Vogelnestaberglaiibe wird auch von dem Discipulus (Joh. Herolt) bei der 
Behandlung des ersten Gebotes erwähnt, aber ohne einen Verweis auf Deut. 22. Nach 
Herolt ist es eine Vorbedeutung des Glücks und der Fruchtbarkeit, ein Vogelnest mit 
den Eiern, Jungen und der Mutter darauf brütend, zu finden. So richtig Joh. Geffcken, 
Bilderkatechismus S. 55 Im Original wird noch hinzugefügt: 'Huic [nido] autem tantam 
tribuebant virtutem integre rcseruato quod scilicet fecunditas et prosperitas a domo 
in qua custodiebatur numquam recederet ' (Discipulus de eruditione cristifidelium. 
cum thematibus sermonum dominicalium. Argen 1490: vgl. Hain Nr. 8521.) 



144 Zachariac: 

wörtlich abgedruckt finden, der wird sofort erkennen, dass die einzelnen 
Superstitionen nach ihrem Inhalt und auch nach ihrer Reihenfolge 
genau übereinstimmen. Ich möchte behaupten, dass die Magdeburger 
Handschrift nichts weiter ist als eine Abschrift desselben Stückes des 
Traktates De preceptis decalogi, das Panzer im Jahre 1855 nach Wimphelings 
Ausgabe der Traktate des N. von Dünckelspühel (Strassburg 1516) im 
Auszug gegeben hat. Möglich wäre es, dass die Magdeburger Hs. einige 
Zusätze hat, die bei Wimpheliug- Panzer fehlen. Jedenfalls trage ich kein 
Bedenken, Panzers Auszug zur "Verbesserung von Hertels Angaben zu ver- 
werten. Wenn Hertel z. B oben 11, 279 schreibt: 'Manche bewahren in 
ihren Schränken (? servitiis) einen toten Eisvogel (amiculam)', so ist 
hier, ausser dem mit einem Fragezeichen versehenen servitiis, auch 
amiculam auffällig^). Für servitiis wird mit Panzer 2, 261 scriniis zu 
lesen sein, und für amiculam ist einzusetzen: auiculam^). Und wenn 
man das, was Hertel oben 11, 27y über das Finden eines Vogelnestes 
aus der zweiten Magdeburger Hs. mitteilt, mit dem entsprechenden 
lateinischen Wortlaut*) bei Panzer 2, 261 vergleicht, so ergibt sich mit 
Sicherheit, dass die richtige Fassung des Yogelnestaberglaubens diese ist: 
'Wenn man ein Vogelnest findet [mit einer auf Eiern oder Jungen sitzenden 
Mutter], und wenn man die Mutter nicht wegfliegen lässt, sondern das 
Nest samt Mutter, Eiern oder Jungen behält, so bringt dies Glück'. 
Diese Fassung stimmt ja auch durchaus zu der, die Hertel oben 11, 277 
(vgl. Lewy S. 463) aus Wuschilburgks Traktat angeführt hat: 'Wenn einer 
ein Nest findet mit dem brütenden Weibchen oder mit Jungen und es 
bei sich verwahrt, von dessen Hause wird Fruchtbarkeit und Überfluss 
niemals w^eichen'. Als Quelle für diesen Aberglauben zitiert Hertel eine 
Stelle aus dem Tractatus de fide et legibus des Wilhelm von Paris*). 



1) In der Handschrift steht: aiiiiculam vul<iariter E^^svos^hel nuuciipatam (vgl. das 
oben zitierte Programm S. 54'. Zur Sache vgl. Wuttke § 1G4: 'Ein Eisvogel (Alcedo) 
im Kätig gehalten ist ein Glücksgeist für das Haus'. Vintler, Pluemen der Tugcnt7759: 
,ünd vil die wellen den eisvogel haben' (dazu die Anmerkung von Zingerle). Schönbach, 
Zs. für die österr Gymnasien 31, 379. Geffcken, Bilderkatechismus, Beilage 9, S. 113. 
R. Cruel, Geschichte der deutschen Predigt im Mittelalter S. G20. 

2) Umgekehrt lässt Hertel S. 279 richtig gewisse Geister (numina quedam) die 
Häuser besuchen usw., während bei Panzer 2, 2G2 fälschlich 'muma quedam' gedruckt 
steht. Siehe schon A. Franz, Der Magister ISikolaus Magni de Jawor S. 172 Anm. 

'd) Apud eos [idolatras] uniis fuit error de inventione nidi cum matre incubante ovi«, 
ant puUis tali enim tantam attribuunt virtutem, quod si quis invenerit et sie custodiret 
ut matrem abire non sineret sed totum servaret, iccunditas ac prosperitas a domo eins 
nunqiiam recederet: et illi stulticie sie crediderunt, ut nidum huiusmodi unusqui.sque (|ui 
eum inveniret tanquam causam sue prosperitatis ac fecunditatis ac temporalis abundantie 
custodiret. 

4) Um Verwechslungen vorzubeugen, ist es besser, den Autor als Wilhelm v. Auvergne 
zu bezeichnen. Da Hertel sagt, dass er näheres über Wilhelm nicht anzugeben vermöge, 
so will ich hier verweisen auf A. Franz, Nikolaus Magni S. 159. 195 [Theolog. Quartal- 
schrift 88, 430. 1906], auf das Kirchenloxikon von Wetzer und Weite" 12, 158(i ff., auf 



Das Vogelnest im Aberglauben. 145 

Dies ist nämlich der Autor, den Wuschilburgk, nach Hertel oben 11, 272 f., 
vorzugsweise exzerpiert hat. Wuschilburgk nennt den Wilhelmus Parisiensis 
ausdrücklich. Freilich daraus, dass er ihn zitiert, folgt noch nicht, dass 
er die Werke des berühmten Pariser Theologen gekannt und benutzt hat. 
Wuschilburgks Hauptquelle kann eine andere gewesen sein. Es ist ja 
eine bekannte Tatsache, dass die mittelalterlichen Autoren ohne Skrupel 
ganze Stücke aus älteren Schriften entlehnen, dass sie dabei wohl diesen 
oder jenen Autor zitieren, das meistbenutzte Buch eines Haupt- 
autors aber nicht^). So hat, um ein naheliegendes Beispiel anzuführen, 
Wilhelm von Paris in seinem Traktat De immortalitate animae die gleich- 
namige Schrift des Spaniers Gundissalinus ausgeschrieben, ohne sie zu 
nennen^). Ich möchte behaupten, dass Wuschilburgks Hauptquelle der 
Tractatus de superstitionibus des Nicolaus Magni gewesen ist, von dem 
A. Franz in dem oben zitierten Buche S. 163 — 191 (vgl. besonders S. 182 ff.) 
eine ausführliche Analyse gegeben hat. Wie derselbe Gelehrte auf 
S. 255— 204 gezeigt hat, war der Traktat des Xicolaus ausserordentlich 
verbreitet. Franz weist nicht weniger als 58 Handschriften nach. Man 
kann seiner Liste noch die drei Hss. hinzufügen, die GeflFcken, Bilder- 
katechismus S. 54 erwähnt. Auch in Erfurt befindet sich nach Franz 
S. 261 eine Handschrift, d. h. an dem Orte, wo nach Hertel S. 272 
Wuschilburgks Traktat wahrscheinlich entstanden ist. Den Beweis, dass 
Wuschilburgk die Schrift des Xicolaus ausgeschrieben hat, kann ich mit 
dem mir vorliegenden Material nicht führen. Doch will ich wenigstens 
darauf aufmerksam machen, dass alles, was Wuschilburgk aus Wilhelmus 
Parisiensis anführt, auch bei Nicolaus Magni vorkommt. Ich leugne im 
übrigen nicht, dass Wuschilburgk ausser der Schrift des Nicolaus noch 
andere Quellen benutzt hat. 'Selbständige Mitteilungen' (Hertel S. 273) 
finden sich schwerlich in Wuschilburgks Kompilation. Ja sogar das 'eigene 
Erlebnis' (Hertel S. 273. 277), die Erzählung von dem Kreuz in der 
Bamberger Diözese, das der Verfasser selbst gesehen haben wilP), kann 
von ihm irgendwoher entlehnt worden sein. Icli erinnere an einen Fall. 



Lecoy de la Jlarche, La chairc franQaise au nioyen age '■^ p 6G — Tu, auf die Histoiro 
litteraire de la France lö, 357 - 85 und vor allem auf das Buch von Noel Valois: Guillaume 
d\Auvergne, eveque de Paris (1228—1249), sa via et ses ouvrages, Paris 1880. Mehrere 
Stellen aus .<Tuilielmus Alvernus werden von Grimm zitiert ij). M. - 2Go. 1012.) 

1) Anton E. Schönbach, Studien zur Geschichte der altdeutschen Predigt 7, 14. 

2) A. Franz, Der Magister Nikolaus ]\Iagni de Jawor S. 160, Anm. 4. Auch den 
'Führer der Verirrten' des Maimonides hat Wilhelm in ausgiebigster Weise benutzt Siehe 
J. Guttmann, Die Scholastik des 13. Jahrliunderts in ihren Beziehungen zum Judentum 
und zur jüdi.schen Literatur (Breslau 1902) S. 22. Ich komme darauf zurück. 

3^ Das interessanteste in dieser Erzählung ist der Satz: Alte Weiber sagen, dass 

Bilder erst 60 Jahre nach ihrer Herstellung Kraft erhalten. Wie alt ist wohl 

dieser Glaube? Er findet sich schou bei Wilhelm von Paris (De fide et legibus, Pars 8, 

cap. 1: Dicuut [vetulae] omnes ymagiues sexagesimo anno a factione sua virtutem sortiri). 

Zeitsclir. d. Vereins f. Volkskunde. 1909. 10 



l^Q Zachariae: 

den Fr. Jostes^) aus Licht gezogen hat. Der Prediger Gottschalk Hollen 
erzählt, er habe eine alte Frau gekannt, die der Sonne göttliche 
Verehrung zollte usw. Genau dasselbe erzählt aber schon der etwa 
:>0 Jahre ältere Xicolaus Magni mit denselben Worten: 'Novi unam 
vetulam, que credidit solem esse quasi deanr etc. Vermutlich haben 
beide, Nicolaus und Hollen, aus einer älteren Quelle geschöpft'''). 

Wollen wir über das Verhältnis des Vogelnestaberglaubens zu der 
Bibelstelle Deut. 22, 6 ins klare kommen, wollen war ergründeo, ob der 
Aberglaube wirklich, wie Lewy meint, auf dieser Bibelstelle beruht, so 
müssen wir uns an die Quelle wenden, die von Nicolaus Magni und 
Wuschilburgk zitiert wird: an den Tractatus de fide et legibus^) des 
Wilhelm von Paris. Dieser Autor spricht an zwei Stellen seiner Schrift 
von dem Aberglauben, der uns beschäftigt, nämlich, ausser der von Hertel 
oben 11, 277 angeführten Stelle, auch und zwar zuerst im ersten Kapitel 
des sechsten Teiles. Eine Reihe von Vorschriften des jüdischen Gesetzes 
kann man, so führt Wilhelm hier aus, nur dann verstehen und wüirdigen, 
wenn mau die Absicht des Gesetzgebers, das Volk Israel vor Götzen- 
dienst und Aberglauben zu schützen, erwägt*). Bei dieser Gelegenheit 
bespricht Wilhelm auch die so oft behandelte, bis auf den heutigen Tag 
noch nicht sicher erklärte Bibelstelle Deut. 22, 6. 7. Da er sehr weit- 
schweifig ist, so will ich mich auf die Wiedergabe des Auszuges be- 
schränken, den Dionysius Carthusianus (Dionysius Rickel) von Wilhelms 
Worten gegeben hat. Danach lautet Wilhelms Erklärung wie folgt: 



1) Zeitschrift für vaterländische Geschichte uud Altertumskunde 47, 1, S. 8Tff. Vgl. 
Grimm D. M. \ Anhang S. XLIV. A. Franz, Der Magister Nikolaus Magni S. 170 Anra. 2. 

2) Nicht anders verhält sichs mit einer Geschichte, die Holleu mit den Worten 
,novi quandam mulierem' einleitet, und die ebenfalls von Jostes, Zs. 47, 1 S. 93 mit- 
geteilt worden ist. Eine Frau leidet an einem Augeuübel und lässt sich von einem 
Schüler einen Brief gegen das t'bel schreiben. Sie trägt den Brief und wird gesund. 
Endlich öffnet sie den Brief und lässt sich den Inhalt vorlesen. Der Brief enthält un- 
bekannte Worte und undeutbare Zeichen: am Schluss aber steht: Diabolus eruat tibi 
oculos et proiiciat te in lutum! — Dieselbe Geschichte wird besser und ausfühi-licher von 
Joh. Herolt bei der Auslegung des ersten Gebots erzählt. Hier sind es drei Frauen 
(Bürgerinnen, civissae), die von einem Augenübel befreit werden. Der Zettel (cedula), 
den sie alle drei nacheinander tragen, enthält die Worte: Diabolus tibi eruat oculos et 
lutum tibi proiiciat in foramina! Ähnliche Geschichten erzählen Wuttke § 510 
(aus Würtemberg) und Liebrecht, Zur Volkskunde S. 340 Nr. 212 (aus Norwegen). Die 
Worte auf dem Zauberzettel lauten bei Wuttke: 'In der Hölle sehen wir uns wieder'; bei 
Liebrecht: 'Der Teufel helfe mir". [Vgl. Oesterley zu Pauli, Schimpf und Ernst c. 153; 
auch Hans Sachs, Fabeln und Schwanke 2, 324. ö, 278.] 

3) Ich benutze drei Ausgaben: eine Ausgabe ohne Ort und Jahr {? 1469; vgl. 
Hain 8317); dieselbe Ausgabe, die Hertel zitiert. Ausserdem benutze ich die Ausgabe in 
den Opera Guilhermi diui Parisiensis episcopi 1496 (Hain Nr. 8300); endlich die Ausgabe 
in der Oper um summa Guillermi, Lutecie 1516. Ist dies die Ausgabe der Werke 
Wilhelms, von der Bülow in den Beiträgen zur Gesch. der Philosophie des IMittelalters 
'2, 3, S. 75 sagt, sie sei bis jetzt nicht auffindbar gewesen? 

4) Adolph Franz S. 171-173. 



Das Vogelnest im Aberglauben. 147 

Quidam ridiculose et pueriliter dixit, praeceptum hoc esse causa pietatis, ne 
mater avicula lilios perdens, et simul occisa nimis affligeretur, in quo credidit Daum 
insinuaie filiis Israel quam misericordes circa liomines esse deberent. Dicimus ergo, quod 
illud bonum non est tantum, nee Deo tarn placituni, ut tauta mercede remuneretur ab eo, 
quanta observantia legis tenetur. Quis euim audiens, pro dimissione unius aviculae tantum 
promittere praemium Deum, quanta (1. quantum) pro totius observantia legis, risum 
contineat?') Amplius, magis parceiidum erat filiis, si pietas ibi locum haberet, cum filii 
nee sibi nee aliis possint (1. possent) consulere, et adliuc matre indigerent, ipsa vero non 
indigei'et illis: sicque maiori crudelitate tenentur et occiduntur ^lilii in isto casu, quam 
mater. Non dubites igitur sapientissimum Deum per hoc mandatum voluisse damnare 
aliquam idolatriam, aut aliquid simile ei. Quemadmodura euim malefici observabant 
et explorabant coitus animalium aliquorum, ut eadem hora interficerent ea, et de eorum 
pulvere seu corporibus darent bis, quos volebant suae ardore libidinis inflammare, credentes 
eorum corpora vel pulverem hanc inflammandi virtutem habere, si eadem hora coitus 
interficerentur-): sie credebant de ave pullis incubante, si ea incubandi hora caperetur, 
■quod scilicet posset praestare foecuuditatem et fortunam in filiis uutriendis'^). Et hoc 
scimus ex multis similitudinibus, quas legimus in libris maleficorum*). Voluit ergo 
Dens hoc removere a cordibus populi ipsum colentis, quateuus ab ipso solo sperarent 
multiplicationem, foecunditatemque sobolis. Praeterea observatorcs auguriorura, faustam 
et fortunatam reputabant inveutionem nidorum cum matre et ovis seu 
filiis, et ideo ea non esse ab invicem separanda. Quod si oa dissiparent aut separarent 
ab invicem, bonam fortunam amitterent, et domos suas esse dissipandas cognoscerent. 
seque esse passuros in seipsis aut filiis suis, quod facerent illis, videlicet avi aut ovis seu 
pullis ipsius^). Ideo voluit Deus hoc reprobare, et bonum quod augurcs speraverunt ex 
conservatione matris et pullorum, posuit in divisione'') illorum abinvicem. — Haec 
Guilhelmus '). 

Auf den Vogclnestaberglaubcn koininr Williehu noch einmal, im 
neunten Teile seiner Schrift (Kap. 17), zu sprechen. In diesem Teile, 
der auch den Sondertitel Tractatus de idolatria führt, behandelt er die 



1) Diese Worte erregten einst den Unwillen Clir. Aug. Heumauns, der eine Ab- 
handlung über Deut. -22, G geschrieben hat (Nova sylloge dissertationum 2, 288). 

2) Zu dem von Wilhelm hier erwähnten sympathetischen Mittel vergleiche man die 
Bemerkungen von Krauss, Sitte und Brauch der Südslawen S. 171 (namentlich die Mit- 
teilung aus Varazdin auf S. 172). Auch was Wuttke § 550 aus Töppens Buch über den 
Aberglauben in Masuren beibringt, dürfte hierher zu ziehen sein. Andere Parallelen sind 
mir nicht bekannt. 

o) Cfr. De lide et legibus 0,17: De matre sie inventa multa malefica atque vene- 
fica operabantur, et ad reconciliandum amorem praestandamque fecunditatem vir- 
tutem eidem mirilicam inesse credebant. 

4) Die 'Libri maleficorum' erwähnt Wilhelm öfters. Siehe N. Valois, Guillaume 
d'Auvergne p. VAS, u. 4. Ich bemerke beiläuüg, dass Valois die Werke Wilhelms nach 
der mir nicht zugänglichen Ausgabe von 1G74 zitiert. 

5) An dieser Stelle hat Wilhelm folgenden, von Dionysius ausgelassenen Zusatz (vgl. 
Panzer, Beitr. z. deutschen Mythologie 2, 2G1): Quemadmodum adhuc est opinio mul- 
torum insipientium et vetularum que ab eorum cordibus auelli non potest faustam esse 
inventionem acus vel obuli et magis fortunatam esse quam magni ponderis argenti vel 
auri. et ideo cu st o dien da esse artissime tanquam fortune felicis vel bonorum eventuum 
causas et pignora certissima. Alioquin in perditione eorum perduntur illa bona. 

G) Bei Wilhelm von Paris heisst es: in dimissione matris et captione et detentione 
filiorum. 

7) Dionysii Carthusiani Enarrationes in quinque Mosaicae legis libros, Coloniae 15GG, 
p. 926b. 027 a. 

10* 



248 Zachariae: Das Vogelnest im Aberglauben. 

verschiedenen Arten') der Idolatrie. An zehnter und letzter Stelle bespricht 
er die abergläubische Bedeutung der gefundenen Dinge^), res inven- 
ticiae. Was er über das Finden und Aufbewahren eines Vogel- 
nestes sagt, stimmt im wesentlichen zu seinen Ausführungen an der 
bereits ausgehobenen Stelle. Von Interesse sind die weiteren Bemerkungen 
AVilhelms. Ich lasse sie im AVortlaut folgen, obwohl das meiste von dem, 
was er sagt, bereits aus Panzer 2, 261, aus Wuschilburgk oben 11, 277 
und aus anderen Quellen bekannt ist. 

De hoc errore processit verbum illud viil^arissimum quo quis esse dicitur non fortu- 
natus ad invenicndum nidum pice^). Ad hunc errorem pertinet opinio illa vetularum 
que credunt raeliorem esse inventionem modici ferri quam auri multi. Et int^r inventionem 
ferri fortunatissimam credunt esse inventionem acus. Credunt etiam non minori stulticia 
meliorem esse inventionem obuli quam nummi. Credunt etiam infortunatam esse inven- 
tionem bovis vel ovis, fortunatissimam autem lupi vel colubri. Processit autem hec insania 
eo usque ad omnes barbaros: ut omne illud quod primo inveniant adorent unaquaque die 
(v. 1. undique). sive porcus sit. sive canis. sive aliud quodcunqne. 

Hat Wilhelm von Paris den Volksaberglauben seiner Zeit in dem vor- 
stehenden wiedergegeben oder hat er aus einer älteren Quelle geschöpft? 
Ich vermag diese Frage mit meinen Hilfsmitteln nicht zu beantworten. 
Ebensowenig vermag ich festzustellen, ob Wilhelm bei seiner Auslegung 
von Deut. 22, G einer älteren Autorität folgt oder ob er seine eigene 
Weisheit vorträgt. Bekannt ist, dass Wilhelm bei seinem Versuche, eine 
rationelle Begründung der biblischen Gebote zu geben, Schritt für Schritt 
auf die entsprechenden Ausführungen des Maimonides in seinem 'Führer 
der Verirrten' Rücksicht nimmt*), wobei er sich die Ansichten des 
Maimonides entweder stillschweigend aneignet oder sie, als nicht zutreffend, 
bekämpft. Letzteres tut er gerade in dem uns beschäftigenden Falle; die 
Ausleo-uno- des Maimonides, betreffend das Gebot über die Behandlung 



1) Aufgezählt bei N. Valois, Guillaume d'Auvergne p. 322, n. 3. 

2) Adolph Franz S. 190. Grimm D.M.* S. 1091 (wo auf Nicolaus Magni, D.M.» 
S. XLV, verwiesen wird). Wuttke §203. Zum Nadelfinden vgl. diese Zeitschrift 9, 330. 

3) Das Finden eines Elsternestes. Littre u. d. W. pie schreibt: Trouver la 
pie au nid, faire qiielque heureuse troiivaille. Ils ont seuls ici-bas trouve la pie au nid, 
Regnicr, Sat. IX. (U. d W. nid gibt Littre noch folgende Stelle: Tu crois trouver la 
pie"" au nid; aus Hamiltons Memoires de la vie du Comte de Grammont, chap. 4.) Etro au 
nid de la pie, etre au plus haut degre de la fortune, ä cause que la pie fait son nid au 
haut des plus grands arbres. (Vgl. Le Roux de Lincy, Le livre des proverbes Francais 
1, 124 Wauder, Deutsches Sprichwörterlexikon u. d. W Elster, Nr. 28) Dem will ich 
hinzufügen, was Zedier im Universallexikon 23, 1955 bemerkt: 'Nach den Eegeln der 
Traum- Deute- Kunst soll Nester der Vögel finden bedeuten, dass derjenige, dem solches 
getriuimct, eine Freude werde zu geniessen haben'. Nach dem Traumbuch von Ernestus 
Bernhardus, Erfurt [1902], S. 104 deutet 'Nest im Traume sehen', auih mit Eiern und 
Jungen, auf einen gesegneten Hausstand; leere Nester deuten auf lange Abwesenheit vom 
Hause. 

4) The Jewish Encyclopedia G, 107. J. Guttmann, Die Scholastik des 13. Jahr- 
hunderts in ihren Beziehungen zum Judentum und zur jüdischen Literatur (Breslau 
1902) S. 20. 



Chalatiauz: Die iranische Heldensage bei den Armeniern, Nachtrag. 149 

eines Vogelnestes, weist er als unannehmbar zurück*). J. Guttmann, 
dessen Schriften ich die vorstehenden Angaben über die Abhängigkeit 
"Wilhelms von Maimonides entlehne, hat sich nicht darüber ausgesprochen, 
ob "Wilhelm bei seiner Erklärung von Deut. 22, 6 einer anderen Autorität 
gefolgt oder ob er selbständig vorgegangen ist. 

Mir genügt es, die richtige Fassung des Vogeluestaberglaubens fest- 
gestellt zu haben. Dass dieser Aberglaube auf der Bibelstelle Deut, 22, 6 
beruht, wird man nach allem, was beigebracht worden ist, bezweifeln 
müssen, mag man sonst den Einfluss des mosaischen Rechtes auf die 
Entwicklung des Aberglaubens^) noch so hoch anschlagen. 

Halle a. S. 



Die iranisclie Heldensage bei den Armeniern, 
Nachtrag. 

A^on Bagrat Chalatianz. 

(Vgl. oben 17, 414—424. 18, (H— 66.) 



la. Ilustam-ZaP). 

a) Burzi. Tagmurad Sah war ein mächtiger König. Ihm wurde ein Sohn 
geboren, der eine Hand fest zusammengedrückt hielt. Niemand ausser Tagmurad 
Sah vermochte diese zu öffnen, und er fand darin Blut. 'Kein Mensch wird ihn 
besiegen", rief der Vater und nannte den Sohn Gahraman Gathl. Erwachsen 



1) Guttmanu S. 22 und iu der Revue des etudes Juives 18, 2iU. Moise ben Maimoun, 
Le guide des egarcis trad. par S. Munk 3, 40(J. 

2) Emil Friedberg, Aus deutscheu Bussbüchern 18ü8 S. 15 ff. 48 ff. 

3) Die nachstehenden Nummern 13 - 15 sind der 'Ethnographischen Zeitschrift', hsg. 
von Ervand Lalayan, Bd. 14, 2, 09-104 (Tiflis 1903) entnommen. Inhaltlich ist 'Rustam- 
Zal" (erzählt von einem 90jährigen Alten in Neu Bayazet, Russisch -Armenien) als eine 
Fassung der oben 14, 29(5 Aviedergegebenen Barzii-Sage zu betrachten. Wichtig sind 
folgende Abweichungen: a) Burzi zieht nach dem L>ivenlande in Begleitung vou Bijang 
(= Bijen) aus, b) Der Div Pholadii Baudü wird hier als Divenkönig bezeichnet, c) Der 
Zweikampf Burzis mit dem Pehlevanen üatharan findet nicht des Tributes, sondern der 
Braut wegen, welche dem Helden gehört, statt, d) Der Schwiegervater Burzis und dessen 
Bruder, der König von Ozbekstän, vereinigen sich mit dem Feinde gegen den Helden und 
lassen ihu in eine Grube stürzen. Die Erwähnung des Afransiam (= Afrasiab, König von 
Turän^ als .eines Bruders des Schwiejrervaters des Helden, sowie andere bereits oben 
lö, 3'.i2f. erwähnte Züge (1. Der Held zieht aus, um Tribut zu holen, 2. heiratet in der 
Fremde eine Prinzessin, :'>. wird in eine Grube geworfen, 4. von Rustam gerettet) zeigen 
den Einfluss der bekannten Bijen-Sage, deren Held als Bijang hier im Eingange erwähnt 
wird. — Der folgende Teil 13 b, die Rache des Fahramaz, ist erst künstlich mit der Burzi- 
Sage verbunden. Auf den hier wieder auftretenden Burzi werden die Abenteuer Rustems 
(Rustem iu Semengän, seine Heirat, die Hinterlassung des Armbandes und der Kampf 
mit dem unerkauuten Sohne) übertragen, während Rustem und Bijen in den Hintergrund 
zurücktreten. 



150 Chalatianz: 

konnte dieser einen 1000 Pfund schweren Strcitkolben heben. Aus seinem Geschlecht 
entsprangen Zal und dessen Sohn Rustam, welche jedoch den Streitkolben ihres 
Ahnen nicht zu heben vermochten; erst Rustams Sohn, Pahramaz, konnte das. 
Gevi, Rustams Bruder, hatte zwei Sühne, Bijang und Burzi. Zals Nachkommen 
besassen eine gewaltige Stimme, die jeden Feind in Schrecken setzte. Zal residierte 
in Xatham Sahar^). 

Einst erblickte Rustam im Spiegel seines Barbiers drei graue Haare auf seinem 
Gesicht und seufzte tief. Auf Burzis Frage nach der Ursache seines Kummers 
eröffnete ihm Rustam, dass seit sieben Jahren der Divenkönig Pholadü Bandu, 
•der im Lande Pherzah Dag wohne, ihm keinen Tribut zahle: 'Ich bin schon 
alt und fürchte, dass ihr nicht vermögen werdet den Tribut zu holen; und dies 
wäre eine Schande für uns.' Burzi erbot sich nach dem Divenlande zu gehen. 
Ungern willigte Zal darein, doch sollte auch Bijang ihn begleiten. Mit vierzig- 
tausend Pehlevanen zogen die beiden Recken aus. Sie traten in ein Schiff, um 
übers Meer zu setzen. Pholadu Bandü sah im Fernrohr [sie!] das Herannahen 
der Feinde, stürzte sich ins Wasser und schwamm ihnen entgegen. Obw^ohl Bijang^ 
seinen Bruder warnte, der Divenkönig sei so gross wie ein Berg und fliege auch 
durch die Luft, sprang Burzi ins Wasser und wurde mit dem Diven handgemein. 
Seiner Kraft sicher, erbot sich dieser, zuerst das Schiff' unversehrt ans Ufer zu 
bringen und dann den Kampf auf dem Lande fortzusetzen. So geschah es auch. 
Unter Trommelschall und Trompetenklang begann der Zweikampf. Burzi gebot, 
sein Ross bereit zu halten, da der tückische Div wegfliegen könne. Pholadü 
Bandü stach den Helden in die Brust, dieser aber versetzte ihm einen schweren 
Schlag auf den Kopf. Schmerzgetroffen flog der Div hinweg: Burzi aber bestieg 
sein Ross und setzte ihm nach, bis dieser bei einbrechender Dunkelheit in einem 
Walde verschwand, wo er seinen Kopf in die Höhlung eines Baumes steckte. 

Burzi kam in ein fremdes Land, dessen König Afransiam hiess und in der 
Ozbekstän^) Hof hielt. Sein Bruder Aga Eliaz fand während der Jagd den Helden 
blutend und ohnmächtig an einem Bache liegen, hob ihn auf und nahm ihn mit 
sich heim, nachdem er ihn nach seinem Namen gefragt hatte. Der König entbot 
seinen Bruder zu sich, der aber leistete ihm keinen Gehorsam, weil er mit ihm 
schlecht stand; als Burzi dies erfuhr, ging er selbst mit Aga Eliaz zum König, 
der den Helden lieb gewann und ihm die Tochter seines Bruders zur Frau gab. 

Unterdessen forschten die Divs nach ihrem verschwundenen König. Als sie 
von ihrer PharP) erfuhren, wo sich dieser befand, gingen sie hin, spalteten den 
Baum, um seinen angeschwollenen Kopf aus der Höhlung zu befreien, und brachten 
ihn heim. Nun befahl Pholadu Bandü der Pharl und ihren Gefährtinnen, ihm 
Burzi noch in derselben Nacht herbeizuschaffen. Sie nahm den Weg durch die 
Lüfte und trat zu dem schlafenden Helden. Von Burzis Schönheit hingerissen, 
beschloss die Phari ihn zu schonen, falls er ihre Liebe erwidere. Der Held er- 
wachte und versprach sie zu lieben, sobald seine Wunden geheilt wären, und die 
Zauberin kehrte ohne ihn heim. Der Divenkönig geriet in Zorn, da er den Sach- 
verhalt durchschaute, und sandte die Pharl abermals aus, Burzi herbeizuholen. 
Der Held wurde schlafend mit seinem Ruhebett in den Palast des Pholadü ßandii 
gebracht. Als dieser aber seine Hofleute fragte, ob er den Helden töten solle, 
schwiegen alle, ausser einem Würdenträger, der ihm riet, Zals Sohn unversehrt 



1) Sahar bedeutet im Persischen Stadt. 

2) Turän, das Land der Türken (Uzbek). 

3) Ein fliegendes Mädchen, das sich unsichtbar macheu kann. 



Die iranische Heldensage bef den Armeniern, Nachtrag. 151 

heimbringen zu lassen, da sonst Rustam, Bijang und Pahramaz eine furchtbare Rache 
für sein vergossenes Blut nehmen würden. So wurde der Held wieder in das Haus 
seines Schwiegervaters gebracht. 

Zangi Grali, der König von Zangi Galasi, hielt um die Tochter des Aga 
Eliaz an und sandte den Helden Gatharan mit einem Schreiben als Freiwerber 
zum König Afransiam. Als Burzl davon erfuhr, geriet er in Wut. Es erhob sich 
ein wilder Kampf zwischen den beiden Helden, in welchem Gatharan fiel. Sein 
Knecht wurde mit der Botschaft entlassen. Nun rückte Zangi Grali mit einem 
zahlreichen Heer gegen Ozbekstän und belagerte die Stadt. Da der König Afransiam 
den Ansturm der Feinde fürchtete, Hess er die Stadttore mit Erde zuschütten. 
Burzl aber ging den Feinden entgegen und trieb sie durch sein Geschrei in die 
Flucht; dies wiederholte er auch am nächsten Tage. Hart bedrängt, forterte der 
König Zangi Grali Afransiam auf, sich mit ihm gegen den gefährlichen Helden zu 
vereinigen und ihn durch List zu fangen. Nachts wurde auf dem Kampfplatz von 
ihren beiden Heeren heimlich eine grosse Grube gegraben. Als nun morgens die 
Trompeter zum Kampf bliesen, eilte der Held dorthin, stiess ein furchtbares 
Geschrei aus und fiel in die verdeckte Grube. Er wurde gefesselt, nach der Insel 
Caye Gainam^) mitten im Meere gebracht und dort in eine tiefe Grube geworfen, 
um welche 40 Divs als Wächter aufgestellt wurden. 

Da träumte Rustams Schwester Bani, dass Burzl in Schlamm versunken sei. 
Sie erzählte Rustam davon, und dieser ging zu Zal, um ihn um Rat zu fragen. 
Zal wandte sich an den Vogel Taire Sima^). (Weil einer aus dem Zals Geschlecht 
die Jungen des Taire Sima vor einer Schlange gerettet, hatte der Vogel ihm zum 
Dank dafür eine seiner Federn gegeben, die er in Gefahr anzünden sollte, um ihn 
zu Hilfe zu rufen). Zal zündete die Feder an; da kam Taire Sima herbeigeflogen 
und gab ihm die Weisung, Rustam mit vierzigtausend Pehlevanen und reichen 
Speisen zu dem unbesiegbaren Helden Cophoe Ekdast'') zu schicken, der hinter 
einem gewaltigen Berge auf dem Wege zum Meere Zangi Galasi wohne und sich 
nie sättigen könne; Rustam solle durch gute Bewirtung seine Hilfe bei der Be- 
freiung Burzls gewinnen. Der Held machte sich mit Bijang auf den Weg, von 
einem zahlreichen Heer begleitet. Hinter dem bezeichneten Berge begegnete er 
dem CophoC'-Ekdast, lud ihn zum Mahle, ohne ihm seinen Namen zu offenbaren, 
und bewirtete ihn mit reichen Speisen. Darauf fragte er ihn vertraulich, was ihn 
besiegen könne. 'Nichts in der Welt ausser dem Schrei Rustams, der mich in 
diese Wüste trieb', erwiderte Ekdast. Da Hess Rustam seine Leute sich weit ent- 
fernen, bestieg sein Ross, hielt vor dem Helden und stiess einen Schrei aus; 
entsetzt floh Cophor- Ekdast den Berg hinauf, doch Rustam holte ihn ein und 
wiederholte seinen Schrei. Der Held versprach ihm zu dienen, nur solle er sein 
Gehör schonen. Am Meer angelangt, riet Ekdast seinen Begleitern hierzu bleiben; 
er allein sei imstande Burzl zu befreien. Er legte vierzig Steine in seinen Sack, 
da er ein guter Steinschleuderer war, begab sich nach der Lisel und tötete alle 
vierzig Divs durch Steinwürfe. Danach zog er den eingesperrten Helden an einem 
Strick heraus und brachte ihn zu Rustam. 

Auf dem Heimwege erhielt Rustam Kunde von der Belagerung seiner Vater- 
stadt durch die vereinigten Könige Afransiam und Zangi Grali und den Div 



1) Gay (türkisch) = Fluss; (jainam (arabisch) = Hölle. 

2) Hier erscheint die arabische Form Tair (= Vogel) statt der persischen Simorg 
(morg persisch = Vogel). Dies war der heilige Vogel der alt$n Perser, der auch in den 
Sagen seine Bedeutung als 'Beschützer' (hier von Zals Geschlecht) behält. 

3) Ekdast (persisch) = Einhändiger. 



i;y2 Chalatianz: 

Pholadii Bandü, und von ihrer Verteidigung durch Fahramaz. Um diesen von 
seinem Anrücken zu verständigen, stiess Rustam einen Schrei aus, nachdem Ekdast 
seine Ohren dicht mit Watte verstopft hatte. Die Feinde wurden aus dem Lande 
verjagt und vernichtet, der Div Pholadu Bandi:i fiel von der Hand Burzis. 

b) Fahramaz. Rustam legte nun den fürstlichen Pelz') auf Eurzis Schultern. 
Als Fahramaz dies in Hinsicht auf die von ihm vollbrachten Taten ungerecht 
schalt, versprach Rustam demjenigen von den beiden Recken die Fürstenwürde, 
der die im Gebirge hausende Gazelle finge. Burzi und Fahramaz gingen auf die 
Jagd. Die Gazelle sprang über Burzi hinweg und verschwand samt ihrem Ver- 
. folger aus den Augen des Gefolges. Zornig versetzte Rustam dem heimgekehrten 
Fahramaz eine Ohrfeige, weil er das nochmalige Verschwinden seines Neffen ver- 
ursacht habe. Da gelobte Fahramaz nicht eher zu rasten, als bis er Rustam den 
Kopf abgehauen und sein Blut getrunken habe. Er begab sich nach Indien und 
machte sich mit Waffengewalt zum Könige. Er begann ein zahlreiches Heer zu 
sammeln und sandte nach Pherzah Dag, Ozbekstän, Zangi Galasi, Xiper Zaman-') 
Botschaft, die Fürsten dieser Länder sollten alle Vorkehrungen treffen, da er nach 
20 Jahren, sobald die Jungen herangewachsen seien, gegen Xatham ,^ahar rücken werde. 

Mittlerweile setzte Burzi der Gazelle nach, bis die Nacht ihn im Wald« 
überraschte. Hier stiess er auf einen einäugigen Div, der eine Gazelle briet. Es 
war ein Sohn des Divs Pholadu Bandu, der das Blut seines Vaters an Burzi 
rächen wollte. Allein Zittern ergriff ihn, als er den Helden an der Rüstung er- 
kannte. Sie assen und übernachteten zusammen. Als Burzi am Morgen vom Div 
Abschied nahm, merkte er, dass die Füsse seines Rosses plötzlich in die Erde 
sanken. Er schaute sich um; da las der Div hinter ihm ein Zauberbuch; sofort 
sprang er ab und hieb den Bösen durch einen Schwertstreich in zwei Stücke. Da 
sein Ross tot war, hob er den Sattel auf seine Schulter und kam nach der Stadt 
Xiperzaman, wo er von einem Gärtner an Sohnesstatt angenommen wurde. Dem 
Könige ward gemeldet, dass ein Feuerross aus dem Meer emporgestiegen sei, das 
alle Pferde der königlichen Herde töte. Als dies Burzi vernahm, ging er mit den 
Zügeln seines Rosses hin und legte sie jenem an. Zum Danke gab ihm der 
König seine Tochter zur Frau und ernannte ihn zu seinem Nachfolger. Nach 
sechs Monaten erinnerte sich der Held an seine Vaterstadt und verliess Xiper-Zaman, 
nachdem er seiner Frau sein Armband gegeben, das sie, wenn sie einen Sohn 
gebäre, an dessen Arm binden, wenn aber eine Tochter, verkaufen sollte. Unter- 
wegs kam er nach Ozbekstfm und machte in dem Garten des Aga Eliaz halt, wo 
er sein Ross weiden liess und selbst, in seinen Mantel gehüllt, am Brunnen ein- 
schlief. Man meldete dem Fürsten, dass ein Riese in seinem Garten schlafe, 
während sein Pferd ringsum Zerstörung anrichte^^). Aga Eliaz eilte hin und weckte 
den Helden mit einem Pussstoss, worauf dieser erwachte und seinem Schwieger- 
vater, ohne ihn zu erkennen, den Kopf vom Rumpfe hieb. Als er aber sah, wen 
er getötet, scheute er sich vor seine Braut zu treten und schlug den Weg nach 
Xatham Sahar ein. Hier erwartete man angstvoll das Anrücken des rachsüchtigen 
Fahramaz. 

Inzwischen rief dieser die Nachbarfürsten zum Kriegszug gegen Rustam auf. 
Im Heere befand sich auch Theipur, Burzis zwanzigjähriger Sohn, den seine 



1) Nach der Erklärung des Erzählers 'Schafpelz mit ragenden Ohren'. Wenn der 
Pelz schwitzte, bedeutete dies Glück für das Unternehmen, wenn nicht, Unglück. 

2) Zaman (persisch) = Land. 

3) Vgl. das ähnliche Abenteuer Eustenis vor der Stadt des Königs von Semengfin 
bei Firdousi. 



Die iranische Heldensage bei den Armeniern, Naclitras;. 153 

Mutter begleitete. Fahramaz rückte vor und hielt vor Xatham Sahar, zum Kampf 
herausfordernd. Thoipur bat ihn, den Kampf des ersten Tages ihm zu gewähren, 
und erregte durch seine Gewandtheit bei den Feinden Erstaunen. Am zweiten 
Tage, der ihm gleichfalls überlassen wurde, durchbohrte er Rustams Zelt mit 
einem Pfeile. An beiden Tagen vermochte Burzl nicht den unbekannten jungen 
Recken zu besiegen. In seiner Bedrängnis schrieb Rustam an Fahramaz und 
forderte ihn auf, sich mit ihm zu versöhnen, da sie hier einen gemeinsamen Feind 
vor sich hätten, der vielleicht ihr Geschlecht vertilgen würde; doch Fahramaz 
schenkte ihm kein Gehör. Erst Zals Bitten rührten das Herz des erbitterten 
Helden; er ging, nachdem er einen seiner Mannen als König verkleidet hatte, 
heimlich zu Zal und verlangte, Rustam solle sich in den Finger schneiden und 
ihm sein Blut zu trinken geben, damit er sein Gelübde erfüllen könne. Darauf 
küsste er Zals und Rustams Hände und schritt veikleidet zum Kampf mit Theipur. 
Mit einem Hiebe streckte er den jungen Recken zu Boden, sprang auf ihn zu und 
wollte schon den Todosstreich führen, als Theipurs Mutter ihm zurief, es sei 
Burzis Sohn. Xach dieser Erkennung erschlugen die iranischen Helden die ver- 
einigten Feinde und trieben sie aus dem Lande. Da . sah Burzi, wie Cophoi^ 
Ekdast seine Braut mit beiden Armen packte und entführte, und schrie ihm zu, 
dies sei seine Braut; 'Ihr Unersättlichen', erwiderte jener, 'das ganze Land gehört 
euch; das Mädchen soll mein sein'. Schon war ihm Burzi nahe, da schleuderte 
Cophoe Ekdast das Mädchen an eine Wand, dass es starb; aber der Held holte 
ihn ein und erschlug ihn. Das Reich ward nun wieder dem Burzi zuteil. 

14. Gahraman GathF). 

In Xatham Sahar regierte Dagmurad Sah. Er hatte keinen Sohn. Darum 
riet ihm einst der Pehlevan Aiare-ser-phang, seine Schatzkammer zu öffnen und 
Geld an die Armen zu vorteilen, damit Gott ihm einen Sohn schenke. Der König 
tat das, und ihm wurde ein Sohn mit zusammengedrückter rechter Hand geboren, 
der Gahramän Gathl genannt wurde. Die Divs aber beschlossen, den Knaben 
zu entführen und ihn zu erziehen, um mit seiner Hilfe das feindliche Land zu 
vernichten. Es gelang ihnen diesen Plan auszuführen. Doch als der zwanzig- 
jährige Gahramän Gathl mit seinem Entführer an einem See vorüberging, gewahrte 
er in diesem Spiegel, dass er andere Gesichtszüge als sein Begleiter habe, und 
zwang ihn durch Drohungen ihm seine Abkunft zu offenbaren; als er erfuhr, wer 
er sei, schickte er den Div heim und suchte in seine Heimat zu gelangen. 
Allein zog er im Walde umher; lang hing sein Haar über seinen Leib herab, als 
Waffe diente ihm eine gewaltige Keule, und ein Nashorn, das er gezähmt hatte, 
war sein Reittier auf der Jagd. Einst traf er auf die Krieger seines Vaters, die 
nach ihm suchten, und geriet in Kampf mit ihnen. Durch einen Pehlevan, der 



1) Vgl. Gathl Gahramän (oben 15, 'M^V. Die ganze Erzählung trägt deutliche 
Spuren eines uralten Mjthus und steht in keinem Zusammenhange mit den uns sonst be- 
kannten Taten der iranischen Helden. Sowohl die Entführung des Königssohnes durch 
die Divs, wie die bösen Einwohner der Stadt, welche die Sonne durch Staubwolken ver- 
decken, sind wohl auf Astralsagen von Sonnen- und ^Mondfinsternissen zurückzuführen. 
Vgl. auch die Erzählung des armenischen Historikers Moses von Chorüne (Venedig 1881 
S. 298) von der Entführung des jungen armenischen Königssohnes Artavazdes (des 
Sohnes des Artases) durch die Bösen aus dem Geschlechte des Ajdahaks (Astyages): 'Die 
Nachkommen des Drachen stahlen das Kindlein Artavazd und legten an seiner Statt einen 
Div in die Wiege'. 



154 Chalatianz: 

die Divensprache verstand, erfuhr er, wer er sei, und wurde von dem Heer ehrenvoll 
heimgeleitet. 

Unterwegs schlug der Pehlevan Aiare-ser-phang dem Helden vor, gegen die 
Stadt Carxe^)- Gardan -gej zu ziehen, um seine dort gefangen gehaltene Tante und 
den königlichen Pelz zu holen. Als die Einwohner der Stadt den Feind erblickten, 
setzten sie sofort das grosse Rad in Bewegung, und die Stadt verschwand in dichten 
Staubwolken. Der Held nahte dem Rade und stürzte sich darauf, um es zum 
Stillstand zu bringen; allein das Rad schleuderte ihn weit auf einen Felsen. Vom 
heiligen Sarqis^) gerettet, ging er nochmals mit den Pehlevanen zu dem Rade, 
das er diesmal zum Stehen brachte. Sobald das Rad zerschlagen war, ver- 
schwanden die Staubwolken, und die Sonne erschien wieder. Der Held btfreite 
seine Tante und den Pelz, erhob den Tribut für 14 Jahre und machte sich auf 
den Weg. Er kam dann in eine andere Stadt, wo eine Jungfrau als Königin 
regierte, bestand mit dieser, die ihm in Männerkleidern entgegentrat, einen Zwei- 
kampf und warf sie zu Boden. Da offenbarte ihm die Schöne ihr Geschlecht und 
versprach ihm, seine Gattin zu werden. So kehrte der Held mit seiner Braut und 
reicher Beute glücklich heim. 

15. Der König Xosrov'). 

a) Xosrov-Sah. Der König Xosrov pflegte täglich auf die Jagd zu gehen, und 
so oft er an einem am Wege gelegenen Berge vorbeiritt, hörte er daraus eine 
Stimme ihm zurufen: 'König Xosrov, von Gott wird dir eine Prüfung geschickt: 
wenn du willst, so geschieht es in deiner Jugend, und wenn du willst, so geschieht 
es in deinem Alter'. Endlich rief der König seine Veziere zu sich und erzählte 
ihnen von dem sonderbaren Vorfall; diese rieten ihm, wenn er nochmals die 
Stimme hören würde, solle er den Wunsch aussprechen, die Prüfung möge ihn in 



1) Carx = Rad. 

2) Der heilige Sergius spielt im Volksglauben der Armenier eine hervorragende 
Rolle als Beschützer der verirrten und bei Schneestürmen in Gefahr geratenen Reisenden. 
Er wird stets auf einem weissen Ross mit einer Lanze in der rechten Hand vorgestellt. 

o) Xosrov (persisch) = König. — üer Erzähler ist ein alter Priester in Neu-Bayazet. 
Obgleich die aus mehreren Motiven zusammengesetzte Erzählung keinen Zusammenhang 
mit den iranischen Heldensagen hat, ist sie doch, wie die Eigennamen zeigen, sicher 
persischen Ursprungs. Neben beliebten Märchenmotiven [der Frage, ob man in der 
Jugend oder im Alter leiden wolle (oben (i, 68 zu Gonzenbach nr. 20), der Königs- 
wahl durch einen Vogel, dem aus der Libussasage bekannten Mahl auf einem eisernen 
Tisch, der durch ein Bildnis erweckten Liebe (Chauvin, Bibliographie arabe 5, 1:32. 
8, 95), dem gewaltigen Atmen (Müller-Fraureuth, Lügendichtungen 1881 S. 6G. 134\ dem 
verschlafenen Stelldichein, dem Lebenskraute (Grimm KHM. IG. Oben 13, lio) 
und dem vom Ergehen eines entfernten Freundes berichtenden Wasser oder PHanze 
(Chauvin 5, 87. (>, 8. 7, 98. Oben S. G7) u. a.] erscheinen auch einige in der Heldensage 
häufige Episoden (die Heirat in der Fremde, das Verlassen der Frau, das dieser zurück- 
gelassene Armband, der Kampf mit dem nicht erkannten Sohne usw.). Die Erwähnung 
des Königs Pap und des Vielfressers Qag Vardan weisen auf den Einfluss der Literatur 
hin; denn die Historiker schildern Pap als einen bösen armenischen König, welcher 
Nerses den Grossen, das Oberhaupt der armenischen Kirche und den Retter des Landes 
im lünlten Jahrhundert, in tückischer Weise bei einer Mahlzeit vergiftete, und Qag 
Vardan als einen tapferen armenischen Heerführer, der 451 den in das Land ein- 
gedrungenen Persern eine blutige Schlacht lieferte und darin den Heldentod fand. Noch 
heut feiert die armenische Kirche den Tod des Qag Vardan und der Seinigen. Indes ist 
die Identität jener beiden Helden mit diesen historischen Gestalten sehr fraglich. 



Die iranische Heldensage bei den Armeniern, Nachtrag. 155 

der Jugend trelTen, damit er sie überstehe. Als nun der König dies tat, erhob 
sich im Westen eine schwarze Wolke, bedeckte den Himmel und Hess unter 
Donnergetöse Steine herabregnen. Das Windross trug den König in ein fremdes 
Land und hielt vor der Tür eines Dorfpriesters, der den Fremdling an Sohnesstatt 
annahm und ihm seine Tochter zur Frau gab. Dem König träumte, wenn sein 
Speisegefäss nnd sein Zelt aus Eisen wären, werde er sein Reich wieder erlangen. 
Er lebte nun als Landmann. 

Vergeblich forschten die Untertanen nach ihrem verschwundenen König. Man 
Hess den Vogel ausfliegen, um einen neuen König zu wählen, da nach der Landes- 
sitte nur der gekrönt werden durfte, auf dessen Kopf sich dieser setzte. Der 
Vogel stieg dreimal in der Richtung auf, die der König eingeschlagen hatte, und 
Hess sich, von einer Kriegerschar begleitet, auf dem Dache des Priesterhauses 
nieder. Der König arbeitete auf dem Acker. Erschrocken über das Erscheinen 
eines Heeres vor ihrem Hause, eilte seine Frau mit dem Mittagessen zu ihm aufs 
Feld und vergass dabei Teller und Löffel mitzunehmen. Als der König ihre Er- 
zählung vernahm, erkannte er, dass sein Traum in Erfüllung gehe: statt des Tellers 
benutzte er die Schaufel und bedeckte sich vor dem Regen mit einem Schilde, 
der ihm das Zelt ersetzte. Dann Hess er sich von der Frau den im Hause ver- 
grabenen Topf, in dem er seine königlichen Gewänder versteckt hatte, bringen, 
zog sie an und trat vor sein Heer, das ihm laut zujauchzte. Darauf machte er 
sich reisefertig. Als nun die junge Königin den Fuss auf den Steigbügel setzte, 
knarrte plötzlich ihr Pantoffel^); der König aber dachte, das wäre ein Bauchwind, 
und befahl ihr zornig zurückzubleiben. Er gab ihr sein Armband und seinen 
Dolch, die sie, falls sie einen Sohn gebäre, diesem an Arm und Gürtel binden 
solle; gebäre sie aber eine Tochter, so solle sie das kostbare Armband verkaufen. 

Die Priestertochter gebar einen Sohn. Dieser zeichnete sich schon als Kind 
durch ungewöhnliche Kraft aus und war ein Schrecken für seine Gefährten. Als 
er einst auf dem Saatfelde eine Alte verfolgte, warf diese ihm vor, dass er nicht 
nach seinem Vater forsche. Heimgekehrt, zwang er seine Mutter unter Drohungen 
ihm zu offenbaren, wer sein Vater sei, und erhielt von ihr das Armband und den 
Dolch. Als er glücklich beim König Xosrov anlangte, wurde er von dem Vater 
an diesen Gegenständen erkannt und Givan^) >ah genannt. 

b) Givan-Sah. Während der Königssohn auf der Jagd eine Gazelle verfolgte, 
entfernte er sich von seinem Gefolge und traf unterwegs einen Alten, der Anfang 
und Ende der Welt wusste und das Schicksal der Menschen wahrsagte-^). Der 
Held fragte ihn, wo er sein Liebesgliick finden werde; da riet ihm der Alte, er 
solle die verfallene Brücke seiner Vaterstadt herstellen lassen und, wenn ein 
Bazrgiin (reisender Kaufmann) mit seiner Karawane darüber gehen wolle, ihn 
daran hindern; sein Vater würde im Zorn darüber ihm eine Ohrfeige versetzen; 
darauf solle er erbittert das Haus auf drei Jahre verlassen und auf die Suche 
nach seinem Liebesglücke gehen. Der Königssohn vollführte alles, was ihm der 
Alte riet, und verHess ergrimmt das Vaterhaus. 

Unterwegs stiess er auf neununddreissig Leichen seiner Genossen. Der 
vierzigste, der noch am Loben war, erzählte ihm, sie seien ihm vom Könige nach- 



1) Die Frauenpantoü'eln werden im Orient ans farbigem, meist gelbem Saflian ge- 
fertigt. 

2) Givan (persisch) — Jung. 

3) Vgl. den unsterblichen Ut-Napi.stim des babylonischen Gilgames-Epos, welcher 
die Sintflut überlebte und in die Götterschar aufgenommen wurde. Bei seinem Urahn 
erlangt der Held Gilgames nach langer Wanderung Heilung seiner Krankheit. 



156 Chalatianz: 

geschickt, um ihn zurückzuholen, aber allesamt von einem Riesen niedergeschlagen 
worden. Givan Sah ging weiter und fand den Riesen schlafen, während sich 
von seinem Ein- und Ausatmen die Zimmerdecke hob und neigte. Neben ihm 
sassen eine Frau und ein Mädchen. Der Held bat sie acht zu geben, dass der 
Riese, wenn er erwache, ihn nicht hinterlistig tüte, und schlief ein. Qasir (so 
hiess dieser) erwachte und zog sein Schwert, um den Unbekannten zu töten; seine 
Schwester jedoch hielt ihn zurück. In dem darauf folgenden Kampfe blieb Givan 
Sah Sieger, und der unterlegene Qasir gab ihm, um sein Leben zu retten, seine 
Schwester zur Frau. 

c) Givan -Sah bei den Penis. Nach einiger Zeit bat Givan -Sah den Qasir, ihm 
die verschlossenen Zimmer des Schlosses zu zeigen. Die ersten sechs Zimmer 
waren voll von Silber, Gold und Schätzen; vor dem siebenten hielt Qasir an und 
warnte den Helden, es zu öfTnen, da ihn sonst ein Unglück treffen würde. Er 
gehorchte ihm jedoch nicht, öffnete das Zimmer, in welchem er die Bilder von 
zwei Schönen erblickte, und fiel ohnmächtig nieder. Qasir wollte ihn töten, doch 
seine Schwester hielt ihn zurück und brachte den Recken wieder zum Bewusstsein. 
Nun zog der Rönigssohn mit Qasir aus, jene beiden Schönen zu suchen, und ge- 
langte zum Schwarzen Berge, avo diese jeden Freitag nachts mit Feuerschwertern 
in der Hand zum Feuer hinabzusteigen pflegten. In der ersten Freitagnacht 
wurde der wachende Qasir von den zu dem Feuer hinabgestiegenen Peris entführt, 
in der zweiten Nacht aber überwältigte sie der Königssohn, band sie zusammen 
und brachte sie in ihren Palast, wo er den gefangenen Qasir befreite. Danach 
heiratete er die jüngere Schwester und gab die ältere dem Qasir. 

d) Sirln-Sah. Als Qasirs Frau und Schwester sich guter Hoffnung fühlten, 
gelobten sie einander, sollte eine einen Knaben und die andere ein Mädchen ge- 
bären, diese miteinander zu verheiraten. Wirklich gebar Givan Sahs Frau einen 
Sohn, den Sirin^)-Sah, Qasirs Frau aber eine Tochter, Bahri. Als sie heran- 
gewachsen waren, änderte Qasir seine Absicht und brachte seine Tochter dem 
König Pap, damit dieser sie dem Sohn des Königs von Qags-) vermähle. Als 
Sirin-Sah die Entführung seiner Braut erfuhr, verliess er sofort das Haus und 
zog aus nach ihr zu forschen. Er gelangte in die Stadt des Königs Pap gerade 
am Tage der Hochzeit und, indem er den feierlichen Zug erwartete, schlief er 
auf der Brücke vor der Stadt ein. Bahri bemerkte ihn, als sie an ihm vorbeiging, 
blieb stehen und schrieb hastig einen Zettel des Inhalts, sie sei zu dem König 
der Bösen geführt, würde aber, in einer Hand Messer und in der anderen Gift 
haltend, ihn erwarten und eher sterben, als einem anderen angehören; er möge 
sie aufsuchen. Den Zettel legte sie zu Häupten des schlafenden Recken nieder 
und Hess den Zug sich in Bewegung setzen^). Sirin-Sah erwachte, las den Zettel 
und eilte verzweifelt zu seinem Vater, der ihn wegen seiner Torheit schalt. 
Sirin-Sah schlug den Weg nach der Stadt des bösen Königs ein und kehrte unter- 
wegs in einer fremden Stadt bei einer Alten ein. Von dieser erfuhr er, dass 
Qag Vardan hier täglich einen Büffel fresse und dass am nächsten Morgen ihre 
einzige Kuh weggeführt werden solle. Als nun Sirin-Sah die Alte in Schutz nahm 



1) öirin (persisch; = Süss. 

2) Qag bedeutet im Altarmenischen den 'Bösen'; im Neuaniienischen erhielt das 
Wort die Nebenbedeutung 'Tapfer, In unserer Sage halte ich die ursprüngliche Be- 
deutung für richtiger. 

3) Vgl. die Episode des verschlafenen Stelldicheins mit der Geliebten in der kur- 
dischen Sage 'Siamandö und XgezarG' (oben 15, 32.")). [Kaschmirisch oben 18, 1G9.] 



Die iranische Heldensage bei den Armeniern, Nachtrag. 157 

und den erbitterten Qag Vardan zum Zweikampf herausforderte, unterlag dieser 
und rettete sein Leben nur dadurch, dass er seine Tochter Salvi Xuremfin dem 
Helden zur Frau gab. Nach sechs Monaten gedachte .^irin-J^ah seiner ersten 
Geliebten und zog weiter sie aufzusuchen. Unterwegs sah er zwei Männer kämpfen 
und rettete den einen, den funkelnden Johannes, vor seinem Gegner. Zum 
Dank dafür versprach dieser seine Hilfe dem Befreier, dessen Trinkbecher er 
mitnahm; sobald das Wasser darin trüb werde, sollte dies bedeuten, dass der 
Held in Gefahr sei. Ein Meorross trug den .Sirin-Sah übers Meer, sank aber 
sofort am Ufer nieder. Der Held fand jedoch ein Wunderkraut, als er eine an seinem 
Sattel nagende Maus tötete und eine andere Maus diese mittels eines Krauts 
wiederbelebte; nachdem er sein Ross wieder lebendig gemacht, nahm er das Kraut 
mit und kam zu dem König der Bösen, dessen Sohn, von einem Schlage getroffen, 
unbeweglich dalag. Der Recke heilte ihn mit Hilfe des Krauts und gewann 
dadurch die Gunst des Königs. Er erbot sich, auch Bahri durch Zauberei zur 
Heirat mit dem Königssohne zu bewegen, nur müsse er eine Nacht bei ihr zu- 
bringen. Um die Flucht zu erleichtern, riet Bahri in der bestimmten Nacht dem 
Sirin-Sah, den König zu dem Befehle zu bewegen, dass niemand in der Stadt am 
nächsten Tage das Haus verlasse, weil sie vor der Hochzeit in den Garten gehen 
und dort baden wolle. Dies geschah auch, und der Held entführte Bahri auf 
seinem treuen Ross. Das nachgeschickte Heer schnitt ihm jedoch den Weg ab 
und zwang ihn zum Kampfe. Da sah der funkelnde Johannes^), dass das Wasser 
in seinem Becher trüb wurde'-), und war im Nu auf dem Kampfplatze. Die Feinde 
wurden von Sirin -Sah geschlagen, nur ein junger Recke, Dilim Sah, der Sohn 
der Salvi Xuremfin, hielt stand. Da der Held von diesem bedrangt wurde, bestrich 
er auf ßahris Rat seine Lanze mit Gift, ehe er am nächsten Tage zum Zwei- 
kampfe kam. Mit einem Stosse verwundete er den Gegner und warf ihn zu 
Boden, hob ihn aber sofort auf, als er ihn erkannte, und heilte ihn durch das 
Wunderkraut-'). Darauf kehrte er mit Bahri und seinem Sohn zu dem Vater 
Givan-Sah zurück, der den tückischen Qasir tötete und samt seiner Familie, 
Frauen und Schätzen glücklich in die Stadt des Königs Xosrov gelangte. 

München. 



1) Vgl, den Stimmgewaltigen Ovan (= Johannes) der armenischen Heldensage, der 
nach den Gestirnen von der seinem Neffen David drohenden Gefahr erfährt und ihm zur 
Hilfe eilt (oben 12, 2Gt)). 

2) Durch eine Zaubertasse erfährt der König Key Xosrau bei Firdousi von der 
Gefangennahme des Bijen. 

3) Auch der babylonische Held Gilgame-s erlangt mittels eines Wunderkrauts, das er 
in der Meerestiefe gepflückt, Heilung seiner Krankheit. 



158 Schnippe.: 



Kleine Mitteilungeu. 

Volkskundliclies aus dem Dauziger Werder. 

Unter dem Titel 'Erinnerungen einer alten Werderanerin' sind in der 
Unterhaltungsbeilage 'Heimat und Welt', die der Danziger Zeitung Mittwochs 
beigegeben wird, in den Jahren 1907 und 1908 eine Reihe von Artikeln er- 
schienen, deren Verfasserin, Frau Jenny Wüst, geb. Bulcke, in Danzig, schon 
öfters ihre besondere Begabung für anschauliche und ansprechende Darstellung 
bewährt hat. Es sind kleine Kulturbilder, die bis etwa in die Mitte des vorigen 
Jahrhunderts zurückgehen und eine ungewöhnliche Frische der Erinnerung atmen, 
daher denn auch in ihrer schlichten, liebenswürdigen, unaufdringlichen Form in 
weiten Kreisen Beifall gefunden haben. Sie enthalten nun aber zugleich eine 
Reihe von Notizen über allerlei Punkte, die Gegenstand wissenschaftlicher Forschung 
sind und namentlich für die Leser dieser Zeitschrift von Interesse sein dürften, 
so dass es mir geboten erschien, das Wichtigste davon mit den notwendigsten Er- 
läuterungen und Ergänzungen meinerseits hier zusammenzustellen, um es der 
Vergessenheit zu entreissen. 

Ich bemerke noch ausdrücklich, dass es sich bei diesen 'Erinnerungen' ins- 
besondere um den Danziger Werder handelt, d. h. den Landstrich links von 
der unteren Weichsel von Dirschau bis Danzig, der von dem sog. 'Grossen Werder' 
zwischen Weichsel und Nogat und dem Marienburger, bz\v. Elbinger Werder rechts 
von der letzteren ebenso scharf unterschieden wird wie von der Danziger Nehrung, 
dem 'Seewerder', nördlich von der Elbinger Weichsel^). Unverkennbar haben 
nämlich alle diese einander so nahe liegenden Landesteile trotz mancher Verwandt- 
schaft je ihre volkstümlichen Besonderheiten, die in ihrer Eigenart zweifellos auf 
der verschiedenen Besiedelung, aber auch auf den Einwirkungen der Nachbarschaft 
beruhen. So stehts in dem Danziger Werder mit seinen vorwiegend nieder- 
sächsischen und daher plattdeutsch sprechenden Ansiedlern — wie sich auch noch 
weiter imten zeigen wird — namentlich auf der Berührung mit der benachbarten 
älteren pommerellischen oder kassubischen Bevölkerung. 

Es ist ein reichgesegnetes Marschenland, diese Niederung zwischen Weichsel 
und Mottlau. Und mannigfaltig auch sind ihre Schicksale gewesen. Gewisse Orts- 
namen wie Güttland u. a. will man auf die Gothen zurückführen, die ja allerdings 
einst hier gewohnt haben müssen, ~~ es ist aber auch u. a. die Heimat Max 
Halbes, dessen hier spielende Dramen den kräftigen Erdgeruch dieser merkwürdigen 
Scholle deutschen Landes nicht verleugnen können. Doch zur Sache! 

Was zunächst das Bauernhaus anbetrifft, so wird auch hier noch als 'früher' 
vorhanden das prächtige alte Vorlaubenhaus erwähnt, das seinerzeit namentlich 
Virchows Interesse in so hohem Grade erregte'^) und seitdem vielfach Gegenstand 



1) Siehe die Karte bei li. Passarge, Aus dem Weichseldelta, Berlin 1S")7, und im 
übrigen das vortreffliche Werk von F. A. Brandstäter, Land und Leute des Landkreises 
Danzig, Danzig 1879, S. 19Gf., und J. Heise, Die Bau- und Kunstdeukmäler des Landkreises 
Danzig, ebenda 1885, S. 77ff., neuerdings auch Bertram, Geschichte des Deichverbandes 
im Danziger Werder, Festschrift usw. Danzig r.)Ü8, S. Oll'. 

2j Siehe Zs. f. Ethn. 1891, Verh. S. 7SGff. imd daran sich anschliessend: E. Dorr, 
ebenda 1892, Verh. S. 80ff. nebst Abbildungen von Vorlaubenhäusern aus Fürstenau bei 



Kleine Mitteilungen. 159 

der Forschung gewesen ist. Freilich ist das 'alte Werderhaus', wie es oft genannt 
wird, keineswegs bloss und vielleicht auch nicht ursprünglich westpreussisch. 
Reicht es doch zwar in Westpreussen, soweit ich feststellen konnte, südlich bis 
Stangenwalde bei Bischofswerder, aber auch, und zwar als „Landesart" weit nach 
Ostpreussen hinein, südlich bis Bogunschöwen bei Liebemühl und östlich bis 
weit ins Ermland*) und vereinzelt bis nach Natangen (Friedland), westlich ver- 
einzelt bis zur Oder. Und im ostpreussischen Oberlande hörte ich dafür auch 
gelegentlich geradezu den Namen 'Holländer Haus', weil Pr.-Holland als ein Aus- 
strahlungspunkt dieser Bauweise angesehen ward, deren älteste Beispiele allerdings 
überall nicht älter sind als etwa höchstens 250 Jahre. 

Es handelt sich hier — und es ist wichtig, dies kh^rzustellen, um zahlreichen 
und weitverbreiteten Irrtümern und Verwechselungen entgegenzutreten, — um die 
Vorlaubenhäuser in dem jetzt üblich gewordenen engeren Sinne des Wortes, der 
einen ganz bestimmten, in seiner Eigenart in jenen Gegenden festgewordenen, ein- 
heitlichen, sozusagen individuellen und stark ins Auge fallenden Typus bezeichnet. 
Einen Typus, der so charakteristisch ist, dass man beinahe versucht ist, ihn auf 
eine einzelne Person oder doch wenigstens auf einen einzelnen Ort als Ausgangs- 
punkt zurückzuführen. Denn seine Grundform bildet stets ein überall^) ur- 
sprünglich aus Schurzbohlen (im Gersass) ohne Ständerbalken erbautes ein- 
stöckiges, aber mit sehr hohem Dach versehenes Wohnhaus, bei dem die Vor- 
laube einen aus Unterstock und Dach weit herausspringenden zwei-, ja oft drei- 
stöckigen mächtigen Vorbau ausmacht. Dieser hat unten eine von starken vier- 
eckigen Holzsäulen oder -Pfeilern („Ständern", meist vier, doch auch sechs bis 
acht) 3) gebildete, nach drei Seiten hin freie Halle und darüber, stets in Fachwerk, 
eine weite Oberstube (meist als Vorratsraum oder auch als Kornboden usw. 
benutzt) mit einem Vordergiebel darüber, der ebenfalls noch Mansardenstuben oder 
kleinere Bodenräumlichkeiton enthält. 



Tiegenhof im „Gros.sen Werder" und Lenzen, Kr. Elbing. Übrigens hatten schon vorher 
sowohl der treffliche A. v. Haxthauseu (Die ländliche Verfassung iu den Provinzen Ost- 
und Westpreussen, Königsberg iSo'.t, S. GÜff., mit Abbildungen auf S. 7(») als auch 
L. Passarge (Aus dem Weichseldelta, Berlin 1857, S. 237) und A. F. Violet (Neringia, 
Danzig 18G4, S. 88, ebenfalls mit Abbildungen) auf die typische Eigenart dieser merk- 
würdigen Bauernhäuser hingewiesen, die „im Reiche" noch immer ziemlich unbekannt 
sind. Die Bemerkungen bei Heise, a. a. 0. S. 71 imd 139 sind unzureichend. 

1) Hier allerdings schon vielfach mit dem Ecklaubenhause sich mischend: Ad. 
Boetticher, Bau- und Kunstdenkniäler, Heft VIII, S. 38 und 39 mit Abb. G und 7. Vgl. 
jetzt auch: Das Bauernhaus im Deutschen Reiche usw. Dresden 1901 ff., Tafel Ostpreussen 
Nr. 2 und 3, letztere aus Ebersbach im Kreise Pr.-Holland, der aber incht zum Erm- 
lande, sondern zum Oberlande gehört, und die fleissige Dissertation von M. Philipp, Bei- 
träge zur ormläudischen Volkskunde, Greifswald 1906, S. .■)<iff., der nur nicht die Vorlauhen- 
häuser als eine ermländische Besonderheit hätte ansehen dürfen — ein nachbarlicher Besuch 
auf der Elbinger Höhe konnte ihn eines Besseren belehren — und mit Unrecht aus den 
nebeneinander stehenden Formen eine unerweisliche Eutwicklungsreihe konstruiert. 

2) Und so auch in den Werdern: Violet, Neringia S. 87. Die scharfen Unterschiede 
des Schurzbohlenbaus vom Rundholz- sowohl wie vom Balken- oder Kantholzblockbau 
zeigt z. B. die Abbildung bei A. Boetticher, a. a. 0. Heft III, S. 23, im Vergleich mit 
R. Meringer, Das deutsche Haus, Leipzig 190G, S. 44 f., Abb. Gl und 63, und Chr. Ranck, 
Kulturgeschichte des deutschen Bauernhauses, ebenda 1907, S. 8, Abb. •"{. — Siehe auch 
H. Lutsch, Wanderungen, Berlin 1888, S. 22 ff. 

:')) Hin und wieder nach dem Reichtum der Besitzer, nämlich nach der Zahl der 
Gespanne, 



1(30 Schuippel: 

Es sind somit diese — sagen wir immerhin einstweilen Werderschen — Vor- 
laubenliäuser auf das schärfste zu scheiden einerseits von den pommerellischen 
(kassubischen und hinterpommerschen) Giebellaubenhäusern, die stets unter 
einem, und zwar meist ziemlich niedrigen Dache eine „Laube" als ständer- 
getragene Vorhalle besitzen und deren Besonderheit ebenfalls zuerst A. v. Haxt- 
hausen (S. 70 mit Abbildung) klar erkannt hat^). Aber auch die einfacheren, 
früher in Ost- und Westpreussen weitverbreiteten eingeschossigen Bauernhäuser im 
Schurzholzbau, die auf ihrer Längsseite, der Dorfstrasse zugekehrt, vor dem Ein- 
gange zu ebener Erde oder höchstens einige wenige Stufen hoch eine gewöhnliehe, 
aus Lattenwerk hergestellte, meist berankte Laube nach Art der Gartenlauben 
haben, und die man ebenfalls „Vorlaubenhäuser" nennen könnte"), gehören einem 
anderen, durchaus verschiedenen Typus an — woraus schon klar werden dürfte, 
wie mannigfaltige Hausformen gerade in der Ostmark nebeneinander vorhanden 
waren und in Überresten zum Teil noch jetzt sich vorfinden. Eine Tatsache, die 
meines Erachtens in ihrer Wichtigkeit noch keineswegs genügend gewürdigt 
worden ist. 

Dass der Name der Lauben aber bei unseren Vorlaubenhäusern, wo er 
eigentlich eine Durchfuhr halle bezeichnet, von den 'Lauben', d. h. den Arkaden 
der Marktplätze in den Ordensstädten'') entlehnt ist, dürfte keinem Zweifel unter- 
liegen. Erhalten aber haben sich von älteren Häusern dieser Art im Grossen und 
Danziger Werder, sowie auf der Danziger Nehrung nur wenige, mehr dagegen 
auf der Elbinger Höhe (siehe z B. A. Bludau, Oberland, Ermland usw., Stuttgart 
lyOl, S. oOii, Abbildung und C. Pudor, Die Stadt Elbing und ihre Umgebung 1908 
S. 15 f.) und in stattlicher, ja imponierender Grösse und Schönheit im Elbinger 
Werder (ebenda S. "22f.,\ aber auch sonst in Westpreussen, besonders in den 
Kreisen Marienwerder, Stuhm, Rosenberg (B. Schmid, Bau- und Kuustdenkmäler 
12, 227 ff., mit dankenswerten Grundrissen einfacher Bauten), wie in Ostpreussen 
in den Kreisen Pr. Holland, Mohrungen und im nordwestlichen Teil des Kreises 
Osterode. Ja sie finden sich, wenn man nur sucht, doch noch ziemlich zahlreich 
in den entlegeneren Dörfern und 'Abbauten'. Freilich ist dabei oft genug der 



1) Später haben A. Meitzeu (Das deutsche Haus in seiuen volkstümlichen Formen 
Berlin 1882, S 157 mit einer vielfach nachj^^edruckten Abbildung, und Siedelimg und 
Agrarweson der Westgermaneu imd Ostgermanen, der Kelten, Kömern, Finnen und Slawen, 
ebenda 1895, S. 517), li Henning (Das d.-utsche Haus, Strassburg 1882) und H. Hacker 
(Über westpreussische Wohnliäiiser im nordischen Typus, Zeitsclir. des historischen Vereins 
für den Eegierungsbezirk Marienwerder 1883, S. 27ff., und Mitteilungen des westpr. 
Arcliit.-ktenvereins 4, 33. 1885) wertvolle Beiträge zur Kenntnis dieser Hausform geliefert. 
Auch das durch J. Gulgowski gerettete 'kassubische Bauernhaus' zu Sanddorf (Wdzydze), 
Kreis Bereut, gehört diesem Typus an: Denkmalpflege in der Provinz Westpreussen 1906, 
Bericht des Provinzialkonservators B. Schmid, Danzij^ 19U7, desgl für 1907, ebenda 1908, 
und Zeitschrift für Denkmalpücj^e, Berlin 1907, Nr. 7. — Doch vgl. auch das Löwinghüs 
in der Neumark: A. G. Meyer, Zs f. Ethn 1890, Verh. S. 527, und jetzt 'Das Bauern- 
haus', Taf. Brandenburg Nr. 4, Fig. 8 (Zöckerick), v. Niessen, Besiedeluug S. 30f. 

2) Interessante Analoga dazu aus der sächsischen Lausitz siehe bei 0. Grüner, Haus 
und Hof im sächs. Dorfe (R. Wuttke, Sachs. Volkskunde. 2. Aufl. Dresden 1900), S. 409, 
und aus Thüringen bei Karl Schmidt, ebenda S. 47G.- 

3, Am bekanntesten sind ja die 'Hohen und Niederen Lauben' zu Marienburg. Doch 
haben namentlich auch die ermländischen Städte sich solche noch bis heute bewahrt, 
ebenso in Westpreussen u. a. Christburg, Marienwerder und Mewo. Dass auch die 'Lauben' 
schweizerischer und oberdeutscher Städte ^Beruu. a.) auf italienische Vorbilder (Bologna u. a.) 
zurückgehen, ist bekannt. 



Kleine Mitteilungen. 161 

alte Holzbau, dessen Färbung mit der Zeit so schön sammetbraun wird, vielfach 
durch Ziegelbau usw.- ersetzt, anderseits aber der Fachwerkbau durch den weissen 
Anstrich der Füllungen, die meist früher lediglich aus Stakwerk oder auch nur 
aus Lehmpatzen (M. Philipp, S. 68) bestanden, charakteristisch in seiner reizvollen 
Gliederung hervorgehoben. 

Über den Ursprung dieser eigenartigen Hausform gehen ja allerdings trotz 
mehrfacher neuerer Erörterungen noch immer die Ansichten der Kundigen weit 
auseinander — ob altindogermanisch, ob slawisch-germanisch, nordisch, englisch, 
altpreussisch, fränkisch, oder — wofür ich mich aus mancherlei Gründen ent- 
scheiden möchte — niederländisch. Doch das wenigstens ist offensichtlich: unhaltbar 
ist es, wenn man einfach den Schurzholzbau für slawisch, den Fachwerkbau für 
germanisch hat erklären wollen. Vielmehr scheint es sich auch hier zu bestätigen, 
dass der Germane es liebt, in die Höhe zu bauen, während der Slawe 
gern zu ebener Erde bleibt. Eine abschliessende zusammenfassende Behandlung 
des Gegenstandes wäre jedenfalls ein höchst dankenswertes Unternehmen^). 

Vorstehendes Avar erforderlich, um verständlich zu machen, wie die Ver- 
fasserin der 'Erinnerungen' zu dem bisher bekannten allgemeineren Bilde der alten 
AVerderschen Vorlaubenhäuser eine ganze Reihe von reizvollen intimeren Zügen 
hinzugefügt, die nicht nur jenes Bild in charakteristischer Weise vervollständigen, 
sondern auch gewisse verbreitete Irrtümer beseitigen können. Ich führe ins- 
besondere das Folgende an: 

Die weitvorspringende 'Vorlaube' selber (auf der Danziger Nehrung „Verlöw": 
Violet, Neringia S. 87) war auch hier von mächtigen, auf einzelnen Granitblöcken 
ruhenden Eichenbalkcn getragen. Der etwas düstere, weil ganz zu ebener Erde 
gelegene und oben durch die breite Decke völlig bedeckte Raum war mit „kirch- 
stuhlartigen, in den Fussboden fest eingelassenen" Eckbänken versehen, konnte 
aber auch bei festlichen Gelegenheiten mit Brettern verschlagen und dadurch in 
einen geräumigen Saal, ausreichend selbst zu grossem hochzeitlichen Tanze, ver- 
wandelt werden. 

Den Eingang zum Hause, und zwar den Haupteingang, bildet alsdann, wie es 
früher gewöhnlich war, jetzt aber auch bei den noch erhaltenen Vorlaubenhäusern 
fast gänzlich verschwunden ist, eine Doppeltür, genauer halbgeteilte Tür, die 
aus Ober- und Untertür besteht. Tagsüber war nur die erstere geschlossen, auf 
die gelehnt der Hausherr das Wetter und wohl auch die Vorkommnisse der Dorf- 



1) Von neueren Erwähnungen dieser interessanten ost- und wcstpreussischen Holz- 
bauten, soweit sie mir bekannt und zugänglich geworden sind, hebe ich noch hervor: 
H. Frischbier, Preussisches Wörterbuch, Berlin 1882 ff. 2, -449, A. Treichel, Verh. der 
Berliner anthropol. Ges., Zs. f. Ethn. 1888, S. 292ff. und 1889, S. 190ff., A. Bötticher, Die 
Bau- und Kuustdcnkmäler der Provinz üstpreusseu, Heft VIII, Königsberg 1898, S. 33 
und S. 60 mit Abb. 70 auf S. 69 (aus Hagenau), H. Lutsch, Neuere Veröffentlichungen usw. 
Berlin 1897, S. 5()ff., B. Schniid, Westpr. Holzbauten, in den Mitteilungen des Westpr. 
Geschichtsvereins, .Jahrg. 3 (1904), S. 26ff., A. Lindner, Kunst und Handwerk in West- 
preussen, Festschrift der Handwerkskammer zu Danzig für die Techn. Hochschule daselbst, 
ebenda 1904, S. 19ff. Die Besprechung von Xeuhaus ist mir leider unzugänglich ge- 
bheben. Dass meist die verschiedenen Formen nicht scharf genug unterschieden werden, 
ergibt sich schon aus dem Obigen. Für Ostpreussen wird hoffentlich die vom Provinzial- 
konservator in Aussicht gestellte Veröffentlichung über die in den letzten Jahren in der 
genannten Provinz aufgenommenen Bauernhäuser usw. die einzelnen Typen in genauen 
architektonischen Rissen festhalten, ehe sie ganz verschwinden. Das Modell eines Vor- 
laubenhauses befindet sich nach Bludau im Parke zu Schlobitten, andere in den Samm- 
lungen zu Mühlhausen Ostpr. und Braunsberg. 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1909. 11 



162 Schuippel: 

Strasse zu beobachten pflegte. Überraschend einfach war der Verschluss, der nur 
aus einer inwendig angebrachten Klinke bestand. Durch einen schmalen Leder- 
riemen (anderwärts auch eine einfache Schnur), Senkel genannt, der durch ein 
kleines Loch hindurchgesteckt oder auch einfach über die Oberkante gelegt ward, 
konnte die Klinke in die Höhe gezogen und die Tür dadurch geöffnet werden. 
Nachts wurde kurzerhand der Senkel hereingenommen, und so war denn die Tür 
von innen verschlossen. Und damit begnügte man sich in der guten alten Zeit, 
als es noch keine Einbrecher und Diebe gab. 

Im Linern gab es ausser einigen Schlafkammern und Nebenräumen, 'Stäfkes' 
oder 'Stäwkes' genannt, nur zwei mächtige, weite E-äume, die mit ihrer Balken- 
decke noch niedriger erscheinen mussten, als sie waren, aber einen überaus gemüt- 
lichen Eindruck machten, wie es auch jetzt noch vielfach bei den übrig gebliebenen 
Häusern dieser Art der Fall ist. 

Zunächst, wenn man die Schwelle überschritten hatte, kam man in den grossen 
Flur^), 'Vor haus' genannt, der sein Licht nur durch die geöffnete Obertür und 
ein Nebenfester, sonst auch wohl nur noch durch ein oder zwei Guckfenster 
('Augenlöcher'), höchstens ein oder zwei Halbfenster erhielt. „Trotz des steten 
Dämmerlichtes, das in diesem Räume herrschte, sah es dort immer ganz festlich 
aus. Das machten die vielen alten Erntekronen, welche in Reihen, die ältesten 
schon nussbraun, von der Balkendecke, über den Esstisch der Leute hinweg, 
herniederhingen und dem ganzen Hause den ihm eigentümlichen Geruch von 
Moder und trockenen Blumen gaben." Denn in der Mitte des Vorhauses „stand 
ein langer, schvveeweiss gescheuerter Tisch, an dem die Knechte täglich ihre 
Mahlzeiten einnahmen. Diesem Tische einen sicheren Stand zu geben, war nicht 
leicht, denn die Dielen des Pussbodens hatten sich so geworfen, dass sie stellen- 
weise wie Kartenhäuschen aneinander lehnten." 

Der zweite grosse Raum, 'die Stube', war mit dem steifen Ehrensofa, der Ofen- 
bank und namentlich dem mächtigen, aus blauen Delfter Kacheln erbauten Ofen, 
auf dem die ganze biblische Geschichte in drastisch -anschaulicher Weise dar- 
gestellt war, ein „Bild altbäuerlicher Reputierlichkeit". Sie lag, wie üblich, seit- 
wärts vom Vorhause und reichte bis zum Giebel. Die wenigen Fenster, teils nach 
der Dorfstrasse, teils nach den 'Krautstücken' (mit Buchsbaum eingefassten Blumen- 
beeten) des seitlich gelegenen Gartens-) gehend, hatten Scheiben, die noch mit 
Blei gefasst waren ^), was heutzutage bei den übrig gebliebenen Vorlaubenhäusern 
ein grosse Seltenheit ist. 

Ein besonders interessanter Raum im alten Werderhause war dann der so- 
genannte 'Päserwinkel'. Er befand sich stets ziemlich genau in der Mitte des 
Hauses unter dem Hauptschornsteine, der meist auch, falls nicht Anbauten oder 
Veränderungen eingetreten waren, der einzige war, und entsprach im allgemeinen 
der „schwarzen Küche", die in der Ostmark einstmals eine so grosse Rolle spielte 
(s. unten S. 164). Von ihm aus wurden die grossen Öfen des Hauses, meist zwei 

1) Denselben als 'Diele' zu bezeichnen, hat keinerlei Berechtigung und ist nur 
geeignet, Missverständnisse hervorzurufen. Er ward, soweit bekannt, niemals so genannt. 

2) Von diesen 'Krautstücken' wm-den insbesondere die 'Kritkes' oder 'Krütkes' 
entnommen, d. h. die kleinen grünen Sträusse, die die Frauen Sonntags auf dem Gesang- 
buche mit zur Kirche nahmen und für die sogar im Kirchengestöhl besondere Löcher an- 
gebracht waren. (Freundliche Mitteilung des Herrn Geheirarat Dr. Wüst hierselbst). 

3) Vgl. die Abbildung bei Violet, Neringia S. 160: Das Innere einer alten Nehrunger 
Bauernstube „wie sie früher war". Dort auch neben dem grossen Ofen das Seitenkamin, 
die Ofenbank und die charakteristischen Möbel. 



Kleine Mitteilungen. 163 

oder drei, beheizt, und zwar vorzugsweise mit Stroh, Schilf und nach Passarge, 
S. 220, ehemals wohl auch hier und da mit Dünger, die früher das Hauptheizungs- 
material ausmachten^). Schon früh vor Tage hatte im Winter der Küchenjunge, 
^Paserjunge, Päserjunge, auch Owepäsricx, Awepäsrick" genannt (Prischbier, 
Wörterbuch 2, 124), allenfalls auch wohl ein unglückliches 'Päsermäke' das 
besondere Geschäft, Feuer anzumachen und die Strohbündelchen einzeln ins Feuer 
zu werfen — und das langsame Anheizen und Hinhalten des Ofenfeuers mit Stroh 
ist eben die Grundbedeutung des noch jetzt vielgehörten Ausdrucks 'päsern', auch 
'pesern' oder 'pasern'. Der offene Schornstein nahm die verschiedenen Heizröhren 
auf, und der ganze Raum war auch früher wohl überall, wie hier, die eigentliche 
Küche gewesen, während diese später bei höheren Ansprüchen in einen Anbau 
oder Seitenraum verlegt ward. 

Das Dach war ehemals — und auch das war früher wohl überall der Fall — 
ein Strohdach gewesen, später mit 'Pfannen' (Dachziegeln) gedeckt, aber vor 
Alterschwäche bereits tief eingesunken und wie so oft grün bewachsen. Die einst- 
mals kaum je fehlenden Giebelverzierungen, die in grosser Mannigfaltigkeit 
bald als Windbrettpuppen, bald als Windberge^), auch wohl als 'Windmännerchen' 
und dergleichen erschienen, waren anscheinend nicht mehr vorhanden! 

Und so stand denn, wie die Verfasserin der 'Erinnerungen' sagt, das alte 
Vorlaubenhaus da, „breit, niedrig, zusammengedrückt, ein l'berbleibsel aus Urväter- 
zeiten". 

Daneben aber findet sich — und das ist besonders bemerkenswert — mehrfach 
auch das Beischlaghaus erwähnt, und zwar jedesmal als das Haus des Schulzen, 
eines wohlhabenden Grossbauern oder Hofbesitzers, Ortsvorstehers usw. — wenn 
auch die Reichsten immer die stattlichen Vorlaubenhäuser besassen. 

Bekannt genug sind ja die architektonisch oft so reizvoll ausgebildeten 'Bei- 
schläge' vor den alten Stadthäusern in Danzig, über die es eine ganze Literatur 
gibt, schon weniger die in Elbing (siehe z. B. die Abbildungen bei C. Pudor, 
Elbing S. 12 und 13) und einigen kleineren Städten und fast unbekannt die 
*Wolme' in Altkönigsberg (R. Armstedt, Geschichte der Stadt Königsberg. Stutt- 
gart 189i), S. 46). Doch alle diese städtischen Beischläge befinden sich an mehr-, 
oft vielstöckigen Giebelhäusern, meist in niederländischer Spätrenaissance, aus dem 
16. und 17. Jahrhundert, wenngleich ihre Herkunft noch immer einigermassen 
dunkel ist. Ziemlich unbeachtet aber sind daneben die ländlichen Beischlag- 
häuser geblieben, bei denen der Beischlag ausnahmslos auf der einen Längs- 
seite, und zwar fast immer der vorderen') vor der Haupteingangstür („nur für 



]) Bei den mächtigen Strohernten im Werder, die anderweit gar nicht verwertet 
werden konnten, war insbesondere an Stroh stets reichlicher Vorrat in Diemen, in der 
Nähe der Höfe aufgehäuft, doch Hess man auch noch zu Heizungszwecken absichtlich 
besonders hohes Stoppelstroh bei der Ernte stehen, das dann allmählich nach Bedarf ab- 
gemäht ward. 

■I) Siehe E. Schnippel, Fischermarken uud Giebelkronen aus Heia, Danzig 1904, S. 28, 
Aum. Die stark vergoldeten Wetterfahnen, welche auf den Höfen der reichen Besitzer 
in den Werdern prangten, hatten im Jahre 180(i sogar die Begehrlichkeit der Franzosen 
erregt neben den reichen Schätzen an Silbergerät und dergleichen: Fassarge a. a. 0. 
S. 219. 

o) Wenn gelegentlich der Beischlag sich auf der Eückseite, also dem Hofe zu be- 
findet, so hat der 'Herr" die Möglichkeit, diesen stets von hier aus zu übersehen und die 
Wirtschaft zu kontrollieren. Meist freilich ist der Beischlag der Lieblingsauf enthalt der 
weiblichen Familienmitglieder. Ob der von Violet als 'ütkiek' bezeichnete Altan mit 
dem Beischlag identisch ist, habe ich nicht ermitteln können. 

11* 



(54- Schnippel: 

Herrschaften" würde der Berliner sagen) sich befindet, in Gestalt eines nahezu 
quadratischen Altans, zu dem eine mehrstufige, meist drei- bis zehnstufige, breite 
Freitreppe von der Dorfstrasse hinaufführt. Er ruht selber auf festen Holzpfählen 
oder gemauerten Pfeilern und liegt in gleicher Ebene mit den zum Teil unter- 
kellerten Wohnräumen. Stets ist der Beischlag oben mit einem Holzgeländer ein- 
gefasst und beiderseits vom Eingange mit Bänken versehen, auf denen man sich 
gern — auch mit lieben Nachbarn und Freunden — zum Plauderstündchen, doch 
ebenso gelegentlich zur Erledigung von allerlei geschäftlichen Besorgungen (mit 
dem Fleischer, dem 'Juden', dem Postboten usw.) einfindet. 

Ausnahmslos ist ein solches Haus einstöckig, höchstens bisweilen in der 
Mitte über dem Beischlag mit einer Oberstube in einem giebelartigen Aufbau 
(Drempel oder Trempel) oder auch nur mit einem etwas grösseren Dachfenster in 
der bekannten geschweiften Form versehen. Es ist eben ausschliesslich Wohnhaus. 
Dahinter dehnt sich der viereckige, von den Wirtschaftsgebäuden und Ställen 
umgebene Hof aus; davor bis zur Dorfstrasse befinden sich zwei kleine Vorgärten. 
Die Einfahrten, meist zwei, liegen an den Giebelseiten des Wohnhauses. 

Die Raumverteilung im Innern hat viel Ähnlichkeit mit der des Vorlauben- 
hauses. Auch hier gibt es ein Vorhaus, in dem ebenfalls die Erntekronen vieler 
Jahre aufgehängt sind, eine besondere Leutestube ('Lüdstäwke') ist für das Gesinde 
bestimmt, und den Mittelpunkt bildet, auch in der Firstlinie des Hauses gelegen, 
die schwarze Küche^), in deren Oberraum auch die Schinken und Würste 
geräuchert werden, unmittelbar unter dem mächtigen, nach oben zu sich ver- 
jüngenden, offenen Schornstein. 

Noch vor einem Menschenalter waren derartige Häuser in ganz Ost- und 
Westpreussen auf dem Lande vielfach vorhanden, als ältere und einfachere Herren- 
häuser"'^), aber auch als Pfarrhäuser, Domänenpächterhäuser und dergleichen, ebenso 
in den kleineren Landstädten als Vorstadthäuser, einfachere Villen usw. Fast 
immer war die geschilderte typische Form ganz unverkennbar, auch wenn der 
Bau selbst ein jüngerer und nur der altbewährten Bauweise sich anlehnender war. 
Zugleich war auch bei diesen Häusern vielfach der alte Schurzbohlen- oder 
Gersassbau noch erhalten oder doch als der ursprüngliche erkenntlich. Jetzt 
sind sie selten geworden oder umgebaut, und die alten Beischläge sind mit Glas- 
wänden, Eisengittern oder Lattenlauben versehen und so in ihrer alten Gestalt 
nicht mehr sogleich erkenntlich. Ihre nächsten Analogien aber findet diese merk- 
würdige Form des ländlichen Beischlaghauses in dem 'gegrodeten' altgermanischen 
Hochsaal einerseits und dem russisch -polnischen Herrenhause andererseits, das, 
ein echtes Flachlandhaus, durch die Erhöhung sich unter den zu plattester ebener 
Erde gelegenen Instkaten als das vornehmste im Dorfe emporhebt. Und da ist 
es denn eine bemerkenswerte Mitteilung, die ich Herrn J. Gulgowski verdanke, 
dass Beischlaghäuser mit Altan und breiter Freitreppe auf der vorderen Längs- 



1) Schon A. V, Haxthausen machte auf diese oigeutümliche Form der Heiz- und 
Herdanlage aufmerksam, die vielfach als das 'polnische Kamin' bezeichnet wird (Verfassung 
S. 71 mit Abbildung); vgl. auch H. Hacker, a. a. 0. S. 27 ff. mit Abbildung, F. Tetzner, 
Die Slawen in Deutschland, Braunschweig 1902, S. 479 mit Fig. 206 (nacli einem Modell 
im Posener Museum) und jetzt 'Das Bauernhaus', Taf. Westpreussen Nr. 2, Fig. o (Durch- 
schnitt) aus Koslinka bei Tuchel, und Taf. Brandenburg Nr. 4 aus Alt-Blossin. Ich lasse 
dahingestellt, ob die typische Gestaltung der schwarzen Küche erst eine Folge der 
preussischen Feuerschutzverordnungen (Haxthausen a. a. 0. S. 71, v. Eönne, Baupolizei des 
pr. Staats 1872, S. 754) oder älteren Ursprungs ist. 

2) Ein Prachtbeispiel aus Littschen, Kr. Marienwerder, bei Heise XI, 30. 



Kleine Mitteilungen. 165 

Seite einst gerade auch in der Kassubei als „schlachecky domki", d. h. 'Edel- 
mannshäuser', üblich waren. — 

Noch gab es im Dorfe vor 50 Jahren die 'Hakenbude', nach der mittel- 
alterlichen Bezeichnung die Hökerei mit Krugwirtschaft, wo die 'Nachbarn' sich 
nach dem Abendbrote versammeln — aber auch noch die 'Temnitz', das Dorf- 
gefängnis (Prischbier, Wörterbuch 2, 3'J8) — Bezeichnungen, die nunmehr wohl 
auch überall ausgestorben sind. Freilich — das 'Noberbier' (Nachbarbier), ins- 
besondere zum Anzüge eines neuen Hofbesitzers, hat sich noch jetzt, und zwar 
in strenger, kastenmässiger Ausschliesslichkeit erhalten (nach P. W. Dietert- 
Dembowski „Aus dem Danziger Werder" in der Beilage der Danziger Neuesten 
Nachrichten lUOS, Nr. 47). Über die 'Dorfkate' endlich s. S. 169 oben. 

Die Hausmarke, hier 'das Hofmark' genannt, haftet nicht wie z. ß. bei den 
Fischern von Hela^) an der Person, sondern am 'Hofe' und ist daher auch in 
seiner starren geradlinigen Gestalt unveränderlich. Es gilt als von alters her über- 
liefert und ist insbesondere im Querbalken über der Haustür eingestemmt, ge- 
wissermassen als Abzeichen und Name des Hofes. Aber auch „jedes Pferde- 
geschirr und jeder Paartopf" wurde damit gezeichnet. „Wechselte der Besitzer, 
so verblieb doch das Zeichen dem Hofe, die Person des Besitzers hatte keinen 
Anspruch darauf". (Vgl. L. Passarge, Weichseldelta S. 2o7 und 348 ff.)- — 

Was die Jahreszeiten anbetrifft, so finden sich Besonderheiten erwähnt 
zunächst beim Jahreswechsel. Das alte Jahr wird nicht nur durch die in ganz 
Ost- und Westpreussen bis auf den heutigen Tag verbreiteten Silvestergebräuche, 
Zinngiessen, 'Schlorrchenschmeissen', d. h. PantofTelwerfen (siehe Frischbier, u. d. 
W.), Schiffchenschwimraen und Lotto^) in den Familien in Scherz und Ernst be- 
endigt — denn in der Neujahrsnacht steht den Frauen eine Befragung des 
Schicksals von Urzeiten her frei — , sondern namentlich auch von den jungen 
Knechten mit den Peitschen ausgeknallt, was deren besonderes Vergnügen 
ist'^). Vom 'Herrn' empfangen sie dazu neue 'Spitzgeissein" an die Peitschen- 
schnüre, namentlich aber von der Wirtschafterin 'gute Aalshaut', die in lange 
schmale Streifen zerschnitten ward und woraus die Schmitzen am besten her- 
gestellt werden können^). Aber auch, wenn dann um Mitternacht das Jahr 'jung 

1) S. E. Schnippe], Fiscliennarkeu S. 10, womit jetzt zu vergleichen ist A. Haas, Volks- 
kundliches von der Halbinsel Mönchgut, Progr. d. Schiller-Realgymnasiums zu Stettin 1905, S. 7. 

2) 'Glückgreifen' (siehe E. Lemke, 'ßrandenburgia', Jahrgang XV, 1907, S. 406, 
M. Philipp, Ermländische Volkskunde S. K>») und das von Violet erwähnte, mir unbekannte 
Kreuzwegfegeii war im Danziger Werder dagegen nicht üblich. Wohl aber war es ein be- 
liebter Scherz, dass die jungen Mädchen, auf einer liegenden Flasche sitzend, eine Nähnadel 
einzufädeln versuchten. Gelingt es ihnen, so wird noch in demselben Jahre die Aussteuer 
genäht (ähnlich E. Lemke, Volkstümliches in Ostpreussen 1, 3. Mohrungen 1887). 

3) Auch das weit verbreitete Brummtopflied spielte am Silvesterabend eine grosse 
Rolle, wie auch wohl noch heute. Die von Frau Wüst mitgeteilte Version weicht nur in 
wenigen Varianten von den sonst bekannten ab (siehe z. B. Violet, Neringia S. 118, Frisch- 
bier, Volksreime, Berlin 18G7, S. 212 ff., imd Wörterbuch I, S. 113, E. Lemke, Volkstümliches 
in Ostpreussen 1, 30ff., M. Philipp, Ermld. Vk. S. 128f., der dabei auch auf W. Grimm, 
Kl. Schriften 1, 378, und Uhland, Schriften '.), 25G verweist). Auch schon am Weihnachts- 
heiligenabend (wie anderwärts vom 1. Advent oder dem St. Nikolaustage — G. Dezember — 
bis zum Epiphauiasfeste) ziehen die Maskierten mit dem Brummtopf herum und werden 
dann geradezu bezeichnet als 'Heiliger Chrest'. 

4) Auch ein fein gezwirntes 'Platzband' ward als Endstück der Peitschenschnur 
von den Knechten zur Erzeugung eines scharfen Knalles gern an die Peitschen angebunden. 
„Aber über die Aalshaut ging beim Platzen nichts". Vgl. unten S. 167, 



2ß(3 Sclmippel: 

wird', geben sie, um es zu begrüssen, ihrer Freude durch kräftiges Knallen Ausdruck, 
denn „wenn "n Prinz geboren is, dann wird auch geschossen". Und mit diesem 
'Ausknallen' mag denn z. B. das schon von Chr. G. Haltaus, Jahrzeitbuch des 
deutschen Mittelalters, in der deutschen Bearbeitung, Erlangen 1797, S. 72, er- 
wähnte Neujahrsanschiessen verglichen werden. 

Die Erntefestmahlzeit für die 'Leute' heisst 'Austkäsf von 'Aust'. der ver- 
breiteten niederdeutschen, aus dem Namen des Monats August entstandenen Be- 
zeichnung für 'Ernte' überhaupt, und 'Käsf oder 'Kost' (siehe Schiller-Lübben u. 
.d. W.), d. h. 'Mahlzeit', was von 'kosten' herkommt. Erntekrone und die Puppe 
auf dem letzten Fuder i) sind wie anderwärts. Auch das Begiessen — zum 'Plonn', 
d. h. zum letzten Puder, wie es z. B. im ganzen südlichen üstpreussen heisst — 
ist wenigstens in der Ostmark 2) noch jetzt wohlbekannt; im Danziger Werder 
ward insbesondere der 'Jüngstknecht' am Hoftor in dieser Weise empfangen. Eine 
Besonderheit dagegen ist wohl die, dass der letzte Erntewagen von den 'Jungen' 
mit Klappern versehen ward, eine Sitte, die ich sonst nur noch aus der Gegend 
von Saalfeld in Ostpreussen kenne (vgl. E. Lemke, Volkstümliches 1, 24). Meist 
wurden an der Nabe des Rades ein oder mehrere Stäbe befestigt, die beim Fahren 
an die Speichen anschlugen und einen Höllenlärm verursachten, doch ward auch, 
wie mir berichtet wird, „neben der Achse ein junger Weissbuchenbaum zwischen 
die letzten Räder gesteckt, so dass er an die Felgen anschlug" — was mir aber 
nicht ganz klar ist^). 

Einen wichtigen Jahresabschnitt bedeutet sodann die 'Bull pul st id', deren 
Bezeichnung sich wohl kaum in irgend einem deutschen Idiotikon finden dürfte. 
Es ist die auf die eigentliche Ernte ('Aust') folgende Kartoffelernte, denn die 
'Bullen' sind die Kartoffeln, vom kassubischen 'bulwa', was seiner Herkunft nach 
dunkel ist, am wahrscheinlichsten noch mit lat. cepula, Zwiebel (oder bulbus 
gleich griechisch ßolßoi?) zusammenhängt, und dem allgemein niederdeutschen 
'pulen', d. h. ausschälen, herausklauben, das sich wohl vom lat. peilis usw. her- 
leitet. Ist die Kartoffelernte vorbei, dann tritt im Leben des Landmannes eine 
Ruhezeit ein. Jetzt können auch Mechel (Michel) und seine Len' einander heiraten. 



1) Auf der Danziger Nehrung hless die Puppe 'Der' oder 'Die Alte" (Violet, Neringia 
S. IGlf.), auch 'Kornmoder' oder 'Howerbrut', d. h. Haferbraut: erstere Bezeichnung ist 
aber auch jetzt noch auf deu Werdern allgemein bekannt. „Die Alte erhält gewöhnlich 
einen Hut auf den Kopf und einen Stock in die Hand und wird hoch auf den Erntewagen 
gestellt." Den bekränzten Vorgänger, der die Erntekrone trägt, erwähnt schon A. Hart- 
wich, Geographisch -historische Landesbeschreibung derer Dreyen . . . Werdern, Königs- 
berg 1722 und Danzig 1753, S. 348. Über die 'Alte' siehe besonders auch W, Mannhardt, 
Baumkultus S. 101 ff. und anderwärts. 

2) Über 'Plan' oder 'Plun' siebe Frischbier, Wörterbuch 2, IGO. — Im ostpreussischen 
Oberlande wird zum Teil noch bis auf den heutigen Tag auch die Herrschaft selber samt 
etwaigen Gästen beim Einbringen der Erntekrone von den Knechten und Mägden recht 
tüchtig 'gegossen'. 

3) Violet, Neringia S. KJl, sagt: „Zwischen der einen Leiter des Erntewagens stecken 
die Knechte einen starken Knüttel, dessen Spitze die Speichen des ßades berührt, wodurch 
beim Fahren ein Geklapper entsteht ähnlich dem einer Schnarre", und ferner: wenn 
„die Alte mit der Klapper" kommt, wird sie von den Mägden an der Scheune jubelnd 
empfangen und mit Wasser begossen. Man ruft sich auch wohl bei diesem Scherze zu: 
„Du hast den Olden un most em beholen !" Aus der Marienwerderer Gegend wird mir 
berichtet, dass dort früher ein Schnitter neben der letzten Fuhre herging, die Sense nach 
Art einer Schnarre an die Speichen des letzten liades anhielt und so ein klapperndes 
Geräusch erzeugte. 



Kleine Mitteilungen. 167 

In der Zeit vor Weihnachten findet das grosse Schweineschlachtcn statt, 
genannt 'die Schlacht' (auf der Danziger Nehrung 'die Schweinekest'), die Frau Wüst 
höchst anschaulich und ergötzlich schildert; da wird (hier und dort auch noch 
jetzt!) für den ganzen Winter eingeschlachtet, auf den grossen Höfen bis zum 
Dutzend fetter Schweine und noch mehr. Und dabei gibt es dann der Arbeit gar 
viel, wobei die Nachbarn einander freundwillig helfen, aber auch die Armen des 
Dorfes nicht vergessen werden und ein gemeinschaftliches Mahl, eben die 'Schweine- 
kest", am Abend alle vereinigt (vgl. Violet, Neringia S. 129). Nebenbei erfahren wir 
hier von Frau Wüst authentisch den Ursprung des in Ost- und Westpreussen oft 
gehörten Ausdruckes „Machandel mit dem Knüppel". Denn der Tiegenhöfer 
Wacholderbranntwein, der diesen wunderlichen Namen führt, mit reichlichem 
Zucker darin, spielte bei dieser 'Kost' eine grosse Rolle, und in dem grossen 
Glase, worin er die Runde machte, befand sich ein 'Röhrstockske' zum Umrühren, 
genannt 'der Knöppel' (vgl. Passarge, Weichseldelta S. 220). 

Die Hauptkest freilich ist das Hochzeitsmahl und Hochzeitmachen heisst hier- 
zulande 'Käste make'. Während aber anderwärts der Platzmeister (von 'platzen', 
d. h. mit der Peitsche knallen, siehe oben 'Platzband' S. 165, Anm. 4) als Hochzeits- 
bitter erscheint, finden wir hier, was ich sonst nur noch vereinzelt im Ermlande 
gefunden habe, an dessen Stelle ein weibliches Wesen, die 'Kästebeddersche', 
wieder ein Ausdruck, den kein Lexikon darbietet, als Hochzeitsbitterin! Ich kann 
mir nicht versagen, die allerliebste Beschreibung hierherzusetzen, die von dieser 
wichtigen Persönlichkeit gemacht wird — zugleich als eine Probe des Werderschen 
Platt: 

Wenn die Kästebeddersche ging dorcli det Bracht se ehre Enladung au. 

Dörp, „Goden Dag uck, Ehr Lud, hier komm' 
Wat gaw"t für'n Oi)pstand! Herrje! ich geschritten, 

Meist wär't oll Schwahnsche, "n spashaftget Hätt" ich e Pferdchc, so war' ich geritten, 

Wiew, Doch liess ich das Pferdchc im Stalle stahn, 

On rede kmin Keene, wie de! On darum mustd eck to Fot nu gähn." 

Met "ne siedne Huw, joa wörklich von „Eck sal grüße von Brut on Brüdegani, 

Sied, De welle nu were Fru on Mann. 

Op jeder Back Bloome daran, Am Sündag ehre Käst ward senn, 

Dat Schnuwdook fest an e Zippel gepackt, On daarto lade se denn en 

Ganz em Karkcstaat, so kam se an. Von junge Lud on Makes hier jidermann, 

On drog, wenn de Brut noch nuscht Ehren Irendag met en to begahn! — 

Kleenet had, Toerscht en"t Kästhus, 

Am Stock n' grotet Bikett, Vom Kästhus en"t Gott'shus, 

Da lladderten vel bunte Bänger daran. Vom Gott'shus en't Kästhus, 

On dat let denn wörklich sehr nett! On denn de Nacht dorch en Sus on Brus, 

Doch hat Foamilie dat Brutpaar all, Wenn't Sönnke schient, geiht alles nah 
Denn drog se ut Dökern 'ue Popp, Hus." 

De weihden denn bunter on lustgcr noch, Had se denn Besched, dreiht kort se 
On se höll se sick hoch üwerm Kopp. sick om. 

En de Etenstied, wenn de Lud alle t' Hus, Ehr weihden de Döker am Kopp, 

Kam de Kästebeddersche ran, Denn dat war dunnmals doch so de Mod, 

Halw hochdütscb, halw platt, met Knex on Dat se mehrschstens sick drog met 'ne 

vel Spoaß, Popp. 

— womit man denn die Platzmeistersprüche z. ß. bei Frischbier, Volksreime 
S. 244, und Philipp S. '.iG, vergleichen mag. 

Freilich war schon zu Violets Zeiten (1864, S. 106) die 'alte' Sitte, „einen 
jungen Mann auszustaffieren mit hundert farbigen Bändern und Blumen, der dann 



168 Sehnippel: 

stolz auf geschmücktem Pferde bis in die Wohnungen der verschiedenen Gäste 
ritt und diese mit einer langen, in gebundener Rede abgefassten Ansprache zur 
Hochzeit einlud und darauf unter Preudenschüssen davonritt und zum nächsten 
Nachbar galoppierte" — „in dem Meere der Zeit entschwunden!" — Und ähnlich 
auch schon Hartwich S. 344 f., womit freilich nicht ausgeschlossen ist, dass vereinzelt 
solche Platzmeisterritte noch bis in die neueste Zeit hinein vorkamen und vor- 
kommen : sah ich doch noch vor drei Jahren (1906) auch im ostpreussischen 
Oberlande einmal wieder einen solchen ausstaffierten Hochzeitsbitter! 

Für die 'Herrschaften' allerdings ritt im Danziger Werder auch schon vor 
'5(1 bis 60 Jahren 'der Kutscher' etwa acht Tage vor der Hochzeit mit den Ein- 
ladungen umher, „geschmückt mit seiner Kutscherlivree, ein grünes Sträusschen 
am betressten Zylinder". 

Überhaupt, wie starr zeigt sich in den 'Erinnerungen' noch die soziale 
Gliederung auf dem Lande! Und dass es im ganzen Weichseldelta nicht anders 
war, erfahren wir von L. Passarge S. 211 ff. Erst seit dem französischen Kriege, 
der so viele Änderungen in unserem Volksleben, und zwar gerade auch dem länd- 
lichen, hervorgerufen hat, lockert sich allmählich die Schärfe der Unterschiede, 
die dann seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wenigstens nach 
unten hin mehr und mehr in der Auflösung begriffen sind. Aber noch vor 50 Jahren 
— eine Welt trennt den Hofbesitzer, die Blüte der bäuerlichen Aristokratie, vom 
Kuhbauer und diesen vom 'Pußmurk'^), d.h. Katenbesitzer oder Eigenkätner, 
bzw. Eigengärtner, .und letzteren wieder von den 'Leuten'! Und so wird denn 
auch unter diesen unterschieden 'die Jugfer' oder auch etwas despektierlicher 'de 
SchäiTersche', die Köchin (Käksche), die Leuteköchin, die Mägde, die Jungmagd 
(Jungmäke), das arme Gänsemädchen (Gansmargell), der Grossknecht, der Kutscher, 
der Kuhhirt, die Yiehfütterer ('Futracks', anderwärts auch Futterock, Futtrock 
oder Puttrick, siehe Frischbier, Wörterbuch 1, 212, wobei die Bildung mit der 
slawischen Endung — wie oben 'Päsrick' — bemerkenswert ist), die Instleute, die 
zugleich die Drescher-) waren ('Kätner' oder 'Jahrner', 'Jarner', hier abgeleitet 
von 'Jahr', weil sie jedesmal auf ein Jahr gemietet wurden — sie wohnten in 
einer dem Hofbesitzer gehörigen Kate, die sie ihrerseits nebst einigem dazu- 
gehörigen Gartenlande mieteten, mit der Verpflichtung des Dreschens gegen jedesmal 
den 15. Scheffel ausgedroschenen Getreides in natura) usw. Dass letztere sich dabei 
gar nicht schlecht standen, ist offensichtlich; oft genug fand sogar in den 'Katen' 
ein kleines improvisiertes Tanzvergnügen, 'Zehlach" genannt, statt, welches 

1) Wiederum ein Ausdruck, der höchstwahrscheinlich von den pommerellischen 
Kassuben herstammt. Vgl. übrigens zu dem Stamme des Wortes die Ortsnamen Pase- 
wark, Pasewalk und ähnliche, auch zu der Bezeichnung selbst das rätselhafte 'Posenuickel" 
als Personenbezeichnung I 

2) Die Jahrner standen in keinem eigentlichen Dienstverhältnis. Wurden sie zu 
anderen landwirtschaftlichen Verrichtungen gebraucht, z. B. zum Gras- oder Getreidehauen 
oder auch in der Ernte, so erhielten sie einen vorher vereinbarten Tagelobn imd dann 
auch im Hofe ihr Essen, was beim Dreschen nicht der Fall war. Sie standen sich dadurch 
verhältnismässig gut, doch hat die Leutenot auch in den Werdern das ganze Instmanus- 
verhältnis (über das jetzt bezüglich des Ermlandes ganz ähnliche Nachrichten sich bei 
M. Philipp, S. (iOff., finden) grossenteils verschwinden lassen. — Ob 'Garner', was Frisch- 
bier, Wörterbuch 1, 217, als samländisch und niedersächsisch in gleicher Bedeutung 
anführt, abgeleitet von 'Garten', das Ursprüngliche oder eine Entstellung ist, wird nicht 
leicht auszumachen sein. 'Gärtner und 'Gärtnerhäuser' im Sinne von 'Instleuton' und 
'Insthäusern' kennt auch jetzt noch aus dem Danziger Werder F. W. Dietert, wobei 'Garten' 
aber auch ein Ackerstück und dergleichen bedeuten kann. 



Kleine Mitteilungen. ]^ß9 

Wort übrigens wahrscheinlich auch wieder kassubischer Herkunft ist. Am tiefsten 
steht natürlich 'de Dörpskoat', eigentlich das Armenhaus des Dorfes, dann auch 
deren Insassen, denen es aber seinerzeit infolge der Wohltätigkeit der Besitzer- 
frauen gar nicht übel erging. 

Den scharfen sozialen Unterschieden entspricht die wunderliche und eigen- 
artige Titulatur, deren Peinlichkeit L. Passarge S. 221 auf polnischen Einfluss 
zurückführt. Der Hofbesitzer — sie sind im Werder selbstverständlich fast alle 
biH'gerlich — ward einfach 'Herr' oder 'Herrke' angeredet, die 'Frau' dagegen — 
wenigstens bis vor etwa 20 Jahren — mit der mir sonst nirgends vorgekommenen 
und in keinem Lexikon auffindbaren Anrede 'Hochgtfrau' oder 'Hochglfru ke', 
was aus 'hochgeehrte Frau' zusammengezogen ist. Wie denn auch Violet S. 162 
von der Nehrung berichtet: Vor alten Zeiten nannte man einen Bauer 'Buurke 
Herr'. Die Dienstboten nannten ihren Herrn 'Foder' (Vater), ihre Madam (!) 
'Moder' (Mutter). Später bediente man sich für 'Herr' des Ausdrucks 'Herzfoder', 
für Madam 'Herzmoder'. Jetzt (1864!) nennen die Dienstboten die Frau des 
Hauses 'Gens Fruke', den Herrn 'Gens Herrke" — was aus gnädiges Frauchen usw. 
verkürzt ist. Zur Erklärung kann dienen, was Sack (Die neue Welt, Illustriertes 
Unterhaltungsblatt, Stuttgart 1883, S. tiOO) über Ost- und Westpreussen überhaupt 
schreibt. Danach mussten die Dienstleute auf dem Lande noch vor wenigen Jahr- 
zehnten (d. h. bis etwa 1S50) eine bestimmte Titulaturordnung genau beobachten, 
die ihnen ausdrücklich vorgeschrieben wurde. -Der adlige Rittergutsbesitzer 
musste 'gnädiger Herr", seine Gemahlin 'gnädige Frau', die Tochter 'gnädiges 
Fräulein', der Sohn 'gnädiger Junker' angeredet werden^). Der bürgerliche 
Rittergutsbesitzer musste 'hochgeehrter Plerr', die Gemahlin 'hochgeehrte Frau' 
oder 'Madam", die Tochter 'Manisellchen', der Sohn "junger Herr' angeredet werden. 
Da auch 'gewöhnliche Frauenzimmer' sich 'Mamsellchen' nennen Messen und die 
bürgerlichen Gutsbesitzerdamen den adeligen nicht nachstehen mochten, so wurde 
wenigstens für die Töchter das 'Fräulein" angenommen. Das Beiwort 'gnädig" 
wurde noch vor dreissig bis zwanzig Jahren (d. h. bis etwa 1860!) mit richtigem 
Takt als eine Albernheit erachtet. Der bäuerliche und kölmische Gutsbesitzer 
hiess 'geehrter Herr' oder auch bloss 'Herr', plattdeutsch meistens 'Herrke', die 
Frau 'Madam' oder 'Madamke', die Tochter 'Mamsell' oder 'Mamsellke'. Den 
(gewöhnlichen) Bauer nannten die Dienstleute 'Wirt", die Frau 'Wirtin', in manchen 
Gegenden auch 'Bur' und 'Bursche'. Der 'Gärtner' (= Instmann, siehe oben S. 168) 
wurde vom Scharwerker, den er halten musste, 'He' oder 'Hei' (d. h. 'Er'), dessen 
Frau 'Se" oder 'Sei" (d. h. 'Sie" sing.) genannt. Die Söhne der Bauern werden 
mit den Vornamen, die Töchter mit den Vornamen in der Deminutivform an- 
geredet: 'Hannke', 'Gustke" usw. — Soweit Sack. Heutzutage sind natürlich von 
alledem nur noch trümmerhafte Reste vorhanden. Wer aber genau aufmerkt, 
kann doch noch öfters hier und da die Nachwirkungen jener alten Titulaturen 
heraushören. 

Bemerkenswert sind daneben aber auch gerade wieder im Danziger Werder 
die strengen Anstandsregeln, die beim Gesinde, namentlich bei der Mahlzeit 
herrschten. Die Mägde assen für sich allein in der Küche; von den Knechten 
aber berichtet unsere alte Werderanerin folgendes: .,Mit stets rein gewaschenen 
Händen, die Haare mit Wasser schön glattgekämmt, kamen sie, voran der Gross- 



Ij Auch von den 'gemeinen Leuten' überhaupt wurden nach Sack in Preussen seiner- 
zeit die Söhne adliger Gutsherrn ausschliesslich 'Junker' angeredet. Gerade diese er- 
halten aber auch jetzt noch bisweilen die wunderlichsten und — albernsten Titulaturen. 



170 Schnippe], Lehmann-Filhes. 

knecht, gravitätisch ausschreitend, im Gänsemarsch über den Hof. Im 'Stävke' 
(Leutestube, siehe oben S. 1G4) stand auf dem langen, schneeweissgescheuerten 
Tische ihr Essen bereit. Immer zwei Flöten (hölzerne, vom Böttcher gefertigte 
Essnäpfe), eine Vor-, eine Zukost für je drei Mann. Erst die Mützen, mit dem 
wohlverwahrten Priemchen darin, sorgfältig auf dem Ofen oder den Fensterköpfen 
unterbringend, nahmen sie schweigend Platz, obenan der erste Knecht, dann rechts 
und links die Drescher, auch Jahrner genannt (siehe oben S. 168), nach ihnen die 
Kutscher, die Futeracks (ebenda), die losbändigen (unverheirateten) Knechte, die 
.'halben Männer' (angehende Jungknechte, etwa zwischen 1<> und 18 Jahren) und 
zuletzt die Hirten^). Nun tauchte zuerst der Grossknecht seinen Löffel in das 
Essen, dann der rechte, dann der linke Nachbar. Nun gings so weiter fort, immer 
im Dreitakt, nicht einer ass schneller oder langsamer wie der andere. Ausser der 
Reihe einen Happen zu nehmen, war der Libegritl aller Ungeschicklichkeit. Bei 
dieser Art zu essen, bekam jeder den gleichen Anteil. Bei festen Speisen, wie 
dicke Erbsen oder Brei, stach jeder ein Drittel der Flöte leer, so dass in der 
Mitte eine dünne Scheidewand stehen blieb. Für ganz besonders unschicklich und 
unpassend galt es, den Löffel an der Flote abzustreichen oder den Oberkörper 
vorzubeugen. Kerzengrade, weitab von ihrem Essen sassen die Leute da, schweigsam 
und feierlich den Löffel zum Munde führend. Ein jeder hatte vor sich eine kleine 
Pfütze von den fallenden Tropfen des Löffels. Das machte aber nichts, auf den 
Tisch konnten die Tropfen fallen, nur nicht zurück in das Essen. Legte der 
Knecht den Löffel fort, dann war auch für die andern Zeit aufzuhören." Und alle 
diese ihre Anstands- und Schicklichkeitsgesetze beobachteten die armen, un- 
gebildeten Leute „so streng, wie der spanische Hof die Etikette". Wenn sie von 
der gemeinsamen Mahlzeit aufstanden, warteten schon ihre Kinder darauf, nach 
alter Werdersitte den Rest zu nehmen; den Blechlöffel im Gürtel, standen sie auf 
dem Hofe, bereit, nunmehr ihrerseits die Flöten bis auf den Grund zu leeren. — 
Auch von dem allen ist jedoch nunmehr wohl kaum noch etwas auf dem Werder 
erhalten. 

Osterode in Ostpreussen. Emil Schnippet. 



Die letzten Isländer in Grönland. 

Eine isländische Sage. 

Die nachfolgende Sage mutet so an, als wollte sie das historische Rätsel von 
dem Untergange der alten isländischen Kolonien auf Grönland lösen. Bekanntlich 
wurde Grönland von Island aus entdeckt und besiedelt, gute hundert Jahre 
nachdem Island durch eingewanderte Norweger bevölkert worden war. Eirikur 
porvaldsson, genannt der Rote, der wegen Totschlags für friedlos erklärt war, 
gelangte auf einer Irrfahrt im Jahre 085 an die grönländische Küste. Nach Island 
zurückgekehrt, entwarf er seinen Landsleuten eine so begeisterte Schilderung von 



1) Den auswärts arbeitenden 'Leuten' bringen ihre Frauen oder sonstige Augehörige 
ihr Essen im 'Paartopf' (siehe oben S. 165) zur Arbeitsstelle, wie noch heute nicht 
selten, sowohl in den Werdern als z. B. im Samlaude, im Oberlande usw\ Bekanntlich 
hat dies wunderliche Gerät vor einigen Jahren auch die besondere Aufmerksamkeit des 
Kaisers erreg-t. 



Kleine Mitteilungen. 171 

dem neuentdeckten Lande (welches er, weil er es im Schmuck des Sommers 
gesehen hatte, Grönland taufte), dass bald darauf zahlreiche Familien sich ihm 
anschlössen und mit ihrer ganzen Habe, Dienerschaft, Vieh usw. hinüberzogen und 
sich in Grönland ansiedelten. Diese Kolonien standen noch um 1530 in Blüte; 
als man aber gegen das Ende des IG. Jahrhunderts wieder zuverlässige Kunde 
aus Grönland erhielt, waren alle Isländer daselbst verschwunden und nur Eskimos 
(von den Isländern Schrällinger, „skrselingjar", genannt) übrig geblieben. Man 
könnte das Ganze für ein Märchen halten, wenn nicht der dänische Hauptmann 
Daniel Bruun in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts im Yulianehaab- 
Distrikt Überreste von europäischen Niederlassungen gefunden und an ihnen eine 
merkwürdige Übereinstimmung mit isländischen Gehöften festgestellt hätte. Durch 
welche Begebenheiten sind aber die in Grönland einst ansässigen Isländer aus- 
gerottet worden'? Ein geheimnisvolles Dunkel liegt über diesen Vorgängen. Da 
hat nun ein isländischer Philolog und lleissiger Sagenforscher, Dr. Jon porkelsson, 
in der Landesbibliothek zu Reykjavik eine Handschrift aus den Jahren IS.'IO— 4U 
gefunden, die eine jedenfalls alte Überlieferung enthält. Sie berichtet nicht nur 
vom Untergänge der Isländer in Grönland, sondern auch von der Erfindung des 
grönländischen Frauenbootes, dem von den Polarforschern so grosses Lob ge- 
spendet wird. Diese von' Dr. Jon porkelsson seinem Buche 'pjodsögur og 
munnmoeli' (Volkssagen und Sprichwörter, Reykjavik 1899) einverleibte Erzählung 
lautet in deutscher Übersetzung folgendermassen : 

„Ein Mann namens Ingjaldur wohnte im VeiOifjönVur auf Grönhuid. Er hatte 
viele Söhne, die alle verheiratet waren und dort im Tale um den Hauptwohnsitz 
herum wohnten. Diese Leute waren gut christlich und hatten sowohl Kirchen als 
Prediger; ihre Wirtschaften standen in Blüte. Um diese Zeit begann die West- 
küste Grönlands von jenem Volk, das wir Schrällinger (Eskimos) nennen, dicht 
besiedelt zu werden; sie selbst nennen sichinnuk; ob sie von der Küste Amerikas 
gekommen sind, die 30 Meilen von dort liegt, und welcher Eingeborenen Sprache 
sie sprechen, wird in diesem Bericht nicht erwähnt. Eine grosse Menge von 
ihnen Hess sich auf Nabarhok nicht weit vom VeiOifjörO'ur nieder und verlegte 
ihre Gehöfte allmählich immer weiter nach Süden, wo der Winter weniger streng 
zu sein schien. Die VeiOfiriVinger (Bewohner des VeiOifjönVur) traten nun in 
Verkehr mit den Nordbewohnern, doch hatten sie wegen der Sittenverschiedenheit 
wenig Gemeinsames, da die einen Christen, die andern aber Heiden waren, die 
den wahren Glauben nicht annehmen wollten. Trotzdem siedelten sich einige 
der letzteren an der Küste im VeiOifjörOur an, errichteten dort Hütten und 
Zelte und lebten vom Fischfang. Es entstand aber mit der Zeit ein sehr 
gespanntes Verhältnis zwischen beiden Parteien, ohne dass jedoch eine die andere 
angriff. 

Da geschah es einmal, dass die kleinen Knaben der VeiOfirOinger am Strande 
mit ihren Bogen spielten. Am Lande entlang aber waren die Eskimosöhne mit 
ihren Kajaks und übten sich darin, Pfeile zu werien, worin besonders einer alle 
die andern übertraf. Dieser sprach zu den VeiOfirOingern, dass es ehrenhafter 
für sie sein würde, ihre Fertigkeiten zu erlernen, als sich in Kleidern aus Seehunds- 
fell herumzutreiben und Blaubeeren zu suchen wie die Raben. Jene antworteten, 
sie brauchten mit ihren Künsten nicht hinter den Schrällingern zurückzustehen 
und diese würden mit ihren Wurfpfeilen wohl nicht besser treffen als sie beim 
Bogenschiessen. Da lenkte der Eskimosohn seinen Kajak ans Land und sandte 
sein Wurfgeschoss in den Haufen der VeiO'firOinger, und ein zwölljähriger Knabe 
wurde getroffen und fiel tot zu Boden. Da schrien die Schrällinger fürchterlich 



172 Lehmann -Filhes, Höfler: 

und ruderten vom Lande fort, aber die VeiOfirOinger eilten heim und erzählten 
ihren "Vätern den Vorfall. Da liess der Bonde (Bonde = Bauer) Ingjaldur alle 
Männer vor sich rufen und machte bekannt, dass er noch selbigen Tages gegen 
die Schrällinger ziehen und sie alle töten oder aus der Gegend vertreiben wolle. 
Dies wurde schnell ins Werk gesetzt, es sammelten sich sechzig rüstige Männer 
und zogen hurtig an den Strand. Darauf waren die Schrällinger nicht vorbereitet; 
denn viele waren noch nicht von der See zurückgekehrt, und die Bauern schlugen 
jeden nieder, der ihnen in den Weg kam, sogar Frauen und Kinder der Schrällinger. 
Aber nun kam eine zahlreiche Menge von Männern ans Land, denen es übel 
gefiel, das Treiben der VeiOftrOinger zu sehen. Es kam zu einem wütenden Kampf. 
Die Schrällinger brauchten Pfeile mit knöchernen Spitzen, die Leute aus dem 
Distrikt aber hatten Schwerter oder Lanzen, daher fielen die Schrällinger wie 
Halme. Man sagt, der Bonde Ingjaldur habe auf einem Stein gesessen, während 
der Kampf tobte, denn er vermochte nicht zu stehen wegen zu grosser Beleibtheit. 
Viele Schrällinger griffen ihn an, er aber tötete im Sitzen vier der Männer. Es 
endete damit, dass alle Schrällinger daselbst fielen und die Bauern als Sieger 
heimkehrten. Ligjaldur wurde auf einem Schlitten gefahren; er war nicht ver- 
wundet, aber sehr ermattet, denn das Fett ermüdete ihn mehr als der Kampf. Es 
wird erzählt, von den VeiO'firO'ingern seien fünf gefallen, doch w^eiss man nicht 
die Zahl der Schrällinger, die in diesem Kampfe fielen; ihrer waren aber ziemlich 
viele. Xun wird berichtet, ein Mann aus der Schar der Schrällinger habe sich 
aus Feigheit oder aus Schlauheit unverletzt, wie er war, zwischen die Gefallenen 
geworfen und tote Leichen um sich her gewälzt. Als aber die Bauern ausser 
Sehweite sind, steht er auf, läuft an die See, gelangt in einen Kajak und rudert, 
was er kann, Tage und Nächte lang; er kommt nun nach Nabarhok und trifft 
nicht wenige seiner Landsleute; er erzählt ihnen auf das Genaueste von dem 
Kampfe und stachelt sie zur Rache auf. Die Schrällinger waren schnell dazu 
bereit, sagten aber, man müsse klug zu Werke gehen, wenn es gelingen solle, die 
VeiOfirOinger zu greifen. Sie verhielten sich nun den Winter hindurch ruhig. Als 
sich aber das Eis zu lösen begann, haben sie einen grossen Kahn gemacht aus 
Treibholzstangen und Häute darüber gespannt, darauf konnten zweihundert Mann 
sitzen, und man sagt, die Schrällinger hätten auf diese Weise zuerst ihre Frauen- 
boote erfunden. Sie steuern nun zum VeiiVifjöriVur und kommen am Ostermorgen 
ans Land. Da waren grosse Feierlichkeiten im YeiOifjörcVur. Einige Männer sahen 
das grosse Fellboot draussen auf dem Fjord und stritten darum, was es wohl sein 
möchte; die meisten sagten, es treibe eine ungeheuer grosse Meereisscholle in 
der Strömung, denn man hatte solche Fähre nie zuvor gesehen und die Häute an 
dem Kahn waren schneeweiss geschabt. Die Leute gaben darauf weiter nicht acht, 
sondern gingen alle in die Kirche. Es war aber Sitte, dass niemand sich ausser- 
halb der Kirche finden lassen durfte. Deshalb wurden alle Kinder und die Kranken 
dorthin getragen. 

Als die Messe im besten Gange war, kamen die Schrällinger. zweihundert 
Mann stark, zu dem Gehöft und trugen alle grosse Bürden von Haidekraut, 
die als Schilde dienen sollten gegen die Schwerter der VeiOfiriVinger; doch 
brauchten sie diese nicht zu fürchten, da alle unbewaffnet in der Messe waren. 
Die Schrällinger schlössen nun einen Ring um die Kirche und Hessen Steine und 
Pfeile auf die Einwohner hineinregnen, und es ist in Kürze zu sagen, dass da der 
Bonde Ingjaldur mit seinem ganzen Geschlecht umkam; an Verteidigung war nicht 
zu denken, denn die Männer waren ohne Waffen und um die Hälfte weniger als 
die Schrällinger. Doch sagt man, einer von Ingjaldurs Söhnen sei aus dem 



Kleine Mitteilungen. 173 

Getümmel entkommen und an die See gelaufen. Ihn vorfolgten zwanzig Heiden, und 
er wehrte sich eine Zeitlang mit einem Treibholzkloben, aber zuletzt töteten ihn 
die bösen Menschen mit Steinen." 

Soweit die Sage. Märchenhaft klingt sie gerade nicht, sondern enthält viel 
Wahrscheinliches. Auch ist es interessant, dass die Eskimos sich erst nach den 
Isländern an der Westküste Grönlands angesiedelt haben sollen, was man sich 
sonst umgekehrt denkt. 

Berlin. Margarete Lehmann-Filhes. 



Angebliche Urahnen unserer Festgebäcke. 

Nach einem Referate über die dritte Sitzung der Abteilung für Geschichte der 
Medizin und der Naturwissenschaften bei der Kölner Naturforscherversammlung 
(Münchener Medizin. Wochenschrift 1908, Nr. 42, S. -2200) hielt Herr Schelenz- 
Kassel unter obigem Titel einen Vortrag, in weichem er glaubte annehmen zu 
dürfen, dass der alte Namen Collibia (nokhjßog, y.o'Xhjßov = münzenförmig flaches 
Naschwerk) dem spätlateinischen Namen holippus (= Hohlhieppe) entspreche; das 
klassische Gebäck Kollybcs sei nichts anderes als unsere deutsche Hohlhüppe. 
Diese Gleichung beruht aber nach meiner Anschauung auf einer ganz willkürlichen 
Umgestaltung oder Anlehnung, die man nur sehr skeptisch aufnehmen konnte. Der 
erste Grundsatz zur Deutung von Namen ist, die älteste urkundliche Form als 
Ausgangspunkt zunehmen; diese ist aber für das oblatendünne Gebäck, das man 
im Mittellatein mit 'nebula' bezeichnete (= tenuis panis*) 1487 hypp, hyppy, hyppen 
(also nielit hohlhüppen). Diefenbach, Glossar 1, 377; (15.S2) Oblaten, hyppen = 
crustulu (Martin, Elsäss. Wörterbuch 1, 360); (1662) Die Hippen — Eiserkuchen, 
crustulum (Schweizer Idiotikon 2, 1480); 1534 hat man allhie (St. Gallen) erstmals 
angefangen die hyppen ze bachen so vormals nie gebracht syn; (1G62) hipe, 
heupe; (1677) hypen; (1736) hypen, hupen = des oublies (= oblata), (Schweizer 
Idiotikon 2, 1488); erst 1586 treten holipeneisen = artopta (äfrc'-rv;, Back- 
geschirr^) auf (Diefenbach 1, 52); und 1719 im Salzburger Kochbuche 4, 10s 
hohle Hippen; im Mittelniederdeutschen tritt der hipkenbecker, 1508 in Frank- 
furt a. M. als hicpenbäcker und 1582 im Elsass als Hippenbeck, crustularius auf 
(Schiller- Lübben 6, 156; Kriegk, Deutsches Bürgertum 1, 574; Elsässer Wörter- 
buch 2, 25); demnach ist es wohl sicher, dass die Hippe der ältere deutsche 
Namen ist für ein pfeifenrohr- oder winzermesserförmig gekrümmtes, aufgerolltes, 
im Innern hohles, tütenförmiges Oblatengebäck, das als Zucker-, Mandel-, Quitten-, 
Rahm-, Zimmt- Hippen, Züri(cher) Hüppli sich differenzierte und erst später als 
sog. Hohlhippen bezeichnet wurde. Läge ein mlat. collibium als Ausgangs- 



1) nebula = Wiudoblate; altfranz. neule; (1502) neb eilen: (Diefenbach, Glossar 2, 262: 
(1507) noellen off waffeleu (Diefenbach 1, 377). In Eouen, Lisceux (Normandie) uud 
anderswo band mau auf Pfingsten dem in den Kirchen fliegen gelassenen Geflügel eine 
Art Oblate, ..Wölkchen" (= uebulae, noellen) genannt, an die Füsse (Neues Heidelberger 
Jahrb. 8, 124). 

2) Die Hostien oder Oblaten in Gestalt eines auf einem Eisen (im U. Jahrhundert 
modica oblata) oder ferramentum characteratum gebackenen dünnen Gebäckes (panis 
rotnlaris bei Martigny, Dictionnaire 496) traten zuerst um 1000 im Kloster St. Gallen auf; 
diese Röteln sind aufgerollte papierdünue Oblatengebäcke, die ihr Vorbild in den alt- 
römischen panes signaculo signati (Kraus, Realencyclop. 1, 672) hatten. 



1741 



Hofier, Müller: 



bezcichnung' vor, dann wäre das 'coli' nie weggefallen; coliibium ist ausserdem 
niemals das lat. Lemma für Hippe oder Hohlbippe. Um aus lat. coliibium 
sprachlich die deutsche Holhippe zu bilden, braucht man zu viele, ganz will- 
kürliche Umgestaltungen, wenn man eine solche Annahme überhaupt nur glauben 
wollte; sie ist in keiner Weise sprachgeschichtlich nachgewiesen. Sachlich sagt 
das Wort Hohlhippe deutlich genug, was das Gebäck vorstellen soll. 

Dass die griechischen xpv;7rTdVc (= Bodensohle), lat. crepida (— Galoschen, Fuss- 
sohle) mit den deutschen Krapfen, Kräpflein erklärt wurden (Diefenbach, Glossar 
I, 156), habe ich bereits in meiner Abhandlung: Der Krapfen (oben 17, 66) an- 
geführt; diese Deutung in Diefenbachs Glossar beruht jedenfalls auf Missverständnis 
der betreffenden Vokabularien und Glossaren im 15. bis 16. Jahrhundert. Auch 
hier ist wieder von der ältesten urkundlichen Form des 9. Jahrhunderts aus- 
zugehen: Krapfilin = celindros, mit der die übrigen althochdeutschen Lemmata 
artocreas übereinstimmen; da Krapfen auch Pferdekotballen bedeutet, sowie ge- 
bogene Kralle oder Klaue, und mhd. Hodenballen, so ist Krapfen = rundballiges 
oder zylindrisches, krallig gekräpftes, mit Farce gefülltes Pfannengebäck; die 
Deutung als Symbol des menschlichen Rumpfes, der mit sündhaftem Fleisch 
gefüllt ist (Schelenz), ist mindestens sehr zweifelhaft. 

Bad Tölz. Max Höfler. 



Übertragung TOn Krankheiten auf Bäume. 

Von befreundeter Seite ging uns kürzlich folgende Notiz zu, die einem Roman 
von Pierre de Coulevain, Sur la branche (Paris, Calman Levy) S. 195 — 197 ent- 
nommen ist. Der Ort der Handlung ist der kleine Badeort Bagnoles de l'Orne 
im Departement Orne, an der Grenze der Normandie, Bretagne und Maine. 

Heute habe ich zum ersten Male einen Weg parallel dem Bahngleis eingeschlagen, 
den ich bisher seiner Nähe wegen verschmäht hatte, und das verschaffte mir einen sehr 
interessanten Nachmittag. Man geht den Wald entlang, hinter der Eennbahn vorbei und 
erhebt sich in unmerklicher Steigung über das Tal. Nach einer Viertelstunde entdeckte 
ich Bäiime, deren Äste Kieselsteine trugen. Erst dachte ich an einen Scherz von Kindern, 
aber es wurden immer mehr, und schliesslich blieb ich verblüfft an einer Stelle stehen, 
•wo alle Bäume förmlich mit Steinen belagert waren. Die Wirkung dieser Steine in 
luftiger Höhe inmitten des Laubwerks war geradezu i)hantastisch. Ich begriff, dass dies 
etwas anderes als ein Zeitvertreib sein musste. Nun fragte ich eine alte Bäuerin danach. 
..Das sind die Steine des heihgen Ortraire", war die Antwort, „ein lieber, guter HeiHger, 
der das Eheuma heilt. Er hat seine Kapelle fünf Minuten von hier. Dorthin wallfahrten 
wir, und beim Heruntersteigen auf dem Heimweg legt dann jeder einen Stein hierher, 
grade so hoch, wie er sein Leiden hat. Ich hab einen für meine Knie hingelegt. Will 
ihn die Dame sehen?" — 'Gewiss', erwiderte ich teilnehmend. Ich folgte der braven 
Frau, die mir in der ersten Gabelung einer Buche einen grossen Kiesel zeigte. — „Das 
ist er", sagte sie mit einem gewissen Selbstgefallen. „Die Männer meinen freilich, das 
sind Dummheiten, die haben heutigen Tages nicht mehr Glauben in sich als das liebe 
Vieh. Derweil ist mein Rheuma verschwunden, und ich geh ohne Stock." 

Ich Hess meine Augen im Kreis wandern, da sah ich Steine knapp über dem Erd- 
boden, wohl für Fussschmerzen, andere wieder in der Höhe der Knie, der Schultern, der 
Stirn. Ich druckte meine Verwunderung aus, dass sie so liegen blieben und dass niemand 
daran dachte, sie herunterzuwerfen. Die Bäuerin liob den Kopf; „Das ist keine Gefahr! 
Wer sie anrühren würde, bekäme das Leiden selber. Das wissen sie zum Glück, die bösen 
Buben." 



Kleine Mitteilungen. 175 

Der Brauch ist wohl ziemlich neu für die Volkskunde und deshalb von 
Interesse für weitere Kreise^). Aus anderer Anschauung ist die Heilmethode 
hervorgegangen, über die eine uns von Frau M. Andree-Eysn in München mit- 
geteilte Notiz aus Liefering, ^i Stunden von Salzburg, berichtet: „An einem Tage 
der vorigen Woche konnte man auf unserem Friedhofe Augenzeuge eines ganz 
eigentümlichen Schauspiels sein. Da liefen nämlich zwei Frauen dreimal um die 
Kirche und nahmen dabei jedesmal ein Steinchen auf. Die eine behielt sie in 
der Hand, die andere nahm sie in den Mund. Das erstere gegen Gicht, das letztere 
gegen Zahnschmerzen"^). — Eine Verwendung von Steinen als Opfer erwähnt 
0. H. Hopfen in einer Plauderei über die Appenninen in den Münchener Neuesten 
Nachrichten 1908, Herbst. Dort tragen die Wallfahrer schwere Steine den Berg 
hinauf, um oben zugleich mit ihnen ihre eigene Schuld abzulegen. Um sich ein 
Verdienst zu erwerben, tragen sie dann einen andern, auch möglichst schweren 
Stein hinunter'). 

Berlin. Eduard Hahn. 



Predigtparodien und andere Scherzredeu aus der Oberlausitz. 

Im Anschluss an die oben 12, 224 veröffentlichte Fredigtparodie aus Holstein, 
die nur als Bruchstück dargeboten werden konnte, und an 14, 364. 471 möchte 
ich auf ähnliche Erscheinungen'*) hinweisen, die mir in Sachsen, besonders in der 
Oberlausitz und zwar in der reinbäuerlichen Gegend des Ostritzer Kreises, des 
sogenannten Eigens, entgegengetreten sind. Die Spottpredigten ahmen in scherz- 
hafter, ja frivoler Weise den Ton und die Form der Predigten, vor allen aber die 
Sprache der Evangelien nach. Damit vermischt, weisen diese Erzeugnisse Züge 
aus Lügenmärchen auf, beispielsweise die Geschichte von den Schiffen und den 
nackten Jungfrauen, sie dienen ebenso wie der parodierte Kaufvertrag, die Geschichte 
von der Riesenbassgeige und das Lied vom Hausrat des Freiers zur Unterhaltung 
der Dorfjugend an 'Lichtenabenden', den Lausitzer Spinn- oder Rockenstuben. 
Auch der Hochzeitsbittcr belustigte einst sein Publikum mit solchen Scherzreden, 

1) [Aus der Xormandie bezeugt ihn Scbillot, Le folk-lore de France 1, ■j'y2i. nach 
J. Lecoeur, Esquisses du Bocage normand 2, 112. Er bespricht auch 1, 20G und ."., 412 bis 
415 die verwandten Methoden der Krankheitsübertragung, wonach mau ein Rasen- 
stück auf die Zweige legt, sich eine Weile an den Baum anbindet, einen Nagel hinein- 
schlägt oder Nägelschnitzel und Haare in ein Bohrloch verpüöckt. Zu letzterem Brauche 
vgl. oben 7, 68. 168 und Alemannia 15, 122. Häufig wird die Krankheit nur durch einen 
Zauberspruch in den Baum gebannt: oben 5, 8. 25. 7, 68. 16:3. 166f. 252, Vgl. im 
allgemeinen Wuttke, Volksaberglaube §488—491. Brummer, Über die Bannungsorte der 
finnischen Zauberlieder 1908 S. 27.] 

2) [Hier ist das Wesentliche der dreimalige Lauf um die Kirche (Sebillot, Folk- 
lore 4, 135) und die Heilkraft des Kirchenstaubes (oben 16, 320. Sebillot 4, 160).] 

3) [Über solche Kraftleistungen der bussfertigen Wallfahrer vgl. R. Andree, Votive 
und Weihegaben 1904 S. 105f.] 

4) [Einige weitere Exemplare folgen unten S. 182—185. Die frühere Entwicklung der 
Gattung bis zum 16. Jahrhundert betrachtet F. Lehr, Studien über den komischen Einzel- 
vortrag in der älteren deutschen Literatur I: Die parodistische Predigt (Diss. Marburg 
1907. 61 S.). Eine Faschingspredigt über Cupidinis Macht von Franz Peter (18. Jahrb.) 
im Münchner Cod. germ. 2612. Schwäbische Papstpretligt vor freigoisterische Bauern (1830). 
Abscliiedspredigt des schwäbische Pfäffle (1835). Kapuzinerpredigt von P. Zachäus Rumpel- 
dosius (Bern 1860). Mitt. der schles. Ges. f. Volkskunde 4, 112. 5, 99. Blümml, Beiträge 
zur dtsch. Volksdichtung 1908 S. 9.] 



176 Müller: 

wie er ja auch häufig durch spassige Lieder von der Vogelhochzeit die Pausen 
füllte. Bei der Länge dieser Volksdichtungen ist ein Durcheinander der Motive 
durchaus verständlich, sind doch gerade sie gewöhnlich Gedächtnisbesitz nur 
weniger Personen, der Spass- und Lustigraacher im Dorfe, gewesen. 

I. Die Traurede ^). 

Es fiel ein Floh vom Dache, es ward ein gross Gekrache und ging doch 
nischt entzwee. — Nun, mein hochverehrtes Brautpaar, Ihr steht hier vor den 
Stufen des Traualtars, wo Ihr den Bund des Lebens miteinander zu schliessen 
habt. Darum prüfet Euch, vernehmet die Textesworte der Trauung, welche in 
der Naturgeschichte im Buche Sirach 28, Vers 32—23, von einem Dorfe zum 
anderen also heissen: „Ich wollte lieber bei Löwen und Drachen wohnen als bei 
einem bösen Weibe; denn wenn sie böse wird, verstellet sie ihre Geberden und 
wird so scheusslich wie ein Sack. Amen!" Dies sind die Worte, zu deren Be- 
trachtung jetzt der Bäcker seinen Segen geben mag. 

Mein vielgeliebtes Brautpaar, es ist nun aber nicht bloss gesagt, dass Ihr den 
Bund des Lebens miteinander schliessen sollt, sondern Ihr habt auch einen grossen 
Berg zu übersteigen, der grösser, Euch nicht so leicht wird, wie wenn der Hahn 
der Henne über den Schwanz steigt; denn heute ist es gerade jährlich, dass sich 
der grosse Riese mit der Tampel Margarete trauen liess; denn sie zeugten in 
ihrer Ehe 16 Jungen, 18 Mädchen, 19 Söhne und 13 Töchter, wovon aber bereits 
<; zur ewigen Ruhe eingegangen sind. Sie waren aber nicht mürrisch über ihr 
Schicksal, weil ja gerade das Schock voll blieb. Darum seid fruchtbar und mehret 
Euch; denn es stehet geschrieben, Ihr sollt einander herzlich lieben und ein Ding 
in das andere schieben. Das Weib soll dem Manne gehorsam sein, darum muss 
sie ihm die Hosen flicken. 

Und nun frage ich den gegenwärtigen Bräutigam, den ehr- und tugendsamen 
Hans Christoph Sägebügel von der Höllenkrücke, ob er die gegenwärtige Braut 
Anna Marie Flegeleisen von Bumbsdorf zur Gemahlin haben will und sie lieben 
und Freud und Leid mit ihr teilen wolle, bis der Tod sie scheidet; ist dies sein 
aufrichtiger Wunsch, so antworte er ein lautes vernehmliches 'Ja". — Hingegen 
frage ich nun die gegenwärtige Braut Anna Marie Flegeleisen, ob sie den ver- 
lobten Bräutigam, den achtbaren Junggesellen Hans Christoph Sägebügel von der 
Höllenkrücke zum Manne haben und ihn lieben und treu bleiben will, bis der Tod 
sie scheidet. Ist dies auch ihr aufrichtiger Wunsch, so bekenne sie solches eben- 
falls durch ein deutliches vernehmliches 'Ja'. — Auf solches Euer Bekenntnis 
reichet Euch nun einander den rechten Batsch und empfanget den Segen des Schorn- 
steinfegers also: „Alles, was meine Schneider zusammenflicken, das muss feste 
sein, sonst bleiben mir die Speckseiten der Bauern an den Hosen hängen." 

Nun, mein liebes Brautpaar, so Ihr Euch nun entschlossen habt, in das Land 
der Liebe und in das Bett der Freuden Euch zu begeben, so fühlet aber auch, 
was das Herz empfindet, und der Strick, der Euch verbindet, sei ein starker 
Silberstab! Und nun, meine liebe Braut, pflege den Mann, wo du weisst und 
kannst, auf dass nicht in Erfüllung gehe die Schrift, welche sagt: 'Ein böses Weib 
darf man nicht anrühren, sonst wird man lauter Ungetüm und lauter Brummen 
hören'. Ferner auch die: 'Ein Kreuz, ein Leid, ein böses Weib, hat mir der Herr 

1) Scherzvortrag bei Lichtengängen (1830—50) aus Dittersbach a, d. Eigeu, Ober- 
lausitz. Die Überlieferungen aus Dittersbach verdanke ich Herrn Domschke daselbst. 



Kleine Mitteilungen. 177 

gegeben, nimras Kreuz von mir, das Weib zu dir, dann kann ich fröhlich leben'. 
Und du, mein lieber Bräutigam, wenn du solltest die Worte in Erfüllung bringen, 
so denke an die edeln Sprüche Salomonis, wo es heisst: 'Wer ein böses Weib 
hat, der gehe aus am Montag und schneide sich Dienstag einen Prügel ab, und 
er haue sie am Mittwoch, so wird sie Donnerstag krank und Freitag sterben, 
Sonnabend wird sie begraben, da kann der Mann einen feierlichen Sonntag haben'. 
Halleluja, schneid Zwiebeln dra ei der grünen Mistpfütze! 

2. Spottpredigt beim Liclitengang ^). 

Eine hochverehrte Versammlung wolle vorlesen hören die Epistel St. Lucä am 
Pechdraht, welche lautet von der dritten Haustür bis zum 12 Fensterladen also: 
Siehe hier dein Volk an und unterstütze sie mit einem Wispel Viergroschenstücke 
und erquicke ihre Herzen mit Branntwein, dass sie dich loben und preisen. Amen! 

Ihr, meine vielgeliebten Saufbrüder und KafTeeschwestern, merket auf meine 
Worte, ich will euch belehren, dass die Feurigen von euch fahren wie die Feigen 
von den Disteln. Ich habe sie gezogen aus dem lateinischen Futterkorbe, und 
lautet auf deutsch also: Es begab sich zu der Zeit, als der Teufel ein Schuh 
ward, darum stehet auf von der Rechten und bezeichnet eure Geschwister mit 
Schuhschmiere, das Sprechen aber und alles andre überlasse ich der Köchin und 
der Kuhmagd. Besorget euch nun mit 20 Pfund Hammelfleisch, '20 Pfund Kalb- 
fleisch, 30 000 Pfund Bratwürste und 2-4; Pfund Branntwein machen den Hals nass. 
Der Bock krähete zum ersten Male, da begab sichs, dass ein Holzscheit war bei 
einer hölzernen Bierkanne. Da trug man einen Toten hinaus, welcher stumm war. 
Als man ihm nun vorsetzte ein Stück von einer Eiche, siehe, da mochte er es 
nicht trinken, sondern setzte sich auf einen Stein und ritt davon Als nun der- 
selbe in zwei Dörfer kam, fand er das eine leer und im andern keinen Menschen 
darin; doch aus dem leeren Dorfe kamen drei schöne Jungfrauen heraus. Die 
eine war nackend, die andre war barfuss bis unter den Hals, und die dritte hatte 
keine Kleider an. Diese drei schönen Jungfrauen nahm er mit bis an das Schwarze 
Meer, wo zwei Schifl'e standen, das eine war nicht mehr ganz, und im andern war 
kein Boden darin; doch in das Schiff, wo kein Boden mehr war, setzten sich die 
vier schönen Leute und fuhren weit über das blaue Meer, ohne dass das Schiff 
nass wurde. Als sie aber in die Mitte des Meeres kamen, wurden sie auf einen 
Papierfelsen geworfen, auf diesem Felsen stand eine lederne Kapelle. In dieser 
hölzernen Kapelle war nun ein lederner Pfaffe, welcher eine sehr schöne Rede 
hielt. Er hatte aber dabei das Unglück, dass er sich an seine Nase stiess, welche 
ihm bis zum Busstage zuklebte. Das war aber keine solche Nase wie die unsrigen, 
nein, denn sie war fast so gross wie ein preussisches Nachtwächterhaus. Der 
Bock krähete zum zweiten Male. Da begab es sich, dass die Pharisäer in den 
Tempel gingen zu opfern. Da sah eines Pharisäers Knecht, dass sein Herr, statt 
einen Pfennig zu opfern, einen Taler stahl. Als er das mit angesehen hatte, stieg 
er eilends auf einem Kirschbaum und brach sich Kinnbacken ab, kam mit dem 
Birkenknittel und hieb ihn so sehr, dass ihm das rechte Eingeweide zum linken 
Absatz heraushing. Meine lieben Zuhörer, es ist nicht möglich, dass man die 
ganze Welt in eine Kuhhaut einwickeln kann oder dass man sonst ein ungeschicktes 
Tier durch ein Nadelöhr treiben kann, aber soviel ist gewiss, dass Mädchen 
Kinder bekommen, wenn sie fleissig lieben. Der Bock krähete zum dritten Male. 



1) Aus Dittersbach a. d. Eigen, Oberlausitz. — [Zu S. 178 oben vgl. Polsterer, 
Militaria (1908) S. 25 ] 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde 1909. 12 



178 Müller: 

Es begab sich nun, dass der Papst zu Paris über die grosse Brücke ging. Da 
purzelte ihm viel Volks nach, unter andern war auch ein Weib, die schrie und 
sprach: „Herr, hilf meiner Tochter, denn diese leidet schrecklich im Ehestande". 
Da legte er seine Hand auf sie und sprach: „Was ist das, mein Kind?" Das sind 
die himmlischen Pauken. Er griff abermals weiter und sprach: „Was ist das, 
mein Kind?" Das ist der Berg Sinai. Und er griff zum dritten Male und sprach: 
„Was ist aber das, mein Kind?" Das ist der Busch Mosis, worin Mosis seinen 
Stab reinsteckte, wo auch heutzutage noch mancher seinen Stab reinsteckt. Und 
er sprach: „0 Kind, dein Glaube ist gross". Danach legte er seinen Mund auf 
ihren Mund und seine Brust auf die himmlischen Pauken und den Bauch auf den 
Berg Sinai und nahm den Stab und stach in das Gebüsch Mosis, da wurde das 
Kind gesund zur selbigen Stunde. Amen. — AVir haben in unsere Andacht noch 
folgende Personen mit einzuschliessen, welche willens sind, in den Stand des ver- 
brannten Pelzes zu treten, und werden hiermit aufgeboten zum siebenten und 
achten Male: Johann Dreifuss, Gastgeber zu dem schwarzen Euter, mit seiner 
verlobten Braut, Anna Marie Dickbauch, von hinten offen und von vorne nicht zu. 
Er hat nichts, und sie hat nichts, wenn sie zusammenkommen, verlieren sie nichts, 
und wer hinter ihnen hergeht, wird auch niemals nichts finden. Wir wollen den 
Turmwächter bitten, dass er sein allerhöchstes Licht leuchten lasse und seinen 
reichlichen Nachttopf über sie ausschütte. Ferner ist eine Danksagung zu tun, 
begehrt für eine alte siebzigjährige Holzhackersfrau, welche gestern ^1^ auf halb 
acht Uhr von einem jungen Sägebocke entbunden wurde. Schenke ihr der Herr 
sechs Klaftern Holz und ein halbes Dutzend Sägen, damit sie miteinander Arbeit 
haben. Von unserm Mitbruder soll ich folgende Danksagung vermelden, nämlich 
von den Herren Rektor und buckligen Schermessergesellen, und ihr sollt so gut 
sein, und ihr sollt so gut sein und morgen mit ihnen zu Grabe gehen, denn 
unserm Herrn Kantor ist ein Kind gestorben in dieser Woche, er will sich wieder 
ein neues machen im alten Loche. Wir beschliessen die Andacht mit einer Prise, 
und wer keine hat, heisst Liese. Amen. 

3. Die Schusterpredigt oder Predigt am Sonntage der Schuster'). 

Das Evangelium am heutigen Schustersonntage lautet von der ersten Haustüre 
bis zum 15. Fensterladen wie folgt: Liebe Saufbrüder, Branntweinfreunde, Klatsch- 
schwestern und die ganze bucklige Gesellschaft, ich will Euch predigen, dass die 
Stücke von Euch fliegen wie die Disteln von den Feigen. Unterstützt Euch einer 
den andern mit 50 Pfennigstücken, damit könnt Ihr tanzen und springen. Zur 
derselben Zeit war eine Hochzeit zur hölzernen Kanne, und sie setzten sich auf 
einen Stein und fuhren von dannen und kamen in zwei schöne Dörfer, das eine 
war leer, und in dem andern waren keine Menschen mehr drin. In dem keine 
Menschen darin waren, kamen zwei schöne Mädchen heraus, die eine nackend und 
die andre war barfuss bis an den Hals. Die barfuss war bis an den Hals, nahmen 
sie mit sich und fuhren bis an das blaue Meer. Daselbst standen zwei Schiffe, 
das eine war zerbrochen, in dem andern war kein Boden mehr darin. In dem, 
da kein Boden mehr darin war, setzten sie sich hinein und fuhren auf dem blauen 
Meer umher, ohne dass das Schifflein nass wurde. Da wurden sie einen papiernen 
Felsen gewahr, auf dem stand eine gläserne Passionskirche, und darin war ein 
hölzerner Pastor. Der hielt eine so rührende Predigt, dass er sich an seine Nase 
stiess und sie U Tage danach noch wackelte. Aber das war keine solche Nase 



1) Aus Lugau im Erzgebirge. 



Kleiue Mitteilungen. 171) 

wie die unsrigen, sondern wie ein sächsisches Schilderhaus, und sie fuhren von 
dannen auf ein grosses Feld. Daselbst stand ein Birnbaum. Er stieg hinauf auf 
den Apfelbaum und wollte sich satt Pflaumen essen. Da kam einer von den rohen 
Bauern-, hielt den Kopf unterm Arm und winkte mit der grossen Fusszehe und 
sprach: „Heda! Was macht Ihr in meinen Kartofi'eln?" Er stieg runter von dem 
Kastanienbaum, las seine Krebse zusamiuen und zog mit den Fischen zu Markte. 
Da wunderten sich die Leute, da sie noch keine solche grossen Kohlrüben gesehen 
hatten, die wie die llunkelriiben waren. Und alsdann wurden von ihm aufgeboten 
zum ersten Male Johann Dreifuss mit Amalie Dreitrasch. Er hat nichts, und sie 
hat nichts. Wenn sie beide zusammenkommen, so verlieren sie nichts. Wer gegen 
diese etwas einzuwenden hat, der gehe nach Berlin, w^o der Sack mit warmem 
Wasser steht. Und alsdann wurde aufgefunden ein Nest mit sieben jungen Nacht- 
wächtern, wovon drei knapp recht waren und vier ihr musikalisches Talent noch 
nicht empfangen hatten. Und die Heringe schlugen eine Schiffsbrücke über den 
Rinnstein und lobten mit lauter Stimme den König von Schweden. Amen! Der 
Blinde schlug den Lahmen, der Lahme nahm seine Krücke und schlug dem Blinden 
ins Genicke. — Noch ist eine Danksagung zu tun für einen alten Sägebock, 
welcher nicht mehr gut stehen kann, und darum denn im Namen des Kuckucks, 
des Kiebitz und der heiligen Krähe. AraonI 

4. Kauf auf der Insel vom guten Nichts. Kaufbrief vom Immerwährenden Nischtda^). 

Dieses Gut hat den Rittersitz gehabt hinter dem Schweinsberge und sind in 
demselben vier Stuben befindlich. Die erste ist eingefallen, die zweite, wo noch 
Türen und Fenster stehen, und das Tageslicht wird in grossen Säcken hinein- 
getragen, die dritte ist der Kälberstall und die vierte wird zun Gänsen gebraucht. 
Oben auf dem Schüttboden unter dem Keller steht noch ein alter Schweine- 
schuppen, welchem aber neulich der grosse Regen viel Schaden getan hat. Die 
Wassermühle ist über dem Taubenschlage, und wenn vor die Herrschaft gemahlen 
wird, muss die ganze Gemeinde zusammenkommen und den Urin in ein Glas 
laufen lassen, damit das löschpapierne Rad getrieben wird. Diese hat der Gänse- 
junge in der Miete und zinset jährlich der Herrschaft eine Mandel Sperlingsköpfe, 
eine Mandel Maikäfer und ein Brummeisen. Sonst ist das Gebäude nach der 
neuesten Manier viereckig gebaut. Der Lust- und Ziergarten ist auch nicht zu 
verachten, weil anstatt der Aprikosen Katzenzahl und statt des Spargels Disteln 
gezeuget werden. Zur Winterszeit werden 3000 Paar alte Stiefeln und zur Sommers- 
zeit 50 Schock verkohlte Eichstämrae zur Aussaat gebraucht. An Nutzvieh ist 
nicht viel, aber an Geltenvieh ist etwas vorhanden: zwei Ziegenböcke, drei Eich- 
hörnchen und drei geschnittene Saubauner zur Zucht. Zum Vogelfängen werden 
alte Schuhe und Pantoffeln gebraucht, und die Jagd wird mit Ketten und ein paar 
ausgestopften Windhunden verrichtet. Auch sind noch zwei Teiche, der eine ist 
für die Bäcker zur Reitschule, und im andern ist die Kegelbahn. Nun folgen die 
Kaufbedingungen: Erstens muss sich der Käufer die Nase selber wischen. Zweitens: 
Wenn er nichts hat, darf er nichts fressen. Drittens: Wenn er will was sehen, 
muss er sich ein Licht anzünden, die Türe ausheben und sich selber vor das Loch 
stellen. 

Nun kommt der Beilass: Eine alte eingefallene Backstube; ein Blaserohr mit 
Fuchsschwänzen ausgefüttert; ein Paar neue Hosen, das sechstemal schon um- 



1) Aus Dittersbach a. tl. Eigen, Oberlausitz. 

12^ 



iQQ Müller: 

gedreht; ein Weiberpelz ohne Putter; eine Hechel ohne Zinken; ein ABC ohne 
Brettel; ein Gericht, mehr denn zehnmal schon gefressen; ein Pflug, statt des 
Schares ein Entenschnabel; ein Busch, wo noch kein Baum gestanden hat; für 
46 Kühe Mondenschein; zwei Dreschflegel, der erste der Grossmagd ihr Sohn, der 
zweite der alten Käsefrau ihr Sohn; 48 Fuder Wanzen, so dass der Grossknecht 
mit der Käsefrau im Hofe muss tanzen; eine Brille ohne Gläser; eine Schwarte 
von einem Schinken; eine Schnupftabakdose und ein Branntweinglas; eine Sturm- 
haube und ein Türriegel. Solches bezeugen sämtlichen Gerichten: 

Kotel mach an Lehm arm, Kotel schmer an Quarksack, Mark, Dricks, Parkel 
und der äle Hanswurscht als Gerichtsschreiber. 

Nun kommt der Lebenslauf des ehemaligen Besitzers: Was nun noch von 
unserm guten Mitbruder zu gedenken ist: Er wurde 8720 nach neuester Zeit- 
rechnung geboren. Der Vater war der ehrengeachtete Hans Stephan Ziegenbein 
und die Mutter die Oschel Sebantiele mit dem kalten Loche. Diese beiden Eltern 
haben einen ganz vortrefflichen Jungen gezeuget, welcher mehr denn zehnmal 
abgemacht war Er war mit einem grausigen Kopfe gezieret wie ein Igel und 
hatte ein Paar hellglänzende Augen wie ein paar beschissene Taubennester. Er 
war an seinem Leibe so schön gezieret wie eine versengte Sau und wie ein gelb- 
leuchtender Kalkgraben. Als nun diese Frucht ein wenig erwachsen war, haben 
ihn seine Eltern zur Schule angehalten, wo er in !»4 Jahren fast das ganze ABC 
auswendig gelernt hatte. Von dort aus ging er in eine Stadt die Seilerprofession 
zu erlernen, wo er auch treu und ehrlich ausgehalten hat. Aber einstmals geriet 
er mit der Dienstmagd in Streit, indem er ihr mit seiner Stecknadel in ihren 
Geburtsbrief gestochen hatte. Dies war ein grosses Elend für ihn, und musste 
er sich im 192. Jahre in den Stand der vielgeliebten Hosen mit Anna Maria Stein- 
pilzen begeben, mit welcher er drei Jahre gelebt und 15 Kinder mit ihr gezeugt 
hat. Von da an hat er sich krank und hinkend auf die linke Arschbacke nieder- 
gelegt und über weiter nichts als über den rechten Absatz geklagt. Da wurde 
zum Doktor geschickt, welcher ihm ein wenig Bohnstroh, ein bischen Haferstroh, 
das Gerumpel aus einer Brücke, das Fett von einer Mücke, das Eingeweide aus 
einer Mistgabel und den Schmelz aus einem Storchschnabel, dieses alles wurde in 
ein Glas getan und mit einer warmen Pelzmütze zu Pulver gestossen, dann wurde 
es ihm eingegeben. Als er aber sah, dass nichts aus ihm wurde, so hat er sein 
Testament gemacht und vermachte dem Vater seine grosse Sackpfeife, dem Toten- 
gräber seinen alten Leibgürtel, der Dienstmagd ein Paar Hosen, dem Kuhjungen 
seine alte Lausejacke. Dennoch hat er seinen Lebenslauf auf 900 Jahre 13 Monate 
14 Tage 7 Stunden 3 Minuten und 9 Sekunden gebracht. Beim Begräbnis wurde 
ihm das Lied gesungen: Li Schwarz will ich mich kleiden. 

5. Die Riesenbassgeige ^). 

Hochzuverehrende Herrschaften! Wenn es in England Bierkufen gibt, worin 
Kriegsschiffe von 36 Kanonen bequem segeln können, so haben wir Deutschen 
auch Wunderwerke aufzuweisen, auf die wir stolz sein können, z. B. die Riesen- 
bassgeige. Dieselbe ist 400 m lang und 80 m breit, zu ihrem Baue sind 6760 Schock 



1) Aus Dittersbach a. d. Eigen, Oberlausitz. — [Stimmt ziemlich genau überein mit 
dem in Scheibles Schaltjahr 3, 668 (1847) reproduzierten Jahrmarktsflrucke: 'Kurzweilige 
Beschreibung einer unerhörten grossen Baß^eigeu' und der 'Beschreibung von einer großen 
Baß-Geige zu ßreßlau in Schlesien, welche zween Maltheser Ritter zu einem Gedechtnis 
haben machen lassen' (Recueil von allerhand Collectaneis 25, 21. 1721), von der auch ein 



Kleine Mitteilungen. 181 

Dielen verwendet worden, zum Sattel allein 567 Schock. Einhundert Geigen- 
macher sind nebst 92 Schreinern und 87 Ziramerleuten 9 volle Jahre daran be- 
schäftigt gewesen, und ist solche im vergangenen Jahre fertig geworden. Zu den 
Schrauben sind 4 Schock grosse Eichenbäume gekommen, zum Fiedelbogen wurden 
M Schock Lorbeerbäume und von 200 dOO Pferden die Schweife und Haare ver- 
wendet 2U0 Leineweber haben an den Haaren künstlich gearbeitet; zum Leim, 
womit die Geige ist festgemacht worden, sind von 18U(10 polnischen Ochsen die 
Hörner gekommen. Es haben 200 Personen darüber in grossen Braupfannen ge- 
sotten, wobei 50 Personen aus Unvorsichtigkeit in die Pfanne gefallen und tot- 
geblieben sind. Zum Schrauben sind .')00 Mann bestellt worden, welche mit 
mächtigen Instrumenten arbeiten, wenn die Geige soll gestimmt werden. Zu der 
allerkleinsten Saite wurden 47()8 Därme von den schönsten und besten Schafen 
genommen. Was die andern Saiten anbelangt, so ist dies nicht möglich zu be- 
schreiben, weil es eine siebensaitige Geige ist. Sic wird nur dreimal im Jahre 
gezogen, als nur Ostern, Pfingsten und Weihnachten; denn es gibt von einem 
Feste zum andern den Klang solange, dass man nicht öfter geigen darf. 680 Per- 
sonen müssen den Ficdelbogen regieren, und wenn derselbe soll geschmiert werden, 
sind allemal 800 Pfund Kolophonium erforderlich und müssen auch 80 Personen 
von einem Feste zum andern Tag und Nacht den Fiedelbogen schmieren. Im 
vorigen Jahre zu Pfingsten ist die Geige das erstemal gezogen worden, da ist die 
allerkleinste Saite abgesprungen und hat .iOO Menschen erschlagen, ohne die, 
welche beschädigt worden sind. Die Tiefe der Geige ist nicht zu beschreiben, 
und es ist geschehen, dass ein Schneider aus Yorwitzigkcit sich bemühte, auf die 
Geige zu klettern. Da er sie nun recht hat begucken wollen und durch ein 
Sternloch hineinschaute, bekam er einen Schwindel und fiel gar hinein. Da ist 
er zwei Tage gefallen, ehe er auf den Boden kam. Weil aber die abgesprungene 
Saite wieder aufgezogen werden sollte, so hat man einen Versuch getan. Es ist 
aber ein solches Geräusch entstanden, dass ein 50 m hoher Turm, der nicht weit 
davon stand, sich erschüttert und eingefallen ist, keinen Menschen, aber einen 
Esel erschlagen hat. Auch sind von dem starken Klange 40 Menschen um das 
Gehör gekommen. Meine verehrten Herren und Damen, wenn Sie meine Be- 
schreibung nicht glauben wollen, so sind Sie so freundlich und überzeugen Sie 
sich selbst, denn Überzeugung macht wahr. 

Leipzig. Curt Müller. 



Flugblatt des Braunschweiger Museums (Große Paßgeige zu Preßlau. 16T;5) erzählt. Vgl. 
ferner eiu Folioblatt mit Holzschnitt und Gedicht 'Allmodische Discant-Geyge, vnlangst 
mit grosser müh vnd vnkosteu nagelneu auß Vtopia gebracht' (um 1620. Weller, Annalen 
1, 383. Auch im Berliner Kupfersticlikabinct und im Gothaer Museum. Abgedruckt bei 
Hub, Die deutsche kern. Dichtung 1, 2S7. 1855). Eine nagelnewe grosse auffschneid Geyge 
1G32 (Folioblatt auf dem Münchener Kupferstichkabinet). Neues Wuuderwerck der Welt, 
Oder Merckwürdige Beschreibung Der unerhört großen Baß-Geigen (4 Bl. 8". 17. Jh. 
Alemannia 8, 64), Abraham a S. Clara, Gehab dich wohl 1729 S. 78, Centifolium Stul- 
toruni 2: Mala galliua, malum ovum (Wien um 1710) S. 137. — Schon C. Müller- Frau- 
reuth (Die deutschen Lügeiidichtungeu 1881 S. 67. 135) hat die 6. Tagereise des Finken- 
ritters (um 1560) verglichen, wo der Held, indem er eine riesige Laute stimmen hilft, 
durch den Lautenstern fällt uud eine ganze Viertelstunde braucht, ehe er auf dem Boden 
des lustruments anlangt.] 



182 Bolte: 

Weitere Predigtparodieii. 

1. Zu der oben 12, 224 mitgeteilten Scherzpredigt fügt Herr Prof. Dr. W. Wisser 
in Oldenburg i. Gr. folgende in Studentenkreisen umlaufende Fassung hinzu: 

Der Meergreis^). 
Und sie trugen einen Toten hinaus, der war stumm; und als man ihm Bier anbot, 
nahm er es nicht an. Da erscholl eine Stimme vom Himmel, die sprach: Sancte, sanctel 
Er aber verstand: Fangt ihn, fangt ihn!^) sprang auf und lief davon und kam in die 
Wüste Sahara, wo sie am tiefsten ist. Daselbst fand er drei Barken: die eine hatte keine 
Seitenwand, die andre hatte keinen Kiel, und die dritte war überhaupt nicht da. In diese 
setzte er sich und fuhr zum Roten Meer (Variante: und schiffte über das ganze Tote Meer) 
und ward ein Meergreis, nährte sich von Kameelshaaren und kleidete sich in Heuschrecken 
und wilden Honig. Als er nun das Ende seiner Tage herannahen fühlte, versammelte ei- 
seine Kinder und Kiudeskinder um sich und sprach: ..Meine Herren, Sie haben mich zum 
ersten Chargierten Ihrer Verbindung gewählt. Sollte ich während meiner aktiven Zeit 
einen von Ihnen wissentlich oder unwissentlich beleidigt haben, so revociere und depreciere 
ich hiermit und überreiche Ihnen ein zerbrochenes Deckelglas." Als er das gesagt hatte, 
verschied er. Und sie trugen einen Toten hinaus usw. ad inlinitum. 

2. Damit vergleiche man, was K. v. Leoprechting (Vom Lechrain 1^55 
S. 163) von dem Begraben der Fastnacht 2) berichtet, wie es am Aschermittwoch 
vielfach in den bayrischen Dörfern am mittleren Lech üblich ist. Der verkleidete 
Pfarrer spricht, nachdem der Mesner mit der Kuhglocke geläutet, beim ersten Halt 
des Zuges das Evangelium: 

In derselben Zeit da steht ein Weichselbaum auf der Straß, und die Straß ging 
nach Frank. In Frank da war eine hr.lzerne Kapell, da liest ein kohlschwarzer Pfaff 
ein buchnhagnfeichtne Meß; und bald er sagt Sanktus, Sanktus, versteh ich: Fangts"n, 
fangts'u») und lauf zur Kirchtür hinaus. Bald ich nun zu Venedig durchreite, schlägts 
zwölfe, imd da schreit die Mariagath: 'Stand auf, zünd die Kuh an! Die Latern hat 
kälbert'. Sie springt gleich mitsamt dem Hemd über die Stiegen runter, und ich klimm 
auf den Kirschbaum und brock Äpfl, und habe mein Lebtag keine solche gute Birnen 
gegessen. Soviel sind Worte wegen der Faßnacht über das Evangelium. 

Beim zweiten Halt spricht der Pfarrer die besoffene Schuld: Ich armer elender 
Trinker widersage allen bösen Weibern. Ich glaube an den Herrn Wirt, wie an den Herrn 
Back und glaube auch alles Übrige, wie daß zehn Maß Bier ein guter Trunk, und zwölf 
Pfund Fleisch eine gute Suppe siedet, welches alle versoffene Bier- und Schnapsbrüder 
glauben. Mit diesem versoffenen Glauben bekenne ich, dass ich oft und vielmals getrunken 
habe, aus Kauteln, Krügen, Schüsseln, Häfen und Gläsern: ich habe mich versoffen wider 
die zehn Groschen, wider die sieben Kreuzer, wider die fünf Pfennige meines Heirats- 
gutes. Solches alles mein Geld ist jetzt versoffen, ich klopfe nun an meinen leereu 
Geldbeutel, und schrei aus vollem Halse: Herr Wirt, sei mir armen Sünder gnädig! 

Endlich folgt das Begräbnis an der Mistgrube, und der Redner hält die Leichen- 
rede: Nochmal an alle versoffene Faßnachtsbrüder! Euch alle zu erinnern, daß wieder 
auf das andere Jahr Faßnacht ist und wir sie nun für heuer begraben haben. Sie nannte 
sich Dudl und Bärtl, stammte aus grobem, keuschem Blute aus der Leckerfelder Heimat: 
ein Großhändler und Kleingewiuner. Sie wurde geboren im selben Jahr, da Phngsteu vor 
Ostern war, zwischen Lichtmeß und Maria Jämmerling, wo der Weg über die Stauden 
hinumhängt") und der Sack voll Wasser anbrennt. Zum Gedächtnis vermachte sie jedem, 
welcher diesem Feste beigewohnt hat, ein paar birnbäumene Hosen mit Ziegelplatten aus- 
gefüttert und einen ledernen Dreibätzner an barem Geld. Und nun adie von dieser Welt. Amen. 



1) Vgl. das Gedicht vom Meergreis, das H. Oesterle im Daheim VM) nr. 21, S. 20 
wiedergibt. Polsterer, Militaria (1908) S. KJO. Oben S. 177. 

2) Vgl. dazu auch Kassel, Jahrbuch für Geschichte Elsass-Lothr. 24, 314—317. 

3) Anders versteht der Schmied in Schwarzach (oben 16, 288) 'Sand druf für Sanctus. 

4) Vgl. dazu Bolte, Archiv f. neuere Spraclieu 102, 250f. 



Kleine Mitteilungen. 183 

3. Eine bei den steirischen Waldbauern zum Flachsbrechraahl gehaltene 
Kapuzinerpredigt teilt Ros egg er in seinem neuesten Buche ^) mit: 

In der Zeit gingen drei Jungfrauen durch einen Wald spazieren, und es begegneten 
ihnen drei Jäger. Der eine hatte keine Büchse, der andere kein Pulver und der dritte 
kein Blei. Hierauf gingen die drei Jungfrauen weiter und kamen in eine Stadt. Vor der 
Stadt stand ein Turm, und aus demselben gingen heraus drei Leut und ein Schneider. 
Der eine war blind, der andere lahm, der dritte ohne Kleider. Und der Blinde sah einen 
Hasen, der Lahme lief ihm nach, und der Nackte schob ihn in den Sack. Das sind die 
Worte, über die ich heute nicht zu euch reden will. — Geliebte Zuhörer, Zwetschkenröster 
und Schafschererl Ich will gleich anfangen mit den Weibsbildern. Da gucken sie kaum 
heraus aus der Fatschen, soll man ihnen schon von den Buben vorquatschen. Und ehe 
ihnen noch tut ein Häuberl passen, suchen sie schon einen Bräutger auf der Strassen. 
Mich wundern nur die Alten, sie sein schon voller Kröpf und Falten, voller Runzeln und 
Zahnlucken, und doch tut ihnen s Herzl jucken und zucken. Es ist ihnen keiner zu jung 
und keiner zu alt. Ist einer krumm oder kropfad, voller Glatzen oder grauschopfad, hohl- 
wangig oder ohne Zahn, schiech oder schön, so heißts: Du kannst mit mir gehn. — Die 
Jungen sein auch nix besser, Sie tun an kein Himmel und kein Hüll mehr glauben, ausser 
wenn sie heiraten oder sitzen bleiben. Sie hören auf kein Wort und auf keine Lehr, ausser 
sie kommt von lustigen Buben her. Vernehmt es mit Geduld und Aufmerksamkeit, meine 
lieben Zuhörer, Schuhflicker und Kohlenstörerl Kommt eiu Sonn- oder Feiertag heran, 
so ziehen sie sich gar sauber an, da krampein und schmieren sie das Haar, das Biegel- 
eisen ist ihr Hochalter. Und kommen sie in die Kirchen, o Graus, im Beten richten sie 
gar nix aus. Die grüßte Andacht haben sie bei Pfeifen und Geigen, auf dem Tanzboden 
möchten sie den ganzen Tag bleiben. Hüpfen, sich zieren und Buben verführen, das sind 
die drei Haupttugenden, die sie gspüren. Falschheit und Heuchelei treiben sie auch 
dabei, und wenn ein Kirchtag ist, wissen sie schon allerhand List, mit Schmeicheln und 
Lügen die Burschen ums Andenken zu betrügen. Die Sünden und Laster, die sie begehen, 
kann uit einmal der Teufel all sehen. Ja, alles Schlechte, das sich gar nit laßt er- 
gründen, kann man bei den Madel und Weibern finden. Jetzt will ich aber aufhörn, sonst 
könnten sie verdriesslich werdn, und das hätt ich auch nit gern. Denn diese schlechten 
Weiberleut sind den Älanuern ihre grösste Freud. Amen. 

4. Eine andre Scherzpredigt, die Herr Bibliotheksdirektor Dr. Edward Loh- 
meyer in Kassel uns freundlich übersandte, stammt aus Schieder in Lippe-Detmold, 
wo der Einsender sie ums Jahr 1857 hörte: 

Kapitel Donnerstag, A^ers Mittwoch. Und es begab sich zu derselbigen Zeit, dass 
die Elbe brannte. Und die Hunde trugen Stroh herbei, um damit zu löschen. Und alsbald 
trug man einen Todten heraus, und derselbige war stumm. Und er setzte sich (Und wir 
setzten uns?) auf einen ledernen Stein und ritten bis zum Galiläischen Meere. Daselbst 
fanden wir zwei Schiffe: das eine hatte keinen Boden und das andere war gar nicht da. 
Wir setzten uns in das, das gar nicht da war, fuhren über das Galiläische Meer und ge- 
langten alsbald zu einer hölzernen Kapelle, darinnen ein papierener Pastor predigte. 
Derselbige nahm seinen linken Hacken und schlug sich damit ins rechte Nasenloch, so 
dass das Blut schneeweiss wie Tinte herauskam. Amen. 

5. Ein Lügenstückchen, das Frau Marie Mende geb. Glück um l'S73 zu Kassel 
vernahm, verdanken wir gleichfalls Herrn Dr. E. Lohmeyer: 

Fünf Minuten vor Erschaffung der Welt verlor ich meinen Handschuh. Da ging ich 
drei Tage finden, bis ich ihn suchte. Da kam ich an einen Guck und lochte hinein. Da 
Sassen drei Stühle auf drei Herren. Da nahm ich meinen Tag ab und sagte: Guten Hut, 
meine Herren! Da kam ich an einen See, da waren drei Schiffe: das erste hatte keinen 



1) P. E.osegger, Alpensommer 1908 S. 222— 224. Ähnlich schon bei Eosegger, Das 
Volksleben in Steiermark^ 1888 S. 518-520. 



]g4 Bolte: 

Boden, das zweite keinen Rand, und das dritte war gar nicht da. Da ärgert' ich 
mich so, dass mir das rote Blut schneeweiss wie schwarze Tinte quittegelb übern Absatz 
floss'). 

6. Eine Scherzpredigt, die am zweiten Tage einer obersteirischen Bauern- 
hochzeit vom Spielmann gehalten ward, finden wir bei J. G. Seidl, Almer 
(1850) = Gesammelte Schriften 4, 145—149 (1»79): 

Kanzelspruch. Im Namen des BratP), des gefüllten Hahnl Ich möcht auch ein Bügl 
davon; morgen, aber heute nicht. Also les ich bei der Kanzel des großnaseten Hundsfuß, 
so, seiner Herstammung, iu der Mitte, völlig zum Ende; auf der Seitn aber zur Über- 
kommung des nötigen Geistes bitt ich allseits um ein gutes Glas Wein. (Er trinkt.) Euer 
Lieb und Andacht stehet auf, nehmet die Köpf in eure Hand, schlaget sie mir und dem 
Wirt zulieb tapfer an die Wand, bezeichnet euch mit dem Zeichen des Kienrusses und 
sprechet mit dem Willen des Kalbskopfes, Saurüssels und Kälberschlägels. Vernehmet 
also die Worte des heutigen hochfeierlichen Tags bei dem kupfernen Futtertrog an der 
dreifachen Mistgabelschüttn, welches äccorat so lautet: 

Evangelium. Das Buch der Herstammung des Bratl vom Bratn, des Sohnes 
Margaret vom Vogel Phönix. Phönix hat gezeuget Großkopf, Großkopf hat gezeuget 
Krumpfuß, Krumpfuß hat gezeuget Dreifuß mit seineu Füßen. Dreifuß hat gezeuget 
Besenstiel, Besenstiel aber hat gezeuget Schürhakl. Schürhakl hat gezeuget Herdschaufl, 
Herdschaufl hat gezeuget Ko(ch)löffl, Ko(ch)löffl hat gezeuget Kohlnfeuer. Feuerkohln 
aber haben gezeuget Mollbratl, Mollbnitl haben gezeuget Bratwurst, Bratwurst haben ge- 
zeuget Leberwurst, Leberwurst haben gezeuget Blutwurst, Blutwurst haben gezeuget 
Saudarm. Saudarm hat gezeuget Stockfisch, Stockfisch hat gezeuget Plumpsack; Plum])- 
sack aber hat gezeuget und geboren, der da genannt wird Plänschury. Das sind die Wort, 
die uns der heilige St. Steff schenkt für die ewige Spitzbüberei. 

1. Teil. „Heute ist jener beglückte Tag, wo ich meinen Magen genugsam speisen 
mag, der auf den gestrigen erfolget ist und auf welchen der morgige Tag erscheinen 
wird." Dieses ist also wohl zu Gemüt zu führen, sagt Plomerius, der Oberkellnermeister 
bei dem eifrigen Luquetten-Krug in der Kanzel-ßrätlgassen. Was ist es um eine einzige 
Bratwurst? Sie ist nicht hinlänglich, den Hunger so vieler hungriger Menschen zu stillen; 
und dieses alles nach den Grundsätzen anzuleiten wäre eine so weitschichtige Sache als 
Asien und Voitsberg. Daraus laßt sich aber noch kein Schluß macheu, daß man zur 
Wassersucht nicht aderlassen soll. weh demjenigen Menschen, der ihm den Fuß ge- 
brochen hat! Es wäre viel besser gewesen, wenn er gerade geblieben wäre. Also spricht 
der greuliche Prophet in seinen Fußpsalmen in einem halben Vers: „Es ist nicht genug, 
meine Zuhörer, daß ihr bei rognerischem Wetter zerrissene Schuh anleget, sondern die 
Liebe des Nächsten fordert es, daß ihr sie beim nächsten Schuster flicken lasset." Und 
so spricht auch der Prophet Paitasch: „Daß der Mensch niemals ohne Kopf ausgehn soll, 
weil der gebrechliche Mensch nie wissen kann, was ihm zustoßen werde." Dieses ist also 
der ganze Inhalt meiner serimonischen Rede. daß [ich] nur einen einzigen Zuhörer be- 
wegen könnte, seinen Kopf an die Wand zu schlagen! Ich bitt um patientische Geduld. 
Seids bereit und bleibts gescheit! 

2. Teil. „0 seltsames Muster eines verheirateten Bauern !" So weit gehen die Wort 
meines Schreibens. Dahero laßt sich also klar abnehmen, daß derjenige, so auf der Post 
fahrt, nicht zu Fuß geht. Und so spricht auch der Prophet Epiopius in seiner Lebens- 
beschreibung, die er den ersten Tag nach seinem Tod herausgegeben hat: „Was hilft es 
dem Menschen, wenn er neun Siebzehner verwürfelt und drei Gulden verhäufelt, was hilft 
es dem Menschen, sag ich, wenn er schon einen so hanakischen Seufzer aus seinem 
hungrigen Magen heraustreibt, als tat an einer Weißgarberbuttn ein Reif abspringen!" 
meine Zuhörer, kein Sieg ist ohne Streit. Bald wird der Weg zu eng. bald zu weit. 



1) Vgl, Böhme, Deutsches Kinderlied 1897, S. ;>03. C. Schumann, Volks- und Kinder- 
reime aus Lübeck 1899 nr. G48. 

2) Zu diesem Anfange vgl. oben 14, 364. 



Kleine Mitteilungen. ]85 

Und ich wollt euch dieses aus den schönsten Geschichten beweisen, wenn ich dieselben 
nur gelesen hätt. Man muß daher also zu erweisen suchen, daß es dem Menschen viel 
schwerer falle, hundert Zentner zu tragen als einen Vierting. Ei du verbummeltes 
Schnipferdirndl, wie wird es mit dir einst aussehn, wann der Richter mit seinen Visicaturen 
kommtl Du häufest Leberknödel auf Leberknödel und wieder auf Speckknödel, und passest 
noch immer auf einen besseren Fang. Aber auf dem Platz bei dem rotfalben braunen 
Direktor steht es geschrieben: Tiisti, tasti! d. h. so viel, daß derjenige Mensch, der keinen 
Groschen wechseln kann, nit so viel kleins Geld haben wird. Dahero schreite ich also 
zum Schluss des zweiten Teils und sage: meine Zuhörer, ihr werdet das Glück nicht 
haben, wenn ihr krank seid, auch gesund zu sein. 0, wie werdet ihr rufen und schreien, 
wenn ihr euch bei stockfinsterer Nacht im Kot- befinden werdet! Da werdet ihr euch 
wünschen, eine Laterne zu haben, werdet aber keine bekommen. Kommt also alle zum 
Wirt, die ihr Hunger und Durst habt, und erquicket euch bei Wein und Bier! Das andere 
im dritten Teil. 

0. Teil. Halb leiucrne, halb schweinerne, abgebicktc und mit Schusterdraht ab- 
geüickte Zuhörer! Es erdichten die Poeten vom Berge Drowaldo, daß er sich von der 
Donau gereiniget hätt. Die Gidehrten sagen dafür, daß das End das letzte sein muß; 
die Wahrsager aber sagen, daß ein Mädl mit zwölf oder dreizehn Jahren noch ein Früchtl 
sei. Ich aber sage euch, meine Zuhörer, daß man den Durst mit einer einzigen Maß Wein 
besser löschen kann als wie mit dem größten Laib Brot. Einstmals stund der Habakuk 
sehr auf einem hohen Berg; einen Fuß streckt er nach Graz und den andern nach Tirol 
aus und schaute zwischen den zwei Füßen auf den himmlischen Taubenkobl hinab. Ecce 
laurecce, carfuntum ermat, sinat, cumhirschus frisselbus. Einsmals pflegt einer, als er 
beichten ging, neue Schuh anzulegen, und als er in den Beichtstuhl hineintrat, tat er 
einen starken Seufzer: als ihn aber der Beichtvater befragte, warum or diese Grobheiten 
in den Beichtstuhl hiueiugespart hätt, „Ach nein," versetzte derjenige, „wenn ich so blind 
wäre, als ein anderer taub ist, so würde ich ebenso wenig hören können, als Ibr gesehen 
habt." Dahero, wie dieser, fange ich lieber an aufzuhören in Ewigkeit. Amen. 

Man erkennt leicht in diesen Stücken die zählebigen alten Motive der Lügen- 
abenteuer wieder; so in Nr. L 3. 4. 5 die schon im Finkenritter (Müller-Frau- 
reuth, Lügendichtungen 18S1 S. 17. 101) und im Märchen von Knoist und seinen 
drei Sühnen (Grimm nr. 13s) erscheinenden wunderbaren drei Schiffe und die 
ebenso merkwürdigen drei Gesellen, in Nr. "2 und 4 die hagebuchene Messe, 
in Nr. 4 die brennende Elbe (Germania 7, 180. Müller-Fraureuth S. 53. 124), 
in Nr. 5 die Vertauschung der Satzteile (Müller-Fraureuth S. LS), in Nr. 3 die 
Aufzählung weiblicher Untugenden, die an die oben 14, 3G4 mitgeteilte Scherzrede 
erinnert^). — Nachträglich möchte ich noch bemerken, dass die oben 12, 22")^ 
bruchstückweise gedruckte freche 'Passio cuiusdam nigri monachi' vollständig 
aus einer anderen Hs. veröFTentlicht ist von Feifalik in den Sitzungsberichten der 
Wiener Akademie 3(>, 173 (LS61). — Neun Lügen in einem Atem: Zs. f. österr. 
Volkskunde J, llö. Französische Fredigtparodien bei Nisard, Histoire des livres 
populaires 1. 393 (1854) und bei Lehr, Studien über den komischen Einzelvortrag 
(Diss. Marburg 1907). 

Berlin. Johannes Bolte. 



1) Zu diesem Liede 'Es ist wahr und kein Gedicht, was die cwge Weisheit spricht' 
vgl. noch Val. Rathgeber, Augsburgisches Tafelkonfekt .''., nr. 13 (1737), das Luzerner 
Susannaspiel von 1747 (Lütolf, Geschichtsfreund 23, 185, 1868), Nicolai, Feiner Almanach 2, 
110. Erk-Böhme, Liederhoit 2, 602 nr. 004. Böhme, Volkstüml. Lieder nr. 695. Erks 
bsl. Nachlass IG, 314. 



186 Beck: 

Zwei Satiren iu Gebetsform auf Tököly und Ludwig XIV. 

Wie das Vaterunser ehedem in politischen Kampfschriften ausgenutzt und 
parodiert wurde, hat jüngst G. Mehring (oben S. 129) in Ergänzung einer älteren 
Arbeit von R. M. AVerner ausführlich dargelegt. Zu seinen Beispielen füge ich 
noch ein 'Vaterunser auf Tököly' aus dem Ende des 17. Jahrhunderts, das 
hsl. auf einem Blatte (21X22c/h) in dem Sammelbande 1384--^ der Kapuziner- 
bibliothek zu Bregenz als nr. 44 steht. Graf Emerich Tököly (l»i56 — 1705), der 
seit 1678 den von Polen, Frankreich und der Türkei insgeheim unterstützten Auf- 
'stand der Ungarn leitete, verband sich nach 1682 mit den Türken, die ihn gegen 
einen jährlichen Tribut als Herrscher von Ungarn anerkannten, kämpfte 1601 auf 
ihrer Seite gegen die kaiserlichen Truppen und starb in der "Türkei. 

Etwa der gleichen Zeit, vielleicht erst dem spanischen Erbfolgekriege gehört die 
ebenda hsl. aufbewahrte Beichte Ludwigs XIV. an, welche freilich zur genaueren 
Datierung wenig Anhaltspunkte bietet. Ähnliche Parodien des kirchlichen Sünden- 
bekenntnisses sind bereits im 16. Jahrhundert nachweisbar; vgl. das Bekantnus 
Herzog Moritzen (1550. Liliencron, Die historischen Volkslieder 4, 494 nr. 585 — 586) 
und des gwesten Pfaltzgraf offen schuldt (1621. Ditfurth, Volkslieder des dreißig- 
jährigen Krieges 1882 S. 42 = Wolkan, Lieder auf den Winterkönig 1898 S. 154). 

I. Das Vater Unser vbr den Erz-Rebeli Teckely. 

1. Teckhely, du List deß Türkhen Knecht, ] 

hattest du betrachtet recht daß J ^^^'^^ ^^^'^'^' 

2. So wärest du nie gesprungen auß | 

der Christenheit inß Türckhen hauß j ^^'^' ^^^ ^'^* 

3. Vertiefft inß Luther Lehr \ • „• 

So dich beraubt der Künftigen ehr / "" Himmel 

4. Jetzt trachtest du nach Türken elir 1 

Und fragest nichts darnach, ob Gott der Herr J geheiligt werde 



5. Ein Dieb bist du, darffs gar wol sagen, | 
daß man soll an galgen schlagen ( 



Dein Nam 



Dein Reich 



G. Hast wölln Ungarn soll sein dein Thron \ 
dir nicht, du Feind, sondern dein Cron / ^^ ^^^"^"^ ^"^^ 

7. Ich zweiffle nicht, du loßer Gesell 1 
Eß wirdt ia sein in der HöU | 

8. Du hast die Christenheit veracht, "1 

damit dein seel dem Teuflfel gmacht ) ^^^'" ^^'" geschehe 

11. Du bist ein Mainaydiger Bub, [ . . 
daß du vermainst, es gehe hier zu j ^'- "" Himmel 

10 Im Himmel brat man dir khein warst 1 . 
man löscht dir dorten auch khein durst j "^'^ ^^^ ^'^'^^^^ 

11. Waß du mit falschheit ohne sorgen ) ., 

hast gstolln, bhalts nit biß morgen j &i^ '^^ ^ 

12. Du bist ein arger schlimmer gast i 
Nicht werth, daß du gefreße hast j 

13. Hast gmacht Neyd, Haß, Verrätherey \ 
Vermeinst, daß Gott auch dir verzeyh | ^'""'^ ^^^'«'^^^ 



vnser Täglichs Brodt 



Kleine Mitteilungen. 187 

14. Dem Kayßer gschworn, Tribut gstolln \ o i 1 1 
, n. 1-^1 D n vnßere Schuld 
halt nur, du -wu-sts noch mueßen zolin I 

15. Daß du betrogen jedermenig, I ,^ , . , 
.■,■,. ^ ^^ j. .. j ° alß auch wir vergeben 

So wird dir Gott die sund so wenig I 

16. Vermeinst, wir selten dir händigen ein, \ 

. „M ' To II • ( vnßern scbuldigeru 

Aber wir Thun nur diß allein J =" 

17. Du bist ein Loßer Galgenstrickh, 1 „ , „... 
Ey daß der Teuffei holle dich j ^^^'^ "^ ^^'° 

18. Hast wollen machometisch werden \ ^ , . , , 
daß dich der Teuffei hol! auff Erden | ^"^^ '"''''* 

l'.l. Man hat dich alß ein Dieb veracht, "J . , 

, ^ ,. „, . , , ,, im Versuchung 

du aber hast die Christen bracht J 

20. Die Christen hast helffen fangen 1 ^ ,..„ 
rr,, . , , 1-1 1 f sondern erloße 
Thue nicht mehr nach ihnen verlangen J 

21. Waß du in Ungarn hast begehrt, \ 
daß wirdt dir von Gott nit gewehrt, aber j 

22. Du bist verruefft auf allen Gaßeu I , ,t , , 

• 1. 1- • I i. ui D von dem L cbel 

(iott aber wirdt dir nicht nachlaßen j 



2.!. Daß ist dein Graft, Macht vnnd herrlichkeit ) 
Ein Schelm bleibst du in Ewigkeit I 



Anienl 



2. Ein offen Schuld des Königs [Ludwig XIV.J in Frankreich. 

Ich armer Französischer König Widersag dem bösen feind, l'nd allem seinem ein- 
geben, rath und That, auch glaube weder an den Vatter, den Pabst, noch au seine Söhne, 
den Bischofen von Colin, Alünster, vnd Straßburg, noch an den Geist deß Königs in 
Engeland, sondern glaube gänzlich, waß das allgemeine Geschrey von der großen macht 
deß Eömischen Kaysers befilcht zue glauben, mit disem glauben beichte und bekhenne 
ich Leopoldo dem Eömischen Kayser, der Hochwürdigen Muettcr der Königin in Spanien, 
und allen ständen deß ganzen Hollands, und gib mich schuldig, daß ich von meinen 
kindtlichen Tagen an offt und vil gesündiget hab, mit gedankhen mein reich zue uerweiteren, 
und anderen daß ihrige abzuennemmen: mit Worten, jedermänigklich vil zue uersprechen, 
wenig zue halten: mit Werckhen, die allorgrundlosisten gewaltigkheiten, aller oithen zue 
verüben, und Vnderlaßung viler guethen Werckh, wie dann solches alles geschehen, 
heimlich durch meine falsche practiquen, indem ich fremhde fürsten, mit ihren vertrauten 
Persohnen, oder öffentlich durch meine vilfältige Krieg und Tyrannej^, wie jedermänigklich 
wissend, wider daß allgemeine Recht, wider den Teutschen friden, wider den Kayser, 
wider Spanien, wider Holland, wider meinen nechsten, den Herzog Carl von Lothringen, 
und wider das hayl meiner armen Underthanen. Solches, und alle meine schelmenstückh, 
sind mir layd von grund meines Herzens, daß sie mir nit seyud von statten gangen, bitte 
derohalben, barmherziger Kayser, du wollest mier dein Kayserliche gnad verleyhen, mein 
Regierung fristen, solang biß ich alle meine schelmenstückh möge bueßen, jedermann 
daß seinige widergeben und den namen deß aller christlichsten Königs erwerben. Klopfe 
derohalben an mein sündiges Hertz, vnd sprich mit allen Schelmen und Dieben: Herr, 
Sey mier armen Sünder gnädig, vnd barmhertzig. Amen. 

Ravensburg. Pfiul Beck. 



Beck: 



Zwei deutschfranzösisclie Flugblätter aus dem spanischen 
Erbfolgekriege. 

Die beiden nachfolgenden, im Stile des 'Deutschfrantzosen' Johann Christian 
Trömer (1097 — 175()) gehaltenen Verherrlichungen der Siege des Prinzen Eugen 
und des Herzogs von Marlborough über die Truppen Ludwigs XIV. entnehme ich 
einem Sammelbande der Kapuzinerbibliothek zu Bregenz (Nr. 1384 2^), welcher 
Miscellanea historica aus den Jahren 1700 bis 1710 enthält. Das erste Stück 
,(Nr. 7 in jenem Bande) steht auf einem 20 cm hohen und 16,5 cm breiten Druck- 
blatte 0. 0. und J. , das zweite (Nr. 3 b) auf zwei Blättern gleichen Formates 
o. 0. und J. 

I. Die Schlacht bei Chiari (1701). 

Der Franzosen unterthänigste Supplication an den Prinzen | Eugenium in Italien. 
Requeste. | An die Geyserliche Generalitet in Italien, da die Franzoß- Nation | durch die 
Deitsch hubel tractiert in die action bei Chiary^), um zu befehl, ) daß die Deitsch ein 
angermal besser tractier die Franzoß. 

Der Franzoß-Nation nimt sein underthänig Eecours an die Geyserliche Generalitet, 
wann die deitsch Soldat nit mak gut manier mit die honnestes gens Francois, ist im- 
possible, und leid zu groß brutalitet, welck die Deitsch gemak ä la journee de Chiary, 
par Dieu, wann die Franzoß geb die assaut mit der Espee ä la main, cliapeau trousse, 
bottes decrottees, et en fin halle mit einanger propres et galans au dernier point, sollen 
die Teutsch auk seyn de bonne maniere et bon Cretien, und tractier die Franzoß cbari- 
tablement, wann die Deitsch victorisier, und die Deitsch ist geweß so barbare, cruel, so 
borrible, daß nit geb an Frantzoß quartier, wann sie bitt, wann sagt die Franzoß su die 
Deitsch: Monsieur Allemand, pour l'aniour de Dieu gib mir quartier, so mak die Deitsch 
Kopf wek, schieß tod, schlag tod. Sie die Deitsch heiß die Frantzoß Ußfutte, Schelm- 
Frantzoß, bestie, schreit: Daß dy der Tüffle, daß dy du saframentl Vnd ig weiß nit, 
was alle mehr mak. Das ist nit manier von bonne guerre; warum nit auk mak prisonnier, 
wie ist manier bey die Frantzoß. Wann Frantzoß marschier bey die Deitsch in bataille, 
und schreit: Vive le Roy, in baller gravitet, so lak die Deitsch die Frantzoß nur hauß 
und schrey: Kikiriki'') und wann lang genug haußlak [ausgelacht], comme Diable enrage, 
sich halle mit einanger auf der Frantzoß mit sein Leib, aut auf die Frantzoß sein Kopf 
mit Enkersschwerta, als wer die Frantzoß gens von Malefiz, und schlagt darauff, als wer 
die Franzoß nur Unde, daß so vil honnettes gens de qualite ist bleib tod, warum? Sie 
fall nit zu seiner Fuß; das nit ist manier. Wie mak die Frantzoß? Kau wider mak 
gesund, sie Frantzoß nit haut Kopf wek, daß nit eß mehr kan. Da mak sie Deitsch 
depouiller die härme Frantzoß wie Frosch, halle mit einanger ziegt hauß biß auf die 
Emde. Par Dieu, das ist nit bon Crestien, ist nit pitie, nit misericorde mit sein prochain, 
laßt aok ligen wie ein dote Und. Die guerre mit der Türk kan nit mehr cruel seyn als 
die Deitsch: sie mak die Maul bauff, als will freß die Franzoß halle mit einanger. 

Monsieur, par Dieu, wann nit commandier sie seine Soldat, daß besser manier mak, 
mehr raisonable tractier die Frantzoß, so muß halle mit einander lauff zu Hauß, und 
die Frantzoß kan bleib nit in Wclschland, kan nit mak sein bravour, kan nit mak sein 
bruit, kan nit mak sein chernibleu^), sein sacrebleu, kann nit mak sein Roderaontade, 
c'est une honte für die Frantzoß Nation, wann nit mak Monseigneur bon Ordre, weiß nit 
remede, wir balle mit einanger par Dieu miserables malheureux Bernheuter, halle mit 
einanger Frantzoß. 



1) Bei Chiari in der Nähe von Brescia erlitten die Franzosen unter dem Herzog 
Villeroi am 1. September 1701 eine Niederlage durch den Prinzen Eugen. Die Supplikation 
ist aber, wie unten S. 190 gezeigt wird, frühestens 1702 entstanden. 

2) Kikiriki, s. unten S. 193, V. 55. 

3) Ch ernibleu, wohl ein Fluch (statt Cheri dien??); vgl. Nr. 2, V. 41 und S. 194, V. 88. 



Kleine Mitteilungen. 2g9 

2. Die Schlacht bei Ramiilies (1706). 

Curieuses Lamentireu, | Eines Französischen | Musquetiers | über die durch die 
Heldenmüthige Thaten des 1 Welt -berühmten | Duc de Marlborough | Wider die Franzosen 
in Brabant glücklich | erhaltene | VICTORIE. 

Buger Allemang, Holland- und Engels -Mann, 

Der uns der große Affront wieder hat angetan, 

Das ist brutalitä, das ist gar nix Manier, 

Daß man die bon Frantzoß so slime mag tractir, 
5 Nimb uns der Löwen Stadt und auch der Brüssel wegk. 

Sag mir nur ein Mensch, ob der sei just und auch reck. 

Ich weiß die Teuffei nit, Franzos nix mehr Curage, 

Grieg immer grobe Stoß auf Gopf und auf die Nase. 

Der Teutsch victorisirt, ser futer ist nit gut, 
10 Der arm Frantzos muß laß allseit sein Haar und Blut. 

Was mak der Villeroy, nit at gut Ordre geben, 

Der Soldat slim tractirt, nix menagirt ihr Leben. 

Nur attaquir per forz die Alliirt Soldat, 

Und der Monsieur Marsin ist gommen allzuspat 
15 Mit der langsam Succurs; was wir der König sagen? 

Er wir de groß Affront nit können bon ertragen. 

Der gantz Armee ist hin, die Stück und die Canon. 

futer, glaube mir, das ist gar nit Raison; 

Der Teutsch, gar importun, mack gleich nur massacrir, 
20 Es gan nit der Baibier die Blessur mehr curicr. 

Serspalt nur gleich die Gopff mit seinem Enker-Schwerdt, 

Aut ihn die Leib entzwey, daß es fält auf die Erd. 

Bitt son Frauzos Quartier, bitt der um GOttes Will, 

Wil doch der Teutsch Soldat davon nit hören viel. 
25 Sreit gloick: 'Potz Safframent, sies nur die Seimen nider, 

Slag nur die Unsfott todt und die marode Brüder:' 

Als wer Fransoß nur Und, und nit auch Galant Hom. 

Bunker Engelmann, biß nimmer gut Patron 

Du bist jetz gar Barbar, Cruel, horribel, böß; 
30 Du gibst uns arm Franzos allseit nur Scliläg und Stoß. 

Das haben w^r, Morblee, mit Schmertzen vor swey Jahren 

Bei fataln Schelenberg, auch diß Jahr son erfahren I 

Wers du nit in Brabant und nit in Spanien, 

So hat nit der d'Anjou von Madrid dörffen gehn. 
35 Daß die der Teuffei ol, du tausend Teuffei du! 

Du macks, daß jetzt die bon Fransoß ist gar futu. 

Hast der Barcelloa ensetzt su Wasser und su Land, 



V. 1 Buger (frz. bou<rre) = Schuft, Lump. — 5 Löwen und Brüssel fielen nach 
der Schlacht bei Ramiilies (23. Mai 1706) in die Hände i\Iarlboroughs. — 6 reck = recht. ~ 
9 futer (foudre) = Blitz; vgl. V. is. — n Francois de Neufville, duc de Vi 11 er oi (1(544 bis 
1730), bei Ramiilies besiegt. — u Der Marschall Ferdinand de :\rarsin (1(556 bis 
1706), 1705 bei Höchstädt und 1706 bei Turin geschlagen. — 2iEnker = Henker, vgL 
V. 26 Unsfott, 28 Und. — 28 Bunker, wohl = Bougre. — 3i Morblee (morbleu, mort 
de Dieu) =: bei Gott! — 32 Am Schellenberg bei Donauwörth wurden die Bayern 
am 2. Juli 1704 von Ludwig von Baden und Marlborough überwunden. — son = schon. — 
34 Herzog Philipp August von Anjou, der Enkel Ludwigs XIV., der als Philipp V. den 
spanischen Thron bestieg, belagerte 1706 seinen Nebenbuhler Karl IIL, den Sohn Kaiser 
Leopolds, in Barcelona, musste aber die Belagerung aufheben, weil die Portugiesen 
unter Lord Galloway bis Madrid vorgedrungen waren. — 36 futu (foutu) = futsch. 



190 Beck, Boltc: 

Geschlagen die Armee, daß dir der Enker dank. 

Jetz kan man Landau nit noch Turin attaquireu. 
40 Der Concept ist verrück, nur alles mag verliehren; 

AI Rondemontod feit, daß der der Schernible 

Crojemona par Dieu, thut mir in Ertzen weh. 

Ludwig nit mehr Fortun, das ist der gar nit bon, 

Wann er nit besser wird, lauff all Fransoß davon, 
4.-. Er gibt uns gein Larschang, geiu Brod uud gein Fourage; 

Wie sol dann der Soldat wohl haben de Courage! 

Der Teutsche frist uud saufft, holt immer Beute ein, 

Die arm Frantzosen die muß nur Berenäuter seyn. 

Ravensburg-. Paul Beck 



Ein Reinigespräch zwischen Prinz Eugen und Villoroi (1702). 

Die beiden voraufgehenden Satiren, von denen die zweite bereits bei Ditfurth, 
Die historischen Volkslieder von 1648 bis 1756 (1877) S. 356 mit der falschen 
Jahreszahl 1703 zu lesen ist, zeigen in der ganzen Anlage wie in einzelnen Aus- 
drücken enge Verwandtschaft miteinander. Wie ist diese zu erklären? 

Einen Fingerzeig gibt uns die eigentümliche Sprachform beider Stücke. Das 
zur Verspottung der Franzosen dienende gebrochene Deutsch, das später durch 
den von Beck zitierten Sachsen Trömer zu läppischer Manier gesteigert wurde, 
scheint gerade in dieser Zeit aufgekommen zu sein, wenngleich schon 1677 Jan 
Rebhu^) eine Italienerin einen Brief in ähnlichem Kauderwelsch schreiben lässt. 
1704 ward das oft wiederholte Lied des Guckkastenmannes 'Raritäte sein ßu sehn'-) 
gedruckt; später kennzeichnen, wie Erich Schmidt in der AdBiogr. 38, 638 bemerkt, 
Holberg, die Gottschedin, Geliert deutsche Ausländerei auf ähnliche Weise, wie 
uns noch Riccaut de la Marliniere bei Lessing entgegentritt. Das älteste mir be- 
kannte Beispiel aber, wenn wir von dem anders gearteten bei Jan Rebhu absehen, 
bietet ein 1702 erschienenes und unten wiederholtes Alexandrinergespräch zwischen 
dem Prinzen Eugen und dem mühsam Deutsch radebrechenden Herzog von 
Villeroi; und gerade in diesem erblicke ich das gemeinsame Vorbild für die 



39 Landau in der Pfalz war 170-2 und 1704 den Franzosen entrissen worden, fiel aber 
1712 wieder in ihre Hände; Turin ward 1705 und 1706 vergeblich von ihnen belagert. — 
40 Concept = Plan. — 4i Eondemontod (rodomontade) = Prahlerei. — Schernible, 
s. oben S. 188^ — 42 Crojemona = croyez-moi. — 45 Larschang (l'argent) = Geld. 

1) Der Symplicianische Welt-Kucker oder Abcntheuerliche Jan Ptcbhu 0. 0. u. J. 
[1677] S. 42: Brief einer italienischen Gräfin an den Kapellmeister. Den Autor (Huber?) 
sucht man vergeblich in der Deutschösterreichischen Literaturgeschichte von Nagl u. Zeidler. 
Lowack (Die Mimdarten im hochdeutschen Drama 11)05 S. 3) nennt noch den radebrechen- 
den AUobrox in Frischlins Julius redivivus, übersetzt durch seinen Bruder Jacob (1592); 
vgl. Bolte, Guarnas Bellum gramraaticale 1908 S. *56. 

2) Vgl. Erk- Böhme, Liederhort 3, 516. M. Herrmann, Jahrmarktsfest zu Plunders- 
weilen 1900 S. 19. M. Friedlaender, Das deutsche Lied im 18. Jahrhundert 2, 444. Kopp, 
Zs. f. d. deutschen Unterricht 9, 604 und Archiv f. Kulturgeschichte 2, 316. Auf die 
Verbreitung dieses Liedes weist auch der Titel einer politischen Flugschrift hin: 'Schöne 
Ptaritäten einiger vornehmen Höfe' (Genff 1705. 50 S. 4"), und schon 1698 erscheint in 
einem Leipziger Hochzeitsgedicht (Orpheus Hommer [- E. Uhse], Musen -Cabinet 1708 
S. 1185) ein Savoyarde mit den Versen: 'Schaut schöne Spiele-Werck, schaut schöne 
Rarität, Sanct Ursel, Catharin, courante Margaret'. (Curante Margretchen: Erk-Böhme 1, 254). 



Kleine Mitteilungen. 191 

prosaische Supplikation der Armee und die gereimte Lamentation des französischen 
Musketiers. Wie dort die gemeinen Soldaten, so beschwert sich hier der hoch- 
fahrende Herzog über das grimmige Ungestüm der deutschen Krieger, die dem 
Feinde keinen Pardon gewähren. Einzelne Ausdrücke wie Undsfutt, Enkerschwert, 
Chernibleu und ganze Verse ^) kehren wieder. Die historischen Ereignisse (Schlacht 
bei Chiari, Catinats Missgeschick, die Erstürmung von Cremona) werden voll- 
ständiger angegeben, und die Situation ist mit fast dramatischer Schärfe umrissen: 
Prinz Eugen ist es, dem der am 1. Februar 1702 zu Cremona gefangene, doch mit 
allen Ehren behandelte und ein halbes Jahr darauf ohne Lösegeld entlassene 
Herzog von Villeroi") seine Klage vorträgt und von dem er eine treffende Ab- 
fertigung erhält. Im Vergleich zu diesem eine gewisse literarische Bildung ver- 
ratenden und ein Jahr später von dem Leipziger Magister Erdraann Uhse^) eines 
Abdrucks in seiner Poetik gewürdigten Dialoge offenbart die Prosa-Supplik einen 
erheblich niedrigeren Geschmack. Sie begnügt sich, die komische Wirkung des 
fehlerhaften Deutsch des indignierten Franzosen festzuhalten, während der Autor 
von 1706, der die Versform bewahrt, ungescheut die Ausdrücke seiner Vorlage 
zur Feier eines von Marlborough erfochtenen Sieges plündert. 

Gespräch, Zwischen Ihro HochiÜrstl. Durchlauchtigkeit Printzen EVGENIO | 
von Savoyen, | Und | Moniieur le Duc de | Villeroy Gedruckt zu Cremona. 
4 Bl. 4» 0. J. (Berlin, Flugschriften 1702, IS). 

Yilloroy. 

Allons par forcel Hai Was mak doch die Franzose? 
Ats gein Com-age mehr? Steckt in die Teusche Ose 
Itzt viel ein gröser Mut? die halte Catinat 
Par Dien! ist gar fontu: Er gommt er gar zu spat. 

Eugen ins. 

5 Moniieur de Villcroj' ist. wie ich hör, gekommen; 

Der Namur vor entsetzt, hat sich nun vorgenommen. 
Auch in Italien zu zeigen seinen ]Muht. 
Wie wasrt der theure Held so liederlich sein Blutl 



1) Vgl. die Verse :)! f., :)7 f.. Gl, S5, SS f. mit V. 2.') f., 21 f., 20, 44, 421". des 'Curieusen 
Lamentireus". 

2) Feldzüge des Prinzen Eugen von Savoyen, hsg. von der Abt, für Kriegsgeschichte 
des k. k. Kriegsarchives 4, 98. 113 (1877). 

:'.) [E. Uhse,] Wohl-informirter Poet, Leipzig 17Üo S. 8Ü— 90. — Uhse, über den 
Waldberg (AdBiogr. 39, 449) unterrichtet, spricht hier von der Länge der Reden „in dem- 
jenigen artigen Gespräche, welches dem Durchl. Printzen Eugenio von Savoyen und dem 
in Cremona gefangenen Duc de Villeroy vor weniger Zeit augedichtet worden. Weil nun 
dasselbe gar curieus und lustig (ob es gleich etwas reiner seyn künte und solte) ist und 
zeiget, wie schwer die Teutsche Sprache den Frantzosen zu reden vorkommt, wird es dem 
munteren Leser nicht mißfallen, wenn sich solches gantze Gespräch allhier praesentiret". 
Weggelassen sind die Verse 99—126. Übrigens hat bereits Erich Schmidt in seiner 
Charakteristik Trömers auf den Dialog bei Uhse aufmerksam gemacht. 

2 Teuse, Uhse — 3 grösrer, Uhse. — Der Marschall Nicolas de Catinat de la 
Fauconnerie (1637—1712) ward Ende 1701 aus Italien abberufen und zur Rheinarmee 
geschickt. — 6 Namur war 1692 von den Franzosen eingenommen, drei Jahre später aber 
durch König Wilhelm von England ihnen wieder entrissen worden. 



192 Bolte: 

Viller oy. 

Morbleu! was mack die Teutschl Ick ab den Goff serstossen. 
10 Das iß nit gut Manier, foutre schlimme Possen. 
Sie at mir eine Brill auf meine Naß gesteckt: 
Ick ät er nit geglaubt, daß er die Sahn so bleckt. 

Eugenius. 

Ha! Monfieur Villeroy, wir, die zusammen kamen, 
Wir "wollen auf dem Bret, wir wollen auf der Damen 
15 Ein ander jagen um; sonst wird die Zeit zu lang. 

Vielleicht kan hier ein Stein dem andern machen bang. 

Villeroy. 

Pardpn, mon Priuce, Pardon, ir muß nit so anpacken 
Die Nobles gens francois; ihr muß es nit so macken. 
Das is brutalite; der teutsch Mann ist sonst gut, 
£0 Er sag: bon Fransoß! behalt er du dein Blut! 

Eugenius. 

Ich komm aus Ungarn erst und hab in Siebenbürgen 
Nichts anders sonst gelernt als säbeln, hauen, würgen. 
Weil nun Frantzoß und Türck wie Brüder sind vereint, 
So scheer ich billig sie wie andre Christen -Feind. 

Villeroy. 

25 Pardon, mon Prince, glaub mir: Wann Fransoß angreiften 

Mit die Deg in der Hand, wenn sie die Chappeaux streiffen 
Und troßig drucken ein, sie schrecken halle Welt, 
Sich ein Franzoß galant und öfflich dennock stellt. 
So soll die Teutsch ock seyn. Das ist nit bonne Maniere, 

30 Das is nit bon Chretien, wenn sie so schlimm tractire, 
Mon Dien! die Herr Fransoß. Ist Teutsch Victorieus, 
So ist sie gantz Barbar, Cruel, Horrible, büß. 
Das ats bey Chiari die gut Fransoß erfahren. 
Er sagte su die Teutsch, die Aut gans zu bewahren: 
35 '0 Monsieur Allemand, o pour l'amour de Dieu, 

Quartier, mon Allemand!' fällt er gar auf der Knie. 
foutre Allemand! Er schreyt: 'Goff wog, schieß nieder, 
Schlag tod die Uusfut, Schelm Fransoß, Marode- Brüder, 
Daß dick die Schinder ol, daß dick dauß Saflferment, 

io Du Und, du Bestie, daß dick die Encker schänd!' 

Eugenius. 

Auf diese lange Klag weiß ich sonst nichts zu sagen 
Als daß, so lang die Welt noch wird Frantzosen tragen. 
Kein Fried auf Erden sey. Setzt immer auf die Hut 
So trutzig, als ihr könnt, wir sind des Prahlens müd. 
45 Man kan es nicht so arg mit euch, Frantzosen, treiben. 

Man wird den grösten Rest euch dennoch schuldig bleiben. 
In Summa: Wessen ihr uns Teutsche klaget au, 
Hätt ihrs uns können thun, ihr hättets auch gethan. 



9 u. ö. Teuts, Uhse. — 20 sagt, Uhse. — 27 vgl. oben S. 18S chapeau tr( 
33 ats] ab, Uhse. Über die Schlacht bei Chiari s. oben S. 18S. 



Kleine Mitteilungen. 193 

Villeroy. 
Es ist dock nit Manier, ok nit Eaisou de guerre. 

Eugenius. 
50 Macht nur von diesem nicht ein alberes Geplerre! 

Villeroy. 
Man mack ock Prisoniers, so mak es die Frausoß. 

Eugenius. 
Man spricht von dieser Ehr^bey uns nicht sonders groß. 

Villeroy. 

Wann die Fransoß niarchirt und stellt sich in Bataille, 

So alt die Teutsch sie nur wie fouttre und Canaille. 
:>-> Kikrikik, die Spott I Laufft mit so ringen Anffen, 

Wie tauser Teufel su, last gein Fransoß verschnauffen, 

Aut ihm die Leib enswey, wie mit der Encker-Schwert 

Serspalt sie ihm die Goff, wie Wolff die Schaafe schert, 

Als wer Fransoß nur Und, und nit honnct su nennen, 
60 jSIit Gens de qualite: Die Teutsch wills nur ergennen 

Für Gens von Malefice. das ist nit Raison. 

Bougre Allemand, biß nimmer gut Patron, 

So die Fransoß nit mack, mack nit glei massacriren. 

Er mack, daß die Blessur Barbier nock gan curiren! 
6.1 Teutsch zieget die Fransoß hall mit einander aus 

Wie Frosch biß auf die Emd, schlagt er tod wie ein Mauß. 

Wer at die teutsche Gatz in Welschland lern so mausen? 

das is nit Raison, nit bon Chretien, so aussen 

I\Iisericorde nit; die Teutsch ist gantz Barbar, 
70 Verschont nit sein Prochain, er will sie fressen gar. 

Eugenius. 
So recht der alte Brauch, die Kriegs-Manier wills haben. 

Wir lassen uns von euch nicht mehr das Rüblein schaben, 

Wie biß daher geschah. Die Zeiten ändern sich. 

Wir Hessen schändlich sonst des Käysers Ehr im Stich, 
75 Dem ihr noch biß daher habt allen Spott erwiesen. 

Der in der gantzen Welt doch Christlich wird gepriesen, 

Barmhertzig, fromm und mild, der nicht mit Christen-Blut 

Unnöthig sich befleckt, wie ihr f'rantzosen thut. 

Wenn Teutschland soll von euch des Nechsten Liebe lernen, 
80 So müssen wir so weit von selber uns entfernen 

Als Himmel und die Hüll. Ich sage frey dabey, 

Daß niemand als der Teutsch für ietzt mein Nechster sey. 

Villeroy 
Monsieur, wenn sie nit geh gut Ordre sein Soldaten, 
Daß raisonabler sie tractir mein Cameraden, 



53 Marchir, Uhsc. — 54 Teutsche A, Teuts Uhse. — 55 Der Spottruf Kikrikik auf 
den gallischen Hahn erscheint z. B. auch bei Ditfurth, Histor. Volkslieder von 1648 bis 
1T5G S. 245. olGf. (1707. 1741. 1742). Vgl. oben S. 188-. — 56 tausend, Uhse. — 6i das 
ist] das iße, Uhse. — 62 immer A. — 65 zeiget A. ~ 66 Fros, Uhse. — es aussen, Uhse. — 
80 müsten, Uhse. — 83 Soldat A. 

Zeitschr. d. Verein.s f. Volkskuniie. 1909 13 



194 ^o\te, ßrandsch: 

!s.) Laufft all Fransoß darvon, bleibt nit in Welschland mehr. 
Die Teutsch ist gar cruel, niack mir die Sach so schwer, 
Ick gan braviere nit, mit Gasconnade macken, 
Nit bruit, nit Cherny bleu, wann niick die Teutsch anpacken, 
Rodomontade fällt: Gomm nit gut Ordre eiu, 
yo Mon Dieul so muß Fransoß Bernäuter alle sejn. 

Eugenius. 

Was ich für Ordre stell, daß soll euch nicht anfechten: 
Ich suche meineu Feind zur Lincken und zur Rechten. 
Seyd ihr Frantzosen dann in Welschland nicht zu Hauß, 
So jagt man billich eiich als grobe Gast hinnauß. 
95 Schert euch, ihr cherny bleu, ihr Sacre Dieu, von hinnen! 
Die Ordre geh ich jetzt. Mein einiges Beginnen 
Ist euer Untergang. Wolt ihr Bernhäuter seyn. 
So widersprech ichs nicht und stimme selbst mit eiu. 



Seht, den prahlenden Frantzosen Und die Streiche halten aus. 

Fällt das Hertz nun in die Hosen. Kehrt, ihr Prahler, kehrt zu Hauß, 

Villeroy muß entlaulTen, Schämt euch, daß zwei tausend Teutschen ii5 

Kan vor Aengsten nicht mehr Eurer gar acht Tausend peutschen, 

schnauifen. Und darzu in einer Stadt, 

Giebt sich selbst, o Schand, gefangen. Die da Thor und Mauren hat, 

Catinat ist heimgegangen, Wo der Feld-Marchal quartiret 

Hat der Stösse schon genug. Und das Haupt- Commando führeti 120 

Saget, seyd ihr noch so klug, Achtzig grosse Officirer, 

ilu- alte Practicanten, Achtzig , sagt ich schier, 

Eure Kunst wird nun zu schänden. Liessen sich auf einmal fangen. 

Seht, der junge General Unsre Teutschen können prangen. 

Coujonirt euch überall. Darum — — die Frantzosen 125 

Den ihr kriegen wollet lehren. Gar vor Angst nun in die Hosen. 

Müsset ihr den Rücken kehren 

Berlin. Johannes Bolte. 



Die siebeubiirgischen Melodien zur Ballade von der Nonne. 

Unter den von R. Zoder (oben 18, 394) übersichtlich zusammengestellten 
Melodien zur Ballade von der Nonne ist die in Deutschland am weitesten ver- 
breitete Weise (bei Zoder Gruppe 1) in Siebenbürgen nur in Verbindung mit dem 
Studentenliede 'Im Krug zum grünen Kranze' bekannt. Das ist um so auffälliger, 
als der Melodienschatz der Siebenbürger Deutschen mit dem Mittel- und AVest- 
deutschlands sonst eine sehr nahe Verwandtschaft aufweist, auffällig auch im 
Hinblick auf das hohe Alter und die sonstige weite Verbreitung der Melodie (bis 
nach Dänemark und Schweden hinein). Sie lüsst sich schon im 17. Jahrhundert 
nachweisen; im Liederbuch des Leipziger Studenten Clodius aus dem Jahre 1669 
(Niessen, Vierteljahrsschrift f. Musikwissensch. 7, 654. Beilage XXI. 1891) steht 
sie als eine dem älteren Liede: 'Ich ging auf einer Wiesen' (Blümml, 
Futiiitates 3, 160) entlehnte Weise in folgender Gestalt: 



87 bravure, ühse. — ss mick] uns Uhse. 



Kleine Mitteilunoon. 



195 



ife_^ii^lM^l?liäirS^fe^^ 



Dort da die Ro - se 



wuch-se. war meine Lieb - ste 



^P^ü^^iH^üi^^iü^^fi 



hier (s. Blümml, Futilitates 3, 17. 190S). 

Nebenbei bemerkt weist die Melodie schon hier die von Zoder gewiss mit 
Hecht auf kunstmässigen Einfluss zurückgeführte Ausweichung in die Domi- 
nante auf. 

In Siebenbürgen wird die Nonnenballade (soweit bis jetzt bekannt) in den 
verschiedenen Gegenden des 'Sachsenlandes' zu folgenden, zum Teil sehr alter- 
tümlichen Melodien gesungen, die ich selber aus dem Volksmunde aufgezeichnet 

habe. 

Schönau 1905. 



:!?- 



Ee: 






Ich steij; auf ho - he 



Ber 



gc 



;ü 



im^lm^^^^^^^ 



-- *— Jr 






An den mit ^ bezeichneten Stellen schwankte das Intervall zwischen einem halben 
und einem ganzen Ton. 

Neudorf 1901. 



2. ^pz5:eE^Ei^^i=^EE^E[E^EE^j^|S^E3=>:E3=ä 



Ich stand auf ho - hem Ber-jre 



ö^g3äiliäiä^=iitsii3?E?fe=i3: 



:j^: 



Marktscheiken 190:!. 



ii§iife^¥^[3^^si3^^i?^^i 



Ich stand am ho - hen Ber- i>e- lein 



Imo I I Udo I 



iLi!^fi^=^3=^fgiE^ 






Felldnif. Zuckmantel, Mauiersch 1898. 



:EE 



:q=t=id: 



■i— ^ 



:=!=::]: 






Ich stand auf ho- hem Ber - i;e 



196 



Brandsch : 



[=::1=d=:^: 






Eibesdorf 



Eibesdorf 1903. 



Ich stand auf ho - hom Ber- ge 



^pE^5^'^r=fE3^=^?ElEfeS^3^£l^2^^ 



Keisd 189^ 



[=eE^ 



:t=I^. 



^fe^li£^i£ä 



:t==t:: 



Ich stand auf ho- hem Ber 



^ti^H^füeiii^i^gilüi: 



-^ — •«« — 1/- 



Treppen 19U6. 



Einst stand ich auf ho - hem Ber - ge 






Von obigen Melodien weist nur die erste mit einer von den durch R. Zoder 
zusammengestellten Melodien, und zwar mit Nr. 31 in Gruppe V, Verwandtschaft 
auf. Die Ähnlichkeit tritt namentlich in der zweiten Hälfte der Melodien zutage, 
indessen gehen die Melodien auch im ersten Teil wohl auf dieselbe Wurzel zurück. 
Damit erhält die von Zoder angezweifelte Echtheit von Nr. 31 und wohl der 
ganzen V. Gruppe eine nicht unwichtige Stütze. Die oben mit 1 bezeichnete 
Melodie wird in Siebenbürgen mancherorts zu der gleichfalls sehr alten Ballade 
•Herzliebster, ich hab vernommen' gesungen. Die erste, hier und in manchen 
Gegenden Deutschlands verloren gegangene Strophe (vergl. Erk-Böhme, Liederhort 
Nr. es.")) begann im 16. Jahrhundert: „Ich stund an einem Morgen heimlich an 
einem Ort". Der gleiche Anfang beider Balladen (Ich stund) hat wohl zur Über- 
nahme der Melodie von der einen zur andern geführt, wobei unentschieden 
bleiben mag, mit welcher von beiden sie früher verbunden gewesen ist. Dass 
bei gleichem Strophenbau und Metrum des Textes oft ein einzelnes Wort oder 
eine ähnliche Situation zur Entlehnung der Melodie Veranlassung gibt, ist eine 



Kleine Mitteilungen. 197 

Erscheinung, die sich öfter beobachten Jiisst. Die Entlehnung- geschieht natürlich 
meist unbewusst, und die Assoziationsreihen der Volksphantasie werden oft von 
sehr lockeren Fäden zusammengehalten: man fühlt sich angesichts der Leichtigkeit 
und der aller Logik trotzenden Zufälligkeit, mit der die Gedankenbilder (Text- 
reihen aus verschiedenen Liedern, Abschnitte aus verschiedenen Melodien, in 
diesem Falle ursprünglich nicht zusammengehörige Texte und Melodien) zusammen- 
schiessen, immer wieder an die lockere Assoziation der Traumgebilde erinnert. 
Weiter unten folgt sofort ein weiteres Beispiel zu dieser für die Entwicklung des 
Volksliedes hochbedeutsamen psychologischen Erscheinung. 

Die beiden folgenden Mollmelodien 2 und 3 weisen weder mit 1 noch unter 
einander eine engere Verwandtschaft auf. Im ganzen aber ist eine gewisse Ähn- 
lichkeit in der Tonführung, auch abgesehen von dem gemeinsamen Mollcharakter, 
nicht zu verkennen. Man darf wohl annehmen, dass die Melodien 1 — 3 ungefähr 
in derselben Zeit (nicht nach dem IG. Jahrhundert) entstanden sind. 

Die 4. Melodie ist eine Umbildung der Marseillaise; Nr. 5 aber ist nichts 
weiter als ein Bruchstück von Nr. 4*). 

Nr. »> gehört eigentlich zu dem Text des Lossius'schen Liedes 'An einem 
Fluss, der rauschend schoss'. Offenbar hat die ähnliche dichterische Situation 
— hier wie dort der „rauschende Fluss" und am Ufer das trauernde Mägdlein — 
zur Übernahme der neuen Melodie für den alten Balladentext geführt. Ahnlich 
steht es mit der 7. Melodie. Sie findet sich (allerdings im 2. Teile anders 
lautend) zuerst gedruckt in Verbindung mit dem Goetheschen Lied 'Da droben 
auf jenem Berge, da steh ich tausendmal' bei W. Ehler, 'Gesänge mit Begleitung 
der Guitarre, eingerichtet von W. E. Tübingen 1804 (nach Böhme, Volkstüml. 
Lieder Nr. 452). Böhme bemerkt dazu: „Der Name des Komponisten fehlt zu 
dieser Melodie, während er zu den meisten anderen angegeben ist. Also wohl 
Volksweise, und zwar zu dem Volkslied gleichen Anfangs, das vom Mühlrade 
singt (Erk-Röhme, Liederhort 2, 23 4)." Ob unsere Melodie Nr. 7 nun von dem eben- 
erwähnten Volkslied oder von der Goetheschon Schäferballade entlehnt ist, in 
jedem Falle besteht das Assoziationsbindeglied, das zur Ibernahme der Melodie 
führte, in dem ähnlichen Textanfang: ..Da droben auf jenem Berge" — „Einst 
stand ich auf hohem Berge". 

Die Melodien 4 — 7 sind allem Anscheine nach alle erst im 10. Jahrhundert 
in Siebenbürgen eingedrungen. Sie werden die alten, schönen Mollmelodien zur 
Nonnenballade wohl in wenigen Jahrzehnten völlig verdrängen. Das ist das eine 
Moment, worauf wir hier aufmerksam machen möchten. Das zweite, was wir uns 
auszusprechen erlauben, ist: dass wohl die wichtigste und zugleich interessanteste 
Aufgabe des Volksliedforschers im Aufsuchen der Assoziationsgesetze besteht, nach 
denen sich Entwicklung und A^erwitterung der Volkslieder vollzieht. 

Treppen, Post Mettersdorf (Siebenbürgen). Gottlieb Brandsch. 



1) Über Reminiszenzen an die Marseillaise in deutschen Yolksmelödien s. W.Tappert, 
Wandernde Melodien, Leipzig 1890, S. G2ff.; über den Verwitterungsprozess, der sich bei 
vielen Melodien nachweisen lässt, s. (i. Brandsch, Über Werden und Vergehen der Volks- 
weisen, Hermannstadt, W. Krafft, lOOll S. 10 ff. 



198 Relisener, Wehrhan: 

Tiroler Volksmemungen über Erdbeben. 

„Vom Brenner hat man nie etwas 'Ungleiches' gehört"; doch da geschah 
das Aussergewöhnliche; leichte Erdstösse fanden Anfang Juni 1X91 statt. Wie 
sich die ältesten Leute erinnerten, war in mehr als 80 Jahren nur ein Erdbeben 
vorgekommen. „Damals", erzjihlte da einer von den alten Gossensassern, „wir 
kamen grad von der Mahd, ist es vor uns hergangen, als wenn man einen starken 
Sagbaum zur Sage führt (zur Sägmühle fährt)." 

Die Jugend, die noch kein Erdbeben erlebt hat, verhält sich ungläubig. Einer 
meint: „Das sein auch keine Erdbebner jetzt hier, hab i glei gesagt, das sein 
seile Donnergrottler (Getöse); das thut der Donner wohl öfter, mit der Sonnen- 
finsternis soll es aufhören." Und ein anderer fügt hinzu: „Die Erdbebner sein 
weiter an einem andern Ort, und bis hierher kommt nur der Hall." 

„Die letzte Nacht aber hat es (das Erdbeben) mich im Bett tüchtig z'sammen 
g'buddelt," hebt der Postmeister Stephan Schuster an. „Ich für meine Person 
glaube, die Welt wird durch Feuer untergehen; denn warum? Früher haben sie eine 
Petroleumquelle gehabt in Russland, jetzt haben sie überall welche entdeckt, und 
in den Steinkohlenbergwerken hebt (hält) kein Holzgerüst mehr. Es brennt nicht, 
aber es ist bald, als wenn es gebrannt hätte — wie verkohlt. Das muss doch 
die Ausdünstung der brennenden Gase machen. Der Stetter in Sierzing muss 
jetzt nach Bayern festes Lärchenholz schicken, womit sie es in den Kohlenlagern 
noch versuchen wollen." 

„Woher das Erdbeben kommt? Vom Wind kommt es," ruft ein junger 
Mann, „wenn der so fast (stark) geht und der Regen ihn schnell ehaltet (davon 
abhält)." — „Nein, nein, vom vielen Regen im Mai kommt es," ruft ein anderer, 
„wenn das Wasser in die Erde fliesst. Unterschieb (darunter) ist das stinkige 
Öl (Petroleum), das brennt, da gibt es einen schrecklichen Dunst." — „0 eia 
(warum nicht gar)! Die Kälte im Winter und der Erddunst macht die Erd- 
bebner", glaubt ein Dritter. — Unsere alte Bäuerin dagegen weiss: „Die Sonne 
soll Schuld sein. Haben Sie das gehört, dass die Sonne 40 Meilen weit der- 
sprungen ist? Und in a Toal (einem Teil) Orten scheint gar keine mehr? Die 
Mahren des Waldherrn (Försters) Frau hat das erzählt." — Soll die Sonne an einen 
andern Ort hingesprungen sein ? -- „Nein, verstehen Sie es nicht? W^ie die erdenen 
(irdenen) Schüsseln derspringen. Das sag lei i, weil Sie es nicht verstehen. Mit 
dem Perspektivglas wird man es wohl sehen können, ob es so ist; wenn man 
damit in die Sonne einschauen kann, das weiss ich freilich nicht. Vielleicht ist 
CS nicht wahr." 

Eine Frau aus Sterzing hat gewusst, ein grosses Tier, was im Meer lebt, 
macht die Erdbebner, wenn es sich regt. Und ein Bauer, der vom Steinacher 
Markt kam, erzählte, dort hätten sie gesagt, ein Berg, aus dem Feuer käme, 
wäre die Ursache, und ein seller (solcher) Berg war unter dem Brenner. 

Dort kommt der Raderer Hansl; fragen wir den! Er ist der älteste Mann in 
Gossensass, ein Erfahrener, und er hat auch manches gelesen. — Was denken 
Sie vom Erdbeben? — „Wie Ös dös versteht V fragt die Fräuele", hilft mir seine 
Häuserin, mich dem schon Schwerhörigen verständlich zu machen. — „Das ist 
etwas Unheilbringendes, Gefährliches. Gelesen hat man es wohl, dass 
Erdbeben ganze Städte zusammengeschüttelt haben. Krieg soll es geben. Hier 
glaub ich es nicht, dass es etwas macht, wo der Boden alles Fels ist; 
doch wenn unser Herr uns strafen will, der weicht man ihm nicht (kann 
man ihm nicht ausweichen). Am Vesuv ist auch hohes Gebirge, aber dort ist 



Kleine Mitteilungen. 199 

auch das Meer, das haben wir hier nicht. Vom grossen Tier im Meer, dem 
Walfisch, und vom Sprung in der Sonne habe ich auch gehört, doch das glaubt 
hier keiner. In Innsbruck haben sie dem heiligen Alexius, der für die Erd- 
beben ist, an seinem Tag einen Umgang gelobt; einmal haben sie den ausgelassen, 
da hat die Erde so gebebt, dass in den Wirtshäusern die Gläser aneinander ge- 
schlagen und zersprungen und verschüttet sind. Sie haben Nachmittag dann noch 
den Umgang gehalten, da hat das Erdbeben aufgehört. Heut und morgen wird 
auch deshalb hier ein Rosenkranz gehalten und Samstag eine Messe." 

Andere Leute treten herzu. Sie haben gehört, der Brennersee, der sonst immer 
eben hergeflossen ist, soll einen Spalt haben und das Wasser im Bad so heiss 
geworden sein, dass man es unmöglich angreifen kann; in Gries (Brenner) aber 
wäre beim' Erdbeben eine Tafel (ein Heiligenbild) herabgefallen; andere sagen, 
der Fels habe einen Sprung bekommen; doch die Bahnaufseherin sagt: Nein, 
das Stationshaus hat einen Sprung, weil es halb auf Fels, halb auf Schotter 
gebaut ist, dass die Leut sich nicht mehr getrauen, drin zu bleiben. Aber der 
Muche (Michel), der dort war, hat nichts von allem gesehen: „Das ist alles der- 
logen," sagt er, „so zu lügen, das ist keine Arbeit. Man soll nichts mehr glauben 
und dann auch noch zweimal hinsehen. Man erfährt nichts 'Ebenes', Genaues, 
gleich der Tatsache, also nicht die Wahrheit." — [Vgl. Lasch, Archiv f. Religions- 
wissenschaft 5, 236. 3G9.] 

München. Marie Rehsener. 

Wachsvotive aus Kiedricli im Rheiogau. 

Kiedrich, eine kleine malerische Stadt von annähernd 2000 Einwohnern, 
zwischen fruchtbaren Rebenhügeln höchst romantisch gelegen, schon im Jahre 954 
urkundlich erwähnt, besitzt eine schöne gotische Kirche, in deren unmittelbarer 
Nähe eine Michaelskapelle steht, gleich der dem h. Valentin geweihten Kirche, 
das Ziel vieler Wallfahrer, die hier am Sonntage vor Bartholomäi erscheinen. 
Nicht nur aus unmittelbarer Nähe kommen sie herbei, sondern zum Teil aus 
grösserer Entfernung, von beiden Ufern des Rheins. Ein buntes Leben entfaltet 
sich da vor dem mit hohen Mauern umfriedeten Hofe um die Kirche; allerlei 
Buden sind aufgeschlagen, um für das leibliche Wohl der zahlreichen Wallfahrer 
zu sorgen. Innerhalb der Mauern haben sich vor den beiden Kirchentüren die 
Wachszieher mit ihren Tischen aufgestellt, auf deren schneeweisser Leinendecke 
allerlei Wachsvotive ausgeboten sind, „wie (so sagte einer der Verkäufer) sie 
eben verlangt werden". Auch vor der Michaelskapelle hat ein Verkäufer seinen 
Stand aufgeschlagen. Die Wallfahrer treten heran, kaufen sich eine Kerze und 
irgend eine oder mehrere Figuren, wie sie sie gerade bedürfen, und gehen dann 
in die Kirche, um sie vor dem Altare zu opfern. Die Kerze wird angezündet 
und auf den Kerzenhalter gesteckt, das Votiv wird auf den Kerzenhalter gelegt 
oder gesteckt. Entweder wird das Opfer in die dem h. Valentin geweihte Haupt- 
kirche oder in die Michaelskapelle oder vor den im FVeien stehenden Marien- 
altar gebracht. 

Die Hauptverehiung geniesst in Kiedrich der h. Valentin, dessen lebens- 
grosse Statue im Mittelschiff der grossen Kirche prangt. Er wird vor allem an- 
gerufen gegen die Fallsucht'). Im Hofe der Kirche stehen um die grosse 



l)^[Hierbei hat offenbar, wie in zahlreichen ähnlichen, jüngst von Kaluzniacki (oben 
S. 120) aufgezählten Fällen, der Gleicbklang von Fallen und Valentin mitgewirkt. 



200 VVehrhan : 

Kreuzesgruppe lierum mehrere Eibenbiiume; die Leute treten an diese heran 
und brechen sich kleine Zweige davon ab, nehmen sie mit in die Kirche und 
berühren damit in Andacht die Statue des lieiligen Valentin: Kopf, Brust, Hände 
usw. Die Zweige werden dann sorgfältig mit nach Hause genommen und auf- 
bewahrt; tritt Fallsucht (Epilepsie) bei jemandem auf, so wird ein Tee von den 
Zweigen gekocht, recht verzuckert und getrunken. Aber auch in anderen Krank- 
heitsfällen findet dieser Tee seine Anwendung, selbst für das Vieh wird er ver- 
wendet. Die Bäume sehen infolge des Abbrechens der Zweige sehr verrupft aus 
trotz ihrer Grösse und genügen den an sie gestellten Anforderungen nicht, weshalb 
• viele Leute, die dazu Gelegenheit haben, auch Eibenzweige aus ihren eigenen 
Gärten mitbringen und diese weihen. 

Die Erklärung für die Verehrung des h. Valentin findet sich in seiner Lebens- 
geschichte'), aus der wir deshalb einiges mitteilen wollen, was sich auf die mit 
der Wallfahrt A^erbundenen umstände bezieht. Gegen Ende des zweiten Jahr- 
hunderts zu Interarana, dem heutigen Terni, einer Stadt Mittelitaliens, geboren, 
wurde der heilige Valentin 20.'! Bischof der Stadt Fulgenium (Foligno). Weil er 
eine sehr schöne Körpergestalt hatte und befürchtete, dass er dadurch leicht 
Gegenstand des Anstosses werden könnte, wurde ihm (nach dem Berichte der 
Bruderschaft zum heiligen Valentin in Kiedrich) die schöne Körpergestalt ge- 
nommen, er wurde sogar mit der fallenden Krankheit behaftet. Dafür wurde ihm 
verheissen, er werde zukünftig den Notleidenden in dieser Krankheit ein bewährter 
Fürsprecher^ sein. Später bewirkte er besonders in Salandria (wir folgen hier in 
diesen Angaben immer dem eben genannten Bericht) viele Wunderzeichen, indem 
er die bösen Geister aus den Besessenen trieb und viele heilte, die mit der 
fallenden Krankheit behaftet waren. Ebenso war es später in Rom; auch hier 
bewirkte er viele Wunder. Ein angesehener Vorgesetzter des Volkes, Fontejus 
mit Namen, hatte einen Bruder, der schon längere Zeit an der fallenden Krankheit 
litt; er führte ihn zum heiligen Valentin, der dem Kranken die Hände auflegte, 
seine Stirne mit dem Kreuzzeichen bezeichnete und so seine Gesundheit wieder 
herstellte. Ebenso heilte er den an einer ähnlichen Krankheit schon lange dar- 
niederliegenden Sohn eines berühmten römischen Philosophen. Als er infolgedessen 
viele Anhänger des christlichen Glaubens fand, wurde er gefangen genommen und 
im Jahre "260 als Märtyrer hingerichtet. Sein in Interamna beigesetzter Leichnam 
wirkte noch viele Wunder, besonders gegen solche Nöte, in denen der Bischof 
schon bei seinen Lebzeiten geholfen hatte, und auch zu Kiedrich, „wo Reliquien 
des heiligen Valentin aufbewahrt werden, fanden oft fromme Verehrer desselben 
Hilfe und Trost in ihren Nöten". Zu diesen 'Nöten' werden ausser der Fallsucht 
in einem Liede gezählt: 'das Getier, so an den Früchten nagte', 'schadenreiche 
Feuersflammen', 'Pest und schlimme Seuchen', 'trockne Erde' (Dürre) u. a., mit 
einem Worte 'all Seuch und Plagen'. 

Während an anderen Orten des Rheinlandes das ganze Jahr hindurch 'ge- 
opfert' wird, ist das in Kiedrich, wie schon erwähnt, nur an einem Sonntage im 
Jahr der Fall, im August, am letzten Sonntage vor Bartholomäi; wenigstens findet, 
soviel ich erfahren konnte, an diesem Tage die Hauptwallfahrt statt. Die Opfer 
sind durchweg AVachsopfer, die in verschiedenen Formen gegossen sind"). Da 



Höfler, oben 1, 293 führt ihn uuter dem 7 . Januar au. Delehaye, Die hagiographischen 
Logenden 1907 S. 49.] 

1) [Acta Sanctorum Febriiarii tom. 2, 754 - 7Go.] 

2) [Vgl. E. Andree, Votive und Weiliegaben des katholischen Volks in Süddeutsch- 
land 1904 S. 77— 85. Wehrhan, Rheinische Wachsvotive uud Weihegaben (Korrespondenz- 
hlatt für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte o9, 141—14;). Taf. 1— 2).J 



Kleine Mitteilungen. ' 201 

nicht nur Anliegen in körperlichen Nöten der Menschen vor den Heiligen gebracht 
werden, sondern auch solche, die das Wirtschaftsleben der Landleute angehen, so 
finden wir unter den 'Opfern' auch Tiere in grosser Zahl. Bei ihrer Aufzählung 
beginnen wir mit den Votiven, die Teile des menschlichen Körpers darstellen. 

1. Manu, bekleidete männliche Person, mit Hut undJacke angetan, Höhe fast 7 cm. 

2. Frau, unbekleideter weiblicher Rumpf bis zum Nabel, die Brüste stark hervor- 
tretend, die Arme über dem Ellbogen abgeschnitten, ohne Kopf, die Taille deutlich er- 
kennbar, Höhe und Breite 4'/2 o»- 

;'). Wickelkind, im Steckkissen, mehrfach verschnürt, der Kopf durch eine Erhöhung 
angedeutet, Höhe 7 citi. 

4. bis 6. Kleine Kinder, alle mit ausgebreiteten Armen, zwei in sitzender Stellung 
(scheinbar die Knaben), eins nach Art der fliegenden Engel dargestellt (scheinbar ein 
Mädchen), Höhe 4 - ö ein. 

7. Herz, platt, in bekannter dreieckiger Form, am oberen breiten Ende mit einem 
röhrenförmigen, fast 2 cm langen, hohlen Fortsatz versehen, der zum Aufhängen oder 
Aufstecken am Altar dient, Höhe ohne den Fortsatz 4 cm, sonst 6 cm. 

8. Auge, in der Art, wie das 'Auge Gottes' dargestellt wird, nur nicht im Dreieck, 
Augenlider und Augenbrauen haben auch Platz gefunden;- es gehört zu den dicksten 
Yotiven, es besitzt nämlich eine Dicke von etwa IV2 i'f'h Länge 5^2. Höhe 0V2 <""'■ 

1). Ohr, das äussere Ohr, d. h. nur die Ohrmuschel darstellend, Höhe 4, Breite 
fast ü cm. 

K». Zähne, die obere und untere Zahnreihe, aufeinander sitzend, jede Pi,eihe wieder 
mittels einer wagerechten Platte verbunden, die obere Zahnreihe zeigt 12, die untere 14 
Zähne; Breite des Gebisses 4, Tiefe fast 37« <"'"• 

11. Arm, auch als Hand bezeichnet; die Finger sind, mit Ausnahme des Zeige- 
fingers, eingezogen, ganze Länge 772 '""'• 

12. Hand, verhältnismässig das grösste Yotiv: es zeigt die linke Hand, ich konnte 
nicht mehr fesstellen, ob es auch eine rechte Hand gab; Breite 4V2, Länge reichlich 
87o cm. 

13. Bein, auch als Fuss bezeichnet, mit Oberschenkel, Länge 7 cm. 

14. Pferd, Länge 0, Höhe GV« '■»'• 
lö, Kuh, Länge ö, Höhe 4 c»i. 

Ki. Ziege, Länge G, Höhe 5 cm. 

17. Schaf. Länge 7, Höhe 5' ,'2 cm. 

18. Schwein. Länge 5, Höhe 272 <"»'• 

Alle Tiervotive stehen auf einem hohlen muschelförmigen Untersatze, sodass 
sie auf den Rand der Kerzenhalter in der Kirche gestellt werden können. Als 
eigenartiger Votivgegenstand sei endlich noch 19 ein Wachsfaden aufgeführt, 
der ebenfalls bei den Verkäufern vor der Kirche zu haben ist. Er ist nach xVrt 
der Wachsfäden oder Wachsstöcke aufgerollt, hat eine Dicke von drei Millimetern 
und eine solche Länge, dass er aufgerollt die Grösse einer Faust hat. Er wird 
gekauft gegen Kopfleiden, besonders gegen Kopfweh. Der Faden wird gelöst, 
um den Kopf gelegt, in der Länge einer Kopfdicke abgeschnitten und dann 'ge- 
opfert'. Ausserdem waren noch grössere Wachsstöcke da, von dickeren Wachs- 
fäden und mit den schönsten goldenen Verzierungen versehen, die zum Anzünden 
bei Gewittern dienen. 

Das Material für die unter Nr. 1 bis 18 genannten Wachsgaben ist kein 
reines Wachs mehr, wie es ursprünglich sicher gewesen ist und wie wir es noch 
heute in anderen Gegenden finden, sondern mit anderen Sachen, vielleicht mit 
Stearin, Talg oder dergleichen vermischt. Die Votive sind nicht mit der Hand 
hergestellt, sondern in Modeln gegossen. 

Prankfurt a. M. Karl Wehrhan. 



•20: 



Höfler, Aüdree: 

Unterhaltung mit Toten. 



Die beigegebene Abbildung verdankt der Unterzeichnete der Güte Seiner 
Exzellenz des Herrn General Rathgen in Strassburg. Sie stellt eine alte Frau vor, 
welche von der Familie (in der Bretagne) bestellt ist, im Friedhofe mit dem ver- 
storbenen Verwandten sich zu besprechen. Näheres konnte leider nicht in Er- 
fahrung gebracht werden*). 

Bad Tölz. Max Höfler. 




1) [Auch in dem schönen Werke von A. Le Braz, La legende de la mort chez les 
Bretons Armoricains (Paris 1902) fmde ich nichts Entsprechendes, obwohl dort 1, 2G3 
erzählt wird, wie am Allerheiligenfeste ein Mann im Beiuhause die Unterhaltung der Toten 
belauscht und (2, 119) wie am Allerseelentag abends Sänger von Tür zu Tür ziehen, um 
die Lebenden an die Abgeschiedenen zu mahnen. Das Beschwören ruheloser Toten aber 
kommt allein den Priestern zu (2, 277). J. B.] 



Kleine Mitteilungen. 203 

Den Tod betrügen. 

In der Zeitschrift 'Man' vom Februar li>09 bringt R. Grant Brown eine kurze 
Mitteilung darüber, wie man in Birma versucht den Tod zu überlisten und durch 
Täuschung um sein Opfer zu bringen. Er erzählt, wie man ein besonderes Ver- 
fahren anwendete, um dem 'König des Todes' ein dem Sterben nahes Kind noch 
zu entreissen. Die Verwandten nahmen einen Bambusstab und massen damit 
genau die Länge des Kindes. Von letzterem schnitt man Haare, Finger- und 
Zehennägel ab und füllte die Abschnitte in die Höhlung des Bambus, bekleidete 
letzteren mit dem Gewände des Kranken und legte den so zugerichteten Stab unter 
Wehklagen in einen Sarg, so simulierend, das Kind sei gestorben. Nachdem der 
Sarg geschlossen war, wurde er, von den Leidtragenden gefolgt, zum Friedhofe 
getragen, w^obei immer und immer wieder versichert wurde, das Kind sei tot. 
Vorübergehende glaubten ein echtes Begräbnis zu sehen, und ein Mönch hielt die 
übliche Leichenpredigt, um zum Schlüsse die Gebete für die Seele des Knaben 
zu sprechen, während nach Landessitte ein Laie noch Wasser ins Grab goss. 
Leider war aber alles ohne Nutzen, denn das Kind starlD trotz des Vorgangs, da 
der Tod sich in diesem Falle nicht hatte betrügen lassen. 

Keineswegs handelt es sich hier um einen vereinzelten Fall; denn die Vor- 
stellung, dass man durcli Betrug dem Tode seine Beute entreissen könne, ist eine 
sehr weit verbreitete, wenigstens räumlich, worauf ich schon 190.') in einem Vor- 
trage auf der Salzburger Anthropologenversammlung hingewiesen habe. Selbst 
der leere Sarg, der den Tod täuschen soll, kommt vor. In der Kirche S. Vincenze 
della Sanitu in Neapel sah ich an den Pfeilern und Wölbungen eine grosse An- 
zahl von Miniatursärgen, 30 bis ÖO cm lang, und alle mit zwei Mctallbuchstaben 
versehen. Sie sind leer, und auf Befragen erläuterte der Mesner, dass sie von 
besorgten Müttern geopfert würden, wenn eines ihrer Kinder schwer krank sei. 
Die Metallbuchstaben auf dem Sargdeckel bezeichnen Vor- und Familiennamen 
des kranken Kindes. Näheres konnte ich nicht erfahren. Warum aber opfert man 
einen Sarg, da doch sonst, um Genesung zu erzielen, ganz andere Votive dar- 
gebracht werdend Ich vermute, dass auch hier eine Täuschung des Todesengels 
erzielt werden soll; er soll glauben, das Kind sei schon verstorben, liege in dem 
Sarge und er könne nun wieder nach Hause gehen, er brauche seines Amtes nicht 
mehr zu walten. Dazu soll auch S. Vincenze della Sanita, seinem Namen gemäss, 
behilflich sein, und deshalb bringt man die kleinen Särge in seine Kirche. 

Diese meine Anschauung wird noch durch anderweitige Analogien bestätigt. 
Um Dämonen zu täuschen, welche als Krankheitsteufel in den Menschen fahren 
oder die ausgesendet werden, ihn zu töten, greift man bei verschiedenen Völkern 
dazu, den Namen der Kranken zu ändern. Mit dem Namenwechsel glaubt man 
den Todesdämon hintergehen zu können. Wie Klaproth ') berichtet, wechseln 
mongolische Völker in Krankheitsfällen ihren Namen, und von den Dajaks auf 
Borneo erzählt Spenser St. John^), 'that the parents change the names, especially 
if the child be sickly, there being an idea that they will deceive the inimical 
spirits by foUowing this practice.' 

Ganz ausgeprägt ist aber die Namensänderung noch heute bei den orthodoxen 
Juden. In Deutschland mag dieses wohl jetzt meist verschwunden sein, aber im 



1) J. V. Klaproth, Reise in den Kaukasus 1, 197 (1812). 

•2) Spenser St. John, Life iu the Forests of the far East 1, 197 (18G2). 



04 Andree, Manko wsld: 

18. Jahrhundert war dieses noch gerade so der Fall wie jetzt bei den ungarischen 
und polnischen Juden. Kirchner^) berichtet, „dass, wenn einer an einer sehr ge- 
fährlichen Krankheit darniederliegt, sie bisweilen dessen Namen ändern," und zwar 
nach Massgabe eines Gebetes für den Kranken, dessen Namen verändert wird, 
damit „diese Veränderung seines Namens ihm zur Abwendung alles desjenigen 

dienen möge, was Du (Gott) über ihn beschlossen hast Siehe, er ist jetzo 

wie ein anderer Mann, wie eine neue Creatur und wie ein kleines Kind zu einem 
guten und langen Leben gebohren." Volle Bestätigung für diesen heute wohl 
ziemlich abgekommenen Brauch bei deutschen Juden, der hier aus einer christ- 
lichen Quelle mitgeteilt ist, erhalten wir aber durch eine jüdische, auf die Gegen- 
wart bezügliche Schilderung. Dr. Gerson Wolf'^) schreibt: „Wenn jemand (ein 
Jude) schwer krank ist, so wird ein öffentlicher Gottesdienst veranstaltet. Es 
werden gewisse Psalmen in hebräischer Sprache rezitiert, und daran reiht sich 
ein Gebet für den Kranken, in welchem der Name desselben ausdrücklich genannt 
wird. Schwebt der Kranke in grosser Gefahr, so gibt ihm der Rabbiner oder 
sonst ein frommer Mann einen anderen Namen. Dies geschieht, um dem Todes- 
engel die Ausführung seines Auftrags zu erschweren oder unmöglich zu machen. 
Derselbe hatte beispielsweise die Mission, einen Mann Namens Abraham ins Jenseits 
zu befördern, da der Kranke jedoch infolge des neuen Namens, den er erhalten 
hat, Isak heisst, darf er diesen nicht fassen," 

Man erkennt aus diesen Beispielen, die sicher nur einzelne Glieder einer 
langen völkerverbindenden Kette sind, wie bei Neapolitanern, Birmanen, Dajaks, 
Mongolen und Juden in bezug auf die Täuschung böser Dämonen, Todesengel usw. 
völlig gleiche Anschauungen herrschen, die sich naturgemäss aus der Todesfurcht 
des hilflosen Menschen heraus entwickelt haben, selbständig und ohne Entlehnung 
des einen Volks vom andern, wenn auch mit leichten Abänderungen, aber in der 
Sache völlig gleich: der Tod soll betrogen worden. 

München. Richard Andree. 



Das polnische Herodesspiel in Westpreussen. 

In den westpreussischen Kreisen Strasburg und Thorn wird zur Weihnachts- 
zeit, vom zweiten Weihnachtsfeiertage bis zum Dreikönigsfeste, auch darüber hin- 
aus, von polnischen Knechten und Arbeitern ein altes Weihnachtsspiel') auf- 
geführt, welches vom Volke 'mit Herodes gehen' genannt wird. Denn nicht die 
lichten Gestalten des Christkindes und seiner Eltern oder der heiligen drei Könige 
und der frommen Hirten erscheinen darin, sondern sein grimmer Widersacher, der 
Tyrann Herodes, samt seinen Trabanten. 

Zu der Aufführung, wie sie z. B. in Königsmoor, Kr. Strasburg, nach Mit- 
teilung des Herrn Lehrers Preuss alljährlich stattfindet, sind neun Personen nötig 



1) Paul Christian Kirchner, Jüdisches Ccremoniel. Neue Auflage von J. J. Jungendres 
(Nürnberg 17-26) S. 209. 

2) Uie Juden (in ()sterreich-Ungarii) 1883, S. 12G. 

3) [Über die in Galizien und Russischpolen üblichen Weihnachtsspiele handeln, 
^vie Herr Prof. Dr. A. Brückner freundlich nachweist, J. Krupski (= St. Estreicher), Szopka 
krakowska (Krakau 1901), Jul. Pagaczewski, Jaselka krakowskie (Krakau 1902) und viele 
Bände der Wisla, Lud, Materja'y, z. B. unten S. 208. 212: vgl. auch oben 17, 215 über 
I. Frankos Studie über das ukrainische Krippenspiel des 18. Jahrb.] 



Kleine Mitteilungen. 205 

für Herodes, Tod und Teufel sowie für sechs Kriegsknechte. In Ermangelung 
römischer Uniformen nehmen die Darsteller einfach solche von je zwei preussischen 
roten Husaren, Ulanen und Infanteristen. Bevor diese neun Darsteller in ein Haus 
gehen, lassen sie draussen eine kleine Schelle ertönen und stellen sich dann in 
einer Reihe im Zimmer auf. Dabei singen sie polnisch folgendes Lied: 

„Als der König Herodes lebte, Drei weise ^länner sich Gott erwählte, 

Der über die Juden regierte, Auf dass sie nach Jerusalem gingen, 

Da wurde Jesus Christus geboren, Dort Christum zu ehren." 
Der die Gläubigen erlöst hat. 

Die beiden Husaren treten darauf aus der Reihe, verneigen sich tief vor dem 
Hausherrn und bitten um einen Sessel für den König Herodes. Dieser nimmt 
nun Platz und rückt die Krone auf seinem Haupte zurecht, als ob sie ihm zu 
schwer fiele. Dann stützt er den Kopf auf das mit Silberpapier geschmückte 
Zepter und lässt sich von den Infanteristen königliche Ehren erweisen, indem die 
Soldaten ihre Knie vor ihm beugen, sich an seiner Seite aufstellen und die 
hölzernen Schwerter über seinem Haupte kreuzen Die Ulanen lassen hinter dem 
Rücken des Königs eine Bettdecke als Vorhang hernieder und halten sie während 
der ganzen Dauer des Spieles hoch. Hinter dieser Kulisse bereiten sich Tod und 
Teufel zur Aktion vor. 

Herodes versinkt in tiefes Nachdenken und spricht dann mit t'lberhebung: 
„Ich bin Herodes, der König der ganzen Welt." Die Infanteristen treten 
nach diesen Worten wieder vor den König und verneigen sich tief. Der König 
fährt fort: „In Bethlehem soll ein neuer König geboren sein. Doch eher geht die 
Sonne dort auf, wo sie untergeht, ehe dieser mich um meinen Thron bringt. — 
Geht eilends nach Bethlehem und tötet deshalb alle kleinen Kinder; doch meinem 
dort weilenden Sohne fügt kein Leid zu!" — „Dir, o mächtiger König, schulden 
wir Tribut. Dir gehört unser ganzes Herz," geloben die Soldaten und treten 
hinter den Vorhang, wo nun lautes Jammern und Wehklagen ertönt. 

Sobald die Lamentationen verstummt sind, erscheinen die Soldaten wieder 
mit einem kleinen aus einer Rübe oder Wruke geschnitzten Kopfe, der auf einem 
Schwerte steckt, und zeigen ihn dem Könige mit den Worten: „Siehe, was deinem 
Sohne widerfahren ist." — „Wie, das ist der Kopf meines Kindes?" fragt Herodes 
und wendet sich entsetzt ab. „Er ists. In Bethlehem hat er ihn verloren," ver- 
sichern die Soldaten. Den König ergreift bitteres Weh. Er bricht in Weinen und 
Jammern aus, schlägt die Hände über dem Kopfe zusammen, erhebt sich vom 
Stuhle und klagt sich des verübten Unrechts an: „Ach, was hab" ich getan! Weh 
mir! Die unschuldigen Kindlein habe ich töten lassen und dabei den Erben meines 
Thrones verloren, Ich sehe das Unglück kommen. Das Kind von Bethlehem wird 
einst über das ganze Judenreich herrschen. Meine Seele muss der schweren Last 
erliegen, und ich vergehe vor Pein." 

Kaum sind diese Klagen beendet, so beginnt leise hinter dem Vorhange der 

Gesang: 

„0 Herodes, o Herodes, 
Ein groß Leid ist dir geschehn. 
Deinem Sohne, deinem Sohne 
Den Kopf man abgeschnitten hat." 

Mit weisser Larve auf dem Gesichte und mit einem langen weissen Hemde 
bekleidet, erscheint jetzt, klirrende Ketten um die Hüften gelegt, der Tod. Seine 
dürre Hand wetzt ununterbrochen die auf der Schulter ruhende Sense, und er 



206 Mankowski, Bolte, Lehmann-Filhes: 

redet den König an: ^Endlich habe ich dich, den ich drei Jahre vergebens ge- 
sucht. Frech warst du allezeit und hast sogar gegen Gott deine ruchlose Hand 
erhoben. Willst du auch gegen mich kämpfen? Auf, messen wir unsere Kräfte! 
Wer unterliegt, soll sterben!" Ehe Herodes recht die Lage begreift, fährt die 
Sense durch die Luft, und das Haupt fällt scheinbar unter dem wuchtigen Streiche. 
Die Soldaten lassen die gekreuzten Schwerter sinken, entfernen Krone und Zepter 
und treten damit hinter die Kulisse. 

In demselben Augenblicke gesellt sich zum Tode der Teufel. Er ist nacht- 
schwarz gekleidet und trägt auf seiner hohen Kopfbedeckung mächtige Hörner. 
Mit grinsenden Blicken umfängt er den Tod, schlägt tüchtig mit dem Kuhschwanze 
um sich, stellt sich dann mit eineiu bezeichnenden Sprunge vor den Tod und lässt 
ihn an: „Was hast du getan? Du hast aus der Welt den Herodes genommen, der 
uns viele Jahre treu diente. Was fange ich nun mit ihm an? Teilen wir uns die 
Beute! Du nimm den Leib; ich aber nehme die Seele." Der Tod ist damit ein- 
verstanden und schleppt die Leiche hinter den Vorhang. 

Der Teufel aber versucht die Zuschauer zu schlagen und stossen und fordert 
sie drohend auf: „Geld her! Geld! Sonst jag' ich euch lebendig in die Hölle." 
Da bleibt nun nichts übrig, als den armen Teufel durch eine Geldgabe oder eine 
Spende an Wurst und dergleichen zu begütigen. Die Darsteller stellen sich wieder 
in einer Reihe auf und beginnen ein Weihnachtslied zu singen; dann machen sie 
eine letzte Verbeugung und entfernen sich. 

Das Herodesspiel soll den Darstellern zuweilen recht ansehnliche Neben- 
einnahmen verschaffen, so dass findige Köpfe es auf möglichst viel Häuser aus- 
dehnen. Die Polizei erblickt aber neuerdings in dem Spiele so eine Art kleinen 
Unfug und schrickt weder vor Tod noch Teufel zurück, und da gilt es denn bei 
den Spitzern, ein wenig auf der Hut zu sein. 

Danzig. Herrmann Manko wski. 



Zum Lobspruch auf die deutschen Städte. 

Unter dem Titel 'Was einer in den landen erfert, so er wandert' hat Karl 
Euling soeben in den von der Berliner Akademie der Wissenschaften heraus- 
gegebenen Deutschen Texten des Mittelalters 14, 93 nr. 557 eine mehrfach ab- 
weichende Fassung des oben 18, 3(iO mitgeteilten Lobspruches auf die deutschen 
Städte veröffentlicht, die sich in der zu Ende des 15. Jahrhunderts in Nürnberg 
entstandenen Wolfenbüttler Sammelhandschrift 2. 4. Aug. 2« befindet. Es fehlen 
darin, um von anderm zu schweigen, die Verse 1—4, 21 f., 42 f.; V. 57—63 steht 
hinter 68; auf V. 78 folgen zwei neue Zeilen (so ist verspilt pald was er hat, man 
zeucht jm ab sein peste wat); in V. 48 steht Merspurgk für ^Yeissenburg, V. 57 
Zu Kitzing sind die grosten schwur. In seinem Programm 'Über Sprache und 
Verskunst Heinrich Kaufringers' (Lingen 1892 S. 4) hatte Herr Dr. Euling, dem 
ich für die liebenswürdige Übersendung seiner neuen Publikation herzlichen Dank 
ausspreche, bereits auf die Hamburger und Nürnberger Hs., sowie auf die Val. 
Holls (Keller-Sievers, Verzeichnis ad. Hss. S. 108) hingewiesen. 

Zu dem in V. 11 der Augsburger Sprache erteilten Lobe vergleicht Euling 
Karajan, Über den Teichner 1855 S. 148 und Socin, Schriftsprache und Dialekte 
1888 S. 76. 177. 

Über das in V. 70 erwähnte goldene Rad der Mönche zu Fulda haben, 
wie mich Prof. Edward Schröder in Göttingen freundlich belehrt, Athanasius 



Kleine Mitteilungen. 207 

Kircher (Musurgia universalis 16.30 2, 338 tab. 20) und Geh. Baurat HoCfmann in 
den Fuldaer Geschichtsblättern o, 1 — 9 (1904) ausführlich gehandelt. Es war ein 
grosser, 24 Puss im Durchmesser haltender metallener Stern mit 14 Strahlen, den 
der Abt Johann I. von Merlau 1415 hatte anfertigen und in der Kuppel des Domes 
aufhängen lassen. Strahlen und Achse waren mit 350 Glöckchen besetzt, deren 
Klang, wenn der Stern vom Dachboden aus in Umdrehung versetzt wurde, die 
Orgel und den Gesang angenehm begleitete. 1781 stürzte das Rad, da ein Tau 
riss, während des Pfingstgottesdienstes herab und ward nicht wieder aufgehängt, 
sondern eingeschmolzen. 

Ich füge noch einen kleinen Nachtrag zu der Aufzählung der Länderspiegel 
oben 18, 300 hinzu: Bebel, Pacetiae 1, 9 (dazu Wesselski in seiner Verdeutschung 
1, 123); Eschenburg, Denkmäler ad. Dichtkunst 1799 S. 417; H. Sachs, Fabeln 
und Schwanke 2, 420 nr. 321; Ditfurth, Volks- und Gesellschaftslieder des 17. und 
18. Jahrhunderts 1872 S. 258 'In frömde Land wollen wir reisen'; Liebrecht zu 
Basiles Pentamerone 2, 115 (lS4li) und Dunlops Geschichte der Prosadichtung 1851 
S. 516a. Jungbauer, Volksdichtung im Böhmerwald 1908 S. 197. Blümml, Bei- 
träge z;ur d. Volksdichtung 1908 S. 14. Kahle, Ortsneckereien aus dem badischen 
Unterland (Preiburg i. B. 1908); van Moerkerken, De satire in de nederlandsche 
kunst der middeleeuvven 1904 S. 80 f. 

Berlin. J. Bolte. 



Isländische Bezeichnungen für die Himmelsgegenden. 

Dass die Urahnen der heutigen Bewohner Islands von Norwegen herüber- 
gekommen sind, ist eine bekannte, durch schriftliche Überlieferungen verbürgte 
Tatsache und braucht nicht erst bewiesen zu werden. Sollte aber ein solcher 
Beweis gefordert werden, so würden vier in der isländischen Sprache vor- 
kommende Ausdrücke genügen, ihn uns zu liefern; es sind die AVörter: ütnorc)ur 
(= Aussennord) für Nordwest, ütsudur (= Aussensüd) für Südwest, landnor.iur 
(= Landnord) für Nordost, landsuilur (= Landsüd) für Südost. Die Namen der 
AVinde aus den betreffenden Richtungen sind davon abgeleitet und laulen: 
ütnyrdingur (Nordwestwind), ütsynningur (Südwestwind), landnyrOingur (Nordost- 
wind), landsynningur (Südostwind) (Erik Jonsson, Oldnordisk Ordbog). Diese Aus- 
drücke passen in die Redeweise eines Landes, das, wie Norwegen, im Westen 
das offene Meer'), im Osten aber nur Land hat. In Island jedoch, das rings vom 
Meere umflossen ist, haben sie nur an der Westküste und an wenigen anderen 
kleineren Küstenstrecken ihre Berechtigung, können also daselbst nicht entstanden 
sein. Da sie nun trotzdem, wenigstens vom Volke, gleichmässig auf ganz Island 
gebraucht werden, müssen sie wohl mit der Sprache zugleich eingewandert sein. 
Die Gebildeten sagen allerdings schon lange: norDvestur, suövestur, norflaustur, 
surJaustur. 

Berlin. Margarete Lehmann-Filhes. 



1) Man sagt: 'Dr aussen auf dem Meere', 'Auf das Meer hinaus fahren" usw. 



)Q3 Brückner: 



Bericlite und Büclieranzeigen. 



Neuere Arbeiten zur slawischen Yolkskunde. 

i. Polnisch und Böhmisch. 

Wenn unser Jahresbericht diesmal knapper ausfällt, liegt dies nicht zum 
geringsten Teil an den grossen Lücken, die in den beiden letzten Jahren der Tod 
in die Keihen der Forscher gerissen hat, deren Namen bisher stets hier anzuführen 
waren; wir verloren so den Ethnographen H. -Lopacinski, den ^Rechtshistoriker 
und Heraldiker Fr. Piekosinski, die Historiker K. Potkaiiski und A. Hirsch- 
berg, den Sammler M. Bersohn, den bekannten Breslauer Slawisten Wl. Nehring, 
der auch um die schlesische Volkskunde wohl verdient war, den Bibliographen 
K. Estreicher, der sein Monumentalwerk verwaist hinterlassen hat. Auch Böhmen 
hat Verluste zu verzeichnen, z. B. VI. Tomek, der ebenso seine monumentale 
Geschichte Prags mit dem 12. Bande nur bis 1608 hat fördern können, oder Ant. 
Truhlaf, der Herausgeber des Äsop und Erforscher des Humanismus in Böhmen 
(siehe unten), doch reichen diese Verluste an die polnischen nicht heran. 

Weniger wurden von diesen Verlusten die periodischen Publikationen be- 
troffen. Von diesen sei zuerst genannt der neue 10. Band der Materjaly antropo- 
logiczno-archeologiczne i etnograftczne, herausgegeben von der anthropologischen 
Kommission der Krakauer Akademie der Wiss. (Krakau 190S. XllI, 178 und 344 S. 
80 und 35 Tafeln). Der erste Teil enthält Berichte über Gräberfunde aus ver- 
schiedenen Gegenden, im Lida'schen (Gouv. Wilno), im Königreich Polen, aus dem 
Burgwall von Stradow (Gouv. Kielce) u. a., sowie Beiträge zur Anthropologie von 
Christen- und Judenkindern in der Ukraine von dem Arzt J. Talko-Hrjmcewicz, 
einem bekannten und verdienten Forscher. Bei dieser Gelegenheit sei besonders 
hingewiesen auf die Ausgrabungen des Archäologen K. Hadaczek in Galizien am 
Dniestr, zumal in Koszylowce, wo 1906 zufällig eine neolithische Ansiedlung ge- 
funden wurde; planmässiges Graben förderte aus einer 30 m langen und 20 m 
breiten Hausstätte neben zahlreichen Steinwerkzeugen eine Anzahl von Terrakotta- 
figürchen, Idolen, Stier- und Widderbildern: die älteren Idole haben die Beine 
noch in einem Stücke, die jüngeren trennen sie bereits; es ergeben sich Be- 
rührungen mit der vormykenischen Epoche und Kultur; auf den Trümmern dieser 
vorhistorischen Niederlassung entstand eine slawische im zehnten nachchristlichen 
Jahrhundert. Der zweite Teil des Bandes enthält ethnographisches Material, 
besonders reichhaltig das von A. Saloni über das Volk im Rzeszovvischen, wo 
sich Polen und Kleinrusscn berühren; über Sprache (Glossar), Bräuche (besonders 
genau die Hochzeitsbräuche mit ihren Liedern), Aberglauben, Märchen und 
Schwanke (von denen sich einige fast wörtlich in der älteren Literatur, bei 
W. Potocki und M. Rej, wiederfinden), Spiele endlich (auch ein Krippen- und 
Herodesspiel). Von einem alten 'Zauberer' aus Rzachowa in Westgalizien teilt 
Fr. Paweiek dessen Praktiken mit, als Abschrift seines Büchleins mit 'Rezepten' 
aller Art. Einen Beitrag zur Geschichte der Verbreitung des Volksliedes liefert 
Frau H. Windakiewicz, ein Verzeichnis polnisch-mährischer Volkslieder, d. h. 
es werden 145 Volkslieder jeglichen Inhaltes aufgeführt, die, natürlich bis auf 



Berichte und Bücheranzeigen. 20U 

die Sprache gleichmässig in Polen wie Mähren wiederkehren, doch sind die 
böhmischen Angaben unvollständig, weil Zibrts Bibliographie des böhmischen 
Volksliedes (18'J5) nicht berücksichtigt ist. Der neueste Band der Jahrbücher der 
Posener Gesellschaft der Freunde der Wissenschaften (Roczniki usw.. Band 34, 
Posen 1908. 407 S. gr. 8") enthält einen Ausgrabungsbericht aus einer der be- 
rühmten Höhlen von Ojcow, ausserdem Plan und Zeichnungen einer alten Kirche 
bei Borek, doch entfällt sein Hauptteil auf Literaturgeschichte, Philologie (Beiträge 
zum mittelalterlichen Wortschatz des Polnischen) und Kunst (über den posenschen 
Maler Sarnecki). 

Von den Schriften der Gesellschaft der Wissenschaften in Thorn sind der 
Rocznik (Jahrbuch), Bd. 15, Thorn 1008, 2o7 S. und Pontes, Bd. 12, S. XXXH und 
193—384^ erschienen. Im Jahrbuch sei besonders die musterhaft genaue, kritische 
Bibliographie aller auf Westpreussen bezüglichen Arbeiten hervorgehoben, die sich 
allerdings nicht auf die Provinzforschung beschränkt, sondern vielfach weit ausholt. 
Die Pontes fahren fort im Abdruck lateinischer Kirchenvisitationen des 17. Jahr- 
hunderts, die für die Lokalgeschichte, aber auch für Kultur- und Nationalitäts- 
verhältnisse schätzbares Material enthalten, deutsche Urkunden des 15., polnische 
Inventare des 17. u. ä. bieten. Von den Abhandlungen ist die gehaltvollste die 
des verdienten Provinzhistorikers St. Kujot über die widerrechtliche Besitz- 
ergreifung Danzigs durch den Orden 1308; auch die archäologischen Beiträge von 
K. Chmielecki seien erwähnt, die die Seltenheit und Wichtigkeit neolithischer 
Funde in der Provinz erklären. Ausserdem gibt die Gesellschaft jetzt kleine, 
zwanglose Hefte heraus (Zapiski Towarzystwa Naukowego w Toruniu), die für 
kleinere Mitteilungen bestimmt sind, aus Adels- und Kirchengeschichte der Provinz, 
über mundartliche Varietäten, Bücheranzeigen u. dgl. Von diesen 'Zapiski' sind 
bisher fünf Nummern erschienen; ihr interessantester Beitrag gehört der be- 
währten Feder von St. Kujot an, der die Märchen der preussischcn Chronik des 
Dusburg widerlegt, darunter das bekannte, bis auf die neueste Zeit hartnäckig von 
Forschern wie Perlbach und Lohmeyer (Geschichte von Ost- und Westpreussen '^ 
lOOS, S. 7<i) wiederholte, wie nämlich der Fürst von Masovien seinen Gästen 
heimlich Gewänderund Pferde nehmen lassen musste, um sie den Tribut heischenden 
Preussen auszuliefern: es ist interessant zu sehen, wie dieses Märchen entstanden 
ist, als Beitrag zur Geschichte von Überlieferungen überhaupt, handelte es sich 
doch nur um eine gewaltsame Pferdeaushebung zu Zwecken von 'Reisen' gegen 
die Preussen. Einem Bericht über den ältesten preussischcn katholischen Kirchen- 
lieder- (und Katechismus-) Druck (Thorn 1696, schon Neudruck!) entnehmen wir 
die Angabe, dass Katholiken gerade durch den polnischen Gemeindegesang (ihre 
Kirche kannte ja nur den lateinischen) zum Abfall vom Glauben bewogen wurden. 

Der Adelsgeschichte selbst wird jetzt gerade von polnischen Forschern grosses 
Interesse zugewandt: es zeigte sich, welch weittragende Folgerungen für ur- 
sprüngliche Besiedelung und Aufteilung des Landes unter die einzelnen Geschlechter 
noch zu ziehen bleiben. Namentlich hat sich ein jüngerer Forscher, Dr. W^l. Semko- 
wicz, dieser Arbeit unterzogen und in mehreren Abhandlungen eine Reihe von 
Tatsachen festgestellt über die Verbreitung der Adelssippe der 'Paluki'; der- 
gleichen polnische Sippenrufe, proclamationes, meist topographische oder Personen- 
namen, sind ungleich älter als die Wappen selbst; sie erinnern an die Klansrufe 
bei den Schotten. In den Abhandlungen der Krak. Akad., Histor. Kl., Bd. 51), 
handelt Semkowicz über die Herkunft dieser Sippe (von einem Bruder des h. 
Adalbert) und über deren spätere Wandlungen (Aufgehen in andere Sippen). Noch 
interessanter sind seine Ausführungen über den polnischen Kriegsadel der sog. 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1909. 14 



9 IQ Brückner: 

wlodyki (milites, vojnik bei den Südslawen, bei den Böhmen auch panosa, 
ein Name, gebildet wie der Mannesname Ljubosa, d.i. die angebliche Libussa!), 
einer gegenüber dem Herrnadel untergeordneten Klasse (wie der squirio = squire, 
ecuyer usw.), deren Entstehung und Verbreitung (Rwartalnik historyczny 22 [1908] 
S. ÖGI— G;!9). Dr. Semkowicz gibt auch eine diesen wie genealogischen Fragen 
gewidmete Monatsschrift heraus, den Miesi§cznik heraldyczny, von der eben der 
erste Halbband (seit Juli 1908 in Lemberg) abgeschlossen wurde; im ersten Heft 
des neuen Jahrganges (Lemberg 19Ult) finden wir eine interessante Notiz von 
Prof. St. Zakrzewski. Bekanntlich ist, von Piekosinski, den polnischen Wappen- 
zeichen Runenursprung (ältere nordische Runen durch Vermittlung der Eibslawen) 
zugeschrieben worden, in einer sehr sinnreichen und auf den ersten Blick be- 
stechenden Hypothese; Zakrzewski macht nun, wie schon andere vor ihm, von 
neuem darauf aufmerksam, wie Eigentumszeichen, 'Gemerke', aus den verschiedensten 
Gegenden, z. B. die Pferdemarken der Caboclos in Parana, di^e Haus- und Hof- 
marken aus Piemont und Tessin (mitgeteilt bei Schröter und Rikli, Botanische 
Exkursionen ins Bedretto-Formazra- und Bosco-Tal, S. 343 und 365), sogar die 
handschriftlich 1.360 aus Borek bei Rrakau aufgezeichneten Caracteres quibus pini 
inter dominos distribuendi signantur, an die polnischen Wappenzeichen erinnern, 
die daher kaum aus dem Nordischen herzuleiten sind. 

An die Posener und Thorner Publikationen knüpfen wir Arbeiten über das 
Kasc hubische an. Es konstituierte sich im Laufe des Jahres 1907 ein be- 
sonderer volkskundi icher Verein, der seit 1908 (bei Harrassowitz in Leipzig) 
'Mitteilungen des Vereins für kaschubische Volkskunde' (unter der kundigen 
Redaktion von Dr. Lorentz) herausgibt; da sie in deutscher Sprache erscheinen, 
genügt hier wohl diese Verweisung; erwähnt sei nur, dass sie neben genauen 
volkskundlichen Aufzeichnungen (über Glaube und Aberglaube, Rätsel, Lieder mit 
Melodien u. dgl.), Genealogisches (z. B. über die kaschubische Adelsfamilie 
Dombrowski) und namentlich auch historische und sprachliche Erörterungen der 
Stamm- und Ortsnamen, Slovinzen, Kaschuben, Kabatken usw., Putzig u. a., ent- 
halten. Dagegen befassen sich die 'Mitteilungen der literarischen Gesellschaft 
Masovia' (12. und 13. Heft, 1907 und 1908) nicht mit Geschichte noch Volkskunde 
derMasuren. Eine polnisch-kaschubische Zeitschrift 'Gryf ist von Dr. Majkowski 
in Koscierzyna neu gegründet worden; sie bringt belletristisches und volkstümliches 
Material. 

Von wissenschaftlichen Publikationen sind zu nennen Dr. F. Lorentz, 
Slovinzisches Wörterbuch, das als Ergänzung zu desselben Verf. 'Slovinzischer 
Grammatik' und 'Texten' (alles von der Petersburger Akademie in deutscher 
Sprache herausgegeben), den gesamten Sprachvorrat dieser letzten Mohikaner des 
Slaventums in Pommern fixiert hat. Freilich täuscht der äussere Umfang des 
stattlichen Halbbandes (A— 0, 1908) über den Inhalt, bei dem splendiden Druck 
und bei der eigentlich ganz überflüssigen Aufzählung aller modernen Fremdwörter; 
der Titel führt übrigens irre; es gibt nämlich keine slovinzische 'Sprache', nur 
eine in wenigen Dörfern gesprochenen Varietät; am gesuchtesten jedoch ist die 
Transkription mit einer Unmasse von Zeichen -Hieroglyphen, die die Worte wie 
mit Stacheldraht vor jeder leichteren Verständlichkeit bewahren sollen; ein Buch 
von massigem Umfang und in polnischer Rechtschreibung (mit einigen Zusätzen 
am Alphabet) würde dasselbe vielleicht besser leisten. Als Seitenstück dazu kann 
gelten die treffliche, durch ihre Genauigkeit und Vollständigkeit ausgezeichnete 
Ausgabe von Dr. P. Rost, Die Sprachreste der Draw^eno-Poiaben im Hannoverschen, 
Leipzig 1907, die den Wort- und Ortsnamenschatz des einstigen hannoverschen 



Bericlite und Bücheranzeigoii. 211 

'Wendlandes' (um Lüchow usw.) erschöpft: eigentlich sind es keine 'Polaben', 
denn sie wohnten nicht 'an' der Elbe, sondern 'Salaben', weil sie jenseits des 
Stromes seit Jahrhunderten sassen, doch hält man an dem falschen Namen fest. 

In die Reihe der Städte mit gelehrten Gesellschaften tritt nach fast achtzig- 
Jahren unfreiwilliger, durch die Ereignisse von Ls31 und 1863 erzwungener Pause, 
Wilno von neuem ein, anknüpfend an die Traditionen seiner einstigen, gefeierten 
Universität, zu deren Lehrern die Brüder Sniadecki, zu deren Schülern Mickiewicz 
und Siowacki gehörten. 1!I08 brachte den ersten Jahresbericht seiner gelehrten 
Gesellschaft (Rocznik Towarzystwa Przyjaciol Nauk w Wilnie, Wilno 1M08. 187 S.). 
Uns interessieren zwei Beiträge. L. Czarkowski gibt einen ethnographischen 
Abriss des Bielsker Kreises (Gouvernement Grodno, nördlich des Bug). Das Land 
ist, wie Masuren in Preussen, Neuland, d. h. erst seit dem Ausgange des 13. Jahr- 
hunderts durch Polen und Russen (zum Teil promiscue) auf altem jatvingischen 
(sudauischen, d. i. urlitauischen) Boden kolonisiert. Erinnerungen an die Ur- 
einwohner sind fast nicht mehr vorhanden, nur der Boden bewahrt jatvingische 
Gräber, die der Erforschung noch harren, aber nach den wenigen gemachten 
Proben zu urteilen, geringe Ausbeute versprechen. Das grösste Gräberfeld (noch 
unberührt, einen ganzen Morgen Landes bedeckend), liegt bei dem Dorfe Zale 
nördlich vom Bug — ich füge hinzu, dass das altslawische zale gerade 'Gräber' 
bedeutet; ein kleineres bei Pobikry, dessen Name vielleicht auch bezeichnend 
ist, heisst er doch wörtlich 'Schlachte die Kühe'. Die Aufzeichnungen des Verf., 
die sich auch auf Sprache, namentlich des polnischen Teiles, soziale Verhältnisse 
jeglicher Art, statistische Angaben, Ortsnamenaufzählung iisw. beziehen, beruhen 
auf langjähriger Vertrautheit mit dem Volke und machen den zuverlässigsten 
Eindruck. So treten die ethnographischen Verhältnisse des alten Podlachien 
(der Bielsker Kreis ist nur dessen Verkleinerung) hell in unseren Gesichtskreis. Die 
anderen Beiträge, von dem Sammler M. Brensztejn, beschreiben alte Musik- 
instrumente der Litauer, namentlich die skuduczei (aus acht oder fünf Pfeifen 
zusammengestellt), und die kankliai, das uralte Saiteninstrument, sowie die 
Gesichtsmasken, licina, die heute bereits ungebräuchlich, früher bei den Jahres- 
festen nicht fehlten; es vermummten sich jedoch nur Männer und nur in männ- 
liche Masken (Zigeuner, Bettler, Jude u. ä.). 

Die von Prof. T. Wierzbowski herausgegebene Bibliothek vergessener Prosa 
und Poesie des Ui. bis 18. Jahrhunderts, die vielfach höchst interessantes volks- 
kundliches Material brachte, ist mit dem -25. Heft eingestellt worden, da Wierzbowski 
durch die Herausgabe der Regesten der alten königlichen 'Matrikel' Polens für 
Jahre völlig gebunden ist. Die von der Krakauer Akademie besorgte 'Bibliothek 
polnischer Schriftsteller hat in den letzten zwei Jahren nichts von sich verlauten 
lassen. Dagegen wird in Warschau neues geplant; aus den reichen Beständen 
dergräfl.Krasiiiskischen Bibliothek gibt ihr Bibliothekar, Fr. Putaski, Collectanea 
heraus, deren erstes Heft (Warschau 1908, 78 S.) ein Unicum abdruckt, den in 
Brzesc litewski 1553, in der Druckerei des Fürsten Radziwil erschienenen 
protestantischen Katechismus, der mit keinem bekannten ganz übereinstimmt, da 
er in den lutherischen Grund calvinische Elemente hereinträgt; die genaue Ein- 
leitung bringt auch Nachricht über zwei andere Unica derselben Druckerei und 
Zeit, Übersetzungen der Formulae caute loquendi des U. Rhegius (König) und 
des Summarium decem praeceptorum des Chr. Imlerus Hadamarius. Die Aus- 
stattung des Abdruckes ist eine gediegene — leider stellt der frische Tod des 
kunstsinnigen und opferwilligen Magnaten, Graf Adam Rrasniski, mit dem das 

14* 



212 Brückner: 

Geschlecht des bekannten Dichters Zygmunt Krasinski ausstarb, die Fortführung- 
auch dieses Unternehmens in Frage. 

Der Lembergcr 'Lud' in seinem 14. Jahrgang (407 S.) unter der kundigen 
und eifrigen Redaktion von Sz. Matusiak bringt aus der Boeder des Heraus- 
gebers selbst reiche Beiträge zur polnischen Mythologie; speziell der Bericht des 
Annalisten Dtugosz (Longinus) über heidnischen Glauben wird eingehend erörtert, 
doch lassen sich Zweifel an der Richtigkeit der vorgeschlagenen Deutungen 
etymologischer Art ebensowenig unterdrücken wie die Zweifel an der Verlässlichkeit 
der Quelle selbst, ob ihr denn wirklich, noch um die Mitte des lö. Jahrhunderts, 
'eine einwandsfreie Kunde des alten Heidenturas zugesprochen werden kann. Prof. 
Fr. Krcek setzt seine genauen und fruchtbaren Beiträge zum Sprichwörterbuch 
Adalbergs fort; sonst ist besonders der dialektologische Beitrag von Pracki über 
den Slesiner Dialekt (aus Kujavien) bemerkenswert, wegen der Fülle der sachlichen 
Erklärungen (zumal aus dem Fischergewerbe), und der Text des Krippenspiels aus 
Radtow von Fr. Paweiek, Rätsel, Märchen, Lieder u. a. In Teschen erscheint 
eine für die polnischen Schlesier bestimmte Zeitschrift, Zaranie islaskie, kwartalnik 
literacki (1. 1908, 'Morgenzeit' etwa), die auch Volkskundliches, Texte, Bräuche 
u. dgl. bringt; ein besonderes Heft schlesischer Volkslieder ist daraus erschienen 
(Piesni ludu polskiego na Slasku 1, Teschen 1908). 

Von selbständigen Arbeiten wäre zu nennen Dr. Mich. Zmigrodzki, Lud 
polski i Rusi w-srod Stowian i Arjow (Polen und Russen unter Slawen und 
Ariern): obrzgdy weselne (Hochzeitsbräuche), Krakau 1907, 12 und 355 S. Es ist 
dies eine fleissige, verdienstliche Zusammenstellung des einschlägigen ethno- 
graphischen Materials, also z. B. das böhmische allein nimmt S. 177—223 ein, 
doch ist gerade das polnische nicht abgesondert, sondern promiscue mit dem 
russischen verarbeitet; trotz der Beschränkung auf Arier ist das esthnische heran- 
gezogen, während germanisches und romanisches wenig berücksichtigt wird. Der 
Verf. hält die Arier hoch in Ehren, bestreitet ihre Wildheit, die er auf fremde 
ethnische Elemente zurückführen möchte, und erklärt sich daher auch gegen Kauf- 
und Raubehe. Von dem um Popularisierung der Ethnographie hochverdienten 
Z. G loger ist 'Rok Polski' (Das Jahr in Lied, Überlieferung und Brauch) in 
zweiter Auflage erschienen (Warschau 1908. 406 S.). 

Besonders reich an ethnologischen Arbeiten ist der neueste Band der 'Rozprawy* 
(Abhandlungen) der Krakauer Akademie, philologische Klasse (Bd. 45, Krakau 1909. 
358 S.); ich führe sie in umgekehrter Folge (gemäss ihrer Wichtigkeit für unsere 
Zwecke) an. Prof. T. Sinko behandelt einen ganz vergessenen 'Dichter' aus der 
Sachsenzeit, den Posener Wojewoden Ponii'iski, der in seinen lateinischen Satiren 
als ein Vorläufer von Rousseau (und der Rückkehr zur Natur) bezeichnet werden 
könnte. F'rau Regina Liliental, eine ausgezeichnete Kennerin jüdischer Volks- 
kunde (wir nannten von ihr schon in früheren Berichten einschlägige Beiträge), 
beschreibt 'jüdische Feste in Vergangenheit und Gegenwart' (mit '20 Tafeln). Sie 
macht mit Recht darauf aufmerksam, dass es hohe Zeit ist, diese jüdischen Bräuche 
zu sammeln; sind sie doch, zumal in grösseren Städten, dem Untergange geweiht; 
sie haben sich überhaupt in alter Fülle nur bei den Ashkenazim, der deutsch- 
polnischen Judenschaft, nicht bei den vorgeschrittenen Sephardim, den romanischen, 
erhalten, also besonders in Galizien und Russisch -Polen, wo der 'Schulchan 
Aruch' (gedeckter Tisch) mit dem Kommentar des Krakauer Rabbiners Isserless 
(1(). Jahrhundert) und des Lembergers Halevy (17. Jahrhundert) noch voll beobachtet 
wird. In diesem ersten Teil ihrer Arbeit behandelt sie die drei Jahresfeste, rein 
bäuerlichen Ursprunges, die später willkürlich auf den Auszug aus Ägypten und 



Berichte und Büclieranzeigen. 213 

das Leben in der Wüste bezogen wurden, Pesach, das Prühlingsfest, Schabuoth, 
das Erntefest und Sukoth (Laubhüttenfest, vor dem Eintritt der Regenperiode, die 
den Feldarbeiten das Ziel setzt), mit allen Einzelheiten des Kultes und deren 
Bedeutung. W. Klinger bespricht die Rolle des Eies im Volksaberglaubcn bei 
uns und im Altertum. In der Jagd nach ethnographischen Parallelen verliert man 
sich gern unter Buschmänner und Polynesier und beachtet zu wenig das Ältere und 
Verwandtere, die klassischen Überlieferungen. In deren systematischer Heranziehung, 
wie dies einst bei Mannhardt der Fall war, liegt die Stärke auch von Klingers 
Arbeit. Er macht aufmerksam auf die Bedeutung des Eies im Totenkult und 
als Reinigungsmittel und verknüpft damit die Bedeutung des Ostereies, dessen 
'geweihter' Charakter als ganz sekundärer, zufälliger zur Seite tritt, dessen allegorische 
Ausdeutung ('Sinnbild des neu beginnenden Naturlebens': Wuttke-Meyer, Deutscher 
Volksaberglauben 1900 S. 118) als etwas Späteres, Missverständliches hingestellt 
wird; es fiel ja die Osterwoche mit dem Frühlingstotenfest zusammen, und nur in 
diesem Zusammenhange hatte das Ei seine Bedeutung erhalten, im Reinigungs- 
ritual, das vom klassischen Altertum auf die moderne Welt übertragen wurde. 

Die ausführlichste Arbeit ist die erste, 'Amor und Psyche in den Märchen', 
aus dem Nachlass des Krakauer Romanisten M. Kawczyiiski (S. 1 — 161). Schon 
im vorigen Bericht ward auf diese weitgreifenden Untersuchungen, die dem 
Märchen des Apuleius eine ausschlaggebende Bedeutung für mittelalterliche Romane 
wie für die moderne Volksüberlieferung zuschreiben, aufmerksam gemacht. Diesmal 
analysierte Kawczyiiski zuerst die auf dieses Thema zu beziehenden Märchen (bei 
Straparola, Basile, Perrault, Grimm, Vuk, Glinski, B. Schmidt, griechische Märchen, 
Tausend und eine Nacht — also eine beschränkte Zahl von Quellen, doch werden 
auch noch manche anderen berücksichtigt), dann die Theorien über den Ursprung 
dieses Märchens, seine Ausdeutung durch Grimm ('Bannung ins Irdische und 
Erlösung durch Liebe') und Andrew Lang (ursprüngliche 'Eheverbote'), der etwas 
ganz Äusserliches, Zufälliges, eine blosse Arabeske, zum Hauptträger macht, worauf 
Cosquins und Bediers Ansichten der schärfsten Kritik unterworfen werden. Der 
Verf. bleibt bei seiner Aufstellung: Apuleius hat in platonischem Geist und 
mythischem Stil die Märchen-Parabel von der Seele, die unter dem Schutze der 
Liebe nach Vollkommenheit erfolgreich ringt, selbst erfunden; sein Märchen hat 
dann die Wanderung durch die Weltliteratur, die schriftliche wie mündliche, an- 
getreten. Freilich können die Grundanschauungen des Verf. ohne weiteres be- 
stritten werden; gilt ihm doch die erstmalige Aufzeichnung für das Ursprüngliche, 
d. h. weil vor Apuleius das Märchen nicht überliefert wird, muss es erst von ihm 
stammen oder weil die deutschen Aufzeichnungen dem 18. Jahrhundert (Musäus) 
angehören, sind sie nicht älter und können auf Basiles Pentamerone bezogen 
werden, der ja in Übersetzungen bekannt war. Ja, wenn es ausser dem Amor- 
Psyche-Stoffe keine anderen A^'olksmärchen gäbe! Gegenüber dieser Einseitigkeit 
des Verf. erübrigt sich eigentlich eine Kritik auch dort, wo ihm der Nachweis 
gelingen sollte, dass das bei Apuleius Zweckmässige und Verständliche in der 
Überlieferung nur vergröbert und entstellt wird. Da eben Bediers Erwähnung 
geschah, sei hier einer anderen Polemik gegen dessen 'Agnostizismus' besonders 
gedacht. Der Petersburger Orientalist, Serg. Oldenburg, hat im Zurnal des russ. 
Minister, f. Volksaufklärung 1906, 5 und 1907, 7 über 'Fabliaux orientalischen Ur- 
sprunges' gehandelt, über Auberee und Constant du Hamel: er weist die Unrichtig- 
keiten der Bedierschen Schematisierung (Einbezug von gleichgültigen Neben- 
umständen in die konstitutionellen Elemente) und die Nichtbeachtung der orien- 
talischen Versionen nach; wo z. B. Bedier nur eine zu nennen wusste, gibt Olden- 



•214 



Brückner: 



bürg 15. Seine prinzipiellen Auseinandersetzungen (auch darüber, wie den Orien- 
talen der Gang der Handlung selbst, den Abendländer die Art der Darstellung 
anzieht) sind sehr beachtenswert. 

Aus den Sitzungsberichten der Akademie (März und Mai 1908) seien zwei 
längere Voranzeigen (Resumes) von Arbeiten des Prof. J. Rostafii'iski genannt, 
weil diese selbst erst nach Jahren veröffentlicht werden und wir somit vorläufig 
auf die Resumes angewiesen sind; da sie auch in französischer Sprache aus- 
gegeben wurden, kann ich mich kürzer fassen. Die eine Arbeit handelt über die 
'ürsitze unh Urwirtschaft der Slawen in vorhistorischen Zeiten'; die andere über 
die polnische ürsage von Popiel, Piast usw\ unter dem Titel 'Aus der Geschichte 
des vorhistorischen Polens'. Der Verf., von Haus aus Botaniker, hat sich seit 
Dezennien mit der Geschichte der Kulturpflanzen vor allem beschäftigt, so er- 
läuterte er noch ISSf) das Capitulare de villis Karls des Gr. (über Gartenbau u. ä.), 
und im Verfolge dieser wie anderer Untersuchungen ergaben sich ihm neue 
Momente für die Urgeschichte der Slawen und Polen Er tritt für die asiatische 
Urheimat der Arier, natürlich nicht 'auf dem Pamirplateau noch in Kleinasien, ein, 
sondern in der Gegend des Urals etwa, indem er alle Folgerungen, die man aus 
den arischen Namen für 'Birke' oder 'Met' herleitete, als unbegründet zurück- 
weist; erörtert die verschiedenen Phasen der ursprünglichen Wirtschaft, den 
Körnerbau, den Unterschied zwischen Steppe und Wald und dessen Einfluss. Bei 
der ausserordentlichen Sachkunde des Verf. und seiner glänzenden Kombinations- 
gabe ergeben sich, trotz aller Bedenken im einzelnen, überraschende Ausblicke 
und Deutungen. Etwas weniger überzeugend tritt seine Deutung der Ursage, 
namentlich des mythischen Gehaltes der Wanda, auf. Nebenbei sei bemerkt, dass 
gegen die Aufstellungen von Peisker über die stets wechselnde Abhängigkeit der 
Slawen von Turkotataren und Germanen sich allgemein die Opposition regte: 
eine Zusammenfassung aller Argumente gab Fr. Krcek im Lemberger Kwartalnik 
historyczny 21 (1908) S. (540 ff. Andere Abhandlungen dieser sowie der ent- 
sprechenden Warschauer Zeitschrift (Przeglad historyczny) und der Abhandlungen 
der Krakauer Akademie, historische Klasse, müssen wir übergehen, obwohl sie 
manches für unsere Zwecke geeignetes enthalten, z. B. allein in den Abhandlungen, 
Bd. 51 (Krakau 1908), die Studie von J. Ptasnik über den 'Peterspfennig als 
Hüter der Staats- und Kircheneinheit in Polen' (des 14. Jahrhunderts); die deutschen 
Länder zahlten nämlich keinen Peterspfennig nach Rom, wohl aber Polen, die 
nordischen Länder u. a.; aus den päpstlichen Registern ist nun nicht nur die Zahl 
der Pfarreien in Polen, sondern auch die der Menschen wohl zu berechnen; 
gleichzeitig erschien das AVerk von Tad. Gromnicki Swietopietrze w Polsce 
(Krakau 1908. 474 S.), das die Erhebung des Peterspfennigs bis zuletzt (1563, in 
Breslau zum letzten Male 15.34) verfolgt. Weiter die Studie von L. Boraty riski, 
'Beiträge zur Geschichte der ersten Handelsbeziehungen Danzigs zu Italien, 
speziell zu Venedig' auf Grund der Depeschen des Spezialabgesandten Ottoboni 
an den Senat (1590—1591); endlich die Studie von M. Guraowski, 'Über Mark 
und Münze der Plasten', die das ganze mittelalterliche Geldwesen, auch Felle und 
Salz als Münzeinheiten behandelt. 

Von Kreisgeschichten sei das Werk von Wl. Sarna, 'Beschreibung des 
Kreises Jaslo' (Opis powiatu jasielskiego, Jasto 19(8, VI und 743 S.) in Galizien 
genannt; Sarna hatte gleich ausführlich früher den Kreis Krosno (Przemysl 1898) 
behandelt; gerade der ethnographische Teil, die Darstellung der polnischen und 
ruthenischen Bevölkerung des Kreises, ist bei aller Kürze am sorgfältigsten und 
anschaulichsten ausgefallen. 



Berichte und Bücheianzeigen. 215 

Aus der 'Jagic-Pestschrift' (Berlin, Weidmann r.»08. 725 S.) können wir deren 
polnische Beiträge übergehen, weil sie ausschliesslich philologischen Inhalts sind; 
dagegen berühren sich die böhmischen mit unseren Zielen. Ich sehe allerdings 
von dem ganz phantastischen Versuche J. Sutnars, den Namen 'Tschech' zu er- 
klären, ab; dafür ist zu nennen der Aufsatz von Prof. J. Poh'vka 'Volkserzählungen 
vom Ursprünge des Tabaks' namentlich häufig bei den Russen, deren x\ltgläubigen 
und Raskolniken der Tabak ein Teufelswerk, dem Leibe einer Dirne entwachsen 
und daher ein Greuel ist; der Verfasser stellt alle erreichbaren Varianten dieser 
und anderer Erzählungen zusammen. L. Niederle, der bekannte Archäologe und 
Prähistoriker, weist nach, dass auch die archäologischen Grundlagen der Theorie 
von einer Donauheimat der Slawen, wie sie Pic vertritt, unhaltbar sind, dass 
die slawische 'lausitzisch-schlesische' ürkultur nicht nach Pannonien gereicht hat. In 
deutscher Sprache behandelte Prof. E. Katuzniacki ein uns sehr interessierendes 
Thema: über Wesen und Bedeutung der volksetymologischen Attribute christlicher 
Heiliger, d. h. warum der h. Valentin zum Hüter vor der fallenden Sucht wird 
(was schon Luther richtig geraten hatte) oder Wolfgang vor Wölfen, oder Kosmas, 
russ. Kuzma, zum h, Schmied (wegen kuznia 'Schmiede') usw., aber es bleibt 
nicht bei dem alphabetisch geordneten Verzeichnisse von 80 Heiligen der Art 
aus aller Herren Länder, sondern es stellt der Verf. weitreichende, allgemeinere 
Gesichtspunkte auf, worauf wir hier nur aufmerksam machen. [Oben S. 123.] 

Von böhmischen Publikationen sei zuerst die Zeitschrift des Nationalmuseums, 
die Prof. C. Zibrt herausgibt, genannt (Öasopis ceskeho musea, Bd. 82, Prag 190S). 
Den Jahrgang eröffnen Proben aus dem gross angelegten 'Handbuch des huma- 
nistischen Schrifttums, zumal des poetischen in Böhmen und Mähren im IG. Jahr- 
hundert', über den rudolfinischen Dichter G. Carolides von Karlsperg u. a. Der 
Verf., der unlängst verstorbene Ant. Truhlar, hat keine Mühen noch Kosten im 
Zusammentragen des reichsten bio- und bibliographischen Materials gescheut. 
Unterdessen ist der Anfang dieses alphabetisch geordneten Materials (RukovL'f k 
pisemnictvi humanistickemu etc.), bereits erschienen (Prag lOOS, 1. Bd., 308 S., 
von Abel bis Caucalius reichend). Besonders umfangreich ist der Beitrag von 
C. Zibrt (auch im erweiterten Sep.-Abdr. erschienenen, mit Illustrationen, 174 S., 
Prag 1908), Zur Geschichte von Schloss und Herrschaft Zvikov der isvamberk: 
zuerst die Geschichte und die Kosten des Baues von J431 — 1.373, dann das Ver- 
zeichnis des alten Schlossarchivs; endlich der Nachweis, dass zu einzelnen Wand- 
malereien im Schlosse Wohlgemuthsche Bilder in H. Schedels Liber chronicarum 
von 1493 als Vorlage dienten. Unter den historischen Beiträgen von Jos. Volf 
seien nur erwähnt Spottgedichte auf den 'Winterkönig' in Ergänzung von Wolkans 
Sammlung; anderes zur Literaturgeschichte, alter wie neuer, muss hier übergangen 
werden. Dafür sei besonders genannt die parömiologische Studie des bekannten 
Philologen (und Herausgebers von Hus' böhmischen Schriften) V. Flajshans, 
Altböhmische Sprichwörtersammlungen. Sie beginnen mit Eintragungen in das 
enzyklopädische Plorileg des Konrad von Halberstadt um 13G0, ziehen sich durch 
Flaska (Ende des 14. Jahrhunderts) zu den gedruckten Sammlungen des Biahoslav 
und Srnec, weiter zu Komensky, um im 19. Jahrhundert mit Celakovsky und 
Zäturecky (slovakische Sprichwörter) zu endigen. Der Verfasser charakteiisiert 
treffend die einzelnen Sammlungen und hebt namentlich das Zusammengehen der 
böhmischen Sprichwörter mit germanischen und romanischen, ihren Unterschied 
von den östlichen hervor: hier sei auf die gleichzeitig erschienene Studie über 
griechische Sprichwörter im Slawischen von Dr. Altenkirch im Archiv f. slawische 
Philologie 30, 1 und 321 aufmerksam gemacht, ein hübscher Beitrag zu der noch 



91(j Brückner: 

recht im argen liegenden vergleichenden Sprichwörterkunde. Über einen anderen 
Beitrag zur slawischen Paröniiographie siehe unten. Hier sei auch erwähnt, dass 
jüngst der Warschauer Ign. Bernstein, der Besitzer der grössten parömio- 
graphischen Sammlung der Welt, verstarb; bekannt ist sein zweibändiger Katalog 
dieser Sammlung (etwa 5000 Nummern in 160 Sprachen) von 1900 in seiner 
prächtigen typographischen Ausstattung; 1907 gab er noch mit J. Segel zu- 
sammen die stattliche Sammlung jüdischer Sprichwörter und Redensarten heraus. 
[Oben 18, 231]. 

Aus dem neuesten 83. Bande der Musealzeitschrift, Heft 1 (S. 1 — '207), ver- 
'dient besonderen Hinweis der Aufsatz von C. Zi'brt über den 'Strahover Sammel- 
band seltener Gelegenheitsdrucke des Vaclav Dobiensky aus der zweiten Hälfte 
des IG. Jahrhunderts' (S. GS— 107). Dieser Dobrensky (1550—1599), Verfasser 
von populären didaktischen Schriften, legte sich eine Sammlung von Flugblättern, 
zumeist Prager Herkunft, an, die in der Bibliothek der Strahover Präraonstratenser 
aufbewahrt ist; sie enthält nicht weniger als 395 Nummern, die Zibrt einzeln mit 
vollen Titeln anführt, in lateinischer, böhmischer, deutscher und ungarischer Sprache; 
die böhmischen Volkslieder (d. i. nach Bänkelsängerart u. dgl.) wird Zibrt der 
Reihe nach im Cesky Lid abdrucken. Ich führe von deutschen, die besonders 
gegen das Ende des Bandes zahlreicher werden, z. B. an: Nr. 372 'Klegliche, 
betrübte und wahrhaftige Sprichwörter eines verlassenen Freundes' 1581; 374 'Ein 
gründlicher und wahrhaftiger Bericht, warumb die Teutschen Römischen Kaiser 
zvven Adler führen. Gestelt durch G. Praun mitburger in Augspurg'; 375 'Christ- 
liche newe Jars wundschung, reimweiss . . . durch Ph. Schiöderer' 1589; 388 — 391 
'Ein Sinreich und schön Gedicht und Gemeide des . . . Apellis, darinnen er den 
ungerechten Richter usw. gar artig describirt und im damit sein leben errettet 
hat. Aus dem Luciano genommen und in Reime verfasset' usw. Es gibt auch 
Berliner Drucke, z. B. 'Leonhardi Turnesii zum Thurn Insignia etc.' von 1580. 
Die Nummern (d. i. Blätter) 380—386 enthalten Bilder der Planeten und ihres 
Einflusses, grobe und grosse Holzschnitte mit deutschen Versen, die sich von den 
bekannten Ausgaben der Art unterscheiden. Zu Anfang des Sammelbandes sind 
einzelne Flugblätter aufgeklebt auf die Seiten eines böhmischen Folianten, einer 
Umarbeitung von Hans Sachsens 'Zehen Alten Ertzveter Christi' mit den Holz- 
schnitten H. S. Behams, doch weichen Text und Holzschnitte von der zugrunde 
liegenden Ausgabe, Nürnberg 1530, ab, worüber Zibrt und andere Herren noch 
ausführlicher handeln werden. Der ganze Band ist für den Genealogen namentlich 
unschätzbar, bietet auch reiche Belehrung dem Kulturhistoriker (namentlich durch 
seine Trachtenbilder) und Musikhistoriker (viele Melodien u. a.). 

Von weiteren Publikationen des rastlos tätigen Prof. Zibrt sei die Neu- 
herausgabe des mittelalterlichen Traumbuches des Vavrinec z Biezove (Sniir, Prag 
1908. 176 S, in der Ottoschen 'Weltbibliothek') erwähnt. Vorausgegangen war Prof. 
F. V. Vykoukals Studie über Träume und Traumdeutungen (0 snech a vykladech 
snü. Prag 1898), die auf Grund vergleichender Forschung die Abhängigkeit der 
böhmischen Traumdeutung, auch der modernen, von der mittelalterlichen und deren 
griechische und arabische Quellen nachwies. Während die Polen z. B. nur die 
kurzen Somnia Danielis seit jeher besitzen, hat für König Wenzel IV. sein Arzt 
Lorenz aus Brzezowa hauptsächlich das Somniarium Slaidae erweitert und über- 
setzt; Lorenz (1370—1436) ist sonst als Geschichtschreiber der Hussitenzeit 
besonders bekannt. Sein Traumbuch, Knihy snoveho vyklädani, kommt hand- 
schriftlich mehrfach vor (eine Stockholmer Abschrift von 1471 u a.); der Chronist 
Hiijek hat es l.')50(?) herausgegeben, doch sind nur Exemplare der Abdrücke 



Berichte und Büclieranzeigeu. 217 

von 1581 und 1G14 bekannt. Zibrt wiederholt nur den Text von 1581, doch kürzt 
er ihn stellenweise, überflüssige Längen wie Unanstitndiges übergehend. Es ist 
eine ganz interessante Lektüre; die Träume werden stets auch je nach dem Stande 
des Träumenden (König, Fürst, Ritter usw.) gedeutet. 

Von den Publikationen der Böhmischen Akademie (der dritten Klasse) über- 
gehe ich die Nummern "24 und 26, dialektologische Beiträge (Duseks Lautlehre 
der südböhmischen Mundarten III und Kasiks Analyse der ßecva-Mundart) und 
erwähne die verdienstliche Leistung von J. Machal, Staroceske skladby dramaticke 
piivodu liturgickeho, die Sammlung altböhmischer Weihnachts- und Osterspiele, 
die das weit zerstreute Material vollständig sammelt und in einer ausführlichen 
Einleitung über die Entstehung und Geschichte des liturgischen Drama handelt 
(Prag 1908. 234 S. und das treffliche Faksimile eines ganzen Marienspiels aus der 
Prager Handschrift). Diese böhmischen Osterspiele (^Veihnachtsspiele fehlen 
bezeichnenderweise) sind auch für die deutschen mittelalterlichen Spiele nicht 
ohne Bedeutung, daher vergleicht sie der Herausgeber, namentlich mit dem Inns- 
brucker, den Erlauer und Egerer Spielen; hat man doch diesen deutschen Spielen 
öfters geradezu eine böhmische Heimat zugesprochen. Der älteste böhmische 
Text, vor 1350, enthält das Fragment eines Quacksalberspieles, mit zwei sonst 
nirgends anzutreffenden Episoden, von der Auferweckung des toten Judenkindes 
und dem AVettstreit um die Familienehre des Rubin (Robin?) und Pusterpalk, der 
beiden Diener des Quacksalbers, die ganz volkstümlich roh verklingen, wie denn 
diese Texte (das Prager und das jüngere Dürrhofener Fragment), an Zügellosigkeit 
und Unflätigkeit des Ausdruckes die deutschen lasziven Texte noch weit über- 
treffen. Besonders interessant ist der Nachweis des französischen Einflusses, der 
in den Melodien dieser Spiele ganz unverkennbar ist und zu der Zeit des Johann 
von Luxemburg und seines Ilofmusikers Guillaume de Machaut trefflich passt. 
Ein nicht erschöpfendes Glossar erläutert nicht alle Schwierigkeiten der interessanten 
Texte, die man erst jetzt bequem studieren kann. Die 'Rukovet" von Truhlai- 
ist bereits erwähnt. Ausserdem haben J. V. Novak und V. Flajshans des Daniel 
Sinapius (d. i. Horcirka, ein Slovake), Neoforum latinoslovenicum, eine slovakische 
Sprichwörtersammlung vom Jahre 1678, ein Unikum, abgedruckt (Prag 1908. VI 
und 80 S.); Flajshans scheidet in der Einleitung das volkstümliche Element von 
fremden Zutaten aus. 

Die periodischen Publikationen von Prof. Zi'brt und Prof. Polivka nehmen 
ihren gewohnten Fortgang. Vom Cesky Lid sind von dem neuesten, l>i. Jahrgang, 
Heft 1 — 4 erschienen, reich illustriert, mit mannigfacher Abwechslung des Inhaltes, 
wie immer. Zibrt bringt u. a. die Texte von sechs Nummern aus dem oben er- 
wähnten Sammelbande des Dobiensky, ein Erntelied von 1588 (des Maly); zwei 
neue Lieder des bekannten Reimschmiedes S. Lomnicky von 1584 (zu singen nach 
der deutschen Melodie 'Ich bin zu lang gewesen'); ein Lied von dem Blitz, der 
in den Turmknopf der Velvarer Kirche einschlug 1580 (vom Ortspfarrer ge- 
dichtet) u. a. Besonders amüsant sind Text und Bilder aus dem seltenen Traktat 
des V. L. Rvacovsky vom Fasching und seinen zwölf Söhnen (Stolzhans, der 
Gierige, der Üppige usw.) von 1580, die Zibrt in treffender Auswahl und Kürzung 
der langatmigen Moral isationen mitteilt. Namentlich interessant ist das 'Dorotheen- 
spiel', das Lehrer St. Dvorak aus der Gegend von Milevsko, wie es dort bis 
etwa 18G7 aufgeführt wurde, nach dem Diktat des noch lebenden 'Henkers' dieses 
Stückes abdruckt, aber der Sammler alten volkstümlichen Materials begnügt sich 
nicht mit dieser Niederschrift, sondern fügt aus eigenem ein Vor- und Nachspiel 
hinzu, das ganz im Volkston die Aufführung selbst begleitet, in die richtige 



'218 Brückner, Bolte: 

Stimmung- einführt. J. Volff setzt seine Studie über die Rosenkreuzer in Böhmen 
und ihre Prophezeiungen für das Jahr 1G22 fort. Er beschäftigt sich überhaupt 
mit böhmischen Sekten u. ä., hat ein reiches, neues Material zur Geschichte der 
böhmischen Brüder, d. h. ihrer Niederhissung in Berlin, gesammelt, das er demnächst 
zu verarbeiten gedenkt. In den Sitzungsberichten der Kgl. Ges. der Wissen- 
schaften (Prag 1908, Nr. 4) hat er ein Verzeichnis der Akatholiken aus der Gegend 
von Opocno 1742 abgedruckt, mit einem Vorbericht über die vorausgegangenen 
Glaubenskämpfe von 1732, über die Hoffnungen, die in Schlesien und Böhmen 
zuerst auf Karl XIL, dann auf Brandenburg gesetzt wurden, die Tätigkeit von 
Emissären, Spottlieder der Katholiken, Verhöre, Briefe u. dgl. 

Von dem Narodopisny Vestnik Ceskoslovansky unter der Redaktion von 
A. Kraus, J. Polivka, V. Tille ist der dritte Jahrgang (1908) beendigt und der 
vierte begonnen; im Anhange zu allen Heften erscheinen die von Jos. Kubin ge- 
sammelten und von Polivka mit einem kritisch -bibliographischen Kommentar 
versehenen Märchen aus der Glatzer Gegend, bisher 4G Nummern. Das Haupt- 
gewicht ruht auf der trefflich, über die gesamte einschlägige Weltliteratur 
orientierenden Bibliographie, die einzig in ihrer Art ist, Bücher und Zeitschriften, 
slawische und anderssprachliche gleichmässig berücksichtigt. Eingehende Museal- 
berichte aus Böhmen zumal, kritische ausführliche Berichte, endlich ausgewählte 
Kapitel über Trachten, Hausindustrie, Bräuche, auch gut illustriert, machen den 
weiteren Inhalt aus. Ich erwähne z. B. den wohl orientierenden Aufsatz von 
Dr. Jos. Janko: Wie urteilen wir heute über die Indoeuropäer, eine kritische 
Zusammenstellung der Hirtschen u. a. Arbeiten und Ergebnisse; Ther. Novak, 
Volksbräuche in den Landstädten in den siebziger Jahren; Vlasta Havelka, das 
böhmische Kopftuch (reich illustriert, nach den verschiedenen Gegenden); J. Tykac, 
Die Leinwand -Hausindustrie in der Gegend von Böhmisch-Trübau usw. 

Auf die trefflich redigierte böhmische historische Zeitschrift, Cesky Casopis 
Historicky, herausgegeben von den Prager Professoren J. Goll und Jos. Pekar, 
sei besonders aufmerksam gemacht, wegen der Fülle der Informationen sowohl 
wie wegen der sorgfältigen Untersuchungen, die freilich meist Fragen der Ver- 
fassungs- oder politischen und Kirchengeschichte gewidmet unsern nächsten 
Zwecken ferner obliegen. Doch sei wenigstens das neuste Heft (Jahrgang 15, 1. 
11109) erwähnt, das zuerst die notariell beglaubigte Abschrift (Transsumpt) des 
Kuttenberger Ediktes von König Wenzel über die der „böhmischen Nation" auf 
der Universität zuzugestehenden drei Stimmen vom 18. Januar 1409, die sich Hus 
kurz vor seiner Abreise nach Konstanz geben Hess, bringt (auch irn Faksimile). 
Ausserdem sei erwähnt die Abhandlung von J. Fr. Novak über 'mittelalterliche 
Dictamina im Zusammenhange mit Antike und Renaissance', ein bisher zu Unrecht 
vernachlässigtes Gebiet; denn wie oft irrten wir, für einen wirklichen Brief haltend, 
was nur ein stilistisches, rhetorisches Dictamen war; hier ist freilich erst der 
Anfang gegeben, die kontinuierliche Entwicklung von den Prunkbriefen (falls man 
diesen Ausdruck brauchen darf) des jüngeren Plinius bis zu denen des Cassiodorius. 
L. Niederle endlich wirft die Frage auf, wie weit die Böhmen nach Süden, über 
die Donau, vorgedrungen sind und verwendet dafür philologische Argumente, die 
Verbreitung der Namensformen Kulm (= Hügel) und Edla (== Tanne), die ich 
bestreite, obwohl ich sonst die Richtigkeit seiner Ausführungen, z. B. über das 
Slawentum in Pannonien, voll anerkenne. 

Wie sehr sich die Böhmen für ihr 14. bis 17. Jahrhundert und dessen religiöse 
Kämpfe interessieren, zeigen neue Publikationen der Prager Akademie, z. B. eine 
neue Quellensammlung für die mittelalterliche Bewegung, eröffnet aus des Matthiae 



Berichte und Bücheranzeigeu. 219 

de Janow dicti raagister Parisiensis llegulae veteris et novi testamenti; die Heraus- 
gabe der Korrespondenz des bekannten Akatholiken Vaclav Budovec von 1579 bis 
1619 (durch Dr. J. Glücklich, 1908, XLV und 20:; S.) u. a.; die König Georg von 
seinem Diener Zidek gewidmete 'Spravovna' (Informationsbuch, darin auch eine Welt- 
chronik u.a.), von Zd. Tobolka (Prag 1908. 193 S.) herausgegeben; die für 
städtische Verhältnisse wichtige Praxis cancellariae des Prokop, des Schreibers der 
Neustadt Prag, durch Fr. Mares (Prag 1908. XIV und 169 S. Alles Ausgaben des 
'Historischen Archivs' der Akademie); es waren dies Universitätsvorlesungen über 
Diplomatik, die Prokop (von dem wir auch eine böhmische Art dictandi besitzen, 
herausgegeben von Mares 1900) 1452 gehalten hat und aus denen der Ver- 
waltungsdienst der städtischen Behörden am besten einleuchtet; sie sind mit einer 
etwas späteren böhmischen Interlinearversion versehen. Dem böhmischen Hussiten- 
tum, namentlich den Anschauungen des Chelcicky, des selbständigsten und 
konsequentesten Denkers, widmet der russische Gelehrte N. v. Jastrebov seine 
'Studien' (1. Teil, Petersburg 1908. VII und 258 S.), die nach allgemeinen Aus- 
führungen speziell der Entwicklung der Ideen über Kriegsführung und Todesstrafe 
gewidmet sind. Ein katholischer Geistlicher, Dr. A. Podlaha, gibt eine 'Quellen- 
sammlung für böhmische Kirchengeschichte' (Heft 1—3. Prag 1908) heraus; das 
erste Heft (IV, 267 S.), enthält die Berichte der 'Reformationskommission' von 
1627—1629, die den Widerstand der Akatholiken zu brechen hatte, wie es dabei 
zuging; Heft 2 (84 S.) bringt die erzbischöflichen Relationen über die Zustände 
der Kirche in Böhmen von ^759— 1781 ; Heft 3 (IV. 36 S.) druckt den ältesten 
böhmischen Traktat (des Jan Vodnansky) über die unbeilecktc Empfängnis Marias 
in Form eines Dialoges vom Jahre 1509. Ein Lebensbild eines Polyhistors und 
Patrioten, eines Weckers seines Volkes im Niedergange des 17. Jahrhunderts, des 
darum angefeindeten Jesuiten Boh. Baibin bringt sein Ordensgenosse Ant. Rejzek, 
B. Baibin Soc. J., Leben und Werke (Prag 1908. 465 S.), in einer nicht gerade 
einwandsfreien, weil einseitigen Darstellung. 

Prof. J. Mächal, dessen Namen wir bereits oben genannt haben, hat eine 
slawische Mythologie geschrieben (Hujeslovi slovanske, Prag 1907. 174 S). Es ist 
dies eine ganz populäre, für die böhmische üniversalbibliothek bestimmte Um- 
arbeitung seines Abrisses slawischer Mythologie (Näkres usw.), der 1891 erschien 
und durch Fülle und Genauigkeit der Angaben sich äusserst brauchbar erwies; 
der Verf. verblieb seitdem bei dem Studium slawischer Überlieferungen, wir ver- 
dankten ihm inzwischen eine trefflich orientierende Arbeit über die russischen 
Bylinen, die hauptsächlich eine Analyse der Stoffe bietet. 

Berlin. Alexander Brückner. 



Neuere Arbeiten über das deutsche Volkslied'). 

Das erfreulich wachsende Interesse am deutschen Volksliede gibt sich in dem 
Erscheinen einer ganzen Reihe von Wegweisern zu seinem Studium kund. Fast 
gleichzeitig treten drei ältere allgemeine Einführungen in erneuter Gestalt vor uns, 
Vilmars 1867 geschriebenes Handbüchlein und die kleineren Werke von Bruinier 



1) Vgl. unsern letzten Bericht oben 17, 20.n— 210. Eine genauere Aufzählung aller 
hergehörigen Artikel liefert der 'Jahresbericht für germanische Philologie' (Leipzig, 
Reisland) in der 16. Abteilung 'Volksdichtung'. 



220 



Bolte : 



und Sahr. Aus dem Handbüchlein ist jetzt ein doppelt so starkes Handbuch 
geworden, in dem Vilmars Landsmann BöckeU) mit gleicher Begeisterung, aus- 
gebreiteter Sachkenntnis und der Gabe frischer Darstellung eine weit vollständigere 
Übersicht der Gattungen des Volksliedes entwirft. Hatte sich sein Vorgänger 
auf die erzählenden, Liebes- und Geselligkeitslieder beschränkt, so führt B. auch 
die mythischen, legendarischen, Natur- (Tierfabel), Soldaten-, Berafslieder, die 
Lebensfreude, den Humor und Spott, die geistlichen Lieder in guten Proben vor. 
Völlig neu ist der Abschnitt 'Art und Werden des deutschen Volksliedes' (S. 1—40); 
die Definition des Volksliedes ist zwar dieselbe wie in Bs. 'Psychologie der 
'Volksdichtung' geblieben, aber über Melodie, Vorsänger und Chor, Rhythmus, 
stehende Formeln, Bilderschatz, Kunstmittel des Stils u. a. findet man hier treffende 
Bemerkungen und nützliche Beispiele. Was man, von Einzelheiten wie der Er- 
läuterung der nid. Ballade S. 171 abgesehen, etwa beanstanden könnte, ist das 
Kehlen einer Übersicht über die Literatur und einer Andeutung über die schwebenden 
Streitfragen. Auch B ruinierst) 18!»!t zuerst gedrucktes Büchlein ist erheblich 
umgestaltet (14 Kapitel statt 5) und bietet in frischer, begeisterter Sprache manches 
Eigenartige und Verdienstliche. Im Streben nach einer historischen Betrachtungs- 
weise beginnt der Verf. nicht mit dem 1."). Jahrhundert, sondern sucht auch die 
voraufliegenden Perioden des Priestersängers, Berufssängers (Skop), Spielmanns 
fasslich vorzuführen, viele alte Zeugnisse einüechtend. Er betont gegen Vilmar, 
der seinen Massstab für das Volksmässige aus den Liedern des 14. bis IG. Jahr- 
hunderts entnimmt, die Wandlungen im Geschmacke des Volkes (S. 20), der von 
den Gebildeten oft missverstanden wurde, und hofft auf eine Zeit, in der die 
Geschichte des 'Volkstons' bekannt ist. Er weist die Bänkelsängerlieder und 
Moritaten zurück, rechnet aber Kunstgedichte, die vom Volke gesungen werden, 
zu den Volksliedern. Als das wesentlichste äussere Merkmal der letzteren erscheint 
ihm das Singen in einem von der volkstümlichen Sitte zusammengeführten Chore 
(S. 14). Sahrs^) hübsche Auswahl von Texten (zuerst 1901), die jetzt auf zwei 
Bändchen angewachsen ist, enthält 82 historische Lieder, Balladen, Liebes-, geist- 
liche und verschiedene Lieder vom 14. bis 19. Jahrhundert mit den Melodien und 
sorgfältigen Einleitungen und Texterläuterungen. Da der Herausgeber zugleich 
gute Literaturnachweise liefert, darf sein Werkchen als das bequemste und wohl- 
feilste zur ersten Einführung in das Studium des Volksliedes bezeichnet werden. — 
Zu gleichem Zwecke ist das aus einem Vortrage erwachsene Büchlein Kinzels*) 
bestimmt, das von Herders Wiederentdeckung des Volksliedes ausgehend, dessen 
Blütezeit im Reformationsjahrhundert kundig schildert und 31 Texte mit sprach- 
lichen und sachlichen Erläuterungen mitteilt. Gegenüber dieser scharf und knapp 
gehaltenen Darstellung tritt die einer straffen Disposition ermangelnde 'ästhetische 



1) 0. Bö ekel, Handbuch des deutschen Volksliedes, zugleich vierte gänzhch neu 
gestaltete Ausgabe von A. F. C. Vilmars Handbüchleiu für Freunde des deutschen Volks- 
liedes. Marburg, Ehvcrt 1908. VII, 393 S. 5 Mk. 

2) J. W, Bruinier, Das deutsche Volkslied. Dritte umgearbeitete und vermehrte 
Auflage. Leipzig, Teubuer 1908. VI, 151 S. geb. 1,25 Mk. (Aus Natur und Geistes- 
welt 7). 

3) J. Sahr, Das deutsche Volkslied, ausgewählt und erläutert. Dritte vermehrte 
und verbesserte Auflage. Leipzig, Göschen 1908. Zwei Bändchen. 13(:; und 110 S. je 
0,80 Mk. (Sammlung Göschen 25. 132). 

4) K. Kinzel, Das deutsche Volkslied des IG. Jahrhunderts, für die Freunde der 
alten Literatur und zum Unterricht eingeleitet und ausgewählt (zuerst ll-'85). Zweite ver- 
besserte und vermehrte Auflage. Halle, Waisenhaus 1909. 93 S. 1 Mk. 



Berichte und Büclieranzeigen. 221 

Würdigung' H. Graefs*) in den Hintergrund. Unter die populären Schriften im 
guten Sinne des Wortes gehört auch Schells^) Handbuch Wenn der Vf. (S. VI) 
bescheiden gesteht, dass es ausserhalb seiner Absicht lag, Neues zu bieten, und 
dass er auf dem fusse, was unzählige Forscher erarbeitet haben, so ist doch an- 
zuerkennen, dass er sich gute Führer wählt, wie Böckel, Bruinier, Sahr, Häuften, 
Hildebrand, und durchweg besonnen und massvoll urteilt, wo er einzelne Be- 
hauptungen jener Gewährsmänner einschränken zu sollen meint. In 20 Abteilungen 
bespricht er die hauptsächlichsten Fragen seines Themas und die verschiedenen 
Liedgattungen, ohne den Gegenstand erschöpfen zu wollen, bisweilen auch über 
die Grenzen Deutschlands hinausgebend. Gelegentlich teilt er neue Textfassungen 
mit (S. 34f. 78. 151 f. 1'5). Angehängt ist eine 17 Seiten starke Literaturübersicht, 
gegen deren Auswahl und Anordnung ich allerdings einiges einzuwenden hätte. 
Die in derselben Sammlung erschienene Einführung in das Kinderlicd und Kinder- 
spiel von Wehrhan ^) will ebenfalls nur das für weitere Kreise Wissenwerteste 
bringen und erreicht diesen Zweck auch im ganzen, wenngleich man einiges wie 
die von Schläger oben 17, "266 hervorgehobene Dramatisierung alter Volksballaden 
und Wossidlos ausgezeichnetes Buch vom Jahre 1900 vermisst. Auf die nach 
Böhme gegebene Übersicht der Lieder- und Spielgattungen folgen Mitteilungen über 
ältere Zeiten, mythologische Bedeutung, Metrik, Musik, Sprachliches, geschicht- 
liche Reminiszenzen u. a , alles durch Beispiele belebt und durch nützliche Literatur- 
angaben weiteren Studien empfohlen. In der Bibliographie (S. 172 — 189) jedoch 
wundert man sich nirgends John Meiers trefflicher Leistung im Grundriss der 
germanischen Philologie und dem seit 1879 bestehenden Jahresbericht für ger- 
manische Philologie zu begegnen; auch wäre eine Anordnung der Landschaften 
nach sprachlichen Gesichtspunkten der hier gewählten politischen Geographie ent- 
schieden vorzuziehen, nach der die Schweiz und Österreich erst hinter Skandinavien, 
England und dem französisch redenden Belgien rangieren und die Grafschaft Glatz 
sogar als österreichische Provinz auftritt. 

Unter den Einzeluntersuchungen, die wir an diese Handbücher anreihen, sind 
diesmal mehrere zu verzeichnen, welche der älteren Periode des deutschen Volks- 
liedes gewidmet sind. Die vielumstrittene Frage nach dem Ursprünge der Volks- 
poesie behandelt John Meier*) in einem gedankenreichen und auf umfassender 
Kenntnis ruhenden Vortrage über die Entstehung und Entwicklung des Volksepos. 
Die Grundlage desselben bildet die poetische oder prosaische Heldensage, die von 
Individuen durch Simplifizierung und Ausgestaltung geschichtlicher Tatsachen und 
verdunkelter Mythen geschaffen und von der Gesamtheit übernommen ist. Der 
epische Heldensang wird weiter ausgebildet durch einen Sängerstand, der auf die 
Gunst des besitzenden Adels angewiesen ist und sich nach dessen Anschauungen 
richtet. Die Sänger sind entweder improvisierende Aoiden, die nur Stoff und 
typische Bestandteile besitzen, oder Rhapsoden, deren Tätigkeit nur im Wieder- 
holen fertiger Lieder besteht. Das Erstarren formelhafter Wendungen und Bei- 
wörter, die Reste älterer Kulturperioden, die Übernahme äolischer Formen durch 



1) H. Graef, Deutsche Volkslieder, eine ästhetische Würdigung. Leipzig, "Verlag 
für Literatur, Kunst und Musik 1907. 142 S. 

2) 0. Schell, Das Volkslied. Leipzig, W. Heims 1908. VIII, 204 S. 2 Mk. (Hand- 
bücher zur Volkskunde 3). 

3) K. Wehrhan, Kinderlied und Kinderspiel. Leipzijr, W. Heims 1909. VIH, 189 S. 
2 Mk. (Handbücher zur Volkskunde 4). 

4) John Meier, Werden und Leben des Volksepos. Rede gehalten den 15. Nov. 190T 
am Jahresfeste der Universität Basel. Halle a. S., Niemeycr 1909. .34 S. 



909 Bolte: 

ionische Sänger gewahren wir nicht nur im homerischen Epos, sondern ähnlich 
auch im mittelalterlichen und noch heut in den Liedern der Finnen, Russen, 
Kirgisen, Atjeher. Den Übergang vom Liede zum Gesamtepos sieht M, (von 
Lachmann wie von Ker und Heusler abweichend) in einer AVandlung des knappen 
Stils zum reicheren, die bereits in den Liedern selbst eintrat, und im Erscheinen 
eines schöpferischen Individuums, das den Schritt zur Gesamtkomposition tat und 
diese zugleich schriftlich fixierte. Ohne eine Niederschrift hätte sich weder die 
Ilias im Volksmunde fortgepflanzt noch das Nibelungenlied. Wenn man aber als 
Volkspoesie erst die Dichtung bezeichnet, die im Volksmunde lebt, bei der aber 
das Volk nichts von den individuellen Anrechten weiss, so gibt es ein Volksepos 
im strengen Sinne überhaupt nicht. — Eine beachtenswerte Untersuchung über die 
Formel 'singen und sagen', die W. Grimm 182;i als den technischen Ausdruck für 
den rezitierenden Vortrag epischer Lieder auffasste, liefert Schwietering^); er 
zeigt, dass die geistlichen Dichter des 10. Jahrhunderts damit nur den biblischen 
Ausdruck 'cantare et dicere psalmum' wiedergaben und dass erst die Spielleute 
und die höfischen Dichter eine doppelte Art des Vortrages, der Form oder des 
Stoffes damit bezeichneten. In einem stoffreichen und sehr breit geschriebenen 
Buche, über das ich weiter unten genauer berichte, hat UhP) die Winiliod, die 
Karl der Grosse 789 den Nonnen untersagte, als gemeinsame Arbeitslieder zu er- 
weisen gesucht und eine Übersicht über die deutschen Berufs- und Standeslieder 
und deren Sammlungen angehängt, die nicht ohne Nutzen sein mag, wenngleich 
der Grundgedanke des Werkes auf einer wenig wahrscheinlichen Vermutung 
beruht. — Den historischen Zusammenhang zwischen der höfischen Lyrik des 
13. Jahrhunderts und der A^olksdichtung des 15. erläutern mehrere tüchtige, dem 
Nachleben einzelner Minnesänger gewidmete Arbeiten. Die umfänglichste ist die 
von BrilP), welche von Haupts kritischer Sonderung der echten und unechten 
Lieder Neidharts von Reuenthal ausgehend, die letzteren genau betrachtet und aus 
ihnen den gewaltigen Einfluss Neidharts auf die Folgezeit bis zu Fischart hin 
«rweist. Seine realistisch-satirische Dorfpoesie, die das Aufkommen eines trotzigen 
Bauernstandes zur Voraussetzung hat und zugleich an das Vorbild der französischen 
Pastourelle anknüpft, übertraf alle andern ritterlichen Lyriker an Wirkung. B. 
zeigt schon in den Handschriften des 13. Jahrhunderts die Ansätze zur Übertreibung 
und Verrohung, die Einschaltung unechter Strophen und neuer Töne, die Ent- 
stehung des Schwankes von Neidhart im Fass und von bäurischen Trutzstrophen. 
Die zweite Stufe stellen die in Bayern und Schwaben entstandenen Hss. des 
1 :>. Jahrhunderts dar, in denen Roheit und Obszönität sich in unerfreulicher Weise 
breit macht und viele alte Motive (der Ungenannte, Engelmar, die Spiegelgeschichte) 
weitergesponnen werden; eine ganze Reihe neuer Schwanke zeigt Neidhart als 
eine Art Hofnarren der Herzöge Friedrich und Otto von Österreich oder als 
Bauernfeind nach Art des Kalenbergers und Eulenspiegels. Auch in zwei lateinischen 
Grabschriften sucht man die Persönlichkeit des Helden zu charakterisieren. Ums 
Jahr 1490 endlich schafft ein literarisch gebildeter Bearbeiter zu Augsburg (?) aus 
dem Wüste der Überlieferung ein leidliches Ganzes, das Volksbuch von Neidhart 
Fuchs. Auch die übrige Lyrik des 15. Jahrhunderts verrät mehrfach Nachahmung 
Neidharts, wie B. an den Liedern Hans Hesellohers, an Heinrich Wittenweiler, 



1) J. Schwietering, Singen und Sagen. Göttingen, Vandeuhoeck u. Kupreclit 
1908. 57 S. 

2) W. Uhl, Winiliod. Leipzig, E. Avenarius 1908. VIII, 427 S. (= Teutonia 5). 

3) R. Brill, Die Schule Neidharts, eine Stiluntersuchang. Berlin, Mayer & Müller 
1908. VIII, 252 S. 7,50 Mk. (= Palaestra 37). 



Berichte und Büclieranzeigen. 223 

Neidharts Gefräss, der Verhöhnung der Bauern im Fastnachtsspiel und Volkslied, 
sowie der symbolischen Deutung seines Namens durch den Schmieher hübsch 
nachweist. — Gleich Neidhart sind noch andre Minnesänger wie Wirnt von Graven- 
berg, Heinrich von Morungen, Reinmar von Brennenberg, der Tannhäuser und 
Wolfram Helden der Volkssage geworden. Von dem Brennenberger, der um 1250 
oder 1275 von den Regensburgern erschlagen ward, erzählte man wohl bereits 
im 14. Jahrhundert, er sei von einem eifersüchtigen Gatten getötet und sein Herz 
gebraten der Geliebten vorgesetzt worden. Die Meistersinger bearbeiteten diese 
Sage wie auch die Mär von seinem Urteile über die Schönheit der Herzogin von 
Österreich und der Königin von Frankreich im neunzehnzeiligen Brembergerton 
und ahmten seine Liebeslieder nach. 16 solche Bremberger- Gedichte und ein 
Volkslied in vierzeiligen Strophen hat A. Kopp^) aus Drucken und Hss. des 

15. bis 17. Jahrhunderts gesammelt und mit einer Einleitung veröffentlicht, ohne 
in eine genauere Untersuchung des Verhältnisses zu den älteren Liedern ein- 
zutreten. Noch reicher entwickelte sich die Tannhäusersage, von der Golther^) 
und Dübi (oben 17, 249 — 264) handeln, auf Grund des dem Dichter zugeschriebenen 
Bussliedes; im 14. Jahrhundert ward die ihm gegenübertretende Frau Welt zur 
Sibylle von Nursia, im 15. zu Frau Venus umgestaltet, worauf im Volksliede des 

16. noch der Venusberg und das Stabwunder hinzukam. Die Stoffgeschichte der 
Balladen von den zwei Königskindern und von der Nonne beleuchteten Bahr') 
und Olbrich^); die Lieder, in denen eine Lilie dem Grabe des Helden oder der 
Heldin entspriesst, um entweder seine Unschuld zu bezeugen oder sein Verlangen 
nach Rache oder nach Vereinigung mit der Geliebten kundzutun, untersuchte 
BlümmP). J. Meier*^) bestätigt die Annahme, dass die so häufig in der Liebes- 
poesie gebrauchte Versicherung 'Du bist min, ich bin din' eine alte Verlobungs- 
formel war, durch weitere Zeugnisse. Mit den bereits von Herder bemerkten 
'Sprüngen und Würfen' der älteren Lieder beschäftigt sich Graber') und erörtert 
neben unvermittelten Übergängen auch solche, die durch mangelhafte Überlieferung, 
Auslassung oder Vermischung mit andern Liedern entstanden sind. Der Ent- 
wicklung der Volks- und der Kunstballade geht Runze^) in einem populären 
Vortrage nach, der auch einige pommersche Liedfragmente enthält; demselben 
Thema ist eine nicht sonderlich tiefschöpfende Betrachtung von Wattez^) ge- 
widmet; unter den beigegebenen 14 Texten befindet sich auch ein angeblich alt- 



1) A. Kopp, Bremberger -Gedichte, ein Breitrag zur Bremberger- Sage. Wien, 
R. Ludwig r.)08. C*. S. 2 Mk. (= Quellen und Forschungen zur deutschen Volkskunde 2). — 
Weitere Literatur hei Bartsch -Golther, Liederdichter 1901 p. LXVII. Auf Kopps nr. 17 
beruht die dänische Ballade 'Hertug Frydenborg' (Grundtvig, DgF 305). 

2) W. Golther, Tannhäuser in Sage und Dichtung des Mittelalters und der neuen 
Zeit (Walhalla 3, 15— G7). 

3) J. Sahr, Die Schwimmersage (Leipziger Zeitung 1907, wiss. Beil. 30-34). 

4) K. Olbrich, Drei schlesische Abarten der Nonnenmäre (Mitt. der schles. Ges. f. 
Volkskunde 18, 42- Gl). 

5) E. K. Blümmlj, Die Volkslieder von der Lilie als Grabesblume (Studien zur vgl. 
Litgesch. 7, l(n-191). 

• 6) J. Meier, Kleinigkeiten 1 (Schweiz. Archiv f. Volkskunde 11, 2G9-278). 

7) G. Grab er. Das Sprunghafte im deutschen Volkslied, ein Beitrag zur Textkritik 
und Erklärung des Volksliedes. Progr. Klagenfurt 1907. 26 S. 

8) M. Kunze. Volkslied und Ballade. Berlin, Verein für bildende Volksunterhaltung 
[1908J. 48 8. 

9) 0. Wattez, De gerniaansche bailade, haar ontstaan en hare beteekenis (Verslagen 
der k. vlaamsche academie 1908, 329—396). 



224 Bolte: 

vlämischer vom Mutterherzen, das der entartete Sohn seiner Geliebten bringt, eine 
ofrenbare Fälschung. 

Für die Textpublikationen gewähren die emsig durchsuchten älteren Hand- 
schriften und gedruckten Liederbücher der öffentlichen Bibliotheken noch immer 
Stoff. Der eifrigste und glücklichste Forscher auf diesem Gebiete ist Arthur 
KoppM, der uns einen höchst dankenswerten Überblick über die Liedersammlungen 
des L5. bis 18. Jahrhunderts und die in verschiedenen Zeitschriften und Büchern 
verstreuten Nachrichten über sie beschert und dadurch Goedekes ohnehin nur dem 
IG. Jahrhundert geltende Zusammenstellung im Grundriss 2, 25 — 87 trefflich ergänzt. 
Möge es ihm vergönnt sein, selber die gesamte L'berlieferung des älteren Volks- 
gesanges von 15('0 bis 1750 aus Liedersammlungen, Musikalien und fliegenden 
Blättern seiner Absicht gemäss in einem Werke zusammenzubringen! Den grössten 
Teil dieser Arbeit hat er bereits geleistet. Eine Brüsseler Hs. aus der zweiten 
flälfte des K». Jahrhunderts voll niederrheinischer und niederländischer Sprüche 
und geistlicher und weltlicher Lieder beschreibt Priebsch-) und druckt eine 
grosse Anzahl der letzteren ab. Ulrich Schmid^), Blüm ml*) und Bolte') ver- 
öffentlichten einzelne Texte älterer Zeit und gaben Bemerkungen zu solchen. 
Rieser^) unternahm eine umfassende Vergleichung der Lieder des "Wunderhorns 
mit ihren Quellen, doch nicht zu dem Zwecke, die Geschichte des Volksliedes zu 
fördern, sondern Material zur Beurteilung von Arnims und Brentanos geistiger 
Auffassung und Dichtung zu gewinnen. Er teilt die Gedichte des 15. bis 17. Jahr- 
hunderts und die neueren Lieder in Gruppen (höfische, historische, Legenden, 
Balladen usw.) und bespricht in dieser Anordnung die einzelnen Nummern des 
ersten und dann des zweiten bis dritten Bandes. Der Berliner Buchhändler 
Breslauer^) beschreibt mit minutiöser Genauigkeit eine kostbare Sammlung 
von 556 Liederdrucken des 16. bis 18. Jahrhunderts, die grösstenteils von dem 
bekannten Hymnologen Karl Biltz (■]- 1901) zusammengebracht ward und für die 
geistliche Dichtung Luthers, der böhmischen Brüder, der Wiedertäufer, aber auch 
für das weltliche Lied wertvolles Material enthält; viele Illustrationen, sorgsame 
Erläuterungen und ein vierfaches Register machen diesen Katalog zu einem ge- 
diegenen wissenschaftlichen Nachschlagewerke. — Eine neue Ausgabe der älteren 
historischen Volkslieder wird dem Vernehmen nach von der Direktion der 
Monumenta Germaniae historica geplant. Inzwischen setzt Aug. Hartman n^) 
die bis 1554 reichende Liliencronsche Sammlung für Bayern und Österreich fort. 
Der erste Band seines Werkes, das die bereits in andern Sammlungen gedruckten 



1) A. Kopp, Über ältere deutsche Liedersammlungen (Archiv f. neuere Sprachen 
121, 241-279). — Ein Liederbuch aus dem Jahre 1G50 (Zs. f. dtsch. Phil. 39, 208-222). 

2) E. Priebsch, Aus deutschen Handschriften der Kgl. Bibliothek zu Brüssel (Zs. 
f. dtsch. Phil. 38, 301-333.. 436-467. 39, 156 - 179). 

3) U. Schmid, Volkslieder (Walhalla 3, 281-287). 

4) E. K. Blümml, Zum deutschen Volksliede (Hess. Bl. f. Volkskunde 6, 24-43). — 
Volksliedmiszellen III (Archiv f. n. Spr. HS, 1-16. 273-288. 119, 1—19). 

5) J. Bolte, Zum deutschen Volksliede 31-35 (oben 18, 76-88). 

6) F, Eieser, Des Knaben Wunderhorn und seine Quellen. Dortmund, Euhfus 19i)7. 
IX, 560 S. 15 Mk. * 

7) M. Breslauer, Katalog 3: Documente frühen deutschen Lebens 1. Eeihe: Das 
deutsche Lied geistlich und weltlich bis zum 18. Jahrhundert. Berlin, Breslauer 1908. 
XI und S. 277—581, mit etwa 100 Abbildungen. 8 Mk 

8) A Hartmann, Historische Volkslieder und Zeitgedichte vom 16. bis 19. Jahr- 
hundert, gesammelt und erläutert, mit Melodien hsg. von H. Abele, 1. Band: Bis zum 
Ende des dreissigjährigen Krieges. München, Beck 1907. VII, 352 S. 12 Mk. — Zu S. 198 vgl. 



Berichte und Bücheraiizeigen. 225 

Lieder ausschliesst, enthält I»6 aus Hss. und Plugbliittern hervorgezogene Dichtungen 
aus der Zeit von 1522 - 16-18 in vereinfachter Schreibung mit reichhaltigen und 
soliden historischen und sprachlichen Erläuterungen. Neben einem Liede auf 
Frundsberg, der frischen Schilderung eines Pferderaubes (Nr. 24) und mehrerer* 
Liedern auf Fadingers Bauernaufstand von 1G26 (Nr. ^7— ö-t) erscheinen viele 
Dichtungen der Wiedertäufer und Exulanten. Bedauerlieh ist nur, dass H. nicht 
gleich Liliencron durch Überschriften und Kolumnentitel für die Bequemlichkeit 
des Lesers gesorgt hat; Autoren- und alphabetisches Register wird hoffentlich der 
Schlussband bringen. Die ausgezeichnete Sammlung der geschichtlichen Lieder 
und Sprüche Württembergs, welche Steiff^) im Verein mit Mehring 1901 begann, 
ist ihrem Abschlüsse nahe gerückt; wir erhalten die Nr. -202 — 267, welche die 
Verfassungskämpfe von 1815 und die Reaktion und Revolution bis 1848 schildern, 
in musterhafter Weise bis ins Einzelnste erläutert. Rlapper-j macht eine Dichtung 
auf die Hinrichtung eines Breslauer Kriegsobersten vom Jahre 1446 bekannt. 
Schwerdfeger'^) führt das bekannte Lied '0 du lieber Augustin' zurück auf 
eine 17.'5il gedruckte Erzählung Fuhrmanns von einem Sackpfeifer Augustin, der 
1679 zu Wien nachts im Rausche in eine Pestgrube geriet und wohlbehalten 
wieder herausstieg. Noch gründlicher legt Mitzschke^) die Entstehung des auf 
einer unhistorischen Sage beruhenden Liedes 'Die Hussiten zogen vor Naumburg' 
dar, das 1S;S2 durch den Naumburger Auskultator Karl Seyferth (f 1865) gedichtet 
ward. Weddigen^) protestiert nachdrücklich gegen die Ansprüche G. Hoff- 
manns auf die Verfasserschaft des Kutschkeliedes, die auch oben 15, 155 unter- 
sucht und zurückgewiesen wurden. Auf einem der berühmten historischen Konzerte 
in Breslau hatte E. Bohn*^) 24 Nationalhymnen der europäischen Völker nebst 
erläuternden Bemerkungen vorgeführt; jetzt legt er diesen Vortrag in erweiterter 
Gestalt nebst den Melodien vor. B. steht natürlich auf den Schultern seiner Vor- 
gänger Tappert, Abert, Boehm u. a., bietet aber manches Neue und zeigt ver- 
ständige Zurückhaltung gegenüber den vielen auf diesem Gebiete wuchernden 
Hypothesen. Er macht darauf aufmerksam, dass das Bedürfnis nach einer Volks- 
hymne zuerst bei d^n germanischen Nationen empfunden ward; 'God save the 
king' (1743) und 'Ruie Britannia' (1740) sind die ältesten Exemplare dieser 
Gattung; Spanien und die Türkei behel fen sich mit Märschen ohne Worte. Für 
die Verdeutschung der Texte spendeten Th. Siebs und Gertrud Holtze Hilfe. 



Jahrb. f. Gesch. des Protestantismus in Österreich 27, 74; zu S. 330 oben 13, 222; zu 
S. 333 oben 14, 217 und 13, 224; zu S. 344 oben 14, 220. Andere Nachträge gibt 
E. Schröder im Anzeiger f. dtscli. Altertum 32, 193-203. 

l; K. Steiff und G. Mehring, Geschichtliche Lieder und Sprüche Württembergs,, 
im Auftrage der Württembergischen Kommission für Landesgeschichte gesammelt und 
hsg. G. Lief. Stuttgart, Kohlhammpr 19()8. S. 789—960. 1 Mk. 

2j J. Klapper, Leonhard Assenheiiner, historisches Volkslied vom Jahre 1446 (Zs. 
f. dtsch. Altertum 50, 202-205). 

3 J. Schwerdfeger, Die Pest in Wien 1679 und die Augustinlegende. Progr. 
Wien 1907. 17 S. 

4) P. Mitzschke, Das Naumburger Hussiten lipd, ein Beitrag zur Geschichte der 
deutschen volkstümlichen Dichtung. Naumburg, Domrich 1907 32 S. 1 Mk. 

5; 0. Weddijren, Ist G. Hoffinann als Autor des populär gewordenen Kutschke- 
liedes zu betrachten? (.Archiv f. neuere Spr. 121, 280-282). 

6) E. Bohn, Die Nationalhymnen der europäischen Völker. Breslau, Marcus 1908. 
75 S. 2,40 Mk. (Wort und Brauch hsg. von Siebs und Hippe, Heft 4). 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1909. 15 



226 B«We: 

Wir gelangen endlich zu den Arbeiten, die das neuere Volkslied behandeln, 
und können zu unserer Freude auch hier ein rüstiges Fortschreiten feststellen. 
Die für die Aufzeichnung der in Österreich gesungenen Volkslieder vom Wiener 
Kultusministerium berufene Kommission und die Arbeitsausschüsse in den einzelnen 
Landschaften haben, wie das Lit. Zbl. 1908, 1149. 1181 berichtet, reiche Ernte 
gehalten; über die Sammlung der deutsch -böhmischen Lieder teilte Hauffen^) 
Genaueres mit. Der rührige Leiter des deutschen A^olksgesanges in Wien und 
Herausgeber seiner bis zum 11. Jahrgange gediehenen Zeitschrift, J. Pommer, 
hat nicht bloss, wie früher erwähnt, eine praktische Anleitung für die Sammlung 
geschrieben, sondern auch in einer Plugschrift-) seine eigenen Erfahrungen an- 
schaulich dargestellt. Ebenso hat die zur Sammlung der deutsch-schweizerischen 
Volkslieder bestellte Kommission über 5000 Nummern mit und ohne Melodie 
zusammengebracht und bereitet die Ausgabe des ersten Bandes, der Kinderlieder 
enthalten soll, vor (Deutsche Literaturzeitung 1908, 483). Im Deutschen Reich 
hat die seitens des Verbandes der volkskundlichen Vereine geplante Inven- 
tarisierung und Registrierung der Lieder aus Mangel an Mitteln noch verschoben 
werden müssen (Mitteilungen 8, 3). Möchte hier die nächste Zukunft Abhilfe 
schaffen und ein gedeihliches Wirken ermöglichen! 

Zu den Liederveröffentlichungen, die neben jener im Stillen geübten Sammel- 
tätigkeit einhergehen, haben die Alpenländer das meiste beigetragen. Pommer^) 
hat aus einer um 1835 entstandenen Handschrift und mündlicher Überlieferung 
35 Liebes- und Scherzlieder des steirischen Dorfes Turrach hervorgezogen und 
mit einfacher Klavierbegleitung versehen. Um die Hebung des Tiroler Lieder- 
schatzes hat sich Kohl') von neuem verdient gemacht. Nachdem er in einer 
dritten Nachlese zu seiner grossen für gemischten Chor gesetzten Sammlung 
'echter Tirolerlieder "27 weitere Nummern gegeben, unter denen sich auch einige 
ins Volk gedrungene Stücke von Castelli und Baumann befinden, wandte er sich 
in seinen 'heiteren Volksgesängen', mit denen Blümmls Quellen und Forschungen 
zur Volkskunde verheissungsvoll eingeleitet werden, zu den bisher weniger be- 
achteten, aber gleichfalls im Volke verbreiteten vielstrophigen Reimgedichten, die 
ein- oder mehrstimmig zur Gitarre oder Zither vorgetragen werden und einzelne 
Charaktere, den Bettler, Kästenbrater, Musikanten, Fuhrmann, Bauernknecht, Trinker, 
ein zankendes Ehepaar usw. lustig genug vorführen, satirisch über die Weiber, die 
Mode, die Akzise, den herrischen Bauern oder die ganze Reihe der Stände und 
Handwerke herziehen, den Sündenfall Adams, eine Szene zwischen Einsiedler und 

1) Deutsche Arbeit 6, 396f. (1907). Mitteilungen des Verbandes deutscher Vereine 
für Volkskunde 8, 9-21 (1908). 

2) J. Pommer, Über das älplerisclie Volkslied, und wie man es iindet. Wieu, 
Robitschek 1907. 82 S. 0,G0 Mk. (Flugschriften und Liederhefte hsg, von dem deutschen 
Volksgesangvereine in Wien 12). 

3) J. Pommer, Turracher Lieder, 35 Volkslieder von der steirisch- kärntnerischen 
Grenze für eine oder zwei Singstimmen mit Begleitung des Flügels eingerichtet. Wien, 
Eobitscbpk [1908]. 26 S. 4». 

4) F. F. Kohl, Volkslieder aus Tirol, dritte Nachlese zur Sammlung 'Echte Tiroler- 
lieder', gesammelt und gesetzt. Wien, Last 1907. 47 S. 1,50 Kr. (Fünftes Liederheft des 
deutschen Volksliedvereines in Wien). — Heitere Volksgesänge aus Tirol (Tisch- und Gesell- 
schaftslieder) mit Siugweisen, im Volke gesammelt und zusammengestellt. Wien, Ludwig 
1908. 1G4 S. G Mk. (Quellen und Forschungen zur deutschen Volkskunde hsg. von Blümml 
Bd. 1). — Die Tiroler Bauernhochzeit. Sitten, Bräuche, Sprüche, Lieder und Tänze mit 
Singweisen. Wien, Ludwig 1908. X, 282 S. 9 Mk. (Quellen und Forschungen zur dexitschen 
Volkskunde Bd. 3). 



Berichte und Bücherauzeigen. 221 

Teufel oder einzelne Schildbürgerstreiche drastisch beschreiben usw. Stehen auch 
diese 102 Nummern an dichterischem Werte meist hinter den kurzen Schnader- 
hüpfoln zurück, so liefern sie doch eine erhebliche Ergänzung zum Bilde des 
süddeutschen Volksliedes, das, allein nach jenen beurteilt, sich fast in der Dar- 
stellung des Liebes- und Wirtshauslebens zu erschöpfen schiene. In manchen 
Fällen gelang es Kohl, den bäuerlichen Verfasser zu ermitteln, in andern hätte er 
durch Vergleichung anderer, nichttirolischer Sammlungen Varianten feststellen 
können; vgl. z. B. nr. 2, 10, H, 71 (Bolte, Der Bauer im deutschen Liede 1890), 
46 (oben 13, 224), 61 (Hoffmann- Prahl, Volkstüml. Lieder nr. 1213: Das Dorf- 
schulmeisterlein), 75 (Erk- Böhme nr. 1741: Wenn der Topp aber). Die Texte 
sind sämtlich in der Mundart aufgenommen, ein kleines Wörterbuch ist angehängt — 
Noch tiefer hinein in das Volksleben leuchtet Kohls ebenfalls in den 'Quellen und 
Forschungen' veröffentlichtes Buch über die Tiroler Bauernhochzeit, wohl die um- 
fänglichste Schilderung, welche die Hochzeitsbräuche einer einzelnen Landschaft 
bisher erfahren haben, und um so wertvoller, als auch hier die alten Sitten zu 
verschwinden anfangen. Die eigentliche Beschreibung des Verlaufes der Hochzeit, 
und zwar getrennt für 19 verschiedene Ortschaften nebst weiteren Literatur- 
nachweisen bildet den Schluss des Buches; voraufgehen 68 Lieder (nämlich hoch- 
deutsche, die mehrstimmig in der Kirche gesungen werden, und fröhliche Tafel- 
lieder, die meist in der Mundart abgefasst sind), 10 um 1800 entstandene Tänze 
aus Kastellruth und Reimereien und Sprüche, die in den einzelnen Dörfern bei 
der Ladung der Gäste, beim Brautbegehren, beim Dank und beim Empfange des 
jungen Paares üblich sind; auch in Schnaderhüpfeln worden die jungen Eheleute 
geneckt, das Brautstehlen und das Zaunmachen (Wegversperren) ist oft zu 
dramatischer Wechselrede ausgebildet, maskierte Personen überreichen beim Mahle 
eine Brauttorte mit Piippchen als Vorbedeutung des Ehesegens. Weiter erfahren 
wir manches über die Speiseordnung und allerlei Aberglauben, über den Hochzeits- 
lärm (Charivari), das Fauleweib -Singen (oben 10, 402) und die Verspottung der 
verlassenen Geliebten. Ähnlich der Hochzeit wird die Primiz, die erste Messe des 
neugeweihten Priesters, durch Lied und Schmaus (oben 18, 8n) gefeiert; daher 
hat Kohl auch diese anhangsweise dargestellt. Dörler und BlümmP) teilten 
neue Versionen bekannter Balladen aus Vorarlberg, Oberösterreich und Sieben- 
bürgen mit; Jungbauer-) dagegen wandte in einer tüchtigen Arbeit über den 
Volksgesang im Böhmervvald sein Interesse den Produktionen neuerer Volks- 
dichter, Johann Gabriel, Johanna Raschko, Ludwig Baier u. a. zu, die nicht über 
ihre Heimat hinausgedrungen sind, aber dort schon mehrfache Umformungen er- 
litten haben. Sie behandeln die Kriege von 1789 und 1870, Mordtaten und spass- 
hafte Begebenheiten und erheben sich nicht selten über den Bänkelsängerton. Daneben 
begegnen verbreitete Stücke wie der bayrische Hiesl oder 'Weint mit mir ihr 
nächtlich stillen Haine', Schnaderhüpfel, Ostereier-, Fensterl-, Hochzeitsladersprüche 
und andre Reime und Sprichwörter, alles mit sorgfältigen Anmerkungen und 
Literaturvergleichungen. Das Vorwort weist auf Nachrichten über andre süddeutsche 
Volksdichter hin und versucht eine neue Definition des Volksliedes^). — Aus den 
Papieren der schweizerischen Volksliedkommission bringt das Schweizerische Archiv 



1) A. Dörler, Volkslieder aus Vorarlberg (oben 17, :!07— 311). — Blüm ml, Zur 
Ballade vom Ritter Ewald (oben 18, 431-4:33). 

2) G. Jungbauer, Volksdichtung aus dem Böhmerwalde, gesammelt und hsg. mit 
Singnoten und zwei Lichtbildern. Prag. Calve 1908. XXXVI, 236 S. (Beiträge zur deutsch- 
böhmischen Volkskunde geleitet von A. Häuften Bd. 7). 

3) Hierher gehört auch Jungbauers Aufsatz 'Die deutsche Volksdichtung, mit 

15* 



228 Bolt^ = 

für Volkskunde^) 95 Lieder mit Melodien, um eine Vorstellung von den dort 
ruhenden Schätzen zu gewähren, während Greyerz^) durch eine allerliebst mit 
Bildern und Weisen ausgestattete Lese von 2.") schönen alten Volksliedern, gemein- 
deutschen und schweizerischen, vor allem den Zweck verfolgt, für ihre Verbreitung 
zu sorgen, daneben aber auch durch Quellennachweise und Anmerkungen dem 
wissenschaftlichen Bedürfnis Genüge tut. Eine eigenartige Erscheinung bilden die 
24 Jodel des dreiundsiebzigjährigen, als vortrefflicher Natursänger auch ausserhalb 
der Schweiz bekannten Enllebuchers Felder, die Gassmann^) samt den Lieder- 
. texten vom Bonepartel, vom Rigilied (Vo Luzärn uf Wäggis zue) u.a. aus seinem 
Munde niedergeschrieben und dem Drucke übergeben hat; die Besucher des volks- 
kundlichen Verbandstages, der im Oktober VM)8 zu Berlin abgehalten wurde^ 
werden sich des stattlichen Greises mit Vergnügen erinnern. — Jn Baden hat 
Meisinger''), dessen schon im vorigen Berichte gedacht wurde, seiner gründ- 
lichen Schilderung des Dorfes Rappenau ausser einem umfassenden Wörterbuch 
auch die dort bekannten Volkslieder und Kinderreirae eingefügt und ebenso die 
Mundart des Wiesentals, der Heimat Hebels, durch ein Verzeichnis der bemerkens- 
werten Ausdrücke und durch 19 Volks- und 12 Kinderlieder, denen acht Melodien 
beigegeben sind, charakterisiert. Neben Pfaff^) ist dann noch Becker*^) zu 
nennen, der einen zu Forst am Sonntag Lätare aufgeführten Streit zwischen 
Sommer und Winter, an dem auch Henrich Fähnrich, Hansl Fingerhut, der Scherer, 
die Nudeigret u. a. teilnehmen, und dazu eine Reihe von Fastnachts-, Sommertags- 
und Pfingstquackreimen mitteilt. Daran schliessen sich Helms'') parallele Mit- 
teilungen aus Hessen. In der Eifel hat Heuft*), in Burscheid Passbender, in 
Lippe Wehrhan^J, in Sachsen Zinck, Steglich^") u. a., in Schlesien Pradel") 



Beispielen aus dem BöhmerwaWe' iu Blümmls weiter unten S. 238 angezeigten Beiträgen 
zur deutschen Volksdichtuuf,^ (Wien, Ludwig 1908) S. 1-53. 

1) Aus dem Volksliederschatz der deutschen Schweiz (Schweiz. Archiv f. Volks- 
kunde 11, 1-69). 

2) 0. v. Greyerz, Im Ptöseligarte, schweizerische Volkslieder, erstes Bündchen. Bern, 
A. Francke 1908. 78 S. 1,20 Mk. 

3) A. L Gassmann, Naturjodel des Josef Felder aus Entlebuch, Kt. Luzern. 
Zürich, Juchli & Beck 1908 5 Bl, 110 S. 1,70 Mk. 

4) 0. Meisinger, Wörterbuch der Rappenauer Mundart nebst einer Volkskunde von 
Rappenau (Dortmund, Ruhfus 190<)) S. 14—39. — Volkswörter und Volkslieder aus dem 
Wiesentale gesammelt. Freiburg i. B , Bielefeld 1907, 72 S. 2,50 Mk. 

5) F. Pfaff, Volkslieder und Schwanke aus Lobenfeld (Alemannia 35, 105—125). 

6) A. Becker, Piälzer Frühlingsteiern. Kaiserslautern, H. Kayser 1908. 49 S. 1 Mk. 
(Beiträge zur Heimatkunde der Pfalz 2). Aus den Hess. Blättern für Volkskunde G, 
145-191. 

7) K. Helm, Fastnachts- und Soramertagsverschen aus Hessen (Hess. Bl. für Volks- 
kunde 6, 192—197). 

.S) H. lleuft, Volkslieder aus der Eifel (oben 18, 184-188: 5 Nr. — Zs. f. rhein. 
Volkskunde 6, 39-44: 6 Nr.). — Fassbender, Drei Lieder aus der Burscheider Gegend 
(Zs. f. rhein. Vk 5, 213-217). 

9) K. Wehrhan, Reime und Sprüche aus Lippe (Nd. Jahrbuch 34, 145—157). [Zu 
nr. 3 vgl. Evk- Böhme nr. 838, zu 7 ebd. 851, zu 8 ebd. 1741, zu 9 ebd. 897, zu 13 ebd. 62]. 

10 P. Zinck, Rockenlieder gesammelt im Erzgebirge (Mitt. d. Y. f. sächs. Volksk. 
4, 191-202. 227—234. 271f. — L. Steglich, Volkslieder aus Grossenhain (ebd. 4, 291 
bis 299). 

11) F. Pradel, Schlesische Volkslieder (Mitt. d. schles. Ges. i. Volksk. 20, 89-103). — 
P. Drechsler, Volkslieder (17 Nr. ebd. 20, 104-113). 



Berichte und Bücheranzeigen. 229 

und Drechsler, in Posen Klein^), in der Bukowina KaindP) Balladen und 
Liebeslieder gesammelt, von vielen andern Beiträgen zu schweigen. 

Besonderer Beachtung erfreuten sich zwei Gattungen, das Kinderlied und das 
erst neuerdings in den Forschungskreis eingeführte erotische Lied. Unter dem 
etwas gesuchten Titel 'Futilitates' haben BlümmP) und Polsterer vier nur für 
Gelehrte bestimmte Bände derb-erotischer Lieder und Prosaschwänke heraus- 
gegeben, welche den Zweck verfolgen, nach den zahmen Volksliedern auch jene 
bisher bei Seite gelassenen Wildlinge hervorzuziehen und den Forschern zu- 
gänglich zu machen. Mit grosser Emsigkeit hat Blüm ml im ersten und dritten 
Teile dieser 'Nichtigkeiten' nicht bloss weitere derbe Vierzeiler und Gasseisprüche 
(im ganzen 234 Nummern) zusammengebracht, wie sie heut in Österreich, Böhmen, 
Tirol, Kärnten und Steiermark umlaufen, sondern auch systematisch ältere Hand- 
schriften und Drucke auf längere obszöne Lieder hin ausgebeutet, insbesondere 
aus dem 17. Jahrhundert eine Dresdener, eine Stuttgarter*) und eine Berliner Hs., 
aus dem 1<S. Jahrhundert das sächsische Bergliederbüchlein und die in Berlin be- 
findlichen Aufzeichnungen des Freiherrn v. Crailsheim, aus dem IM. Grazer und 
Wiener Hss. AU die unsaubern Stücke, die Kopp in seinen trefflichen ausführlichen 
Arbeiten über Clodius. Crailsheim und das Bergliederbüchiein nur andeutungsweise 
charakterisiert hatte, marschieren hier in sauberem Abdrucke und mit sorgfältigen 
Anmerkungen -5) begleitet auf und machen, trotzdem darunter manche wertvolle 
Variante beka* nter Motive (Ehestandsklage, Bauer und Pfaff, der plauderhafte Jung- 
selle, der oben 15, 172 angeführte Binder, der Schornsteinfeger, andre Hand- 
werker-, Jägerlieder, Vexierreime, lateinisch-deutsche Mischlieder, auch ein 
französisch-deutsches) erscheint, in ihrer massenhaften und groben Zotigkeit einen 
etwas beklemmenden Eindruck. Dies Gefühl des Widerwillens steigert sich bei 
der Lektüre der aus den letzten Jahrzehnten stammenden Militärliteratur, die 
Polsterer in oO Gruppen geordnet zum Druck befördert hat. Abgesehen von 
einigen Parodien von Gebeten, militärischen Verordnungen und Liedern, enthält 
der Band soviel witzlose Gemeinheit und öde Lüsternheit, dass auch, wer sich 
von Prüderie frei weiss, die Frage nicht unterdrücken kann: War es wirklich im 
Interesse der Wissenschaft nötig, soviel Curat zusammenzukarren? Dass in 
Soldatenkasernen die plattesten sexuellen Schwanke und Reime viele Liebhaber 
finden, hätte ich dem Fler*ausgebor auch ohne dies ausführliche Zeugenverhör 



1) M. Kleiu, Vom deutschen Volkslied in Posen (Aus dem Posener Lande 2, 
72—75^. 

2) R. F. Kaindl, Deutsche Lieder aus der Bukowina (Zs. f, österr. Volkskunde lo, 
147—159. 14, 125—131). Es sind die Texte, von denen oben 15, 260 nur die Anfänge 
verzeichnet wurden. 

3) E. K. Blümml, Schamperlieder, deutsche Volkslieder des IG. bis 19. Jahrhunderts 
mit Singweisen gesammelt und hsg. Wien, R. Ludwig 1908. 179 S. 12 Mk. {= Futilitates, 
Beiträge zur volkskuudliclien Erotik 1). — Blümml, Aus den Liederhandschriften des 
Studenten Clodius (16G9) und des Fräuleins von Crailsheim (1747-49) mit Singweisen 
hsg. ebd. 1908. L7G S. 12 Mk. (Futilitates 3). — J. Polsterer, Militaria, eine Sammlung 
der tj^pischen hsl. Literatur des deutsch-österreichischen Soldateustandes hsg. ebd. 1908. 
205 S. 12 Mk. (Futilitates 4). — Über den zweiten Band der Sammlung wird später be- 
richtet werden. 

4) Vgl. Blümml, Die Schwelinsche Liederhandschrift (Zs. f. dtsch. Philologie 40, 
404-420): enthält 38 Lieder vom Jahre Kill und 15 von 1658, durch zwei Stuttgarter 
aufgezeichnet. 

5/ Nur gelegentlich begegnet einmal ein Versehen; so \, 40 in der Heranziehung 
des mhd. Ausdruckes 'üz der mäzen' zur Erklärung einer keineswegs unklaren Redensart. 



230 Bolte: 

geglaubt, und das Fortleben alter orler anderwärts verbreiteter Anschauungen und 
Motive, auf das er in der Einleitung besonderes Gewicht legt, hätte auch auf 
kürzere Weise festgestellt werden können. — Für die Erforschung des nord- 
deutschen Rinderliedes und Rinderlebens hat Wossidlo') eine grossangelegte Arbeit 
geliefert, die zu ihrem Abschlüsse noch eines weheren Bandes bedarf Nur der 
erste Teil 'Rinderwartung' mit (i58 in 18 Gruppen geordneten Liedchen und 
'2\ Melodien entspricht dem Charakter einer Rinderliedersaramlung; ganz eigen- 
artig ist der zweite Abschnitt, welcher 1459 Redensarten, Scheltwörter, Schnurren 
und Sprichwörter über Rinderzucht enthält und das Verhältnis zwischen Eltern 
und Rindern, den in zahlreichen apologischen Sprichwörtern gekennzeichneten un- 
verzagten und dreisten Jungen, das unartige, launische, weichliche, ungeschickte,. 
unrnhige, unmanierliche, altkluge, prahlende, neugierige, leckerhafte, gefoppte 
Rind u. a. lebendig vor Augen führt. Der Verf hat mit gutem Bedacht die 
Aufnahme von Varianten tunlichst eingeschränkt, dagegen durch reiche- Anmerkungen, 
Sach- und Wortregister von mehr als 200 Seiten seinem vortrefflichen Werke 
besonderen Wert verliehen. Schlägers") unsern Lesern bereits bekannte Samm- 
lung von 283 Rinderliedern aus Thüringen und andern Gegenden zeichnet sich 
durch die beigegebenen Erläuterungen aus, in denen S. die Neigung bekämpft, im 
Rinderliede altgermanische Mythologie wiederzufinden, und auf die älteren und 
neueren Balladen hinweist, die von dem Rinde mimisch zum Gesänge aufgeführt 
werden. Gegen jene noch von Mannhardt vertretene mythologische Deutungsweise 
streitet er auch in einem Aufsatze über das vielgestaltige Rinderlied 'Wir treten 
auf die Rette' oder 'Eisenklar wie ein Haar', als dessen Grundlagen er ein Sängerin- 
und ein Spinnerinlied, verbunden mit einer Brautwerbung, annimmt. Unter den 
übrigen Sammlungen können wir nur einige namhaft machen. Zunächst eine erst 
jetzt zum Vorschein gekommene Aufzeichnung Goethes^) aus dem Jahre 18"2(v 
der von einem Frankfurter Fastnachtslied, von Sternsingern und einem Jenaer 
Johannistagsbrauche berichtet. Dann eine geschmackvolle Auswahl von Rinder- 
reimen aus bekannten Sammlungen von Wolgast*), niedlich illustriert. Eine an- 
sprechende, gut geordnete Lese niederdeutscher Wiegen-, Rose-, Tanz-, Retten-, 
Neck- und Abzählreime Schleswig-Bolsteins aus eigener und fremder Aufzeichnung, 
nebst einem Wörterverzeichnis gibt uns G. F. Meyer^}. Im Lippischen hat 
Wehrhan*^), im Bambergischen Schuster') und Zfegelhöfer, im bayrischen 

1) E. Wossidlo, Mecklenburgische Volksüberlieferungen .'.: Kinderwaituiig und 
Kinderzucht. Wismar, Hinstorff 1906. X, 453, 10 s. (i,4<>ni. 

2) Gr. Schläger, Nachlese zu den Saiomlunpjen deutscher Kinderlieder (oben 17, 
•264-298. 387-414. 18, 24-53). — Etwas vom deutschen Kinderliede (Zs. f. den dtsch. 
Unterricht 23, 1—29). 

3) Goethe, Über Volks- und Kiuderlieder (Werke 42, 2, 457- 460. Weimar. Böhlau 
1907); vgl. ebd. 35, 176 über das Jenaer Johannisfest (1804). 

4) H. Wolgast, Schöne alte Kinderreime, für Mütter und Kinder ausgewählt. I>ucli- 
schmuck von J. Mauder. München, Verlag der Jugendblätter (1907). 87 S. 8^ 

5) G. F. Meyer, Plattdeutsche Kinderreime aus Schleswig-Holsiein, für Eltern und 
Kinder, mit Zustimmung des Kieler Prüfungs -Ausschusses für Jugendschriften ausgewählt 
und hsg. Kiel u. Leipzig, Lipsius u. Tischer 1908. IV, 132 S. geb. 1,20 Mk. 

6) K. Wehrhau, Lippischc Kinderlieder (Zs. f rhein. Volksk. B, 66-78). Lippisthe 
Kindermelüdien (ebd. 5, 54-59). — Kinderspiele aus Lippe (ebd. 5, 81—93. 184—197. 
278 - 286). 

7) A. Schuster. Pitsche patsche Peter, Bamberger Reimla. Bamberg, Selbstverlag 
(1906). 36 S. 0.60 Mk. — A. Schuster und A. Ziegelhöfer. Volkspoesie im Bamberger 
Land, ebd. (1907). 70 S. 0,60 Mk. 



Berichte und Bücheranzeigen. 231 

und österreichischen Sprachgebiet Blümml^) gesammelt, und fast unzählige 
kleinere Beitrüge finden sich in Zeitschriften und Zeitungen verstreut. Beachtens- 
wert sind Lehnhoffs'^) hundert Singspiele, d. h. 100 Ringelreigen, Ringelspiele, 
Spiele in Reihenstellung, Brückenspicle und Ringeltänze, alle mit Melodien, doch 
leider ohne Angabe der Herkunft; die letzten acht Nummern sind aus Balladen 
hervorgegangen und können als weitere Belege für Schlägers oben zitierte Bemerkung 
dienen. Für Schulkinder und Erwachsene gibt Gertrud Meyer 'Tanzspiele und 
Singtänze' (2. Aufl. Leipzig, Teubner 1908. 67 S. 1 Mk.) heraus, 28 deutsche und 
20 schwedische in Übersetzung mit ausführlicher Spielanweisung und Melodien. 

Verhältnismässig spärlich fliessen noch die der musikalischen Seite des Volks- 
liedes gewidmeten Bemühungen, obwohl die Erkenntnis der engen Zusammen- 
gehörigkeit von Wort und Weise sich längst Bahn gebrochen hat und sich in der 
gleichzeitigen Verötfentlichung der Melodien kundgibt. Einen Vorschlag für die 
lexikalische Anordnung der österreichischen Tanzweisen, der sich vielleicht auch 
für die der Liedmelodien verwenden lässt, machte Zoder^), der darauf für die 
Vergleichung und Gruppierung der mannigfachen Melodievarianten eines Liedes 
ein Muster vorlegte: bei der Betrachtung der zahlreichen Weisen zur Ballade 'Ich 
stand auf hohen Bergen' sonderte er Typen verschiedenen Alters und verschiedener 
Heimat aus und verfolgte ihre Abwandlungen und Wanderungen bis ins Ausland. 
Brand seh*) wählte eine neuere sentimentale Melodie von charakteristischem 
Rhythmus aus, deren Ursprung vermutlich in Prankreich liegt (Le troubadour; 






Arie aus Mehuls Joseph), um ihre weite Verbreitung im Volksgesange des 19. Jahr- 
hunderts und ihren stilbildenden Einfluss zu zeigen und wichtige Folgerungen 
allgemeiner Art anzuschliessen. Gegenüber dieser klaren, soliden Darlegung wirft 
die von Prümers'') unternommene musikalische Analyse von 12 in die Kinder- 
welt eingedrungenen Kunstmelodien (auf harmonische Basis, melodischen Charakter, 
Nebenmotiv, thematische Verwandtschaft, Verkuppelung der Teilmotive) für uns 
keinen Gewinn ab, was auch nicht wundernehmen kann, da der Vf. über die 
Begriffe Volkslied und Kinderlied offenbar unklare Vorstellungen hat. Hermann'') 
vervollständigte seine Monographie über den Siebensprung durch mehrere neue 
Aufzeichnungen dieser Tanzweise und der Texte. Guttmann^) besprach die 
Musikinstrumente der Bergbewohner, Alphorn, Schalmei, Dudelsack, Schwegelpfeife, 
Drehleier, St'rohfiedel, ihre Töne und ihre Verwendung in der Kunstrausik und 
charakterisierte die Jodler, Juchzer und Kuhreihen durch ausgewählte Proben. 

1) E. K. Blüm ml, Kinderreime und Volkslieder aus dem bayerisch -österreichischen 
Sprachgebiet (Deutsche Mundarten hsg. von Nagl 2, 103—176). 

2) W. Lehn hoff, Schöne alte Singspiele, 100 volkstümliche Spiel- und Tanzheder 
iu Wort, Sing- und Spielweise, aus Kindermund gesammelt. Mit farbigen Bildern von 
J. Mauder. München, Verlag der Jugendblätter (19()7). 99 S. 4». 

:]) R. Zeder, Eine Methode zur lexikalischen Anordnung von Ländlern (oben 18, 
Ö07-311). — Die Melodien zu der Ballade von der Nonne (oben 18, 394 -411). 

4) G. Brand seh, Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte des neueren deutschen 
Volksliedes (Archiv des V. f siebenbürg. Landeskunde n. F. 34, 241—260). 

ö"» A. Prümers, Zwölf Kinderlieder, eine analytische Studie. Langensalza, Beyer 
& Söhne 1907. 18 S. 0,3'» »Vlk Pädagogisches Magazin 313\ 

(5^ E. Hermann, Nachtrag zu dem Artikel 'Siebensprung' (oben 17, 81—85). 

7) H. Guttmanu, Über die instrumentale und vokale Musik der Bergbewohner. Zum 
25jährigen Bestehen des Riesengebirgsvereins(1880-1905). Leipzig, C. Glaser (1906). 27S. IM. 



•232 • Boltc: 

Werfen wir endlich nach unserer Gewohnheit noch einen Blick auf die stamm- 
verwandten germanischen Länder! Die grosse niederländische Liedersammlung 
Florimonds van Duyse^), ein Werk reifen Geschmackes, ausdauernden Fleisses 
und gründlichster Vertiefung, ist mit der 714. Nummer zu Ende geführt worden. 
Die drei umfänglichen, vornehm ausgestatteten Bände vereinigen die Schätze der 
niederländischen Liederdichtung vom Mittelalter bis zum Beginne des vorigen 
Jahrhunderts von den alten Balladen und Liebesliedern an das ganze Gebiet der 
Volksdichtung hindurch bis zur geistlichen Lyrik. Der dritte Band enthält ins- 
besondere die Lieder der Weihnachts- bis Osterzeit, den geistlichen Mai, die gott- 
, liebende Seele, Marien- und Heiligenlieder, biblische Erzählungen, Legenden, Ver- 
schiedenes, endlich 16 Lieder der Reformierten des IG. Jahrhunderts. Wenn die 
Sammlung in der Zahl der Lieder z. B. hinter dem deutschen Liederhort von Erk- 
Böhme zurückbleibt, so ist dafür jedes einzelne Stück nach Text und Melodie mit 
um so grösserer Liebe untersucht; bisweilen sind die Erläuterungen zu kleinen 
Monographien herangewachsen, die auch der Freund der deutschen Volkslieder 
nicht übersehen darf. Besonders auf dem Gebiete der Melodienforschung sind 
dem Vf. schöne Funde geglückt; so bringt er S. 274.J das langgesuchte französische 
Vorbild unsres Jagdliedes 'Auf, auf zum fröhlichen Jagen', von dem bisher nur 
die beiden ersten Zeilen bekannt waren: 'Pour aller ä la chasse' (Text und Weise). 
Zu S. -iSU. 237Ö vgl. Priebsch Zs. f. d. Phil. 38, 323; zu 24r.l ebd. 39, 221; zu 
2608 Niederdeutsches Jahrbuch 14, 4. Anziehend ist sein Bericht über die I9Ü3 
in Gent durch den Willems-Fonds während des Winters allwöchentlich ein- 
gerichteten Liederabende, bei denen einigen hundert Arbeiterfrauen und Mädchen 
75 ältere und neuere Lieder einstudiert wurden; sie erhielten den gedruckten Text, 
die Melodien wurden ihnen vorgesungen. — Die Beschäftigung mit dem vlämischen 
Kinderliede hat bei einer belgischen Lehrervereinigung eine Fortsetzung zu 
Ghesquieres Kinderspielen gezeitigt: 'Speien zonder zang', über die oben S. 123 
berichtet wurde. Das weit umfänglicher angelegte Werk von A. de Cook und 
J. Teirlinck 'Rinderspei en kinderlust in Zuidnederland', das die Genter Akademie 
unter ihre Veröffentlichungen aufnahm, ist mit dem achten Bande abgeschlossen 
worden (oben 18, 231. 19, 121) und stellt die stattlichste Publikation dar, die 
bisher in irgend einem Lande auf diesem Gebiete unternommen wurde. Zu den 
vielen hierin enthaltenen Liedern und Reimsprüchen fügte A. de Cock noch 
vlämische Kinderreime, welche historische Anspielungen enthalten (Genter Zeit- 
schrift Volkskunde 19, 197—200. 23')— 239). 

Li Dänemark hat die Beschäftigung mit den alten epischen- Volksliedern 
nicht gerastet. A. Olrik^), dessen unermüdlichem Fleisse wir ein neues Heft 
der gewaltigen, von Grundtvig begonnenen Sammlung der altdänischen Balladen 
verdanken, unterzog das oben 17, 209 erwähnte Buch E. v. d. Reckes und Sophus 
Larsens kühne Rekonstruktion der Ballade Niels Ebbesen (Grundtvig 156) einer 



1) F. Vau Duyse, Het oude nederlandsche lied, wereldlijke en geestelijke liedereu 
uit vroegeren tijd, teksten en melodieen verzameld en toegelicht, 1.— 3. deel. 's-Graven- 
haghe, M. Xijhoff. 1903-1908. XXVI, 8, 12, 12, 2747, 95 S. 8". — Le chant populaire: 
liederavonden ä Gand (Revue internationale d'art public, Bruxelles 1907, juillet nr. 1. 
6 S. fol.). 

2) A. ülrik, Daumarks gainle folkpviser, Danske ridderviser, efter forarbeider af 
Svend Grundtvig udgivne, 3. Bd., 2. Heft (nr 475-480). Kopenhagen, Wroblewski 1907. 
S. 129-25G. 4". — Riboldsvisen (Danske Studier 1906, 49-42. 175-221; vgl. v. d. Recke 
ebd. 1907, 167-172). — Niels Ebbesens vise (ebd. 1908, 117-128. 230-239; vgl. Larsen 
ebd. 1908, 222—230). 



Berichte und ßücheranzeigeu. 233 

gründlichen und fruchtbringenden Kritik, v. d, Recke^) studierte den norwegischen 
und fiiröischen Einfluss in den Balladen 'Jsmar und Benedikt', 'Aslak Tordsohn 
und schön Valborg' u. a., während S. Fiugges'^) posthurae Abhandlung über 'König 
David und Solfager' dem von Byzanz über Russland nach Schweden gewanderten 
Stoffe dieses Liedes nachging und H. Thuren^) einen Überblick über die erst 
seit 1800 aufgezeichneten Melodien der mittelalterlichen Balladen, der Scherz- 
lieder, jüngeren Balladen (17. bis 18. Jahrhundert), Kinderlieder und der geist- 
lichen und weltlichen Lieder des 18. und 19. Jahrhunderts gab. Der letztgenannte 
Forscher untersuchte ferner die Zeugnisse der alten Balladen, die zum Kettentanze 
gesungen wurden, über den Tanz, den Vorsänger, der zugleich Vortänzer war, die 
Hochzeits- und Wachtänze und die Verbindung der dramatischen Handlung mit dem 
Tanze. Einer auch für uns lehrreichen Musterung unterzog er dann die heutigen 
Singspiele der dänischen Kinder, die mit den deutschen, niederländischen und 
schwedischen manche Gemeinsamkeit aufweisen, indem er sieben Gruppen auf- 
stellte: Brautwerbung (z. B. Es kommt ein Herr aus Ninive), Liebschaft (die 
kecken Nonnen, Rosenpflücken, Hafermähen), Verfolgung und Errettung (Brücke, 
Königstochter, Blindekuh, Räuber), Nachahmung (Hafersäe.n, Adams Söhne), Suchen 
(Ring, Taler), gleiche Schlussbewegung aller Spieler, Tanzspiele ohne besondere 
Handlung. Endlich lieferte Thurcn ein grundlegendes Werk über die Melodien 
der epischen Tanzlieder der Färinger, die durch ihre Altertümlichkeit seit 166!i 
das Interesse der Forscher erregt haben. Ihre Texte, die von Sigurd, Roland, 
Tristan und isländischen, norwegischen und dänischen Helden berichten, hat 
Hammershaimb veröffentlicht; ihre Weisen (88 Nr.) hat Th. 1902 phonographisch 
aufgenommen und erläutert sie in einer geradezu vorbildlichen Art durch Berück- 
sichtigung aller historischen Verhältnisse. Der färöische Kettentanz in offenem oder 
geschlossenem Ringe stammt ab von dem französischen (Carole, Tresque, Branle), 
der seit dem 1 "2. Jahrhundert in England, Deutschland und Skandinavien schnell 
beliebt ward. Der Vortänzer, der zugleich Vorsänger ist, singt im Rezitativton 
eine Strophe, worauf die andern mit dem Kehrreim einfallen. Die Melodien dieser 
Kehrreime weisen die halbtonlose pentatonische Tonleiter auf, die bei vielen Natur- 
völkern verbreitet und hier aus der keltischen Kultur abzuleiten ist. Das Fehlen 
jeder Instrumentalbegleitung und die bis ins 19. Jahrhundert dauernde strenge Ab- 
geschlossenheit der Inseln hat die Erhaltung dieser Gesänge sehr begünstigt, 
obwohl anderseits auch eine 1550 in Island entstandene katholische Kirchen- 
melodie (Ljomur), fröhliche Kinderweisen, dänische Balhiden und jüngere geist- 
liche und wellliche Lieder eingedrungen sind (so die Losgekaufte bei Erk-Böhme 7y 
und die heiligen Zahlen oben 11, 391 f.). Auch diese Melodien gibt Thuren 
wieder, der zugleich für die Bequemlichkeit deutscher Leser durch eine genaue 
Inhaltsübersicht in deutscher Sprache (S. 303 — 32^) gesorgt hat. Sein Buch bildet 
einen trefilichen Beginn der Publikationen des von Olrik und Ivrohn begründeten 
internationalen Volkskundlerbundes (Folklore Fellows, abgekürzt F. F.), dem wir 
auch bei uns rege Anteilnahme wünschen. — Im westlichen Finnland hat ein 



1) E. v. d. Eecke, Yestnordisk indflydelse i dansk (ebd. 1907, 97-120). 

2) S. Bugge, Kong David og Solfager (ebd. 1908, l-34j. Vgl. oben 18, 847. 

3) H. Thuren, Das dänische Volkslied (Zs. der internat. Musikgesellschaft 9, 13 bis 
18). — Tanz und Tanzgesang im nordischen Mittelalter nach der dänischen Balladen- 
dichtung (ebd 9, 209 21G. 239 244). — Vore sanglege (Danske Studier 1908, 129-174). — 
Folkesauyen paa Fseroerne. Kobenhavn, H^st &. sen 1908. 4 Bl., 337 S. (= F. F. Publi- 
cations, Northern series nr. 2). 



•_>34 Bolte, Petsch: 

jüngerer Forscher 0. Andersson^) mit Eifer und Glück schwedische Volks- 
lieder und Tanzweisen gesammelt, von denen unsere Berliner Mitglieder bereits 
Proben gehört haben (obea LS, 350). Zur Belebung des Interesses am Volks- 
gesange gibt er "24 Volkslieder, von ihm und andern Musikern vierstimmig gesetzt, 
heraus und erörtert in seinen gesammelten Aufsätzen verschiedene daran an- 
knüpfende Fragen; er führt die altnordischen Saiteninstrumente (tallharpa, rotta) und 
die heutigen üorfmusikanten Finnlands, denen er manches Stück abgelauscht hat, 
in Wort und Bild vor und teilt auch ein Matrosenlied aus Bergö mit, dessen 
Melodie der deutschen 'Ach weint mit mir, ihr nächtlich stillen Haine' und auch 
den von Brandsch behandelten Weisen (oben S. 231) verwandt ist. 

Berlin. Johannes Bolte. 



Fr. S. Krauss, Slawische Volkt'orscliungeri. Abliandluiigeii über Glaube, 
Grewohnheitsrechte, Sitten und Bräuche und über die Guslarenlieder der 
Südslawen. Leipzig, W. Heims 1908. YIII, 431 S. 8^ 11 Mk. 

Fr. S. Krauss, der sich durch seine Zeitschriften sowie durch seine süd- 
slawischen Sammlungen und Forschungen um unsere Wissenschalt so manches 
dauernde Verdienst erworben hat, widmet seine neueste Arbeit K. von den Steinen, 
der ihr einige einleitende Worte mit auf den Weg gibt. Mit Recht darf er zu 
Krauss sagen: „Die prächtigen Guslarenlieder und ein grosser Teil der Auf- 
zeichnungen, die jetzt endlich in einem gewichtigen Bande herausgegeben werden 
sollen, stellen Sammlungen dar, die Sie als junger, gänzlich mittelloser Mann mit 
unglaublich zäher Arbeit und unter den schwierigsten äusseren Bedingungen ge- 
borgen haben. Sie erkannten den hohen Wert eindringlichster volkskundlicher 
Erhebungen im Dunstkreis europäischer Kultur zu einer Zeit, als die berufenen 
Würdenträger der südslawischen Gelehrsamkeit noch keine Ahnung hatten von 
den Schätzen, die sie umgaben." Damit ist die Bedeutung des vorliegenden 
Bandes im ganzen bestimmt. Sein Wert liegt in der Vollständigkeit und in der 
allem Anschein nach (denn irgend eine Nachprüfung ist uns nicht möglich) zu- 
verlässigen Wiedergabe des ungeheuren Materials und in seiner Erläuterung durch 
reichliche und wertvolle Mitteilungen aus der Kulturgeschichte und dem gegen- 
wärtigen Volksleben der südslawischen Stämme. Auch die Sprachwissenschaft wird 
Krauss für die Sammlung und die im grossen ganzen wohl anerkennenswerte, 
historische und vergleichende Betrachtung der sprachlichen Erscheinungen, ins- 
besondere des Wortschatzes, zu Dank verpflichtet sein. 

Dagegen kommt die eigentliche 'Volkskunde als Wissenschaft", der unter uns 
zuletzt Dieterich die strenge methodische Geschlossenheit gegeben hat, nicht zu 
ihrem Rechte. Wohl macht Krauss von Zeit zu Zeit verständige Bemerkungen 
über die verschiedenen Kulturschichten, die sich etwa im Volksglauben der be- 
handelten Stämme verfolgen lassen; aber von einem systematischen Aufbau kann 
keine Rede sein: nimmt doch der Verf. mit seinem Werke auf ein weiteres 



1) 0. Andersson, 10 folkvisor arraugerade l'ör blandad kör, valda ur Svenska 
folkskolans vänners musikbibliotek. Helsin^fors, A. Apostol (1907). 18 S. — 5 folkvisor 
arrangerade för blandad kör. cbd 8 S. — 5 folkvi.sor lör blandad kör ur OsterbottDiskt 
bondbröllop. ebd. 8 S. — 4 folkvisor för kvinnokör upptecknade och arrangerade. ebd. 
8 S. — Inhcmska musiksträfvandeu. ebd. 1907. 201 S. (S. 161 Fornnordiska Stränginstrument. 
172 Byspelmän. 19G En folkmelodis vandring). 



Berichte und Bücherauzcigen. 205 

Publikum so viel Rücksicht, dass er in seinem aufsohlussreichen Kapital über den 
Hexeng-lauben der Südslawen die sexuellen Grundlagen dieses Glaubens eben nur 
am Schluss erwähnt, anstatt die ganze Entwicklung^darauf zu begründen. Mit 
dem Hinweis auf die Anthropophyteia ist da nicht viel geholfen. 

Nach einer Einleitung über den Einfluss der türkischen Kultur auf die süd- 
slawischen Stämme und insbesondere über die Ansätze zu einer moslimisch- 
slawischen Literatur behandelt der Verfasser im ersten Hauptabschnitt eine 
ganze Reihe dämonischer Gestalten der Volksphantasie: die Hexen und Vilen, die 
Waldfrauen und Revenants, Vampire und Werwölfe. An der Hand der Namen 
und einzelner sagenhafter Züge leitet er zugleich zur Scheidung der einheimischen 
und der von den Nachbarvölkern entlehnten, insbesondere der christlichen Elemente 
an. So ist der eigentlich slawische Name der Hexe A^jestica (die Wissende), doch 
kommt daneben das italienische Lehnwort striga, das deutsche 'Zauberin' in der 
Verhunzung copernica und das ebenfalls italienische macionica (zu macija-magia) 
vor. Entsprechend gehen denn auch die mit den Namen verbundenen Vor- 
stellungen durcheinander, und endlich wandern die Sagen und Märchen von Hexen, 
Zauberern und unheimlichen Wesen aller Art umher und helfen die Verwirrung 
steigern. Manche dieser Sagen hat Krauss erfreulicherweise vollständig oder im 
Auszug mitgeteilt. Nicht ganz selten finden wir darunter christliche Legenden (S. 46). 
Ein Pfarrer bittet eine Hexe, die zu ihm zur Beichte geht, sie möchte ihm den 
Ort ihrer Zusammenkünfte zeigen. Sie führt ihn zum Düngerhaufen, der Pfarrer 
tritt ihr auf den Puss, und alsbald fliegen beide in die Luft und kommen in einem 
schönen Palast an, wo eben die Hexen und Hexenmeister im wilden Taumel sich 
.ergötzen. Der Teufel in Gestalt eines Kalbes wird angebetet und in unflätiger 
Weise verehrt. Als auch der Pfarrer ihm huldigen will, herrscht der Teufel ihn 
an: 'Was hast du Stinktier vor?' Der Pfarrer soll, um in die Gesellschaft auf- 
genommen zu werden, seinen Namen in ein schwarzes Buch eintragen. Er schreibt 
aber statt dessen den Jesusnamen; sofort verschwindet der ganze Spuk, und der 
Pfarrer befindet sich auf dem Gipfel eines Lindonbaumes, von wo er durch den 
Mesner heruntergeholt werden muss. Das sind mit Ausnahme des Anfangs und 
Schlusses typische Züge der 'Theophiluslegende' und ihrer Vorgänger, worüber 
wir an andrer Stelle handeln werden. Das Schlussmotiv von der Macht des gött- 
lichen Namens dürfte in der christlichen Volksliteratur zuerst in der Cyprianussage 
verwendet worden sein. Sehr wichtige, wenn auch hie und da viele vielleicht 
durch politische Nebenabsichten der Gewährsmänner verfärbte Mitteilungen über 
das Menscheilfleischessen bei den südslaw-ischen Bauern, sowie reiche Samm- 
lungen über den 'Liebeszauber'') schliessen diese Abteilung. 

Die zweite, grössere Abteilung des Buches ist ganz den Guslarenlied er ii 
gewidmet, um deren Sammlung und Erforschung sich Krauss hervorragende Ver- 
dienste erworben hat. Ihm liegen aus gedruckten Sammlungen, aus Zeitschriften, 
Jahrbüchern und vor allem aus den Ergebnissen seiner unermüdlichen Wanderungen 
solche Lieder im Gesamtumfang von einer halben Million Verse vor; Grund 
genug, sich des Besitzes zu freuen, wie denn auch der temperamentvolle Verfasser 
ankündigt: „Eine Slawistik des 20. Jahrhunderts dürfte hauptsächlich auf der 
Unterlage der Guslarenlieder fussen, sofern es ihr gelingen sollte, die Fesseln einer 
überkommenen unfruchtbaren, aprioiistischen Methode abzustreifen, und das Studium 
meiner gesammelten Aufzeichnungen wird voraussichtlich einmal zu einer unab- 



1) Nachträge zu Kj-auss' Buch 'Sitte und Bniuch der Südslawen'. Ferner verweist 
der Verf. auf die Anthropophyteia .3, 1G5 ff. 



'236 



Petsch, Bolte: 



weislichen Beschäftigung der Volksforscher gehören" (S. 17!»). Ohne dem Forscher 
und Sammler seine Freude trüben zu wollen, ratissen wir doch aussprechen, dass 
es sich hier immer nur um ^inen, wenn auch noch so reizvollen Ausschnitt aus 
der slawischen Volkskunde handelt; denn er selber weist energisch darauf hin, 
dass die grenzenlose Begeisterung des A'^olks für die Guslarenlieder, von der 
manche Forscher berichten, einfach nicht vorhanden ist; die eigentlichen Dichter 
der alten Guslarenlieder sind in der Gefolgschaft der ehemaligen, abenteuernden 
Rottenhäuptlinge und Burgherren zu suchen, in den Kreisen ritterlicher Herr- 
schaften und der Vertreter der Volksmiliz. Und so werden diese Lieder auch 
' heut nur von den eigentlich kriegerisch und dichterisch angelegten Personen be- 
geistert aufgenommen und fortgepflanzt, auch wohl vermehrt; im übrigen nimmt 
man den Sänger auf, weil er Unterhaltung schafft, aber eine Hauptrolle spielt er 
nicht. Auch jene alten Rottenführer nahmen wohl Gusle, Fiedeln mit auf ihre 
Züge, aber keine eigenen Guslaren; ohne nennenswerte musikalische und dichterische 
Begabung konnte bald dieser, bald jener ein Guslarenlied anstimmen und 'erfinden', 
denn die Form war eben gegeben. Darum handelt auch Krauss in seinem zweiten 
Abschnitt nur ironisch 'vom wunderbaren Guslarengedächtnis'. Die Zahl der Stoffe 
ist klein, sie schwankt bei dem einzelnen Manne zwischen 8 bis 30. Dazu aber 
kommen stereotype Schilderungen, die sich von Lied zu Lied forterben. „Der 
Guslar erfindet nichts mehr von Belang (S. 184), er verwendet nur die über- 
lieferten Cliches und merkt sich beim Anhören fremder, 'neuer' Lieder vor- 
zugsweise die Reihenfolge, in der diese stereotypen Gebilde verwendet werden. 
Zudem hat jeder Guslar sein spezielles Genre; der eine pflegt den Prinzen Marko 
und dessen Zeitgenossen, der andre Mujos und Aliles Taten, der dritte fühlt sich 
auf ungarischem Boden heimisch" usw. Das Repertoire selber aber scheinen die 
Guslaren, wie Krauss an einem schlagenden Beispiel nachweist (185), in der Form 
o-ereimter Kataloge, also mit einem zuverlässigen Hilfsmittel primitiver Mnemo- 
technik festzuhalten. Andre wenden wieder andre Mittel an, um ihrem Gedächtnis 
nachzuhelfen; denn allen kostet der Vortrag Arbeit, die unter Stirnrunzeln und 
Augenbrauenfurchen vorrichtet wird, wie denn der Guslar seinem Publikum nicht 
gern ins Gesicht schaut. — Krauss gibt eine ganze Reihe einzelner Guslaren- 
licder im Original und Übersetzung mit reichen geschichtlichen, sprachlichen, 
technischen und vor allem kulturgeschichtlichen Erläuterungen. Der Raum ver- 
bietet, darauf näher einzugehen, und so mögen denn nur die Titel angeführt 
sein: Dzanüms Heerzug, Rakgöczys Fall, Wie Mahomed Köprülü Vczier geworden. 
Die Russen vor Wien, Die Mutter der Jugovic, Novak der Heldengreis, Die 
Milchbrüder, Wolf Feuerdrache, Der Ysga- Schlaf, Die Menschwerdung des heiligen 
Panteleimon, Echte und unechte Vilenkinder, Ein Heldengemetzel, Von einer 
Vilazöllnerin, Vilenfeinde, Das Heldenfräulein und die Blockhausvilen, Wie Vilen 
Ibrahim Nukir heilten. Den Schluss macht ein ausführliches Schlagwörterverzeichnis, 
das den ausserordentlich reichen Inhalt des wohlausgestatteten Bandes leicht erschliesst. 
Heidelberg. _ Robert Petsch. 

Wilhelm llhl, Winiliod. Leipzig, E. Avenarius IDOb. VIII, 427 S. 8 Mk. 
(Teiitoiiia 5. Heft). 

Über die Gattung der altdeutschen Lyrik, welche 789 in einem Kapitulare Karls 
des Grossen und in späteren Glossen als winiliod bezeichnet wird, herrscht 
keine Übereinstimmung; man erblickte im ersten Teile des Kompositums entweder 
•das ahd. Femininum winja, mhd. wine (Geliebte, Gattin) oder das Maskulinum 



e ichte und Bücheranzeigeu. 237 

wini, mhd. wine (Freund, Gatte) und übersetzte dem^emäss Mädchenlied oder 
Gesellenlied, auch Liebeslied oder Klosterlied, während neuerdings Jostes (ZfdA, 
49, 306j in den winileodi des Rapitulars Sicherheitsraannen (leudi) der Nonnen 
sieht und damit sogar bei Schönbach eine bedingte Zustimmung gefunden hat. 
Eine neue Deutung legt Uhl in seinem dickleibigen Buche dar; er betrachtet 
winiliod als ein Verbalkompositum mit ahd. winnan (arbeiten) und übersetzt es 
als 'gemeinsames Arbeitslied', wie er auch Karls des Grossen Bezeichnung des 
Mais 'Winnemanoth' nicht als Wonne- oder Weide-, sondern als Peidarbeitsmonat 
erklärt. Solche Winnelieder sollen die Nonnen nach jenem Kapitular-Entwurfe 
'auf keine Weise aufzuzeichnen oder aufzuführen (scribere vel mittere) sich unter- 
stehen'. 

Gegen diese mit einem Aufwände grosser Gelehrsamkeit vorgetragene Ab- 
leitung erheben sich jedoch mehrere Bedenken. Auffällig ist, dass das angeblich 
von winnan herstammende Winiliod stets nur mit einem n geschrieben wird, auch 
wenn man mit Wunderlich (DWb. unter Gewinn) uralten Zusammenhang von 
winnan (leidenschaftlich begehren, dann besiegen, erkämpfen) mit Wahn, Wine 
(Venus\ Wonne, Wunsch annimmt. Ferner, wie kam der königliche Beamte dazu, 
das 'Aufführen' eines Arbeitsgesanges, der doch überhaupt keine umständliche 'Mise 
en scene' erforderte, durch 'mittere' zu bezeichnen (S. 87 ff'.), während ihm Ausdrücke 
wie cantare, recitare, agere, exerccre soviel näher lagen? Nahmen endlich im 
Gesänge des neubekehrten Volkes die Arbeitslieder (mit dem Refrain Winn winn 
winn, S. 147) einen so breiten Raum ein, dass sie vor allem den Nonnen ver- 
boten wurden, ja dass eine S. 300 angeführte Glosse des 10. Jahrhunderts winileod 
ganz allgemein als 'plebeios psalmos, seculares cantilenas vel rusticos psalmos sine 
auctoritate' erklärt? — Uhl scheint diesen letzten Einwurf, obwohl er ihn nicht 
ausspricht, selber empfunden zu haben; denn fast zwei Drittel seines Buches 
(S. 151-424) beschäftigen sich mit der Ausbreitung der 'Winnelieder' in neuerer 
Zeit und den Liederbüchern der verschiedenen Handwerke und Berufe bis zu den 
heutigen Heilsarmeesoldaten, Sozialdemokraten, Radlern, Stenographen, Anglern, 
Imkern, Abstinenten. Unvermerkt erweitert sich also bei ihm der von Bücher 
festgestellte Begriff des rhythmischen Arbeitsliedes zum Standesliede, ja zum 
Vereins- und Gesellschaftsliede überhaupt. Bei dieser Durchmusterung der modernen 
Literatur, selbst der Zeitungsartikel und der ebenso kurzlebigen Zehn- und Zvvanzig- 
pfennighefte, wird viel unbekanntes Material aufgespeichert, aus dem man manches 
lernen kann, z B. dass die Ebstorfer Nonnen in der Badestube den Gesang der 
drei Knaben im feurigen Ofen anstimmten (S. 161); aber ich muss zugleich be- 
kennen, dass die weitschweifige Schreibweise des Vf., eine seltsame Mischung 
von bibliographischer Übergründlichkeit, die z. B. auf S. .') die jedem Germanisten 
bekannten Anmerkungen Lachraanns zu den Nibelungen ausführlichst beschreibt, und 
einer sich oft in feuilletonistischen Gedankensprüngen ergehenden Phantasie, nicht 
selten die Geduld des Lesers auf die Probe stellt. So vernimmt Uhl S. 174 in 
Holbeins Totentanz das ihm aus Saint- Saens (eine ganz andre Situation voraus- 
setzender) Danse raacabre bekannte schaurige Klappern des Knochengerüstes oder 
spricht S. 263 des längeren über zwei Possen Nestroys und Räders, um dann zu 
konstatieren, dass sie keine Arbeitslieder enthalten, von verschiedenen gewagten 
Etymologien zu schweigen. Vielleicht hätte Uhl am besten getan, den sich mit 
den Berufsliedern des 19. Jahrhunderts beschäftigenden Teil ganz von der Er- 
örterung des Namens Winiliod zu trennen; die Berechtigung, jene als Winne- 
lieder zu bezeichnen, ist zum mindesten höchst fraglich. 

Berlin. Johannes Bolte. 



-_);.5,S Bolte, Michel: 

E. Kück und H. Sohnrey, Feste und Spiele des deutschen Landvolks, im 
Auftrage des deutschen Vereins für ländliche Wohlfahrts- und Heimat- 
pflege hsg. Berlin, Deutsche Landbuchhandluug 1901J. 298 S. geb. 3,60 Mk. 

Ein praktisches Ziel schwebte den beiden um die Volkskunde wohlverdienten 
Verfassern dieses hübschen und lehrreichen Buches vor, die Sorge, wie die alther- 
gebrachten Feste und Spiele der deutschen Bauern vor der beginnenden Ver- 
wahrlosung zu retten und durch ihre verständnisvolle Erneuerung auch da, wo 
öde Profitsucht den Dorfanger bereits in Kohl- und RartoffeUand umgewandelt 
hat, das Heimatsgefühl wieder zu beleben sei. Und da diesen selbst auf dem 
Lande aufgewachsenen Männern mit Recht statt neuer Schöpfungen Anknüpfung 
an die Vergangenheit als notwendig erschien, haben sie eine Sammlung der im 
deutschen Sprachgebiete üblichen Feste und Spiele der Landbevölkerung aus der 
schwer zu übersehenden Literatur der letzten Jahrzehnte, namentlich aus den kurz- 
lebigen Zeitungsaufsätzen, sowie aus hsl. Beiträgen veranstaltet. Die Schilderung 
der Pestbräuche beginnt mit der Weihnachtsfeier und folgt dem Jahreslauf bis 
zum Martinstag und Schlachtfest, um dann zu allerlei Schäfer-, Schul-, Nachbar- 
schaftsfesten und Hochzeit, Taufe und Begräbnis überzugehen; die Spiele gruppieren 
sich in Tänze, Wurf-, Fang- und Schlag-, Hasch- und Lauf- und endlich Gesell- 
schaftsspiele. Die Darstellung ist knapp und anschaulich, dazu mit sorgsamen 
Quellenangaben gestützt. Natürlich hätte ohne die durch den Zweck gebotene 
Beschränkung auf die jüngste Vergangenheit und auf das Landvolk das Werk ein 
ganz andres Aussehen gewonnen; auch die Rücksicht auf den Umfang nötigte, 
wie die Vf selber bekennen, in den Abschnitten über die Spinnstuben, die 
Spiele u. a. eine Auswahl zu treffen. Nachträge zu liefern wäre also leicht, trotzdem 
übertrifft das Buch die kürzlich erschienenen kleineren Versuche von Rehm und 
Reichhardt bei weitem an Sachkenntnis und Gründlichkeit. Vielleicht empfiehlt 
es sich für eine zweite Auflage, die Anmerkungen vom Texte zu trennen und 
etwas reicher auszugestalten; die wissenschaftliche Literatur über die frühere 
Geschichte der Schützenfeste, des Rolandreitens (Heldmann), der Gregorius- 
feier, der Kirchweih (Kassel, Jahrbuch f Gesch. Elsass-Lothr. 2'.y), über Fischarts 
Spielverzeichnis (Rausch ebd. 24), das Naumburger Kirschenfest (Mitzschke), 
Volksdramen (das S. 5.') zitierte Hexenspiel ist von Hein, das Passionsspiel S. i)"2 von 
Ammann herausgegeben) usw. könnte dann in stärkerem Masse berücksichtigt und 
so den Bedürfnissen des Forschers noch mehr gedient werden. 

Berlin. J. Bolte. 



Beiträge zur deutschen Volksdichtung, hsg. von Emil Karl Blümml. 
Wien, K. Ludwig 1908. 4 Bl., 198 S. 7,20 Mk. (= Quellen und Forschungen 
zur deutschen Volkskunde Bd. 6). 

Als ein handgreifliches Dokument des Aufschwunges, den das Studium des 
deutschen Volksliedes nimmt, begrüssen wir das Sammelwerk, zu dem der ungemein 
rührige Forscher Blümml eine Reihe österreichischer Volkskundler, Adrian, Blau, 
Jungbauer, Kaindl, Kohl, Kralik, Latzenhofer, Moses, Pirkl, Urban, Worresch und 
den Reichsdeutschen Meisinger vereinigt hat und das zugleich den ersten Band 
einer geplanten Halbjahrsschrift bilden soll (S. 3). Unter 'Volksdichtung' begreift 
Jungbauer in dem einleitenden Aufsatze (S. 1 — 53) die Dichtung der mittleren 
und niederen Schichten eines Kulturvolkes, sowohl die im Volk entstandene als 



Berichte und ßücheranzeigeii. 239 

die vom Volk aufgenommene, und teilt sie in 1. die nichtgesungene (Volksbücher, 
Schauspiele, Sagen, Märchen, Schwanke, gereimte Satiren, Sprüche, Rätsel usw.), 
2. die Rinderdichtung, 3. den Volksgesang, der volkentstanden oder bloss volk- 
läufig oder beides sein kann. Wichtiger als diese Einteilung, gegen die sich 
einiges einwenden lässt, erscheinen mir die zur Erläuterung dienenden Beispiele 
ans dem Böhmer walde. Eine tüchtige Leistung ist ferner Blümmls umfäng- 
licher Bericht über die deutsche Volksdichtung im Jahre 1907 (S. 167—197), der 
zuerst in Schnürers Jahrbuch der Zeit- und Kulturgeschichte 1907, S. 268— ■28*» 
erschien; seine Mühewaltung und sein Verdienst wird jeder, der sich an ähnlichen 
Jahresberichten beteiligte, zu würdigen wissen, auch wenn er einzelnes anders 
abgegrenzt oder hie und da einen schärferen kritischen Massstab angelegt wünschte. 
Latzenhofer gibt Märchen und Schwanke aus Österreich und Ungarn, zum Teil 
aus Schottkys Aufzeichnung (1815—22), Blau Schwanke und Sagen aus dem 
mittleren Böhmerwalde, auf die wir noch einmal zurückkommen, Kaindl Friedhof- 
verse aus dem Inntal Die übrigen Beiträge sind dem Volksliede gewidmet: 
Blüm ml ergänzt Binders Arbeit über den Balladendichter Vogl (1907) durch 
Hinweise auf Vogls Volksliedbearbeitungen, sein Fortwirken im Volksliede und 
seine Bemühungen um das Volkslied und teilt Koplhubers Gedicht Pudlhaubnteufl 
und Rehmanseders Lied auf die Pariser Kommune von 1871 mit. Kohl und 
Pirkl tragen Tiroler Hochzeits- und Primizlieder zu Kohls Monographie nach: 
Worresch schildert Hochzeitsgobräuche aus dem mährischen Ober-Fröschau, 
Moses das Lichtmesssingen in Niederösterreich, ürban das Todaustragen im Eger- 
lande; Adrian veröffentlicht eine Salzburger Variante der 'Pinzgauer Wallfahrt, 
Kralik eine deutsch-böhmische der 'dummen Lisi' (Erk -Böhme, Liederhort 
nr. 1741), Meisinger kleine Beiträge aus Baden, darunter Bechsteins Gedicht 
'Die Abendwölkchen prangen" (1836) aus dem Volksmunde im Wiesentalc auf- 
genommen. Der Band ist gleich den voraufgehenden dei- 'Quellen und Forschungen' 
vortrelflich ausgestattet. 

Berlin. J- Bolte. 

Josef Schiepek, Der Satzhau der Egerläiidor .Miindarr, erster und zweiter 
Teil. Prag, A'erlag des Vereines für Geschichte der Deutschen in 
Böhmen 1899-1908. XXVI, 610 (1—206 + 207-610)8. gr. 8». (Bei- 
träge zur Kenntnis deutsch- böhmischer Mundarten im Auftrage des 
Vereines für (Jeschiclite der Deutschen in Böhmen lisg. von Hans 
Lambel 1). 

Sind wir schon über die Syntax der deutschen Schriftsprache nicht so gut 
unterrichtet wie über andere Kapitel unserer Grammatik, so fehlte es bis vor 
kurzem nahezu völlig an Arbeiten über die Syntax der Volkssprache. Seither 
haben wir eine Reihe schätzbarer Untersuchungen syntaktischer Art über be- 
stimmte Dialekte erhalten, unter denen mir Schiepeks 'Satzbau der Egerländer 
Mundart' die sorgfältigste, eingehendste und reichhaltigste zu sein scheint. Den 
Ausgangspunkt seiner Darstellung bildet die Mundart von Plan, eine der ünter- 
raundarten des nordgauischen (oberpfälzischen) Dialektes in Böhmen. Mit gutem 
Grunde hat sich aber der Verfasser nicht auf die Mundart des Egerlandes beschränkt, 
sondern er hat auf Schritt und Tritt, namentlich im zweiten Teil, die bayrisch- 
österreichischen, nicht selten auch die anderen deutschen Mundarten zum Vergleich 
herangezogen und so seinem auch äusserlich stattlichen Buch eine weit über das 
lokale Interesse hinausragende allgemeine Bedeutung verliehen. 



"240 Notizeu. 

Der Kern des Werkes liegt in der erschöpfenden Untersuchung der Wort- 
klassen, die mehr als vierhundert Seiten füllt. Vorausgehen feine Beobachtungen 
über das Tempo der Rede und die Betonung sowie ein instruktives Kapitel über 
die Satzformen, aus dem nur die zutreffende Bemerkung angeführt sei, dass Neben- 
sätze zweiter und dritter Ordnung, überhaupt kompliziertere Satzgebilde in der 
Mundart nicht so unerhört sind, wie man gewöhnlich meint. Die letzten Ab- 
schnitte handeln über Kongruenz, Verneinung, Wortstellung, Sparsamkeit und 
Fülle des Ausirucks. Zäher Fleiss, reiche Belesenheit, besonnenes Urteil, un- 
gewöhnlicher Scharfsinn stehen dem Verfasser zu Gebote. Natürlich lässt sich 
Schiepeks Auffassung mancher syntaktischer Erscheinungen bestreiten, und bis- 
weilen sind mir seine Distinktionen gar zu subtil. Aber derlei kritische Ein- 
wände wollen wenig besagen. Man kann dem Verein für Geschichte der Deutschen 
in Böhmen zu diesem von ihm subventionierten Werke nur Glück wünschen. 

Berlin. Hermann Michel. 



Notizen. 



R. Basset, Rapport sur les etudes herberes et haoussa 1902—1908, presentc au 15*^^ 
consres des orientalistes. Alger, A. Jourdan 1909. 22 S. (Revue africaine 1908, nr. 270 
bis 271). 

H. Delehaye S. J., Die hagiographischen Legenden, übersetzt von E. A. Stückel- 
herg. Kempten und München, J. Kösell907. IX, 233 S. 8«. — Das bereits oben IG, 123 
charakterisierte tüclitige Werk des gelehrten Bollandisten, das nunmehr in einer im ganzen 
gehmgenen Verdeutschung vorliegt, ist besonders wertvoll dadurch, dass es für die 
Legendenkritik feste Grundsätze aufstellt und nach dem Masse der aus mündlicher und 
schriftlicher Überlieferung stammenden Ausschmückungen, Erlindungen und Fälschungen 
sechs Klassen von Heiligenleben unterscheidet. Nüchtern prüft D. die Versuche Ruinarts 
imd Leblants nach, die Acta sincera aus der übergrossen Schar der Märtyi-erlegenden aus- 
zulesen, hebt die Analogien in der Geschichte der Märchen- und Sagenstoffe, im heid- 
nischen Heroen- und Reliquienkult hervor, überall eine Fülle lehrreicher Beispi^-le bei- 
bringend, wendet sich aber zugleich gegen die allzurasche Annahme des Fortlebens 
heidnischer Mythologie; wenn Usener in der h. Pelagia nichts anderes als die Göttin 
Aphrodite zu erkennen meinte, so erscheint für D. die Entstehung dieser Legende in 
durchaus anderem Lichte. 

H. Di eis, Beiträge zur Zuckungsliteratur des Okzidents und Orients II: Weitere 
griechische und aussergriechische Literatur und Volksüberlieferung. Abb. der Berliner 
Akademie 1908 (erschienen 1909'. 130 S. 4". — Dem oben 18, 231 erwähnten Traktat des 
Melampus jieqI .Ta^.ficöv folgen hier neben Nachträgen aus griechischen Hss. reiche Mit- 
teilungen über russische, serbische, bulgarische, rumänische, arabische, hebräische, tür- 
kische und indische Zuckungsbücher, die vollständig verdeutscht werden. Aus Deutsch- 
land, England und Frankreich sind wohl manche analoge Deutungen solcher unwillkürlichen 
Zuckungen bekannt, aber keine so ausführliche Liste. 

V. Dingelstedt, The Swiss abroad (Scottish geographica! magazine 1909, march 
p. 12G-137). 

F. Falk, Die Ehe am Ausgange des Mittelalters, eine kircheu- und kulturhistorische 
Studie (Erläuterungen zu Janssens Geschichte des deutschen Volkes 6, 4). Freiburg i. B., 
Herder 1908. VIII, 9G S. 2,G0 Mk. — Durch eine fleissige Sammlung von Auszügen über 
die Brauttür an mittelalterlichen Kirchen, Ring, Schleier und Gürtel, bürgerliche Vor- 
rechte der Verehelichten, die Ehestandsschriften, Erbauungs- und Frofaiihteratur usw. 
sucht F. die Ansicht zu widerlegen, als sei die nnttelalterliche Kirche dem Werte der 
Ehe nicht gerecht geworden. Dass er dabei etwas einseitig verfährt und nur aufzählt^ 
was zum Ruhme der katholischen Kirche dient, gibt er S. 91 selber zu; doch auch wer eine 
objektive Erwägung der ganzen Frage vermisst, wird den sittengeschichtlichen Wert des 



Notizen. 241 

hier vereinigten Materialos, z. B. über das Losbitten von Verbreclieru durch Jungfrauen 
(S. 18), die Ausstattung armer Bräute (S. 52), die Aufforderung, reuige Sünderinnen zu 
ehelichen (S. 60. 63 f.), anerkennen. 

H. Gaidoz, Du changement de sexe dans les contes celtiques (Revue de Thistoire 
des religions 57, 317 — :v^)2). — G. übersetzt das 1907 von Kiino Meyer herausgegebene 
irische Märchen vom Abt von Drimuagli aus dem 15. Jahrhundert und erläutert die IMotivo 
des Einschlafens auf dem Feenhügel und der Verwandlung in ein Weib aus der irischen 
und andern Literaturen. 

R. Galle, An der Wiege des biblischen Geschichtsunterrichts und Luthers Passional- 
buch (Mitt. der Ges. f. dtsch. Erziehungs- und Schulgeschichte 17, 175 -ioö). — Die 1529 
von Luther zum Unterricht der Kinder u. d. T. 'Passionalbuch' herausgegebenen 49 
biblischen Bilder mit Sprüchen bieten nicht etwas absolut Neues, sondern stehen in Zu- 
sammenhang mit einer grossen, hier eingehend geschilderten Gruppe mittelalterlicher 
Bearbeitungen der biblischen Erzählungen für die Laienwelt (Biblia paupevum, Speculum 
salvationis humanae, Passionale). 

A. van Gennep, Über den historischen Wert der Volkskunde (Internationale 
Wochenschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik hsg. von Paul Hinneberg [Berlin, 
ScherlJ 30. Januar 1909, Sp. 129— 13()). — Der Aufsatz beschäftigt sich in erster Reihe 
mit der wichtigen Fra'ge, wie lange mündliche Tratitionen im Volke fortleben. Eine 
Antwort darauf ist vorläufig nicht mit Sicherheit zu geben; die Kulturvölker scheinen sich 
anders zu verhalten als die Naturvölker. Auffallend kurzlebig ist nach den Forschungen 
von P. Sebillot (Folk-lore de France, Bd. 4. 1907) die mündliche Tradition in Frankreich. 
Gennep hat mehrere Genealogien von Königsfamilien bei Naturvölkern verglichen und ge- 
funden, dass diese Genealogien sich höchstens auf sechs bis zehn Generationen erstrecken, 
während die weiteren von den Eingeborenen selbst als mythisch gedeutet werden. Sach- 
liche i'berlieferungen (Technik, Ritus) sind im allgemeinen zäher: in Savoyen konnte man 
in jedem Bauernhaus noch vor der Benutzung der Wasserfälle für elektrisches Licht Öl- 
lampen sehen, die der Form nach den römischen glatten Lämpchen völlig gleichen. \\ enn 
der Verfasser zum Schluss meint, dass vielleicht von der experimentellen Psychologie 
für derlei Studien Beistand zu erwarten sei, so halte ich diesen Rekurs für ganz aus- 
sichtslos. (H. Michel.) 

H. Gloede, Märkisch-pommerschc Volkssagen, Erzählungen, Sitten und Gebräuche. 
Beiträge zur märkisch-pommerschen Volkskunde. Leipzig, 0. Lenz 1907. 99 S. 8". 1 Mk. — 
Aus gedruckten Quellen und aus mündlicher Überlieferung träüt G. eine Reihe neu- 
märkischer und vorpommerscher Ortssagen, in denen neben den bekannteren Motiven auch 
Eulenspiegel und der Markgraf von Schwedt eine Rolle spielen, zusammen; dazu Weih- 
uachts , Silvester-, Oster- und Piingstgebräuche. 

K. Held mann, Mittelalterliche Volksspiele in den thüringisch -sächsischen Landen. 
Halle, 0. Hendel 1908. .58 S. 1 Mk, (Nenjahrsblätter der Histor. Kommission f. d. Prov. 
Sachsen 32). — Warme Empfehlung verdient diese inhaltreiche und übersichtliche 'Skizze', 
zumal der durch seine Untersuchungen über die Rolandbilder bekannte Vf. sie mit aus- 
führlichen, fast ein Drittel des Heftes einnehmenden Anmerkungen ausgestattet hat. Vier 
Abschnitte schildern die altgermaniscben Volksspiele, den Einfluss der Kirche, die Kampf- 
spiele des Mittelalters nebst den städtischen Pfingstspielen der Tafelrunde, des Rolands, 
Grals und den Schützenfesten, endlich die Glücksspiele (Würfel, Schach, Pillicke, Karten, 
Lotterie) bis ins 16. Jahrhundert hinein. Auf die Jahrzeitfeste der Landleute und die 
Kinderspiele geht H. kaum ein, zieht aber auch die Überlieferungen über ober- und nieder- 
deutsche Landschaften heran und verwertet viele Notizen aus Urkundensammlungen und 
Visitationsprotokollen. Zu S. 9 vgl. noch Bilfinger, Zeitrechnung der alten Germanen 
1899—1901; zu S. 27 Gehrke, Danzigs Schützenbrüderschaften 1895; zu S. 35 P. Rollos, 
Vita Corneliana 1639 ur. 11 (Tafelschiessen). 

A. Helhvig, Verbrechen und Aberglaube, Skizzen aus der volkskundlichen Krimi- 
nalistik. Leipzig, Tcubner 1908. VII, 139 S. geb. 1,25 Mk. (Aus Natur imd Geistes- 
welt 212). — Über die traurigen Folgen des Volksaberglaubens, von denen die Zeitungen 
fast in jeder "Woche zu berichten haben, macht sich der Laie trotzdem kaum eine zu- 
Zeitsclir. d. Vereins f. Volkskunde. 1909. K) 



242 



Notizen. 



treffende Vorstellung. Haben schon Kriminalisten wie Gross und Löwenstimm die Kenntnis 
dieses Gebietes als notwendig für die Juristen bezeichnet, so werden diese sowohl wie 
die P^eunde der Volkskunde die über&.ichtliche Zusammenstellung dankbar begrüssen, die 
ein kenntnisreicher und eifriger Forscher aus Akteu, brieflichen Mitteilungen und Zeitungs- 
berichten der letzten Jahre über moderne Hexenprozesse, Vampirglauben, Besessene, 
Wechselbälge, Sympathiekuren, Gesundbohreu, Menschenileisch und Blut alä Heilmittel, 
Tütenfetische, Wahrsager, verTDorgene Schätze, Bauopfer, Prozeßtalismane, Meineids- 
zeremonie, Kinderraub durch Zigeuner hier vorlegt. 

M. Hirschfeld, Über die Geschichte des Alkoholismus (Mitt. z. Geschichte der 
Medizin und der Naturwissenschaften 8, 240-245. Hamburg, f;. Voss 1909). 

Reinh. Hofmann, Justus Moser, der Vater der deutschen Volkskunde (Mitt. des 
V. f. Gesch. von Osnabrück :V2, 72— IGT). 

K. Lohmejer, Zur Kulturgeschichte der Saargegend, 2<) S. (aus der Saarbrücker 
Zeitung 1908). — Über Heilmittel aus Hss. seit dem 17. Jahrhundert, Ortssagen, Gebräuche, 
Redensarten und Kiuderreime. 

G. Maders in der Österreichischen Alpenpost 1908, Nr. 1 — 14 erschienene Ab- 
handlung ist ein Plagiat aus M. Höflers Arbeit 'Das Jahr im oberbayrischen Volksleben' 
(Beiträge zur Anthropologie Bayerns 13. 1899). [M. H.] 

R. Neumann, Aus Leben, Sage und Geschichte der Eibe. Progr. Bautzen 1908. 
31 S. 4». 

A. Olrik. Fra dansk folkemindesamling, meddelelser og spörsmäl. Kobenhavn, 
Schubothe 1908. 11.') S. 8". (Danmarks folkeminder nr. 1). — Die dänische volkskund- 
liche Sammlung, die seit 1905 in einem Räume der Kopenhagener k. Bibliothek unter- 
gebracht ist, enthält Sv. Grundtvigs, Feilbergs, Kristensens u. a. reichhaltige, gegen 
600 Bände umfassende Aufzeichnungen von Liedern, Sagen und Gebräuchen. Ihr Vor- 
steher Axel Olrik, der die Vermehrung und wissenschaftliche Bearbeitung dieses hsl. 
Materials trefflich organisierte, hat nun einen Verein ins Leben gerufen, dessen Mitglieder 
gegen einen Jahresbeitrag von 3 Kronen verschiedene Publikationen 'dänischer Volks- 
überlieferungen' erhalten. Das vorliegende erste Heft berichtet anschaulich über die bis- 
herige Forscherarbeit, stellt eine Reihe von P'ragen über Feste, Bräuche, Aberglauben, 
Spiele und Melodien und teilt kleinere und grössere Proben volkskundlicher Arbeiten mit; 
ich nenne darunter Th. Gravlunds Schilderung der Seeländer, F. Knudsens Drei- 
ballspiel, M. Kristensens Verzeichnis von Ortsnamen und von sagenberühmten Steinen 
und Steinhäufungen. Verschiedene Ortschaften, Sänger, Zigeuner und Gelehrte werden 
im Bilde vorgeführt. 

Geschichten, das sind warhaü'tige und über alle Maßen possierliche oder anmuthige 
Fratzen, von dem wunderbarlichen, sehr alten und wcitbeschrienen Gespenste, dem Rübe- 
zahl . . . denen Begierigen vormahls theilhafftig gemachet durch M. Johannem Prae- 
torium, nunmehro aber für den curiösen Liebhaber auffs Neue an Tag gegeben durch 
den Insel-Verlag zu Leipzig im Jahr 1908. 1 Bl. + 123 S. 4", geb. 10 Mk. — Der Titel 
des schmuck ausgestatteten Büchleins lässt einen vielen erwünschten Abdruck der für die 
ganze Rübezahlsage so wichtigen Schriften des Prätorius 'Daemonologia Rubinzalii' (1662) 
und 'Satyrus etymologicus" (^1668) vermuten; leider aber hat der Herausgeber Paul Ernst, 
der in seinem Nachworte wissenschaftliche Zwecke durchaus ablehnt, sich auf eine Aus- 
wahl von 124 Historien beschränkt. Es fehlen fast ebensoviele Nummern, nämlich, wenn 
ich richtig gezählt habe, 100 aus den drei Bänden der Daemonologia und 16 aus dem 
Satyrus, welche zum Teil Wiederholungen derselben Motive oder Geschmacklosigkeiten 
enthalten oder sichtlich auf eigener Erfindung des Prätorius beruhen; gestrichen sind 
ausserdem manche langweiligen gelehrten Erläuterungen. Immerhin hätte bei dieser 
Anpassung an den heutigen Geschmack der Text sorgfältiger behandelt werden können; 
S. 2 steht 1556 statt 1656, S. 8 1.542 statt 1642, S. 4 Apulegum statt Apulejum usw. Ein- 
geschaltet sind die rohen Holzschnitte aus dem Anhange zu C. G. Lindners Reisen auf 
das Riesengebirge (1736). Das Nachwort charakterisiert Prätorius als eine dichterische 
Natur von einer seltenen Tiefe und Schönheit der Empfindung und redet weitschweifig 
von dem, was man in Fachkreisen niedere Mythologie nennt, ohne von Zarnckes Artikel 



Notizen. 243 

über Prätorius in der AdB. oder Zacliers Nachweisen seiner Vorläufer (oben IG, 473) 
Notiz zu nehmen. Wenn dagegen der kürzlich erschienenen fleissigon Bibliographie von 
H. Hayn 'J. Prätorius und seine Werke- (Zs. f. Bücherfreunde 12, 78-87) das Prädikat 
musterhaft erteilt wird, so scheint mir das etwas zu günstig geurteilt. 

Pt. Reichhardt, Die deutschen Feste in Sitte und Brauch. Jena, H. Costenoble 1908. 
-200 S. S°. — Eine reichhaltige, aber etwas flüchtige Zusammenstellung über die Bräuche, 
Spiele und Aberglauben des festlichen Jahres, von den Herbstfesten an bis auf die Ernte- 
zeit, aus der volkskundlichen Literatur und eignen Jugenderinnerungen geschöpft. Der 
Vf. 'hat ein weiteres Publikum im Auge und will keine historische Entwicklung oder be- 
stimmte topographische Ordnung geben, wie er auch auf Register und Quellenangaben 
verzichtet. Dass manche neuere Forschung über den Rummelpott, die Palmpaaschen, die 
Ostergöttin (Kluge, Zs. f. Wortf. 2, 42), die Burschenvereine, das Naumburger Kirschen- 
fest u. a. übersehen ward, soll dem Buche nicht schwer angerechnet werden: leider aber enthält 
es neben veralteten mythologischen Deutungen auch störende Versehen, wie S. 22 Uhlands 
Volkslieder als dessen Dichtungen aufgefasst, 2r. ein Buch Mannhardts 'über die Korn- 
dämonen', b^ pfeffern von den Pfefferkuchen abgeleitet, 1:17 H. Mittenweiler statt Heinrich 
Wittenweiler, 186 'uralte Wendenmythologie' statt Mythologie der Vedas. 

A. J. Reinach, Le pain d'Alesia (Pro Alesia, revue mensuelle des fouilles d'Alise 2, 
nr. 14-15). Paris, A. Colin lit07. IG S, 8". — Ausgehend ' von zwei in Alesia um 429 
durch das Bettstroh des h. Germanus und von ihm gereichte Brote bewirkten Kranken- 
heilungen, die sein Biograph berichtet, handelt R. über den vermutlich aus heidnischer 
Zeit stammenden 'praepinguis panis' und den alten Kult der Fruchtbarkeitsgöttinnen von 
Alesia (Alaisiagae), der vielleicht in der Legende der h. Regina fortlebt. 

K. Reuschel, Die Sage vom Liebeszauber Karls des Grossen in dichterischen Be- 
handlungen der Neuzeit (Philolog. u. volkskundliche Arbeiten K. Vollniöller dargeboten 
1908, S. ."^71-389). — Mustert die Dichtungen F. Schlegels, W.Müllers, Longfellows, 
Linggs u. a, vom Ring Fastradas bis auf G. Hauptmanns Schauspiel 'Karls Geisel', nachdem 
er die Entwicklung der alten Sage nacii Pauls, G. Paris und Teicbmann skizziert hat. 
Nyrops Büchlein über Toves Zauberring (oben 17, 330) ist ihm leider entgangen. 

G. Salzberger, Die Salorao-Sage in der semitischen Literatur, ein Beitrag zur 
vergleichenden Sagenkunde. Berlin -Nikolassee. M. Harrwitz 1907. 129 S. 2,80 Mk. — Der 
vielgestaltige und weitverzweigte Sagonkomplex, der sich im Orient und Okzident um die 
Gestalt des Königs Salomo krystallisiert hat, ist von einem Einzelneu kaum zu bewältigen. 
Um so dankenswerter ist das Unternehmen eines jungen Arabisten. die hebräischen und 
arabischen Sagen bis zur Zeit der Kreuzzüge aus gedruckten und hsl. Quellen zu sammeln. 
S. bietet zunächst einen historischen Überblick über die Entwicklung der unter persischem 
(Dschamschtid) und griechischem Einfluss entstandenen jüdischen Tradition und der aus 
gleichen Quellen genährten arabischen Sage, die weiter auf die Äthiopier und die spanischen 
Juden einwirkte, und zeigt, wie der Held hierbei die verschiedensten Gestalten annimmt 
und bald als der reichste und weiseste König, Gebieter der Geister, Muster der Gottes- 
furcht erscheint, bald als übermütiger Tyrann gestraft oder von einem Schelm überlistet 
wird. Er führt dann (S. :53— 129) eingehend in systematischer Reibenfolge die Erzählungen 
von Salomo bis zur Höhe seines Ruhmes (Geburt, frühzeitige Weisheit, Künigswahl, Herr- 
schaft über die sichtbare und die Geisterwelt) vor, mehrere arabische Texte zum ersten 
Male edierend und übersetzend. Die Abschnitte über Salomos Bauten, Reisen, Fall und 
Tod verheisst er in einiger Zeit folgen zu lassen. Liegen uns die jüdisch -arabischen 
Traditionen so geordnet uud gesichtet vor, dann wird es endlich möglich sein, die Quellen 
der seit dem 13. Jahrhundert reicher ausgebildeten europäischen Salomosagen festzustellen. 

Erich Schmidt, Ein Skizzenbuch Otto Ludwigs (Sitzungsberichte der Berliner 
Akademie 1909, 223—244). — Enthält auf S. 235-238 eine genaue Schilderung einer 
Maaenhofer Bauernhochzeit, die L. 1845 zu seiner Skizze -Schulmeisterleben' nutzte: ein 
meissnisches Gegenstück zur westfälischen Hochzeit in Immermanns 'Münchhausen'. 

E. Söffe, Vermischte Schriften. Brunn, F. Irrgang 1909. VII, 242 S. — Neben 
Studien über das englische Drama Mucedorus, Goethes Clavigo, Alfred Meissner und 
F. V. Saar enthält diese Sammlung willkommene Abdrücke von zwei Arbeiten zur Volks- 

IG* 



24,4 Notizen. 

dichtung: S. J— 2(J das Königslied (1901) und 52—122 das Raigerner Liederbuch (.181)7). 
Das erste ist ein dramatisch dargestellter Dialog zwischen König und Tod in der fünf- 
zeiligen Lindenschmidstrophe, aufgezeichnet in Siebenbürgen; das 1745 von dem Bene- 
diktiner Paul Harlacher angelegte Liederbuch enthält 15 deutsche und 8 lateinische 
Lieder, darunter das Canapeelied, die Belagerung von Prag 1744, Wachtelschlag, Schäfer- 
gesang u. a. 

I;. Spence, The Popol Vuh, the niythic and heroic sagas of the Kiches of Central 
America. London, D. Nutt 1908. 6?» S. U;». C. d. (Populär studies in mythology, romance 
and folklore 16). 

E. Stack, The Mikirs, edited, arranged and supplemented by Sir Ch. Lyall. 
lUustrated. London, D. Nutt 1908. XIX, 183 S. 8". 7/6. — Die aus den hinterlassenen 
Papieren des 1887 verstorbenen Verf. bearbeitete Schilderung der am Brahmaputra in 
Assam wohnenden Mikirs ist in derselben Weise gruppiert wie Hodsons oben S. 122 erwähnter 
Band derselben Serie; nur hat der Herausgeber noch ein 7. Kapitel über die Stellung des 
Mikirischen in der tibetobirmanischen Sprachenfamilie hinzugefügt. Uns interessieren 
insbesondere die durch Stack aufgezeichneten Märchen, von denen hier drei S. 44 mit- 
geteilt werden: ein Kettenmärchen von allerlei Unglück, das durch einen trotzigen Frosch 
verursacht wird; der Witwensohn, eine Variante zu 'List und Leichtgläubigkeit' (Grimm 
nr 61) und Harata Kunwar, der die Schwanjungfrau gewinnt. Die auf S. 70 erzählte 
Schöpfungssage erinnert in ihrem Schlüsse an den Turmbau zu Babel. 

Mebmed Tevfiq, Ein Jahr in Konstantinopel, fünfter Monat: die Schenke oder 
die Gewohnheitstrinker von Konstantinopel. Nach dem Stambuler Druck von 1300 h. zum 
erstenmal ins Deutsche übertragen und durch Fussnoten erläutert von Th. Menzel. 
Berlin, Mayer iV Müller 1909. VI, 155 S. 8". 4 Mk. (Türkische Bibliothek hsg. von 
G. Jacob 10). — Wie in den früheren Bänden seines Werkes (oben 16, 457) entwirft der 
1843 geb. Verfasser eine treue Schilderung des türkischen Volkslebens. Trotz des 
religiösen Verbotes spielt der Alkoholgenuss bei den Muhammedanern eine grosse Eolle, 
wie auch die persischen Trinklieder kaum alle mit süfischer Mystik als blosse Ver- 
herrlichung überirdischer Erkenntnis gedeutet werden dürfen. In den zumeist von 
Griechen gehaltenen Schnapsschenken Konstantinopels, deren Namen, Wahrzeichen und 
Inventar umständlich beschrieben werden, verkehren nur Soldaten und Handwerker, die 
bei Streitigkeiten oft zum Messer greifen; Wohlhabende betrinken sich daheim: ausserdem 
gibts auch wandernde Schnapsverkäufer. Der Übersetzer hat ausser Einleitung und Fuss- 
noten auch Tevfiks Selbstbiographie und Schriftenverzeichnis beigefügt. 

E. Tiedt, Witziges und Si)itzigps, Sinniges und Inniges in Spruch und Nam, auf 
Haus und Kram, gesammelt und gesichtet. Stuttgart, E. IL Moritz [1908]. VIII, 24(1 S. 
4 Mk. — Kein gelehrtes, aber ein unterhaltsames Buch. Im Gegensatz zu früheren 
Sammlungen volkstümlicher Inschriften an Haus und Gerät zieht T. zugleich die Namen 
von Gebäuden, Anstalten, Glocken, Schiffen usw. heran und berücksichtigt auch die 
modernste städtische Inschriftdichtung, aus dem grossen Stoffe nur das Interessanteste 
herausgreifend und das bunte Durcheinander der verschiedenen Zeiten und Länder durch 
einen erläuternden Text geschickt verbindend. Gegliedert ist das Material in 17 Ab- 
teilungen (Haus — Waffen). Freilich vermisst man besondre Quellenangaben und Berück- 
sichtigung der in germanistischen und volkskundlichen Zeitschriften niedergelegten 
Forschungen, z. B. S. 79 über Totenbretter, 11 Wir bauen hier so feste, 41 Ich leb und 
weiss nicht wie lang, 43 Ci git le fils, ci git la mere, von einzelnen Versehen oder Druck- 
fehlern zu schweigen. 

H. Vollmer, Ein deutsches Adambuch, nach einer ungedruckten Hs. der Hamburger 
Stadtbibliothek aus dem 15. Jahrh. hsg. und untersucht. (Progr. des Johanneums zu 
Hamburg 1908 ) 51 S. — Von der bei den Orientalen und Abendländern des MA. weit- 
verbreiteten Logende über Adams Leben teilt V. eine Prosafassung aus der illustrierten 
Goezescheu Historiei.bibel mit, die im 15. Jahrh. in Bayern oder Österreich nieder- 
geschrieben ist. Sie ist aus einem gereimten Texte der mhd. Weltchronik aufgelöst und 
aus der Vita Adae, Comestor, Enikel und Wolfram interpoliert. Sorgsame Anmerkungen 
beleuchten ausführlich das Verhältnis zu andern Sagcnüberlieferungcn. 



Briiuuer: Protokolle. 245 



Aus den 

Sitzungs-Protokolleii des Vereins für Volkskunde. 



Freitag, den 22. Januar 1909. Der Vorsitzende, Geheimrat Roediger, 
erstattete den Jahresbericht für 1908. Mit Worten des Dankes teilte er mit, dass 
das Kultusministerium wie bisher einen Zuschuss von GOO Mk. zur Herausgabe der 
Zeitschrift gewährt habe. Das Hauptereignis des Jahres war der anfangs Oktober 
hier stattgehabte Verbandstag deutscher Vereine für Volkskunde. Die hierfür auf- 
gewendeten Kosten wurden der Vereinskasse durch private Sammlung unter Vereins- 
mitgliedern ersetzt. Der Vorsitzende sprach diesen opferwilligen Gönnern den 
wärmsten Dank aus, ebenso dem bisherigen Schatzmeister, Herrn Bankier Hugo 
Ascher, für seine langjährige treue Mühewaltung. — Der jetzige Schatzmeister 
Herr Dr. Max Fi e bei körn erstattete den Kassenbericht und teilte mit, dass die 
Deutsche Bank dem Verein ein Konto eröffnet habe. — Herr Stadtverordneter 
H. Sökeland teilte mit, dass zu Pfingsten d. J. in Taufkirchen bei Schärding 
a. Inn ein österreichisches Trachtenfest stattfinden soll. Dann legte er einige 
Gegenstände vor, welche Frau Prof. M. Andree in München der Königl. Sammlung 
für Volkskunde überwiesen hat, nämlich eine grosse kegelförmige Wollmütze aus 
Südtirol, die jetzt nur noch von wenigen alten Frauen bei feierlichen Anlässen 
getragen wird. Ferner einige Totenkronen aus Tirol und Zeitz, die in Toten- 
kapellen niedergelegt waren. Während die zwei grösseren denen entsprechen, 
welche sich in norddeutschen evangelischen Kirchen als Erinnerung an Verstorbene 
aufgehängt vorfinden, ähnelt ein kleines Krönchen aus grünem Drahtwerk von 
Zeitz den hier und da auch als Brautkronen bezeichneten Stücken. Eigentümlich 
war es, dass in Zeitz sich 18 solcher kleinen Kronen für eine einzige Verstorbene 
niedergelegt fanden. Dann wurden zwei sog. schmerzhafte Rosenkränze aus Bayern 
vorgelegt und erläutert, die Herr Dr. Hahn und Frau Prof. Andree der Königl. 
Sammlung gestiftet hatten. Weitere Mitteilungen des Herrn Sökeland bezogen sich 
auf die Satorformel. Ein auf Schafleder geschriebenes Exemplar in der Sammlung 
Spiegclhalder zu Lenzkirch im Schwarzwalde war dazu bestimmt, die Feuersbrunst 
abzuwehren. Zu gleichem Zwecke warf man auch Teller mit dieser Aufschrift ins 
Feuer und verwandte mit obrigkeitlicher Begünstigung sog. Tolltafeln mit ein- 
geschnittenen Zeichen. Eine im Besitz der Königl. Sammlung für deutsche Volks- 
kunde befindliche Tolltafel mit eingekerbter verstümmelter Satorformel, die aus 
Jeseritz, Kr. Berent in Westpreussen stammt, wurde dazu benutzt, Teig darauf 
abzudrücken, um ihn nach dem Backen gegen den Biss toller Hunde zu verzehren 
(vgl. Verh. d. Berliner anthrop. Gesellschaft 1880). Ein aus dem Zillertale in 
Tirol stammender 'Benediktus- Pfennig' soll Bezauberungen von Menschen und 
Vieh verhindern, wie auch der 'Geistliche Schild' angibt, eine gedruckte Sammlung 
abergläubischer Vorschriften, die nebst einem Gebetbüchlein an die heilige Corona 
neuerdings in München erworben wurde. Ferner besprach Herr Sökeland kurz 
einen in Berlin gekauften Sammelband: 'Das 6. und 7. Buch Mosis, Das siebenmal 
versiegelte Buch der grössten Geheimnisse, Geheime Kunst- Schule magischer 
Wunderkräfte, Romanus-Büchlein, Kngelhülfe zu Schutz und Schirm in grossen 
Nöthen, Das heilige Sales-Büchlein oder die Glücks-Ruthe, Der wahrhaftige feurige 



246 Bruuuer: 

Drache'. Schliesslich legte er einen sog. Brauchebaum vor, d. i. ein Stück eines 
jungen Baumstammes aus Neukirchen bei Ziegenhain, in welchen eine Krankheit 
verpflöckt worden ist (vgk Verh. d. Berliner anthrop. Ges. 1884). — Herr Geheimrat 
Friede! erwähnte in der anschliessenden Besprechung ein aus seiner Familie 
stammendes Jungfernkrönchen, welches der kleinen grünen Totenkrone von Zeitz 
entspreche, und ein aus Ruppin stammendes Tollholz von Eibenholz, das früher 
im Märkischen Museum vorhanden war. Herr Robert Mielke erinnerte an den 
in der Mark verbreiteten Gebrauch, das bei Todesfällen alle Genossen des Ver- 
storbenen ein Andenken, z. B. Bänder für eine Totenkrone, zu stiften pflegen. 
Herr Prof. Bolte wies auf das geschriebene Coronabüchlein hin, das in dieser 
Zeitschrift 15, 424 besprochen ist. — Herr Robert Mielke hielt alsdann einen 
Vortrag über das befestigte Dorf. Die in Deutschland mehrfach vorkommenden 
alten Landwehren sind deshalb von grossem Interesse, weil sie mehrfach mit 
Sprachgrenzen zusammenfallen. Auch in der Mark sind solche Erdwallbauten auf- 
gefunden worden, die als Landwehren anzusehen sind. Schon in vorgeschichtlicher 
Zeit kommen Wehranlagen bei Ansiedelungen oder Dörfern vor. Bekannt sind 
solche schon aus dem 4. Jahrhundert. Im Mittelalter waren viele Dörfer mit Feld- 
toren versehen; ausserdem war jedes einzelne Gehöft für sich umzäunt. Neocorus 
spricht in seiner Chronik von Dithmarschen um 1600 von Türmen und Burgen in 
den Dörfern. Oberhessen und das Rheintal bei Frankfurt, Mainz usw. sind be- 
sonders reich an befestigten Dörfern, ferner Mitteldeutschland und Siebenbürgen. 
Bekannt sind die dortigen befestigten Kirchen und Kirchhofshäuser. Die Ver- 
pflichtung zur Mitarbeit am Bau der Dorfwehren, die oft auch aus Steinen in fast 
städtischem Charakter ausgeführt worden sind, wurde in späterer Zeit durch das 
sog. Zaungeld abgelöst. In der Mark Brandenburg sind als Beispiele von Dorf- 
wehren die von üetz im Havellande und Manker im Ruppiner Kreise anzuführen. 
Vielfach mögen allerdings auch Überschwemmungen den Anlass zu solchen Wehr- 
bauten gegeben haben. Die Ausführungen des Redners wurden durch Vorlegung 
zahlreicher Abbildungen unterstützt. — In der folgenden Besprechung des Vor- 
trages legte Herr Maurer eine Photographie der Kirche von Rauen bei Fürsten- 
walde vor, die einen wehrhaften Charakter trägt. Herr Prof. Schulze-Veltrup 
wies auf die mittelalterliche spicaria, befestigten Speicher, hin, die sich in West- 
falen auf Einzelhöfen finden, während sie in geschlossenen Dörfern fohlen. Herr 
Baurat Koerner verwies auf die Wachttürme von Gransee und Pasewalk, die 
ausserhalb der Städte stehend, dennoch nur als vorgeschobene Posten der Stadt- 
befestigung anzusehen seien. Im Werratale dagegen seien befestigte Dörfer häufig, 
in der Mark Brandenburg selten. Herr Geheimrat Roediger erwähnte keller- 
artige Speicher auf Kirchhöfen, die in Bayern als Bier- oder Wcinlager benutzt 
werden. Solche sind in der Münchener Zeitschrift Volkskunst und Volkskunde 
besprochen. Herr Mielke erwiderte, dass er in Beschränkung auf sein Thema 
Speicher im allgemeinen nicht behandelt habe, da sie nur als befestigte Punkte 
des Einzelgehöftes, nicht als Dorfwehren gelten könnten. — Herr Geheimrat 
Roediger legte alsdann eine grössere Anzahl von Abbildungen volkstümlicher 
Hausbauten aus Lückendorf in der sächsischen Oberlausitz vor. Die Lausitzer 
Wenden errichteten sich vorwiegend Blockhäuser. Später erst drang das Fachwerk 
ein, besonders in den oberen Stockwerken. Es wird oft ganz mit Brettern ver- 
kleidet, besonders am Giebel, und das oberste Stück dieser Verschalung am Giebel- 
flrst zeigt oft eine fächerartige oder schrägwinklige Anordnung der Bretter. Eine 
weitere Eigentümlichkeit dieser Häuser sind die wenig vorspringenden Ständer- 
pfosten mit oberem Bogenabschluss an der Giebelseite. Dahinter pflegt an der 



Protokolle. 247 

Hauswand ßreunholz aufgestapelt zu weiden. Zuweilen bildet derartiges Pfosten- 
werk auch an der Liingsw^and malerische Lauben, die an die preussischen Lauben- 
häuser erinnern. Herr Mielke hielt derartige, weit verbreitete Lauben für eine 
deutsche, durch Handwerker übertragene Eigentümlichkeit; die fächerartige Giebel- 
verschalung finde sich in slawischen Bezirken in der Mark und anderwärts vor. 
Herr Stadtverordneter H. Sökeland war der Ansicht, dass derartige Lauben den 
praktischen Zweck hätten, das Hineinregnen in das Blockhaus zu verhindern. — 
In der während der Sitzung erfolgten Ausschusswahl wurden die bisherigen Mit- 
glieder wiedergewählt, und zwar Fräulein Elisabeth Lemke und die Herren Verlags- 
buchhändler A. Behrend, Geheimer Regierungsrat Friedel, Prof. Dr. A. Götze, 
Dr. E. Hahn, Prof. Dr. A. Heusler, Prof. Ludwig, Oberrevisor Maurer, Schrift- 
steller Robert Mielke, Oberlehrer Dr. Samter, Geheimer Regierungsrat Prof. Dr. Erich 
Schmidt und Prof. Dr. Schulze -Veltrup. 

Freitag, eleu 26. Februar 1909. Herr Privatdozent Dr. P. Bartels legte 
einige Handschriften vor, welche den medizinischen Hausschatz einer alten Dame 
aus Lübben darstellen und in Beschwörungen, Segen und Besprechungsformeln be- 
stehen. Ein Spruch gegen Schreck, von einer alten wendischen Amme herstammend, 
zeigt, dass der Schreck als ein lebendes Wesen betrachtet wird, das durch die 
Welt zieht. Gegen den Schreck werden auch die Schwanzhaare eines Tieres ver- 
brannt. Getrocknete Kräuter, im Teller unter das Bett gestellt und dann vergraben, 
dienen dem Wohle der Kinder. Wunden und Bruch werden besprochen, Würmer 
beschworen, kranke Zähne durch Segen geheilt. Vielfach erinnern diese Volks- 
heilmittel an russische Volksmedizin, z. B. das Messen des Körpers und der 
Glieder mit Fäden, die nachher verbrannt werden, gegen Erschrecken der Kinder 
(vgl. oben 17, 169). Herr Prof. Bolte erinnerte dazu an die Bannungsorte im 
finnischen Volksglauben (oben S. 121). Herr Dr. Bartels teilte mit, dass bei den 
Wenden der Birnbaum als Sitz des Teufels gelte. — Dann sprach Herr Prof. 
Dr. R. Rodeil waldt über ein Erntefest in den Ostmarken. Das geschilderte Fest 
wurde auf einem Gute bei Tuchel in Westpreusscn gefeiert, dessen Einwohner- 
schaft vorwiegend aus Polen besteht. Es begann mit einem Aufzuge der Ernte- 
arbeiter unter einem Gesänge nach der Melodie 'Prinz Eugenius der edle Ritter'. 
Voran schritten geschmückte Mädchen mit der Erntekrone und Erntesträussen aus 
Haferähren und künstlichen Blumen; die gereimten Ansprachen, mit denen sie 
letztere den Herrschaften überreichten, stimmten in Form und Inhalt mit den Versen 
überein, welche die gabenheischenden Kinder in der Mark Brandenburg am Drei- 
königstage und zur Fastnacht brauchen. Dann tanzten die weissgekleideten pol- 
nischen Mädchen mit den 'Bengeln', d. h. Knechten in einer zum Tanzsaal ver- 
wandelten Remise und entwickelten dabei eine bemerkenswerte Grazie; auch 
Maskierte traten in galizischer Tracht auf. Redner teilte dann gereimte Ernte- 
sprüche aus Pommern mit, welche im Gegensatze zu jenen westpreussischen steif 
und unvolksmässig gehalten waren. Eine Sammlang solcher Sprüche würde inter- 
essante Ergebnisse zeitigen. In der anschliessenden Besprechung wies Herr 
Geheimrat P'riedel darauf hin, dass ähnliche Ernteansprachen ausserordentlich 
weit verbreitet seien; Herr Geheimrat Roediger und Prof. Heusler erklärten 
den vom Vortragenden beanstandeten Ausdruck 'blonde Augen' für durchaus volks- 
tümlich. — Hierauf sprach Herr Prof. Bolte über Volksfeste im 16. Jahrhundert, 
besonders Fastnachtsumzüge unter Vorlegung des Werkes 'Das Nürnbergische 
Schönbartbuch, nach der Hamburger Handschrift hsg. von K. Drescher' (Weimar 
1908). Das Schönbartlaufen (Schembart = Maske), ursprünglich ein Aufzug und Tanz 
des Schlächtergewerkcs, wurde 14.58 durch Teilnahme von Patriziersöhnen zu 



248 Urunnor: Protokolle. 

einem Fest dci- oberen Stünde. Diese suchten durch alljährlich wechselnde Nai ren- 
trachten, durch plastische Darstellungen (Hüllen) auf Wagen, die sich mehrfach 
in den Dichtungen des Hans Sachs wiederfinden, Schwerttänze u. dgl. das Interesse 
an dieser Lustbariceit immer von neuem zu beleben. Jedes Jahr wurden ein oder 
mehrere Hauptleute des Schönbarthiufcns ernannt; die Bauwerke auf den Fest- 
wagen wurden zum Schlüsse verbrannt. An die erst seit 1487 nachweisbaren 
Schwerttänze der Handwerker, insbesondere der Schmiede, knüpft sich die Frage, 
wie sie mit dem von Tacitus erwähnten Schwerttanze der alten Germanen zusammen- 
hängen, von dem das Mittelalter nichts mehr weiss. Die Vermutung liegt nahe, 
dass jene Nachricht der Germania unter dem Einflüsse der Humanisten eine 
Erneuerung des Brauches anregte, ebenso wie das 842 gehaltene Turnier zu Worms 
als eine gelehrte Wiederbelebung von Vergils Schilderung der Leichenfeier des 
Anchises anzusehen ist. Eine Nachahmung ritterlicher Heldenepik zeigt endlich 
das Magdeburger Pfingstspiel des Rolandreitens (Schildekenbom, Quintaine); aus 
der drehbaren Holzfigur, welche den von den Heiden bedrängten Roland vorstellt, 
ist dann nach Heldmanns Vermutung das auf dem Markte aufgestellte feste Rolands- 
bild hervorgegangen. Mit dem Emporkommen der Zünfte traten an Stelle der Ritter- 
spiele die Übungen mit der Armbrust, die Schützenfeste. — Schliesslich besprach 
Herr Dr. Fiebelkorn die Frage: 'Wie w^eit sind die Bestrebungen auf Heimat- 
schutz berechtigt'. Unter Hinweis auf einen Fall in Aschaffenburg, wo der Gebrauch 
von Verblendziegeln gänzlich verboten sei, betonte er, dass solche auf Heimat- 
schutzbestrebungen zurückzuführende drakonische Massregeln eine blühende Industrie 
vernichten müssen, und bittet um Unterstützung der Industrie gegenüber solchen 
Übertreibungen des Heimatschutzes. In der folgenden Besprechung der Frage hielt 
Herr Stadtverordneter Sökeland es vielmehr für Aufgabe der Stadtverwaltungen, 
durch eigene Bauten ein gutes Beispiel zu geben; die Extreme müssten sowohl 
im Heimatschutz als in der Bauindustrie vermieden werden. Herr Geheimrat Friedel 
empfahl, die Tradition zu pflegen und landesübliche Baumaterialien zu verwenden 
unter Vermeidung von Un Wahrhaftigkeit; eine so rigorose Verfügung wie die 
Aschaffenburger hielt er in Preussen für unmöglich. Dagegen war Herr Prof. Heusler 
der Meinung, dass man die Bestrebungen des Heimatschutzes nach so langer 
Unkultur und Geschmacklosigkeit freudig begrüssen müsse und auf das Gedeihen 
der Fabriken besondere Rücksicht zu nehmen keine Veranlassung habe. Herr 
Prof. Schulze- Veltrup wies darauf hin, dass es in der Hand der Stadtverwaltungen 
liege, durch Gewährung von Unterstützungen eine gewünschte Bauform herbei- 
zuführen, ohne zu scharfen Mitteln zu greifen. Herr Geheimrat Roediger hielt 
dafür, dass Verbesserungen der Baukonstruktion immer gestattet sein müssten. 
Herr Schriftsteller R. Mielke erklärte, Schädigungen der Industrie durch Neuerungen 
seien eben nicht immer zu vermeiden; im übrigen gäbe es allerdings z. B. in 
Berlin viele geschmacklose Rohziegelbauten aus neuerer Zeit,' die mit den etwa 
seit 18'SO üblichen Verblendsteinen hergestellt seien. 

Steglitz. Karl Brunner. 



Berichtigung: zu S. 126. Der Z. 7 von unten zitierte Ausspruch der alten Frau 
hat nichts mit Skapulimantie zu tun; er lautete vielmehr: „Jedes Huhn und jede Gans 
hat Zeichen, wo die Ivnochen zn lösen sind; und so ist es auch bei der Schneiderei.'' — 
E. Lemke. 



Ein Holzkalender aus Pfranten.O 

Von Karl Brunner. 

(Mit sieben Abbildungen.) 



Die Königliche Sainmhmg für deutsche Volkskunde zu Berlin ist 
kürzlich in den Besitz eiues hölzernen Kalenders gelangt, der wahr- 
scheinlich schon vor langer Zeit der ehemaligen Königlichen Kuustkammer 
überkommen war, deren Bestände bekanntlich die Grundlage der jetzigen 
Königlichen Museen bildeten. Es war bisher nicht möglich, über die 
Herkunft dieses alten Kalenders Näheres zu ermitteln; es niuss also 
versucht werden, aus dem interessanten Stücke selbst Schlüsse auf seine 
Heimat und sein Alter zu ziehen. 

Der Kalender ist aus sieben schmalen Tafeln von hellem, gut ge- 
glättetem Holze gebildet. Ihre Länge beträgt 19 bis 20 cm^ ihre Breite 
6,5 bis 7 an. Sie sind mittels zweier Lederbänder zu einem Buche von 
schmaler Form verbunden. Die beiden äusseren Tafeln stehen ein wenig 
über und tragen je zwei runde Löcher an der äusseren Längsseite, um 
mittels eines durchzuziehenden Bandes den Kalender zu verschliessen. 
Ausserdem befinden sich am Rande der hintersten Tafel an der Schmal- 
seite zwei Löcher, wahrscheinlich zu dem Zwecke, den Kalender auf- 
hängen zu können. An dieser Stelle ist das Stück durch Spaltung ein 
wenig beschädigt, während es sich im übrigen durch seine vorzügliche 
Erhaltung und völlige M'urmfreiheit auszeichnet. 

Dieses letzte Blatt des Kalenders trägt nun auf der Aussenseite die 
anscheinend vom Verfertiger selbst eingeschnittene Inschrift: Georg 
Reychart von Pfranten. Es unterliegt wohl kaum einem Zweifel, dass 
dieser Name derjenige des ersten Besitzers ist, der aus dem Orte Pfranten 
stammte. Gegenwärtig ist aber ein Ort dieses Namens nicht zu ermitteln 
gewesen, doch gibt es einen Ort Pfronten im bayrischen Allgäu, Gerichts- 
bezirk Füssen, Schwaben. Da auch sonst keine Bedenken bestehen, dem 



1) Die folgenden drei Aufsätze erscheinen gleichzeitig in den 'Mitteilungen aus dem 
Verein der Königlichen Sammlung für deutsche Volkskunde zu Berlin', Bd. 3, S. 75-112. 
Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1909. 17 



250 Brunner: 

Kalender süddeutschen Ursprung zuzuweisen, so kann vorläufig Bayern 
als seine Heimat betrachtet werden. 

Die fünf inneren Tafeln des Kalenders sind beiderseits, die beiden 
äusseren oder Umschlagtafeln aber nur an ihrer Innenseite mit Kalender- 
angaben versehen, und zwar so, dass je eine Seite für einen Monat ver- 
wendet ist. Die Betrachtung der beschnitzten Tafeln (Fig. 2 ff.) ergibt, 
dass jede in übereinstimmender Art vier Gruppen von Angaben liefert. 
Links ist ein durch senkrechte Schnittlinien abgegrenztes Feld mit An- 
gabe des Monatsnamens und der Anzahl der Monatstage, rechts oben sind 
figürliche Darstellungen mit Überschriften, darunter eine wagerechte Reihe 
von ebensoviel eingekerbten Dreiecken, als der Monat Tage zählt, und 
darunter in unregelmässigen Abständen eigentümliche und vielfach ab- 
wechselnde Zeichen in Form von senkrechten Stäben mit kurzen Quer- 
kerben, Winkeln und Kreuzen daran. Das Ganze stellt, um es kurz zu 
sagen, einen immerwährenden sog. julianischen Kalender oder 
Kalender des alten Stiles dar, mit Angabe feststehender christlicher 
Feste. 

Zur Erläuterung ist es nötig, ein wenig auf die Geschichte unseres 
Kalenders einzugehen und besonders auf die des spätmittelalterliehen 
Kalenders, dessen Form offenbar unserem Stücke zugrunde liegt. Lange 
bevor die auf die einzelnen Jahre eingerichteten Druckkalender so billig 
wurden, dass sie jeder erwerben konnte, hatte man dem Bedürfnis der 
Zeitberechnung durch immerwähreude Kalender, sei es von Holz oder auf 
Papier und Pergament, abzuhelfen gesucht. Ein Beispiel eines solchen 
Kalenders, und wohl das älteste derartige Stück, ist handschriftlich im 
'Lustgarten' (Hortus deliciarum) der Herrad von Landsperg, Äbtissin 
des Klosters Hohenburg im Elsass, aus dem 12. Jahrhundert erhalten. Aus 
dem 13. (?) Jahrhundert besitzt sodann das Germanische Museum einen 
handschriftlichen Bauernkalender auf Pergament (zum Teil abgebildet bei 
Henne am Rhyn, Kulturgesch. des deutschen Volkes 2. Aufl. 1, S. 202 f.), 
der in wesentlichen Beziehungen unserem Kalender von Pfranten ver- 
wandt ist. Schliesslich hat AI. Riegl (Die Holzkalender des Mittelalters 
und der Renaissance, Innsbruck 1888, S. 82 fP.) zwei Holzkalender mit 
übereinstimmenden Zeichen aus dem 15. und 16. Jahrhundert beschrieben, 
von denen der eine auch in der äusseren, buchartigen Form mit dem 
unseren vergleichbar ist. Auch in die gedruckten sog. Einblattkalender 
des 15. Jahrhunderts, die vorwiegend in Süddeutschland hergestellt worden 
sind, gingen die eigenartigen Zeichen über, welchen wir in unserem Holz- 
kalender begegnen (Paul Heitz, 100 Kalender -Inkunabeln, Strassburg 
1905, Taf. 80). Nahe verwandt mit allen diesen alten Kalendern sind die 
nordischen Runenkalender, die besonders in Schweden bis in das 17. Jahr- 
hundert in Gebrauch waren und sich durch die Reichhaltigkeit ihrer An- 
gaben auszeichnen. Auf ihnen finden sich neben richtic^eu Runen auch 



Ein Holzkalender aus Pfranten. 251 

solche Zeichen, wie wir sie bei den bisher erwähnten mitteleuropäischen 
Kalendern kennen lernten. E. Schnippel hat in einer umfangreichen 
Arbeit über einen Runenkalender des Oldenburger Museums in den Be- 
richten des Oldenburger Landesvereins für Altertumskunde 1883 dieses 
Thema sehr ausführlich erörtert und eine Fülle von Berechnungen und 
Literaturangaben dazu geliefert. Das "Wesentliche aller dieser Erscheinungen 
liegt nun darin, dass es sich um immerwährende Kalender handelt, deren 
Hauptzweck darin bestand, die kirchlichen Festtage zu ermitteln und dem 
Volke im Gedächtnis zu erhalten. Aus dieser Allgemeinheit des Zweckes 
erklärt sich auch ohne Mühe die weite Verbreitung der angewendeten 
Mittel, der eigenartigen Zeichen, welche eben von einem Mittelpunkte, der 
Kirche, ausgehen. 

Kehren wir nun zur näheren Betrachtung unseres Holzkalenders 
zurück, so erkennen wir, dass die mit Überschriften in deutscher Sprache 
versehenen Bilder rechts oben sich auf kirchliche Festtage beziehen, und 
dass überall da, wo die Personendarstcllungen fehlen , kennzeichnende 
Symbole vorhanden sind, welche sie ersetzen sollen. Unter dieser Reihe 
von Bildern sind die Dreiecke in wagerechter Linie eingekerbt, die in 
ihrer Zahl den Monatstagen entsprechen und welche durch verbindende 
Ijinien mit den oberen Darstellungen in Beziehung gesetzt sind. Die 
Annahme, dass es sich bei diesen Dreiecken lediglich um die Tage der 
Woche handelt, wäre berechtigt, wenn nicht jedes siebente Dreieck durch 
andersartige Ausführung und ein aufgesetztes Kreuz von den übrigen 
unterschieden wäre. Man müsste annehmen, dass es die Sonntage sind, 
die so hervorgehoben werden sollen. Dann würde der Kalender aber nur 
für diejenigen gemeinen Jahre benutzbar sein, bei denen der l. Januar 
auf einen Sonntag trifft. Das widerspricht aber der oben bereits ge- 
machten Feststellung, dass wir es mit einem immerwährenden Kalender 
zu tun haben. Zur Erklärung dieses Umstandes müssen wir die älteren 
Kalender betrachten, z. B. den bei Henne am Rhyn abgebildeten hand- 
schriftlichen Bauernkalender, dessen Original sich im Germanischen Museum 
in Nürnberg befindet liier erblicken wir ebenso wie bei andern späteren, 
auch gedruckten Kalendern, dass an Stelle der Dreiecke unter den bild- 
lichen Festdarstellungeu die sieben Buchstaben a bis g in stetiger Wieder- 
holung vorkommen. Auch hier ist ein Buchstabe (a) vor den übrigen 
hervorgehoben, und zwar durch rote Färbung. Bei den gleichfalls ver- 
wandten nordischen Runenkalendern finden wir dann an gleicher Stelle 
bestimmte Runen mit Laut- und Zahlwert gebraucht. Der Schluss, dass 
alle diese Zeichen den gleichen Zweck haben, nämlich die Bestimmung 
der Wochentage in den verschiedenen Jahren, liegt nahe. Diesem Zwecke 
dienen offenbar also auch die dreieckförmigen Einkerbungen unseres 
Kalenders, und zwar, wie gleich gezeigt werden soll, in Verbindung mit 
den darunter befindlichen eigentümlichen Zeichen. 

17* 



252 Brunner: 

Diese letzteren kehren in regelmässiger Reihenfolge, wenn auch in 
ungleichen Abständen, wieder und Ijilden ein System von 19 Zeichen, zu 
dem ich den Schlüssel bei Olaus Worm (Fasti danici, Kopenhagen 1643, 
S. 69) auffand. Es sind Zahlzeichen, und ihre Werte sind aus der hier 
beigegebenen Figur 1 ersichtlich. Ihre Reihenfolge ist immer die gleiche, 
auch bei andern derartigen Kalendern, wobei aber Yerschreibnngen nicht 
selten sind, und zwar in unserem Falle vom 1. Januar beginnend: 19. 8. 
16. 5. 13. 2. 10. 18. 7. 15. 4. 12. 1. 9. 17. 6. 14. 3. IL Es sind die 
sogenannten Goldenen Zahlen oder Güldenzahlen, die angeben, welches 
Jahr im neunzehnjährigen Mondzyklus irgend ein Jahr ist. Nach Ablauf 
von 19 Jahren erst fallen bekanntlich die verschiedenen Mondphasen fast 
genau wieder auf die nämlichen Tage des Sonnenjahres. Die Verbindung 
dieser Güldenzahlen mit den darüber befindlichen Dreieckskerben, welche, 
wie wir sahen, den sieben ersten Alphabetsbuchstaben oder Runen in 
anderen alten Kalendern entsprechen, hat E. Schnipp el 1883 S. 18 in 
so klarer Form dargelegt, .dass es nicht besser als mit seinen eigenen 
Worten gesagt werden kann: „um nun zugleich festzustellen, auf welche 

1 ? 3 ^ 5 6 ? S 9 10 II 12 13 1^ IS 16 1? 1.& 19 
Fig. 1. 

Wochentage in den einzelnen Jahren die Neumonde, Vollmonde usw. 
fallen, hat das Mittelalter ferner die Wochentage in eine regelmässige 
Beziehung zu den einzelnen Jahren des neunzehnjährigen Zyklus zu setzen 
gesucht. Es wurde zunächst das Jahr so eingeteilt, dass fortlaufend vom 
1. Januar an die sieben ersten Buchstaben des Alphabets, je von sieben 
zu sieben, die gleichen Wochentage bezeichneten, also, wenn in einem 
bestimmten (gemeinen) Jahre z. B. die mit B bezeichneten Tage alle auf 
einen Sonntag fielen, alle mit C bezeichneten Montage, die mit D be- 
zeichneten Dienstage usw. waren, oder, wenn die mit F bezeichneten 
Tage Sonntage waren, G die Montage, A die Dienstage usw. angab. B 
und F war in diesen Fällen nach der Bezeichnung des 3Iittelalters der 
Sonntagsbuchstabe- — Sodann aber wurde bei jedem in Betracht kommenden 
Jahresdatum dem betreffenden Buchstaben noch dasjenige Jahr des neunzehn- 
jährigen Zyklus beigeschrieben, in dem darauf ein Neumond fallen musste. 
Mit den güldenen Zahlen in dieser Weise das ganze Jahr hindurch ver- 
bunden, lieferten die Sonntagsbuchstaben dem Mittelalter einen völlig aus- 
reichenden Mondkalender, den sogenannten immerwährenden julianischen, 
mit dem dann auch die übrigen wissenswerten Dinge an den einzelnen 
Jahresdaten mehr oder minder leicht verknüpft werden konnten." Um 
nun diese Erkenntnis auf unseren Kalender anzuwenden, so würde das 



Ein Holzkalender aus Pfranten. 253 

durch ein aufgesetztes Kreuz hervorgehobene Dreieck den Sonntags- 
buchstaben A bedeuten, an welchen sich dann B, C usw. der Reihe nach bis 
G anschliessen. In den Jahren mit der Güldenzahl 19 träfe also nach unserem 
Kalender der erste IS^eumond des Jahres auf einen Sonntag, den 1. Januar. 
Vergleicht man unsern Kalender nun mit dem bei Ideler (Handbuch 
der mathem. u. techn. Chronologie, Berlin 1826 2, 194) aufgeführten 
immerwährenden julianischen Kalender, so bemerkt man, dass beide nicht 
übereinstimmen, indem dort der 1. Januar mit der Güldenzahl 3 versehen 
ist, wodurch natürlich die Verteilung dieser Zahlen über das ganze Jahr 
geändert ist. Diese Bemerkung führt zu der Erkenntnis, dass unser 
Kalender zu den berichtigten des alten Stiles gehört, und zwar zu jenen, 
die Schnippel S. 23 auf Samuel Krook in Upsala zurückführt, der diese 
Berichtigung im Jahre 1690 bekannt gab. Man hatte nämlich bemerkt, 
dass in^ Laufe der Jahrhunderte die wirklichen Neumonde früher ein- 
trafen als die im julianischen immerv/ährenden Kalender berechneten 
zyklischen, weil die Berechnung nicht ganz genau war. Der Unterschied 
beläuft sich in 310 Jahren auf einen Tag. Krook rückte nun zwar die 
goldenen Zahlen um je vier Stellen zurück, um dem Bedürfnis nach Be- 
richtigung für seine Zeit abzuhelfen, doch genügt diese Änderung natürlich 
nicht für immer, weshalb unser Kalender für die heutige Zeit wieder nicht 
brauchbar ist. Man hat dann die ganze Berechnungsweise geändert und 
statt der Güldenzahlen die sogenannten Epakten eingeführt. Die Kalender 
dieser Art sind die des sogenannten neuen oder gregorianischen Stiles, auf 
welche hier einzugehen, keine Veranlassung vorliegt. 

Die Termine der beweglichen Feste, so besonders das Osterfest, wurden 
vermutlich in alter Zeit von der Kanzel herab verkündigt (vgl. den Schwank 
bei Frey, Gartengesellschaft 1556 nr. 14 und Wickrams Werke 3, 375); in 
späterer Zeit, als die Kalender für kürzere Zeiträume angefertigt wurden, 
waren besondere Festtafeln für bewegliche Feste hinzugefügt. Bis in die 
neueste Zeit haben sich noch hier und da Erinnerungen an die alten immer- 
währenden Kalender erhalten, indem den Jahreskalendern Angabe der 
goldenen Zahl und des Sonntagsbuchstaben beigesetzt wurde, obwohl ihre 
Kenntnis in der Tat gar nicht mehr nötig war. Auf dieselbe Zähigkeit 
der Überlieferung in dieser Richtung weisen die ja auch noch heute auf 
unseren Kalendern erhaltenen Heiligen -Namen hin, welche doch für das 
vorwiegend protestantische Norddeutschland fast völlig entbehrlich sind. 

Was den praktischen Gebrauch unseres Holzkalenders betrifft, so 
muss angenommen werden, dass die seit alter Zeit angewendete Dar- 
stellung der Güldenzahlen durch jene eigentümlichen Zeichen ganz allgemein 
bekannt war und keiner Erklärung mehr bedurfte. Anders verhält es 
sich dagegen mit der Berechnung der Güldenzahlen für die einzelnen 
Jahre. Wenn ihre Ermittelung auch keine besondere Schwierigkeit bietet, 
so kann doch kaum angenommen werden, dass sie jedermann geläufig 



254 



Brunner: 



war, und es miiss vermutet werden, dass sie in irgend einer geeigneten 
Weise, vielleicht von den Geistlichen, jährlich bekannt gemacht wurden 
oder dass sie sich, möglicherweise in Verbindung mit einer Übersicht 
der beweglichen Feste für einen kleineren Zeitraum, als Tabelle auf einem 
besonderen Blatte in den Händen des Einzelneu befanden. 

Wir kommen nun zur Betrachtung der einzelnen Kaleudertafeln hin- 
sichtlich ihrer sonstigen figürlichen Darstellungen, welche sich oberhalb 
der bis jetzt besprochenen kalendarischen Angaben befinden und den 
kirchlichen Festkalender mit Ausschluss der beweglichen Feste enthalten. 







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Fig. 2. 



Die Monatsbezeichunngon befinden sich in genau gleicher Art auf den 
handschriftlichen und Druckkalendern des 15. und 16. Jahrhunderts, dagegen 
sind die figürlichen Darstellungen von einer gewissen Besonderheit in 
Auswahl und Ausführung. 

Jenner (Jtinuar) ol Tag: 1. Beschneidung. Diese Darstellung besteht 
aus Mann und Frau, bekleidet, und charakterisiert vor allem durch eine mützen- 
artige flache Kopfbedeckung für den Mann und eine über den Kopf der Frau der 
Haargrenze entsprechend eingekerbte Linie, welche vielleicht eine haubenförmige 
I^opfbekleidung andeuten soll. Diese Kennzeichnung wiederholt sich über fast 
alle folgenden Darstellungen. Zwischen diesen beiden Personen, den Eltern 
Christi, steht eine unbekleidete Figur, der Jesusknabe, (i. Hl. Drei Könige. 
Djei Kronen übereinander, eine häufige Darstellung dieses Tages. 17. St. An- 
tonius. Bild zweier Glocken an einem T-förmigen Gerüst, dem ägyptischen 



Ein Holzkalender aus Pfranten. 



255 



Antonikreuz. St. Antonius gilt als Schutzpatron der Haustiere, besonders der 
Schweine, welche zum Schutze gegen böse Einflüsse Glocken am Halse tragen. 
20. St. Sebastian, eine männliche Figur, mit Pfeilen gespickt. Er wurde als 
Märtyrer unter Diokletian mit Pfeilen erschossen und gilt als Pestschutzherr. 
22. St. Vincentius, männliche Figur mit zwei eigentümlichen, oben umgeknickten 
Stäben über der Schulter, die in dreieckige Spitzen endigen. Der Heilige Vincenz 
wurde unter Diokletian auf einem mit Schneiden und Spitzen versehenen glühenden 
Bett gemartert. Vermutlich stellen die beschriebenen Geräte unseres Kalenders 
solche Marterwerkzeuge dar. Eine ähnliche Darstellung findet sich in einer 
Miniatur des 13. Jahrhunderts mit Schilderung eines Gottesurteils an der Kaiserin 
Kunigunde (bei Henne am Rhyn, Kulturgesch. des deutschen Volkes, 2. Aufl. 1, 184), 
wo die Kaiserin über einen glühenden Rost schreitet. 25. Pauli Bekehrung, 
Mann mit Schwert und Lanze. 





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Hornung (Februar) 28 Tag: 2. Maria Lichtmesse. Darstellung einer 
Frau mit brennenden Kerzen. An diesem Tage wurden die Kerzen geweiht. 
22. Petri Stuhlfeier, männliche Figur mit Schlüssel in der Hand. Diese Feier 
bezieht sich auf die ausserrömische Christenheit und wird auch die von Antiochia 
genannt. 24. St. Matthias, der Apostel, mit einem Beil in der Hand, welches 
sich auf seinen Märtyrertod bezieht. 

Mertz (März) 31 Tag: 17. St. Gertrud, Frau mit Rocken und Spindel. 
Deutet darauf hin, dass an diesem Tage die Bäuerin zu spinnen aufhörte. 
25. Maria Verkündigung, Frau mit Engel, der durch seine Kopfbedeckung als 
männlich bezeichnet wird. 

Aprl (April) 30 Tag: 24. Ritter St. Georg in sehr ausführlicher und 
drastischer Darstellung, links die kniende gerettete Königstochter. 

May (Mai) 31 Tag: 1. St. Philippus und Jakobus, ein Kreuz in der 
Mitte. 3. Kreuzesfindung, Erinnerung an die legendäre Wiederauffindung des 
Kreuzes Christi durch die Mutter Kaiser Konstantins. Die an der Kreuzes- 



Brunner : 



darstellung unseres Kalenders befindlichen besenartigen Linien stellen vielleicht 
die Seile vor, mit denen das Kreuz aufgerichtet wurde. 25. St. Urbanus mit 
Weintraube und Weinglas. Er galt als Patron des Weinbaues. Links von ihm 
eine weibliche Figur vor einem Bottich, in dem sie mit einer Stange rührt. Ver- 
mutlich gehört diese Figur noch zur Darstellung des Heiligen Urban und deutet 
auf die Weinbereitung in der Kelter hin. 

Brachmon (Juni) 30 Tag: 3. St. Erasmus. Darstellung eines Bischofs- 
stabes und einer Winde. Nach der Legende wurde dem Märtyrer unter Diokletian 
das Eingeweide mit einer Winde entrissen. 15. St. Vitus, ein in einem ülkessel 
gesottener Märtyrer. 24. St. Johannes der Täufer, dargestellt durch ein Lamm 
mit Glaubensfahne. '29. Peter und Paul mit Schlüssel und Schwert, ihren 
üblichen Beigaben. Das Schwert bezieht sich auf Paulus' Märtyrertod. 






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Hoymon (Juli) 31 Tag: 4. St. Ulrich, Bischof v. Augsburg, dessen Attribut 
der Fisch ist, weil der Heilige Patron der Quellen und Brunnen ist. Unser 
Kalender zeigt Bischofsmütze und Fisch. Die Legende berichtet auch von einer 
wunderbaren Verwandlung von Fleisch in einen Fisch, wodurch Uh-ich von dem 
falschen Verdacht einer Übertretung des Fastengebots gereinigt wurde. Weinhold 
hat in der Zeitschrift für Volkskunde 5, 41(if. diesem Heiligen ein Kapitel gewidmet. 
13. St. Margarete, weibliche Figur mit Krone auf dem Haupte und Kreuz in 
der Hand. Vor ihr eine Drachenfigur. Nach der Legende sprengte sie mit dem 
Kreuz in der Hand die Uraschlingung eines drachenartigen Untieres. 22. St. Magda- 
lena, symbolisiert durch ein Salbengefäss, weil sie dem Herrn die Füsse salbte. 
25. St. Jakobus, männliche Figur mit einem Gerät in der Hand, das dem oberen 
Teile eines Schwertes ähnelt und wohl auf den Märtyrertod des Apostels hin- 
deutet, der mit dem Schwerte enthauptet worden sein soll. 

Augstmon (August) 31 Tag: 1. Petri Kettenfeier, dargestellt durch eine 
männliche Figur mit Schlüssel in der Hand, daneben eine aufrechte Figur, deren 
Bedeutung nicht klar ist. Vielleicht sollte damit eine Kette oder ein Pfahl mit 



Ein Holzkalender aus Pfranten. 



25' 



umgeschlungener Kette angedeutet werden. Der Tag wird gefeiert zur Erinnerung 
an Petri Gefangennahme durch Herodes und seine wunderbare Rettung durch 
einen Engel. 7. St. Afra, von Flammen umgeben, vermutlich auf einen Märtyrer- 
tod bezüglich. 10. St. Laurentius, durch einen Rost gekennzeichnet, auf dem 
der Heilige gemartert wurde. 15. Maria Himmelfahrt, weibliche Figur, von 
Wolken umgeben. 24. St. Bartholomäus, als männliche Figur mit einem Messer 
in der Hand abgebildet. Es bezieht sich auf das Martyrium des Heiligen, der 
zu Tode geschunden wurde. 29. Johannis Enthauptung. Weibliche Figur, 
Salome, mit einer Schüssel in der Hand, auf der das Haupt Johannis des 
Täufers liegt. 

Herbstmon (September) 30 Tag: 1. St. Aegidius, Abt von St. Gilles, 
deutsch Gilgen (daher hier Gylg genannt), symbolisiert durch eine Hirschkuh oder 
Reh mit einem Pfeile in der Brust. Diese Darstellung bezieht sich wohl auf den 



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Jagdbeginn, doch könnte ihr auch die Legende mit zugrunde liegen, nach der 
St. Aegidius mit einem Pfeile am Halse getroffen wurde. Auf dasselbe Datum fällt 
auch der Namenstag der Heiligen Verena, die durch einen Kamm bezeichnet 
zu werden pflegt. 6. St. Magnus, männliche Figur mit einem eigentümlichen 
Gerät auf der Schulter, das vielleicht den an eine Pflugschar erinnernden St. Mang- 
Stab darstellt. Mit diesem Stabe wurden nach M. Höfler (Volkskalendarium, aus 
der Zeitschrift Volkskunst und Volkskunde, München 1903) die Äcker umgangen. 
14. Kreuz-Erhöhung, ein Festtag zur Erinnerung an die Wiedergewinnung des 
von den Parthern 614 entführten, seinerzeit von der Mutter Kaiser Constantins 
aufgefundenen Kreuzes Christi. Die Darstellung unseres Kalenders zeigt das 
Kreuz mit zwei an Lanze und Nagel erinnernden eigentümlichen Zeichen. 
21. St. Matthäus, der Evangelist, männliche Figur mit Kreuz in der Hand. 
29. St. Michael, der Erzengel mit Wage in der Hand, welche seine richterliche 
Tätigkeit am jüngsten Tage symbolisiert. 

Weynmon (Oktober) .'U Tag: IG. St. Gallus, dargestellt durch einen Bären, 
der nach der Legende durch das Kreuz gezähmt wurde. 28. Simon und Judas 



258 



Brunner: 



zu beiden Seiten eines Kreuzes, das als Attribut der Apostel, aber auch anderer 
Heiligen allgemein ist. 

Wyntermon (November) 30 Tag: 1. Allerheiligen Gedächtnis, dargestellt 
durch eine Kapelle. 2. Allerseelen- Pest, durch ein mit zwei Fahnen geziertes 
Haus oder eine Kapelle (V) gekennzeichnet. 6. St. Leonhard, Mann mit Bischofs- 
mütze und -Stab, der Schutzpatron des Viehs, als solcher hier aber nicht gekenn- 
zeichnet. 11. St. Martinus, in derselben Art wie Leonhard als Bischof dar- 
gestellt. Er war Bischof von Tours. 25. St. Katharina, angedeutet durch ein 
gezacktes Rad. Diese Märtyrerin sollte gerädert werden, wurde aber enthauptet, 
weil das Rad in der Hand des Henkers zerbrach. Zu ihrem Gedächtnis durfte 
an diesem Tage kein Rad gehen. 30. St. Andreas, männliche Figur, darüber 
ein liegendes sogenanntes Andreaskreuz. An einem so geformten Kreuze wurde 
der Apostel im Jahre 69 zu Patras hingerichtet. 




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Fig. G. 



Krystmon (Dezember) 31 Tag: 4. St. Barbara, Frauenfigur mit Becher in 
der Hand, auf der sich oben eine Hostie befindet. Sie ist in Bayern Patronin 
cregen unbussfertigen Tod, und hierauf beziehen sich offenbar die Attribute unseres 
Kalenders. 0. St. Nikolaus, Bischofsfigur mit einer eigentümlichen viereckigen 
Darstellung in der linken Hand. Er wird gewöhnlich mit drei goldenen Kugeln 
auf einem Buche abgebildet. Im Hinblick auf die bekannte kindererfreuende Eigenart 
dieses Heiligenfestes kann man vielleicht annehmen, dass in der Volksanschauung 
das sogenannte Buch einen Kuchen und die goldenen Kugeln vergoldete Apfel 
oder Nüsse bezeichnen sollen. 13. St. Lucia, Frauenfigur mit einer schwer zu 
erklärenden, an eine Sanduhr erinnernden rechteckigen Figur in der ausgestreckten 
Hand. Die Kalenderfiguren zu diesem Tage sind sehr mannigfach, Schnippel gibt 
a.a.O. an: zwei Augen, Stecheisen, Scheere, Zange, Fackel, Kerze, Ochsenklaue, 
Triquetrum, Sonne, Rad, Scheibe. Die Legende dieser Heiligen gibt keinen ge- 
nügenden Anhalt zur Bestimmung unserer Zeichnung, und so muss ihre Bedeutung 
vorläufig dahingestellt bleiben. 21. St. Thomas, Mannesfigur mit Lanze in der 
Linken, die sich auf seinen Märtyrertod beziehen dürfte. An der Lanze befindet 



Ein Holzkalender aus Pfranten. 



•259 



sich seitlich eine eigentümliche, nicht mit Sicherheit zu bestimmende kleine Dar- 
stellung. Als Patron der Baumeister wird der heilige Thomas oft mit einem 
Richtscheit abgebildet und wegen seines Unglaubens Christus gegenüber mit einer 
ausgestreckten Hand oder nur zwei Fingern der Hand. Möglich, dass letztere 
Kennzeichnung hier versucht worden ist. 25. Christi Geburt, dargestellt durch 
das liegende Christkind mit erhobenen Händen, eine weibliche Figur daneben 
mit lebhafter Handbewegung und einen Eselskopf zur Andeutung des Stalles. 

26. St. Stephanus, Mann mit Palme, dem häufigen Attribut der Märtyrer. 

27. Johannes der Evangelist, gekennzeichnet durch einen Kelch mit einer 
Schlange. 28. Unschuldige Kindlein, dargestellt durch eine kleine Figur mit 
einer Rute über der Schulter. Der Tag wird zur Erinnerung an den bethlehemitischen 
Kindermord gefeiert. 



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XXXI 



M±. 



Fis. 7. 



Betrachten wir nun unseren Holzkaleuder rücksichtlicli der Art seiner 
Bearbeitung, so bemerkt man eine gewisse Flüchtigkeit bei der Ver- 
fertigung der einzelnen Tafeln. Sie sind an den Kanten nicht sehr sorg- 
fältig behandelt und zeigen besonders an den äusseren Rändern vielfach 
recht krumme Linien, ein Zeichen, dass sie nicht mit dem Hobel an den 
Kanten geschlichtet sind. Die Flächen selbst sind glatt und eben und 
machen den Eindruck, als ob sie vielleicht mit leichtflüssigem Öl oder 
Firnis getränkt wären. Die Ausführung der Kerbzeichnungeu ist wohl 
im allgemeinen mit dem Schnitzmesser erfolgt, aber vielfach ist, besonders 
bei den Schriftzeichen und den Güldenzahlen, die Verwendung eines 
oder mehrerer Meissel anzunehmen. Die Vertiefungen sind meistens mit 
roter Wasser- oder Leimfarbe und schwarzer Tinte gefärbt. Eine Regel 
für die Anwendung der roten oder der schwarzen Farbe ist nicht er- 
kennbar. Die Farben sind ganz willkürlich lediglich zur Hervorhebung 
der Kerblinien benutzt. Bei einioen gedränj^ten Darstellunoen, wie auf 



260 Brunner; Ein Holzkalencler aus Pfranten. 

den Tafeln Augstmon nnd Krystnion, hat mau den Unterschied der Farben 
benutzt, um die einzelnen figuralen Bilder nebst ihren Überschriften von- 
einander zu sondern, aber keineswegs in folgerichtiger Weise. Yon einer 
Hervorhebung einzelner Tage als Festtage oder auch, wie in manchen 
andern alten Kalendern, als Unglückstage kann hier keine Rede sein. 
Die Tafel des Herbstmonats zeigt als einzige eine gewisse Unfertigkeit, 
indem ein Teil der Zeichnungen, besonders die Tagesdreiecke und Gülden- 
zahlen, überhaupt nicht gefärbt sind. Eine vielleicht erst später vor- 
genommene Berichtigung der Güldenzahl beim 2. März ist durch Weg- 
schneiden des zuviel gekerbten Zehnzeichens ausgeführt. Im übrigen ist 
die Reihenfolge der Güldenzahlen durch den ganzen Kalender hindurch 
fehlerlos. 

Schliesslich wären noch einige Worte über das vermutliche Alter 
unseres Kalenders zu sagen. Dass er nicht aus älterer Zeit als 1690 sein 
dürfte, wegen der berichtigten Güldenzahlen, ist oben bereits erwähnt 
worden. Andere Anlialtspunkte für eine genauere Altersbestimmung sind 
schwer zu gewinnen. Zunächst w^äre zu erwägen, ob aus der Sprache und 
Form der Inschriften vielleicht Folgerungen zu ziehen sind, welche zu 
zeitlichen Feststellungen führen könnten. Die alten Monatsbezeichnungeu 
Hornung, Brachmonat, Heumonat, Herbstmonat u. a. sind schon von Karl 
dem Grossen eingeführt und seitdem bis in die neuere Zeit angewendet 
worden. Eine obere zeitliche Grenze für ihren Gebrauch zu ziehen, dürfte 
schwierig sein und für unsere Absicht keinen Erfolg versprechen. Auch 
Sprache und Form der übrigen Inschriften gehen auf alte Vorbilder zurück, 
und es kommen anscheinend oberdeutsch -mundartliche sowie individuelle 
Eigentümlichkeiten des nngelelirten Yerfertigers hinzu, deren genauere 
zeitliche Bestimmung unmöglich erscheint. Ein weiteres Mittel zu unserer 
Absicht könnte die Schriftform bieten, wenn ihr nicht ebenfalls der Maugel 
an zeitlicher Bestimmbarkeit anhaftete. Sie ist auf die gotische Minuskel 
oder Mönchsschrift zurückzuführen und hat sich als sogenannte Fraktur- 
schrift bis ins 18. Jahrhundert erhalten. Da sie aber als sogenannte 
'Kanzlei' sich noch hier und da in Druckereien findet, könnte man 
ihren vereinzelten Gebrauch w^ohl auch noch im 19. Jahrhundert an- 
nehmen. Schliesslich wäre noch zu erörtern, ob violleicht die Zusammen- 
stellung der Festtage auf unserem Kalender geeignet ist, irgend einen 
Anhalt, sei es für die zeitliche Begrenzung, sei es für die örtliche Be- 
stimmung zu ergeben. Bei näherer Betrachtung und Vergleichung älterer und 
neuerer Holz- und Druckkalender sieht man aber, dass der Verfertiger 
unseres Stückes sich im allgemeinen auf das allernotwendigste Inventar 
beschränkt hat, auf Feste, welche wohl in der ganzen katholischen 
Christenheit in gleicher Weise geheiligt waren und weder eine genauere 
zeitliche noch örtliche Bestimmung zu ermöglichen scheinen. Endlich 
käme, wenn auch nur in bescheidener Weise, für die Beurteilung des 



Häberlin: Trauertrachten und Trauerbräuche auf der Insel Führ. 261 

Alters unseres Kalenders sein Erhaltungszustand in Betracht. Wie bereits 
gesagt, ist er von guter, ja so vortrefflicher Erhaltung, dass es in 
Anbetracht des frischen Aussehens der Holztafeln schwer ist, ihm ein 
höheres Alter als etwa 100 Jahre zuzubilligen. Einer Ansetzung unseres 
Bauernkalenders auf das Ende des 18. oder Anfang des 19. Jahrhunderts 
steht meines Erachteus nichts entgegen als der Umstand, dass derartige 
immerwährende Holzkalender des alten Stiles aus so junger Zeit bisher 
nicht bekannt geworden sind. 

Am Ende meiner Darlegungen über den merkwürdigen Holzkalender 
des Georg Reychart von Pfranten angelangt, möchte ich nicht versäumen, 
Herrn Geheimen Regierungsrat Professor Dr. Hellmann in Berlin meinen 
Dank auszusprechen für die gütige Bereitwilligkeit, mit der er mich 
durch Nachweis wertvoller Literatur in dieser Arbeit unterstützt hat. 

Berlin- Steolitz. 



Traiiertracliten und Trauerbräiiclie auf der Insel Fölir. 

Von Karl Häberlin. 

(Mit 17 Abbildungen.) 



Wenn wir von den kurzen Nachrichten des Saxo Grammaticus^) 
um 1200 über die Rüstung der Xordfriesen absehen, so stammen die 
ältesten Berichte über nordfriesische Trachten, speziell auch Föhr von 
C. Hamsfort'*), der 1579 ausdrücklich hervorhebt, mit welcher Zähigkeit 
die Insulaner an ihrem höchst altertümlichen (more vetustissimarum gentium) 
Anzüge festhalten. Die von Westphalen zu diesem Werk gegebenen 
Tafeln stellen indes (wie schon Bracht in den Mitteilungen aus dem Museum 
f. deutsche Volkstrachten Heft 6, 1900 ausspricht) keine Trachten von 1579 
dar, sondern sind (die Beweise dafür aufzuzählen ist hier nicht der Platz) 
der Zeit der Drucklegung der Monumenta inedita, also 1739 entnommen. 
H. V. Ranzau^) gibt 1597 eine Reihe sehr guter Trachtenbilder, auch von 
Föhr, Sylt usw^, ohne im Text dazu viel Worte zu verlieren. Die übrigen 
Quellen werde ich nach Bedarf zitieren. An Kostümbildern kommen in 
Betracht die von Ranzau (1597), von Westphalen zu Hamsfort (1739), 



1) Historia Danica Hb, XIV., ed. Stephanii p. 260. 

2) De rebus Holsatorum gestis, anno 1570, bei Westphalen, Monumenta inedita 1, 
1657 (17^.9). 

3) Cinibricae Chersonesi descriptio a. 1597, bei Westphalen, Mon. inedita 1, 1 (1739); 
dieselben bei Braun u. Hogenberg, Städtebuch (1572— 1G18) 5, 37. 



262 Häberlin: 

von E. Pontoppidan^) (1769), Fabris Lesebuch mit Bildern vonCapieux 
(1783), das Rieter sehe Trachtenwerk ^) (um 1800) von unerreichtem 
künstlerischem und kulturgeschichtlichem Wert. 

Eine kurze Angabe in dem höchst merkwürdigen, in Osterlandföhrer 
Mundart verfassten Gedicht 'A Bai a Redder"), das nach Bremer aus dem 
15. Jahrhundert stammt und auf Föhr entstanden sein soll, besagt, dass 
bei der Leiche Wachslichte*) brannten. 

Die älteste bildliche Urkunde ist die in Hamsfort-Westphalen a. 1739, 
Tab. 21, Fig. 9: Foemina Föhrensis funeris exsequias prosequens; siehe unten 
Fig. 1. Das kleine cerevisartige Mützchen derselben gibt Fontoppidan eben- 
falls; eine von mir aufgefundene Handschrift^) von 1754 beschreibt es: 

Was sie an den Feiertagen 
pflegen auf dem Haupt zu tragen, 
ist zuerst ein runder Kranz, 
daran fest genähet sitzen 
Pfennige mit gelben Litzen, 
und z-war rund umhero ganz. 

Das merkwürdige dreihörnige Gestell beschreibt sie ebenfalls: 

Nun muss ich ein Ding beschreiben, auf dem oberwähnten Kranz, 

denke aber, es mag bleiben, Daran sieht man drei Hörner -Spitzen 

weil es fast unmöglich scheint. oberst aneinander sitzen. 

Doch wohlan, ich will es wagen, hinten hats gar einen Schwanz, 

wenigstens doch nur zu sagen. Hinten hats zwei silberne Flittern, 

was denn dadurch wird gemeint. die stets klingen, beben, zittern, 

Auch an Sonn- und Feiertagen wenn sich nur das Haupt bewegt, 
pflegt man dieses Ding zu tragen 

Eine andere Handschrift (Beschreibung der Insel Föhr eines Anonymus 
um 1750) sagt unter anderem: „Wenn sie zur Nachtmahl gehn, sind 
Hatten auf dem Kopf". Dazu die erklärende Anmerkung: ^,Hatten sind 
blaue Hauben auf dem Haupt, da drei Spitzen aufgehen und hinten daran 
mit vergoldetem Metall behangen (fleddern Knoppen genannt)." Schon 
im Manningabuch heissen die Kopf- Hauben oder -Tücher der Frauen 



1) Danske Atlas, Tom. V. (^Kopenhagen 17G9). 

2) Danske Nationale Klädedragter (Kopenhagen o. J., in offiziellen dänischen Quellen 
zuerst 1809 erwähnt). 

3) Von 0. Bremer abgedruckt in: Stacken üb Rimen (Halle 1888); besprochen von 
demselben im Niederdeutschen Jahrbuch 13, 26 (1887). 

4) Nach dem Testament von Otto Pogwisch (1327) sollen sechs Wachslichte beim 
Begräbnis brennen (Lackmann, De variis exsequiarum ritibus, Kiel 1748). Westphalen, 
Mon. inedita, Praefatio zu 1, 65 gibt verschiedenes zu diesem Brauch. [Sartori, Zs. f. 
Volkskunde 17, 3G1.] 

.5) Th. Quedensen, Merkwürdige Nachrichten von der Insel Föhr 1754. Q. war auf 
der Insel aufgewachsen und schildert sehr gut. Ob Neocorus „Peel = schmale Kopfbinde 
aus vergoldetem Leder mit vergoldeten Pfennigen besetzt" damit zusammen zu bringen ist 



Trauertrachten uud Traiierbräiiche auf der Insel Föhr. 265 

Hatten'). Im Gedächtnis der heutigen Föhrergeneration lebt diese Kopf- 
verzierung durch Überlieferung fort, und es wird ihr übereinstimmend der 
Name 'hatj en hörnbian' beigelegt. Auf einem Stiche 'Frauenzimmeranzug 
zur Kommunion in Wilster in Holstein' gewahren wir neben städtischer 
Kleidung auf dem Hinterkopf ein höchst merkwürdiges fächer- oder 
pfauenradartiges Gestell, das den Scheitel frei lässt und ihn um mehr als 
Kopfeslänge überragt. 

Der grosse gefaltete Umhang um Kopf und Schultern ist der Vorfahr 
der noch vor kurzem hier getragenen 'Suregkap' und ein später Nach- 
komme der aus dem spanisch -arabischen Kleiderschrank^) stammenden, 
von Holland aus über Deutschland verbreiteten 'Hoike'. Das unter dem 
Umhang (der sicher schwarz war) hervorsehende gefaltete Kleidungstück 



1) Hottenroth (Trachten der Völker alter und neuer Zeit S. 127) zählt für das 

15. Jahrhundert in den Niederlanden unter den zahlreichen Kopfputzen auf: die hohe 
burguudische Haube (Hennin) hatte oft zwei gewaltige Flügel aus Leinen über Draht ge- 
zogen, ähnlich zwei kurzen Hennins, welche hörnerartig vom Kopf abstanden. Geiler 
von Kaisersberg sagt 14118 über die Hauben der Strassburgerinnen : „aufgespriesst neben 
mit zwei Ecken oder Spitzen gleich einem Ochsenkopf mit den Hörnern." Der Eanzausche 
Vestitus muliebris in Foere (Westphalen, Tab. VIII, •")()) zeigt eine eigentümliche Kopf- und 
Schulterbedeckung. Dieselbe Figur ist auch in der Kieler Handschrift S. H. 181, G. 4** 
und in dem Kopenhagener Ms, Thott 143S, 4" ganz gleich, nur der Quast an der Spitze 
der Westph. Kagel ist hier eine Kugel (Glocke?). Diese Kapkagel kehrt bei der Ranzauschen 
Frau aus Hatstedt (Fig. 22) fast genau so wieder, indes auch bei der Dithmarscher Frau 
(Nr. 10, 11 und 13) ist sie zu erkennen. Neocorus nennt dies Dithmarsche Kopf- und 
Schulterstück Kagel oder Kapkagel. Denken wir uns diese um 1600 getragene Föhrer 
Kagel, die schon durch steife Einlage hoch über den Kopf aufstieg, durch weitere Ein- 
lagen nach den Seiten (ähnlich ist z. B. Ranzaus Frau von Schleswig Nr. 14 mit einem 
zweifachen Bügel, wie stumpfe Hörner) noch weiter erhöht und in die Breite entfaltet, 
so haben wir ein Gebäude, das von Westphalen-Hamsforts Nr. 11 foemina stuiirata etc. 
wenig abweicht, nur der Schulterkragen ist kürzer; vgl. auch die Frauen mit Hatte bei 
Manninga V, VI und den Friesen mit Kapkagel bei übbo Emmius 1588. 

2) Vom arab. häik; vgl. z. B. Justi, Hessisches Trachtenbuch 1905, S. 40. Den Namen 
Hoike kennt Neocorus bei den Dithraarschen, und iu den Klagen der Eiderfriesen gegen 
die Dithmarscher 1479—1480 wird mehrfach ein 'Hoken' erwähnt (Michelsen, Nordfriesland 
im Mittelalter 1828). Nach Westphalen (Praefatio 1, 22) hingen an den Baretten mitunter 
]Mäntelchen, die 'Regen-Mantel'. Durch die Güte von Herrn Dr. Brunner werde ich auf 
das Kostümbild einer Frau aus Schonen in Trauer (Nordiska Museet, Fataburen 1908, 
Heft 1) aufmerksam gemacht, die einen ganz ähnlichen Umhang hat. In einem Brockmer- 
Brief (Mitte des 13. Jahrhunderts) wird ebenfalls 'hocka' (Mantel) erwähnt. Ubbo 
Emmius (Historia rerum fris. IGIG, S. 34) gibt ein Schema nobilis matronae mariti funus 
prosequentis, deren Kopf- und Schulternmhang länger und nicht gefaltet ist; aus dem 

16. Jahrhundert gibt es eine grosse Anzahl von Trachtenwerken, die eine Verbreitung der 
Hoike über ganz Europa dartun (Weigel, Nürnberg 1577, usw.). — In Hessen ist das- 
'Trauermäntelchen' bei Marburg und Biedenkopf noch im Gebrauch (Hottenroth, Deutsche 
Volkstrachten 5, 36). Schütze, Holsteinisches Idiotikon 2, 133 (1801) sagt über Heuke: 
Man sieht von ihr in Hamburg noch Spuren an der 'Sorgefrau' (Leichenbitterin). Infolge 
ihrer äusserst vielseitigen Verwendbarkeit wurde die Hoike eigentlich erst durch den 
Regenschirn verdrängt. — Vgl. 'Die Vierlande' von Maler Haase (Hamburg 1905\ der 
über 'Regen-Kleed' als Regenschutz und Trauergewand spricht. Vgl. auch unten S. 266, 
Anm. 2. Ob der Name 'sureg-kap' schon auf die Hoike von Westfalen anzuwenden ist?' 
(Kap von lat. cappa). 



•2()4 



Häberlin : 



ist der 'Kartei', und zwar war er bei Trauer blau ^). Pontoppidan, Danske 
Atlas 5, 728 sagt: „Wenn sie Trauer haben, und der Leiche folgen, oder 
gehen zu Gottes Tisch, sind sie blau und weiss gekleidet." Die anonyme Hand- 
schrift von 1750: „Eins aber hätt ich bald vergessen anzuführen, dass sie 
in Traur und Freud auf gleicher Weis sich zieren. Man trägt sonst 
schwarze Baj, in den betrübten Fällen sie aber blau gekleidt im Trauer- 
reich sich stellen". Unter dem blauen Kortel sieht ein weisses Hemd 
(smok) hervor; Quedensen sagt: (an Festtagen) „unter diesem blauen 
Kleide tragen obbemeldte Beide ein subtil geflochtues Hemd, welches 





Fig. 1. Trauertracht zu Anfang 
des 18. Jahrhunderts. 



Fi"-. 2. Trauertracht um 1800. 



in sehr grosser Breite, und in nicht geringer Weite unten vors Gesichte 
kömmt". — Die Strümpfe sind grün, die Knöchelbinden rot mit gelbem 
Saum, die Socken weiss, die Schuhe wohl schwarz (vgl. das kolorierte 
Bild bei Rieter: 'Braut von Föhr'). Die Hs. von 1750 berichtet: „Schar- 
lacken haben sie ein Quartier über die Füsse gewickelt, und unten an 
gelbe und schwarze Bände." Die 'Beschreibung des schleswig-holsteinischen 
Staates' 1707, von einem Gottorper llofbeamten: „Strümpfe haben sie an 
den Beinen dreierlei: rot, grün, weiss, welche man alle drei zugleich 



1) Nach Jostes (Westfälisches Trachtenbuch 1904 S. 147) wurde bei der Goldliappe 
-als Zeichen der Trauer blaues Mundband getragen. [Weinhold, Zs. f. Volkskunde 11, 83.] 



Trauertrachten und Trauerbräuche auf der Insel FöJir. 



265 



siehet; die Fasse sind dagegen mit netten Schuhen wohl versehen." — 
Pontoppidan 1769 Tab. II bildet eine Anzahl Föhrer Frauen ab, aber 
keine in Trauertracht; er hat in seiner Fig. 3 auf Tab. 11 (en besovet 
Pige paa Föhr) eine wenig geschmackvolle Kombination der oben be- 
schriebenen Frau in Trauer und der Hamsfortschen 'stuprata foemina 
Förensis' zustande gebrachti'). 

Um die Wende des 19. Jahrhunderts wurde diese alte Nationaltracht 
durch fremde"), wohl holländische Einflüsse verdrängt, wie Fig. 2 aus 
Rieter (um 1800) zeigt. Städtische Moden machen sich geltend: schwarze, 
lano-e Schürze, darunter, wie aus andern Rieterschen Bildern, z. B. 




Fi--. ;;. Leichenbegängnis in Deezbüll, Gemälde von Carl L. Jessen (1875). 

„Sonntagstracht auf Föhr'% hervorgeht, dunkelblauer, huiger Rock mit 
hellblauem Saum, also ganz wie wir es sofort für unsere Zeit zu be- 
schreiben haben werden. Abweichend von heute sind bei Rieter nur die 
niedrigen Schuhe mit silberneu Schnallen, die weisse Binde um den Kopf 
und der Brustteil des Rockes, der über der Brust offen 'ist und in dem 
Ausschnitt schwarzen Latz zeigt: siehe Fig. 2. — Über die weisse Binde 



1) Hottenroth (Deutsche Volkstrachten, Nordwestdeutscliland 1900 S. 193) macht 
daraus gar ein 'öffentliches Mädchen auf Föhr' I 

2) Die Namen der alten Föhrer Trachtenstücke scheinen, wie ich mir von Fachleuten 
erklären Hess, zum Teil dem Altnordischen zu entstammen. 'Smokkr altskand. = Hemd, 
'bolr altnord. = Rumpf: 'KyrtilF = Rock (in der Edda von der Braut des Bauern: geita 
kyrtla = im Gaisfellkleid). \ui Föhr, Sylt usw. Smak oder Smok ^ Hemd, bol- fanger = 
Radmantel, Kortel - Rock usw. Vgl. Häberlin, Beiträge zur Heimatkunde der Insel 
Föhr, Wyk 1908, S. 17 ff. — Pauls Grundriss der german. Philologie 2, 3. 444. 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1909 18 



2(;ö 



Häboilin: 



um deu Kopf finde ich nirgends Angaben; am ehesten passt die Bo- 
schreibung, die L. Lorenzen^) von dem Kopfputz der verheirateten Frauen 
auf Nordmarsch 1749 gibt. Es dürfte sich auch bei Rieter, dessen Unter- 
schrift (En Kone i Sorg, eine Frau in Trauer), die Verheiratete anzeigt, 
um das Abzeichen der Verheirateten, die Haube, handehi. 

Wir gelangen nun zu der noch bestehenden oder erst ganz kürzlich 
vergangenen Mode; ich schicke voraus, dass die 'sureg-kap', wie sie Rieter 
gibt, nur im Zentrum der Insel, hauptsächlich Niblum, Alkersum, Midlum, 
Övenum getragen wurde; der sonst weit konservativere Westen kannte sie 
nicht. Die Mode der 'Suregkap' hat also wohl durch hallig- holländische 
Vermittler über Niblum ihren Einzug gehalten. Bei den benachbarten 
Festlandsfriesen um Deezbüll war statt der 'Sureg-Kap' das Regenkleid 




Fio-. 4. Bci^räbnis in Kibluin auf ¥öhv. Gemälde von Christian Karl Magnussen (1874^ 



als Trauertracht üblich'), wie das in Fig. 3 wiedergegebene Bild des 
Malers Jessen-Deezbüll erkennen lässt. Einen Leichenzug in Nibluu) 
zeigt das Bild von K. Chr. Magnussen in Fig. 4. 

Die Männer auf Führ haben schon seit langem keine von der städtischen 
abweichende Tracht mehr. Früher trugen sie bei Beerdigungen hohen 
Seidenhut; am Grabe standen sie baarhaupt (bluat-hoded). Da es ohne 
Kenntnis der eigentümlichen Nationaltracht der Föhringerinnen nicht 
möglich ist, ihre Trauernuancen zu verstehen, so gebe ich eine kurze 
Beschreibung der gegenwärtigen Frauentracht ^). Zuerst werden über den 



1) In Camerers Histor. politischen Nachrichten 2 (Leii)zig 1762 : vgl. auch Jostes. 
Westfälisches Trachtenbuch 1004. 

2) Nach Hottenroth ist die Hoike in Schwaben und Bayern durch 'Regentücher' 
vertreten (Deutsche Volkstr. 5, 831); vgl. oben S. 2(io '. 

3) Dieselbe ist für Föhr, Amrum, Hallig Langeness mit ganz geringen Abweichungen 
iileich. 



Trauertrachten und Trauerbräuche auf der Insel Föhr. 



267 



Unterkleidern die Sonderärmel (sliaven, vgl. engl, sleeve) angezogen, die 
an Rücken und Brust nur an einem groben, vorn offnen Leinenleibchen 
befestigt sind (s. Fig. 5); die abgebildeten Ärmel sind bunter Brokat und 
stammen etwa von 1860; zurzeit sind sie immer schlicht schwarz, allermeist 
Wolle, mitunter Samt; rund um Ellbogen und Handgelenk geht eine 
posamentierte Borte (Ked en litz = Kette und Litze); an der Hand Öffnung- 
je zwei silberne Filigranknöpfe (die vier Knöpfe der Abbildung entsprechen 
einer früheren Epoche). Über die Ärmel wird der Tai' angezogo.i (siehe 
Fig. 5), Rock mit Leibchen 
in einem Stück. Er ist für 
Werktags aas schwerem, 
eigengemachten Wollstoff'^) 
(Webb), dunkelblau, unten 
mit hellblauem Saum (snur) 
aus Kaschmir, Sonntags eben- 
so; Festtags blaues Tuch mit 
seidener 'snur' (sialn-snuret 
Pai). 

Um den Hals wird ein 
Tuch '^) getragen, Alltags und 
Sonntags auf der Brust ge- 
kreuzt und im Rücken ge- 
knotet (s. Fig. 7); Festtags 
(d. h. auch bei Hochzeiten, 
Beerdigungen usw.) rund um 
den Hals gelegt und mit 
Xadeln festgesteckt. Durch 
dieses Arrangement wurde es 
möglich, den festtäglichen 
Silberschmuck auf der Brust 
sichtbar zu machen^) (siehe 
Fig. <S), und den vielfach Fig. 5. Pai und Sliaven. 




1) Früher stand ungefähr in jedem dritten Haus ein Webstuhl, jetzt wird imnn r 
weniger gewebt; die Schafzucht Föhrs ist von ziemlicher Bedeutung. Der Name 'Webb' 
für eigengemachtes Zeug lindet sich schon bei Petrejus, Nordstrand 1565 (Camercr, Hist. 
polit. Nachrichten 2, 372) und Hamsfort löTi». 

2) Hals-nös-duk. 

3) Mielke gibt in den ]\Iitteilungeii aus dem Museum für d. Volkstrachten I, 7 
(1897—11)01), S. 324 einen Föhrer Brustschmuck, der nicht ganz korrekt ist. Einen Anklang 
an Scherson und Esschart des Manningabuches Avie Mielke kann ich in dem jetzigen 
Föhrer Brustschmuck nicht erblicken: die 'vergoldeten Knöpfe oder Schellen', die die 
Damen dort auf den Schultern tragen, sind in ihrer Form den holländisch- föhringischen 
Filigranknöpfen einigermassen ähnlich. Die Föhrer Brustkette (hag-en-leenk) ist offenbar 
entstanden, um das ausgeschnittene Leibchen am obern Rand des Ausschnitts zusammen- 
zuhalten. An unserer Fig. 6 kann man das Bedürfnis nach solchem Ziisaiiimenhalten wohl 



268 



Häberlin : 



wirklieh schön gebauten, schneeweissen Hals zur Geltung zu bringen. Um 
den Kopf liegt turbanartig ein schwarzes Tuch*) mit bunter (gestickter) 
Kante und Franzen (s. Fig. 7 und 8). Über dem Rock eine weite, hinten 
wieder zusammenstossende Schürze^), Festtags weiss (Battist, fein Leinen). 

Dies vorausgeschickt, gebe ich die der Trauertracht eigentümlichen 
Abweichungen, und zwar zunächst die beim Leichenbegängnis selbst. 
Um den Kopf^) das schwarzwollene Tuch mit Franzen, jedoch ohne bunte 
Borte; über das Kopftuch wird von den Hauptleidtragenden (sureg-lidj), 
zu denen ausser den nächsten Verwandten auch die Nachbarn gehöreu. 
das 'sureg-nös-duk', auch 'Kopenhagener Tuch' genannt, in der aus Fig. 10 
ersichtlichen Weise getragen. 

Es ist blaubaumwollen mit weissen Quadraten, kam in den sechziger 




F'iii. (■). .Alllot mit NellorliiMg und Aversnar, d. li. Leibchen, 
Latz lind Übprschleifo. 

bis siebziger Jahren auf und hat die oben erwähnte 'sureg-kap' verdrängt. 
Diese wurde meines Wissens zuletzt vor drei Jahren getragen; ich gebe 
zwei Abbildungen davon*) (Fig. 11 und l'J); im hiesigen Friesenmuseum 



eikennen. Die Knöpfe sasscn, wie vielfacli belegt, anfangs nur an der recliten Seite des 
Rockausschnittes, was einen wesentlichen Unterschied von den durchaus symmetrischen 
Teilen des Esschart ausmacht. Line Verwandtschaft zwischen Föhrer und ostfriesischen 
Trachten scheint mir in eirem andern Stück gegeben, M'ie ich demnächst anderen Orts 
dartun werde. 

1) Branj-nös-duk, die gestickte Borte 'ütsaiet ram"; eine Abart derselben 'florbian'. 
Auf Amrum das Kopftuch - häd-sküdj. — Vgl. das in ganz Thüringen verbreitete Kopf- 
tuch (heed- läppen) in der Zeitschrift für Volkskunde 18, 417. 

2) Skort-luk (von skortel-duki; eine nur die Vorderbahn des Rockes deckende 
Arbeitsschürze wird 'jammer-lap' genannt. Linkes Handwerksburschenlexikon verzeichnet 
Jammerlappen für Schürze der Tischler. 

;>) Verheiratete Frauen tragen auf dem Haar in dem vom Kopftuch freigelassenen 
Teil ein kleines rotes Läppchen. Dasselbe wird hei Trauerfeier uicht mit Flor bedeckt. 

4) Auf der internationalen Kunstausstellung in München 1888 war eine Karfreitags- 
andacht in Paris von G. Hofer ausgestellt (siehe unsere Fig. 13): die Dame trägt grossen 



Trauertrachten und Trauerbräuche auf der Insel Föhr. 



•269 



sind zwei Exemplare von folgenden Massen: Länge &2 cm, Umfang oben 
am Hals 44, unten 182 cm; StofiP: schwarze Wolle, ungefüttert, nur oben 
am Hals mit kräftig rotem, grobem Tuch gefüttert in vierzackiger Stern- 
form, Länge der Zacken 24 cm, in den Einschnitten 18 cm. Dieses rote 
Futter ebenso wae das schwarze Tuch feingefältelt. Um den Hals ein 
schwarzwollenes Halstuch (festtagsmässig gebunden) mit seidenen Franzen; 
ein seidenes Halstuch, auf das man sonst in Festtracht besonders stolz 
war, würde zu sehr geprunkt haben. Auf der Brust jederseits zwei silberne 
Knöpfe (s. Fig. ()); zwischen diesen, quer über die Brust laufend eine 
schwarzsamtne Schleife') (aver-snar) statt <les festtäglichen silbernen 




[ 


i 





Fi-. 



Alltaf^saiizuf 



Fi"'. 8. Festtracht auf Ai 



•hag en leenk' (Haken und Kette); über dem Bock die battistene oder 
feinleinene weisse Schürze. Abweichend von Freudenfesten war sie nicht 
gestickt: auch trug man nicht darüber das festliche um die Taille laufende, 
vorn geknüpfte und herabhängende 'skort-luks-biau'^) aus weissem, ge- 
sticktem Battist. Dafür war der Schürzenbund (liiilis) sehr hoch, etwa 
15 cm. Auch der grosse silberne Haken, der sonst bei Festen hinten 
überm Schürzenverschluss getragen wurde, blieb bei Leichenfeier weg. 



hoikenar;igen Umhang, der auf der Mitte des Scheitels um ganze Kopflänge in die Höhe 
steigt und sehr stark an unsere Fig. 11 erinnert. 

1) Auf der Figur trifft nur die Schleife und die zwei Knöpfe für uns zu, das ärmel- 
lose Mieder mit dem Latz geliört einer älteren Zeit an, als der hier behandelte auf Fig. ') 
gegebene Pai, der auf der Brust ganz geschlossen ist. 

2) = Schürzenband; die Schürze wurde hinten zugehakt, das Skortluksbian ist wohl 
Überbleibsel eines früheren Gürtels mit vorn herabhängenden Enden, wie solche auf 
Pontoppidans und Hamsfort-Westphalens Bildern mehrfach. Schon Rieter um 1800: 
„Sonntagstracht von Föhr" zeigt weisse Schürze mit skort-luks-bian. 



270 



Häbcrlin: 



Die weisse Schürze kommt nur den 'sm'eg-lidj' zu; das übrige Trauer- 
geleit trägt schwarze Schürze. Übrigens kommt an verschiedenen Orten 
Föhrs überhaupt die schwarze (wollene) statt der weissen Trauerschürze 
auf. Beim Pai zeigt sich ebenfalls eine zweifache Abstufung der Trauer. 
Die allernächsten Verwandten (Mutter, Schwester) tragen 'sialn-snuret-Pai', 
die übrigen 'sureg-lidj' und das entferntere Leichengefolge den Sonntags- 
Pai (blaues Tuch oder eigengeniachtes Wollzeug mit hellblauer Kaschmir- 
'snuf ). 

In der Hand tragen die 'sureg-lidj' das weisse, gestickte 'sureg-nös- 
(hik" '}, das während des ganzen Leichenbeo'ängnisses bei stark gebeugtem 





Fig. 9. Hiiuptleidtragende bei einer 
Leichenfeier, nach der Zeremonie. 



10. Hauptleidtragende, während 
der Trauerzeremonie. 



Kopf vor den Mund gehalten wird. Auch während des Sitzens in der 
Kirche bleibt Kopf und Rücken stark gebeugt, so dass für die Frauen 
eine äusserst un1>equenie, kaum zu ertragende Situation entsteht (siehe 
Fig. U). 

An Trauerbräuchen sei erwähnt: Ist der Tod eingetreten, so wird 
dies zunächst den Verwandten und Nachbarn durch 'en änjen bööd' (einen 
eigenen Boten) mitgeteilt. Dann wird es bei sämtlichen Dorfbewohnern 
und den Bekannten der Nachbardörfer angesagt durch 'lik-badderu' (Leichen- 
bitterinnen); dies sind junge Mädchen, schwarz gekleidet, gewöhnlich vier 



1) Diese Benennung ist für das 'Kopenhagener Tuch' auf dem Kopf und für da 
eben genannte Paradetaschentuch dieselbe. Letzteres ist aus Nesseltuch. 



Trauertrachten und Trauerbräuche auf dei Insel Föhi 



271 



bis sechs an Zahl. Im eigenen Dorf wurde zweimal angesagt; das erste 
Mal: „Ik skall grüte von N., det M. duad wiar". Am Nachmittag vor 
der Beerdigung kamen sie wieder und riefen, nachdem sie die Haustür 
weit aufgemacht: „Maren (Morgen) tu lik kemm bi N." Die Tür wurde 
von den likbaddern aufgelassen, damit die Hausbewohner, wenn sie die- 
selbe zumachten, noch wieder an die Beerdigung erinnert würden. In 
den Nachbardörfern wurden beide Ansagen auf einmal abgemacht: „Ik 
skall grüte von N., dat M. duad wiar, of jam so guet wes wull en kam 
sündaj to lik. Hualew tin as a reed bi de döör'^^) Die Kondolenzformel 
lautet: „Et surei;- as mi lias''^). Wenn die likbaddern vor eine ver- 




l-'ig-. 11. Hiiuptlpidtragciido mir der jetzt 
nicht mehr gebräuclilichen Sureg-kap. 



Fi"-, 12. Dieselbe von der Seite. 



sehlossene Tür kommen, machen sie mit Kreide ein weisses Kreuz an 
derselben, zum Zeichen, dass sie dagewesen. 

Das Waschen und Ankleiden^) der Leiche wurde noch vor "JO Jahren 
nicht von einer Leichenfrau, sondern von Nachbarinnen vorgenommen; 
bei Unverheirateten von den Ledigen usw. (Rasieren wurde von einem 
Nachbarn besorgt); der Tote wurde auf einen Stuhl gesetzt, sehr gründlich 
gereinigt, Füsse gewaschen, Nägel geschnitten; dass diese Prozedur zurzeit 
weniger sorgfältig geschieht, gilt als Entartung. Nach dem Waschen mit 



1) = Ich soll grossen von N., dass M. tot wäre, ob Sie so gut sein wollen und 
kommen Sonntag zur Leiclie. Halbzehn Uhr ist die Rede bei der Tür. 

2) Eure Trauer tut mir leid. — Nach Schütze, Holstein. Idiotikon 2, IS (1802) war dies 
auch in Husum der Beileidsausdrack der Bauern. 

o) birewin. 



27-2 Häberlin: 

Heind und Unterkleidern angetan, ins Bett gelegt; das Sterbehemde wurde 
vielfach schon in der Aussteuer mitgebracht oder vou der Braut dem 
Bräutigam geschenkt. Sobald wie möglich wurde dann der Sarg (duadman's 
käst) beschafft. Das Unterteil war stets vorrätig und für alle Ansprüche 
gleich; nur der Deckel wechselte in Preis und Ausstattung. Ehe die 
Leiche in den Sarg gelegt wurde, bekleidete man sie mit dem Sonntags- 
anzug; Frauen bestimmten dabei häufig, in ihrer alten, nun aus der Mode 
gekommenen Tracht begraben zu werden; z. B. lehnte Frau K. S. die 
Tücher mit Franzen^), die 1840 aufkamen, ab. 

Westphalen gibt Tab. XIX, Fig. 4 zu Hamsfort eine 'foemiua reoens 
niipta Foehreusis, quae celebratis nuptiis templum frequentans, ornatum 
consutum varii coloris in vertice gestat, qui ad obitum usque asservatur et 
ipsi sepeliendae adjungitur in sarcophago", die Bracht in den Mitteilungen 
der k. Samml. f. deutsche Volkskunde II, 6, 246 (1900) nachgebildet hat. 
Der 'ornatus consutus varii coloris' erinnert an eine Beschreibung, die 
Quedensen (Merkwürdige Nachrichten von Föhr, Hs. von 1754) 15 Jahre 
später gab: „Frauen tragen auf den Köpfen ein rund Läppchen, schwarz 
am Rand, vorne halb bunt ausgenähet, rot am Theil, der rückwärts gehet, 
hieran wird ein Weib erkannt". Zwei Bilder von Rieter geben dieses 
'Läppchen' sehr deutlich: die 'Frau zur Kommunion auf Föhr' und die 
'junge Frau auf Föhr'. Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass 
Quedensen 1754 dasselbe beschreibt, was Rieter zu Ende des 18. Jahr- 
hunderts abbildet. Anderseits mutet Quedensens Text fast wie eine 
Übersetzung von Westphalens Bemerkung an. Westphalen nimmt in seiner 
Fraefatio S. 22, Anm. z ausdrücklich auf sein Bild der 'foemina recens' etc. 
zu Hamsfort Bezug mit einem Zitat aus Rhodenius (Cimbrisch holstein. Anti- 
quitäten Remarcjues, Hamburg 1720, S. 184), dem folgend er diese Mütze als 
'tutulus' bezeichnet. Rhode gibt an, dass er solche Mützen von Kupfer 
häufig in prähistorischen Gräbern gefunden habe. Nun sind diese 'tutuli" 
von Sophus Müller (Nordische Altertumskunde 1896 1, 266) als Gürtel- 
sehnallen erwiesen (Fund von Borum Eshöi etc.); da diese Schnallen aber 
bis 20 cm Durchmesser und eine weit vorragende Spitze haben, konnten 
sie zu Rhodes Zeit wohl als 'Hütchen' missdeutet werden. Hottenroth 
(Deutsche Volkstrachten 5, 179) scheint sie ebenfalls dafür zu halten. 
Vgl. auch Häberlin, Beiträge zur Heimatkunde von Föhr 1908, S. 11. 
Bracht hält gerade diese Figur für älter als die übrigen Hamsfort-West- 
phalenschen und möchte sie auf Hamsfort selbst (IblS)) zurückführen. 
Eine ähnliche Zipfelmütze zeigt Westphalens Nr. 41 'A^irgo in Silt' zu 
Ranzau. Da diese Figur aber (nach gütiger Nachricht aus den Bibliotheken 



1) Diese waren zuerst nur einfache, eingeknüpfte WoUfildeD, später seidene, quasten- 
artige Franzen, die mittels netzartigen Zwischenstücks am Tuch befestigt waren. Im 
Friesennniseuni vou Föhr ist die Entwicklungsreihe der Tücher gut veranschaulicht. 



Traueitrachteu und Trauerbräuche auf der Insel Föhr. 



273 



in Kiel und Kopenhagen) in den dortigen Handschriften von Ranzaus 
Cimbrica Chersonesus fehlt, ist es wohl möglich, ja wahrscheinlich, dass sie 
eine Westphalensche Konstruktion ist. Die Haube der 'foemina recens nupta 
Foehrensis' halte ich für eine aus den 'kupfernen tutuli' des Rhodenius und 
einer Beschreibung der 'bunt ausgenähten' Föhrer Haube komponiertes 
Phantasiegebilde; denn die Haube der Figur macht durchaus den Eindruck 
eines Metallkegels. Die Bemerkung Westphalens, dass die Mütze mit ins 
Grab genommen wurde, war bei seiner Anlehnung an Rhode zu erwarten. 
Spitze, steife StoflFmützen zeigen übrigens mehrere Sticlie von Rieter, 
z. B. 'Kirchenanzug einer Frau von Tarnbye auf Amack' und 'Frau [von 
Amack in Winterkleidung'. Dass Frauen im Brautauzug begraben werden, 
kommt auch sonst vor: vgl. u. a. Ploss, Das Wi-ib 1902 2, 725. 




Fig. ];3. Karfreitagsaiidacht in Paris, Gemälde von Gottfried Hofer (1888). 



Die Leiche wurde dann bald, jedenfalls aber vor Anbrucli der Nacht ^) 
in den Sarg gelegt. Zu diesem Geschäft (kast-leian) kamen ebenfalls die 
Nachbarn; im Sarg lag die Leiche auf Hobelspänen, jetzt ist der Sarg 
innen mit weissem Leinen ausgefüttert. Der Sarg mit dem Toten wurde 
dann auf einer mit weissem Tuch bedeckten Lage Stroh ^) auf einer Kiste, 



1) Diese Eile war in den beschränkten Raumverhältnissen begründet, da das Bett 
bpuiitzt werden niusste. 

1) Chr. Johansen (Die novdfriesische Sprache, Kiel 18G2, S. 117) sagt: „Der bivevalte 
Tote lag in früheren Zeiten bis zur kast-leiangh (Einsargung) auf einem Strohlager. Daher 
bedeutet die Redensart 'üb stre' das letzte Lager. Nach der Kastleiangh wurde das 
Stroh in 'Skuf (Likskuf) gebunden. (Skuf = Bund; ags. sceaf). Dies wurde am Be- 
sräbnistage auf dem Wagen zu beiden Seiten des Sarges eingestopft, unterwegs in aller 
Stille in Graben geworfen. (Sylt.)" — Camerer, Histor. polit. Nachrichten 2, 665 (1762) 
erwähnt in der Nachricht von der Insel Sylt: ..Das Vorbrennen vor dem Tode eines 
Menschen, rührt gewiss, wie ich aus der Erfahrung erachten kann, daher, dass man vor 
noch jO Jahren, sobald die Leiche, vom Hause ab, nach der Kirche getragen wurde, 
das Stroh, worauf der Gestorbene zuerst geleget war, liegen Hess bis zur Abführung der 



274 Häberlin: 

ineist Scliiffskiste, aufgestellt; zur Zeit in der Mitte der guten Stube 
(Pesel), deren Möbel, Spiegel und Bilder weiss verhängt werden. Frühem 
augeblich immer an der 'langen Wand' (lung woeh) der Wohnstube (Dörnsk); 
nach Annahme der Föhringer selbst war die 'lange Wand' eigens zu 
diesem Zweck so konstruiert; es sei sonst kein Grund, weshalb die Tür 
der Dörnsk nicht in der Mitte der Wand angebracht sei. 

Über die Urform des Föhrer (inselfriesischen) Hauses ist irgeud 
etwas Sicheres bisher nicht erforscht. (Lauridsen, Historisk Tidskrifr 
<T, 41, Kopenhagen; R. Mejborg, Schleswiger Bauernhaus 1896; Reimer 
Hansen, Globus 69, 201. 1896). Die «älteste konstatierbare Form ist schon 
ziemlich kompliziert: eine durchgehende Querdiele (Mathalem = Mittel- 
diele), rechts davon Stall und Tenne, links die Dörnsk und Küche 
(Kögem, dat. plur.); hinter der Dörnsk ein schmales Gelass (letj rüm oder 
römke = kleiner Raum), hinter der Küche 'üb Käler' (über dem Keller), 
in dem 'letj rüm' stand Schiffskiste'), Haspel, Spinnrad usw. Ich gebe 
diese Notizen mit Vorbehalt, aber auf Aussage sehr verlässlicher, 
intelligenter Föhrer; die mir bekannte älteste Hausform zeigt schon hinter 
der Dörnsk den Pesel. Im Friesenmuseum zu Föhr befindet sich das 
Modell eines Hauses von 1620, das ich im Katalog des Friesenmuseums 
1906 näher beschrieben habe. Die untenstehende Skizze auf S. 279 zeigt 
die Dörnsk mit der 'laugen Wand' (s. Fig. 17). 

Bei Gelegenheit des 'käst leian' wurde Kaffee und Kringel verabreicht, 
und häufig in Alcoholicis zu viel getan ^). Die aufgebahrte Leiche wurde 
mit einem mit Krone und Namen bestickten Sterbelaken") zugedeckt. 
Nachts und am Tage der Beerdigung brannten Lichter, und zwar zu 
Häupten und Füssen der Leiche je drei kleine, schwarze Kerzen in einem 
mit Sand gefüllten Teller. Es wurde gewacht von Burschen und Mädchen, 
die oft Mutwillen trieben, z. B die Leiche aufsetzten; zu den Naeht- 
wachenden zählten auch die 'likbaddern'; es wurde Kaffee gereicht und 
Lakritzen statt Zucker. 

Am Beerdigungstag kamen in aller Frühe die Nachbarn, um den 
Sarg auf der Bahre festzubinden und auf die Diele zu tragen. Die Bahrt' 



Leiche und sodann dasselbe aussen vor die Haustiire braclite, daselbst anzündete und ver- 
brannte. Dahero müsste nun ein solches Feuer, ein I.eicbfeuer, nach ihren abergläubischen 
Sätzen, nothwendig auch vor dem Sterben eines Menschen, sich im Gesichte sehen lassen, 
dieses ist doch nun gänzlich abgeschaffet. Sonst waren auch andere Vorbothen einer 
l^eichfahrt, wie sie sagen, notable, als dass der oder die des Nachts in einer solchen 
Leichenfahrt, auf einem Kirchwagen, unter so vielen Geistern gekommen, dass man ent- 
weder ausweicheu, oder so lange stille stehen müssen, bis die ganze Schaar passiret." 

1) Früher, bis vor zwei Generationen, war jeder gesunde Föhrer Seemann: vgl. 
meinen Aufsatz in der Politisch-anthropolog. Revue 4 (12. März 190G). 

2) Vgl. Warnstedt, Die Insel Führ (Schleswig 1824), der ziemlich übereinstimmend 
berichtet. 

3) bär-bläich oder boarbläich (Bahrtuch. 



Trauertrachten und Trauerbräuche auf der Insel Fötir. '27ö 

wurde von den Likbadderu abgeholt, d. li. nur begleitet, nicht getragen. 
Wenn sie dieselbe im Trauerhaus abgeliefert, wurden sie zusammen mit 
den 'Gräif magers' ^) mit Pudding und gekochtem Schinken bewirtet und 
bekamen ein paar Kringel mit nach Hause. Auf den Sarg, der früher 
von rohem Holz war, wurden 8 Ellen feines Linnen gedeckt (bläich), in 
dessen einer Ecke gestickte Blumen; über das bläich kam ein etwas 
kleineres schwarzes Tuch mit Franzen; dies wurde, während der Sarg 
vor dem Hause stand, von den Eeichenbitterinnen festgebunden mit einem 
zwei Finger breiten, schwarzen Seidenbande, und zwar so, dass das Band 
rings um die Seiten wände geführt und am Fassende geknotet wurde. 
Ausserdem wurde es mit Stecknadeln festgesteckt, deren Köpfe alle nach 
Häupten der Leiche stehen mussten^). 'Duk en bläich* wurde (ebenso 
wie die Brautkrone) geborgt und kostete 8 Schilling. Tor der Beerdigung, 
ehe der Sarg aus dem Hause getragen wurde, sassen die leidtragenden 
Frauen in einem, die Männer im andern Zimmer. Früher wurde die 
Leiche ohne Sang und Klang vom Hause nach dem Friedhof (Hoof) 
gebracht; bevor der Leichenwagen in Gebrauch kam (vor etwa 30 Jahren), 
wurden die Särge derer, die in der Gemeinde ein Amt bekleidet hatten, 
zum Kirchhof getragen; sonst wurde die Bahre mit dem Sarge auf das 
ünterbrett eines gewöhnlichen Leiterwagens gesetzt, an dem zuvor die 
Leitern entfernt waren. Kindersärge werden auch jetzt noch getragen, an 
zwei Stöcke gebunden, von vier jungen Burschen. 

Die Glocke läutet bei Beerdigung in langsamem lUiythmus (was 
man durch kurzes, ruckweises Ziehen am Seil erzielt) vom Hause ab 
eine bestimmte Strecke lang. Von diesem besonderen Totenläuten sagt 
man: die Glocke 'suregf. Auch der Ausdruck 'beiern' für diese Art 
läuten kommt vor; sonst heisst läuten 'ringe". In Deezbüll und Umgegend 
sagt man umgekehrt 'ringe' für Totenläuten, ^beiern' für gewöhnliches 



1) = Grabmacher: aucli das (irab wurde früher von den Nachbarn i>egraben. — Der 
jetzige offizielle Totengräber heisst 'knien- gräver'. Diese gegenseitige Aushüfe der 
Nachbarn (Naojsten) ist etwas Natürliches und höchst Sympathisches. Neocorus hat bei 
den Dithmarschern dafür den Namen 'Drankschop" = herkömmliche Pflichtigkeit einer 
Anzahl von Familien, sich gegenseitig beizustehen: sonst gibt es auch den Namen 'Not- 
Nachbarn' dafür; s. auch Schütze, Holst. Idiotikon 1, 89. :'., oG 'Belevung'. 

•2) K. J. Clement (Die Lebens- und Leidensgeschichte der Friesen, Kiel 1845) 
erzählt von Amium: „Vor etwa 60 Jahren stand auch noch die sogenannte Kap auf dem 
Sarg, wenn der Küster die Leiche aus dem Hause sang, welche von Tuch, dreieckig, 
schwarz und vielfaltig und an zwei Fuss lang war, das breite Ende den Füssen des Todteii 
zugekehrt. Der Eine lieh sich dieselbe von dem Anderen. Sie war mit zwei schwarzen 
Bändern, welche den Sarg umfassten, befestigt: der Sarg hatte seine natürliche Farbe 
ohne Anstrich: später kam ein weisses Laken mit schwarzen Bändern darauf, jetzt steht 
der Sarg kahl und ohne Laken da, mit melancholischer Schwärze angestrichen, eiu einsam 
brennendes Licht ist nachgeblieben." - Diese 'Kap' auf dem Sarg erinnert sehr an unsere 
'Sureg-Kap". Clement ist in seinen stark wehmütigen friesophilen Aufsätzen nicht ganz 
zuverlässig, doch dürfte obige Angabe wohl stimmen. Chr. Johansen dJie nordfrie.-. 
Sprache. Kiel 18(;2) erzählt dasselbe. 



j!7() Häberlin: 

Läuten. Mitunter kommt es vor, dass das tägliche Schulglockenläuten 
einen besonderen Klang- zu haben scheint, den man als 'likeg' (leichig) 
bezeichnet; dass damit bevorstehende Todesfälle prophezeit würden, habe 
ich nicht sagen hören. 

Einzelne Dörfer haben einen besonderen Kirchhofsweg (Hoof-wai), 
auch jedes Haus hat einen bestimmten, traditionellen Weg bei Beerdigungen. 
Das Trauergefolge geht zu zwei und zwei, die Frauen stets zuerst'). Wenn 
das Leicheugefolge (liks-lidj) sehr weit auseinandergezogen ging, so galt 
das für Vorbedeutung eines baldigen neuen Todesfalls. Wer einer Leiche 
begegnet, bleibt stehen, bis Sarg und nächste Leidtragende vorbei sind. 
Der Pastor kam dem Leichenzug eine bestimmte Strecke vor der Kirche 
entgegen (in Niblum den Filialdörfern z. B. bis zu einer Sark-bruch^) 
genannten Stelle). Früher wurde der Sarg dreimal um die Kirche ge- 
tragen^), dann während der Leichenpredigt in die Kirche gesetzt, daneben 
brannten Lichter. Später war das nur bei verstorbenen Pastoren und 
Wöchnerinnen üblich, bei letzteren gehen dann die zwei Gevatterinnen, 
die sonst bei ihrem 'ersten Kirchgang' mit ihr um den Altar gegangen 
wären, um den Sarg. Auf dem Sarge einer Wöchnerin war vom Kopf- 
bis Fussende und quer darüber weg ein Streifen weisse Battists an- 
gebracht, so dass auf dem Sargdeckel ein weisses Kreuz entstand*). — Früher 
schaufelten die 'Gräif-magers' auch gleich das Grab zu, während die 'Sureg- 
lidj' noch dabei standen. 

Jetzt wird der Sarg ans Grab gebracht und dort kurz eingesegnet; 
dann folgt die Predigt in der Kirche von der Kanzel aus, darauf wird 
vom Pastor im Gang zwischen den Trauerstühlen 'gedankt'. Dieser Dank 
(e thonk) ist eine Trostrede. Die Sureg-lidj sassen in besonderen 'sureg- 
bänker'^), und standen weder während des Trauergottesdienstes, noch ein 
Jahr lang später während des Gottesdienstes bei Segen und Epistel auf 
(noch jetzt üblich). Die gebückte Haltung der Frauen während der 
Trauerpredigt habe ich schon oben erwähnt. 

Man wählte als Beerdiguno-stag am liebsten Dienstai»- und Freitag, 



1) Mein Vater erzählt mir, dass in Neckar- Groningen i^^'ürttemberg) die Haupt- 
leidtragenden (de erseht klag) im Gänsemarsch gehen, die Frauen auch mit entfaltetem 
weissem Tuch in der Hand. 

•2) Sark - Kirche; im übrigen ist die Bedeutung von Sark-bruch nicht aufgeklärt. 

o) Dies war auch auf dem benachbarten Festland Sitte und wird u. a. schon 1500 
von dem Begräbnis Joh. v. Ranzaus zu Itzehoe erwähnt, wo noch verschiedene interessante 
Einzelheiten (Lackmann, De variis exseiiuiarum ritibus, Kiel 1748). 

4) Vgl. Justi, Hessisches Trachtenbuch S. 40: „Ist die Tote eine Kindbetterin, so 
wird an das schwarze Kreuz ein weisses Schnupftuch im Quadrat angenagelt" i^in Hessen). 
Ploss, Das Weib 1902 2, 724 gibt hierzu viel Interessantes. Über Grabbeigaben einer 
Wöchnerin s. Zs. f. Volkskunde V.K 12(5. 

5) Trauerbänke gibt es auch sonst. Mein Vater, der seit 40 Jahren Pastor in 
Württemberg ist, sagt mir, dass in einigen Orten die leidtragenden Männer sechs Wochen 
in den Trauerbänkeu sitzen, den Hut auf dem Kopf. 



Trauertrachten und Trauerbräuche auf der Insel Föhr. 



■271 



nie Montag oder Sonnabend, ungern Mittwoch und Sonntag; den letzteren 
nicht, da es ehrenvoller schien, seinen 'eigenen Tag' (änjen daoj) zu haben, 
an dem man sonst nicht zur Kirche gegangen wäre. 

Witwen heiraten meist nicht wieder, tragen auch nicht mehr den 
reichen Silberbrustschmuck, sondern bei Festen nur je zwei Knöpfe (statt 
sechs) auf jeder Brustseite, dazwischen statt der Silberkette die schwarz- 
samtne 'aversnar'; siehe oben Fig. 6. Wenn Seeleute fern von der Heimat 
starben, so wurde für sie auch ein Trauergottesdienst (Sonntags) gehalten. 

Auf der benachbarten Hallig Langeness war dies bis in alle Einzel- 
heiten ebenso, mit folgenden Abweichungen. Über den Sarg wurde ein 
'lik-dök^ gelegt, d. li. ein schwarzes Tach, 2 m lang, 1 tn breit; darauf 
drei Handtücher kreuzförmig mit 
Stecknadeln festgemacht. Kinder- 
särge standen vor dem Altar. Die 
auf dem Sarg in der Kirche 
brennenden Lichte waren Kirchen - 
eigentiim, wurden nicht bezahlt 
und stammten aus gelegentlichen 
Vermächtnissen. Auf den Kinder- 
sarg kam ein Kranz*) (liken- 
krauns) von Papier usw., der dann 
von den Eltern aufbewahrt wurde. 
Beerdigungen hielt man am liel)sten 
Sonntags. Vor dem Leichen- 
begängnis wurde Warmbier mit 
Kahm, Syrup und Kringel gereiclit, 
wozu man die Kummen und silbernen 
Löttel zusammenborgte. Bei der 
'Kastleian' wurde Kaffee undKnerken 
(ein spezielles Halliggebäck) gereicht. 

Auch auf dem benachbarten Festland waren die Trauerbräuche sehr 
ähnlich. Wenn die Leiche aufgebahrt war, hiess das 'up schaos'. Da die 
Höfe auf dem Festland weit auseinander liegen, geschah das Leichen- 
ansagen zu Pferde; die Leuchter für die Feier in der Kirche wurden 
beim Küster geholt, jeder für sich in einen Sack gesteckt, und dann als 
Zwerchsack übers Pferd gelegt. 

Bezüglich eines von dem sonst sehr zuverlässigen Kohl'-) 1845 er- 
wähnten, früher auf Föhr an der üruft üblichen 'Trauergeheuls', muss 




Fig. 14. Grabstein, an einen Wallisch 
kuochen angedübelt (17. Jahrh.). 



1) Exemplar im Friesenmuseum von Föhr. Die Grundlage ist ein Kreis aus Draht, 
darauf rechtwinklig zueinander zwei Halbkreise: das ganze mit Papierblumen, Metall- 
llittern ausstaffiert. 

2) J. G. Kohl, Die Marschen und Inseln von Schleswig -Holstein 1, 16 (1846). Er 
hatte die Beschreibung von einem dortigen Prediger: ,.Pie nächsten weiblichen Ver- 



178 



Häberlin: 



ich bemerken, dass es mir nicht möglich war, seine Nachricht bestätigt zu 
finden. Heimreich ^) berichtet 1(565, dass am Grabe eines Ermordeten die 
Verwandten ausriefen: "Wraeck, wraeck, wraeck (Rache)! Westphalen^) 
in seiner höchst gelehrten und wortreichen Praefatio S. 62 — 65 gibt ver- 
schiedene solche 'Vociferationen', darunter auch 'Wrag'. Bekannt ist auch 
das 'Jodute"- Rufen''), das namentlich in der Lüneburger Heide sich lano-e 
erhielt. 

Zum Schluss ein Wort über die Grabsteine. Die ältesten mir be- 
kannten sind vom Anfang des 17. Jahrhunderts, von der Form wie Fi«-. 14. 




^ 



T\ 



'^ 





Fig. 15. Grabstein mit Schiff, wie er früher 
allen Seeniannsgräbern zukam. 



Fig. 16. Grabstein, -wichtig für die Trachten. 



eine ganz dünne Sandsteinplatte, an einem starken Pfahl von Walfisch- 
kiefer angedübelt. Da es Holz auf den Inseln nicht gab, brachten die 
damals in Massen auf Walfanii- fahrenden Föhrer viel Walfischknochen 



■wandten erheben ein wahres Zetergeschrei, . . . dabei werfen sie sich heftig auf und 
nieder, zuweilen kopfüber bis fast zum Boden. Man nennt diese Weiber die Sörge- 
wüffe". 

1) Nordfriesische Chronik l(j()5 (Ausg. Falck 1, 54). [J. Grimm, Deutsche Rechts- 
altertümer * 2, 520.] 

2) Mou. inedita 1 (1739). 

3j Vgl. Westphalen, Praef. p. 59. [.J. Grimm, Rechtsaltertümer* 2, 518.] In Scherls 
Neuem deutschen Balladenschatze 1906 S. 64 steht eine nicht üble Ballade hierüber von 
H. Löns: 'Jeduch'. 



Tranertrachten und Trauerbräuche auf der Insel Föhr 



279 



mit, die zu Pfosten, Ständern, Sparren usw. benutzt wurden, wie übrigens 
an der ganzen Nordseeküste; das Friesenmuseum hat einen kleinen 
Schuppen aus diesem Material. Fig. 15 zeigt die meist übliche Form mit 
dem in verschiedenen Variationen wiederkehrenden Schiff. Fig. 16 ist 
interessant als der einzige mir auffindbare Stein, der inselfriesische Tracht 
(Kortel, Smok und Knöchelbinden der Frauen) bietet; sonst sieht man 
nur holländische Kostüme, was sich übrigens auch hier bei den Männern 
geltend macht. Öfter sah ich auf älteren Steinen Hausmarken an- 
uebracht, die sonst hier völlig verschwunden sind. Die Steine dürften in 






cJl-ViCh-C 



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Fiof. 17. Grundriss der Stube des Föhrer Hauses. 



Holland gearbeitet sein; die Beziehungen zu Amsterdam, von wo aus die 
Männer Seedieuste annahmen, waren ja sehr intime. — Kohl 1, 168 be- 
richtet, dass diese Grabmonumente sehr teuer seien, da die Sandsteine 
von Hamburg oder Holland kommen und bis 100 Mk. kosten. Er sah 
auch noch auf mehreren Kindergräbern Walfischknochen, auf denen der 
Name und der Todestag eingegraben war; „da war einem Gebeine ein 
Gebein als Monument gesetzt." Vielfach wurde von Witwen auf dem 
Grabstein des Mannes gleich der Name der Frau mit aufgeführt, und nur 
der Todestag freigelassen. Wie oben gesagt, sind die häufigsten Relief- 
bilder abgetakelte oder mit vollen Segeln fahrende Schiffe, ferner Dar- 
stellungen der ganzen Familie (s. Fig. 16), auf denen gewöhnlich der ver- 
storbene Gatte Abschied nimmt. 



3 Häberlin: 

Die Inschriften sind hochdeutsch, sehr selten plattdeutsch, und haben 
bei den älteren meist Bezug auf Seefahrt. Hier ein Beispiel: 

cectoatvn ^^S-^t viel, das liebe fi,e„, 
^'' ^;«gestümen Meer Auf Brette,-« hi^^^^'j^^ 

(Ein Schiff nnt vollen Segeln.) 

Der Christ wagts recht, wann er das Hertz, das beste Gut, 
Aufopfert dem, der es erkauft mit seinem Blut. 

Allhier ruhen die Gebeine 

Dirk Cramers 

des weyland wohlachtbaren 

Westindischen Kapitain's aus Nieblum, 

gebohren den 2(>. August 1725 in Boldixum, 

der in seinem Leben mit Gntt viel gewagt, 

aber auch 

unter seiner Leitung viel Glück gehabt; 

er waget es, 

vom 17. Jahr an sein Leben der wilden See anzuvertrauen, 

unter vielen Proben der göttlichen Hülfe 

von 17.")5- 17(3-2 ein Schifi' nach drei Theilen der Welt 

zu führen 

und es ward 

eine jede Fahrt in VI Jahren mit Segen gecrimet, 

tT wägete es 

auf Göttlichem Wink sich abwesend zu verbinden 

mit der tugendsahmen Ej-cke Jensen aus Nieblum, 

ob er sie gleich nie gesehen 

und siehe es gelang ihm, 

denn er führte vom 1. Nov. 1762 fast 7 Jahre in ruhe die 

zärtlichste Ehe, 

er wägete es endlich hoffnungsvoll 

6. Aug. 17G9 über das schwartze Meer des Todes zu 

schiffen 

Und siehe er kam glücklich hinüber und anckerte 

nach einer 44 Jährigen Lebensfahrt in den sichern Hafen 

der seeligen Ewigkeit. 

Auf Föhr hält man an der Erzählung fest, dass diese Steine an Bord 
der Grönlandfahrer behauen wurden, indem z. B. der Kapitän in Holland 
einen unbehauenen Stein mitnahm und dann in der langen Müsse der 
Eismeerfahrt ihn bearbeitete oder bearbeiten Hess. Sicher ist, dass die 
schönen inselfriesischen Schnitzereien (Mangelbretter, Türfüllungen, 
Kästchen, Ellen) recht häufig so entstanden. Yon den Grabsteinskulpturen 
jedoch, die eine grosse, handwerksmässige Gewandtheit und vielfach hervor- 
ragende Schönheit zeigen, möchte ich dies nicht glauben. Yor zwei 
Generationen lebten im Westen Föhrs noch Steinhauer, die Grabsteine 
machten. Ich habe keinen dieser Steine gesehen. — Auf Föhr und den 
andern Inseln sowie westlichen Küsten der Provinz Schleswig -Holstein 



runner: Ausstellung für Volkskunst, Berlin 1909. 281 

finden sich noch zahlreiche grosse Viehtränktröge ^) (Noste) aus Sand- 
stein, die sich ohne weiteres als Särge dokumentieren; sie sind oft mit 
allerhand Emblemen in Steinskulptur verziert. Sie wurden, wie Handel- 
inann und Kiesselbach ^) nachweisen, im 12. Jahrhundert vom Niederrhein 
her eingeführt. 

Die eben geschilderten Gebräuche werden immer mehr modernisiert; 
das von mir Angeführte bezieht sich auf die Mitte des vorigen Jahr- 
hunderts. Für die Nachrichten darüber bin ich vielen Föhringer Frauen 
verpflichtet, bei Männern klopft man bekanntlich fast stets vergeblich an; 
insbesondere sage ich Frau Kaike Sass und Frau Eike Jensen für viele 
wertvolle Auskünfte meinen wärmsten Dank. Meine Angaben sowie die 
mundartlichen Notizen beziehen sich meist auf övenum; die einzelnen 
Dörfer zeigen in Brauch und Sprache oft deutliche Abweichungen. Die 
sprachlichen Anmerkungen gebe ich in dem Bewusstsein, sie nur laienhaft 
übermitteln zu können. 

Wvk auf Führ. 



Die Königliche Sammlimg für (leiitsche Volkskunde 

auf der internationalen Ausstellung für Volkskunst, 

Berlin 1909. 

Von Karl Krunner. 

(Mit einer Abbildung.) 



Diese vom Lyceum-Klub veranstaltete, gross angelegte Ausstellung 
fand in den Räumen des Warenhauses A. Wertheim, Vossstr. 32, in der 
Zeit vom 20. Januar bis Ende Februar statt. Sie gliederte sich in zwei 
grosse Gruppen, die auch räumlich getrennt waren, nämlich in die 
historische und die moderne Abteilung. Im allgemeinen lag es in der 
Absicht der Ausstellung, die Frauenarbeit besonders zu betonen und die 
Eigenart der verschiedenen Gebiete vorzuführen. Der letztere Punkt ist 
gerade derjenige, welcher die Volkskunst in so hohem Masse reizvoll und 
ergiebig macht. Die Königliche Sammlung für deutsche Volkskunde ent- 
hält nun eine solche Fülle von Gegenständen aller Art, welche die volks- 
tümliche Kunst der verschiedenen deutschen Stämme zur Anschauung 



1) Ein besonders schönes Exemplar im Friesenmuseum hier. 

2) Kiesselbach, Zeitschrift für schleswig-holsteinische Geschichte o7 (1907). 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1909. 19 



282 ßrunner: 

bringen, dass sie als Hauptstütze der historischeu Ausstellungsgruppe zu 
dienen vorbestimmt schien. Demgemäss beteiligte sie sich au dem Unter- 
nehmen um so lieber, als Raum- und Lichtmangel in ihren derzeitigen 
Unterkunftsräumen einer wirksamen Vorführung ihrer Schätze, besonders 
im Winter, noch immer recht hinderlich sind. Der Museumsverein be- 
vpilligte eine grössere Geldsumme zur Beschaffung eines Hauptstückes für 
die Ausstellung, des sog. Kammerwagens, von dem weiter unten noch die 
Rede sein wird. In der Hauptsache beschränkte sich unsere Sammlung 
auf die Darstellung deutscher Volkskunst innerhalb der Reichsgrenzeii. 
Nur auf besonderen Wunsch wurden auch einige der reich bemalten 
älteren Möbel aus der Hindeloopener Stube für die moderne Ausstellungs- 
gruppe hergeliehen, um einen Vergleich der neuen Erzeugnisse zu er- 
möglichen, welche jetzt auf der Grundlage der alten Volkskunst in Fries- 
land hergestellt werden. Dabei stellte sich die Überlegenheit der alten 
guten Technik deutlich genug heraus. 

Die Leitung der historischen Ausstellungsabteilung in der kunst- 
verständigen Hand von Prof. Kurt Stoeving hat es verstanden, in dem 
prächtigen Oberlichtraume des Erdgeschosses ein farbenschönes und bei 
aller Abwechslung doch ruhiges Bild alter deutscher Volkskunst zu geben. 
Eine grössere Anzahl von Museen und Privatsammlern hatten dazu bei- 
getragen, die zu beiden Seiten des Mittelganges liegenden Kojen gefällig 
auszustatten. Die dem Eingange gegenüberliegende Schmalwand war 
durch eine hervorragende Ausstellung des sächsischen Vereins für Volks- 
kunde in Dresden geschmückt. Li der Mitte des Raumes waren den 
Berliner Museen ihre Plätze zugewiesen, abgesehen von Einzelheiten, die 
zur Ergänzung aus den Beständen der Königlichen Sammlung für deutsche 
Volkskunde an verschiedenen Stellen eingefügt worden waren. 

Entsprechend dem umfassenden Charakter unserer Sammlung waren 
hier in drei Schränken zur Darstellung gebracht Bauernschmuck, Frauen- 
hauben und Brautkronen sowie kleinere bäuerliche Holzschnitzarbeiten 
aus allen Gebieten des Deutschen Reiches. Im einzelnen waren dann 
noch an verschiedenen Punkten ausgestellt: eine weibliche Tanztracht 
sowie eine Auswahl der feinen farbigen Leinenstickereien aus dem Alten 
Lande bei Hamburg, wie sie ähnlich in den friesischen Gebieten an- 
gefertigt wurden. Ferner verschiedene schöne Frauenhauben aus der 
Provinz Hannover, die leider auf der Ausstellung nicht genügend ver- 
treten war, dann eine Trauertraclit einer ^lönchguterin und verschiedene 
Stickereien aus dem Pyritzer Weizacker in Pommern, hessische Trachten- 
teile, schleswig-holsteinische Fayencen, Stühle u. a. aus verschiedenen 
Gebieten. 

Als hervorragendstes Stück der Museums-Ausstellung aber ist zu 
nennen der vom Architekten Franz Zell in München freundlichst be- 
sorgte sog;. Kammerwasen aus der Gegend von Tegernsee in Ober- 



Ausstellung für Volkskunst, Berlin 1909. 



283 



bayern. Die beigefügte Abbildung zeigt ihn auf der Ausstellung. Unter 
den Namen Brautwagen, Brautfuder, Küchel-, Käste-, Kisten- oder 
Kammerwagen, auch Kammetwagen, war früher ein Gebrauch in ganz 
Deutschland^) weit verbreitet, das Heiratsgut in prunkender zeremonieller 
Weise auf einem vom Bräutigam geschickten Wagen herüberzuholen. 
Dieser Wagen wurde sorgfältig und kunstvoll zusammengestellt und mit 
Ofirlanden, Kränzen und bunten Bändern geschmückt. In der Münchener 
Zeitschrift 'Volkskunst und Volkskunde' 1906, S. 70 f. hat Albert Hart- 
mann einige Modelle solcher Wagen abgebildet und kurz besprochen. 




Auch F. Zell hat in seinem Werke 'Volkskunst im AUgäu' 1902, S. 20f. 
diesen alten Brauch aus dem schwäbischen Gau geschildert. In neuerer 
Zeit ist diese Sitte, wie alles Volkstümliche, immer mehr verschwunden. 
Vor der Fabrikware und der Eisenbahn flieht eben Volkskunst und -Brauch 
in die unzugänglichsten Winkel. Ganz ausgestorben ist der Kammer- 
wagen indes wohl noch nicht. Reisende berichten, dass er im bayrisch- 
tirolischen Grenzgebiet noch jüngst beobachtet worden sei. Auch in 
Niederdeutschland war er bekannt, und besonders in Hessen und Böhmen. 
Während man im allgemeinen den gewöhnlichen Leiterwagen zum 
Brautfuder benutzt, pflegte man ihn in Oberbayern in neuerer Zeit mit 



1) Vgl. Zs. f. Volkskunde 12, 4G8. 13, 291 über den hessischen Brautwagen. 

19* 



284 Brunner: 

einer hölzernen Plattform zu versehen, auf welche die Möbel gestellt 
wurden, und den Wagen selbst mit einem rings herum gespannten blau- 
weiss gemusterten Stoff zu verdecken. Auf dem Wagen pflegte in Ober- 
bayern die Näherin zu sitzen, während der Schreiner, welcher den Hausrat 
angefertigt, die Überführung überwachte. Aus der ganzen Anordnung 
ergibt sich ferner, dass der Waagen nur sehr langsam fahren durfte, weil 
sonst der Hausrat in Gefahr geraten wäre, herabzustürzen. 

Um nun des näheren auf unseren Kammerwagen einzugehen, so ist 
vorweg zu bemerken, dass der aus dem Besitze des Johann Stadler in 
Rottach stammende Wagen blau angestrichen und mit roten Linien und 
Punkten verziert ist. Es ist einfaches ländliches Fuhrwerk, dessen Seiten- 
bretter stark nach aussen geneigt sind. Das auf Holzgerüsten hängende 
Geschirr für zwei Pferde ist mit schwerem Kummet, reichem Messing- 
schmuck, grünen Zweigen und blauweissen Schleifen verziert. Das Hand- 
pferd trägt dazu ein grosses rotwollenes Tuch mit einem Dachsfell darüber 
am Kummet, nicht nur zum Schmuck, sondern ursprünglich auch als 
Amulett, zum Schutz gegen bösartige Geister bestimmt, denen der bissige 
Dachs die scharfen Zähne zeigt. Auf dem Vorderende des Wagens steht 
das grosse breite Himmelbett, reich bemalt und am Fussende mit dem 
Kruzifix und verschiedenen Oberammergauer Schnitzereien versehen, die 
zum Hausaltar gehören. Das Bett ist mit blauer Grundfarbe und einer 
Fülle von Rokoko -Ornamenten in gelber Farbe, sowie mit eingestreuten 
Blumen und Blättern in Rot, Weiss und Grün bemalt. Die Füllungen 
tragen drei bildliche Darstellungen: am Fussende ein Korb mit Früchten 
und Vögeln; die Kopfseite zeigt (an ein Gedicht Mörikes mahnend) einen 
schlafenden Christusknaben, der auf einem Totenschädel und auf einem in 
offener Landschaft liegenden Kreuze ruht, umgeben von den Leidenswerk- 
zeugen und Streublumen; darüber die Inschrift: schönster Jesu wie Kaust 
dan schlaffen Auf so harthe Leidens Waffen. C. P. 1785. Die Decke des 
Betthimmels zeigt inwendig eine stehende weibliche Figur in geblümtem, 
weissem Gewand und blauem Mantel, in der Hand einen Lilienstengel, 
einen Blumenkranz auf dem Haupte; unter ihrem Fusse windet sich eine 
Schlange auf einer grossen Weltkugel; offenbar ist es ein Bild der Mutter- 
gottes. Die inneren Kanten der Füllungsrahmen sind goldig abgesetzt; 
der obere Aussenrand des Betthimmels zeigt eine bräunliche Marmorierung. 
Die Rückseite am Kopfende des Bettes ist dazu benutzt, einen Schlüssel- 
rahmen mit älteren buntfarbigen Bauerntöpfereien aufzuhängen. Darunter 
steht die sogenannte Fusstruhe, ebenfalls mit Blumen auf blauem Grunde 
bemalt, die in der Stube an der Seite des Bettes zu stehen pflegt. Der 
Raum zwischen Bett und dem zu hinterst stehenden Leinenschrank ist 
ferner ausgefüllt mit Spinnrad, Butterfass, Kinderwiege, Stühlen, Uhr und 
vor allem mit dem runden, solid gebauten Tisch, auf dem Kinderspielzeug, 
Saugflasche und anderes kleines Hausgerät zur Schau gestellt ist. 



Ausstellung für Volkskunst, Berlin 1909. 285 

Am Ende des Wagens prunkt, mit den offenen Türen nach hinten 
gewendet, der reich gefüllte Leinenschrank, der Stolz der Bäuerin. Wie 
Zell in der Einleitung zu seinem Tafelwerk 'Bauernmöbel aus dem 
Bayerischen Hochland' 1899 berichtet, waren in einem wohlhabeudeu 
Hause in der Mitte des 19. Jahrhunderts oft mehrere Stuben mit solchen 
Schränken, Kästen genannt, gefüllt und dienten mehr zur Schaustellung 
des Reichtums als zum Gebrauch. Der Schrank ist in derselben Weise 
wie das Bett reich bemalt und gehörte ehemals zu demselben Heiratsgut. 
Der Xame der Besitzerin Catharina Pernöckerin und die Jahreszahl 1785 
sind über den Schranktüren in eine Füllung gemalt. Die Türen zeigen 
aussen grosse Bilder der h. Katharina mit Märtyrerpalme, zerbrochenem 
Rade und Schwert und der h. Barbara mit Palme und Kelch, auf den 
Häuptern die Märtyrerkrone. Darunter ist auf jeder Flügeltür eine gelb- 
liche Vase mit bunten Blumen gemalt, welche zeigt, dass die Perspektive 
nicht des Malers starke Seite war. Die Innenseite des Schrankes ist mit 
roter Farbe bemalt und die obere Gesimsleiste in derselben Art wie bei 
dem Bette marmoriert. Die Schranktüren sind innen mit gedruckten 
Haussegen, die das Martyrium des Sebastian und die Auferstehung der 
Toten in naiv origineller Darstellung enthalten, beklebt und mit geweihten 
Kissen als Amidetten, Rosenkranz und dergleichen behängt. Die Fächer 
enthalten eine Fülle aufgerollten, selbstgewebten Leinens, Flachsbündel 
dazwischen, kunstvoll verzierte, geweihte Wachsstöcke und Blümchen. 
Auch einige Medaillen zur Erinnerung an Wallfahrten pflegt man hier 
aufzubewahren. Im oberen Raum des Schrankes hängen einige bestickte 
Handtücher und Kleidungsstücke. Da finden sich auch die beliebten, 
bemalten Gläser und Krüge sowie anderer wertvoller Hausrat. Oben auf 
dem Schrank stehen einige der bekannten Berchtesgadener Holzspan- 
schachteln zur Aufbewahrung von Schmuck und Hauben. An den rück- 
wärtigen Wänden von Schrank und Bett, sowie ringsherum am Wagen ist 
noch eine Fülle von Bildern, grösstenteils auf Glas gemalt, angehängt, 
welche Darstellungen von Heiligen oder Mitgliedern der heiligen Familie 
bieten und für den Herrgottswinkel des bäuerlichen Hauses bestimmt 
waren. Von sehr ursprünglicher Art sind die unter dem Schrank auf- 
gehängten, bildartigen Gehäuse mit Wachsköpfen im Innern, deren weitere 
Ausstattung im wesentlichen aus Papierflittern und gefärbten Hobelspänen 
besteht. Es sind primitive Darstellungen des Christkindes. Im Gegen- 
satze zu ihnen stehen die feingearbeiteten Filigranbilder mit Heiligen- 
figuren aus Wachs in der Mitte, welche an der Längsseite des Wagens 
zwischen den grünen Girlanden angebracht sind. 

Im ganzen betrachtet, ist der Wagen mit seiner farbenfrohen, reichen 
und gemütvollen Ausstattung ein prächtiges Sinnbild deutscher Volkskunst. 
Die wohlverdiente Bewunderung, die er auf der internationalen Ausstellung 
für Volkskunst erregte, wird hoffentlich auch in den Museunisräumen, wo 



28(5 Lohmeyer: 

er jetzt in gleicher Weise zur Schau gestellt ist, ihm von weiteren Kreisen 
zu teil werden und dazu beitragen unsere noch immer nicht genügend 
gewürdigte Sammlung dem deutschen Volke lieb und bekannt zu machen. 
Dem Museumsverein aber, der bereitwillig die Mittel zur Erwerbung 
dieses schönen Schaustückes hergab, muss auch an dieser Stelle warmer 
Dank ausgesprochen werden. Möge die Sammlung auch in Zukunft immer 
Freunde besitzen, die ihre Liebe für deutsches Volkstum so durch die 
Tat zu erweisen bereit sind! 
Berlin-Steglitz. 



Kleine Mitteilungen. 



Der Traum vom Schatz auf der Coblenzer Brücke. 

Einem Einwohner des auf dem Hunsrück am Hochwalde gelegenen Dorfes 
Alt-Rinzenberg, der den Familiennamen Engel führte, träumte einst drei Nächte 
hintereinander: 

Zu Coblenz auf der Brück, 

Da blüht dir dein Glück. 

Als er dies seinen Verwandten erzählte, Hessen sie ihm keine Ruhe, bis er 
sich gen Coblenz aufmachte, um das Glück zu suchen. Dort angekommen, begab 
er sich sofort auf die alte Moselbrücke, an der das kurtrierische Schloss stand, 
und ging auf ihr auf und ab, das Glück erwartend, das sich aber nicht einstellen 
wollte. Voll Ärger über die unnötigen Ausgaben und die beschwerliche, weite 
Reise, wollte er schon, da es immer später wurde, sich wegbegeben, als ihn ein 
Soldat, der auf der Brücke Schildwache stand, durch das sonderbare Gebaren des 
unruhig hin und her gehenden Bauers aufmerksam gemacht, anredete und ihn 
fragte, was er hier eigentlich suche. 'Ach', sagte Engel, 'da träumte mir dreimal 
hintereinander: Zu Coblenz auf der Brück, da blüht dir dein Glück, und nun 
laufe ich schon den ganzen Tag hier auf und ab, aber von Glück habe ich noch 
nichts gesehen.' Da lachte der Soldat und sagte: „Auf Träume muss man über- 
haupt nichts geben. Da träume ich zum Beispiele immer: In Rinzenberg steht in 
einer alten, verfallenen Zisterne ein Kessel mit Gold; aber soviel ich auch gefragt 
habe, kein Mensch kann mir sagen, wo Rinzenberg liegt; das gibt's ja gar nicht. ^ 
'Aha', dachte der Bauer, 'jetzt weiss ich genug,' verabschiedete sich schnell und 
machte sich auf den weiten Heimweg; und zu Hause angekommen, fand er den 
Schatz richtig an der bezeichneten Stelle, hob ihn und erbaute weit ab von 
seinem Dörfchen am Eberswalde nahe bei dem damals weit und breit berühmten 
Sauerbrunnen drei überaus feste Häuser und gründete so Neu-Rinzenberg, das 
unter dem Namen Rinzenberg noch heute besteht und namentlich vor dem 
;!Ojährigen Krieg ein blühender, reicher Ort war, während Alt-Rinzenberg verfiel 
und bald völlig eingegangen und verschwunden war. — 



Kleine Mitteilungen. 287 

Diese im Volke auf dem Hunsrück lebende Sage vernahm ich im Jahre 19U8 
in Birkenfeld, wo ich die auch für die alten Sitten und Gebräuche überaus 
wichtigen Kirchenbücher durchforschte*) und dabei auch über diese Erzählung 
allerlei urkundlichen Aufschluss fand. Den Ort Alt-Rinzenberg, der heut nicht 
mehr existiert und schon vor 1600 eingegangen zu sein scheint, entdeckte ich bei 
der Durchsicht der Flurlisten fern von dem heutigen Rinzenberg auf dem Aben- 
theuerer-Banne und dem angrenzenden Buhlenberger Banne; ferner bot sich im 
Rinzenberger Banne die Bezeichnung Engelsrodt dar, d. h. eine von einem 
Manne namens Engel vorgenommene Waldrodung. Ein solcher Mann lebte nun 
nach Ausweis der Kirchenbücher tatsächlich im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts 
im heutigen Rinzenberg, nämlich der Kaufmann und Viehtreiber (Händler) Nickel 
Engel, der zusammen mit dem Kaufmann, Viehtreiber und Gerichtssehöffen Mathes 
Nonweiler und dem Hans Kol, genannt Schweickhardt-), zu den angesehensten 
Einwohnern des Ortes gehörte; am 80. Oktober 1611 ward ein Kind 'in Engel 
Niclasen neuem Hause in Rinzenberg' getauft. Sein Vater war 'Engelen Peter', 
dessen Name uns in den Rauchhaberlisten von 155;» und 1563 begegnet; jedes 
Haus, 'daraus der Rauch gehet', musste nämlich eine Abgabe von Hafer an die 
Herrschaft entrichten; Engelen Peter steuerte 'drei Fass Haber'. 

Nachdem ich in der archivalischen Forschung zu diesem Ergebnis gediehen 
war, machte ich mich an einem sonnigen Herbsttage in Begleitung von Herrn 
cand. phil. Behrends aus Birkenfeld auf den Weg nach Rinzenberg. Über den 
leider verfallenen Sauerbrunnen ging der Weg, und endlich zeigte sich uns, an 
den Hochwald angelehnt, das alte Dörfchen, gerade von einem farbenprächtigen 
Regenbogen überragt. Wir deuteten ihn als gutes Omen und traten in das 
Dörfchen ein. Gleich fiel mir ein überaus massives Haus auf, dem selbst viel- 
fache Umbauten die alte behäbige Stattlichkeit nicht hatten nehmen können. Sein 
hohes Alter ging namentlich aus einigen schmalen Fenstern auf der Seite hervor, 
die mit zierlichen Renaissancestürzen versehen waren, und einem Kellerbogen, 
der einen fast noch gotisch anmutete. Ich wandte mich nun an die Besitzerin, 
die mir zu meiner Freude erzählte, dass sie selbst eine geborene Engel sei und 
dass das Haus seit undenklichen Zeiten im Besitze der Familie gewesen, und 
dann sprach auch sie mir von der Sage. Bald bemerkte ich auch, dass sich 
neben der heutigen Tür der schön geschwungene, alte Eingangstorbogen zu- 
gemauert unter der Tünche erhalten hatte, und als ich genauer zuschaute, fand 
sich unter dem Mörtel verdeckt die in ihm ausgehauene Jahreszahl 1590. Es 
muss seinerzeit ein Anwesen gewesen sein, wie es viele Adlige nicht hatten; 
das lassen noch heute die 3 Fuss dicken Mauern und die prächtig gewölbten 
Keller erkennen. 

Wirklich hatten, der Sage entsprechend, noch zwei ähnliche massive Häuser 
in Rinzenberg existiert; das eine war erst 1870 niedergebrannt und dann ab- 
getragen worden, das andere stand noch, war aber durch Umbau völlig entstellt. 

Auf verschiedenen Seiten des Dörfchens sah ich noch grosse Viehweiden, die 
mit alten, charakteristisch verkrüppelten Birken bestanden waren und auf die ehe- 



1) Demnächst erscheint der erste Teil meiner Bearbeitung der seit l.")GS erhaltenen 
Birkenfelder Kirchenbücher, der die geschichtlichen, kulturellen und volkskundlichen Be- 
ziehungen behandelt, bei F. Filimann in Birkenfeld. 

2) An diesen erinnern noch die Flurnamen Kohlhäu und Schwickertshol, obwohl 
seine Familie 1611 und 1612 an der Pest ausstarb. Nonweiler, der zu meinen Vorfahren 
gehört, ward gleich Engel Stammvater einer grossen Siijpe: sein neues Haus wird 1611 
und auch 1626 im Kirchenbuch erwähnt. 



.)<^Q Lohmeyer: 

mals grosse Viehzucht hindeuteten. Bei der einen auf dem Stellberg war eine 
uralte halb ausgehöhlte Eiche, und von ihr erzählte man mir, dass sie sich um 
sich selbst drehe, so oft sie Mittag läuten höre; aber diese Sage hatte sich das 
Volk schon selbst zurechtgemacht, indem es sagte: „Die Eiche kann ja aber nicht 
hören, also dreht sie sich auch nicht um sich selbst." Auch von der Rieseneiche 
bei Hattgenstein, einem Orte in der Nähe, weiter noch im Hochwald, wird diese 
Sage erzählt, teils auch in der Passung, dass sie sich um ihre Achse drehe, wenn 
sie Mitternacht schlagen höre. 

Aus diesen Nachforschungen im Kirchenbuch und in Rinzenberg selbst ergibt 
sich, dass die drei Erbauer der massiven Häuser in der Sage in den einen Nickel 
Engel hineingedeutet sind, der vielleicht das erste Haus erbaute in richtiger 
Erkenntnis dei- Vorteile, die ihm die Nähe des Sauerbrunnens und der damit ver- 
bundene Fremdenverkehr bringen musste. Der grosse Handel kam dazu, um die 
Familien schnell reich zu machen, und den plötzlichen Reichtum erklärte sich 
das Volk auf seine Weise. Möglich ist ja auch, dass irgend ein merkwürdiger 
Traum sich ereignete, möglich auch, dass wirklich ein in den unruhigen Kriegs- 
zeiten vergrabener Schatz gehoben wurde. — 

Auffallend ist nun die Verbreitung der Sage, die in ähnlicher Fassung auch von 
anderen Orten dieser Gegend erzählt wird. Die Rinzenberger Sage aber halte ich für 
die älteste, ursprüngliche; denn dieses unbedeutende, abseits gelegene Örtchen bildete 
in alter Zeit eine Art von Kulturmittelpunkt, zuerst durch den pfalzgräflichen Hof, 
der damals im nahen Birkenfeld sass, dann durch die Fremden, die am nahen 
Sauerbrunnen Heilung suchten und vielfach in Rinzenberg eben in diesen Häusern 
Wohnung und gastliche Aufnahme fanden. Die ehemals grosse Bedeutung dieses 
jetzt vergessenen Sauerbrunnens bezeugt ein Manuskript der Universitätsbibliothek 
Heidelberg vom Jahre 1577, das im ersten Teil meiner Bearbeitung der Kirchen- 
bücher zum Abdruck gelangen soll. Noch 1791 berichtet das Kirchenbuch von 
einem längeren fürstlichen Besuche des Brunnens. 

Betrachten wir nun die ähnlichen Sagen, die sich aus unserer Rinzenberger 
entwickelt haben! Da ist zuerst eine aus der benachbarten Pfalz, die früher 
auch politisch mit Birkenfeld zusammenhing: 

Ein armer Mann aus dem Orte Stahlberg, das auf dem Berge gleichen Namens 
nicht weit von dem Städtchen Rockenhausen liegt, träumte vor langer Zeit dreimal 
hintereinander, auf der Mannheimer Brück solle er suchen sein Glück. Er machte 
sich auf, kam an und ging einen ganzen Tag auf der Brücke hin und her, ohne sein 
<jlück zu finden. Als es Abend war imd der Stahlberger seine Hoffnung schon aufgeben 
wollte, trat ein kurpfälzischer Soldat, der ihn beoliachtet hatte, auf ihn zu und fragte, 
was er suche. Da erzählte der Angeredete seinen Traum. Der Soldat aber lachte und 
sprach: „Dafür gebe ich nichts, Träume sind Schäume. Ich habe schon mehrmals und 
auch gestern abend wieder geträumt, auf dem Stolzenberg hinter dem Hollerstock sei 
vieles Geld vergraben. Aber was weiss ich, wo der Stolzenberg ist, und wie soll ich 
erst den Hollerstock finden?" Als der Stahlberger wieder daheim war, ging er eines 
Tages auf den Stolzenberg, eine spärliche Ruine bei Bayerfeld-Gölln, grub und fand das 
Geld, und seine Armut hatte ein Ende. Gleiches erzählt man sich auch von dem 
Bollesbrunnen bei der Ruine Diemerstein, die etwas seitlich vom Neustadter Tale ge- 
legen ist.*) 

Noch zweimal hat in neuerer Zeit die Sage in der näheren Gegend Eingang 
gefunden. Die eine, die Th. Ehrlich (Zs. für rheinische Volkskunde 6, 4(i) mit- 
teilt, hat einen Ort zum Schauplatz, der gleichfalls auf dem Hunsrück gelegen 

1) Mitgeteilt von F. W, Hebel, Pfälzische Sagen (Kaiserslautern 190(1) S. 15. 



Kleine Mitteilungen. 289 

ist; aber schon der in ihr vorkommende Bahnarbeiter lässt uns auf die Zeit der Ent- 
stehung Schlüsse ziehen: 

Einem Bauer in Womrath bei Kirchberg- träumte einst: „Mache dich auf und geh 
nach Bingerbrück, dort findest du dein Glück!" Dort angekommen, ging er im Orte 
herum, aber nichts ereignete sich. Eben -wollte er schon ärgerlich den Heimweg an- 
treten, als er noch auf die Nahebrücke zwischen Bingerbrück und Bingen sich begab. 
Dort fragte ihn ein Bahnbeamter, was er hier suche, und als ihm das Bäuerlein sein 
Herz ausschüttete, erzählte er ihm seinen Traum: ,.Mir hat geträumt, in Womrath vor 
dem Dorfe, an dem dicken, alten Eichbaume, da ist dein Glück, da liegt viel Geld; aber 
der Teufel weiss, wo Womrath liegt." Auch dies Bäuerlein fand richtig den Schatz an 
der bezeichneten Stelle. 

Die Variante ist die Sage von der Auffindung der Kreuznach er Solquelle 
(Zs. f. rhein. Volkskunde 6, 44): 

Einem Soldaten in Kreuznach träumte einst, dass er in Mainz auf der Brücke sein 
Glück finde, und zweimal hatte er diesen Traum. Seine Kameraden lachten ihn aus und 
sagten aus Narretei: „So geh doch hin!" Und als es ihm zum drittenmal träumte, nahm 
er Urlaul) und machte sich nach Mainz auf. Dort ging er von morgens bis abends auf 
und ab, bis ihn endlich ein Brückenkneclit nach seinem Begehr fragte. Und als er ihm 
sich anvertraut, erzählte der ihm, wie er letzthin geträumt habe, wenn er nach Kreuznach 
ginge, so würde er hinter dem Orte ein Häuschen finden und hinter dem Häuschen einen 
grossen Birnbaum, und wenn er da nachgrabe, so wäre sein Glück gemacht. Das 
Häuschen aber war Eigentum des Vaters vom Kreuznacher Soldaten, und als sie unter 
dem Birnbaum nachgruben, da sprudelte ihnen die erste Salzquelle von Kreuznach ent- 
gegen, und ihr Glück und das ihrer Vaterstadt war gemacht. 

Auch diese Sage kann kein hohes Alter haben, da die Kreuznacher Solquellen 
erst in der ersten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts entdeckt wurden, und zwar 
18'28 die erste im Nahebette, 18.)2 die jetzt ausschliesslich benutzte Elisabeth- 
quelle auf der Badeinsel, während die benachbarten Quellen von Münster und 
Theodorshalle schon lange entdeckt waren. 

So hat sich aus dieser Zusammenstellung ergeben, wie oft aus einer Stanim- 
sage sich viele ähnliche im Laufe der Zeiten bilden, aber auch wie dieser Stamm- 
sage ein historischer Hintergrund zu eigen ist, den sich das Volk in seiner 
poetischen, sinnvollen Weise zurechtgemacht hat. 

Saarbrücken. Karl Lohmeyer. 



Zur Sage vom Traum vom Schatze auf der Brücke. 

Man kann die in dem voraufgehenden interessanten Aufsatze K. Lohmeyers 
aufgestellte Genealogie der vier rheinländischen Sagenvarianten als möglich an- 
erkennen und doch hinsichtlich der besondern Wichtigkeit der Rinzenberger 
Fassung andrer Ansicht sein. Denn lange vor der Entstehung dieser Volks- 
erzählung, die nach den obigen Ausführungen nicht vor IGOU erfolgte, war in 
Deutschland und anderwärts die gleiche Geschichte bekannt, wie Jacob Grimm in 
einer schönen Abhandlung nachgewiesen und andere Forscher seitdem durch 
weitere Beiträge bestätigt haben ^). W^enn ich diesen Feststellungen auch nicht 



1) J, Grimm, Kleinere Schriften 3, 414—428 'Der Traum von dem Schatz auf der 
Brücke' (ISGO); vgl. Germania 11, 251 und Zs. f. vgl. Sprachforschung 17, 77. Goedeke, 
Orient und Occident 2, 585. Liebrecht, Zur Volkskunde 1879 S. 93. Häuften, oben 10, 482. 



290 Bolte: 

viel Neues hinzuzufügen vermag, so wird doch eine kurze Zusammenfassung des 
Sagenmaterials vielleicht nicht unnütz sein. 

Die älteste deutsche Aufzeichnung der Sage datiert aus dem 14. Jahrhundert, 
ihr Ursprung aber reicht sicherlich bis ins 12. zurück. Aus dieser Zeit nämlich 
stammt das nur bruchstückweise auf uns gekommene französische Epos 'Mainet', 
das von der Jugend Karls des Grossen allerlei Abenteuerliches zu berichten weiss. 
Eine niederrheinische Bearbeitung des Mainet, die bald nach 1300 in der Aachener 
Gegend auf Grund einer spurlos verschollenen niederländischen Übertragung 
entstand, der ' Karlmein et' ^), beginnt mit einer Erzählung darüber, wie der eine 
der beiden eigennützigen Vormünder des jungen Karl, der zu Balduch (Balliacum, 
Bailly) bei Paris ansässige Bauer Hoderich (Heudri), auf wunderbare Art zu 
Reichtum und Ehren gelangte. In stiller Mitternacht trat einst an Hederichs Bett 
ein Zwerg, weckte ihn und sprach: 'Hederich, sobald der Tag anbricht, geh nach 
Paris auf die Brücke; da sollst du Lieb und Leid erfahren'. Der Bauer aber 
achtete die Rede gering und schlief wieder ein. Erst als der Zwerg in der 
folgenden und dritten Nacht seine Mahnung wiederholte, machte er sich früh- 
morgens auf den Weg nach Paris und rastete auf der Brücke. Da sah ihn ein zu 
seiner Wechselbank schreitender Wechsler und fragte, woher er komme. Als 
Hoderich von dem Gebote des Zwerges erzählte, fuhr er ihn zornig an: 'Es ist 
kein Jahr her, da trat auch zu mir nachts ein Zwerg und hiess mich aufstehen 
und zum Dorfe Balduch wandern, da würde ich bei einer Weide am Bach einen 
gewaltigen Schatz finden. Wäre ich so einfältig gewesen, dem Zwerge zu ge- 
horchen, so hätte ich Stockschläge verdient. Da du Tor des Zwerges Worten 
folgtest, nimm diesen Backenstreich zum Lohne!' So fand Hoderich zur Stunde 
Leid, aber auch Liebes; denn als er heimgekehrt mit seinem Bruder Hanfrat 
(Hainfroi) in der nächsten Nacht unter der Bachweide nachgrub, fand er einen 
bleiernen Topf voll Gold, Silber und Edelsteinen. 

Diese Sage ward alsbald in Deutschland lokalisiert, und zwar an der seit Alters 
(oben 18, 302. Ersch-Gruber, Encyclopädie 1, 13, 146) berühmten Regensburger 
Brücke. Die älteste, bisher nicht herangezogene Passung steht in einer lateinischen 
Sammlung des 14. bis 15. Jahrhunderts, über die wir eine Untersuchung von 
Stiefel erwarten dürfen, der bald dem Jodocus Gallus, bald Theobaldus Anguil- 
bertus oder Michael Scotus zugeschriebenen 'Mensa philosophica'"). Es fehlt hier 
zwar der dreimal mahnende Zwerg und die Verheissung von Lieb und Leid, doch 
ist der in den späteren Aufzeichnungen geschwundene Backenstreich erhalten: 



Chauvin, Revue des trad. pop. 13, 193—196 (1898) und Bibliographie des ouvrages 
arabes 6, 94. 7, 165. 8, 151. E. B. Cowell, Journal of Philology 6, 189—195: 'The legend 
of the chapman of Swaflham church' (1876). The Antiquary 10, 182. 202. 11, 1(17 (Axon). 
12, 121. 15, 45 (Hartlaud). 

1) Karlmeinet hsg. durch A. v. Keller 1858 S. 1—6. Vgl. F. Vogt im Grundriss der 
german. Philologie 2, 1, 358 (1893). Gröber im Grundi-iss der roman. Philologie 2, 1, 512 
(1902). Kalff, Geschiedenis der nederl. Letterkunde 1, 125 (1906). — Die Gestalten der 
Brüder Heldri und Raiufrei (Heudri, Hainfroi) führen G. Paris (Histoire poetique de 
Charlemagne 1865 p. 2:33. 485. Romania 4, :5(»8. 13, 609) und Rajna (Origiui delP epopea 
francese 1884 p. 211) auf Karl Martells Gegner Chilperich und Raganfred zurück, ohne 
sich über unsere Episode und ihr Alter zu äussern. Dass diese jedoch erst durch den 
verschiedene Gedichte zusammeuschweissenden niederrheinischen Bearbeiter erfunden sein 
sollte, dünkt mir durchaus unwahrscheinlich. 

2) Mensa philosophica, tractatus 4, tit. de somniis (Colonie 1508 Bl. 47 b = Lipsiae 
1603 p. 287). Frühere Ausgaben bei Goedeke, Grundriss - 1, 437, 



Kleine Mitteilungen. 2iH 

Quidam rusticus iuxta Ratisponam soniniavit, quod in ponte Ratisponensi deberet 
invenire magnam pecuniam. Et cum ibi de mane quereret, occurrit sibi dives homs 
(|uerens, quid quereret. Et') cum omnino scire vellet, retulit somnium suum. Qui cum^) 
pugno percussit illum ad maxillam dicens: '0 stulte, debes sie credere somniis? Ego 
somniavi in ista nocte, quod in villa Regensdorp^) in tali curia sub tali salice deberem 
invenire thesaurum magnum.' Quod audicus rusticus et suam curiam esse intelligens ait: 
•ßene mihi, quod hie inveni istum pugnum!' Et veniens domum in propria curia fodiens 
invenit magnum thesaurum. 

In Regensburg spielt auch die kurze Fassung, die Joh. Agricola 1529 zu 
nr. 623 seiner Deutschen Sprichwörter 'Trevvme sind lügen' aus mündlicher Tradition 
(Das hab ich oftmals von meinem lieben vater gehört) anführt*); doch ist nicht 
nur der Backenstreich, sondern auch der Name des Dorfes fortgelassen, in dem 
jener Baum steht; der Kaufmann zeigt vielmehr auf einen in der Nähe befindlichen 
Baum, unter dem ein Traum ihm einen Kessel voll Gold gewiesen habe. Agricolas 
Erzählung hat Eucharius Eyring^) in Verse gebracht: 

Eins mals einem träumet bei Nacht, Hast du nicht ghöret, wie mau spricht: 

Daß er sich also bald auffmacht Träum sind Lügen vnd anders nicht? 

Hin auff die Regenßbürger Brück, [:)2b] Dort steht ein Baum, den sichstu avo1> 

Do wird er reich werden durclis Glück. Von dem mir gträumt zum öfftern mal, 

Er macht sich auff vnd kam dohiu, Wie vnter jhm ein Schatz soll ligen, 

Wartt etlich Tag da auff Gewinn, Ein Kessel groß voll Geldts ohn triegen. 

Gieng all Tag auff der Brücken vmbher. Es muß mir lang träumen darvon. 

Ein reicher Kauffman fragt ohn gfelir, Daß ich mich suchcns vnterstahn; 

Was er all Tag hie suchen thet. Dann ich wenig von Träumen halt, 

Er antwort jhm: 'Mich recht versteht, Sie sind nichts dann eins Btrugs gcstalt.' 

Vor viertzehu Tagen treumt mir gwiß, Domit der Kauffman von jhm geht. 

Wie mich einer her gehen hieß Der Gsell sich eines vntersteht, 

Auff diese Brückn ohn all beschwert. Geht hin zum Baum vnd grabt darunt 

Hier solt mir sein ein Glück beschert.' Vnd thut ein trefflich reichen Fund 

Der Kauffmann sprach zu jhm gar bald: Vnd findt den Kessel voller Geldt, 

'Mein Gsell, ich nichts von Träumen halt. Wird reich vnd viel von Träumen helt. 

Die ursprüngliche, vollere Form der Sage kehrt wieder in einer zuerst von 
Misander (d. i. J. S. Adami) erwähnten und oft wiederholten Erzählung, in welcher 
der nach Regensburg pilgernde Yoigtländer an die grosse Kiefer seines Heimats- 
dorfes Stelzen gewiesen wird**). In der bisher, wie es scheint, unbekannten 
Reisebeschreibung Androphili vom Jahre 1735 gelangt der Autor von Gefell in das 
zum Voigtberger Amt gehörige Dorf Steltzen und vernimmt „eine artige Historie 
von einem Bauer, der in diesem Dorfe gewohnt haben soll": 

Es habe nehmlich denselben einsmahls getraumet, daß er nach Regenspurg reißeu 
solte, auf der dasigen grossen steinernen Brücke würde er reich werden. Der Mann sey 



1) Cui B. — -2) eum A. 

:>) Regensdorff B. — Regendorf liegt IV2 Stunden nördlich von Regensburg. 

4) Danach Matthis Quad, :\Ieinorabilia mundi (Colin 1601) S. 268f. und Brüder Grimm, 
Deutsche Sagen nr. 211. 

5) Eyring, Copia proverbiorum 3, ;324 (Eisleben 1604). 

G) Misander, Deliciae biblicae vet. testam. 1705, S. 471 (891. Frage). J. C. Männling, 
Auserlesener Kuriositäten merckwürdiger Traumtempel 1714 S. 218. Darbennime, Curieuse 
Reisebeschreibung Androphili 1735 S. 294. Curiosa Saxonica 1737, ;331. Grässe, Sagen- 
schatz von Sachsen 1855 nr. 587 = Meiche, Sagenbuch des Königreichs Sachsen 1903 
nr. 846. Bechstein, Thüringer Sagenbuch 2, 72 nr. 198 (1858). Wolfram, Sächsische 
Volkssagen 1863 S. 19. Eisel, Sagenbuch des Voigtlandes 1871 nr. 471. — Bei Schöppner, 
Bayrisches Sagenbuch 1, 147 (1851) stammt der Träumer aus Rothenbühl, 



-292 Bolte: 

aufgestanden, habe seinen Eantzen herzu getragen, Käse, Butter und Brod hinein gestecket 
und sich mit etwas wenigen Gelde versehen, weil er in ziemlicher Armuth gestecket. Da 
die Frau wissen wolte, wo er hinzugehen gesonnen, sagte er ihr, daß sie sich seinetwegen 
nicht bekümmern solte, er hätte eine Reise auf 8. oder 14. Tage vor sich, die ihm Gott 
durch seinen Engel im Traum zu thun befohlen, und zusagen lassen, er solle auf der- 
selbigen reich werden. Das Reich werden war der Frau ein angenehmer Thon in 
den Ohren, drum wünschete sie ihm viel Glück und des Himmels Geleite auf den 
Weg. — Er kam zu Regenspurg glücklich an, gienge etliche Tage auf der Brücke 
hin und her spazieren, und gleichwohl meldete sich der Reichthum noch nicht. Er 
suchete immerzu auf der Erden, vermeinete einen Beutel mit Ducaten gespicket zu finden, 
aber vergebens. Er sähe alle vorbey gehende Leute mit betrübten Augen an, aber 
niemand wolte ihm [!] trösten. Drum gienge er voller Sorgen wiederum ins Quartier und 
resolvirete sich, des andern Tages darauf abzureißen und seine Heimath wieder zu suchen. 
Da er nun folgenden Morgen mit seinem Rantzen über die Brücke gienge, nochmals 
suchete und die Leute so betrübt ansähe, begegnete ihm von ohngefähr ein Mann, der 
ihm [!] befragete, was er vor grosse Sorgen und Grillen im Kopffe stecken hätte. Der 
Bauer erzehlete ihm seinen gehabten Traum und grosse Armuth, daß er kaum noch einige 
Kreutzer zur Heim-Reise habe. Jener versetzete: 'Ihr habt wunderlich gehandelt, daß 
ihr euch auf einen blosen Traum eine so weite Reise zu thun unterfangen. Träume be- 
thören die Leute. Es ist nicht lange, so traumete mir auch, ich solte nacher Steltzen 
ins Voigt- Land gehen, da würde vor dem Dorffe eine sehr hohe Kieffer stehen, unter 
derselben solte ich graben und vieles Geld finden. Wenn ich nun hinaus gelauffen, wäre 
es mir vielleicht eben so wie euch ergangen. Weil ihr aber von Steltzen seyd, könnet 
ihr wohl nachsehen, ob es denn wahr ist, daß was darunter lieget. Und damit ihr desto 
füglicher fortkommen möget, will ich euch nach meinen wenigen Vermögen einen Zehr- 
Pfennig auf die Reise mitgeben.' Er reichete ihm also einen Gulden, wünschete Glück 
und gienge seiner Wege. — Wer war froher als der Bauer, theils daß er sich nunmehro 
nicht heim betteln dürffen, theils auch, weil er einige Hoffnung etwas zu finden bekommen. 
Er stunde zwar lange bey sich an und zweiffeite sehr, daß Geld unter gedachten Baum 
liegen möchte, weil er in derselbigen Gegend vielniahls gearbeitet und gleichwohl nichts 
gefunden. Gut, sagte er, wenn was drunter ist, so darff mir das Graben niemand wehren. 
Der Baum stehet auf meinem Grund und Boden (wie es denn auch wahr gewesen). — 
Er käme mit ledigen Schub -Sack nach Hauße, darüber seine Frau trefflich scheele Augen 
machete. Der Mann achtete aber diese Aspecten gar nicht, nähme Haue und Schauffei 
lind wanderte damit zum Baum, war auch so glücklich, daß er in kurtzer Zeit einen 
grossen kupffernen Keßel mit dem schönsten alten Gelde gefunden. Er steckete ein, was 
er in Hosen und Wambs bringen kunte, machte das Loch wieder zu, holete seine Frau, 
und nachdem er das erstere ausgeleeret, giengen sie miteinander hinaus und trugen vollends 
herein, was noch drausseu war. 

Der Erzähler fügt hinzu, daß jedermann in der Gegend diese Historie für 
wahr halte und daß die Kiefer, worunter der Schatz gelegen haben soll, sehr hoch 
und auf fünf Meilen Wegs zu sehen sei. 

Eine niederländische Sage, die der Leeuwardener Philolog Jan Fongers^) 1607 



1) J. Fungerus, Etymologicon trilingue latinum, graecum et hebr. (Lugd. lüOT) 
p. 1110 s. V. Somnus = Journal of philology 6, 191 (1S76). — Auf Fongers gehen direkt 
oder indirekt zurück: S. Goulart, Thresor des histoires admirables et memorables de 
uostre temps o, oGG (Col. 1614); M. Zeiller, Centuria epistolarum miscellanearum 166o 
S. 433 = Epistolische Schatzkammer (Ulm 1G83) S. 805 nr. 656; J. Prätorius, Ausbund von 
Wündschelruthen 16GT S. 372; Q. Kuhlmann, Lehrreicher Geschieht -Herold 1673 S. 183 
bis 188; Schiebel, Historisches Lust-Hauß 1, 186 nr. 50 (1682): Abr. a. S. Clara, Judas 
1, 4 (1G8G); Misander, Deliciae biblicae vet. testam. 1705, S. 470; Centifolium stultorum 2: 
Mala gallina malum ovum (um 1711) S. 343; Männling 1714 S. 214; Vade Mecum für 
lustige Leute 5, 60 nr. 111 (1783). 



Kleine Mitteilungen. 293 

aufgezeichnet hat, berichtet von einem verschwenderischen Jünglinge zu Dordrecht, 
den sein Traum auf die Brücke zu Kampen (Kempen) wies und der von dort zu 
einem Hagebuttenstrauch in Dordrecht zurückgehen musste: 

Rem, quae Contimit patriim memoria, ut veram ita dignam relatu et saepenumero 
mihi assertaia ab hominibus fide dignis apponam. luvenis quidam in HoUandia, Dordraci 
videlicet, rem et Patrimonium omne prodegerat conflatoque aere alieno uon erat solvendo. 
Apparuit illi quidam per somnium monens, ut se conferret Campos: ibi in ponte indicium 
aliquem facturum, quid sibi, ut explicare se posset illis difficultatibus, instituendum foret. 
Abiit eo, cumque totum fere diem tristis et meditabundus deambulationem supra praedictum 
pontem insumpsisset, misertus eius publicus mendicus, qui forte stipem rogans illic sedebat: 
'Quid tu', inquit, 'adeo tristis?' Aperuit illi somuiator tristem et afflictam fortunam suam 
et qua de causa eo se contulisset, quippe somnii impulsu huc se profectum et exspectare 
deum velut a rnachina, qui nodum hunc plus quam Gordium evolvat. At mendicus: 
'Adeone tu demens et excors, ut fretus somno, quo nihil inanius, huc arriperes iter? Si 
huiuscemodi uugis esset habenda fides, possem et ego me conferre Dordracum ad eruendum 
thesauruni sub cynosbato defossum horti cuiusdam (fuerat autem hie hortus patris somnia- 
toris huius) mihi itidem patefactum in somno.' Subticuit alter et rem omnem sibi decla- 
ratam existimans rediit magno cum gaudio Dordracum et sub arbore praedicta magnam 
pecuniae vim invenit, quae ipsum liberavit, ut ita dicani, nexu inque lautiore fortuna, 
dissoluto omni aere alieno, collocavit. 

Nach andern^) wird auf der Lübecker Brücke ein Magdeburger Kaufmanns- 
diener unter die Kirchofslinde zu Apenburg auf der Insel Wollin oder ein Bäcker- 
gesell unter die Linde zu Mölln geschickt. Bei Musäus^) sendet ein erlöster 
Geist den Jüngling auf die Weserbrücke nach Bremen zurück. Und noch mehr 
Orte finden wir in den Sagensammlungen des 19. Jahrhunderts angegeben: die 
Papenbrücke in Amsterdam (Dykstra, Uit F'rieslands volksleven 2, lüG = Revue 
des trad. pop. 15, 294: Schuster in Oosterlittens; Kristensen, Danske sagn 3, 487 
nr. -2452: Mann aus Tönning), die Rheinbrücke in Coblenz (Ph. Wirtgen, Aus 
dem Hochwalde 1867 S. 78: 'Zu Rinzenberg ein armer Mann', Gedicht. Loh- 
meyer, oben S. 286), die Nahebrücke in Bingerbrück (oben S. 289), Mainz 
(Wolfram, Sächsische Volkssagen 1863 S. 18. Oben S. 289), Frank fürt a. M. 
(Henninger, Nassau in seinen Sagen 1845 3, 52: Hans in Hasselbach, Gedicht. 
Bindewald, Oberhess. Sagenbuch 1873 S. 31 und 189. Bayerland 1904, 466: 
Pilsterhof bei Brückenau), Mannheim (oben S. 288), Heidelberg (Baader, Volks- 
sagen aus Baden 1851 nr. 296: Hirt in Mühlbach), Sitten (Jegerlehner, Was die 
Sennen erzählen 1908 S. 86: Rhonebrücke), Thun (Runges hsl. Sagensammlung, 
über die ich im Schweizer. Archiv für Volkskunde 13 berichten werde), Uri 
(Walliser Sagen 1907 2, 12 = 1872 1, 154. 157), Zirl (Zingerle, Sagen aus Tirol 
1850 nr. 446=1891 nr. 624. Alpenburg, Alpensagen 1861 S. 81), Innsbruck 

1) Reinh. Bakius (aus Magdeburg, 1587—1657), Commeutarius in Psalterium Davidis 
1664 3, 395a (zu Ps. 127, 2: 'Historiolaui, quam a parentibus puer audivi.' Von dem 
Schatzfinder rührt das Magdeburger Haus zur Apenborch am Breitenweg nahe der 
Katharinenkirche her). Danach Misander, Deliciae biblicae vet. testam. 1699, ö. 1028. 
Männling 1714 S. 216. — Der ungewissenhafte Apotheker S. 132 (cit. bei Grimm, DS). 
MüUenhoff, Sagen von Schleswig-Holstein 1845 nr. 279. Deecke, Lübische Geschichten 
1852 nr. 8(5. Frahm, Deutsche Sagen 1893 S. 249. 

2) Musäus, Stumme Liebe (Volksmärchen 2, 82 Hempelsche Ausg.). Andrä, Studien 
zu Musäus (Diss. Marburg 1897) S. 18 vermutet Benutzung Abrahams a. S. Clara. Eine 
ganz ähnliche Fassung vernahm W. Wisser von einem alten Arbeiter in Malente bei Eutin. 
F. Weisser, Der Freund auf der Brücke (Romanzen 1823 S. 55 = Dietrich, Braga 9, 
21(;. 1828). 



294 Bolte : 

(Alpenburg S. 314), Bozen (Zingerle ^ nr. 44Ö = ^ j^r. 623 : Feigenbrücke), Stall 
im Mülltal (Alpenburg S. 313. Rappold, Sagen aus Kärnten 1887 nr. 38), 
Villach (Rappold nr. 36. 37), Prag^), Dresden (Zs. f. Spiritismus 13, 177. 1909), 
München (Alpenburg S. -sO), C a s s e 1 (Curtze, Volksüberlief. aus Waldeck 1860 S. 252), 
Hameln (Scharabach-Müller, Niedersächsische Sagen 1855 S. 107 nr. 136), Münden 
(ebd. S. 351), Triptis (Bechstein, Thür. Sagenbuch 1858 2, 102), Gera (Eisel 
nr. 470; auf der Brücke bricht dem Fuhrmann ein Rad), Erfurt (Kruspe, Sagen 
der Stadt Erfurt 2, 49. 1877), Lauterberg (Pröhle, Harzsagen 1851 S. 199), 
Magdeburg (Voges, Sagen aus Braunschweig 1895 S. 320 nr. 287), Berlin 
(Niederhöffer, Mecklenburgs Volkssagen 4, 199 = Bartsch, Sagen aus Mecklen- 
burg 1, 226. 187!». Brunk, Garzigar 1901 S. 17 = Blätter für pommersche Volks- 
kunde 9, 49: auf der grünen Brücke), Hamburg (Bartsch 1, 227. Eine Er- 
zählung aus Fehmarn in W. Wissers hsl. Sammlung), Flensburg (Thiele, 
Danmarks folkesagn 1843 1, 357 = Thorpe, Northern mythology 2, 253: Mann 
aus Tanslet auf Alsen). In Dänemark erzählt man die gleiche Geschichte von 
den Südbrücken zu Veile (Thiele 1, 246. Kristensen, Danske Sagn 3, 484 
nr. 2443. 2447) und Randers (Grundtvig, Gamle danske minder 1854 1, 190 = 
1861 1, 179. Kristensen nr. 2442. 2444. 2445) und von der Heu- oder Knüppel- 
brücke zu Kopenhagen (Kristensen nr. 2441. 2446. 2453), in England und Schott- 
land von der Themsebrücke zu London^), in Irland von der Thomondbrücke zu 
Liraerick (Killinger, Erin 3, 215. 1847), im Wälschtirol vom Rialto zu Venedig 
(Alton, Proverbi delle valli ladine 1881 p. 71), in Sizilien von der 1113 erbauten 
Brücke der Köpfe bei Palermo (Pitre, Fiabe popolari siciliani 1875 4, 11 nr. 203 
'Lu vicerre Tunnina' = Grane, Italian populär tales 1889 p. 239. Liebrecht, Zur 
Volkskunde 1879 S. 93). 

Es kann kein Zweifel walten, dass all diese Sagen trotz einzelner Verschieden- 
heiten auf ein gemeinsames mittelalterliches Original zurückgehen, welches das 

1) Meletaon (= J. L. Rost 1 1T2T), Tugeiidschule o. J. S. 570: Der Wiener Fortu- 
iiatus hört durch einen blinden Bettler auf der Prager Brücke von einem Schatze im 
Fasauengarten zu Schönbrunn. Bei Alpenburg, Alpeusagen S. 314 träumt ein krainischer 
Bauer, bei Hüser, Beiträge zur Volkskunde 2, 20 (Progr. Warburg 1898) ein Mann in 
Busch bei Atteln: 'Zu Prag auf der Brück da wirst du finden dein Glück', bei Treichcl 
(Zs. des histor. V. für Marienwerder 20, 69. 188G = Behrend, Westpreuss. Sagenschatz 
2, 62. 1906) ein Mann zu Stolzenberg bei Danzig. — Cechische Fassungen bei Kulda 

2, 104 nr. 89, Mensik 2, 221 und S. 138 nr. 43, Hrase nr. 5, Bayer 1, 28 nr. 8 (Brunn), 
Svätek S. 117: verdeutscht von V. Tille in Veckenstedts Zs. f. Volkskunde 3, 132— 13(1 
(1891) = Eevue des trad. pop. 6, 399 und von A. Hauffen oben 10, 4;V2— 435. 

2) New help to discourse (1619, 1G9G u. ö.) = The Antiquary 11, 168 (1885). Roger 
Twysden, Reminiscences ed. Hearne p. 299 (1652-53) = Blomeüeld, History of Norfolk 

3, 506 (1769) = 2. ed. 6, 211 (1805). Diary of Abraham de la Pryme 1699 (gedruckt 1870 
p. 220). Tho. Caii Vindiciae antiquitatis academiae Oxoniensis ed. Hearne 1, 84 app. (1730). 
St. James's Chronicle 1786, 28. Nov. Glyde, Norfolk Garland p. 69; vgl. Journal of 
Philology (5, 189 (Cowell), The Antiquary 10, 202. 11, 167 (Axon). 12, 121 (John Castillo, 
Poems in the North Yorksliire dialect 1878). 15, 45 (Hartland). Chambers, Fireside 
stories p. 12 und Populär rhymes of Scotland 1826 p. 239. Jacobs, More english fairy 
tales 1895 p. 91 (nach A. de la Pryme) = Dähnhardt, Schwanke aus aller Welt 1908 nr. 24. — 
Bemerkenswert ist die Anknüpfung der Sage an ein auffälliges Denkmal. Die Holzfigur 
eines wandernden Hausierers mit seinem Hunde in der Kirche zu Swaffham in Norfolk, 
die den Namen des Kirchenvorstehers John Chapman symbolisiert, der 1462 das nördliche 
Seitenschiff erbaute, ward vom Volke gedeutet als ein auf jene wunderbare Weise zu 
Reichtum gelangter 'Pedlar', während man in einem ähnlichen Glasgemälde in der Kirche 
zu Lambeth (Antiquary 10, 202) die Liebe des 'Dog-Smith' zu seinem Hunde erblickte. 



Kleine Mitteilungen. 295 

häufig vorkommende Motiv des im Traume geschauten Schatzes^) auf eigentüm- 
liche Art weiterbildet. Die Verheissung des Traumes geht, wie J. Grimm (Kl. 
Schriften 3, 424) sagt, nicht unmittelbar und geradezu in Erfüllung, sondern erst 
im Umweg und gleichsam Rückschlag auf den Handelnden, der, was sich anfangs 
in die Ferne zu schieben scheint, zuletzt in seiner Nähe eintreffen sieht. Ich 
möchte ferner auf die in der ältesten Fassung des Karlmeinet beobachtete 
poetische Gerechtigkeit hinweisen: zwei träumen von demselben Schatze, aber 
nicht dem dünkelhaften Reichen wird er zu teil, der keinen Fuss darum rühren 
mag und den Andersdenkenden als einen Narren misshandelt, sondern dem Be- 
dürftigen, welcher einfältig gläubig der Geistermahnung gehorcht. In späteren 
Fassungen, wo dieser Charakterunterschied verwischt ist, wird bisweilen der zweite 
Schatzträumer vom Helden aufgefordert, gemeinsam mit ihm die Hebung des Geld- 
kessels vorzunehmen; so in der Erfurter, einer dänischen (Kristensen 3, 487 
nr. 2453) und einer cechischen Erzählung (oben 10, 433). In dänischen und 
englischen Varianten erweist der glückliche Schatzfinder nachträglich seine Würdig- 
keit, indem er eine Kiiche ausbaut oder neu erbaut^); sein reicher Bruder, der 
diesen Vorsatz für windige Prahlerei hält, verspricht den Turm zu bauen oder 
die Glocken zu schenken und erhängt sich nachher aus Ärger (Thiele 1, 246. 
Kristensen 3, 484 nr. 2442. 2447). Eine eigentümliche Häufung der Glücksfälle 
erscheint in mehreren englischen Berichten; auf dem Deckel der Schatzkiste steht 
eine lateinische Inschrift, welche auf einen zweiten darunter vergrabenen Vorrat 
von Kostbarkeiten hindeutet und auf englisch lautet: 'Under me doth lie \ Another 
much richer than I' oder 'Where this stood, | Is another as good' oder 'Look 
under, and you will find better' (Antiquary 10, 205. 11, ]6rS). Ebenso erblickt in 
einer cechischen Sage (Tille, ZfVk. 3, 135) ein polnischer Kaufmann in der Stube 
des Schatzfinders den Schieferstein, mit dem das Geld zugedeckt gewesen war, und 
liest ihm die darauf eingeritzten Worte vor: 'Je tiefer du graben wirst, um so 
mehr wirst du finden'. Da derselbe Zug auch in Friesland (Dykstra 2, 106), 
Dänemark (Kristensen, Danske Sagn 3, 487 nr. 2452), Mecklenburg (Bartsch I, 227) 
und Pommern (Bl. f. pomm. Volkskunde *••, 50: "Hier sind wi unse Breider twei, 
aber im Garde undre grote Fliederbom sind unse Breider drei') überliefert ist, 
lässt sich hier einmal der Weg der Tradition mutmassen. Statt des Schatzes w^ird 
dem Träumer in einer mecklenburgischen Variante (Bartsch 1, 226) die verlorene 
Besitzurkunde, in einer rheinländischen (oben S. 289) die Kreuznacher Solquelle 
zu teil. Der Einfluss eines andern Sagenkreises tritt in hessischen, voigtländischen 
und Harzer Sagen (Bindewald S. 189. Eisel nr. 472— 473. Pröhle S. 199) zu tage; 
infolge voreiliger Reden versinkt der Schatz, wird zu Kot oder gerät in eines 
andern Hände. In andern Fällen ist der Eingang verstümmelt; der Traum ist 
weggefallen bei Rappold nr. 37, Frahm S. 24! • und Bindewald S. 31, an seine 



1) Vgl. z. B. Wolf, Hessische Sagen 1853 nr. 47. Eisel, Sagenbuch des Voigtlandes 
nr. 47u. 472. Kristensen, Danske Sagn 3, 481. 48(3. J. Frey, Gartengesellschaft 189() 
S. 243. 

2) In der irischen Sage erbaut Randal Maccarthy das Schloss ßallinacarrig und zwei 
kleinere Schlösser mit seinem neuerworbenen Reichtame; in der oben S. 28G angeführten 
deutschen Fassung zeugen noch drei stattliche Häuser zu Rinzenberg, in der Magdeburger 
(oben S. 293) ein Haus am Breitenweg von dem Helden. — Dass ein Schatzgräber einen 
Kii-chenbau gelobt, kommt bei Crusius, Annales Suevici 1, 307 (1595) = J. Prätorius, 
Wündschelruthe 1667 S. 9 vor (Kesselburg, Wardhausen). Modern rationalistisch klingt 
eine Walliser Sage (1907 1, 106), in der ein Schatzgräber auf der Brücke zu Brig die 
Weisung erhält, heimzugehen und sparsam und tleissig zu werden. 



296 Bolte: 

Stelle tritt bei Firmenich, Gerinaniens Völkerstimmen 1, 355 = Kuhn, Westfälische 
Sagen 1, 163 die Belauschung eines Gespräches auf der Brücke; ähnlich Zingerle- 
nr. 622 und Alton, Proverbi delle valli ladine 18S1 p. 71. Gemeinsam ist allen 
angeführten Sagen, mit Ausnahme einer entstellten thüringischen und zweier 
dänischen (Bechstein 2, 102. Thiele 1, 357. Kristensen 3, 483), die Brücke als 
Schauplatz der Begegnung beider Schatzträumer. Wir brauchen uns kaum daran 
zu erinnern, dass die Brücke in Balladen, Liebesliedern, Kinderspielen^) eine nicht 
unbedeutende Stelle einnimmt, dass auf Brücken Verkaufsbuden aufgeschlagen 
waren wie noch in Venedig, Florenz, Kreuznach und ehedem auf dem Berliner 
Mühlendamm 2), und dass sogar Gerichtssitzungen und Tänze ^) dort gehalten wurden, 
sondern es genügt uns, dass eine Brücke als Ort des regsten Menschenverkehrs*) 
für jene Begegnung besonders geeignet war, und dass sich unsere Sage natürlich 
am häufigsten an eine alte und berühmte Brücke wie die zu Regensburg oder 
Prag anschloss. 

Gerade dieser Zug fehlt nun in einer orientalischen Fassung unserer Sage, 
deren Ursprung ebenfalls weit zurückliegt. In der grossen arabischen Märchen- 
saramlung der 1001 Nachf^) hört ein Mann zu Bagdad, der sich über den Verlust 
seines Reichtums härmt, nachts eine Stimme: 'Such dein Glück in Kairo!' Er 
wandert hin, legt sich abends in einer Moschee schlafen und wird, als man nahebei 
einen Einbruch entdeckt, als Dieb geprügelt und ins Gefängnis geworfen. Beim 
Verhöre, das nach drei Tagen stattfindet, verlacht ihnderWäli: 'Auch ich träumte 
dreimal, in Bagdad sei im Garten eines Hauses neben dem Springbrunnen eine 
Geldsumme vergraben, aber ich hütete mich hinzugehen'. Da merkt der Mann, 
dass sein eignes Haus gemeint sei, kehrt heim und findet den Schatz. — Wir 
wissen, dass die Geschichten der lüül Nacht verschiedenen Alters sind, weil die 
arabische Sammlung auf Grund der wohl im 10. Jahrhundert übertragenen persischen 
'Tausend Abenteuer' (Hezär afsane) ganz allmählich entstand; doch lässt sich 
das hohe Alter unserer Geschichte daraus erweisen, dass sie bereits der lt95 
verstorbene Araber Tanühi'^) und der persische Dichter Dschaläl-uddin 



1) Erk-Böhme, Liederhort nr. 1 'Wassermanns Weib', 43 c 'Schäfer und Edelmann', 
(15 d 'die gefangenen Keiter', 134 'Mädchen und Landsknecht', 213 u. 1798 'Zu Frankfurt 
an der Brücke', 550 'Zu Coblenz auf der Brücken'. Böhme, Kinderlied S. 522. Feilberg, 
Bro-brille-legen 1905. Grundtvig, Danmarks gamle folkeviser nr. 38 'Agnete og have- 
manden' und 147. Bebel, Proverbia germanica 1879 nr. 43: 'Pons polonicns'. Leroux, 
Dictionnaire comique 1718: 'La foire est sur le pont'. Zeiller, Schatzkammer 1683 S. 57: 
'A los ojos tiene la muerte, quien a cavallo passa la puente.' Die Brücke von Mautribles 
im Fierabras-Roman ward auch von Calderou (La pueßte de Mantible) verherrlicht. 

2) Hierfür zeugen wohl auch Strassennamen wie Goldsclimiedebrücke (Magdeburg), 
Fischerbrücke (Berlin, Hamburg), Kipperbrücke (Hamburg), Metzgerbruck (Colmar). 

3) Grimm, Rechtsaltertümer* 2, 419 f. Liebrecht, Zur Volkskimde 1879 S. 435 f. 
Doncieux, Romancero fram^ais p. 73: 'Le roi Loys est sur son pont' und 399: 'Au pont 
de Nantes', 'Sur le pont d'Avignon'. Ulrich von Liclitenstein 173, i7 ed. Lachmann (Turnier 
zu Treviso). A. d'Ancona, Origini del teatro italiano 1891 1, 94 (Schauspiel in Florenz 
1304). Reiches Material bei Sebillot, Les travaux publics et les mines dans les traditions 
et les superstitioDS de tous les pays 1894 p. 85— 2(12: Les ponts. 

4) Ein altes Pariser Sprichwort sagt: Sur le Pont-Neuf on voit toujours un cheval blanc, 
un pretre, un soldat et une fille (Gaidoz- Sebillot, Blason populaire de la France 1884 p. 45). 

5) Tausend und eine Nacht übersetzt von Henning 7, 152 (189(;); vgl. Chauviu, 
Bibliographie anibe 6, 94 nr. 258. Burtou (The book of the 1001 nights 1885 10, 151 = 
1894 8, 136) behauptet ohne Angabe von Gründen, die Geschichte sei historisch. 

6) Im Kitab al farag, wie Chauvin, Revue des trad. pop. 13, 195 nach dem vor 1434 
abgefassten Tamarät al awräq 2, 162 (1890) mitteilt. 



Kleine Äütteilungen. 297 

Rümi') (t 1-273) übereinstimmend berichten; nur erwähnt jener statt des Spring- 
brunnens einen Baum, während dieser den Ort im Hause nicht genauer beschreibt. 

Vergleichen wir diese Version des 10. Jahrhunderts mit dem Eingange des 
französisch-niederländischen Mainet, so müssen wir in dem letzteren die geschickte 
Ummodelung eines arabischen Vorbildes erkennen, das in der Zeit der Kreuzzüge 
nach Westeuropa gelangte. Die Handlung ist auf einen Tag zusammengedrängt und 
wirkungsvoller inszeniert: der Held wird nicht als Dieb geprügelt und mehrere 
Tage eingekerkert, sondern erhält den ßackenstreich wegen seines leichtgläubigen 
Vertrauens auf den Traum und erfährt unmittelbar darauf den Ort, wo der Schatz 
liegt: auf beides ist aber der Hörer vorbereitet durch die Verkündigung des Zwerges 
von Lieb und Leid. Wenn ferner der eine Ort der Handlung, die Brücke zu 
Paris, sehr passend gewählt ist, verrät der andre, Hoderichs Heimat Balduch, 
noch deutlich die orientalische Abstammung der Erzählung; denn Balduch, worin 
J. Grimm das französische Bailly wiedererkennen wollte, ist nach Chauvins ein- 
leuchtender Auffassung (Revue l'ö, 19.'^; vgl. Romania 28, 156) ursprünglich nichts 
andres als Baldach oder Bagdad. Wer trotzdem noch an der arabischen Herkunft 
unserer Sage zweifeln sollte, der möge sich die Schwierigkeiten vergegenwärtigen, 
denen die Annahme ihrer Wanderung in entgegengesetzter Richtung begegnen 
würde. 

Noch andre Ausgestaltungen hat dasselbe Motiv im Orient erlebt, die sich 
indes von den europäischen Fassungen weiter entfernen. In einer jüdischen 
Sage-), in der wir vielleicht eine Vorstufe der arabischen Erzählung zu erblicken 
baben, erscheint an Stelle des zweiten Schatzträumers ein weiser Rabbi, der den 
Traum richtig auslegt. Als dem um 150 n. Chr. lebenden Rabbi Josua bar 
Chalafta jemand erzählt, er habe im,Traum den Befehl erhalten nach Kappadokien 
zu gehn, um den Nachlass seines Vaters zu übernehmen, fragt jener: 'War dein 
Vater je in Kappadokien?' — Nein. — 'So geh und suche unter dem zwanzigsten 
Balken deines Hauses!' Hier ist also das Wort Kappadokien aus dem Griechischen 
gedeutet: Kappa = Zahlzeichen für 20,' dokos = Balken. — In einer späteren 
Erzählung der 1001 Nacht^) ist das Motiv zu einer dreimaligen Traumerscheinung 
desselben Greises abgeblasst, der den Prinzen Sein-el-Asnäm von Basra nach 
Kairo und dann wieder heimsendet, um ihm dann den Schatz im Palast zu offenbaren, 



1) Im Mathnavl G, 87: s. Hammer, Sitzungsber. der Wiener Akademie 7, 829 und 
€o\vell, Journal of philology (>, 193. — Ferner wiederholen Muwaffaqaddin b. 'Otmän 
(Mursid az züwär ilä qubüv al abrär, um 1070. The 1()01 nights transl. by E. W. Lane 
IStJö 2, 4(51: ein ägj-ptischer Heiliger wandert nach Bagdad und zurück nach El-Fustat-Ed) 
und Ish'aqi (Let'aif Akbar el aüal, geschr. 1G24. Basset, Revue 14, 111) die Erzählung. 
Auch Gueulette, Les sultanes de Guzarate ou les songes des hommes eveilles, contes 
mogols (17;>2, soiree 4. 14. 15 = Cabinet les fees 22, .368. 454-459. Geneve 1786) ahmt 
sie nach. 

2) Midrasch Bereschit Rabba 68, 12 (ültertr. von A. Wünsche 1881 ö. ;jo2) und Midrasch 
Echa Rabbati 1, 1 (übertr. von Wünsche 1881 S. .i5). Vgl. den Talmud, Maaser scheni 4 
lol. 55b ^Talmud traduit par M. Schwab :>, 244. 1879) und Berachoth fol. 56b (Talmud 
ubers. von Wünsche 1, 78. 1886 = Schwab 1, 461), wo Kappadokien von R. Ismael in 
XBp (Balken) und ds-^a (zehn) zerlegt wird. S. Krauss, Griechische Lehnwörter im 
Talmud 2, 559 (1899). Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde 2, 75 (1898) und 10, 74 
(1908). — Auch in einer färöischen Sage (oben 2, 154) deutet eine weise Frau einen 
seltsamen Schatztraum (Rücken zwischen zwei Seen - Nase zwischen den Augen). 

o) ("hersetzt vcm Henning 20, 114; vgl. Chauvin, Bibliographie arabe 7, 165 nr. 442. 
Ein darauf zurückgehendes deutsches Märchen fei Prölile, KVM. 185;:) nr. 12 verkürzt die 
Einleitung. 

Zeitschr. rt. Vereins f. Volkskunde 1909. OQ 



298 Bolte, Aarne: 

nachdem er seinen Gehorsam auf die Probe gestellt hat. Im türkischen Roman 
von den vierzig Vozieren^) wird Numän auf gleiche Art von Kairo nach Damaskus 
und wieder zurück geschickt. — Dass ein doppelter Traum zwei einander 
bisher Fremde zusammenführt, kommt auch in andern Erzählungen vor, die nichts 
mit einer Schatzhebung zu tun haben. So träumen in der Apostelgeschichte 9, 10 f. 
Kl, 3. 30 Paulus und Ananias, Petrus und Cornelius von einander; Ähnliches be- 
gegnet in Heiligenlegenden, in orientalischen Liebesromanen (R. Köhler, Kl. 
Schriften 1, 197. Chauvin, Bibl. arabe 5, IS'i. 2(1."). 6, 104), auch in einer arabischen 
Erzählung des 869 zu ßasra verstorbenen Gähiz (Beautes et antitheses 88 — 90), 
mit der mich die Freundlichkeit von Herrn Prof. V. Chauvin in Lüttich bekannt 
machte-). 

Es hat sich somit von neuem ergeben, dass neben der schriftlichen Fort- 
pflanzung der Erzählungsstoffe deren mündliche Ausbreitung und Lokalisierung 
bis auf den heutigen Tag fortdauert. Wir gewahren ferner, dass sich unter unsern 
deutschen Ortssagen eine orientalische Novelle befindet, der man ihre Herkunft 
nicht mehr ansieht und die offenbar mit den Heldendichtungen, die sich an die 
gefeierte Person Karls des Grossen anschlössen, aus Frankreich eingewandert ist. 
In Frankreich ist sie seither aus dem Gedächtnis des Volkes entschwunden, 
dagegen hat sie in den Niederlanden, in Deutschland, England, Dänemark wie bei 
den Cechen Wurzel geschlagen und lebt auch noch in Sizilien fort. 

Berlin. Johannes Bolte. 



Zum Märchen von der Tiersprache. 

Unter den Märchen, die Th. Benfey als Material für eine eingehendere 
Untersuchung auswählte, befindet sich auch das Märchen von der Tiersprache. 
Ein Mann lernt die Sprache aller Tiere verstehen, ist aber dem Tode verfallen, 
wenn er jemandem etwas von seiner Kunst verrät. Die Frau des Mannes erkennt 
einmal an dessen geheimnisvollem Lächeln, dass etwas in ihm vorgeht, worüber 
er nicht mit ihr sprechen will, und verlangt selbst auf die Gefahr, dass ihr Mann 
sein Leben lassen muss, in das Geheimnis eingeweiht zu werden. Der Mann 
will dem unablässigen Drängen seiner Frau schon nachgeben, als er aus der 
Unterhaltung zweier Tiere neuen Mut schöpft und sich entschieden weigert, die 
Neugier der Frau zu befriedigen. In der diesem Märchen gewidmeten Unter- 
suchung (Orient und Occident 2, 133. l.SiU = Kleinere Schriften 3, 234) gibt 
Benfey mehrere ältere literarische Fassungen wieder, von neueren Aufzeichnungen 
aus dem Volksmund kennt er aber nur zwei: eine serbische und eine afrikanische. 
Das Sammeln von Volkspoesie steckte damals noch so sehr in den Anfängen, 



1) Übersetzt von Behrnauer 1S51 S. 270; vgl. Chauvin, Bibl. arabe 8, 151 nr. 152. 

2) Der YarbiVit Nogaih (Maidäni, Proverbes 1, 480: Logaia) verirrt sich auf der 
Jagd imd trifft einen zerlumpten blinden Schwarzen, vor dem ein Haufe Gold liegt. Wie 
er danach greift, vermag er seine Hand nicht zu rühren; aber der Blinde verheisst ihm 
alles, wenn er ihm Sa'd, Hasrams Sohn, bringe. Nogaih macht sich auf und erhält im 
Traume Nachricht über den Stamm des Gesuchten. Auch Sad hat von Nogaih geträumt; 
beide treffen sich und wandern zu dem Blinden. Sie finden aber nur das Gold, geraten 
darüber in Streit, und Nogaih erschlägt den Sad. Da stürzt der Blinde, in einen Gül 
verwandelt, auf die Leiche und verzehrt sie. Entsetzt flieht Nogaih, das Gold im Stich 
lassend. 



Kleine Mitteilungen. '299 

dass sich der Forscher mit wenigen vereinzelten rein volkstümlichen Proben be- 
gnügen rausste. Die Zahl der Varianten ist seitdem natürlich stark gewachsen. 
Es ist jedoch nicht meine Absicht, das Märchen hier genauer zu untersuchen, 
dazu fehlt mir allein schon die erforderliche Literatur^). Ich möchte vielmehr 
diesmal den Märchenforscher mit einigen Fassungen bekannt machen, die wegen 
der Fremdheit der Sprache schwerer zugänglich sind. Der grösste Teil von ihnen 
existiert nur handschriftlich. 

Wir wenden uns zuerst den finnischen Varianten des Märchens zu. In 
Finnland scheint es nicht sehr häufig zu sein. Obwohl ich sämtliche Hand- 
schriftensammlungen der Pinnischen Literaturgesellschaft durchgesehen habe, in 
denen von ein und demselben Märchen oftmals 50 — 60 Fassungen, mitunter sogar 
noch mehr, vorliegen, habe ich von diesem Märchen nur 11 Varianten angetroffen. 
Wir beginnen mit einer ostfinnischen, im Kirchspiele Jaakkima (Län Wiborg) 
aufgezeichneten Variante'^), die auch gedruckt unter dem Titel 'Die sprechenden 
Tannen' in der Sammlung 'Suomen kansan satuja' (Finnische Volksmärchen) Bd. 2, 
Nr. 5 erschienen ist. Der Held des Märchens ist hier ein Jäger, der mit seinen 
beiden Hunden in den Wald auf die Jagd geht. Als er unter einer grossen Tanne 
ein Feuer angemacht hat, bemerkt er in dem Baume eine Schlange. Sie ver- 
spricht dem Mann alle Sprachen der Welt mitzuteilen, wenn er sie aus dem Feuer 
rette. Nach ihrem Rate fällt er einen anderen Baum und stellt denselben an die 
Tanne, und daran kriecht die Schlange herunter. Der Mann lernt die Sprachen, 
darf aber niemandem etwas von seinem Können sagen. Während er ruht, hört er seine 
Hunde und die